Quelle: Archiv MG - WESTEN IMPERIALISMUS ALLGEMEIN - Von der Befriedung der Welt


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       Karl Held / Theo Ebel
       
       KRIEG UND FRIEDEN
       =================
       POITISCHE ÖKONOMIE DES WELTFRIEDENS
       ===================================
       
       es 1149
       edition suhrkamp
       Neue Folge Band 149
       
       Warum entdeckt  weder der  gesunde noch der gelehrte Menschenver-
       stand am  Ost-West-Gegensatz, an der "Kriegsgefahr" (die alle Po-
       litiker hüben  wie drüben  bannen machten, so daß man sich fragt,
       wer sie  eigentlich heraufbeschwört!),  am Gegensatz  von arm und
       reich im  Weltmaßstab, an Gastarbeitern und Ölstaaten, an der New
       Yorker Börse  und an der Welthungerhilfe jenes Geschäft, das ein-
       mal  bürgerliche  wie  sozialistische  Theoretiker  Imperialismus
       nannten? Um  die Beantwortung  solcher Fragen, um die Analyse und
       Zurückweisung also gewisser ideologischer Gewohnheiten einer auf-
       geklärten Öffentlichkeit in Sachen Weltpolitik geht es in Kapitel
       I dieses  Buches -  und damit  um alles  andere als bloße Ideolo-
       giekritik. Es  sind also  keine differenziert  konstruierten Pro-
       bleme, deren Lösungsmöglichkeiten angesichts unerbittlicher Sach-
       zwänge das vorliegende Buch ausloten will, schon gar nicht solche
       der "Konfliktvermeidung". Es sind vielmehr ziemlich allgemein be-
       kannte Tatsachen,  deren Erklärung  die verschiedenen Kapitel ge-
       widmet sind:  Wie  a b h ä n g i g  die bundesdeutsche Wirtschaft
       von weltwirtschaftlichen  Bedingungen ist - vom Export, aber auch
       vom Import,  von der  Stärke ihrer  Mark, die  aber auch nicht zu
       stark sein  darf, von  amerikanischen Zinssätzen  und japanischer
       Konkurrenz; wie  sich mit kleinen grünen Schuldzetteln ein ganzes
       gesellschaftliches Produktionsverhältnis in alle Welt exportieren
       läßt, vorausgesetzt,  alle "Machtfragen"  sind klar und eindeutig
       beantwortet, von  denen der "friedliche Austausch zum wechselsei-
       tigen Vorteil"  in der  modernen Welt noch allemal seinen Ausgang
       nimmt und die er folgerichtig auch immer wieder auf die Tagesord-
       nung setzt, und wie die Armut ganzer Nationen beschaffen ist, die
       der weltweite Einsatz des überschüssigen Reichtums der Geschäfts-
       welt einiger weniger Nationen in all seiner Wucht erzeugt.
       Karl Held, geb. 1944, und Theo Ebel, geb. 1942, leben in München.
       
       Suhrkamp
       edition suhrkamp 1149
       Neue Folge Band 149
       Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1983
       Erstausgabe.
       Alle Rechte vorbehalten,
       insbesondere das der Übersetzung,
       des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
       durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile
       Satz: Janß, Pfungstadt
       Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
       Umschlagentwurf: Willy Fleckhaus
       Printed in Germany
       2 3 4 5 6 - 88 87 86 85 84 83
       
       Inhalt
       ------
       
       Einleitung
       
       I Von den  Leistungen des weltpolitischen Sachverstandes und sei-
       nen Grundlagen
       1. "Unsere Interessen"
       2. "Wir"
       3. Moderner Nationalismus
       4. Vom Imperialismus der Bundesrepublik
       5. Die theoretische Überwindung des Imperialismus
       6. Lenins  Imperialismusschrift:  Ein  aktueller,  aber  falscher
       Klassiker
       
       II Der Frieden einer Weltwirtschaftsordnung
       1. Der "freie Westen"
       2. "Handel und Wandel" weltweit
       3. Die Welt als Kapitalmarkt
       4. Das "europäische Einigungswerk" 115
       5. Die "Entwicklungsländer":  Geschöpfe und  Partner des Imperia-
       lismus 130
       
       III Die Weltmächte und ihre unverbrüchliche Feindschaft
       1. Die NATO:  Friedensgarantie durch die Vorbereitung des Dritten
       Weltkriegs
       2. Die Sowjetunion:  "Archipel Gulag", "Sozialimperialismus" oder
       "Weltfriedensmacht"?
       3. Die "Entspannungsära": Von Vietnam zu Afghanistan
       4. Der Osthandel: Zersetzende Geschäfte mit dem Feind
       5. Polen: Eine  Fallstudie über  die Segnungen  von Osthandel und
       "Entspannung"
       6. Zwei Kriege des Sommers 1982
       
       IV Die BRD: Entwicklungen eines Frontstaats
       
       Einleitung
       ----------
       
       1. Warum leuchtet  es eigentlich sämtlichen meinungsbildenden In-
       stanzen in  unseren Breiten  ein, daß die USA in Angelegenheiten,
       die sich in den Staaten dieser Welt und zwischen ihnen so abspie-
       len,   "V e r a n t w o r t u n g"   tragen? Warum geht jedermann
       einfach davon  aus, daß  jede weltpolitische  Entwicklung die USA
       etwas  a n g e h t?
       Was läßt  eigentlich die    d e u t s c h e    Z u s t ä n d i g-
       k e i t   - für  die "Sicherung des Friedens", für die politische
       Herrschaftsform in  entlegenen Erdenwinkeln,  für Konflikte  zwi-
       schen kommunistischen Parteien verschiedener Ostblockstaaten usw.
       - so  s e l b s t v e r s t ä n d l i c h  erscheinen?
       Mit welchem  "Recht" beschließen  politische  Repräsentanten  der
       Bundesrepublik zusammen  mit befreundeten Regierungen über bevor-
       zugte und  zu  verhindernde  Regelungen  einer  "Weltwirtschafts-
       ordnung"?
       Unter welchen  Gesichtspunkten wird aus der selbstbewußten Betei-
       ligung der  Bundesrepublik an  der   K o n k u r r e n z    d e r
       W a f f e n   eine Verteidigung der Freiheit, welche sich als un-
       ausweichliche "Reaktion" auf einen Arbeiteraufstand in Polen auf-
       drängt?
       Warum entdeckt  weder der  gesunde noch der gelehrte Menschenver-
       stand am  Ost-West-Gegensatz, an der "Kriegsgefahr" (die alle Po-
       litiker hüben  wie drüben   b a n n e n  möchten, so daß man sich
       fragt, wer sie eigentlich heraufbeschwört!), am Gegensatz von arm
       und reich  im Weltmaßstab, an Gastarbeitern und Ölstaaten, an der
       New Yorker  Börse und  an der Welthungerhilfe jenes Geschäft, das
       einmal bürgerliche wie sozialistische Theoretiker  I m p e r i a-
       l i s m u s  nannten?
       Um die Beantwortung solcher Fragen, um die Analyse und Zurückwei-
       sung also  gewisser ideologischer Gewohnheiten einer aufgeklärten
       Öffentlichkeit in Sachen Weltpolitik, geht es in Kapitel I dieses
       Buches - und damit um alles andere als bloße Ideologiekritik. Als
       praktisch gültig gemachte, in die Tat umgesetzte Weltanschauungen
       sind die  ideologischen Botschaften,  mit denen  die Akteure  des
       weltpolitischen Geschehens  ihre Entscheidungen  bekanntgeben und
       kommentieren lassen, nicht einfach nur Unwahrheiten, an denen ein
       maßgebliches Interesse besteht. Sie sind nach der einen Seite hin
       die Methode,  nach der  die wirklichen  Subjekte der  Weltpolitik
       sich ihre  Vorhaben als  Aufgaben definieren  und entsprechend zu
       Werk gehen.  Nach der  anderen Seite  hin stellen sie die Methode
       dar, nach  der jene  maßgeblich engagierten Statisten, ohne deren
       gehorsamen Einsatz  die Macher  des Weltgeschehens aufgeschmissen
       wären, die nützlichen Staatsbürger der tonangebenden Demokratien,
       mitmachen, was  immer ihre frei gewählten Regenten von ihnen ver-
       langen. So sind die Ideologien der Weltpolitik untrügliches Indiz
       und Gebrauchsanweisung  der selbstherrlichen  Freiheit derer, die
       für diese  Welt so gern "die Verantwortung tragen". Wer daher die
       Selbstdarstellung der  internationalen Politik begreift, der ver-
       fügt zugleich  über eine  Diagnose der  bedeutenden  Fortschritte
       eben dieser  Freiheit seit  den Tagen,  die heute im historischen
       Rückblick "Imperialismus" heißen, ausgerechnet weil die weltweite
       Zuständigkeit eines  knappen Dutzend  demokratischer  Regierungen
       damals noch  keineswegs eine  ausgemachte Sache war: dafür gab es
       noch eine Arbeiterbewegung, der und deren Theoretikern die außen-
       politischen Manöver   i h r e r   Nation genauso verdächtig waren
       wie die der anderen.
       Sein Material entnimmt das Kapitel I der modernen bundesdeutschen
       Ideologie, wie  sie von den angesehenen Politikern der Nation als
       die maßgebliche  Interpretation ihrer  Taten verkündet, von einer
       kritischen  Öffentlichkeit   verantwortungsbewußt  variiert   und
       "vertieft" wird.  Zu "entlarven" gibt es hier nämlich genauso we-
       nig wie "Hintergründe aufzudecken". Nicht, was sich an nationali-
       stischer Geheimbündelei, verdeckten Querverbindungen zwischen ge-
       wissen politischen Lagern, Geheimdiensteinflüssen usw. um das Ge-
       schäft und die selbstbewußten Methoden demokratischer Weltpolitik
       herumrankt, gibt  die nötigen  Aufschlüsse über  deren Zwecke und
       Prinzipien, sondern das, was täglich in Zeitungen und Nachrichten
       als unskandalöser  Normalfall des  Weltgeschehens  bekanntgemacht
       wird. Tatsächlich  wird ja  auch von den paar Skandalen, in deren
       Aufdeckung findige Journalisten ihren Ehrgeiz und Memoirenschrei-
       ber ihren  Stolz als  "Aufklärer" setzen,  kein  Mensch  wirklich
       überrascht, weil  sowieso ein  jeder in  dieser Sphäre  mit allem
       rechnet und sich an nichts stört. Nicht an Informationen über das
       Weltgeschehen fehlt  es dem  betroffenen Staatsbürger von heute -
       das Nötige bekommt sogar der berüchtigte Bild-Zeitungsleser alle-
       mal mit-,  sondern an der Bereitschaft, daraus andere als die öf-
       fentlich beliebten Schlußfolgerungen zu ziehen.
       Abwechslung oder gar Abhilfe bietet hier auch die akademische Be-
       fassung mit  den "Phänomenen"  der Weltpolitik nicht. Beliebt und
       üblich sind  hier auf  der einen Seite die  S c h i l d e r u n g
       von Wohlfahrt  und  Elend  auf  der  Welt,  die    D o k u m e n-
       t a t i o n   von wirtschaftlichen  Wachstumsraten und  terms  of
       trade, die Anfertigung von Statistiken über den weltweiten Hunger
       und seine  Zu- oder  Abnahme, die  Sammlung von    M a t e r i a-
       l i e n   über den  globalen Waffenhandel  usw. -  gerade so, als
       fehlte immerzu  und gerade  noch eine letzte, noch exaktere, noch
       besser belegte   I n f o r m a t i o n  für ein sachgerechtes Ur-
       teil über  den Lauf  der Welt.  Dieser falschen Ehrfurcht vor den
       "Fakten", deren  Vielfalt und  Veränderlichkeit kein  politischer
       Wissenschaftler heute  noch mit  einer Erklärung  zu nahe  treten
       möchte,  entspricht   auf  der  anderen  Seite  die  Ausarbeitung
       wissenschaftstheoretischer Bedenklichkeiten,  des keiner weiteren
       Begründung bedürftigen  abstrakten Zweifels  an  der  Möglichkeit
       stichhaltiger Erklärungen  der Weltlage,  zu "hochdifferenzierten
       Forschungsansätzen", die nur mehr einem Bedürfnis Genüge tun: dem
       nach der  Demonstration eines  unschlagbaren   P r o b l e m b e-
       w u ß t s e i n s.   Inwiefern diese  theoretische  Stellung  zur
       Weltpolitik allein dazu angetan ist, deren harte Banalitäten nach
       den Kriterien  eines modernen  wissenschaftlichen  Geschmacks  in
       lauter überaus komplizierte, theoretisch kaum und praktisch schon
       gleich gar  nicht zu bewältigende "Sachzwänge" umzudichten, zeigt
       der Abschnitt  s des Kapitels I mit der exemplarischen Klarlegung
       gewisser  in  dieser  Sphäre  gepflogener  Denkweisen.  Der  dort
       begründete Vorwurf  einer die wissenschaftlichen Methoden bestim-
       menden Parteilichkeit  für die  Verhältnisse, die  da einer wohl-
       wollenden Umdeutung in lauter  P r o b l e m e  unterzogen werden
       - so  als wäre alles Unerfreuliche auf dieser Welt ein Beweis für
       lauter gute  Absichten, denen  es leider  im Wege  steht  -,  ist
       durchaus als  Absichtserklärung zu  verstehen: Die Autoren dieses
       Buches haben  nicht vor  ausgerechnet an den harten Praktiken der
       Weltpolitik  für   einen  besonderen,  originellen  Gesichtspunkt
       Komplimente  für  die  Erfüllung  solch  lieblicher  methodischer
       Kriterien wie  "Differenziertheit", "Seriosität", "Kenntnisreich-
       tum", "Durchblick" "fortgeschrittenes Methodenbewußtsein", "Prob-
       lemsicht" usw. einzufangen.
       Der das  Kapitel I abschließende Exkurs zu dem Klassiker der mar-
       xistischen Imperialismustheorie,  zu Lenins berühmter, kaum gele-
       sener Schrift, rechnet dieser daher auch nicht die Verfehlung ge-
       wisser wissenschaftstheoretischer  Vorschriften vor, sondern kri-
       tisiert die falschen Argumente, mit denen dieser revisionistische
       Revolutionär gegen  die Friedensbewegung  innerhalb der damaligen
       Sozialistischen Internationale  zu Felde  gezogen ist. Damit wird
       zugleich umgekehrt  klargestellt, inwiefern  der  Idealismus  des
       Friedens das  letzte und  härteste Argument  gegen jede Erklärung
       des Imperialismus  hergibt, also  auch, warum  die wieder aktuell
       gewordene "Friedenssehnsucht"  so gründlich  staatsbürgerlich-un-
       tertänig ist.
       2. Es sind  also keine  differenziert konstruierten  P r o b l e-
       m e,   deren  L ö s u n g s m ö g l i c h k e i t e n  angesichts
       unerbittlicher Sachzwänge  das vorliegende  Buch  ausloten  will,
       schon gar  nicht solche  der "Konfliktvermeidung", jenes ganz und
       gar  fiktiven  Zwecks,  an  den  Politiker  ihre  Untertanen  und
       Politologen ihre  Leser und  Hörer so  gern als  Grundprinzip von
       Weltpolitik glauben  machen möchten.  Es sind  ziemlich allgemein
       bekannte, jedenfalls  zur Genüge bekanntgemachte Tatsachen, deren
       E r k l ä r u n g  die Kapitel II, III und IV sich widmen.
       Wie   a b h ä n g i g  die bundesdeutsche Wirtschaft sei von lau-
       ter weltwirtschaftlichen  Bedingungen- vom  Export, aber auch vom
       Import, von  der Stärke  ihrer Mark, die aber auch nicht zu stark
       sein darf,  von amerikanischen Zinssätzen und japanischer Konkur-
       renz -,  bekommt ein  Zeitungsleser und Fernsehzuschauer beliebig
       oft mitgeteilt.  Dabei könnte  ihm zwar schon bisweilen aufgehen,
       was für eine schillernde Angelegenheit diese in wechselndem Tenor
       beschworene "Abhängigkeit"  des Erfolgs  der Nation ist: Ist eine
       "starke D-Mark"  denn nun  gut oder  schlecht? Wenn US-Zinsen und
       Japanerfleiß sich  auf bundesdeutsche  Wachstumsraten  auswirken:
       setzt das  nicht bundesdeutsche  Geschäftsleute voraus,  die sich
       des Dollar und fernöstlicher Mikroelektronik für ihren, also doch
       wohl auch  für irgendeinen  nationalen Geschäftsvorteil bedienen?
       Hängt Kenia  vom bundesdeutschen  Kaffeeimport ab, oder der deut-
       sche Kaffeetrinker  von der  kenianischen Kaffee-Ernte,  oder ist
       dieses  Verhältnis   womöglich  mit   der  methodischen   Vokabel
       "Wechselwirkung" auf  den Begriff  gebracht? Ist es nicht ein Un-
       terschied, ob  ein Land Öl verkauft oder ein Grogunternehmen Raf-
       finerien?
       Selbst mit  der "Erkenntnis", daß die "Abhängigkeit" der nationa-
       len Ökonomien  voneinander sich  bisweilen sehr einseitig gestal-
       tet, ist  allerdings noch  nicht viel  gewonnen; schon gar nicht,
       solange man  sich jenes ominöse Ding namens "Weltmarkt" nach Ana-
       logie eines  Kaufhauses zu  erklären sucht.  Wie sich mit kleinen
       grünen Schuldzetteln  ein ganzes  gesellschaftliches Produktions-
       verhältnis in alle Welt exportieren läßt - Abschnitt 3 -, voraus-
       gesetzt, alle "Machtfragen" sind klar und eindeutig beantwortet -
       Abschnitt 1  -, von  denen der "friedliche Austausch zum wechsel-
       seitigen Vorteil"  in der  modernen Welt noch allemal seinen Aus-
       gang nimmt  und die er folgerichtig auch immer wieder auf die Ta-
       gesordnung setzt  -Abschnitt 2 -, und zwar gerade dort, wo es den
       Nationen verboten  ist, die  "Machtfrage" untereinander überhaupt
       mit letzter  Konsequenz aufzuwerfen  - Abschnitt 4 -; und wie die
       Armut ganzer  Nationen beschaffen  ist, die der weltweite Einsatz
       des überschüssigen  Reichtums der  Geschäftswelt einiger  weniger
       Nationen in  all seiner Wucht nie aufhebt, sondern zu immer neuen
       Blüten treibt  - Abschnitt  5 -: das sind die Themen des Kapitels
       II. Freunde  und Skeptiker des "Europagedankens" werden da ebenso
       mit  einigen   Klarstellungen  konfrontiert  wie  Kritiker  einer
       "Weltwirtschaftsordnung", an der sie den Goldstandard oder dessen
       Preisgabe, feste Wechselkurse oder flexible, die Multis oder auch
       einen zu  geringen "Kapitaltransfer",  einen "ungerechten Tausch"
       oder "strukturelle  Ungleichgewichte"  in  den  Sachgesetzen  der
       terms of  trade, das  "laissez-faire" oder  eine "Vermachtung der
       Märkte" als Mangel oder Dilemma ausgemacht haben wollen.
       Daß imperialistische Politik den Geschäftsinteressen tatkräftiger
       Kapitale einer  Nation   d i e n t,   heißt alles andere, als daß
       sie und  ihre Macher   K n e c h t e   des kapitalistischen Scha-
       chers wären.  Ihrer Gesellschaft  nützlich ist  eine  bürgerliche
       Staatsgewalt gerade  kraft der   S o u v e r ä n i t ä t, mit der
       sie nach außen agiert, ganz jenseits aller Rentabilitätskriterien
       der Geschäftswelt,  der sie  damit den  Weg bahnt. Damit die Welt
       zum Markt wird und einer bleibt, haben die Hauptakteure des Welt-
       geschehens nach  dem vorigen  Weltkrieg unter  der Oberhoheit des
       großen Siegers  nicht zufällig  ein schon  in Friedenszeiten sehr
       tatkräftiges Bündnis  für den "Verteidigungsfall" geschlossen und
       mit Leben  erfüllt. Sie rüsten für einen Krieg, der sich ganz be-
       stimmt nie  bezahlt macht-  dessen Vorbereitung sich aber dennoch
       l o h n t,   weil so  dafür gesorgt  ist, daß  die sozialistische
       Ausnahme von  der zum  Markt gestalteten  und kontrollierten Welt
       eine unerfreuliche   A u s n a h m e  bleibt. Das Kapitel III er-
       klärt in  Abschnitt I die Logik des imperialistischen Gewaltappa-
       rats, den  die USA und ihre Verbündeten sich für diesen Zweck zu-
       gelegt haben,  und in dem Zusammenhang auch, weshalb die seit Be-
       ginn der  achtziger Jahre  offiziell und  öffentlich  widerrufene
       trostreiche Illusion,  ein Atomkrieg  wäre "nicht  führbar", auch
       schon vor  der Erfindung  von Neutronenbombe  und cruise  missile
       nichts als eine trostreiche Illusion war.
       In Abschnitt  2 dieses  Kapitels wird endgültig jeder fündig wer-
       den, der  die republikanische Gesinnungstreue des Buches nach dem
       hierzulande so  beliebten seriösen und hochdifferenzierten Krite-
       rium einer unmißverständlichen Verurteilung der Sowjetunion über-
       prüfen möchte.  Denn dort  wird weder  die weltpolitische Schuld-
       frage so  gerecht aufgerollt, daß per saldo ein Dank an die west-
       lichen Staatsgewalten  für den Schutz - trotz allem! - vor östli-
       chem Unmenschentum  herausschaut, noch  jene  zunehmend  beliebte
       Form  antisowjetischer   Hetze  gepflegt,  die  dem  gegnerischen
       "System" seine  hoffnungslose Ineffizienz  vorrechnet und  so den
       Beweis führt, daß es gar nichts anderes mehr als seinen alsbaldi-
       gen Untergang v e r d i e n t.  Statt dessen wird die "Systemfra-
       ge" einmal  theoretisch ernst  genommen und die unerhörte Behaup-
       tung begründet,  daß der  sowjetische Staat  in seinem Bemühen um
       Anerkennung durch die maßgeblichen Mächte, die ihn zum Hauptfeind
       e r k l ä r t   haben, nichts  als einen   f a l s c h e n   d e-
       f e n s i v e n  A n t i i m p e r i a l i s m u s  praktiziert.
       Die - alten oder nachträglichen - Freunde der Entspannungspolitik
       wird vielleicht  noch mehr  der in  Abschnitt 3 geführte Nachweis
       ärgern, inwiefern  der  amerikanische  Beschluß,  dieses  goldene
       Zeitalter zu  beenden, die  für imperialistische  Politiker unab-
       weisbare Konsequenz aus der Tatsache darstellt, daß sie sich  i n
       d i e s e r   Ä r a  so erfolgreich um eine für sie günstige Kor-
       rektur des  weltweiten Kräfteverhältnisses bemüht haben. Schließ-
       lich hat  der Westen  in dem  besagten Jahrzehnt  nicht bloß neue
       Maßstäbe für eine moderne Waffentechnik gesetzt. Er hat auch eine
       der Sowjetunion  allenthalben feindliche  Sortierung und  Ordnung
       der gesamten  Staatenwelt durchgesetzt und zementiert; daß dieser
       Sachverhalt mit  der Aufzählung  von "imperialistischen Eroberun-
       gen", durch die sich die Sowjetunion von Afghanistan bis nach Je-
       men ausgedehnt  haben soll,  aufs heftigste dementiert wird, kann
       nur die Zweifel an der "Friedensliebe" derer bestärken, denen der
       freie Westen  immer noch  zu klein ist, weil nicht  a l l e s  zu
       ihm gehört. Zur selben Zeit ist außerdem die friedliche Benutzung
       slawischer Wirtschaftskraft,  um die vor allem die bundesdeutsche
       Friedenspolitik sich  so verdient  gemacht hat,  fortgediehen bis
       zur "naturwüchsigen" Zersetzung der Produktionsweise, mit der die
       revisionistischen Staaten  sich einst  aus  dem  kapitalistischen
       Weltmarkt ausgegliedert haben. Dem imperialistischen Erpressungs-
       geschäft der freien Welt hat so der Osthandel, der in Abschnitt 4
       behandelt wird,  ein zusätzliches Arsenal politischer Waffen ver-
       schafft, von  dem die kalten Krieger ehedem nicht einmal zu träu-
       men wagten.  Damit steht,  so oder  so, die  "Befreiung" des Ost-
       blocks auf  der Tagesordnung - für die betroffenen Völker, wie am
       "Fall Polen"  in Abschnitt  5 des Kapitels III gezeigt wird, kein
       Glück, sondern  ausnahmslos und  in jeder  Hinsicht ein entschie-
       denes Pech!
       Kapitel IV  schließlich widmet  sich der Erklärung einiger Tatsa-
       chen, die  das unmittelbar  betroffene Publikum  besser nicht wie
       Selbstverständlichkeiten hinnehmen sollte - z.B. der folgenden:
       Entgegen allen  Regeln diplomatischer  Höflichkeit wird die Good-
       will-Tour des  sowjetischen Staatschefs  an den Rhein von der be-
       suchten bundesdeutschen  Führungsmannschaft zu einer einzigen De-
       monstration westlicher  Intransigenz ausgestaltet;  einer Unnach-
       giebigkeit, an  der der Sowjetmensch sogar mit seinem Angebot ei-
       nes ziemlich  einseitigen Rüstungsmoratoriums voll aufläuft. Sein
       Nachfolger hat es mit einem deutschen Kanzler zu tun, der die von
       ihm abgelöste Regierung Schmidt bezichtigt, sich als "Vermittler"
       zwischen den  Weltmächten aufgespielt  zu haben und dabei von den
       unverzichtbaren Prinzipien  westdeutscher Außenpolitik  abgerückt
       zu sein.  Die  Regierung  Kohl  sieht  die  Bedingungen  für  die
       "Nachrüstung" allemal für erfüllt an, sie duldet nicht einmal den
       modisch gewordenen  Schein eines Vorbehalts und das heuchlerische
       "leider" der Opposition. Vielmehr besteht sie ohne Umschweife auf
       den Maßnahmen,  auf deren öffentliche "Begründung" die sozial-li-
       berale Koalition so viel Mühe verwandt hatte.
       Die Vorhaben der Bundesregierung in Sachen Militär werden von al-
       len Parteien  als unausweichliche "Reaktion" auf Afghanistan, Po-
       len und die Existenz sowjetischer Waffen gehandelt. Die SS 20-Ra-
       keten, die die bundesdeutschen Politiker angeblich um ihre Souve-
       ränität fürchten  lassen, gelten  als erstklassige  Argumente für
       die ohnehin  längst beschlossene  Herstellung eines strategischen
       "Gleichgewichts" ganz  speziell zwischen  Westeuropa und dem Ost-
       block. Rüstungsdiplomatie  findet nur  noch in  ultimativer  Form
       statt;  der   Klartext  der   "Null-Lösung"  wird  offiziell  mit
       "einseitiger Abrüstung  der Sowjetunion" angegeben; die Befürwor-
       tung von  Verhandlungen, die  das und sonst nichts zum Inhalt ha-
       ben, läuft  als diplomatischer  Restposten  des  sozial-liberalen
       "Entspannungswillens" - und selbst dieses einst so schöne Etikett
       unterliegt innenpolitisch  wie diplomatisch  einem rasanten Kurs-
       verfall.
       Die Kosten  der bundesdeutschen  Teilnahme am  NATO-Programm  der
       achtziger Jahre, für die die Reagan-Regierung mit ihrem 1500-Mil-
       liarden-Dollar-Rüstungsvorhaben gewisse  Maßstäbe  setzt,  werden
       unter dem  Titel "Sparhaushalt"  rücksichtslos eingetrieben.  Den
       entsprechend verschärften Ansprüchen an Leistungskraft und Erfolg
       des bundesdeutschen  Unternehmertums kommt  dieses  so  energisch
       nach, daß  die überflüssig gemachten Arbeitskräfte nach Millionen
       zählen. Die  Konsequenzen, die für auf "Verantwortung" abonnierte
       Politiker unter  solch mißlichen  "Umständen" -  als   v o r g e-
       f u n d e n e   und zu  bewältigende  "Lage",  als  eine  einzige
       Ansammlung von  "Krisen" definiert  ein Staatsmann noch stets das
       Resultat seiner eigenen Werke - unausweichlich sind, hat zunächst
       noch die Sozialdemokratie ziehen dürfen. Vom "Problem Nr. 1", der
       Arbeitslosigkeit, in ihrer sozialstaatlichen Verantwortung gefor-
       dert, hat  sie Steuererhöhungen und -erleichterungen, Zuwendungen
       an die  einen und  Ersparnisse an den anderen verfügt und die Op-
       fer, die  sie den "sozial Schwachen" auferlegt hat, mit dem Titel
       "Beschäftigungsprogramm" versehen.  Ihre  Politik wird inzwischen
       fortgeführt von  einer neuen  Regierung, deren "geistige Führung"
       schon immer  auf die  Anwendung des  Glaubensgrundsatzes  bedacht
       war, daß den von "der Wirtschaft" Abhängigen auch die Rettung der
       Wirtschaft obliege. Seit dem Machtantritt der christlichen Retter
       der Nation  weiß nun  jeder, der es wissen will, daß die alte Re-
       gierungspartei und  neue Opposition keinen einzigen Einwand gegen
       den  nun   schonungslos  praktizierten  Nationalismus  und  seine
       M a ß s t ä b e   hat, sondern  höchstens Bedenken  der Art  vor-
       bringt, ob  denn die  "Wende" auch  den allseits verehrten Zielen
       der Nation  so effektiv  zur Durchsetzung  verhelfe, wie  es ihre
       Protagonisten behaupten.
       Der prinzipiellen  Einigkeit aller Demokraten eingedenk, hat sich
       die professionelle  Öffentlichkeit auch  gleich heftig auf Metho-
       denfragen des  Machtwechsels verlegt und den Sturz der sozial-li-
       beralen  Koalition   nicht  so   sehr  mit   lästiger  Kritik  am
       I n h a l t   der Politik  konfrontiert.  Wie  selbstverständlich
       rangierten   S t i l fragen   vor der Beurteilung ihrer Vorhaben,
       die -  ausnahmslos dieselben wie die der Vorgänger- nun endgültig
       als unwidersprechliche Essentials deutschen Strebens an der Seite
       der USA, und als lauter schwere Aufgaben dazu, anerkannt sind.
       Immerhin ist  bei der  Veranstaltung namens "Wende" eine Wahrheit
       unter die  Leute gebracht  worden. Mit  dem  Beschluß,  Neuwahlen
       abzuhalten, und  den höchstamtlichen Kommentaren zu Sieg und Nie-
       derlage ist  nämlich der  Nutzen von  Wahlen klargestellt worden:
       sie machen eine Regierung "stabil", weil mit der Abgabe der Stim-
       men die  neuen Amtsträger  zu ungestörtem Regieren, zur gewissen-
       haft-rücksichtslosen  "Handlungsfreiheit"     e r m ä c h t i g t
       sind.
       Und diese  Freiheit wird  auch  kompromißlos  genutzt,  für  eine
       "Politik der  Wende", der  es offenbar nicht schwerfällt, auf den
       innen- und  außenpolitischen Errungenschaften  von "13 Jahren So-
       zialismus" aufzubauen. Mit ökonomischen und militärischen Mitteln
       ausgestattet, die weltweit ihre Wirkung tun und alles andere ver-
       raten als  die "Erblast" eines Verrats an der Sicherheit, den Fi-
       nanzen und  dem Zutrauen  der Bürger  zur Nation, widmet sich die
       neue Regierung  der Aufstellung  von Raketen, hält - ganz im Ver-
       trauen auf  im  Rahmen  der  NATO  erreichte  Weltgeltung  -  die
       "deutsche Frage  nicht nur  theoretisch offen",  benützt die  Ar-
       beitslosen als  Rechtstitel auf jedes weitere Opfer, das ihr ein-
       fällt, und  sie erinnert  in ihren Anstrengungen zur "politischen
       Willensbildung" an   d i e   Leistungen,  die während  der  Nach-
       kriegszeit ihren  Untertanen das  Leben so  opfer-, also sinnvoll
       und den  C-Regierungen das "Wirtschaftswunder" so erfolgreich ge-
       staltet haben.
       Das alles  hält die  offiziell geachtete  Vertretung der  Opfer -
       sowohl des  "Wirtschaftswunders" wie  des "Modell Deutschland" -,
       die westdeutsche  Einheitsgewerkschaft, für notwendig, so daß sie
       in Tarifrunden  die Löhne der Lohnabhängigen der "Wirtschaft" und
       dem Fiskus  zur Disposition  stellt und Verständnis für sämtliche
       sicherheitspolitischen Ziele von Polen bis Südafrika pflegt.
       Das alles hat sogar dahin geführt, daß eine Friedensbewegung, die
       in militärischen  und "Umwelt"dingen  vom Mißtrauen gegen die Re-
       gierenden ausgegangen  ist, als einzig nennenswerter Repräsentant
       von Kritik  geführt wurde. Nach ihrem Wahlerfolg haben die Grünen
       den Weg  zur konstruktiv-parlamentarischen  Sorge um das Wohl der
       Nation zwar  auch der  Form nach gefunden, gelten aber anhand der
       akribisch registrierten  Verstöße gegen  politische Sitten  immer
       noch als  die einzige  Störung im  ansonsten stabilen Betrieb der
       NATO-Macht BRD,  in dem einige Sicherheitsdienste mit der Überwa-
       chung und  Unterwanderung der  wenig zahlreichen  Linken  betraut
       sind.
       Das alles ist zwar nicht ohne seine Logik, aber keineswegs "nicht
       anders möglich"!  Und gut, wahr und schön, gar einem historischen
       "Schicksal" geschuldet ist das Zusammenspiel von Machern und Mit-
       machern schon gleich gar nicht.
       3. Gegen den so verbindlich gestalteten Glauben an verordnete und
       gebilligte "Notwendigkeiten"  findet sich  im  vorliegenden  Buch
       mancher Einwand.  Es führt Überlegungen fort, die in anderer Form
       in der  Reihe RESULTATE  publiziert sind,  auf die hier verwiesen
       sei. Insbesondere auf:
       
       Nr. 1 (Neufassung): Die Bundesrepublik Deutschland 1980 - und was
       Marxisten in  den 80er  Jahren an  ihr zu  ändern haben,  München
       1980.
       Nr. 4: Imperialismus I: Ableitung mit einem Anhang zur Kritik an-
       tiimperialistischer Illusionen über Staat und Revolution, München
       1979.
       Nr. 5:  Imperialismus II: Die USA - Weltmacht Nr. 1, München 1979
       (mit Beiträgen  zu den  Themen "Die  Weltmacht Nr. 1", "IMF, GATT
       und die  Weltwirtschaftsordnung", "Die Militärmacht USA - Kriegs-
       logik im  Atomzeitalter", "Klarstellungen zum Vietnamkrieg", "Die
       amerikanische Kultur").
       Nr. 6:  Imperialismus III: Europa - Osthandel - Afrika - Das Öl -
       Iran - Brasilien, München 1981l.
       Der vorliegende  Text wurde  im Frühjahr 1983 fertiggestellt. Die
       aktuellen Fortschritte der "Weltlage", deren Prinzipien hier ana-
       lysiert werden,  sind Gegenstand des von den Autoren mitbetreuten
       Politischen Magazins  MSZ (Marxistische  Studenten-Zeitung) sowie
       der Reihe  "Abweichende Meinungen",  von  der  bisher  erschienen
       sind:
       K. Held, Abweichende Meinungen zu Polen. München 1982
       Th. Ebel, Abweichende Meinungen zum Falkland-Krieg. München 198Z.
       H.L. Fertl, Abweichende Meinungen zu Israel. München 1982.
       
       
       I.
       
       Von den Leistungen des weltpolitischen
       --------------------------------------
       Sachverstandes und seinen Grundlagen
       ------------------------------------
       
       In Staaten,  die demokratisch mit ihren Untertanen verfahren, ge-
       hört es zur guten Sitte, daß die Regierungen den Regierten zu den
       Taten, die  sie ihnen bescheren, auch noch eine plausible Deutung
       liefern und daß die so am politischen Geschäft beteiligten Bürger
       sich das  Ihre dazu  vordenken lassen und nachdenken. Das Einver-
       ständnis zwischen  Staatsmännern und  Volk, das sich in ordentli-
       chen Demokratien  auf diese  Weise einstellt,  ist deswegen  sehr
       stabil, weil  es nicht von der Überzeugungskraft, geschweige denn
       von der  Wahrheit der  von oben nach unten vermittelten Einschät-
       zungen und  Lagebeurteilungen abhängt.  Es beruht  auf der beiden
       Seiten sehr geläufigen Methode, die  A b h ä n g i g k e i t  der
       Bürger von  ihrem Staat  als guten  Grund für  eine  P a r t e i-
       n a h m e  für ihn zu behandeln.
       
       1. "Unsere Interessen"
       ----------------------
       
       Politiker sind  ständig damit  beschäftigt,  sie  zu  wahren  und
       durchzusetzen. Sie  machen sie   m i l i t ä r i s c h    aus  an
       Stützpunkten von  Freund und  Feind, an  erhaltenen, in Frage ge-
       stellten und  zu schaffenden,  definieren ihre  Unverzichtbarkeit
       nach Breitengraden und messen den gesamten Globus aus, um nur das
       eine klarzustellen:  wo ist die Präsenz eigener Soldaten samt Ge-
       rät unverzichtbar,  wo darf  die Präsenz  von Truppen des anderen
       Lagers nicht  hingenommen werden.  Während ein Flugzeugträger mit
       Sowjetstern am  Bug eine  "Gefahr" darstellt,  dient das entspre-
       chende Gefährt mit amerikanischem Heimathafen allemal der Vertei-
       digung "unserer  Interessen". Und  die reichen  nicht nur  um die
       ganze Welt  - sie  reichen auch  als moralischer  Ausweis für die
       Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit der Anhäufung von Rüstungspoten-
       tial, dessen Wucht so gerne in Vergleichen mit Dresden und Hiros-
       hima vorstellig  gemacht wird. Dazu ist nicht einmal die leiseste
       Andeutung bezüglich der Beschaffenheit jener Interessen vonnöten:
       das Argument liegt im  "u n s e r e"  und der nachdrücklichen Be-
       hauptung,   d a ß  es sie gibt. Und daß das, was in jeder Weltge-
       gend zu  verteidigen ist, einem russischen Interesse jede morali-
       sche Würde  abspricht - daß dergleichen also andere zu nichts be-
       rechtigt -,  ist eben  damit  auch  schon  gesagt.  Die    A u s-
       s c h l i e ß l i c h k e i t   ist beschlossene  Sache, und  als
       solche wird  sie mitgeteilt.  Wenn das,  was es zu schützen gilt,
       nicht existent  und wichtig   u n d  auch für andere von - natür-
       lich zweifelhaftem  - Interesse  wäre, hätte  ja auch die Drohung
       mit militärischer Gewalt keinen Sinn, oder? - so zumindest lautet
       die Logik  des Strategen. Und er ist auch in dem Punkt skrupellos
       ehrlich: Wer   m e h r  zu verteidigen hat, braucht auch  v i e l
       m e h r  Waffen.
       In ihren   p o l i t i s c h - d i p l o m a t i s c h e n   Ent-
       deckungsreisen wird  dieselbe Logik genauso fündig. "Unser Inter-
       esse" führt  da ohne  große Umstände zur Anerkennung einer Regie-
       rung in  fernen Landen,  oder auch zur Ächtung eines Regimes. Und
       "Anerkennung" ist  in der Diplomatie keine theoretische Kategorie
       - das  moralische Verdikt  steht da  allemal für die Aufnahme von
       "Beziehungen", aus denen eine fremde Regierung wie auch immer ge-
       artete Vorteile und Nachteile bei der Abwicklung ihrer Herrschaft
       erfährt. Mit  der Aberkennung  der   Vertrags w ü r d i g k e i t
       geht einher, daß auch keine Verträge geschlossen und erfüllt wer-
       den -  und ein  entsprechend geächteter  Staat kann weder auf Ma-
       schinengewehre rechnen  noch auf  Kredite oder  auf die geregelte
       Erledigung des  Heringsfangs vor  seiner Küste.  Und weil  in der
       praktischen Beurteilung auswärtiger Herrschaftsgestaltung der An-
       spruch geltend gemacht wird, das Regieren dortzulande möge entwe-
       der "unserem  Interesse"   g e m ä ß   ablaufen oder  es habe mit
       S c h w i e r i g k e i t e n   zu rechnen,  pflegt  diese  Sorte
       "Einflußnahme" damit  begründet zu werden, daß es sich keineswegs
       um die  Techniken der  Erpressung handelt, sondern um die Wahrung
       des Einflusses,  auf den  die eigene  Nation  a n g e w i e s e n
       ist. So  erscheint die  Respektierung eines auswärtigen Souveräns
       als Folge  der Nützlichkeit,  die man von ihm aber erwarten darf,
       weil man  von brauchbaren  Staaten in  der Welt   a b h ä n g i g
       ist: So  ist "Abhängigkeit"  schließlich dasselbe  wie ein unver-
       zichtbarer Nutzen auf dessen Erstattung ein Staat unter Anwendung
       der ihm zu Gebote stehenden Mittel besteht. Nie käme ein demokra-
       tischer Staatsmann der Bundesrepublik darauf, seine Reisen zu ge-
       wählten wie  ungewählten Staatsoberhäuptern  mit dem  Verdikt der
       "Einmischung" zu  belegen, auch wenn er die erwünschten Beziehun-
       gen an  noch so  viele Bedingungen  außen-  und  innenpolitischen
       Wohlverhaltens knüpft.  Einer "Einmischung" aber machen sich die-
       jenigen schuldig,  die nicht  einmal den  Beweis dafür  erbringen
       können, daß   b e s t e h e n d e  Interessen vorhanden sind; die
       also auch zu Recht keine Verletzung derselben monieren können, so
       daß ihnen  gegenüber der  Grundsatz der   "N i c h t - E i n m i-
       s c h u n g"   hochgehalten wird  und zur  Anwendung gelangt, auf
       den alle Souveräne dieser Welt ein Recht besitzen.
       Die Logik  der internationalen  Diplomatie steht  somit  der  von
       Strategen in  nichts nach.  "Unsere Interessen"  gebieten   u n d
       rechtfertigen Gewalt,  ebensolches gilt für vor-militärische Ein-
       flußnahme - überall dort, wo es sich um eine "Einflußsphäre" han-
       delt. Die   ö k o n o m i s c h e  Besichtigung der Welt, die al-
       ler Herren  Länder dem Maßstab unterwirft, ob sie über Import und
       Export zum  Partner der  heimischen Wirtschaft  taugen, ob sie zu
       einer weitergehenden  Zusammenarbeit fähig oder willens sind, die
       sich  l o h n t,  vervollständigt diese Logik. Auf diesem Gebiet,
       wo der   M a t e r i a l i s m u s   der Nation in Geld beziffert
       wird, will allerdings die platte Gewinn- und Verlustrechnung noch
       weniger auf  ihre höhere und tiefere  B e d e u t u n g  verzich-
       ten: das  internationale Geschäft ist nicht nur nützlich, sondern
       auch gut.  Der eigene Vorteil wird von den Repräsentanten des na-
       tionalen Wirtschaftswachstums  um so mehr in den gemeinsamen Nut-
       zen der "Partner" übersetzt, als das Interesse der fremden Nation
       die Höhe  jener Ziffern  beschränkt, auf die es ankommt. So steht
       gerade beim Schacher um Zölle, Lieferbedingungen, Zahlungsweisen,
       Kredite  und  Investitionen  immer  wieder  die  Klage  über  die
       A b h ä n g i g k e i t  an, in der man sich vom "Partner" befin-
       det; da  erscheint "unser  Interesse" umstandslos als "Ohnmacht",
       die durch die mächtige Position eines Konkurrenten - der etwas zu
       verkaufen, zu  verzollen, zu importieren und zu investieren hat -
       schamlos ausgenützt wird. Und die Staatenwelt wird gemäß den Kon-
       ditionen, die  sie sich  aufherrschen läßt,  sortiert. Ihr Umgang
       mit Geld,  Ware und  Kapital im grenzüberschreitenden Verkehr ge-
       winnt da noch allemal die Qualität eines guten Willens zur Zusam-
       menarbeit, einer  Störung der  üblichen Gepflogenheiten  auf  dem
       Weltmarkt oder  - eines  untragbaren Verstoßes gegen die Freiheit
       des internationalen  Geschäfts, auf  das  "wir  alle"  angewiesen
       sind. Und  auch solche Beurteilungen sind keine Meinung von Beob-
       achtern des  modernen Weltgetriebes,  sondern die    p r a k t i-
       z i e r t e   V e r n u n f t   von Staatenlenkern, die den Welt-
       markt durch ihre Entscheidungen gestalten.
       Die  M e t h o d e,  nach der moderne Staatsmänner ihre weltpoli-
       tischen Aktionen  "begründen" und durchführen, verrät nicht wenig
       über das Ausmaß an Freiheit, das sie als Souveräne genießen. Nie-
       mandem sonst  ist es  im bürgerlichen  Leben gestattet,   s e i n
       Interesse als  Argument für  die Anwendung  von Gewalt geltend zu
       machen - den Repräsentanten eines  S t a a t e s  ist dergleichen
       selbstverständlich. Auch  die Drohung mit Gewalt im Namen des Ei-
       gennutzes gegenüber  anderen, die  sich der  "Einmischung" in die
       eigene "Einflußsphäre"  schuldig machen,  ist eine Gepflogenheit,
       in deren Genuß nur Volksvertreter kommen, ohne in den Verdacht zu
       geraten, den  freien Willen  und die  Menschenwürde zu mißachten.
       Was im gesellschaftlichen Leben  i n n e r h a l b  ihres Staates
       jedem Individuum versagt ist - der Gebrauch von Gewalt zur Errei-
       chung eines  Vorteils -  und von der öffentlichen Gewalt als Ver-
       brechen verfolgt  wird, gilt im Verkehr  z w i s c h e n  Staaten
       als  gute  politische  Sitte.  Und  daß  sie  in  der  Verfolgung
       i h r e s   nationalen Interesses,  in der Mehrung des Reichtums,
       p f l i c h t gemäß   handeln, also  die moralische  Legitimation
       besitzen, die  gesamte Staatenwelt samt ihren Völkern in ihre Be-
       rechnungen einzubeziehen, unterscheidet sie auch gewaltig von ge-
       wöhnlichen Bürgern  des 20.  Jahrhunderts. Staatsmänner, die jede
       außenpolitische Maßnahme  als   R e a k t i o n  auf Geschehnisse
       in der  Welt, auf  ihnen passende  oder unliebsame  Werke anderer
       darstellen, handeln  in der  Gewißheit,   d a ß  s i e  a l l e s
       a n g e h t:   ihrer   Z u s t ä n d i g k e i t  sind  k e i n e
       G r e n z e n  gesetzt, weil die Welt das Material ihrer Souverä-
       nität ist.  Deswegen sind  sie auch von allem, was andere tun und
       lassen,  b e t r o f f e n.
       
       2. "Wir"
       --------
       
       Das alles  hat mit privatem Eigennutz nichts zu tun. Wenn die Re-
       präsentanten einer Nation von "politischem Gewicht" wie Erpresser
       zu Werke gehen und Gewalt als das ihnen zustehende Mittel handha-
       ben, dann erstreckt sich ihre  Z u s t ä n d i g k e i t  auf den
       politischen und  ökonomischen Erfolg des  S t a a t e s,  dem sie
       vorstehen; und  dasselbe gilt für ihre  B e t r o f f e n h e i t
       im Falle  von Mißerfolgen,  auch wenn  es zur guten Sitte gehört,
       das persönliche  "Schicksal" mit dem Gelingen auch der außenpoli-
       tischen Amtsgeschäfte zu "verknüpfen". Die Demokratien des freien
       Westens - und von ihrem Gebaren in der Weltpolitik ist bisher die
       Rede - haben nun einmal mit den in Diktaturen noch üblichen Bräu-
       chen aufgeräumt,  ihre erfolglosen  Führer nicht nur aus dem Amt,
       sondern auch aus dem Leben zu befördern. Wenn ein deutscher Kanz-
       ler von  Gipfeltreffen aller  Art mit  unliebsamen Maßnahmen  des
       mehr oder  minder befreundeten  Auslands  zurückkehrt,  dann  mag
       schon das  demokratische Verlangen  nach einem  Regierungswechsel
       laut werden;  er  wird  sich  aber  bei  der  Bekanntgabe  seiner
       "Reaktion" hüten,   s e i n  persönliches Wohlergehen zum Maßstab
       der "Lage"  und der "fälligen Entscheidungen" zu erheben. Mit dem
       Plural maiestatis hat es schon eine eigene Bewandtnis.
       Angenommen, der  führende Mann einer führenden demokratischen Na-
       tion beschließt  wegen "unserer Interessen" samt seinem Kabinett,
       daß   w i r  im Verein mit unseren amerikanischen Freunden aufrü-
       sten müssen,  so macht  er gar  kein großes  Geheimnis daraus daß
       nach der  Verkündung des Beschlusses seine Zuständigkeit erledigt
       ist und  seine Betroffenheit  durch die gefährliche Weltlage, die
       tiefe Sorge,  die ihn  erfüllt, eine  Frage der Selbstdarstellung
       wird. Er  verbreitet sogar  öffentlich nicht  nur die  Gründe für
       seine Entscheidung,  sondern auch deren Konsequenzen: Das Kriegs-
       gerät will  erstens bezahlt  sein und zweitens bedient. Und damit
       hat auch  das   V o l k,   von dem alle Macht ausgeht,  s e i n e
       Rolle in  der Militärpolitik  zugewiesen bekommen. Für die Bezah-
       lung steht  es im  Rahmen eines "Sparhaushalts" gerade, durch den
       sich die Regierung einerseits Auslagen in dem Bereich erspart, in
       dem sie  unter dem  Titel "Sozialstaat"  die Lohnabhängigen Woche
       für Woche  zum Sparen  für die  Wechselfälle der  Lohnarbeit ver-
       pflichtet. Andererseits  setzt derselbe "Haushalt" neue Bedingun-
       gen fest,  was das Wachstum "der Wirtschaft" betrifft. Auch hier,
       bei den  wirtschaftspolitischen Richtlinien,  ist auf  seiten der
       Staatsverantwortlichen nirgends  ein Anflug  von privater Gewinn-
       sucht zu  bemerken. Sie bemühen sich lediglich und ganz besonders
       wegen ihrer außenpolitischen Aufgaben um den Geschäftsgang inner-
       halb ihrer  Nation. Die  Argumente, welche  die  Herren  Minister
       stündlich in  den Medien  vorzubringen Gelegenheit bekommen, sind
       sehr sachlich:  sie bekräftigen  nämlich im Namen der Betroffenen
       das nationale  "wir"! Der erste Betroffene ist der Staat selbst -
       und von dessen Wohlergehen sind gerade und vor allem Rentner, Ar-
       beitslose und Inflationsgeschädigte, die "sozial Schwachen" eben,
       a b ä n g i g.   Beweis: Stünde  es um die Staatsfinanzen besser,
       müßte die Regierung die "sozialen Leistungen" nicht kürzen. Schö-
       ner und  demokratischer lassen sich die Interessen der Geschädig-
       ten nicht mit den Bedürfnissen der Instanz zusammenschließen, die
       gerade die Schädigung ins Werk setzt!
       Der zweite  Betroffene ist  "die deutsche  Wirtschaft", von deren
       Leistungskraft der  Staat wiederum  abhängig ist.  Aber nicht nur
       das: seine  Anstrengungen, der  in seinem Hoheitsgebiet kalkulie-
       renden privaten Geschäftswelt zum Erfolg zu verhelfen - und dafür
       h a t   der Staat durchaus etwas Geld übrig -, sind im Grunde ge-
       nommen eine  einzige Unterstützung  der Bürger, die von ihrer Ar-
       beit in  der "deutschen Stahl- und Automobilindustrie" leben. Die
       Auswirkungen des  "Sparprogramms" - seit 1983 gibt es an die drei
       Millionen Arbeitslose  und auch  sonst einiges an statistisch er-
       faßter Armut  mehr -  läßt niemand  als Dementi  dieser Botschaft
       gelten. Im  Gegenteil: sie  erfreuen sich der öffentlichen Kennt-
       nisnahme als  weiteres Problem,  dessen der  Staat mit seinem Fi-
       nanzgebaren Herr  zu werden  hat. Er  führt es also fort; und die
       Erhöhung der Mineralölsteuer, der Mehrwertsteuer, neue Freiheiten
       für Grundbesitzer,  die dem  Volk eine neue Heimat vermieten, all
       das läuft  seit 1982  unter dem  Titel  "Beschäftigungsprogramm".
       Ganz gleich,  ob die einschlägigen Meldungen über aus dem Ausland
       kommende Geschäftsschädigung noch erwähnt werden oder nicht - die
       bundesrepublikanische  Liste  ist  in  ihrer  Eintönigkeit  jedem
       B i l d - Leser   genauso vertraut wie den Kennern seriöser Wirt-
       schaftsteile -, "wir" müssen alles in unserer Macht Stehende tun,
       damit die  Kalkulationen   d e u t s c h e r   Unternehmen wieder
       aufgehen. Mit  dieser Sorte  Logik lassen  sich  aus    "S a c h-
       z w ä n g e n",   die den  Widrigkeiten des Weltmarktes locker zu
       entnehmen sind, die  O p f e r  ableiten, die "wir alle" im eige-
       nen Interesse auf uns nehmen müssen.
       Der dritte Betroffene ist die arbeitende Mehrheit der Nation. Sie
       ist unter  dem Titel  "Lohnabhängige" ebenso  zuständig  für  die
       Weltpolitik wie  als  "Verbraucher",  "Sparer",  "Sozialpartner",
       "Nutznießer des  sozialen Netzes"  und als Soldat. Wenn "uns" die
       Russen zu  verstärkten Verteidigungsanstrengungen  herausfordern,
       wenn "uns"  die Japaner  den Automobilmarkt  streitig machen, die
       Franzosen das  Stahlgeschäft verhindern, die Scheichs das Öl ver-
       teuern oder die US-Regierung die Zinsen hochhält - es gibt nichts
       im internationalen  Hin und  Her, was  nicht durch die Leistungen
       des gewöhnlichen Volkes und seine Bereitschaft zur Minderung sei-
       ner Ansprüche  geregelt werden könnte und müßte. In seiner ganzen
       Ohnmacht gegenüber  den Machenschaften des Auslands verfällt des-
       wegen ein regierender Anhänger der Demokratie auf den einzig ver-
       nünftigen Gebrauch  seiner  M a c h t:  er hält sein Volk zum Ar-
       beiten und Sparen an, verleiht seinem Appell die Kraft eines gül-
       tigen Gesetzes,  dem sich niemand entziehen kann - und pflegt öf-
       fentlich seine  Betroffenheit über die Entwicklungen in der Welt-
       politik wie  auf dem  Weltmarkt. Er  benennt Schuldige  und wirft
       sich in  die Pose  eines Kenners der weltpolitischen Szenerie, an
       deren Verhängnissen er nie mitwirkt, wiewohl er an ihren Resulta-
       ten laboriert...
       An der  Offenheit, mit  der Politiker  das außenpolitische  "wir"
       nach innen durchsetzen - die vorstehenden Zeilen sind schließlich
       fast wörtlich  in jeder Stellungnahme und in jedem Kommentar auf-
       zufinden -,  ist freilich  nicht die Weisheit interessant, die in
       einer funktionierenden  Demokratie des  freien Westens  als Inbe-
       griff der  Kritik gefeiert wird. Daß der "kleine Mann" alles aus-
       baden müsse  ist eine wohlfeile Ideologie, die dem Verhältnis von
       Staat und  Volk in  der Bundesrepublik ebensowenig seine Wahrheit
       vorrechnet wie  in einer anderen "Wirtschaftsmacht" diesseits und
       jenseits des  Atlantik. Die  Differenzierungen, die das nationale
       "wir" erfährt,  sooft eine  Regierung nach  innen auf ihm besteht
       und die  Weltlage, also  das Vorgehen anderer Nationen, als unwi-
       dersprochenen Grund heranzieht, zeugen von etwas ganz anderem. Im
       internationalen politischen  Gewerbe spielt  das gewöhnliche Volk
       daheim nie  eine andere  Rolle als die eines  M i t t e l s,  auf
       das ein Staatsmann schon beim Antritt seiner Reisen in ferne Län-
       der setzt, weil es  v e r f ü g b a r  ist und ihm seine diploma-
       tische  Handlungsfreiheit   im  Umgang   mit  Freund   und  Feind
       v e r s c h a f f t   hat. Eine  politische Herrschaft,  die sich
       ihrer   B a s i s   nicht sicher  ist, die keine "leistungsfähige
       Wirtschaft" hinter  sich weiß, die im Innern ihrer Nation die Ab-
       hängigkeit von  Millionen von ihrem Arbeitsplatz nicht so effizi-
       ent geregelt  hat, daß  sich das in ökonomischem, politischem und
       militärischem  G e w i c h t  niederschlägt - eine solche politi-
       sche Führung  würde sich  jedenfalls mit  ihrem Nationalismus auf
       jedem Wirtschaftsgipfel blamieren. Und schon gar nicht könnte sie
       den  Z w e c k  ihrer weltweiten Erpressungskunststücke hinterher
       als gemeinschaftliches  Interesse der Nation verkaufen, indem sie
       dem  Volk   seine  Opfer  in  Fabrik  und  Kaserne  als  traurige
       W i r k u n g  ausländischer Machenschaften verschreibt. Denn die
       A r g u m e n t e,   mit denen  ein deutscher Kanzler die Notwen-
       digkeit vom  sparsamen Umgang mit Löhnen, von mehr Leistung ("Die
       Deutschen sind  verwöhnt!") und vom abzustellenden Mißbrauch ein-
       gezahlter Versicherungsgelder  mehr  ein-  als  ableitet,  taugen
       nicht zur  Ü b e r z e u g u n g  - geglaubt werden sie nur dann,
       wenn die  Abhängigkeit vom  Staat und  von denen,  die "die Wirt-
       schaft" heißen,  p r a k t i s c h  a k z e p t i e r t  ist. Nur
       wenn der diesbezügliche  D i e n s t  eines Volkes unabhängig da-
       von, ob  er sich  für die Betroffenen lohnt, in der schönsten Re-
       gelmäßigkeit abgewickelt  wird und  die politischen Vertreter des
       Volkes mit  dem   R e i c h t u m  als Verhandlungsmasse ausstat-
       tet, der  ihnen die  F r e i h e i t  gibt, auf die Brauchbarkeit
       jeder erdenklichen Sorte Ausland zu dringen; nur wenn die Zustän-
       digkeit einer  Regierung für alle Regungen auf dem Erdball in ei-
       ner heimatlichen  Manövriermasse gründet, kann sich ein Politiker
       die  Unverschämtheit   zulegen,  die  Schädigung  der    d e u t-
       s c h e n   I n t e r e s s e n   - "Export- und Ölabhängigkeit",
       "Polen",  "Afghanistan",  "amerikanische  Zinsen",  "französische
       Stahlsubventionen"  usw.   usw.  -   als  guten   Grund  für  die
       S c h ä d i g u n g   s e i n e r  U n t e r t a n e n  zu propa-
       gieren, und  letztere umstandslos  als Weg des nationalen Erfolgs
       per "wir" mit politischem Sachverstand ins Werk setzen.
       Es ist  die  G e w o h n h e i t  d e r  S o u v e r ä n i t ä t,
       die Politiker  so ehrlich  werden läßt,  den    G e g e n s a t z
       zwischen dem  außenpolitischen Erfolg  der   N a t i o n  und dem
       Interesse der  ihr untergeordneten   M e h r h e i t  von Leuten,
       die eine  leichtere Arbeit  und ein besseres Leben durchaus brau-
       chen können,  auszusprechen -  als schönsten  Beweis für  i h r e
       Fähigkeit in der Kunst des Regierens.
       
       3. Moderner Nationalismus
       -------------------------
       
       Das nationale  "wir" ist  klassenlos. Es  vereint Staat und Volk,
       indem es die schiere Tatsache,  d a ß  sämtliche Bürger einer Na-
       tion ihrem  Staat unterworfen sind und dieser sie seinen Erfolgs-
       kriterien gemäß  behandelt, sie also auch den Konjunkturen seiner
       außenpolitischen Bewährung  aussetzt, in  einer  unausweichlichen
       I d e n t i t ä t   der Interessen  von Staat und Bürgern geltend
       macht. Dabei werden die Unterschiede und Gegensätze innerhalb der
       Nation keineswegs  geleugnet, sondern  immerzu   h e r v o r g e-
       h o b e n  - allerdings nicht in der Form kritischer Stellungnah-
       men zur modernen Klassengesellschaft. Vielmehr in lauter affirma-
       tiven "Folgerungen"  bezüglich der  speziellen Dienste  und  Lei-
       stungen, welche die Nation wegen des Gelingens ihrer außenpoliti-
       schen Vorhaben  den einen  erweist  und  den  anderen  mit  Recht
       abverlangen  kann.   Für  die   Geschäftswelt  gehört  sich  eine
       Investitionsneigung und  das dafür  passende Klima,  andere  sind
       fürs Arbeiten, Kaufen und Sparen da.
       Dieser Standpunkt  des nationalen  Interesses stützt sich weniger
       auf die  Logik denn  auf die Praxis der staatlichen Souveränität.
       Der ihm  eigentümliche Zynismus erfüllt die demokratische Diskus-
       sion, in  der sich  die Parteien  mit Unterstützung der ihnen zu-
       bzw. abgeneigten  Medien um  die Macht  streiten, mit  Leben.  So
       streiten sich  die Konkurrenten um die Staatsführung nicht nur zu
       Wahlkampfzeiten darum,  wer mehr  "politische Stärke"  an den Tag
       legt. Der  Vorwurf der "Führungsschwäche" wird erhoben, und damit
       ist gemeint,  ein tauglicher  Staatsmann dürfe sich von niemandem
       in der  Welt etwas gefallen lassen und müsse seinem Volk alle Un-
       annehmlichkeiten zeitig  ins Gesicht  sagen, die er ihm bereitet.
       Und der  prinzipielle Gesichtspunkt,  daß gut  ist,  was    u n s
       nützt, wird  auf alle Regierungen und Völker dieser Welt ohne den
       leisesten Anflug moralischer Bedenken angewandt.
       1. Aus der  schlichten Tatsache, daß die nationale Währung an den
       Devisenbörsen hoch  gehandelt wurde,  ist in einem Jahr des Wahl-
       kampfs für  den seinerzeit  regierenden Kanzler  ein Argument für
       seine Wiederwahl  verfertigt worden.  In der  "Härte der  D-Mark"
       durfte die gesamte Nation das anschauliche Verdienst eines Mannes
       bestaunen, der  "unser" Geld  etwas wert sein läßt. Der Nachweis,
       daß diese  Tüchtigkeit in  Währungsangelegenheiten den Nutzen des
       gemeinen Volkes  mehre, wurde  über den  Auslandsurlaub  geführt,
       ganz als  ob mit  den fünf Pfennigen "Gewinn" beim Umtausch einer
       Mark in  Lire die  Ferien im Süden in Saus und Braus abliefen und
       keiner die Preissteigerungen bemerken würde. Nachdem nun aber der
       währungspolitische Sachverstand  für das  nationale Eigenlob  zu-
       ständig ist,  eröffnete derselbe  Kanzler mit Hilfe einer verant-
       wortungsbewußten Öffentlichkeit  auch noch  eine solide  Kampagne
       der Kritik  an anderen  Nationen. Das Argument hieß "unsere Wirt-
       schaft": diese  ist extrem "exportabhängig" und gerade eine teure
       D-Mark mache  "unseren" ausländischen  Kunden das  Kaufen schwer.
       Also schritt  der Kanzler  im Namen  aller Deutschen, auch derer,
       die ganz  bestimmt nicht vom Außenhandel leben, aber eben von ihm
       abhängig sind,  zur Besichtigung  der Versager in Währungsdingen.
       Urplötzlich war  die harte  Währung eine  Gefahr, freilich in Ge-
       stalt  der   weichen  ausländischen  Gelder.  Die  amerikanischen
       Freunde wurden  fachmännisch ermahnt, ihre Freiheitswährung nicht
       verfallen zu  lassen. Den  Kollegen in  England wurde mitgeteilt,
       daß sie sich die schlechte Wirtschaftslage samt Verfall des Pfun-
       des selbst  zuzuschreiben hätten:  Kein Investitionsklima  würden
       sie schaffen, solange sie den sozialen Frieden nicht in den Griff
       bekämen; weder  die "disziplinlosen" Gewerkschaften noch die eng-
       lischen Arbeiter  mit ihren maßlosen Teepausen kamen an der deut-
       schen Schelte  vorbei. Den  italienischen Proleten, ansonsten als
       Vergleichsmaßstab für  deutsche Bedürfnisse sehr willkommen- "wie
       gut es  uns geht!"  -, wurden  ihre Streiktage  vorgerechnet. Und
       niemand hat  in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit die Un-
       verschämtheit angegriffen,  mit der  da im  Namen  der  deutschen
       Wirtschaft eine  stattliche Liste ihrer Schädlinge erstellt wurde
       und sich  der nationale  Standpunkt gleich  noch zum Richter über
       die Bedürfnisse  und das Wohlverhalten anderer Arbeitsvölker auf-
       schwang. Als  die "Folgerungen"  des offiziellen Deutschland prä-
       sentiert wurden,  die aus  den "Gefahren"  für unsere  Wirtschaft
       wohl fällig wären - niedrige Lohnabschlüsse als vernünftige Reak-
       tion auf  die von  Dollar, zerrütteten  Partnern  und  steigenden
       Ölpreisen  hervorgerufene   Arbeitslosigkeit  -,   wollte  dieser
       "Notwendigkeit" auch  niemand widersprechen. Und schon gleich gar
       nicht ist  einem Kenner  der Wirtschaft angesichts der Ungereimt-
       heiten in  der wirtschaftspolitischen  Diagnose  der  Zuständigen
       aufgefallen, was sich ein von seinem Volk anerkannter und bedien-
       ter Souverän leisten kann: einerseits den kommunismusverdächtigen
       Hinweis darauf,  daß das  Gedeihen "unserer Wirtschaft" im Gegen-
       satz steht  zum Wohlergehen derer, die mit ihrer Hände Arbeit al-
       les in  Gang halten  - andererseits die Propaganda der Konkurrenz
       zu anderen  Nationen, in  der das  gewöhnliche Volk sich bewähren
       darf.
       2. Noch selbstverständlicher wird das Recht des Staates, den aus-
       wärtige Souveräne  behindern, auf  die Opfer seines Volkes in Sa-
       chen "Öl" vorgetragen. Jahrelang floriert nun schon die Hetze ge-
       gen die  Ölscheichs, die  "unsere" Energiekosten ins Unermeßliche
       steigern. Zwar weiß längst jeder Zeitungsleser, daß sich der Ben-
       zinpreis an  der Zapfsäule unter heftiger Anteilnahme seines Fis-
       kus erhöht;  aber der eigenen Nation blieb der Vorwurf bisher er-
       spart, aus den Lohntüten der deutschen Autofahrer einen Selbstbe-
       dienungsladen gemacht  zu haben. Schließlich gesteht kein anstän-
       diger Deutscher  einem arabischen  Souverän das  zu, worauf sonst
       eine am  Welthandel beteiligte Nation ein unverbrüchliches  Recht
       hat: für  das, was  man zu  verkaufen hat,  zu verlangen, was man
       kriegt. Zusätzlich  lassen sich auch noch die "Multis" als Schul-
       dige benennen,  und das  sind - wie der Name schon sagt - weniger
       Kapitalisten als    k e i n e    e i n h e i m i s c h e n    Ge-
       schäftsleute. Daß die ölexportierenden Länder mit ihren gestiege-
       nen Anteilen  am Verkaufspreis von Rohöl ihr Geschäft machen, ist
       aber seit  einiger Zeit  nicht mehr   d e r   Skandal:  so wider-
       sprüchlich der Nationalismus in der Verurteilung anderer Teilneh-
       mer am  Weltmarkt vorgeht, so frei ist er auch in seinen Konjunk-
       turen. Erstens haben die USA auf ihre Weise auf "unseren" Kanzler
       reagiert und  "ihren" Dollar  wieder teurer  gemacht, so daß eine
       Zeitlang beim  steigenden Dollar  der Grund  lag für  die Benzin-
       preise (umgekehrt  hat zuvor  das Argument  nichts  hergegeben!).
       Zweitens ist im Zuge der weltpolitischen Konfrontation die Aufrü-
       stung aller  befreundeten Nationen  modern geworden  - und ausge-
       rechnet Saudi-Arabien, wo "unser Öl" lagert, gehört zu den Freun-
       den, die  mit Waffen  beliefert werden  müssen. Also gebietet der
       weltwirtschaftliche Sachverstand  die Verurteilung  der in  bezug
       auf den Ölpreis längst vernünftig gewordenen Saudis zu relativie-
       ren, Rüstungsexporte  für Arbeitsplätze  zu erklären,  zumal das-
       selbe auch  schon längst  für die Atomkraftwerke gilt, um die wir
       aus energiepolitischen  Gründen - "Öl knapp" - nicht herumkommen.
       Ganz gleich, wie die Unterabteilungen der nationalen Begutachtung
       in Sachen  Öl ausfallen - immer rechtfertigt die Anklage nach au-
       ßen den Anspruch auf Dienste und Zumutungen daheim.
       3. In einer  Demokratie gehört es sich, daß das Volk, welches für
       die Wünsche  des eigenen  Staates und seiner Wirtschaft gegenüber
       dem Ausland  geradezustehen hat,  auch eine  wesentliche Freiheit
       genießt: Es  darf sich in den Machenschaften fremder Staaten lau-
       ter Gründe  dafür zusammensuchen,  daß es in der Gefolgschaft da-
       heim richtig  liegt. Die  diesbezüglichen Angebote derer, die die
       Meinungsbildung zu  ihrer vornehmen  Pflicht erkoren  haben, sind
       frei von  Skrupeln aller Art; in der Kritik am Ausland, insbeson-
       dere an  dem, mit  dem solide und rentierliche Beziehungen unter-
       halten werden,  sind Töne  an der Tagesordnung, die man auf "uns"
       nie und  nimmer anwenden  lassen möchte.  So sind im Falle Japans
       Urteile eingebürgert worden, in denen  V e r a c h t u n g  u n d
       R e s p e k t  in ebenbürtiger Weise für das deutsche "wir" taug-
       lich sind.  Die Einwände  gegen "die Japaner" richten sich sowohl
       gegen ihre  Durchschlagskraft auf diversen Märkten, die "uns" ge-
       nauso wichtig  sind, als auch gegen die schlechte Behandlung, die
       sie ihrem  Volk angedeihen  lassen -  viel mehr  Arbeitstage  als
       hierzulande, kein  DGB und  viel weniger  Lohn. Das Kompliment an
       dieselbe Nation  und dieselben Untertanen liest sich in deutschen
       Landen haargenauso: Bewundernswert das japanische Wirtschaftswun-
       der, zumal  die dahinten  auch sehr viel fürs Öl ausgeben müssen,
       und noch  bewundernswerter die  Leistungs-  und  Verzichtsbereit-
       schaft dieses  Volkes, an  dem sich  - ginge  es nach  dem Grafen
       Lambsdorff- die  "verwöhnten" Deutschen  auf der  Stelle ein Bei-
       spiel nehmen  sollten. Inzwischen  haben verschiedene Regierungen
       in trauter  Eintracht mit dem DGB dafür gesorgt, daß sich gewisse
       Annäherungen an  japanische Standards vollziehen: faktische Null-
       Tarifrunden, Preise  und Abgaben  jeder Art  senken den deutschen
       Lohn, während  die Umgestaltung  von Arbeitsplätzen  die Leistung
       hebt. VW investiert dazu noch ein wenig in Japan...
       4. Als  Deutscher weiß man selbstverständlich auch, was den Polen
       gefällt und  gut für  sie ist.  Der Kommunismus  auf  alle  Fälle
       nicht, wenngleich  sich im   zwischen s t a a t l i c h e n  Ver-
       kehr durchaus  gute Geschäfte  mit Leuten abschließen lassen, die
       ihrem Volk weder einen Lebensstandard gönnen, der hierzulande als
       reine "Verwöhnung"  angeprangert werden  muß, noch eine Freiheit.
       Während bei  uns das Zusammenfallen von Interessen des Volkes mit
       dem seiner  Führer eine ausgemachte Sache ist, insbesondere dann,
       wenn Opfer  anstehen, sieht  es auswärts,  östlich vor allem, oft
       sehr anders aus. Zunächst einmal unterliegt eine polnische Regie-
       rung der Klassifizierung "Unrechtsstaat" ohne "Selbstbestimmungs-
       recht" des Volkes; und ein anständiger Deutscher wird an den Fak-
       ten der bundesrepublikanischen Staatsgründung ebensowenig irre in
       seinem Antikommunismus,  den er aus dem Schatzkästlein des voran-
       gegangenen Nationalismus  bewahren durfte,  wie er jedem Kritiker
       hierzulande die  Methoden des  Gehorsams und seiner Erzeugung ans
       Herz legt, die drüben üblich sind. Wenn dann eine Bundesregierung
       samt der westdeutschen Geschäftswelt eine regelrechte Polen-Poli-
       tik zuwege bringt, wenn dadurch die Grenzen für Waren und Kapital
       geöffnet werden,  so dient  dies allemal  einer guten Sache. Miß-
       trauen ist nicht der Zusammenarbeit mit diesem "Regime" entgegen-
       zubringen, sondern  ihrer Wirkung: Wird auch genug verlangt, wenn
       "wir" mit  denen handeln?  Und dürfen auch genug ausreisen in die
       Freiheit?
       Die feste  Überzeugung, daß  die Schädigung eines kommunistischen
       Staates in  der entgegenkommenden  Berücksichtigung seiner Außen-
       handelswünsche inbegriffen  zu sein  hat, duldet keine Erschütte-
       rung. Schon  gleich gar nicht dadurch, daß das polnische Volk vom
       Ost-West-Handel überhaupt  nichts hat. Das bekannte Ergebnis, das
       die von  der polnischen  Regierung vollzogene  Unterordnung ihrer
       gesamten Volkswirtschaft  unter die  Notwendigkeiten des Westhan-
       dels zeitigte:  die zehntgrößte  Wirtschaftsmacht ist pleite, das
       Volk  leidet  Not  jeder  Größenordnung  und  veranstaltet  einen
       christlich-gewerkschaftlichen Aufstand,  mit dem  die Staatsmacht
       vorübergehend in  Frage gestellt  wurde und  auch durch  ein Jahr
       Kriegsrecht nicht  fertig geworden ist - dieses Ergebnis wird mit
       Genugtuung zur  Kenntnis genommen.  Es zeigt sich für einen deut-
       schen Beobachter  nur eines:  Wir sind  auf dem richtigen Weg und
       müssen Polen die "Chance" geben, sich ganz und gar dem Westen an-
       zuschließen, sich  den Kreditlinien des IWF (Internationaler Wäh-
       rungsfonds) anzuvertrauen  - denn das wäre der leichteste Weg zur
       "Hilfe", die  bis dahin  der caritativen  Gesinnung der westdeut-
       schen Bevölkerung  überlassen bleibt. Mitleid mit den Opfern, die
       die eigene  Regierung auswärts  schafft, ist  hier genauso wie im
       Falle der "Entwicklungsländer" erlaubt. Der Außenminister ergänzt
       die Hungermeldungen mit diplomatischen Kampfansagen gegen die So-
       wjetunion, deren  Bemühungen, Polen im eigenen Block zu behalten,
       einerseits  eine  "rasche  Hilfe"  erschweren,  andererseits  den
       "Weltfrieden" gefährden.  Die vorläufige  "Rettung Polens"  durch
       den Einsatz  des Militärs kann - da sie dem nicht stattgefundenen
       russischen Einmarsch  gleichzusetzen ist - nicht hingenommen wer-
       den. Schließlich  heißen die  Rechtsanwälte des polnischen Volkes
       Genscher und  Reagan, und  ihre Kanzlei  führt den  Streit um die
       Rechte der  östlichen Mandanten konsequent mit einem Aufrüstungs-
       programm, das  ganz gut auch ohne den Schein auskommt, es gehe um
       so labile  und heikle  Dinge wie  das "Gleichgewicht".  Das Recht
       fordert seine   Rechts m i t t e l,   Belehrungen  über deren Ge-
       brauch gehen unterdessen täglich an die Adresse Moskaus.
       Wo der  national beseelte  Blick über  die Grenzen  den Gegensatz
       zwischen Herrschaft und Untertanen ausmacht, geht es also keines-
       wegs um die Beurteilung des Zwecks, den so ein Staat verfolgt und
       schon gar  nicht um  die Gründe für den dortigen Modus der Benüt-
       zung eines  Volkes und  um deren Verlaufsformen! zu denen die Ko-
       operation mit  dem eigenen  Staat zählt.  Dem bedingungslosen Be-
       kenntnis zu den Interessen "der" Deutschen ist nur eine Sorte von
       Kritik zuträglich  - die zweifelnde Frage nach ihrer ordentlichen
       Durchsetzung. So  ist ausgerechnet in Sachen Polen der erfolgrei-
       che Umgang  mit einem  Ostblockstaat, der  den Ruin  eines Volkes
       schneller hervorbrachte,  als das  die "Regimes" drüben, auf sich
       selbst gestellt und nicht in den menschenfreundlichen Außenhandel
       des Westens einbezogen, je vermocht hätten, auch unter die Rubrik
       "Verrat an  deutschen Ansprüchen"  eingeordnet worden.  Und damit
       waren auch  nicht die Ansprüche jener Mehrheit gemeint, die Woche
       für Woche  ihre Lohntüte  einteilen darf  und als "Entschädigung"
       für ihre  wenig  lohnende  Brauchbarkeit    t h e o r e t i s c h
       über die weltpolitischen Vorzüge des Vaterlandes mitbefinden, dem
       sie zufällig  angehört.   D a s  Verdienst, ein Deutscher zu sein
       und ideell  an der  Geltung der Nation in der Welt zu partizipie-
       ren, scheint  viel wichtiger  zu sein  als  d e r  Verdienst, den
       man für  ein Leben  in Freiheit  - für die meisten ein Arbeitstag
       nach dem anderen, nebst den dazugehörigen Risiken und kompensato-
       rischen Anstrengungen  und Abgaben für einen Sozialstaat, der das
       Geld auch  besser verwenden  kann -  so erhält. Dabei sind die in
       Umlauf gesetzten  Unverschämtheiten des heutigen Nationalbewußts-
       eins, die kosmopolitischen Begutachtungen aller Herren Länder nie
       um die  Auskunft verlegen,  daß die  universale Zuständigkeit der
       N a t i o n   für die  gewöhnlichen Bürger  - sobald sie über die
       t h e o r e t i s c h e  und wohlfeile Anmaßung hinaus geht - im-
       mer im   D i e n s t   besteht.  Denn die   P r a x i s  des Ver-
       gleichs, der  da ständig  zugunsten der eigenen Nationalität aus-
       fällt, besteht in der  D u r c h s e t z u n g  des einen Staates
       gegen den anderen. Und an diesem Geschäft ist die Mehrheit so be-
       teiligt, daß  sie in  der Bereitstellung des Reichtums ihre erste
       und in  der Relativierung ihrer Genüsse, dessen, "was man vom Le-
       ben hat",  ihre zweite  Pflicht erfüllt.  Und wenn im Konkurrenz-
       kampf der  Nationen, die sich und ihre Manövriermasse an Land und
       Leuten gegenseitig  ausnutzen wollen,  für die eine Seite die Be-
       dingungen der  anderen   u n e r t r ä g l i c h   sind - und wer
       entscheidet das  wohl? -,  dann steht  die Erledigung der letzten
       Pflicht an.
       5. Aus den  Verlautbarungen der deutschen Politiker und ihrer öf-
       fentlichen Interpreten,  denen am  Erfolg der  ersteren sehr viel
       liegt - "Schaffen Sie denn das auch, Herr Minister?" ist die kri-
       tischste Frage  -, geht hervor, daß es herzlich gleichgültig ist,
       ob jemand  daran   g l a u b t,   daß in  Afghanistan  und  Polen
       "unsere Freiheit" auf dem Spiel steht. Und angesichts des höchst-
       offiziellen Gerüchts,  daß Lang-  und Mittelstreckenraketen nebst
       Neutronenbombe den   F r i e d e n   sichern und auch tatsächlich
       zu keinem  anderen Zweck  je benötigt  werden, ist die Frage, wer
       daran glaubt,  schon längst  lächerlich. Schließlich wird ständig
       mit   s t r a t e g i s c h e n  Argumenten für das Zeug votiert;
       und daß  strategische Überlegungen  den   S i e g  im Auge haben,
       also die  Überlegenheit im   K r i e g   -  den man sich also als
       "Fall" denken  darf -, weiß ein jeder. Er  k a n n  sich freilich
       den Vorkriegstest  auf die  Nachgiebigkeit des Gegners, der sich,
       weil  unterlegen,   der   Unterlegenheit   anbequemt,   auch   in
       "Friedenssicherung" übersetzen:  Der Feind  braucht in diesem Ge-
       dankenexperiment ja nur nachzugeben.
       In der Versorgung einer Nation mit strategischen "Informationen",
       mit Zahlenmaterial  über Panzer,  U-Boote und Raketen, die Freund
       und Feind  zur Verfügung  stehen, kommt  zum Vorschein,  wozu der
       Standpunkt "unseres  Interesses" taugt,  wenn er  zur  Selbstver-
       ständlichkeit geworden ist. In der westdeutschen Rüstungsdebatte,
       wo Argumente über die militärischen Mittel zur Sicherung besagter
       nationaler Interessen fallen, hat man sich langst von der Notwen-
       digkeit emanzipiert  anzugeben,  w a s  denn eigentlich geschützt
       wird durch  Bundeswehr und  NATO-Sprengköpfe.  D a ß  dergleichen
       notwendig ist,  will niemand  bezweifeln -  und wer  im  Verdacht
       steht, es  zu tun,  wird konsequent  als Staatsfeind oder "Gegner
       der Freiheit"  geführt. Auf  der Grundlage eines allgemeinen Kon-
       sensus über  das Militär als das unverzichtbare Mittel der Außen-
       politik  spielen   sich  jene   demokratischen  Gefechte  um  das
       W a n n,  W i e v i e l  u n d  W o z u  der Aufrüstungsmaßnahmen
       ab, in  denen sich  eine Nation  daran gewöhnt, "ihre Interessen"
       a l l e i n   u n t e r   d e m   G e s i c h t s p u n k t  d e-
       r e n   g e w a l t s a m e r   D u r c h s e t z u n g   ständig
       neu definieren zu lassen.
       Die Beiträge  zur Diskussion sehen entsprechend aus. Als durchaus
       s a c h l i c h  gilt in der Bundesrepublik die Feststellung, daß
       "wir fest  an der  Seite der  USA" und  "im Bündnis"  stehen; als
       zeitlos gültiger  Kommentar paßt  diese Mitteilung  auf jedes neu
       eingeführte Waffensystem. Mit der Erinnerung daran, daß es diesen
       "unseren" Staat  nur gibt,  weil er  den maßgeblichen Männern der
       USA nach  dem zweiten  Weltkrieg so  recht war,  entledigen  sich
       deutsche Politiker ihrer nationalen Pflicht, sich gute Gründe für
       ihre Beteiligung  an der politischen Linie der befreundeten Groß-
       macht auszudenken.  Anderen eröffnen sie damit die großartige Al-
       ternative eines  besseren Nationalismus,  der "zwar" auch die Zu-
       sammenarbeit mit  Amerika für einen "Grundpfeiler unserer Sicher-
       heit" hält,  aber "unsere  speziellen Sicherheitsinteressen"  zur
       Geltung bringen  möchte.  Für  "amerikafeindlich"  und  "unreali-
       stisch" erachten  die beiden  für den  demokratischen Konkurrenz-
       kampf wirkungsvoll inszenierten Bonner Positionen den moralischen
       Nationalismus  kritischer  Demokraten,  die  zu  einer  Friedens-
       bewegung angetreten  sind. Diese  Bewegung hat sich das Verdienst
       erworben, die Empörung der Betroffenen ("Wir haben Angst!") gegen
       die Zuständigen  der deutschen  Politik zu  richten; sie  hat die
       Beteiligung der  BRD an  der  europäischen  Abteilung  der  NATO-
       Aufrüstung für  einen   F e h l e r   d e u t s c h e r  P o l i-
       t i k   erklärt, den  sie mit dem Stichwort vom "Kriegsschauplatz
       Deutschland" kennzeichnen  wollte.  Und  ihr  Anliegen,  deutsche
       Weltpolitik ohne die absehbaren Härten militärischen Engagements,
       also   e c h t e   Friedenspolitik zu  verlangen, ist  den linken
       Kritikern der  SPD ausgerechnet  an Polen  suspekt geworden.  Ihr
       Anspruch auf  mehr Unabhängigkeit deutscher Politik, das Beklagen
       der beschränkten  deutschen  Souveränität  ist  der  Befürwortung
       konsequenter  E i n m i s c h u n g  gewichen. Die vielbeschwore-
       ne Angst  der "Menschen"  um den  "Frieden" hat  sich in die ganz
       banale Angst  der  "Deutschen"  vor  den  Russen  aufgelöst;  die
       "alternative Sicherheitspolitik"  lehnt die letzte Konsequenz des
       nationalen "wir"  nur noch bedingt ab - nämlich mit dem Verdacht,
       das in  Bonn verwaltete  "wir" wäre  nicht autonom  genug für die
       freie Entscheidung über den "Ernstfall".
       Der Entschluß der US-Regierung, die Konkurrenz der Waffen vor ih-
       rer Abwicklung  schon weitgehend  zu entscheiden  und  den  Osten
       "totzurüsten", erfreut sich hierzulande heftiger Zustimmung. "Die
       Moskauer Funktionäre  spüren, daß  im Umgang mit Reagan die Dinge
       ihren Preis  haben" -  frohlockt eine angesehene Tageszeitung und
       bemüht zum hundertsten Male die Theorie von Gleichgewicht und Ab-
       schreckung. Ganz nebenbei wird die "ständige Produktion papierner
       Abrüstungsappelle" seitens  der Sowjetunion verhöhnt  u n d  "der
       freie Westen" dazu aufgefordert, erst einmal "nach"zurüsten statt
       zu verhandeln,  also die  russischen  Angebote  zu  Makulatur  zu
       e r k l ä r e n.   Das wiederum  gibt anderen,  die ebenso  genau
       wissen, wo  "unsere Interessen"  liegen, und  daß die Nachrüstung
       sein muß, Gelegenheit, auf  a n s c h l i e ß e n d e n  Verhand-
       lungen zu bestehen. Diese Abteilung wertet prinzipiell jeden Pan-
       zer und  jede Rakete  bis hin  zur Neutronenbombe erst einmal als
       "Verhandlungsposition" statt  als Kriegsgerät. Rüstungsdiplomatie
       in erpresserischer Absicht wird da ohne weiteres als  K r i t i k
       an den  USA verkauft,  und auf  alle Fälle  bestehen westdeutsche
       Fachleute der  Politik auf einer geschmackvollen Präsentation der
       letzten Entscheidungen  von jenseits  des Teiches. Den ganzen Au-
       gust 1981 hindurch erwies sich die Neutronenbombe als glanzvoller
       Anlaß, diese  "Gefechtsfeldwaffe" für den Kriegsschauplatz Europa
       in tiefstem  Ernst vor  allem in folgender Hinsicht bedenklich zu
       finden: 1.  Sind "wir"  konsultiert worden? 2. Hat es für die Be-
       kanntgabe des Produktionsbeschlusses denn kein besseres Datum ge-
       geben als den Jahrestag der Hiroshima-Bombe? 3. Könnte dieser Be-
       schluß jetzt  nicht den  Anti-Amerikanismus in der BRD verstärken
       und die  offizielle Verkaufsstrategie  der "Friedenspolitik"  un-
       glaubwürdig machen?
       Das alles geht als "kritische Diskussion" durch und wird in einem
       wochenlangen Hin  und Her "geklärt". Nein, wir sind nicht konsul-
       tiert worden;  dies ist  aber auch gar nicht nötig gewesen, da es
       eine interne  Angelegenheit der  USA ist...  Im übrigen weiß doch
       ein jeder  von uns,  daß die  Produktion der  Neutronenwaffe, was
       eine bessere  Bezeichnung als  "-bombe"  wäre,  längst  betrieben
       wird. Darüber  hinaus wird  sie jetzt nicht herübergeschafft - im
       Ernstfall dauert es aber nur wenige Stunden. Der 6. August war in
       der Tat  ein unglückliches  Datum, jedoch  dem Anti-Amerikanismus
       ist nur  durch sachliche  Information  beizukommen...  Aus  einem
       Schritt der  Kriegsvorbereitung, der sich bereits auf Details der
       Gefechtsplanung positiv  bezieht, wird  so eine  muntere Übung in
       M e t h o d e n f r a g e n  nationaler Politik. Eher werfen sich
       die um  die Macht  konkurrierenden und koalierenden Parteien vor,
       "die deutsch-amerikanischen  Beziehungen" zu  verschlechtern oder
       "die Finanzierung  des Verteidigungsbeitrags  der BRD" zu gefähr-
       den, als  daß einer  der hohen  Herren einen einzigen wahren Satz
       über den Zweck der Neutronenbombe und die Vorhaben des Bündnisses
       verlauten ließe.
       Und doch  geben sie  in ihren  nationalistischen Interpretationen
       ständig von den  F o r t s c h r i t t e n  Rechenschaft, die sie
       in ihrer  Handlungsfreiheit erzielt haben. Von der "tiefen Sorge"
       um die  "Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen" über die kun-
       dig errechneten  Gleichgewichte der Waffenarsenale gelangen sie -
       im Streit  darüber, wer  die "nötigen Schritte" konsequenter ver-
       tritt und deswegen zum Regieren befugt sei - zu immer eindeutige-
       ren Bekenntnissen.  Was immer auch die Sowjetunion unternimmt, es
       gilt  mittlerweile   als  Beleg   dafür,  daß  "Entspannung"  und
       "Sicherheit",  "Frieden"   und  "Freiheit"  letztlich  nur  durch
       m i l i t ä r i s c h e    Ü b e r l e g e n h e i t    zu  haben
       sind. Das bekam Leonid Breschnew bei seinem Besuch in Bonn im No-
       vember 1981  zu spüren.  Es nützte ihm gar nichts, daß er die Be-
       reitschaft zum  teilweisen Abbau  der vermeintlich im Mittelpunkt
       westlicher Sorgen  stehenden SS 20 mitbrachte. Er mußte erfahren,
       daß es  seinen Gastgebern  so ernst  mit der  Furcht  vor  dieser
       "Bedrohung" gar  nicht ist. Als diplomatische Botschaft durfte er
       die Mitteilung  mit nach  Hause nehmen,  daß die westliche Aufrü-
       stung sich   u n a b h ä n g i g   von den vorhandenen wie unter-
       lassenen Fortschritten  östlicher Rüstung  abspielt. Um  dieselbe
       Botschaft erneut klarzustellen, hat 15 Monate darauf der amerika-
       nische Präsident  seinen Vize  auf eine Werbetournee durch Europa
       geschickt. Dieser  hat die  Zurückweisung jedes sowjetischen Ver-
       suchs, mit  den USA  in ein  diplomatisches    (Ab-)Rüstungs g e-
       s c h ä f t   zu kommen, einfach als prinzipielle  "Verhandlungs-
       b e r e i t s c h a f t"   verkauft und  sie als erfreuliche "Be-
       weglichkeit" ins  Europäische übersetzen  lassen.  Reagan  selbst
       kommentierte vom  Weißen Haus  aus die  aufgeregten Anfragen nach
       etwaigen Kursänderungen  damit, daß es sich bei den "Vorschlägen"
       um eine  längst fällige  P r o p a g a n d a kampagne  handle und
       sonst nichts.  Sämtliche  deutschen  Zeitungen  haben  dies  tags
       darauf korrekt und ohne jede Empörung vermeldet. Offenbar lag den
       Medien der  demokratischen Öffentlichkeit  sehr  viel  daran,  im
       Gefolge der  staatlichen Beschlußfassung  Abschied zu  nehmen von
       dem so "emotional" ausgetragenen Streit um die "Nachrüstung" - um
       die Bürger  künftig nur  noch mit  der Frage zu traktieren, ob in
       Genf "ernsthaft  verhandelt"  würde.  In  ihrer  Gleichgültigkeit
       gegen die verhandelten Positionen ist diese Frage geeignet, jeden
       Fortschritt in  Sachen Rüstung  in ein  Problem des  unstreitigen
       guten Willens  der Politiker  zu übersetzen,  die inzwischen  das
       eine oder  andere Gerät dislozieren und ein "Weltraumprogramm" in
       Aussicht stellen, natürlich zur Friedenssicherung.
       Die nach innen notwendige Rücksichtslosigkeit, wie sie in den USA
       seit Reagan  offizielles Programm  ist, gilt deshalb auch als das
       Ideal der  Politik in den "schwierigen achtziger Jahren", vor dem
       sich jedermann  blamiert, der  ein gutes  Leben dem Nationalismus
       mit seinen  Pflichten vorzieht.  Wo die Anwendung staatlicher Ge-
       walt zur  unerläßlichen Grundlage all dessen deklariert wird, was
       sich die  Bürger leisten  dürfen, zählen  das gute Leben und der-
       gleichen Ansprüche  nicht mehr-  da geht es ums  "Ü b e r leben",
       und zwar  nicht um  das des Volkes mit seinen kleinlichen Sorgen,
       sondern um  das des  Staates. Dessen Repräsentanten und Liebhaber
       erzählen zweifelnden  Christen inzwischen,  daß  die  Bergpredigt
       zwar für  Gehorsam und Opfersinn von Untertanen tauge, keineswegs
       aber eine  zweckmäßige Gesinnung  für  antisowjetische  Strategie
       vermitteln könne.  Pazifisten erfahren  von allerhöchster Stelle,
       daß ihresgleichen  den zweiten Weltkrieg provoziert hätten - Hit-
       ler hätte sich durch die Friedensliebe auswärtiger Völker hinrei-
       ßen lassen.  Und auch angesichts der täglich aus Übersee eintref-
       fenden Meldungen  über MX,  Trident und  B I nähern  sich die dem
       deutschen Nationalismus  verpflichteten Übersetzungen der westli-
       chen Aufrüstung,  an der man sich beteiligt, immer mehr dem Klar-
       text, den  man so  lange wie  möglich zu  vermeiden  suchte:  Die
       Kriegsvorbereitung ist  eine ausgemachte Sache, also wird bereits
       jetzt von  allen Bürgern  die Konsequenz des Nationalismus einge-
       klagt, die  in allen  vormilitärischen Formen der Auseinanderset-
       zung mit dem Ausland angelegt ist. Daß die weltpolitischen Unter-
       nehmungen "der  Russen"   f ü r  u n s  untragbar sind, rechtfer-
       tigt inzwischen  auch die  westdeutsche Innenpolitik,  von  einer
       Wirtschaftspolitik neuen  Typs -  alle "sparen" fürs Militär- bis
       zu Vereidigungen  von Rekruten  im Fackelschein.  Über den  Fort-
       schritt der  "weltpolitischen Konfrontation", auf die  w i r  nur
       r e a g i e r e n,  unterrichten währenddessen die regelmäßig von
       Kanzleramt und Außenministerium in der 'Tagesschau' verlautbarten
       Rundblicke auf alle Konflikte in der Welt, die immer dasselbe be-
       weisen: daß  d e u t s c h e  F r i e d e n s p o l i t i k  eine
       immer ernstere Sache wird und - nach und nach - wegen der anderen
       zum Scheitern  verurteilt sei,  was dann die vorweggenommene Klä-
       rung der  Schuldfrage für  den Dritten  Weltkrieg darstellt. Auch
       die noch  wird sich  von der amerikanischen Lesart unterscheiden:
       w i r   können den  Wunsch der  "Amerikaner"  nach  Überlegenheit
       v e r s t e h e n,  angesichts der Weigerung der Sowjetunion, we-
       sentliche Positionen kampflos zu räumen. Die Interessen des deut-
       schen Volkes liegen...
       
       4. Vom Imperialismus der Bundesrepublik
       ---------------------------------------
       
       Wie eine Nation die Einordnung aller Herren Länder vollzieht, wie
       sie das  gesamte Ausland  in eine  Skala  zwischen  den  Extremen
       Freund und  Feind, in bequeme, verläßliche und mißliebige Partner
       sortiert, verrät  einiges über die Stellung dieses Staates in der
       Welt. Das  Verfahren besteht  nämlich darin, daß sämtliche Bezie-
       hungen, die  mit dem  Ausland unterhalten  werden, eine    P r ü-
       f u n g   erfahren - und deren unerschütterlicher Maßstab ist ein
       sehr   p r a k t i s c h e r:   das ökonomische,  politische  und
       militärische   I n t e r e s s e   wird je nach dem, wie ihm aus-
       wärtige Souveräne  und Völker  entsprechen,  in  deren  gute  und
       schlechte   E i g e n a r t  übersetzt. Insofern gibt das bundes-
       republikanische Weltbild,  das alle außenpolitischen Aktionen der
       Regierung begleitet,  sehr zuverlässig  Auskunft über  den Erfolg
       des Bemühens, andere Nationen  b r a u c h b a r  zu machen.
       1.  Ö k o n o m i s c h  zählt sich die BRD zu den "Wirtschafts-"
       oder "Industrienationen",  die sich  erstens ihresgleichen, zwei-
       tens "unterentwickelten  Ländern" gegenübersehen; mit den anderen
       Industrienationen verbindet  sie ein  reger Handel,  der sich auf
       Waren aller  Art erstreckt, also auch auf die Ware Kapital. Deut-
       sche Geschäftsleute  und Banken kalkulieren mit Produkten und ih-
       ren Preisen,  die andere Nationalökonomien offerieren, und ziehen
       umgekehrt mit  der größten  Selbstverständlichkeit andere  Länder
       als Käufer  wie als  Anlagesphäre in Betracht. Deutsche Politiker
       leiten daraus  seit  längerem  das  Recht  ab,  unter  dem  Titel
       "Europa" auf  die Entscheidungen  einiger Souveräne  "Einfluß  zu
       nehmen" - und in Konfliktfällen, wo diese Einflußnahme nicht rei-
       bungslos klappt,  warten sie mit dem Fingerzeig auf, daß ihnen in
       der Ablehnung  gewisser  finanzieller  Verpflichtungen  und  auch
       sonst Mittel  zu Gebote  stehen, deren Einsatz den Partnern nicht
       recht sein  kann. Kein Monat verstreicht, ohne daß im Namen Euro-
       pas irgendeiner  befreundeten Nation die Rechnung aufgemacht wird
       darüber, was "für uns" tragbar ist und was nicht. Kaum zu überse-
       hen, worin  das flotte  Auftreten der Repräsentanten dieser Repu-
       blik gründet: Da ergreifen die Vertreter eines  b e g e h r t e n
       Handelspartners, eines   p o t e n t e n   Kreditgebers und Anle-
       gers das Wort, die wissen, daß sie Abhängigkeiten mit dem Ausland
       g e s c h a f f e n   h a b e n,   über die sich kaum ein Partner
       ohne Schaden  hinwegsetzen kann.  Stets wird  in der Kundgabe all
       dessen, wovon  "wir"  a b h ä n g i g  sind - vom Export, von der
       europäischen Währungspolitik, von der Einhaltung der zu produzie-
       renden Stahlkontingente etc. -, die banale Wahrheit offenbar, daß
       der  unter  Verwaltung  bundesdeutscher  Regierungen  geschaffene
       Reichtum ein  sehr wirksames  Mittel darstellt,  um    B e d i n-
       g u n g e n   für andere   z u   s e t z e n.  So schämt man sich
       auch nicht,  in "Informationen  zur Entwicklungspolitik" sowie in
       der täglich  den Globus  besichtigenden freien Presse den Ländern
       der "Dritten  Welt" eine  Diagnose auszustellen,  die es  in sich
       hat:
       
       Weil ein  Volk in  seiner Mehrheit  arm ist, kann niemand sparen.
       Dadurch ist  kein Kapital für Investitionen vorhanden. Die Folge:
       Es gibt zu wenig Produktionsstätten, die Produktivität ist zu ge-
       ring. Dadurch gibt es zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Verdienst-
       möglichkeiten. Wo nicht verdient wird, kann der Staat keine Steu-
       ern erheben. Leere Staatskassen bedeuten: keine staatlichen Ange-
       bote an  Bildungs- und  Ausbildungsmöglichkeiten, mangelhafte Ge-
       sundheitsfürsorge...
       
       Solches meinen  selbstbewußte Wortführer  einer "Industrienation"
       allen   Ernstes    in   den    Elendsgegenden   des   Weltmarktes
       v o r z u f i n d e n.  Aus der nützlichen Armut hierzulande, die
       zur fest einkalkulierten Grundlage für das Prosperieren von Kapi-
       tal und  Staat gemacht  worden ist,  entnehmen sie die Entstehung
       von Kapital durch das Sparen - und das Nicht-Vorhandensein dieser
       Mär scheint  ihnen der  Grund für  das Fehlen  all der  menschen-
       freundlichen Entwicklungen,  auf die  sie  i h r e m  Land soviel
       zugute halten.  Mit der  Logik des  Vergleichs von "entwickelt" -
       "unterentwickelt", der  sie zu  der Einsicht führt, daß die Armut
       der Entwicklungsländer  eine schlechte Geschäftsgrundlage für die
       dortige Staatskasse  darstellt, so  daß aus dieser auch nicht die
       nötigen Vorkehrungen  zur Beseitigung des Elends getroffen werden
       können, beschwören  sie  den    "T e u f e l s k r e i s    d e r
       A r m u t",   der "uns" zur Entwicklungshilfe verpflichtet. Ganz,
       als ob  je eine Mark Entwicklungshilfe an die notleidenden Völker
       adressiert  worden   wäre!  Bei   der  Darlegung  dieses  Zweiges
       "unseres" weltweiten Wirkens wird dann aber schnell offenbar, daß
       auch Neigung  mit  im  Spiel  ist.  Die  Entwicklungshilfe  liegt
       nämlich auch im Interesse der Industrienationen,
       
       nicht nur  wirtschaftlich, weil  ein Viertel  unserer Exporte  in
       Entwicklungsländer geht  und wir einen Großteil unserer Rohstoffe
       von dort  beziehen. Ein Ausgleich der politischen und wirtschaft-
       lichen Interessen  mit allen  Entwicklungsländern dient vor allem
       der Sicherung des Friedens.
       
       Auch hier  gibt die  Ideologie durchaus darüber Aufschluß, was an
       "Beziehungen" so  stattfindet. Erstens  wird die  Sache  mit  dem
       "Teufelskreis der  Armut" dahingehend  korrigiert, daß der Schein
       entfällt, mit  einem Volk,  das "in seiner Mehrheit arm ist", sei
       kein Geschäft  zu machen.  Die betreffenden Länder sind sehr wohl
       in den   Weltmarkt  e i n b e z o g e n,  und das nicht erst seit
       gestern: wie sollten "wir" sonst auf einen Großteil "unserer Roh-
       stoffe" von  dort angewiesen sein? Mit diesem Hinweis, der sicher
       nicht als  Verdacht bezüglich  des Grundes  für die Armut gemeint
       ist, wird zugleich der "Ausgleich" als Zweck der "Zusammenarbeit"
       sehr offenherzig  dementiert. Immerhin  bleibt "unser  Interesse"
       als  guter   Grund  für   die   Entwicklungshilfe   stehen:   als
       z u s t ä n d i g   für die  Betreuung von  "Entwicklungsländern"
       dürfen sich "Industrienationen" allemal ausweisen, und wer wollte
       ihnen angesichts  ihrer Abhängigkeit  von Rohstoffen,  welche die
       armen Völker  partout nicht selbst anwenden können, die Entschei-
       dungsbefugnis absprechen  über alle  Modalitäten des Welthandels,
       die sie  auf ihren  Wirtschaftsgipfeln aushandeln.  Da gibt es in
       Währungsdingen und  Kreditvergabe  an  Regierungen  der  "Dritten
       Welt" - die es ja ohne die "erste" gar nicht gäbe - manches fest-
       zulegen und  zu erstreiten;  der Frieden,  der  bei  solchen  Ge-
       schäftspraktiken gesichert werden soll, hat nämlich einen Inhalt,
       d.h. er  erschöpft sich  keineswegs in der Abwesenheit von Krieg.
       Die universale  Nutznießung sämtlicher  Weltgegenden bedarf einer
       entsprechend gelungenen  Herrschaft  vor  Ort;  und  sowenig  der
       "Frieden" durch die Unbotmäßigkeit darbender Analphabeten gefähr-
       det ist,  so "heikel"  wird für die Veranstalter eines "Nord-Süd-
       Dialogs" die  Lage, wenn  sich in den politischen Garantien etwas
       ändert. Während  "wir" unsere bisweiligen "lebenswichtigen Inter-
       essen" dort   h a b e n,  stellt die "Einmischung" anderer Natio-
       nen ganz  leicht eine "Gefährdung des Weltfriedens" dar - und da-
       bei  kommt   es  noch   nicht  einmal   darauf  an,   was  andere
       "Industrienationen" dort wollen.
       Kein Wunder,  daß sich  der Ostblock  sowohl ökonomisch wie poli-
       tisch einer  besonderen Betrachtungs-  und  Behandlungsweise  er-
       freut. Aus  der Sicht einer "Industrienation", die bei ihren Pro-
       duktionen so "exportabhängig" ist, die andererseits selbst so arm
       an Rohstoffen  dasteht wie  die BRD,  daß sie ohne diesbezügliche
       gesicherte Importe  nicht leben  kann, gerät die Sowjetunion samt
       realsozialistischem Anhang  in ein schiefes Licht: Keiner der üb-
       lichen Verkehrsformen  der "Weltwirtschaft"  gegenüber zeigt  sie
       sich aufgeschlossen; in ihrem staatlichen Außenhandelsmonopol be-
       hält sie  sich alle  erdenklichen Handelshindernisse  vor, an der
       Konvertibilität ihrer  Währung lag  ihr seit den ersten Tagen des
       GATT nichts  mehr - und wenn sie - aus welchen Gründen auch immer
       doch einmal  ein Geschäft mit sich machen läßt, so nur unter ganz
       speziellen Bedingungen,  die vermuten  lassen, daß  es nur  ihrem
       einseitigen Vorteil gilt. Zwar sind diese Geschäfte inzwischen in
       Milliardenhöhe üblich  und als  "Osthandel" in die Geschichte der
       Entspannungspolitik eingegangen  - diejenigen, die die dafür not-
       wendigen Kredite  vergeben, entscheiden sogar recht handfest über
       die Geschicke der polnischen und anderer Volkswirtschaften mit -,
       doch leiden  sie allesamt  an einem Mangel. Weder handelt es sich
       bei den  abgewickelten Geschäften um Zugeständnisse von gefügigen
       Staatswesen,  die   ihren  äußeren   Abhängigkeiten  entsprechend
       Dienste verrichten,  wie bei den Abkommen von "armen Ländern" mit
       "uns",  in   denen  eine   souveräne  Staatsmacht   ihre  Grenzen
       "erkennt", sich mit dem Ausland arrangiert und dies im Umgang mit
       den eigenen  Untertanen beweist  - am besten durch die stete Ver-
       kündigung nationalen Aufbaus und der Demokratie als Endziel. Noch
       bewährt sich der Osten als gleichgesinnter und den gleichen Maxi-
       men gehorchender "Partner", der "berechenbar" - das ist die Chif-
       fre für  "ein mit  seinen eigenen  Kalkulationen zu überzeugender
       und zu  erpressender Souverän" - bleibt in seinen Aktionen. Nicht
       einmal im Angewiesensein auf regelmäßige Deviseneinkünfte aus dem
       Westen will  sich eine Sowjetunion zu ihrer "Abhängigkeit" beken-
       nen; im  Gegenteil, sie  beharrt darauf,  daß in  ihrem Fall  ge-
       schäftliche Kalkulation  und nationales  Interesse nicht  in eins
       fallen, daß sie auch in ihren außenpolitischen Entscheidungen ei-
       nem anderen  Kriterium verpflichtet sei als dem Erfolg des priva-
       ten Reichtums von Bürgern, in dem jeder bürgerliche, also ordent-
       liche  Staat   seine   Existenzgrundlage   besitzt.   Kurz:   die
       S y s t e m f r a g e   wird von diesen Störenfrieden eines gere-
       gelten internationalen  Verkehrs ständig  aufgeworfen -  und wenn
       sie per  Diplomatie und militärischem Engagement auch noch um Un-
       terstützung durch  instabile Staaten werben, also Fuß fassen wol-
       len in  der Weltpolitik, dann kann ihnen gemäß H.D. Genscher, Au-
       ßenminister der  BRD, ein  "maßvolles weltpolitisches  Verhalten"
       keinesfalls attestiert  werden. Also  ist vom Boykott der olympi-
       schen Spiele über die Aufkündigung von Handelsbeziehungen bis zur
       Demonstration und  Herstellung militärischer  Überlegenheit alles
       geboten, um  die Zuständigkeit   d e s  Systems zu wahren, dessen
       Interessen in jeder Hinsicht ein  F a k t u m  sind.
       2. Ein  p o l i t i s c h e r  Zwerg ist die Bundesrepublik schon
       lange nicht  mehr. Mag sein, daß dieser selbstverliehene Titel in
       den Gründungstagen  des westdeutschen  Staates etwas von Wahrheit
       an sich  gehabt hat - aber schon die ersten Tage der Adenauer-Di-
       plomatie bestanden  in sehr  speziellen Kampfansagen an den Osten
       ("Alleinvertretungsanspruch",  Wiedervereinigung,  Hallstein-Dok-
       trin) die sich für eine "kleine Nation", die einer Front von Sie-
       germächten gegenübersteht,  ziemlich seltsam  ausnehmen. Aber  zu
       dem Zeitpunkt, an dem die "politisch Verantwortlichen" den Schein
       bundesdeutscher Ohnmacht  in die  innenpolitische Selbstbespiege-
       lungsdebatte warfen,  ging es schon längst um die Bemäntelung all
       dessen, was  diese Nation  in der Welt anrichtet und wozu sie die
       rückhaltlose Unterstützung ihres Volkes reklamiert.
       Die inzwischen  erreichte Stellung  der  Bundesrepublik  auf  dem
       Weltmarkt, ihr  faktischer Umgang  mit allen Staaten, die Nützli-
       ches und  Preiswertes zu  verkaufen haben oder umgekehrt erstehen
       wollen, läßt in einer Hinsicht keinen Zweifel offen: aus der Ent-
       scheidung der  USA, diesen Staat zu errichten und seine Geschäfte
       florieren zu  lassen, haben  die politischen Veranstalter einiges
       zu machen  verstanden. Unter  dem tatkräftigen Einsatz des arbei-
       tenden Teils  ihres Volkes  haben sie aus dem  S c h u t z  ihrer
       Souveränität durch  die westliche  Weltmacht das   "K a p i t a l
       g e s c h l a g e n"   - und  zwar im  wahren Sinne des Wortes -,
       das heute als Basis für einen schlagkräftigen politischen Überbau
       fungiert.
       Die Bundesrepublik  Deutschland ist mit ihren ökonomischen Inter-
       essen eine  weltweit   a n e r k a n n t e  Macht, so daß es nie-
       mand für  anstößig befindet,  wenn sie auf Wirtschaftsgipfeln die
       Konditionen künftigen Welthandels mitbestimmt. Daran, daß sie als
       NATO-Frontstaat tatkräftig  an der jeweils aktuellen Variante der
       Feindschaftserklärung gegen  die östliche Weltmacht mitwirkt, hat
       sich die  übrige Staatenwelt  längst gewöhnt  - ebenso wie daran,
       daß befreundete  Staaten der  BRD mit westdeutschem Kriegsgerät -
       natürlich nach  im Bundestag demokratisch beschlossenen Kriterien
       und unter  gleichzeitiger Kritik an den armen Ländern, sie würden
       zuviel für Waffen ausgeben - versorgt werden. Und dennoch: in der
       öffentlichen wie gelehrten Beurteilung dieser Nation, die den ge-
       samten Globus  als brauchbares Betätigungsfeld für "unsere Inter-
       essen" behandelt,  die sogar in der Benützung des anderen Systems
       erhebliche Erfolge verbuchen konnte und jetzt ein extra militäri-
       sches Gleichgewicht  zwischen "Europa"  und der UdSSR reklamiert,
       will niemand  vom Charakter dieser universalen Zuständigkeit auch
       t e r m i n o l o g i s c h  Notiz nehmen.
       3.  I m p e r i a l i s m u s  also soll man das alles nicht nen-
       nen, was  da unter  der gar nicht bescheidenen Parole "Verantwor-
       tung für  den Weltfrieden"  seit Jahrzehnten vollzogen wird. Denn
       soviel  will  auch  heute  noch  jedermann  mit  diesem  Terminus
       verbinden: Streben  nach Herrschaft  in  aller  Welt,  Ausbeutung
       fremder Völker,  Anwendung von  Gewalt gegen  andere Souveräne  -
       also lauter  Verstöße gegen  den moralischen Kodex menschenrecht-
       lich wie völkerrechtlich informierter Demokraten.
       Also kann  nicht sein,  was nicht  sein darf. Wer schlicht darauf
       verweist,
       - daß der BRD-Staat im Innern eine Klassengesellschaft unterhält,
       in der  keine Leistung  und kein  Opfer der  arbeitenden Mehrheit
       groß genug ist, um die Mehrung privaten Reichtums zu befördern,
       - daß der  Staat diesen  Reichtum auswärts als Hebel einsetzt, um
       seiner Vermehrung  auch die außerhalb seines Hoheitsgebietes ver-
       fügbaren Quellen zu erschließen,
       - daß diese  Nation auch  über die dazu nötigen Gewaltmittel ver-
       fügt und  - für  den Fall, daß sie als politische Drohung oder in
       ihrer amerikanischen Anwendung den Erfolg nicht gewährleisten
       - mit  K r i e g  k a l k u l i e r t,
       sieht sich  mit entschuldigenden  Dementis konfrontiert,  die die
       Tatsachen des  Imperialismus für  dessen    Ü b e r w i n d u n g
       erachten und  die aufgeteilte  und benützte Welt zum  Z e u g e n
       f ü r   d i e  H a r m l o s i g k e i t  ihres Nutznießers anru-
       fen.
       
       5. Die theoretische Überwindung des Imperialismus
       -------------------------------------------------
       
       Aufgeklärten Weltbürgern  sind die Tatsachen der Weltpolitik sehr
       gut bekannt. Sie haben sich längst daran gewöhnt, daß jede Erdge-
       gend mit ihren Naturschätzen erschlossen ist, daß jeder Staat mit
       seinem Volk einen Gegenstand  g e s c h ä f t l i c h e r  K a l-
       k u l a t i o n   darstellt. Auch  wissen  sie,  daß  ihre  demo-
       kratischen Regierungen  - die  der Bundesrepublik hält sich da im
       Rahmen des Bündnisses keineswegs vornehm zurück - mit einem welt-
       weiten Einsatz  von   G e w a l t   Sorge für das Gelingen dieser
       Kalkulation tragen,  daß die  politischen Garanten  des Geschäfts
       also ständig  mit dem Krieg rechnen. Vertraut sind ihnen auch die
       Opfer, welche politische und ökonomische Interessen in der großen
       Politik des  20. Jahrhunderts  fordern. Die  einschlägigen Klagen
       sind fester  Bestandteil der  öffentlichen  Meinungsbildung,  die
       Produktion von  Leichen entzieht sich - in welchen Ecken der Welt
       sie auch gerade wieder auf einen Höhepunkt zusteuert - nur selten
       den TV-Kameras  und den  stilvollen Schilderungen der Kommentato-
       ren.
       Und doch  ist es  mit den  Kampfansagen gegen den  I m p e r i a-
       l i s m u s,   die einmal  von links  seine Durchsetzung  beglei-
       teten, vorbei.  Der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb liefert zwar
       meterweise Statistiken  und Studien  über die Ordnung in der Welt
       und ihre  Krisen -  aber von  den  N o t w e n d i g k e i t e n,
       d.h. den  ehernen Gesetzen einer durch staatliche Gewalt weltweit
       inszenierten Kapitalverwertung wollen Theoretiker heute bei aller
       wohlwollenden, klagenden  und kritischen  Beschäftigung mit ihren
       Verlaufsformen nichts wissen.
       Wer heute  wie weiland  Lenin bei der Abfassung seines Klassikers
       das von Brotgelehrten verfaßte Schrifttum heranzieht, findet sich
       bei dem  Bemühen, Klarheit  über den  Zusammenhang  von  arm  und
       reich, Krieg  und Frieden im Weltmaßstab zu gewinnen, mit wissen-
       schaftlichen Meinungen  konfrontiert, die kaum mehr als  I d e o-
       l o g i e   zu  bezeichnen  sind.  Wenn  in  einem  Lehrbuch  der
       Volkswirtschaft zu lesen ist:
       
       Internationaler Handel wird getrieben, wenn ein Land durch Außen-
       handel eine  größere Güterversorgung erreichen kann als ohne Han-
       del
       
       so handelt  es sich  längst nicht  mehr um  eine Formulierung der
       "Theorie der  komparativen Kosten",  als die dergleichen verkauft
       wird. Weder  von Kosten und Gewinn, und schon gar nicht von Kapi-
       tal und  Staat ist  da die  Rede, wenn die von Ricardo vertretene
       Lehre -  derzufolge im  internationalen Tausch, für den sich ver-
       schiedene Nationen  spezialisieren, beide  Nationen (!)  gewinnen
       können - an modernen Universitäten verballhornt wird, und zwar zu
       L ü g e n.   Denn soviel geht tatsächlich aus der bloßen Anschau-
       ung der  Realität von Armut und Elend in armen wie reichen Natio-
       nen, die  alle flott  am Weltmarkt partizipieren, hervor: daß die
       G ü t e r v e r s o r g u n g   ganz sicher  n i c h t  den Grund
       und Zweck des Weltmarkts abgibt.
       In der  Erfindung von nicht existenten Zwecken sind die sich sehr
       sachkundig gebenden  Nationalökonomen bei  ihrer Betrachtung  des
       Weltmarkts wirklich nicht faul. Getrennt von allen wirklichen Be-
       wegungen, die Gold und Dollar, Mark und Kreuzer durchmachen, dis-
       kutieren sie  die fiktive  Alternative zwischen festen und flexi-
       blen Wechselkursen,  um dann - bisweilen aus dem sehr konjunktur-
       bedingten Anlaß  eines nationalen Geschäftsrückgangs, eines Nach-
       teils in  Exportdingen etc.  - der  einen   M ö g l i c h k e i t
       die Leistung  zuzusprechen, auf  die es  doch  wohl  ankame:  die
       V e r s o r g u n g   m i t   L i q u i d i t ä t.   Und in ihrer
       expertenhaften Besichtigung  von Zahlungsströmen  und Wechselkur-
       sen, Zinsniveaus und Auslandsanlagen daraufhin, ob die beobachte-
       ten Bewegungen  eine   a u s g e g l i c h e n e   Handels-, Zah-
       lungs- oder  Leistungsbilanz zuwege  bringen oder irgendein uner-
       trägliches, folgenreiches  und "gefährliches"    U n g l e i c h-
       g e w i c h t,  gestehen sie ihre  M e t h o d e  ein. Unabhängig
       davon, daß  keine der  auf dem  Weltmarkt maßgeblichen  Instanzen
       eine wie  immer geartete Bilanz und ihren Ausgleich zum Ziel hat,
       unbeschadet der banalen Einsicht, daß die diversen Gleichgewichte
       nicht einmal  miteinander vereinbar  waren, ginge  es jemandem um
       sie, ergreifen  sie   P a r t e i   f ü r   d a s  F u n k t i o-
       n i e r e n   der Weltwirtschaft. Alle  I d e o l o g i e n,  mit
       denen  Staatsmänner  gerne  ihre  gelungenen  oder  gescheiterten
       Geschäfte rechtfertigen  und verdolmetschen,  nehmen  sie  bitter
       ernst, machen sich das konstruierte  P r o b l e m  zum theoreti-
       schen Anliegen,  um zur Suche nach  F a k t o r e n  überzugehen,
       die seiner   L ö s u n g  entgegenstehen. Dieses Verfahren allein
       bürgt für  das Zustandekommen  von ökonomischen Diagnosen, die in
       konsequenter Demonstration  der   S o r g e  um den reibungslosen
       Ablauf des Waren-, Geld- und Kapitalverkehrs in der medizinischen
       Metaphorik den für die Nationalökonomie passenden Jargon gefunden
       haben. Aus  den Konkurrenzkämpfen  um den Ölpreis, den OPEC-Staa-
       ten, Ölkonzerne,  die Regierungen  der westlichen  Länder und die
       Verkäufer der  Endprodukte vom  Benzin bis  zum Plastiktütchen im
       Supermarkt zu  ihrem Geschäftsmittel  zu machen  streben, ist bei
       allem Erfolg  der beteiligten Hauptakteure in der wissenschaftli-
       chen wie  populären Publizistik  eine  veritable  "E n e r g i e-
       k r i s e"   geworden. Sooft sich in Fragen des Dollarkurses eine
       oder mehrere  europäische Zentralbanken  über Nachteile  der  von
       ihnen  repräsentierten  Geschäftsinteressen  beklagen,  sind  die
       Fachleute  zur   Stelle  und  beschwören  eine    "W e l t w ä h-
       r u n g s k r i s e"   - selbstverständlich  nicht  ohne  (leider
       nicht zu  realisierende)  Vorschläge  zur  Wiederherstellung  der
       "Funktionsfähigkeit"  des   darniederliegenden  IWF   mit  seinem
       empfindlichen System von Sonderziehungsrechten. Vor dem  I d e a-
       l i s m u s   d e s   G e l i n g e n s    s c h l e c h t h i n,
       den die  beteiligten Staaten,  Banken und  Börsenjobber in  wohl-
       kalkulierter bis  erpresserischer Absicht in die Welt setzen, ge-
       raten einem  Ökonomen die  Konkurrenzinteressen samt  den Mitteln
       ihrer Durchsetzung  - also das, worum es geht - zu einer einzigen
       Ansammlung von  unvernünftigen Entscheidungen, die den liebgewon-
       nenen "subtilen  Mechanismus" in  all seiner  "Komplexität" außer
       Betrieb setzen  und die  "Selbstheilungskräfte" des Marktes nicht
       zum Zuge  kommen lassen. Mit all ihrer prätendierten Kennerschaft
       meldet die heutige Nationalökonomie lieber ein theoretisches Sor-
       gerecht auf den internationalen Kapitalmarkt an als ihn zu erklä-
       ren; das  Bewußtsein von  der  "K o m p l e x i t ä t"  der Sache
       und den   S c h w i e r i g k e i t e n   mit Begriffen und Defi-
       nitionen läßt  sie als  einzige  s a c h l i c h e  und  s a c h-
       k u n d i g e   Art und  Weise gelten,  über die  staatlich  ver-
       mittelten Geschäftspraktiken,  den Umgang mit Geld, Ware, Kredit,
       Kapital  u n d  Menschenmaterial zu reden.
       Was den  Ökonomen recht ist, erachten Fachleute der internationa-
       len Politik  nur für  billig. Auch  ihnen ist die Verwandlung von
       vorgefundenen Ideologien  in wissenschaftliche "Ansätze" geläufig
       - so  sehr, daß sie aus der offiziellen Bezeichnung gewisser Kre-
       ditpraktiken als   "E n t w i c k l u n g s h i l f e"  den Zweck
       der Hilfe und das Ziel der "Entwicklung" als gesicherte Grundlage
       für allerlei Räsonnements über effektivere Hilfe und Alternativen
       der Entwicklung  akzeptieren,   M o d e l l e   entwerfen und die
       Realität des  politischen Verkehrs  zwischen  "Industrienationen"
       und "Dritter  Welt" keines  Blickes mehr würdigen. Nach allen Re-
       geln der  Kunst, die  moderne Sozialwissenschaften zur Perfektion
       gebracht haben  - die Rede ist von der Kunst, etwas zu behaupten,
       den getroffenen  Aussagen hypothetischen  Charakter  zuzusprechen
       und sich zu fragen, ob sich in der Realität etwas findet, das den
       Hypothesen entspricht  -, wird  da "Imperialismustheorie" betrie-
       ben. In  dem Aufsatz  Eine strukturelle Theorie des Imperialismus
       (Imperialismus und  strukturelle  Gewalt,  hg.  v.  D.  Senghaas,
       Frankfurt 1972,  es 563, S. 29-104) zeigt J. Galtung in nicht en-
       denwollenden "Reflexionen"  auf, "daß  zwischen der Zentralnation
       als ganzer  und der  Peripherienation als  ganzer Disharmonie der
       Interessen besteht"  (S. 38).  Aber nicht etwa, um die Gegensätze
       zwischen den ökonomischen Bedürfnissen einer schwarzafrikanischen
       Regierung und bundesdeutschen Krediten auszumachen auch nicht, um
       den Widerspruch  zwischen den  Waffenlieferungen und  den Überle-
       bensnotwendigkeiten des  Volkes zu kennzeichnen, dessen Staat das
       Tötungsgerät in  Empfang nimmt!  Hier gibt  sich ein  engagierter
       Wissenschaftler seriös,  indem er  sich die  Frage vorlegt, ob er
       denn nun  etwas Brauchbares  aufgezeigt habe.  So schreitet er zu
       einem Dementi:
       
       Aber diese  Art von Feststellung, auf die häufig rekurriert wird,
       ist äußerst irreführend, weil sie die Interessenharmonie zwischen
       den beiden Zentren verschleiert...
       
       Er zermartert sich sein Hirn mit einer "komplexen Definition" des
       Imperialismus:
       
       In unserer  Zwei-Nationen-Welt kann  (!) Imperialismus  jetzt be-
       stimmt werden  als eine Möglichkeit (!) der Machtausübung der Na-
       tion im Zentrum über die Nation an der Peripherie...
       
       und bemerkt keineswegs, daß er nur noch über lauter Abstraktionen
       von der  Welt verhandelt und das wirkliche Geschehen zu einem Ge-
       füge von  "Interaktionsstrukturen" und  "Interaktionsbeziehungen"
       verfabelt, die  in ihrer  Inhaltslosigkeit nur das Bedürfnis nach
       der Erstellung  eines Modells  befriedigen, das  schließlich  mit
       Pfeilen und Kästchen vor dem Leser ersteht. Es ist eben etwas an-
       deres,  die   Weltwirtschaft  zur  Kenntnis  zu  nehmen  und  die
       G r ü n d e   zu erschließen, die ihre maßgeblichen Subjekte dazu
       bringen, ein  fröhliches Nebeneinander  von Armut und Reichtum zu
       erzeugen, als  die ökonomischen  und politischen  Benutzungs- und
       Erpressungspraktiken in die Idee einer  S t r u k t u r  zu über-
       setzen. Nur  wer letzteres  mit Wissenschaft  verwechselt, ist in
       der Lage,  über   B e o b a c h t u n g e n  i m  I r r e a l i s
       Belege für  die Existenz  des Imperialismus  finden zu wollen und
       sich wegen  des absehbaren  Scheiterns dieses Bemühens einen Auf-
       trag für  F a k t e n studien  zu erteilen:
       
       Angenommen, wir  gingen nun  vom entgegengesetzten  Ende aus  und
       entdeckten, daß  manche Nationen im Laufe der Zeit ihre Lebensbe-
       dingungen stärker  verbessern als  andere und  daß dieser  Prozeß
       eine bestimmte  Struktur hat,  eine bestimmte  Invarianz. Wie ge-
       sagt, ist das an sich noch kein Beweis für die Existenz von Impe-
       rialismus; es  sollte aber den Forscher dazu veranlassen, in die-
       ser Richtung nach Faktenmaterial zu suchen.
       
       Die Ergänzung  einer Welt,  die aus "Strukturen", "Prozessen" und
       "Beziehungen" besteht (denen immerzu das Attribut "bestimmt" bei-
       gelegt wird, ganz als ob dadurch die Bestimmungslosigkeit der so-
       ziologischen Worthülsen  getilgt wäre!),  um Statistiken des Pro-
       Kopf-Einkommens aller  Weltgegenden ist  allerdings keine Hinwen-
       dung zur Realität, sondern deren Vortäuschung. Denn den Dollarbe-
       trag, der  da ideell  einem Pakistani  oder Schwarzafrikaner  zum
       Verzehr in die Hand gedrückt wird, sieht der gute Mann sein Leben
       lang nicht.  Und der verschämte Hinweis darauf, den moderne Theo-
       retiker der "Unterentwicklung" stets zur Hand haben, daß die Ver-
       teilung des  Bruttosozialprodukts  eben  eine  äußerst  ungleiche
       wäre, nimmt ihrem Konstrukt nichts von seiner Absurdität. Man muß
       eben erst  einmal das  Ziel einer Versorgung der Welt mit Lebens-
       mitteln und  -chancen als  e x i s t e n t  unterstellen um seine
       Nicht-Realisierung zu beklagen und diese Klage dann als Erklärung
       des Imperialismus  auszugeben -  die wohlmeinenden  Korrekturvor-
       schläge in Sachen "Veränderung der Strukturen" erweisen sich dann
       ausgerechnet deshalb  als undurchführbar, weil die "Realität" sie
       nicht zuläßt.  Diejenigen Forscher,  die sich  als Imperialismus-
       theoretiker an den modernen Universitäten einen Namen machen, ha-
       ben im übrigen längst die "Schwierigkeit" der Veränderung mit ih-
       ren theoretischen  Drangsalen und  Unzulänglichkeiten zusammenge-
       bracht:  auch   eine  Weise,  die  Macher  des  Imperialismus  zu
       e n t s c h u l d i g e n,   indem man die eigenen, auf "Überwin-
       dung" von  Ungerechtigkeiten aller  Art zielenden  Analysen  zwar
       nicht der  Falschheit, wohl  aber der  Vorläufigkeit  und  Unaus-
       gegorenheit bezichtigt. Darauf versteht sich D. Senghaas, der als
       langjähriger Leiter  der Hessischen  Stiftung für  Friedens-  und
       Konfliktforschung mit  der Rede  von "struktureller  Gewalt"  und
       "organisierter Friedlosigkeit"  die  imperialistischen  Praktiken
       und ihre  Wirkungen  in  soziologischen    M e c h a n i s m e n,
       d i e  w a l t e n,  verankert hat, sehr gut:
       
       [...] doch  gilt es, zuerst einmal das Fundament für die analyti-
       sche Erfassung  gegebener Tatbestände zu legen, ehe Veränderungs-
       strategien entwickelt  werden, die,  wenn sie  auf unzulänglichen
       Analysen beruhen,  sich kaum  in praktisches  Handeln  übersetzen
       lassen. (Editorisches  Vorwort zu  Imperialismus und strukturelle
       Gewalt, S. 25)
       
       So mag  sich mancher  verhungernde oder in einen mit europäischen
       und amerikanischen  Waffen angezettelten  Bürgerkrieg verwickelte
       Afrikaner damit  abfinden, daß  sein  Schicksal  sich  nicht  den
       T a t e n   u n d   L e i s t u n g e n   gewisser Außenpolitiker
       verdankt,  sondern  dem  bislang  noch  fehlenden  "Konzept"  für
       "symmetrisch strukturierte Hilfeleistung"!
       Nie wird  modernen Wissenschaftlern, die in der Befassung mit den
       verheerenden Wirkungen  des "Weltmarkts"  und der  "Entwicklungs-
       politik" ihre  Karriere machen, die offiziell angegebene Zielset-
       zung verdächtig.  Lautet sie  "Hilfe", warnen  sie  vor  falscher
       Hilfe und  ersinnen   Hilfs m o d e l l e,  lautet sie "Frieden",
       so  eröffnen  sie  sich  das  weite  Feld  der    Friedens f o r-
       s c h u n g   und unterstellen  den berufsmäßigen  Rüstungsdiplo-
       maten  den  ungebrochenen  Willen  zur  Vermeidung  von  Kriegen,
       freilich mit  gewissen Erkenntnislücken in Sachen "Kriegsgefahr",
       die sie  dann schließen.  Dem   s t r a t e g i s c h e n    Z y-
       n i s m u s,   der die  Waffen des  Feindes  als  Beleg  für  die
       schlechten Aussichten  auf einen Sieg und damit schon auch einmal
       für die  Überholtheit des  Krieges wertet, verschaffen die Männer
       der  Friedensforscherzunft   wissenschaftliche  Reputierlichkeit,
       indem sie  die   M i t t e l   des Krieges  als Grund  für  seine
       Unbrauchbarkeit ebenso  in Druck  geben wie  als Gefahr  für sein
       Zustandekommen. Was  soll man  eigentlich von Intellektuellen wie
       Senghaas halten,  die sich  fragen,  "ob  das  Atomzeitalter  das
       Zustandekommen einer  (!) Beziehung  zwischen Politik  und Gewalt
       zuläßt", die  aber auch  Gewalt "strukturell"  und "den Unfrieden
       institutionell verankert"  wissen wollen? Kann man ihnen wirklich
       ihren   I d e a l i s m u s   d e s  F r i e d e n s,  an dem sie
       so unermüdlich herumschriftstellern, zugute halten? Oder darf man
       ihnen ganz ungeniert bescheinigen, daß sie mit großkalibrigen und
       geschichtsträchtigen Sätzen wie:
       
       Der Krieg als Fortsetzung der Politik ist weithin (!) sinnlos (!)
       geworden... Das  Größenwachstum seiner Mittel führte den Ruin (!)
       des Krieges nach rein militärischen Begriffen schon vor Jahrzehn-
       ten herbei.
       
       auf ihre  Weise den  Politikern zur Seite stehen, die immerzu aus
       der Tatsache, daß Kriege nicht Zweck, wohl aber kalkuliertes Mit-
       tel sind,  ihre   F r i e d e n s p o l i t i k   begründen?  Die
       zielt nämlich  auf die Nachgiebigkeit des Gegners, den heutzutage
       jeder kennt,  beruht auf  seiner Erpressung mit den militärischen
       Mitteln, die  den Sieg  garantieren -   u n d   rechtfertigt sich
       gerne mit  den furchtbaren Wirkungen, die ein Krieg "heute. habe!
       Vielleicht darf  man einem Friedensforscher gegenüber auch einmal
       klarstellen, daß  er immerzu  die Subjekte  von Krieg und Frieden
       e n t s c h u l d i g t   und als  Opfer ihrer eigenen Taten hin-
       stellt, wenn  er ihnen  mit wissenschaftlichem Gestus die enormen
       Schwierigkeiten nachempfindet, die ihrem geheuchelten Abrüstungs-
       willen entgegenstehen:
       
       Rüstungskontrollpolitik mit  dem Ziel  einer Verminderung von Rü-
       stungsanstrengungen kann  in einem  Gebilde, das konfigurativ (!)
       verursacht ist, nur dann erfolgreich sein, wenn sie auf eine Kom-
       bination von  einer Vielfalt  geplanter Maßnahmen und einer Viel-
       zahl praktischer Schritte angelegt ist. (D. Senghaas)
       Aber auch  auf die  alles klärende Frage an Theoretiker, was denn
       einer von  ihnen sämtlichen  freien Regierungen unterstellten Ab-
       sicht  e n t g e g e n s t e h e,  Frieden zu halten und der dar-
       benden Bevölkerung  der "Dritten  Welt" zu helfen, die polnischen
       Arbeiter eingeschlossen; welche Sachzwänge und vertrackten Tücken
       des Objekts  denn eigentlich  dem guten Willen, der ansonsten das
       Kommando zur  Mondfahrt, zum  Bau von  Atomkraftwerken und zu den
       komplizierten Techniken weltweiter Ausbeutung zuwege bringt,  i m
       W e g e  s e i e n  - auch auf solche banalen Erinnerungen an den
       wirklichen Lauf  der Welt hat die moderne Wissenschaft schon ihre
       ausweichenden  Antworten   und  tiefsinnigen,   weltanschaulichen
       Spekulationen parat.  Wenn sie einmal  n i c h t  den offiziellen
       Ideologien des  Imperialismus die  Würde eines    P r o b l e m s
       zuspricht, das  in vielen  "Ansätzen"  einer  "Lösung"  zugeführt
       werden muß,  so gibt  sich die  Zunft der  heutigen  Dichter  und
       Denker ganz  "realistisch" -  und verweist  auf  N a t u r n o t-
       w e n d i g k e i t e n    der  Geschichte  -  auch  ein  schönes
       Subjekt! -  und   d e s  M e n s c h e n.  Von Augstein und einem
       Psychologen  der   ersten  Garnitur  können  sich  bundesdeutsche
       Zeitungsleser gehobenen  Anspruchs mitteilen lassen, daß "Aggres-
       sion" und  "Todestrieb" den  3.  Weltkrieg  langsam  aber  sicher
       heraufbeschwören.  Selbst  auf  diese  Weise  ist  Zustimmung  zu
       "problematischen" Entscheidungen  erlaubt und  gefragt.  Philoso-
       phisch-anthropologisch läßt  sich  der  Imperialismus  eben  auch
       leugnen. Statt  seiner gibt  es wieder  einmal ein   S c h i c k-
       s a l,   und in  der Ökologie  die Philosophie  des  Ü b e r l e-
       b e n s.  Kriegs s p i e l z e u g  gehört verboten!
       
       6. Lenins Imperialismusschrift:
       -------------------------------
       Ein aktueller, aber falscher Klassiker
       --------------------------------------
       
       Ganz anders als die akademische Wirtschaftswissenschaft und Lehre
       von der  internationalen Politik verfährt Lenin in seiner Schrift
       Der  Imperialismus   als  höchstes   Stadium  des   Kapitalismus.
       (Ausgewählte Werke,  Bd. I,  S. 763  ff.) Weder macht er sich zum
       A n w a l t   d e r  P r o b l e m e,  der wirklichen wie denkba-
       ren, die den internationalen Handel und die immerzu auf Friedens-
       erhaltung  abzielende   Weltpolitik  heimsuchen,   noch    e n t-
       s c h u l d i g t   er die  Subjekte der  weltweiten Symbiose von
       Geschäft und  Gewalt damit,  daß er  ihnen  Unkenntnis  und  Ver-
       säumnisse zur Last legt bei der Bewältigung ihrer seriösen Vorha-
       ben, für  "Entwicklung" und  "Frieden" zu  sorgen. Er  tritt  von
       vornherein als   A n k l ä g e r   auf,  der  von  guten  Zwecken
       nichts bemerkt haben will, deren Scheitern ein Anlaß wäre zur Er-
       findung besserer  Alternativen. Kompromißlos  v e r u r t e i l t
       er die  Geschäftspraktiken, die  den Weltmarkt bestimmen -  u n d
       er läßt  an der  Vorstellung, daß  die  ökonomischen  Sitten  der
       Marktwirtschaft ohne  Krieg zu  haben seien,  kein gutes Haar. Ob
       sich diese  Kompromißlosigkeit freilich  auf richtige  Einsichten
       stützt, muß  bezweifelt werden  - auch wenn der russische Revolu-
       tionär nicht  auf den  Fehler verfallen  ist, mit allen Instanzen
       der Weltpolitik  in einen  Dialog  über  die    E r h a l t u n g
       d e s  F r i e d e n s  einzutreten.
       Lenin hat seine am weitesten verbreitete Schrift mitten im Ersten
       Weltkrieg verfaßt.  Angesichts dieser Tatsache mutet sein Beweis-
       ziel einigermaßen seltsam an. Er wollte zeigen,
       
       daß auf  einer   s o l c h e n  wirtschaftlichen Grundlage,  s o-
       l a n g e   das  Privateigentum  an  Produktionsmitteln  besteht,
       imperialistische Kriege absolut unvermeidlich sind. (S. 770)
       
       Zu einem Zeitpunkt, als das Völkerschlachten in vollem Gange war,
       die   N o t w e n d i g k e i t   des Krieges  in einer theoreti-
       schen Kampfschrift darzutun, die imperialistische Gewaltanwendung
       mit Hilfe  und auf  Kosten von Millionen national- und pflichtbe-
       wußter Menschen  aus dem  Privateigentum zu  b e g r ü n d e n  -
       das ist für einen Revolutionär ein gar nicht selbstverständliches
       Unternehmen. Denn  ein solcher  Nachweis wendet  sich auf  keinen
       Fall an  die Betroffenen,  die sich gerade sehr praktisch mit dem
       Töten und  Sterben befassen.  Er ist keine Agitation, die den Op-
       fern des  Imperialismus zeigt,  was sie an verkehrtem Zeug denken
       und was  sie zu ihrem eigenen Schaden treiben, also keine theore-
       tische Mitteilung,  die auf  die Veränderung  der    p r a k t i-
       s c h e n   Stellung der  Klasse  zielte,  deren  Interessen  die
       Kommunisten durchsetzen  wollen. Wie  sollten  auch  Erörterungen
       darüber, wie  enorm sich  unter der Herrschaft des Finanzkapitals
       die Widersprüche  des Imperialismus  verschärfen, zur praktischen
       Anleitung eines Aufstands bei denen taugen, die jene Widersprüche
       gerade ausbaden?
       Lenins Imperialismustheorie  ist eine  Streitschrift anderer Art.
       Sie sollte  eine begründete  Abrechnung mit  der Politik von Par-
       teien sein,  die als Organisationen der  A r b e i t e r b e w e-
       g u n g   ihren Frieden  mit dem   K l a s s e n s t a a t    ge-
       schlossen haben  und zur Durchsetzung von dessen außenpolitischen
       Anliegen selbst  für  den  Krieg  eingetreten  sind.  Sozialdemo-
       kratische Politiker,  die noch den Baseler Beschlüssen zugestimmt
       hatten, erwiesen  sich als  eifrige Verfechter der Vorhaben ihrer
       Nation, so  daß Lenin  "mit dem  Gefühl tiefster Bitterkeit" 1914
       schrieb:
       
       Die einflußreichsten  sozialistischen  Führer  und  die  einfluß-
       reichsten sozialistischen Presseorgane im heutigen Europa vertre-
       ten den  chauvinistisch-bürgerlichen  und  liberalen,  keineswegs
       aber den sozialistischen Standpunkt. (S. 747)
       
       Mit seiner  Analyse, die "das  G e s a m t b i l d  der kapitali-
       stischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehun-
       gen" darstellen  sollte, hat  er sich  gegen die  offensichtliche
       Entwicklung von ehemals kommunistischen Parteien hin zu den heute
       üblichen Sozialdemokratien  gewandt, zu Parteien, die mit Reform-
       alternativen um  die Regierung  des  Klassenstaats  konkurrieren.
       Nachdem maßgebliche Theoretiker der II. Internationale ebenso wie
       Wissenschaftler aus dem bürgerlichen Lager die Ideologien für den
       linken Nationalismus  bereitgestellt hatten, kam es Lenin auf die
       grundsätzliche Widerlegung  dieser Parteigänger des Klassenstaats
       und seines außenpolitischen Wirkens an. Mit einer richtigen Theo-
       rie des Imperialismus wollte er klarstellen, womit es sozialisti-
       sche Parteien  da zu  tun, was sie zu vertreten hatten und welche
       illusionären Zielsetzungen sie korrigieren mußten:
       
       Ohne die ökonomischen Wurzeln dieser Erscheinung begriffen zu ha-
       ben, ohne  ihre politische und soziale Bedeutung abgewogen zu ha-
       ben, ist  es unmöglich, auch nur einen Schritt zur Lösung der po-
       litischen Aufgaben der kommunistischen Bewegung und der kommenden
       sozialen Revolution zu machen. (S. 774)
       
       In solchen   m e t h o d i s c h e n  Bemerkungen, die sich nicht
       nur in  den Vorworten  häufen, besteht Lenin immerhin darauf, daß
       Kommunisten schon  w i s s e n  müssen, wogegen sie antreten; daß
       politische Entscheidungen  aus der  Einsicht in  die  Gründe  und
       Zwecke des  imperialistischen Treibens  zu folgen haben und nicht
       aus Hoffnungen  und Friedensidealen.  So polemisiert er gegen das
       Kautskysche Kompliment  an die Politik kapitalistischer Nationen,
       sie  berge  die    M ö g l i c h k e i t    f r i e d l i c h e n
       U m g a n g s   mit dem Rest der Welt in sich; er geißelt den Ab-
       schied vom  Klassenkampf und  die Sorge um die bessere politische
       Alternative in  der Außenpolitik,  die für eine Partei nur konse-
       quent ist, wenn sie die Sicherung des Friedens für einen staatli-
       chen Auftrag hält:
       
       Wesentlich ist,  daß Kautsky  die Politik  des Imperialismus  von
       seiner Ökonomie trennt, indem er von Annexionen als einer vom Fi-
       nanzkapital 'bevorzugten'  Politik spricht und ihr eine angeblich
       mögliche andere  bürgerliche Politik  auf derselben Basis des Fi-
       nanzkapitals gegenüberstellt. (S. 842)
       
       Darüber hinaus  spricht hier  Lenin auch  den    i n h a l t l i-
       c h e n   Beweis an,  den er  für die   N o t w e n d i g k e i t
       gewaltsamer Übergriffe  kapitalistischer Staaten führen will. Sie
       liegt  für   ihn  in   den  ökonomischen  Bewegungsgesetzen,  den
       entscheidenden  Geschäftsinteressen  des    "F i n a n z k a p i-
       t a l s".  Diese Interessen und ihre Verlaufsformen bestimmen den
       Gang der internationalen Auseinandersetzungen - das Finanzkapital
       wirft "im  buchstäblichen Sinne  des Wortes seine Netze über alle
       Länder der  Welt aus",  und es  "führte auch zur  d i r e k t e n
       Aufteilung der Welt".
       Lenins Einwand gegen die Theoretiker des Opportunismus in der II.
       Internationale, sie  würden die  Politik von  ihrer  ökonomischen
       Grundlage trennen,  ist der  Auftakt für die Analyse des Kapitals
       und seines  Geschäftsgebarens, in der die Politik mit ihren Zwec-
       ken erst  einmal gar  nicht vorkommt.  Lenin verzichtet großzügig
       auf die  U n t e r s c h e i d u n g  zwischen Ökonomie und Poli-
       tik, und das aus der "orthodoxen" Sicherheit heraus, daß letztere
       ohnehin in  nichts anderem  besteht als  in der Exekution der Ge-
       schäftsinteressen des  Kapitals. Insofern gehört seine Schrift zu
       jener Abteilung marxistischer Theorie, die mit dem Bekenntnis zur
       "ökonomischen Basis",  welche alles  übrige "bestimmt",  dem spe-
       ziellen Gegenstand sehr konsequent aus dem Weg geht und eine ver-
       kehrte "Bestimmung"  der Politik  vornimmt.  W i e  der Zusammen-
       hang von  Profitinteresse von  Kapitalisten und  Außenpolitik des
       ideellen Gesamtkapitalisten  für Lenin aussieht, geht aus den we-
       nigen Bemerkungen  über das  Verhältnis von  Staat und Kapital im
       Imperialismus hervor:
       
       Die Rettung  liegt im Monopol - sagten die Kapitalisten und grün-
       deten Kartelle,  Syndikate und Trusts; die Rettung liegt im Mono-
       pol - sekundierten [!] die politischen Führer der Bourgeoisie und
       beeilten sich,  die noch unverteilten Gebiete der Welt an sich zu
       reißen. (S. 830)
       
       Und auf dieser Grundlage ist das selbstkritische Bedauern im Vor-
       wort ziemlich  überflüssig -  "Auf die nichtökonomische Seite der
       Frage werden  wir nicht  so eingehen können, wie sie es verdienen
       würde" -,  denn mit  der Deduktion des Imperialismus aus Monopol-
       und Finanzkapital  ist Lenin der große Wurf gelungen, die Notwen-
       digkeit von  Annexionen und  Kriegen  zwischen  imperialistischen
       S t a a t e n     a l s     A b w i c k l u n g     d e s    G e-
       s c h ä f t s   darzustellen -  und umgekehrt  das internationale
       Geschäft für  die   j e n s e i t s   a l l e r    s t a a t l i-
       c h e n  A k t i o n e n  u n d  M i t t e l  vollzogene Fortfüh-
       rung kapitalistischer  Bereicherung auszugeben.  Lenin  behandelt
       den Weltmarkt  samt den  Verlaufsformen auswärtiger  Politik auch
       gar nicht  als Konsequenzen  des kapitalistischen Privateigentums
       und  seiner  Beförderung  durch  den  Klassenstaat,  sondern  als
       V e r ä n d e r u n g   des Kapitalismus;  und der unbestreitbare
       Dienst des  Klassenstaats für den nationalen Reichtum, den es nun
       einmal als Kapital gibt, erledigt sich für ihn - entsprechend dem
       Titel: der  Imperialismus als   S t a d i u m   mit den  N e u e-
       r u n g e n,  die er dem Kapital zuschreibt. Ironischerweise mün-
       det das  methodische Credo zum Marxismus - "die ökonomischen Wur-
       zeln" hätte  man zu  begreifen, die  "Trennung"  des  politischen
       Überbaus von  der ökonomischen  Grundlage sei  der Fehler irriger
       Auffassungen -  in eine  handfeste Revision  gerade der Marxschen
       Erklärung der  Ö k o n o m i e.  Diese Revision beginnt bei Lenin
       mit der  Entdeckung der  Monopole. Das  sind ökonomische Gebilde,
       die sich der Konkurrenz entziehen, was ihnen durch ihr gewaltiges
       Ausmaß gestattet  wird. Lenin  beruft sich  zum Zwecke der Demon-
       stration seiner  Entdeckung, daß sich der Kapitalismus grundsätz-
       lich geändert habe - "Die Konkurrenz wandelt sich zum Monopol" -,
       einerseits auf Äußerungen von Marx über Konzentration und Zentra-
       lisation, andererseits  zieht er  durchaus ungewöhnliche Schlüsse
       aus der  Feststellung, daß  die Größe des Kapitals ein Mittel des
       Geschäfts darstellt.  Die Bewährung in der Konkurrenz ist nämlich
       etwas ganz  anderes als ihre  A b s c h a f f u n g,  und daß das
       Monopol zum Ideal eines jeden Unternehmers wird, heißt noch lange
       nicht, daß  dieses Ideal  mit Preis- und Marktabsprachen erreicht
       wäre. Oder, um Lenin selbst dementieren zu lassen: die Konkurrenz
       (für andere,  die es immerhin auch noch gibt!) wird erschwert und
       "das Monopol" ist eine  T e n d e n z:
       
       Fast die  Hälfte der  Gesamtproduktion aller  Betriebe des Landes
       liegt in  den Händen  eines  H u n d e r t s t e l s  der Gesamt-
       zahl der  Betriebe! Und diese dreitausend Riesenbetriebe umfassen
       258 Industriezweige.  Daraus erhellt,  daß die  Konzentration auf
       einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung sozusagen [!] von selbst
       dicht [!] an das Monopol heranführt. Denn einigen Dutzend Riesen-
       betrieben fällt  es leicht,  sich untereinander  zu verständigen,
       während andererseits  gerade durch  das Riesenausmaß der Betriebe
       die Konkurrenz  erschwert [!] und die Tendenz [!] zum Monopol er-
       zeugt wird.  Diese Verwandlung  der Konkurrenz in das Monopol ist
       eine der  wichtigsten Erscheinungen - wenn nicht die wichtigste -
       in der Ökonomik des modernen Kapitalismus [...] (S. 777)
       
       Weder die  Statistiken über  die Größe  von Unternehmen  noch die
       über die Anzahl von an der Konkurrenz beteiligten Firmen beweisen
       den Übergang zu ihrer Abwesenheit; und noch viel weniger ist die-
       ser Beweis  mit Absprachen  zwischen Konkurrenten  zu führen, die
       sie als  zeitweiliges  Mittel  für  ihren  Gewinn  benützen.  Das
       scheint auch  Lenin zu  wissen,  weshalb  er  den  Gegensatz  von
       "vorübergehend" und "Grundlage" aufmacht: "Statt einer vorüberge-
       henden Erscheinung  werden die  Kartelle eine  der Grundlagen des
       gesamten Wirtschaftslebens." (S. 780)
       Aber auch  noch  so  viele,  gezählte  und  beim  Namen  genannte
       "monopolistische Unternehmensverbände  [?], Kartelle,  Syndikate"
       belegen die  "Ablösung der kapitalistisch freien Konkurrenz durch
       die kapitalistischen  Monopole" nicht,  und wenn einmal die Indu-
       strieschutzzölle, das  andere Mal  der Freihandel  als Motor  der
       Kartellbildung herhalten müssen (S. 778), so ist explizit von ei-
       nem  M i t t e l  d e r  K o n k u r r e n z  die Rede, dem Lenin
       freilich wieder  die "monopolistische  Tendenz" entlockt.  Eisern
       hält er  an dieser Tendenz fest, und daß ihn nicht die Logik dazu
       beflügelt, das  Zeitalter des  Monopols -  "der direkte Gegensatz
       zur freien  Konkurrenz" (S.  838) -  für angebrochen zu erklären,
       sondern eine  eigenartige Sorte   M o r a l,  zeigen die Leistun-
       gen, die er den Monopolen nachsagt: "Riesengewinne" erzielen sie,
       und wenn  dann doch  lästige Konkurrenten das "direkte Gegenteil"
       hintertreiben, bedient  das Monopol  sich sogar des Verzichts auf
       Gewinn, geht  zum Dumping über, durch das es "alle diejenigen ab-
       würgt, die  sich dem  Monopol, seiner Willkür [!] nicht unterwer-
       fen." (S.  78S) Immer  wieder gelingt  es Lenin,  aus   D a t e n
       d e r  K o n k u r r e n z  die Wucht der von keinerlei zahlungs-
       fähiger Nachfrage,  von keinerlei Marktschranken behinderten Mon-
       ster vor  Augen zu  führen:   W i l l k ü r  und  A l l m a c h t
       sind schließlich die recht unökonomischen Charakteristika der Mo-
       nopole, ihre  Rücksichtslosigkeit  kennt  keine  Grenzen,  Gewalt
       heißt ihr  Motto - ganz als ob der liebe, auf "freier Konkurrenz"
       beruhende "Frühkapitalismus"  mit seiner  alten Ökonomie eine An-
       sammlung von Respektbezeugungen für die Menschheit gewesen wäre:
       
       Das Herrschaftsverhältnis  und die  damit verbundene Gewalt - das
       ist das  Typische für  die jüngste  Entwicklung des Kapitalismus,
       das ist es, was aus der Bildung allmächtiger [!] wirtschaftlicher
       Monopole unvermeidlich  hervorgehen mußte und hervorgegangen ist.
       (S. 786)
       
       Dabei rühmt Lenin einen sehr bürgerlichen Menschen für den Termi-
       nus "Herrschaftsverhältnis", den er ihm abnimmt, obgleich der zi-
       tierte Mann  von Herrschaft  einer Industrie (!) über eine andere
       spricht. Und  diese Manier,  andauernd bürgerliche Kronzeugen für
       seine Entdeckung  des tiefgreifenden Wandels zum Monopol heranzu-
       ziehen, entspricht  durchaus dem bürgerlichen und gar nicht revo-
       lutionären Gerede von den Großen, die machen, was sie wollen, dem
       sich ein  Marxist besser nicht anschließt. Doch Lenin versteht es
       sehr gut, die moralische Verurteilung auf "marxistisch" vorzutra-
       gen. Nachdem er noch einmal die Konkurrenz bemüht hat, um die Ge-
       meinheit der  Monopole zu  geißeln - "Um die Konkurrenz aus einer
       derart einträglichen  Industrie auszuschalten wenden die Monopol-
       inhaber sogar  allerlei Tricks an [...]" (S. 786) -, schreitet er
       zum  S c h a d e n,  den die Monopole anrichten, und zwar für die
       ganze Gesellschaft.  Er nimmt die Ideologie der "Ausschaltung der
       Krisen durch die Kartelle" zum Anlaß, um den "chaotischen Charak-
       ter" des  Kapitalismus zu  verurteilen und den Hauptfeind Monopol
       verschärfend wirken zu lassen:
       
       Im Gegenteil,  das Monopol, das in  e i n i g e n  [!] Industrie-
       zweigen entsteht,  verstärkt und  verschärft den chaotischen Cha-
       rakter, der  der ganzen  kapitalistischen Produktion in ihrer Ge-
       samtheit eigen ist. (S. 787)
       
       Und wer  hat von  diesem Schaden den Nutzen? Die Monopole selbst-
       verständlich, zumindest  wenn Konzentration dasselbe ist wie Zen-
       tralisation und  die wiederum dasselbe wie Monopol: "Die Krisen -
       jeder Art, am häufigsten ökonomische Krisen, aber nicht diese al-
       lein - verstärken aber ihrerseits in ungeheurern Maße die Tendenz
       zur Konzentration und zum Monopol." (S. 787)
       So richtig  verkommen deucht einen Marxisten freilich der Kapita-
       lismus der  Monopole erst  dann, wenn  er die  historischen Plus-
       punkte des  Kapitalismus mehrt,  aber schließlich doch scheitert.
       Die Folge des Monopols ist
       
       ein gigantischer  Fortschritt in  der Vergesellschaftung der Pro-
       duktion. Im  besonderen wird  auch der Prozeß der technischen Er-
       findungen und  vervollkommnungen vergesellschaftet. Das ist schon
       etwas ganz  anderes als  die alte freie Konkurrenz zersplitterter
       Unternehmer, die nichts voneinander wissen [. . .] annähernde Be-
       rechnung der  Größe des  Marktes [.  . .]  Die qualifizierten Ar-
       beitskräfte werden  monopolisiert, die  besten  Ingenieure  ange-
       stellt [...] (S. 784)
       
       Aber so  richtig in den Genuß der Vergesellschaftungsfortschritte
       kommt die  Menschheit dennoch  nicht, trotz  der Überwindung  der
       Konkurrenz, die Lenin für einen Mangel des  K a p i t a l s  hält
       und nicht  für den Motor der Akkumulation und die Klage von Kapi-
       talisten, die  gerade rationalisieren!  Schließlich wird zwar die
       Produktion vergesellschaftet,  die Aneignung jedoch bleibt privat
       (S. 784)  - und  so stehen  dem "gigantischen  technischen  Fort-
       schritt" durchaus "Stagnation und Fäulnis" gegenüber:
       
       In dem Maße, wie Monopolpreise, sei es auch nur vorübergehend [!]
       eingeführt werden,  verschwindet bis  zu einem gewissen Grade [!]
       der Antrieb zu technischem Fortschritt, [...] entsteht die ökono-
       mische Möglichkeit  [!!], den  technischen Fortschritt  künstlich
       [!!!] aufzuhalten. (S. 848)
       
       So vollbringen  die Monopole  die Kunst, den Fortschritt, den sie
       selber organisieren,  doch noch zu bremsen, laden auf die "übrige
       Bevölkerung" jede  Menge Druck  ab (S.  784), und die Theorie des
       staatsmonopolistischen Kapitalismus  ist für  die Epigonen  schon
       zur Hälfte  fertig. Jetzt  ist nur  noch der  Vorwurf nötig,  der
       Staat würde  sich für  die Monopole  stark machen - statt, wie es
       für einen  echten Klassenstaat  ziemlich wäre,  für die  Geschun-
       denen,  sprich   "Unterprivilegierten"  -,  und  schon  geht  die
       "soziale  Revolution"   im  Namen  der  "Mehrheit"  als  Weg  zur
       "antimonopolitistischen Demokratie" über die Ideenbühne.
       So ist zwar der  I m p e r i a l i s m u s  noch gar nicht vorge-
       kommen, aber  dafür wurde  eine neue  Kapitalismuskritik im Namen
       von Marx  aus der  Taufe gehoben. Hilfestellung leistete die seit
       Engels immer  wieder gerne  aufgelegte Platte vom gesellschaftli-
       chen Produzieren  (gut!) und  vom privaten  Aneignen (schlecht!).
       Dieser beliebte  Widerspruch, der mit dem in der Warenanalyse be-
       zeichneten  Gegensatz   von   privater   und   gesellschaftlicher
       A r b e i t   herzlich wenig  zu tun  hat, beruht schon in seiner
       Urfassung auf  einer hohen  Meinung vom  g e s e l l s c h a f t-
       l i c h e n   Charakter der  Produktion, für den der Kapitalismus
       ein dickes  Plus erntet,  obwohl  er  diese  Qualität  mit  jeder
       Produktionsweise teilt.   S e i n e   gesellschaftliche  Form der
       Produktion, die  Sache mit  dem Privateigentum,  das den Reichtum
       seinen Produzenten  als Kapital  gegenüberstellt und sie für sich
       arbeiten läßt,  gerät dann zur schlechten Seite des Kapitalismus,
       der ja  wie alles vergänglich Ding zwei Seiten braucht. Bei Lenin
       wächst sich  diese Dialektik  - die parteilich umgedreht übrigens
       Soziologie  heißt:  "Der  Kapitalismus  ist  eine  Gesellschaft",
       lautet da  Lehrsatz Nr.  1,  "Alles  ist  gesellschaftlich",  der
       Lehrsatz Nr.  2, und die fortschrittlichen Soziologen wähnen sich
       mit dem  Anliegen, alles "gesellschaftlich betrachten zu wollen",
       auch noch  auf Marx'  Spuren -  zu einem  neuen Stadium  aus. Das
       Monopol, das  angestrebt wird, um privaten Reichtum ausschließend
       gegen andere  zu  vermehren,  macht  alles  gesellschaftlicher  -
       schließlich findet  immer mehr Eigentum auch noch anderer für die
       gemeinsamen Zwecke Verwendung-, so daß die private Aneignung erst
       richtig zum Himmel schreit.
       So ähnlich  sieht es  auch im Verhältnis von Unternehmer und Ban-
       kier aus. Jeder für sich ist ja schon nicht übermäßig schön; wenn
       sie aber   v e r s c h m e l z e n   und  der  eine  des  anderen
       Knecht wird  - zumindest  in der Ansicht eines Marxisten -, tritt
       der Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium. Zumindest ge-
       mäß Lenins berühmtem zweiten Merkmal, dem Finanzkapital.
       Im bürgerlichen Kreditwesen entdeckt der Imperialismustheoretiker
       Lenin zwar auch nicht den Imperialismus, dafür aber Gelegenheiten
       genug, der kapitalistischen Produktionsweise eine weitere Tendenz
       zum Verwerflichen  nachzusagen. Wie  in der  Abteilung  "Monopol"
       taugen  die   richtigen  und  bisweilen  explizit  dem  Marxschen
       "Kapital" entnommenen  Aussagen über  ökonomische  Vorgänge  dazu
       nicht: So wenig, wie sich mit Bestimmungen über Konzentration und
       Zentralisation die  Ablösung der Konkurrenz und die neue Qualität
       des monopolistischen  Kapitalismus dartun lassen, so schwer fällt
       es, mit  Mitteln der  Logik aus den Erklärungen des Verhältnisses
       von Industrie- und Geldkapital eine Epoche des Finanzkapitals an-
       brechen zu  lassen. Deshalb  kommt der Fortschritt in der morali-
       schen Verurteilung  des Kapitalismus  auch über  andere, eben die
       bekannten Beweismittel zustande:
       
       Die Trennung  des Kapitaleigentums von der Anwendung des Kapitals
       in der  Produktion, die Trennung des Geldkapitals vom industriel-
       len oder produktiven Kapital, die Trennung des Rentners, der aus-
       schließlich vom Ertrag des Geldkapitals lebt, vom Unternehmer und
       allen Personen, die an der Verfügung über das Kapital unmittelbar
       teilnehmen, ist dem Kapitalismus überhaupt eigen. Der Imperialis-
       mus oder die Herrschaft des Finanzkapitals ist jene höchste Stufe
       des Kapitalismus,  wo diese  Trennung  gewaltige  Ausdehnung  er-
       reicht. (S. 813)
       
       Für eine   n e u e   R o l l e   des  Bankkapitalisten und seiner
       "parasitären" Existenz sowie der von "Couponschneidern" gibt eine
       Wiedergabe von  Bemerkungen zur Trennung von Geld- und Industrie-
       kapital nichts  her; bei Marx ist in diesem Zusammenhang im übri-
       gen von  der Notwendigkeit  der Trennung  die Rede, deswegen auch
       von ihrer  ökonomischen Funktion:  durch den  Kreditüberbau,  der
       eben im Aktienkapital die Größe des Kapitals als Konkurrenzmittel
       erst so  richtig zum  Einsatz kommen läßt, erhält das Kapital die
       Freiheit, sich von seiner Anlage in einer besonderen Sphäre unab-
       hängig zu  machen, womit auch seine Bindung an besondere Personen
       und seine  Verwurzelung in  einem speziellen  Gewerbe abgestreift
       ist.
       Daß Bankiers und Aktionäre von ihrem Geldkapital leben, war dage-
       gen Marx  ziemlich gleichgültig;  eher schon  schien ihm interes-
       sant, daß  sie dies  auf Kosten der Arbeiterklasse tun - und sich
       darin von  ihren industriellen Kollegen keineswegs unterscheiden.
       Den moralischen  Maßstab guter, weil nützlicher, "die Produktion"
       besorgender Kapitalisten  anzulegen und   d a m i t  den neuesten
       Stand der  Ausbeutung zu kritisieren, ist nur dem Theoretiker ge-
       läufig, der den Fortschritt des Kapitalismus am "Niedergang" sei-
       ner herrschenden Klasse belegen will!
       Dabei besteht  die "Neuerung",  wie gesagt, erst einmal im Ausmaß
       einer für  den Kapitalismus üblichen Sache. Lenin, der immer wie-
       der mit  dem "tiefen"  und "tiefsten" Wesen des Imperialismus da-
       herkommt, entdeckt  selbiges in Statistiken und Schaubildern, die
       dem Leser  angesichts gewaltiger  Bankaktiva und der Unmengen von
       zirkulierenden Wertpapieren  die neue  Ära vor  Augen führen. Das
       fehlende Argument  für eine Bestimmung des Imperialismus gibt er,
       seinem Anspruch  als Marxist  treu, in  einer  dialektischen  Le-
       sehilfe: Wir haben
       
       ausführlich statistische Daten angeführt, die zeigen, bis zu wel-
       chem Grade  das Bankkapital  angewachsen ist  usw. und worin eben
       das Umschlagen  von Quantität  in Qualität,  das  Umschlagen  des
       hochentwickelten Kapitalismus  in Imperialismus  seinen  Ausdruck
       gefunden hat. (S. 839)
       
       Den dritten Schlag landet er mit Stellungnahmen bürgerlicher Öko-
       nomen, die sich die Sorgen eines Teils der Geschäftswelt zu eigen
       machen und ungesunde Entwicklungen beklagen - wodurch er sich mit
       seinen "Schlußfolgerungen" in den Besitz unumstößlicher Tatsachen
       gesetzt haben möchte:
       
       Um dem  Leser eine  möglichst gut fundierte Vorstellung vom Impe-
       rialismus zu  geben, waren  wir absichtlich  bestrebt,  möglichst
       viele Äußerungen  bürgerlicher Ökonomen zu zitieren, die sich ge-
       zwungen sehen,  besonders unstreitbar  feststehende Tatsachen aus
       der neuesten Ökonomik des Kapitalismus anzuerkennen. (S. 839)
       
       Unter Anwendung  dieser Hilfsmittel  gelangt man  freilich zu er-
       staunlichen Einsichten  über Herren  und  Knechte  innerhalb  der
       herrschenden Klasse. Banken sind etwas anderes, als sie scheinen;
       und zwar sind sie das, was sie sind, recht überdimensional, woran
       sich ihre  M a c h t  ablesen läßt:
       
       Die Bank,  die das Kontokorrent für bestimmte Kapitalisten führt,
       übt scheinbar eine rein technische, eine bloße Hilfsoperation aus
       [...] [Nun  kommt nicht etwa, wie bei Marx, der Begriff der Bank,
       nein:] Sobald  aber diese  Operation  Riesendimensionen  annimmt,
       zeigt sich,  daß eine Handvoll Monopolisten sich die Handels- und
       Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Gesellschaft un-
       terwirft, indem  sie -  durch die Bankverbindungen, Kontokorrente
       und andere  Finanzoperationen  -  die  Möglichkeit  erhält,  sich
       zunächst  über   die  Geschäftslage  der  einzelnen  Kapitalisten
       g e n a u   z u   i n f o r m i e r e n,   dann sie  zu    k o n-
       t r o l l i e r e n,   sie durch  Erweiterung  oder  Schmälerung,
       Erleichterung oder  Erschwerung der  Kredite zu  beeinflussen und
       schließlich ihr Schicksal  r e s t l o s  z u  b e s t i m m e n.
       (S. 792)
       
       Ohne den  geringsten Hinweis  darauf, worum  es zwischen Bank und
       industriellem Kapital  geht, wenn Kapital verliehen und mit Wert-
       papieren gehandelt  wird, kommt  die Suche  nach dem Subjekt, das
       alles beherrscht  und in  seiner Allmache  für den  Imperialismus
       verantwortlich ist,  ans Ziel.  Fast kriegt  man Mitleid  mit den
       netten Herren Industriellen angesichts des Molochs Finanzkapital.
       Die armen  Burschen müssen  ihre Bücher  herzeigen, wenn sie ihre
       Kreditwürdigkeit unter  Beweis stellen wollen - und nicht ihr Ge-
       schäftsgang wird  mit Hilfe  des Kredits  befördert, sondern  ihr
       Schicksal wird restlos bestimmt! Nicht einmal der simple Gedanke,
       daß auch  die Bank  von der  Nachfrage nach Kredit "abhängig" ist
       und diese  vom Geschäftsgang der Industrie, daß in der Konkurrenz
       zwischen Geld-  und Industriekapital  also zwei  Abteilungen  der
       herrschenden Klasse ihren ökonomischen Erfolg bewirken und um den
       Anteil des  produzierten Gewinns  streiten, kommt da auf! Der an-
       ständigen industriellen  Ausbeutung von  einst stehen "dunkle und
       schmutzige" Machenschaften  der Banken von heute gegenüber, statt
       eines ehrbaren Zinses gibt es wieder "Wucher", womit die ökonomi-
       sche Rolle  des Kredits  für die  kapitalistische  Produktion  in
       seine moralische Niedertracht aufgelöst wäre.
       Zeitweise fragt man sich bei der Lektüre der Schrift, ob es über-
       haupt noch  Industrielle gibt  - denn  die    K o n k u r r e n z
       zwischen Geld-  und produktivem Kapital, die beiden recht gut be-
       kommt, existiert  für Lenin  eigentlich gar nicht: "Verschmelzung
       des Bankkapitals  mit dem  Industriekapital und  Entstehung einer
       Finanzoligarchie auf  der Basis  dieses Finanzkapitals" (S. 839).
       Womöglich würde er die Personalidentität von Banker und Industri-
       ellen auch  als Beleg  dafür nehmen,  daß es die neueste Ökonomie
       zum Verschwinden  von Kredit  und Fabrik  gebracht hat,  und  wie
       seine Epigonen  darauf bestehen,  daß sogar der arme Klassenstaat
       "unter der Fuchtel" des Finanzkapitals steht und sich verschulden
       "muß"! Aber  die Beschwörung  einer herrschenden Instanz, die mit
       ihrer Allmacht  dem Rest  der Gesellschaft  einen  fürchterlichen
       Tribut auferlegt,  erfordert auch  die Existenz  von Opfern. Also
       gibt es ein  "Ü b e r g e w i c h t  des Finanzkapitals über alle
       übrigen Formen  des Kapitals",  eine "Vorherrschaft  des Rentners
       und der  Finanzoligarchie" - ein kleiner Hinweis darauf, daß noch
       die häßlichsten Schmarotzer auf Opfer angewiesen sind, ebenso wie
       die betrügerischen  Spekulanten etwas brauchen, worauf sie speku-
       lieren können. Womit auch die Albernheit des Lehrsatzes bestätigt
       wäre, der  den  Kapitalismus  nicht  durch  seine    P r o d u k-
       t i o n s w e i s e   kennzeichnet: "Für den Imperialismus ist ja
       gerade   n i c h t   das Industrie-,   s o n d e r n  das Finanz-
       kapital charakteristisch."
       Imperialismus ist  für Lenin das Geschäft der Monopole. Finanzka-
       pitalisten haben  alles unter  Kontrolle, im  Innern der Nation -
       "Deutschland wird  von 300  Kapitalmagnaten   r e g i e r t"    -
       ebenso wie  auswärts, wo  sie sich  allerdings begegnen und einen
       "imperialistischen Kampf  zwischen den  größten Monopolen  um die
       Teilung der  Welt" (S. 825) veranstalten. Also gilt der Lehrsatz,
       daß jedes  Phänomen internationalen  Handels, jeder  Vertrag zwi-
       schen Staaten,  jeder Krieg nur ein  B e i s p i e l  für die Ma-
       chenschaften der Monopole, nur ein "Kettenglied" der "Operationen
       des Weltfinanzkapitals" ist. Nachdem Lenin die Subjekte des Impe-
       rialismus gefunden  hat, gibt  er sich  betont sachlich und nennt
       Zwecke und Mittel ihrer Taten:
       
       Die Kapitalisten  teilen die  Welt nicht etwa aus besonderer Bos-
       heit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzen-
       tration sie  zwingt, diesen weg zu beschreiten, um Profite zu er-
       zielen; dabei  wird die  Teilung 'nach  dem Kapital',  'nach  der
       Macht' vorgenommen  - eine  andere Methode der Teilung kann es im
       System der  Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben. (S.
       827)
       
       Auf dieses  Weise stellt  der Imperialismus-Theoretiker klar, daß
       er zwar  ständig mit  ökonomischen  u n d  politischen Prozeduren
       eigner Art  zu tun hat - "Kapital" und "Macht" -, jedoch die Klä-
       rung des  Verhältnisses von  Ökonomie und  Politik angesichts der
       für ihn offenkundigen Sachlage für pure Haarspalterei erachtet:
       
       Die Macht aber wechselt mit der ökonomischen und politischen Ent-
       wicklung [eine  feine Entdeckung!]; um zu begreifen, was vor sich
       geht, muß  man wissen,  welche Fragen  durch  Machtverschiebungen
       entschieden werden;  ob diese  Verschiebungen nun "rein" ökonomi-
       scher Natur oder außerökonomischer (z.B. militärischer) Art sind,
       ist eine  nebensächliche Frage, die an den grundlegenden Anschau-
       ungen über  die jüngste  Epoche des Kapitalismus nichts zu ändern
       vermag. Die Frage nach dem  I n h a l t  des Kampfes und der Ver-
       einbarungen zwischen  den Kapitalistenverbänden  durch die  Frage
       nach der  Form des  Kampfes und  der Vereinbarungen [heute fried-
       lich, morgen  nicht friedlich, übermorgen wieder nicht friedlich]
       ersetzen, heißt zum Sophisten herabsinken. (S. 827)
       
       Zwar verhalten sich Geschäft, Ausbeutung und Krieg keineswegs zu-
       einander wie  Inhalt und  Form, zwar  sind beim  Profitmachen und
       Kriegführen ganz  andere Subjekte am Werk - doch was interessiert
       das schon!  Dabei taugen  noch nicht einmal die kolonialistischen
       Belege für  die Gleichung  Politik =  Geschäft der Monopole; wenn
       sich Frankreich und England um die Besetzung der südlichen Sahara
       streiten und Deutschland die namibische Wüste als Deutsch-Südwest
       ergattert, wenn  der englische Staat mit dem portugiesischen gute
       Beziehungen hat,  wenn England  mit Argentinien oder Ägypten Han-
       delsbeziehungen unterhält, wenn Frankreich an Serbien Kriegsmate-
       rial liefert-  "letztlich" ist alles ein und dasselbe. Lenin läßt
       die Monopole  nach außen  ihre Geschäfte noch mitten im Krieg ma-
       chen, ganz  als ob  ein Finanzkapital  eine Eroberung  "eventuell
       noch zu  erschließender Rohstoffquellen" als Investitionsgelegen-
       heit betrachtet  und nicht  der Staat die Mobilmachung verordnet!
       Weshalb aufrechten  Verfechtern Lenins immer dann, wenn die Glei-
       chung Krieg = Profit angegriffen wird, auch immer die Spekulation
       auf die  fiktive Akkumulation  einfällt, die  ein auf Waffengänge
       bedachter Staat  ins Werk setze - wenn nicht gleich die Rüstungs-
       industrie.
       Was zeigt  also "die Epoche des jüngsten Kapitalismus" einem, der
       das Finanzkapital  am Werke  weiß und  die politischen Führer als
       Sekundanten entlarvt hat? Eben dies,
       
       "daß sich  unter den  Kapitalistenverbänden bestimmte Beziehungen
       herausbilden [das  ist sehr bestimmt!] auf dem Boden der ökonomi-
       schen Aufteilung  der Welt, daß sich aber [!] daneben [!!] und im
       Zusammenhang [welchem  denn?] damit zwischen den politischen Ver-
       bänden, den  Staaten, bestimmte  Beziehungen [schon wieder!] her-
       ausbilden auf  dem Boden  der territorialen  Aufteilung der Welt,
       des Kampfes  um Kolonien,  des Kampfes um das Wirtschaftsgebiet."
       (S. 827)
       
       Wer so  viel Bestimmtheit  als Witz  des Imperialismus akzeptiert
       und sich  die Aufteilung der Welt gleich zweimal und im Zusammen-
       hang vorstellen kann, dem leuchten auch die historischen Verglei-
       che ein, die Lenin für sein Stadium anstellt:
       
       "Für den alten Kapitalismus, mit der vollen Herrschaft der freien
       Konkurrenz, war der Export von Waren kennzeichnend. Für den neue-
       sten Kapitalismus [...] der Export von Kapital [...]" (S. 845)
       
       An dieser  gewichtigen historischen  Entwicklung interessiert der
       E x p o r t,   also die Tatsache, daß Waren und Kapital die Gren-
       zen überschreiten  zwischen   S t a a t e n,  die sich um das Ge-
       schäft kümmern,  es durch  ihre Gewalt eröffnen, fördern oder be-
       hindern, am allerwenigsten. Die englische Kolonialgeschichte, die
       nun wirklich  kein   T a u s c h  von Fertigfabrikaten gegen Roh-
       stoffe war  (wer hat  mit welchen Mitteln diese Rohstoffe ab- und
       anbauen lassen;  wie hießen  denn die indischen Investoren, womit
       wurde bezahlt!), passiert da lässig als Handel, und für die Herr-
       schaft der  Monopole  erfindet  Lenin  Anlagekriterien,  die  aus
       "rückständigen  Ländern"  kapitalistische  Märkte  mit  niedrigen
       Preisen werden lassen:
       
       In diesen  rückständigen Ländern  ist der Profit gewöhnlich hoch,
       denn es gibt dort wenig Kapital, die Bodenpreise sind verhältnis-
       mäßig nicht hoch, die Löhne niedrig und die Rohstoffe billig. (S.
       816)
       
       Unerfindlich bei  dieser Ökonomie  auf dem Weltmarkt, wieso es zu
       sogenannten "unterentwickelten Ländern" gekommen ist, warum Kapi-
       talisten ihre Mutterländer mit Industrie vollstellen und die bil-
       ligen Arbeitskräfte  Afrikas, die für 20 Pfennig pro Woche zu ha-
       ben sind,  noch heute  nicht benützen wollen und lieber verrecken
       lassen! Daß  die erwähnten  Länder es  wegen der  politischen und
       ökonomischen Benützung  durch kapitalistische  Nationen gar nicht
       zu einem "Markt" bringen, daß mit der Zerstörung der überkommenen
       Produktionsweise aus  einem  südamerikanischen  oder  asiatischen
       Volk noch  lange keine Ansammlung brauchbarer Arbeitskräfte wird,
       daß der  Export von  Kapital auch  nicht "bis  zu einem  gewissen
       Grade die Entwicklung in den exportierenden [!] Ländern zu hemmen
       geeignet ist"  (S. 818)  - das alles hätte Lenin auch merken kön-
       nen, ohne  zu erleben,  wie die  Konkurrenz der  Monopole um  die
       herrlichen Anlageplätze  um die  Konkurrenz von -zig Nationen er-
       gänzt wird, die um Kapital- und Entwicklungshilfe nachsuchen.
       Nur hätte  die simple  Analyse der Gepflogenheiten, die den Welt-
       markt, auf dem die  N a t i o n e n  für die Konkurrenz des Kapi-
       tals Sorge tragen, auszeichnen, die  P e r s p e k t i v e  ziem-
       lich vermasselt.  Lenins Einfall,  die auswärtigen  Geschäfte des
       Kapitals erstens  für   d a s s e l b e   wie Anlagen daheim vor-
       stellig zu  machen, und zweitens für besonders  g ü n s t i g  in
       der Kalkulation  auszugeben, ist  ja nur  die Fortsetzung  seiner
       Lieblingsidee, daß  der Monopolkapitalismus längst in Widerspruch
       zu seinen  eigenen Prinzipien geraten ist. Einige seiner Grundei-
       genschaften schlagen  längst in  ihr Gegenteil um, so daß man nur
       noch von  einem "parasitären", "faulenden und sterbenden" Kapita-
       lismus reden  kann usw. - in jedem Kapitel bemüht sich Lenin, die
       Verkommenheit und  Überfälligkeit des  Imperialismus glaubhaft zu
       machen. Hier,  beim Kapitalexport,  schafft er  es, die  F r e i-
       h e i t  der imperialistischen Nationen, aufgrund der  g e l u n-
       g e n e n  Akkumulation von Reichtum - die auch den Staat mit den
       nötigen Mitteln  ausstattet! -  die ganze  Welt auf  ihre  ökono-
       mische, politische  und militärische  Benützbarkeit hin abzuklop-
       fen, in pure Not zu verwandeln:
       
       Die Notwendigkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, daß
       in einigen  Ländern der  Kapitalismus 'überreif' geworden ist und
       dem Kapital  (unter der Voraussetzung der Unterentwickeltheit der
       Landwirtschaft und  der  Armut  der  Massen)  ein  Spielraum  für
       'rentable' Betätigung fehlt. (S. 816)
       
       Ausgerechnet die Phase des Kolonialismus, die Lenin erlebte, soll
       auf die  Hilflosigkeit, auf einen Engpaß in der Akkumulation ver-
       weisen. Der  "Drang nach Gewalt und Reaktion", der definitionsge-
       mäß dem  Finanzkapital eigen  ist, soll  Zeichen des  Niedergangs
       sein -  und jede  Eroberung ein  neuer Ausdruck der Widersprüche,
       die sich verschärfen und verstärken. Wie alt doch die Theorie vom
       Papiertiger schon  ist! In  der Streitfrage der Arbeiterbewegung,
       in der Sache 'Krieg & Frieden' wird Lenin auch nicht wegen seiner
       "tiefen" Einsichten  in die politische Ökonomie des Imperialismus
       zum Gegner  des Reformismus und der bürgerlichen Friedensillusio-
       nen. Im  Gegenteil: Seine Überzeugung, daß Finanz- und Monopolka-
       pital einerseits  den Niedergang des Kapitalismus repräsentieren,
       andererseits deshalb  aggressiv, eroberungssüchtig  und weltherr-
       schaftlich auftreten,  um sich  alles unter  den Nagel zu reißen,
       bringt ihn  auf seine  Theorie von der Notwendigkeit des Krieges.
       Seine Fehler  in der  Erklärung des  Weltmarkts machen  für die -
       ziemlich blöde  - Frage: "Ist Frieden möglich?" sogar jede Kennt-
       nis der  G r ü n d e  für Kriege, der Verlaufsformen des interna-
       tionalen Geschäfts  mit seinem  spezifischen Dienst  der  Staaten
       fürs Kapital  überflüssig. Krieg und Frieden gelten ihm beide als
       Mittel für dieselbe Strategie der Eroberung, der Gier nach Beute;
       ja er geht sogar soweit, dabei den Frieden für den uneigentlichen
       Modus der  Konkurrenz zu halten und die Konkurrenz der Waffen als
       den der  monopolistischen Profitmacherei  angemessenen Weg zu be-
       stimmen, zu dessen Charakterisierung er nicht einmal das Verhält-
       nis von  Staat und  Kapital bemüht. Auch die Besetzung irgendwel-
       cher Wüsteneien  rangiert unter  der Rubrik  des Extraprofits, im
       Zweifelsfall eines  "möglichen" - und diese Irrtümer sind keines-
       wegs mit  den Fakten  der kolonialen  Eroberung zu entschuldigen.
       Der Weltkrieg jedenfalls drehte sich nicht um die Eroberung neuer
       Ländereien...
       Daß ein  moderner Krieg  zwischen imperialistischen Staaten - und
       d i e  bestreiten sich gegenseitig zunächst die Mittel ihrer Sou-
       veränität und dann, in der Konkurrenz der Waffen, wo nur noch mi-
       litärisch "kalkuliert"  wird und nicht kaufmännisch, die Souverä-
       nität selbst  -   m a t e r i e l l e n  Z u g e w i n n  bringen
       oder wenigstens verheißen müsse, ist die revisionistische Manier,
       den ökonomischen Grund der staatlichen Gewalttätigkeit zu behaup-
       ten. Daß  ein Klassenstaat  bei seinen Diensten fürs Kapital, bei
       denen das  Militär auch  in Friedenszeiten  eine gewichtige Waffe
       der Konkurrenz  darstellt, auf die Schranke eines anderen Souver-
       äns trifft,  der  sich  eine  wechselseitige  'Abhängigkeit'  und
       'Benützung' nicht  mehr leisten  kann und  will - diese schlichte
       Wahrheit, die den Frieden bisweilen so aufrüstungsträchtig macht,
       wollen Anhänger  der Leninschen  Imperialismustheorie auch  heute
       noch nicht wahrhaben. In genauer Umkehrung des Dogmas, ausgerech-
       net der  Krieg müsse  die Konten  von Geschäftsleuten bereinigen,
       vermißt ein  solchermaßen aufgeklärter  Mensch mit  seinem  Dogma
       gleich   j e d e n  N u t z e n  des Kriegs, leugnet den Materia-
       lismus des  Staates und weist den "Wahnsinn" des Waffenganges be-
       reits an  den Kosten  der Rüstung nach - freilich nicht ohne Hin-
       weis auf die Einnahmen der Rüstungsmonopole.
       Die Rede vom Un- und Wahnsinn des Krieges, seine Stilisierung als
       grund- und  zwecklose Sache,  von der  niemand, am allerwenigsten
       die "Menschheit",  etwas hat,  mißt den  Völkermord an  demselben
       Maßstab der  ökonomischen Einträglichkeit,  der "den Frieden" be-
       stimmt und der laut revisionistischer Lehre selbst im Kriege noch
       gilt. Insofern  handelt es  sich bei den Epigonen Lenins, die ein
       Jahrzehnt seine  Imperialismusschrift in Schulungen gelernt haben
       und nun  einer Friedensinitiative  angehören, durchaus  um konse-
       quente   B ü r g e r,   jedoch um  bekehrte  Revisionisten.  Denn
       b ü r g e r l i c h  ist eine Ideologie allemal, die den staatli-
       chen  K r i e g s zweck  ausgerechnet mit der Überlegung konfron-
       tiert, was denn dabei herauspringe und für wen...
       Ein Dokument  der revisionistischen Weltanschauung und damit auch
       ein Schatzkästlein  des  "b ü r g e r l i c h e n  M o r a l i s-
       m u s",   welcher der Welt von Kapital und Staat die gerechtesten
       und  reaktionärsten   Vorwürfe  entgegenschleudert,   ist  Lenins
       Imperialismusschrift freilich  nicht nur  in dieser Hinsicht. Und
       ihr Erfolg  in Jahrzehnten  staatstreuer Arbeiterbewegung auf der
       ganzen  Welt  beruht  einzig  auf  der    M e t h o d e    dieser
       Weltanschauung, die kein objektives Urteil zuläßt:
       So haben die Epigonen auch nach der faschistischen Unterscheidung
       zwischen raffendem  und schaffendem  Kapital nicht davon abgelas-
       sen, die  von Lenin  erfundenen Finanzmonopolisten  für ganz ver-
       werflich zu  halten, und  ihnen zur  Last gelegt, daß sie als un-
       nütze Couponschneider  die braven Industriellen einseifen und die
       ganze Gesellschaft schröpfen.
       Noch weniger  ist den Nachbetern der Leninschen Theorie eingefal-
       len, die  Berufung auf  die 'Fäulnis',  den parasitären Charakter
       des Monopolkapitalismus einzustellen. Sie haben also ausgerechnet
       als Oppositionelle  ihren politischen  Willen, ihre   K r i t i k
       am bürgerlichen  Arbeiten, Kaufen, Sparen und Soldat Spielen, mit
       der   Ü b e r e i n s t i m m u n g  legitimiert, in der sie sich
       - von  Lenin unterrichtet  - mit der Tendenz der Weltenläufte be-
       finden. Der  ü b e r f ä l l i g e  Kapitalismus rechtfertigt die
       antimonopolistische Demokratie,  den echten Volksstaat; Hauptten-
       denz =  Revolution... (Kein  Wunder, daß  die schleppende Gangart
       der Tendenz solche Leute grün und Schlimmeres werden läßt!)
       Genauso beliebt  blieb die Verheißung, daß schlechte Erfahrungen,
       auf  die   man  nur   noch    d e u t e n    muß,  wenn  sie  die
       "friedliebenden" Menschen schon gemacht haben, Wunder wirken:
       
       Dutzende Millionen  von Leichen  und Krüppeln, die der Krieg hin-
       terließ [...] und dann diese beiden 'Friedensverträge' öffnen mit
       einer bisher  ungeahnten Schnelligkeit Millionen und aber Millio-
       nen durch  die Bourgeoisie  eingeschüchterter,  niedergehaltener,
       betrogener und betörter Menschen die Augen. (S. 771)
       
       Als ob  ein Klassenstaat solchen Friedensfreunden durch die frie-
       denspolitische Vorbereitung  und Führung  von Kriegen  nicht  be-
       weist, wie  weit er es in der Zurichtung seiner Opfer für die ge-
       lungene Fortsetzung seiner Herrschaft bringt! Als ob eine Schrift
       über den  Charakter des  Imperialismus  und  Anti-Kriegsagitation
       überhaupt notwendig wären, wenn Leichen und Kriegsfilme so augen-
       öffnend wirken würden!
       Und die  reaktionäre Wendung  Lenins bei der Erklärung der Erfah-
       rung, daß  sich "ausgerechnet"  die Arbeiterklasse für den Dienst
       in monopolkapitalistischen  Fabriken und  Kasernen und  Feldzügen
       hergibt, erfreut  sich in  den Resten  der linken  Bewegung  auch
       heute noch  größter Beliebtheit  in der  Leninschen  Fassung  des
       Volksspruches "Den Leuten geht's zu gut!", der Bestechungsthese:
       
       Dadurch, daß  die Kapitalisten eines Industriezweiges... hohe Mo-
       nopolprofite herausschlagen, bekommen sie ökonomisch die Möglich-
       keit, einzelne  Schichten der  Arbeiter, vorübergehend sogar eine
       ziemlich bedeutende Minderheit der Arbeiter zu bestechen...
       
       Tatsächlich geschieht  die Vorbereitung  eines  imperialistischen
       Krieges nicht in Form von Lohnerhöhungen, um das Proletariat min-
       destens "teilweise"  auf die Seite der Bundesregierung zu ziehen,
       sondern mit  Lohnsenkungen und  der Ideologie, die da heißt: "Uns
       geht's verhältnismäßig  gut!" oder aus dem Munde Helmut Schmidts:
       "Das deutsche Volk ist verwöhnt!"
       
       II.
       
       Der Frieden einer Weltwirtschaftsordnung
       ----------------------------------------
       
       1. Der "freie Westen"
       ---------------------
       
       Der "freie  Westen" ist alles andere als eine Fiktion. Wie offen-
       kundig ideologisch  auch immer  der  in  dieser  Bezeichnung  be-
       hauptete Idealismus  einer ganzen  Hemisphäre verwendet  wird und
       wie ehrenrührig so manches Zerwürfnis zwischen ihren maßgeblichen
       Führern ausgetragen  werden mag:  was da  als kollektives Subjekt
       der Freiheit  in der  Staatenwelt verstanden  sein will,  ist ein
       Staatenbündnis von bemerkenswerter Wucht und Stabilität.
       1. Bekanntlich handelt  es sich  dabei auf der einen Seite um ein
       Kriegsbündnis, das  seine Anstrengungen, weltweit jeden erdenkli-
       chen Waffengang siegreich bestehen zu können, auf die Annahme ei-
       ner permanenten Angriffsdrohung der Sowjetunion und ihrer Verbün-
       deten gegen alle anderen wichtigen Staaten, insbesondere eben die
       des "freien Westens", gründet. Laut NATO-Vertrag, dem wichtigsten
       Gründungsdokument des  "freien Westens", relativiert sich der ei-
       gens betonte "Wunsch" der beteiligten Staaten, "mit allen Völkern
       und  allen   Regierungen  in   Frieden  zu   leben",   an   ihrer
       'Entschlossenheit', "die  Freiheit, das  gemeinsame Erbe  und die
       Zivilisation ihrer  Völker, die  auf den Grundsätzen der Demokra-
       tie, der  Freiheit der Person und der Herrschaft des Rechts beru-
       hen, zu gewährleisten"; in deren Namen sagen sie sich wechselsei-
       tig nicht  bloß Unterstützung  im Ernstfall, sondern auch gemein-
       schaftliche Vorbereitung  des Ernstfalls  zu. Es ist also erklär-
       termaßen eine  "Systemfrage", politische Herrschaft nämlich gemäß
       den rechtlichen  Formen und den Prinzipien der Demokratie, um de-
       rentwillen die Bündnisstaaten sich verpflichten, gemeinschaftlich
       Krieg zu  führen. Klargestellt  ist damit  quasi nebenher, daß es
       sich bei  den ominösen demokratischen Prinzipien westlicher Zivi-
       lisation und der hier gemeinten "Freiheit der Person" um staatli-
       che Anliegen von solchem Rang handelt, daß dafür durchaus das Le-
       ben der  Bürger ins Kalkül zu ziehen und in die Pflicht zu nehmen
       ist -  also nur  sehr bedingt um freudenerregende Begleitumstände
       des Erdendaseins.  Bemerkenswerter ist  hier allerdings  der  Um-
       stand, daß der Vertrag nicht die nationale Souveränität der Part-
       nerstaaten als  solche zu  dem höchsten  Zweck erklärt, zu dessen
       Verteidigung die  Bündnispartner einander  beistehen wollen - wie
       in "normalen", "klassischen" Defensivallianzen, die daher auch im
       Unterschied zur  NATO den  Streit um  die Definition des Bündnis-
       falls sowie  um Garantien  für die  Hilfe der Partner immerzu zum
       Inhalt haben.  Als   d e r  Kriegsgrund schlechthin und damit als
       höchster und letzter nationaler Zweck der Partner gelten vielmehr
       Abstraktionen, die scheinbar bloß die Form und die inneren Ideale
       einer nationalen  Staatsgewalt betreffen  - dem Anschein nach ein
       offener Widerspruch  zu der  allgemein bekannten, in Notstandsge-
       setzen jedenfalls  bekanntgemachten und  kodifizierten Selbstver-
       ständlichkeit, mit  der eine nationale Staatsgewalt spätestens im
       Ernstfall die  Prinzipien von Recht, Demokratie und "Freiheit der
       Person" ihrer  Selbstbehauptung  und  -durchsetzung  unterordnet.
       (Von den für die Zwecke der NATO brauchbaren und ihr befreundeten
       Diktaturen soll  hier bewußt  nicht die Rede sein!) Bei allem of-
       fensichtlichen Idealismus der diplomatischen Redeweise stellt der
       Bündnisvertrag damit  doch  eines  klar:  die  Verpflichtung  der
       Kriegspartner auf  einen Supranationalismus,  der sich keineswegs
       erst nach  Eintritt des  Ernstfalls, bedingt also, geltend machen
       soll, sondern  schon vorher den beteiligten Souveränen als Richt-
       schnur ihrer äußeren wie sogar ihrer inneren Politik gelten will.
       In diesem Sinne nimmt der Artikel 2 ausdrücklich von den nationa-
       len Sonderinteressen  und der  fortdauernden Konkurrenz der Part-
       nerstaaten Notiz,  um deren  Belanglosigkeit zu dekretieren: "Sie
       [sc. die Vertragspartner] werden bestrebt sein, Gegensätze in ih-
       rer nationalen  Wirtschaftspolitik zu  beseitigen und  die  wirt-
       schaftliche Zusammenarbeit  zwischen einzelnen  oder  allen  Ver-
       tragspartnern zu  fördern." In  Artikel 3  räumen die Beteiligten
       einander explizit  die Freiheit  ein, sich im Interesse des Bünd-
       niszwecks in  die inneren  Angelegenheiten der  anderen  einzumi-
       schen: "Um  die Ziele  dieses Vertrages  besser zu verwirklichen,
       werden die  Parteien einzeln  und gemeinsam  durch  ständige  und
       wirksame Selbsthilfe  und gegenseitige  Unterstützung die  eigene
       und die gemeinsame Widerstandskraft gegen bewaffnete Angriffe er-
       halten und  fortentwickeln." Und Artikel 8 erklärt das NATO-Bünd-
       nis zum verpflichtenden Kriterium für alle anderweitigen außenpo-
       litischen  Aktivitäten  der  Partner:  "Jeder  vertragschließende
       Staat erklärt, daß keine der internationalen Verpflichtungen, die
       gegenwärtig zwischen ihm und einem anderen Vertragsstaat oder ei-
       nem dritten  Staat bestehen, den Bestimmungen dieses Vertrags wi-
       dersprechen, und  verpflichtet sich,  keine diesem Vertrag wider-
       sprechende internationale Verpflichtungen einzugehen." Mit der
       wechselseitigen Zusage,  im Ernstfall  gemeinsam  gegen  die  So-
       wjetunion anzutreten,  erlegen die  Staaten des  "freien Westens"
       sich in  diesem Vertrag also wechselseitig die Pflicht auf, schon
       vorweg und  überhaupt, nicht bloß militärisch, sondern auch wirt-
       schaftspolitisch zu kooperieren und den Gebrauch ihrer nationalen
       Souveränität einem  supranationalen Kriterium  unterzuordnen: dem
       weltweiten Erfolg der westlichen Demokratie.
       2. Welcher   n a t i o n a l e   M a t e r i a l i s m u s   sich
       mit diesem  militanten Supranationalismus  im Namen  der Freiheit
       verbindet, darauf gibt schon der zitierte Artikel 2 des NATO-Ver-
       trags einen Hinweis - und erst recht das rege "politische Leben",
       mit dem  der "freie  Westen" dessen  Intentionen erfüllt hat. Die
       westliche Staatengemeinde  stellt sich  nämlich -  zweitens - dar
       als eine internationale Wirtschaftsgemeinschaft. Die Staats- bzw.
       Regierungschefs der  sechs  wichtigsten  NATO-Partner  sowie  des
       fernöstlichen Vorpostens des "freien Westens", der Ministerpräsi-
       dent von Japan, haben jedenfalls ihre periodischen Zusammenkünfte
       unter dem  Titel "Weltwirtschaftsgipfel"  institutionalisiert und
       über die  Aufgabe, deren  Bewältigung sie  sich dort widmen, nach
       ihrem Treffen  vom Juli  1981 in  Ottawa folgende  grundsätzliche
       Auskunft gegeben:
       
       1. Wir sind  in einer Zeit tiefgreifenden Wandels und großer Her-
       ausforderungen für den wirtschaftlichen Fortschritt und den Frie-
       den in der Welt zusammengetroffen... Wir wissen, daß Wirtschafts-
       fragen die  politischen Zielsetzungen, die wir teilen, sowohl wi-
       derspiegeln als  auch beeinflussen.  In einer  Welt gegenseitiger
       Abhängigkeit bekräftigen  wir erneut unsere gemeinsamen Ziele und
       die Anerkennung der Notwendigkeit, dabei die Auswirkungen der von
       uns verfolgten  Politik auf  andere zu  berücksichtigen. Wir ver-
       trauen in  unsere gemeinsame  Entschlossenheit und Fähigkeit, un-
       sere Probleme im Geiste gemeinsamer Verantwortung sowohl zwischen
       uns als  auch mit  unseren Partnern  in aller  Welt in Angriff zu
       nehmen. 2.  Die Hauptaufgabe,  der wir uns auf diesem Treffen zu-
       wandten, war  die Notwendigkeit,  die Volkswirtschaften der Demo-
       kratien unter  den Industrieländern wieder zu beleben, um die Be-
       dürfnisse unserer eigenen Völker zu befriedigen und den Wohlstand
       in der Welt zu festigen.
       
       Was immer  man sich  sonst noch  als außenpolitischen Zweck eines
       Staates denken  mag: sei  es "Völkerfreundschaft"  oder  "Macht",
       z.B. über  einen Nachbarn,  sei es  die Sicherung spezieller Han-
       delsprivilegien oder  die Vergrößerung  des nationalen Territori-
       ums, sei  es schließlich sogar die Ölversorgung oder "die Weltre-
       volution" -  das alles  sieht ziemlich provinziell oder reichlich
       idealistisch  aus   neben  dem   Materialismus  jener  weltweiten
       "Verantwortung", zu  der die  Teilnehmer des "Gipfels von Ottawa"
       sich da bekennen. "Die Weltwirtschaft" ist tatsächlich eine Frage
       ihrer Entscheidungen, und sie setzen die maßgeblichen Bedingungen
       für den  "Wohlstand in der Welt"; die wirtschaftspolitischen Maß-
       nahmen eines  jeden  der  versammelten  Souveräne  betreffen  die
       Volkswirtschaften der anderen wie überhaupt die "Partner in aller
       Welt" wesentlich,  weil von  den Erfolgen ihrer nationalen Ökono-
       mien "die Weltwirtschaft" ihrerseits abhängt; füreinander wie für
       den Rest  der Welt  haben ihre  Beschlüsse folglich die Wucht und
       Unwidersprechlichkeit ökonomischer  "Sachzwänge":  das  sind  die
       Tatbestände, um  deren Durchsetzung  die politischen  Führer  der
       sieben wichtigsten  "Demokratien unter den Industrieländern" sich
       nicht etwa erst kümmern müßten, von denen sie vielmehr als völlig
       selbstverständlichen Gegebenheiten  a u s g e h e n.
       Daß sie dabei immerzu weltwirtschaftlichen Behinderungen oder gar
       Gefährdungen ihrer  nationalen  Ökonomien    e n t g e g e n z u-
       t r e t e n   hätten, wie es insbesondere von deutscher Seite für
       den demokratischen  Hausgebrauch dargestellt  zu  werden  pflegt,
       kann nicht  die Wahrheit  über die  weitreichende "Verantwortung"
       der Gipfelteilnehmer sein. Denn schließlich setzt die Behinderung
       oder Gefährdung  einer nationalen  Ökonomie durch  die Wirtschaft
       anderer Länder ja allemal Aktivisten dieses Verhältnisses voraus,
       die  ein   reges  positives   Interesse  an   den  Produkten  und
       Produktionsprozessen auswärtiger  Volkswirtschaften haben und auf
       deren Benutzung  abonniert sind. Und darüber, daß dieser weltweit
       ausgreifende "Unternehmungsgeist" in  i h r e n  Ländern zu Hause
       ist, lassen die Führungsfiguren der "freien Welt" keinen Zweifel.
       Über deren heimische Ökonomien ist damit auch schon klargestellt,
       daß  sie   als  Basis   ihres  weltweiten  Engagements  auch  die
       M i t t e l   für eine  schrankenlose Benutzung  der ökonomischen
       Potenzen  anderer   Staaten  und   Ökonomien  hervorbringen   und
       reproduzieren. Um  mit dem  eigenen Interesse  an ihr  der ganzen
       Welt ihre  ökonomischen Bedingungen  zu setzen, um sie nicht bloß
       ideell, sondern  praktisch  in  die  "Welt  gegenseitiger  Abhän-
       gigkeit" einzubeziehen,  bedarf es  eines nicht  bloß  zeitweilig
       ü b e r s c h ü s s i g e n   R e i c h t u m s,    eines  dauer-
       haften Erfolgs  bei der  zunehmenden  Ansammlung  von  nationaler
       "Wirtschaftskraft". Es  können also auch nicht - wie ausgerechnet
       linke Imperialismustheorien  gern vermuten - Schwierigkeiten, gar
       zunehmende,  mit   dem  einheimischen   Wirtschaftskreislauf  der
       großen, maßgeblichen  Demokratien oder  sogar dessen Krisen sein,
       durch die  ein nationales  Unternehmertum auf  die Benutzung  der
       Ökonomien fremder Staaten verwiesen würde. Wenn es denn schon ein
       "Problem" sein  soll, aus dem das praktizierte Interesse an allem
       erwächst, was  sich ökonomisch  auf dem Globus tut, so handelt es
       sich um  das süße  Problem einer fortdauernden Akkumulation wach-
       senden produktiven  Reichtums, dem  die Schranken der eigenen Na-
       tion zu  eng werden  und der die  F r e i h e i t  des Vergleichs
       eröffnet -  und damit,  wenn man so will,  e r z w i n g t  -, ob
       seine Verwendung  im Verkehr  mit einem  Ausland nicht  viel mehr
       lohnen könnte  als daheim. Die Sorge um das lohnende Wachstum des
       produktiv verwendbaren  Reichtums ihrer Volkswirtschaften ist der
       materielle Inhalt  jener weltweiten ökonomischen "Verantwortung",
       aus der die Führungsmächte der "freien Welt" ihre selbstverständ-
       liche politische  Zuständigkeit für  die Geschicke  der  gesamten
       Staatenwelt ableiten.
       3. Die   F r e i h e i t   der politischen Souveräne hinsichtlich
       der materiellen  Grundlage und Zwecksetzung ihrer Weltpolitik ist
       also nicht  zu übersehen.  Schließlich sind  Regierungschefs oder
       Staatspräsidenten  keine   Geschäftsleute;  auf  ihren  Weltwirt-
       schaftsgipfeln wird  weder Handel  getrieben noch über Produktion
       und Verteilung nützlicher Güter befunden, geschweige denn der ma-
       terielle "Wohlstand  der Welt"  in die  Wege geleitet. Sie kehren
       nicht mit einem weltumfassenden Produktionsplan heim, sondern mit
       Absprachen über  die Beeinflussung  von Zinssätzen und Inflation,
       über die  "Erholung des  Arbeitsmarkts" und  die Perspektiven des
       Wirtschaftswachstums, über  die staatlichen Haushaltsdefizite und
       das internationale  Bankensystem; Absprachen,  die durchaus  auch
       geschäftsschädigende Elemente  enthalten. Nicht  als einfache Ge-
       schäftsleute, sondern  als Repräsentanten  jener höchsten Gewalt,
       mit der sie  wirtschafts p o l i t i s c h e  Bedingungen setzen,
       treten sie gegeneinander an und verhandeln um die Freiheiten, die
       sie dem  Unternehmungsgeist ihrer  einschlägig interessierten und
       engagierten Bürger  verschaffen wollen  bzw. dem  der auswärtigen
       Geschäftsleute einräumen sollen, sowie um die vor- und nachteili-
       gen Konsequenzen, die sich daraus für die nationalen wie interna-
       tionalen Aktivitäten  ihrer Geschäftsleute ergeben. Gerade wo sie
       ganz souverän  über die  Bedingungen allen  Wirtschaftens in  der
       Welt befinden, beziehen die Chefs der westlichen Demokratien sich
       auf die  Interessen  und  Forderungen  des    n a t i o n a l e n
       Wirtschaftslebens und seiner Macher wie auf ein Ensemble von Auf-
       trägen und  Sachgesetzen, an  denen sie  sich orientieren müssen,
       und umgekehrt: gerade wo sie als bloße Exekutoren gewisser ökono-
       mischer Erfordernisse  auftreten, wahren und praktizieren sie die
       souveräne Freiheit  der höchsten politischen Gewalt, die der hei-
       mischen und  auswärtigen Geschäftswelt  ihre "Orientierungsdaten"
       setzt.
       Mit diesem  Begriff eines  f r e i e n  M a t e r i a l i s m u s
       der demokratischen  Staatsgewalt, auch  in ihrem  weltpolitischen
       Agieren, löst  sich auf  der einen Seite in einer ersten Hinsicht
       die in Punkt I angemerkte Paradoxie auf, daß diese Staaten in den
       Gründungsurkunden ihrer  Bündnisse die  Prinzipien  ihres  Regie-
       rungssystems zum  obersten Zweck  ihrer Weltpolitik  deklarieren.
       Mit "Recht",  "Freiheit der  Person" usw.  ist eben insoweit kein
       bloßer diplomatischer  Idealismus ausgedrückt, sondern die Eigen-
       art des  souveränen Materialismus  dieser Staatsgewalten angedeu-
       tet, wie  diese Abstraktionen  die tatsächliche    A n e r k e n-
       n u n g   der volkswirtschaftlich  maßgeblichen Interessen  einer
       nationalen Gesellschaft  durch ihre  politischen Gewalthaber oder
       umgekehrt: den  Status der  staatlichen Herrschaft  als  p o l i-
       t i s c h e r   S a c h w a l t e r   und damit  als   i d e e l-
       l e s   Subjekt der  Summe der  ökonomischen Unternehmungen ihrer
       Bürger meinen und darin ihren materiellen Inhalt haben. Indem sie
       sich  selbst   voreinander  und   sich  wechselseitig   auf   die
       "Prinzipien der  Demokratie" verpflichten, bekennen die Souveräne
       der westlichen  Welt sich zu einem Staatsmaterialismus, der seine
       Grundlage im  weltweiten Erfolg  derjenigen unter  ihren  Bürgern
       hat, von  denen ihre  Volkswirtschaft unmittelbar  praktisch  ab-
       hängt, und  zwar auch  in ihren Beziehungen untereinander und zum
       Rest der  Staatenwelt. Eben damit ist auf der anderen Seite klar-
       gestellt, daß der Standpunkt der staatlichen Souveränität mit dem
       jener  Geschäfte,   auf  die   ihr  Materialismus  sich  gründet,
       n i c h t  zusammenfällt. Wenn es ihr um die Grundlagen auswärti-
       ger Geschäftemacherei  geht, dann  muß sie sich eben nicht um die
       praktische Benutzung der fremden Volkswirtschaft kümmern, sondern
       um die  Zustimmung der  auswärtigen souveränen  Gewalt dazu,  ihr
       "Geschäft" ist  die Sicherstellung  der  "Kooperationswilligkeit"
       fremder Souveräne,  die prinzipielle  Garantie der  Benutzbarkeit
       i h r e r   hoheitlichen Gewalt im  e i g e n e n  Interesse. Und
       dieser Zweck,  die Willensbildung einer fremden Staatsgewalt ent-
       scheidend "beeinflussen"  zu  können,  macht  den    p r a k t i-
       s c h e n   I d e a l i s m u s   demokratischer Außenpolitik und
       Diplomatie  aus,  einen  Idealismus,  der  eine  sehr  materielle
       Rücksichtslosigkeit gegen  den ökonomischen  Inhalt und Zweck des
       so hergestellten  Weltzusammenhangs einschließt.  Vom  Standpunkt
       des staatlichen  Souveräns aus geht die demokratische "Dienstbar-
       keit" der  politischen Gewalt  für ihre  ökonomische Basis einher
       mit ihrer selbstverständlichen Freiheit, die hergestellten ökono-
       mischen Beziehungen  in dieser  "Welt gegenseitiger Abhängigkeit"
       für  die   Gewinnung  und  diplomatische  Erpressung  auswärtiger
       Souveräne zu benutzen, auch wenn das auf Kosten der hergestellten
       Geschäftsbeziehungen geht.
       4. In hier  noch sehr allgemeiner Form zeigt sich damit die welt-
       politische Logik,  kraft derer  die  beiden  Aktionsbereiche  des
       "freien Westens", die Regelung der militärischen und der ökonomi-
       schen Beziehungen  der beteiligten  Staaten untereinander und zum
       Rest der  Welt, zusammengehören.  Es erscheint  paradox, daß  die
       Bündnispartner dieser Hemisphäre ihre Sorgen um die "Freiheit der
       Person"  etc.   offiziell   und   verbindlich   zum   gemeinsamen
       K r i e g s g r u n d   erklären; und  zwar nicht bloß vom Stand-
       punkt der Illusion, diese Freiheit als Beitrag zum wirklichen in-
       dividuellen Wohlergehen  aufzufassen -  so  betrachtet    w ä r e
       diesbezügliche Kriegsbereitschaft  ein Paradox!  -, sondern  auch
       unter dem Gesichtspunkt des dazugehörigen Materialismus des welt-
       weiten Geschäfts.  Dessen Unterordnung  unter die  gewaltsame Ge-
       währleistung   seiner    Freiheit   ist    aber   erstens    eine
       N o t w e n d i g k e i t   des ökonomischen  Internationalismus:
       Wo fremde  Gewalt die Schrankenlosigkeit nationaler Reichtumsver-
       mehrung beschränkt, muß die politische Gewalt die Freiheit besit-
       zen, die  eigene Gesellschaft  und deren  Reichtum für    i h r e
       Durchsetzung gegen die fremde Gewalt zu benutzen. Und wo der Nut-
       zen einer  erfolgreichen Volkswirtschaft  somit immer  auch  eine
       G e w a l t f r a g e   ist, da ist die Freiheit der Staatsgewalt
       nicht bloß  ein notwendiges Erfordernis, sondern - zweitens - die
       W a h r h e i t   des weltweit ausgreifenden Geschäftsgangs: Eben
       weil die  souveräne Gewalt  die Stärkung  ihrer materiellen Basis
       durch den nützlichen Zugriff der eigenen Volkswirtschaft auf alle
       auswärtigen Ökonomien als ihren bestimmenden Zweck verfolgt, des-
       wegen hat  das nationale  Wirtschaftswachstum  sein  maßgebliches
       letztes   K r i t e r i u m   in der weltweiten Durchschlagskraft
       der politischen  Herrschaft, die  darauf beruht. Es ist also kein
       Zufall, daß der Verein von Staaten, der mit seinen Entscheidungen
       die Weltwirtschaft  regelt, sich  auf der  Grundlage eines  Welt-
       krieges mit  eindeutigem Ausgang als ein von der Hauptsiegermacht
       gegründetes Kriegsbündnis  konstituiert hat, das bereits in Frie-
       denszeiten intern  immerzu den Bündnisfall praktiziert: Weltwirt-
       schaft in  einer Welt  von Staaten  ist ohne eindeutige Antworten
       auf die  täglich fälligen  Gewalt"fragen" nun einmal nicht zu ha-
       ben. Sozialdemokratische  Idylliker des friedlichen und harmlosen
       Handels und  Wandels liegen  da ebenso schief wie alle Hoffnungen
       auf die  Unmöglichkeit bedeutender  Kriege wegen  deren unverant-
       wortbarer Kosten:  wofür hätten die maßgeblichen Souveräne dieser
       Welt denn  "Verantwortung" zu tragen, worum sich zu sorgen und zu
       streiten wenn  ihr nationaler  Materialismus eine selbstgenügsame
       Angelegenheit wäre? Ebenso irren sich "Stamokap"-Theoretiker, die
       den außenpolitisch  agierenden Staat als Gefangenen seines natio-
       nalen Handels-,  Finanz-, Rüstungs-  oder sonstigen  Kapitals und
       der einschlägigen  Lobbies vorstellen: wie könnte eine demokrati-
       sche Staatsgewalt ihrer weltweit engagierten Ökonomie den politi-
       schen "Dienst"  leisten, mit  dem sie  ihren Eigennutz befördert,
       ohne Souveränität,  und zwar bis hin zur zeitweiligen Rücksichts-
       losigkeit auch gegenüber den herrschenden Interessen in ihrer Ge-
       sellschaft?
       Umgekehrt ist  es auch  kein Zufall,  daß die Demokratien des We-
       stens, die  sich zur  Verteidigung der "Freiheit der Person" etc.
       zu  einem   schon  im   Frieden   aktiven   Kriegsführungs-   und
       -vorbereitungsbündnis  zusammengetan  haben,  die  Kontrolle  der
       Weltwirtschaft  zum  erstklassigen  Gegenstand  ihrer  weltweiten
       "Verantwortung", nämlich zu ihrem Hauptziel neben dem Weltfrieden
       erklärt und  gemacht haben: Politische Maßgeblichkeit in der gan-
       zen Welt  wäre auch  für die kräftigste Militärallianz ein leerer
       Zweck und daher auch nicht wirklich zu haben, bliebe vielmehr ein
       bloßer gewalttätiger  Idealismus, wenn  die maßgeblichen Demokra-
       tien nicht  ein materielles  Interesse an  der Benutzung  fremder
       Länder zu  vollstrecken hätten  und wenn  sie  nicht  auf  dieser
       Grundlage dem ökonomischen Materialismus der restlichen Souveräne
       seine "sachgesetzlichen"  Bedingungen setzen  könnten. Falsch ist
       daher auch  der übliche, in populären Länderkunden wie in polito-
       logischen Lageanalysen  beliebte "Pluralismus" in Sachen interna-
       tionaler Politik,  der in  der "komplexen Vielfalt" weltpolitisch
       relevanter  "Bedingungs-"   und   "Einflußfaktoren"   sowie   des
       "Ringens" der Staaten um "Macht", "Einfluß" und die große Völker-
       familie den  Materialismus demokratischer Außenpolitik nicht mehr
       will ausmachen können.
       
       2. "Handel und Wandel" weltweit
       -------------------------------
       
       Die Verfahrensweisen  der   B e n u t z u n g,  die die weltwirt-
       schaftlich "verantwortlichen"  Nationen des "freien Westens" ein-
       ander und  dem Rest  der Welt  angedeihen lassen,  sind  weltweit
       praktizierte "freie  Marktwirtschaft" - und erscheinen nur deswe-
       gen manchem  Beobachter so  "komplex" bis zur Unverständlichkeit,
       weil sie besonders wenig Raum lassen für die so beliebten ideolo-
       gischen Einbildungen  über die menschenfreundlichen Zwecke dieser
       Wirtschaftsweise.
       1. "Der Mensch"  ist nämlich  überhaupt nicht  das  zwecksetzende
       Subjekt einer  modernen Volkswirtschaft  - und  des dazugehörigen
       Außenhandels schon  gar nicht.  Zwar ist es ihm durchaus erlaubt,
       ja es  wird ihm sogar täglich durch die demokratische Weltöffent-
       lichkeit angetragen,  die ganze  Welt in  der Kategorie des "wir"
       aufzufassen, also von "unseren" Erdölquellen in Nahost, "unseren"
       Handelsbeziehungen mit  den USA, "unserer" Konkurrenz mit den Ja-
       panern und "unseren" Interessen in Ungarn, Madagaskar und Peru zu
       reden. Und  auch praktisch bekommt er mit allen diesen Weltregio-
       nen zu tun - bloß eben:  w i e?
       Ein zivilisierter  Arbeitnehmer von heute darf sich unbesehen si-
       cher sein,  daß seine Firma auch für seinen Arbeitsplatz das Han-
       tieren  mit   exotischen  Rohstoffen,   mit  Halbfabrikaten   aus
       "Billiglohnländern", an  Maschinen von  auswärtigen Anbietern ge-
       nauestens durchkalkuliert  hat und ihn so ganz ungefragt nach Be-
       darf zum praktizierenden Kosmopoliten macht. Mit den Importerfol-
       gen  ausländischer   Konkurrenz  ebenso   wie  mit   den  Export-
       "Verpflichtungen" des  eigenen Betriebs  wird er  sehr wirksam in
       seiner doppelten Eigenschaft als kaum noch zu verantwortender Ko-
       stenfaktor und  als viel  zu schonend behandelter Leistungsträger
       seines Betriebs  bekannt gemacht.  Seinen Lohn  bekommt er nur in
       inländischen Kreuzern,  nie in  ausländischen Gulden  ausgezahlt;
       wenn aber  der Wechselkurs  schwankt, dann  ist das für die Firma
       Anlaß genug,  ihm für  mehr Leistung weniger Lohn zu zahlen - sei
       es, weil sie "sparen" muß, sei es, weil sie sich Rationalisierun-
       gen leisten kann. Die Erfolge, zu denen er mit preiswerter Arbeit
       seinen Arbeitgebern  in deren  ständigem "Existenzkampf" um welt-
       weite Einkaufsgelegenheiten  und Absatzchancen verhilft, schaffen
       diesen die  Freiheit, seine  Ersetzung  durch  "arbeitssparende",
       nämlich lohnkostensenkende  Maschinerie  oder  durch  die  ebenso
       lohnkostensenkende "Schaffung  von Arbeitsplätzen" in südlicheren
       Regionen ins Kalkül zu ziehen - seine Gewerkschaft beschwert sich
       dann über  "die Japaner",  weil die  damit angefangen  haben, und
       über "die Taiwanesen", weil die es so billig machen.
       Immerhin helfen andere Abteilungen der nationalen Außenwirtschaft
       dem "kleinen  Mann" beim  Sparen; heutzutage entgeht keine tropi-
       sche Frucht  mehr so leicht ihrer Überprüfung durch einen gewitz-
       ten Importeur  daraufhin, ob  sie nicht  als preiswerter Vitamin-
       spender  gegen   die  zunehmend  unerschwinglichen  Produkte  des
       Obstanbaus in  den gemäßigten Zonen eine Marktchance hat. Daß die
       Veranstalter  dieses  Geschäftszweiges  es  allerdings  überhaupt
       nicht auf  die Schonung seines Geldbeutels abgesehen haben, macht
       die Großzügigkeit klar, mit der sie bei ihrer Preisgestaltung die
       Spanne zwischen dem Gestehungspreis ihres Artikels und dem Markt-
       preis möglicher Alternativprodukte nutzen - speziell wenn es, wie
       im Falle des Benzins, solche Alternativen nicht gibt und der Kon-
       sum des  fraglichen Saftes dank einer zielstrebigen Verkehrspoli-
       tik für  den sparwilligen Menschen zur ökonomischen Notwendigkeit
       geworden ist.  Unter derartigen - vom Importeurstandpunkt viel zu
       - selten  günstigen Bedingungen  wird dann  sogar der  Fiskus zum
       Teilhaber am  Monopolpreis und  trägt so  auf seine  Weise zu der
       Klarstellung bei,  daß die "Kaufkraft" des "kleinen Mannes" nicht
       dazu da  ist, auf  Grund von  Vorteilen eines weltweiten Einkaufs
       von Konsumartikeln  zu   w a c h s e n    -  solches  bleibt  der
       "Investitionsbereitschaft" derjenigen  "Wirtschaftssubjekte" vor-
       behalten, deren Erdölverbrauch unter dem Titel "Energiekosten un-
       serer Wirtschaft" so viel Einfluß auf die Konkurrenzfähigkeit des
       nationalen Unternehmertums  hat! "Massenkaufkraft" gibt es, damit
       die maßgeblichen Subjekte der nationalen Ökonomie sie für ihr Ge-
       schäft   b e n u t z e n   können. Dasselbe gilt, sobald der mas-
       senhafte Verbrauch  billigerer ausländischer Radios und Fotoappa-
       rate, erst  recht von Autos die einschlägigen Heimatindustrien in
       ihrem Absatz  beeinträchtigt: dann  soll der  Mensch   n a t i o-
       n a l   denken beim  Einkaufen; kommt es doch zu einem Defizit in
       der Handelsbilanz,  weil der  Preis für die Masse der Konsumenten
       nun einmal  das ausschlaggebende Einkaufsargument ist, dann haben
       ausgerechnet  "wir   alle"  "über  unsere  Verhältnisse  gelebt"!
       Deswegen sollte  am besten  gleich der Staat durch Zölle, Import-
       kontingente und  dergleichen den  Menschen Patriotismus  lehren -
       etwas anderes  ist es  natürlich, wenn  ein heimischer  Fabrikant
       Produktionsabteilungen ins  rentablere Hinterindien verlagert und
       der Import eine Art weiträumigen Werksverkehr darstellt.
       Kurzum: wie  überhaupt die gesamte Marktwirtschaft, so dreht sich
       auch die gesamte Außenwirtschaft einer weltweit aktiven Nation um
       "den  Menschen":  um  die    l o h n e n d e    B e n u t z u n g
       s e i n e r   A r b e i t s k r a f t  e b e n s o  w i e  s e i-
       n e r   "K a u f k r a f t".  Für die Abwicklung dieser Geschäfte
       braucht er  daher auch  gar nicht  weiter gefragt  zu werden.  Er
       steht ja sowieso "im Mittelpunkt".
       2. Vom maßgeblichen  Zweck  einer  kapitalistischen  "Binnenwirt-
       schaft" unterscheidet  der  ihrer  äußeren  Abteilung  sich  also
       überhaupt nicht  - wie  auch! Es  geht um  Geld, genauer:  um die
       Vermehrung des  in den  außenwirtschaftlichen Operationen  einge-
       setzten Kapitals.  Die  ideologisch  deklarierten  "eigentlichen"
       Zwecke: "Schaffung  von Arbeitsplätzen" durch Export, "Versorgung
       der Bevölkerung" durch Import, blamieren sich an der kleinen Fuß-
       note, der  so uninteressanten, banalen und doch völlig unerläßli-
       chen "Bedingung", daß ein  G e s c h ä f t  dabei natürlich schon
       herausschauen muß. Die Vorstellung, es wäre der glückliche Kunde,
       der als  versorgter Endverbraucher  das Geschäft  macht, oder der
       "Arbeitsplatzbesitzer",  der   mit  diesem  "Besitz"  seinen  Ge-
       schäftserfolg bewerkstelligte,  ist in  Import- und Exportangele-
       genheiten allenfalls  noch offenkundiger  albern als beim inneren
       Handel und  Wandel. Wie  sonst auch  sind Nutznießer und Benutzte
       die beiden  verschiedenen Parteien  des Geschäfts; und dieses er-
       füllt sich  - eine  so offenkundige  und doch  so gern  als allzu
       "vordergründig" oder  "eindimensional" geleugnete Trivialität des
       ökonomischen Alltagslebens  im "freien Westen" - in einer vergrö-
       ßerten Geldsumme, die Ausgangspunkt für die erneuerte Mehrung des
       in Geld  nicht nur gemessenen, sondern "rein"  v o r l i e g e n-
       d e n  Reichtums ist.
       Z a h l u n g,   und zwar in hinreichender Höhe, ist also die er-
       ste Bedingung jeglichen Ex- und Imports. Ihr verdankt die Mensch-
       heit das  zur Gewohnheit gewordene Nebeneinander erlesener Formen
       der Armut  und des  Überflusses in  Gestalt der  "Schweine-"  und
       "Butterberge", der "Autohalden" und "überfüllten Farbfernseherla-
       ger" und  der  "weltweit  unausgelasteten"  Stahlerzeugungs-  wie
       Transport-"Kapazitäten". Man  sollte vielleicht  einmal die  Ein-
       sicht nicht  für zu banal befinden, daß, seit für Geld  a l l e s
       zu haben  ist, alles  auch eben   n u r  f ü r  G e l d  zu haben
       ist. Das  gibt über die Emanzipation einer übers Geld abgewickel-
       ten Ökonomie  von den  Schranken, die die Natur einer noch unent-
       wickelten Produktionsweise  gesetzt hat, ebenso Auskunft wie über
       deren gesellschaftlichen  Zweck und  die durch diesen errichteten
       gesellschaftlichen Schranken für die Nutznießung der produktions-
       technisch bewältigten Natur. Das unmittelbare Kriterium, nach dem
       das  intensiv  genutzte  Arbeitermaterial  nördlicher  Zonen  mit
       preiswertem Kraftfutter  aus aller Herren Länder "versorgt" wird,
       ist dasselbe wie dasjenige, nach dem in einer "Welt wechselseiti-
       ger Abhängigkeit"  das Hungern und Verhungern vor sich geht, näm-
       lich das der funktional beschränkten Zahlungsfähigkeit; die funk-
       tionale Beschränkung entscheidet sich ihrerseits nach dem Nutzen,
       den ein  weltweit agierendes  Kapital aus  der Zahlung von Löhnen
       und Gehältern  zieht; und  dieser Nutzen realisiert sich weder in
       vielen nützlichen "Versorgungsgütern" noch in der Errichtung ent-
       sprechender Produktionsstätten,  sondern in der Summe Geldes, die
       darüber entscheidet,  ob und  inwieweit Produktion und Gebrauchs-
       wert  s i c h  l o h n e n  - dies ist der entscheidende Zweck.
       Eben weil  es einer  freiheitlichen Nationalökonomie ums Geschäft
       und folglich um universell verfügbaren Reichtum: um Geld als des-
       sen End-  und Ausgangspunkt,  geht, findet ihr Außenhandel aller-
       dings eine  spezielle Schranke  an dem  Mittel, das  eine moderne
       freiheitliche Staatsgewalt  ihren Bürgern  eigens  zur  möglichst
       ökonomischen  Abwicklung   ihres  Geschäftslebens  zur  Verfügung
       stellt: am  s t a a t l i c h e n  K r e d i t g e l d.  Bekannt-
       lich gehört  die Behandlung von Schuldscheinen als Zahlungsmittel
       zu den notwendigen Gepflogenheiten, das Schuldenmachen zu den un-
       abdingbaren Geschäftsmitteln  des freien demokratischen Unterneh-
       mergeistes; und  ebenso, daß  ein verantwortungsbewußter Staat es
       seinen Geschäftsleuten  durch die  Ausgabe  gesetzlicher  Schuld-
       scheine seiner  Zentralbank als  garantiertes Zahlungsmittel  er-
       spart, den allgemeinen, für alles verfügbaren Reichtum, um dessen
       Wachstum es  in allem Geschäftemachen geht, noch neben seinem be-
       ständigen Fungieren  im Geschäftsleben  als realen Goldschatz Ge-
       stalt annehmen  zu lassen  - ein Bankkonto, das auf einen hinrei-
       chenden Betrag  von Nationalbanknoten  lautet, tut  da  dieselben
       Dienste. Das Geschäftswesen, dem es um den "abstrakten Reichtum":
       den Wert schlechthin und sein Wachstum, geht, emanzipiert sich so
       einerseits von  der vorhandenen Masse eines in Goldschätzen mate-
       rialisierten "abstrakten  Reichtums", andererseits von der lästi-
       gen Form  des privaten  Handelskredits, der im Falle einer verzö-
       gerten Rückzahlung  gleich  einen  anderen  Geschäftsmann  direkt
       schädigt und  die Fortsetzung seines Geschäfts in Frage stellt, -
       womit die  Mehrung eben  dieses Reichtums  einen ungeahnten  Auf-
       schwung nimmt.  Die Förderung  des Geschäftslebens, die der Staat
       mit seinem  Kreditwesen zustande  bringt, läßt  dessen Nutznießer
       gern und  leicht darüber  hinwegsehen, daß damit die Staatsgewalt
       natürlich auch  für sich  ein Mittel  geschaffen hat:  durch  die
       Emission von  Banknoten zu eigener Verfügung - in normalen Zeiten
       fein säuberlich  geregelt als Geschäftsverkehr zwischen dem Staat
       als  Schuldverschreibungen  ausgebendem  Finanzminister  und  dem
       Staat als  diese kaufender  Zentralbank - verschafft sie sich ih-
       rerseits "Kredit",  nämlich einen durch bloße Zahlungsversprechen
       (nicht) "gedeckten"  Zugriff auf  die gegenständlichen Reichtümer
       ihrer Gesellschaft. Die notwendige Konsequenz dieser Funktion des
       Nationalkredits: die  beständige  E n t w e r t u n g  der staat-
       lichen Zahlungsversprechen  wird zwar als Inflation bedauert, und
       ihre Abschaffung  gehört so fest zum Repertoire wirtschahspoliti-
       scher Versprechungen wie das Sündenbekenntnis zur Beichte; schla-
       gender läßt  deren begrenzte Ernsthaftigkeit sich allerdings kaum
       demonstrieren.  Ein   aufgeklärter  Geschäftsmann   hat  sich  in
       s e i n e m   Kreditgebaren auf  die Entwertung des Staatskredits
       eingerichtet;   k e i n e   Inflation wäre  eine Katastrophe  für
       sämtliche soliden Finanzmärkte. Erst recht fällt natürlich keinem
       Aktivisten der  mit Schulden bewerkstelligten Kapitalakkumulation
       die   G l e i c h u n g   v o n   K r e d i t  u n d  G e w a l t
       auf, die die politische Obrigkeit praktiziert und auf die er sich
       verläßt, wenn  die staatlichen Zahlungsmittel nicht mehr als ein-
       lösbare Anweisung  auf  die  wirkliche  Materie  des  "abstrakten
       Reichtums" gelten,  sondern selber  als die letztinstanzliche Er-
       füllung jeden  Zahlungsversprechens, also  wie wirklicher Wert zu
       akzeptieren sind. In ihrer Garantie des Nationalkredits führt die
       Staatsgewalt die  ökonomische Kategorie des Werts und deren prak-
       tische Existenz  im Geld  ja tatsächlich ganz praktisch auf ihren
       nackten Grundbegriff  zurück:   E i g e n t u m  in seiner reinen
       negativen Bedeutung des durch eine "höhere" Gewalt bewerkstellig-
       ten   A u s s c h l u s s e s  aller anderen vom Gebrauch nützli-
       cher Dinge.
       Beides: daß  allein die politische Gewalt der Nation den nationa-
       len Kreditzetteln  zur Gültigkeit  verhilft und daß sie mit ihrer
       Benutzung dieses Kredits den Wert ihrer gesetzlichen Zahlungsmit-
       tel flexibel  macht, fällt  nun allerdings  sogleich auf,  sobald
       ausländischer Reichtum,  sei es  in Form  von Ware  zu  günstigem
       Preis oder  als interessante Zahlungsfähigkeit, ins nationale Ge-
       schäftsleben einbezogen werden soll:
       - Als   K a u f-   und   Z a h l u n g s m i t t e l   taugen die
       staatlichen Zentralbanknoten  eben bloß  im Zuständigkeitsbereich
       der Staatsgewalt,  die sie  zwangsweise gültig  macht. Grenzüber-
       schreitender Kauf  und Verkauf  setzen daher  eine wechselseitige
       Anerkennung der  jeweiligen ausländischen  Währung, also der Kre-
       ditgarantie der  einen Staatsgewalt  durch die andere voraus: ein
       notwendiges politisches  Begehren, das  allerdings nicht für jede
       Regierung von gleicher Dringlichkeit ist - die Freiheiten wachsen
       hier mit  dem eingesetzten  Reichtum! -  und deswegen  so manchem
       Staat sein  erstes wirtschaftspolitisches Druckmittel gegen seine
       Nachbarn in  die Hand gibt. Diese prinzipielle wechselseitige An-
       erkennung des  ausländischen Nationalkredits  vorausgesetzt,  ist
       damit aber  noch gar nichts über das quantitative Verhältnis ent-
       schieden, in dem die Währungen einander gleichgelten.
       - Als   M a ß   d e r   W e r t e   und    M a ß s t a b    d e r
       P r e i s e  wird die nationale Währung an den Staatsgrenzen hin-
       fällig. Ein  Maßstab ist  gefordert, damit  die Rentabilität  von
       Einkäufen im  wie von Verkäufen ins Ausland sich überhaupt kalku-
       lieren läßt.  Nun ist ein solcher Wertmaßstab zwar einerseits von
       Anfang an  darin gegeben, daß jede staatliche Notenbank ihre Aus-
       gabe von Zahlungsmitteln  a u c h  auf ihre Bestände an der Mate-
       rie hin  veranstaltet, die  für jedes  kapitalistische  Geschäft,
       also weltweit  den "abstrakten Reichtum" nicht bloß symbolisiert,
       sondern Wert  in reiner Form - Geldware -  i s t:  noch jedes na-
       tionale Kreditgeld  behauptet von  sich eine  bestimmte  P a r i-
       t ä t   z u   G o l d.   Nur hat  eben  immer  schon  -  von  den
       Modifikationen durch  den Außenhandel  noch ganz  abgesehen-  die
       staatliche Benutzung des offiziellen Kreditgeldes dessen Funktion
       als Wertmaß  von seiner  ideellen Goldparität  "emanzipiert", den
       offiziellen "Goldpreis",  zu dem  eine Notenbank ihren Goldschatz
       als Aktivum  kalkuliert, zu  einer Größe gemacht, die eine beson-
       dere  Kalkulation   erfordert.  Dem   praktischen  Vergleich  der
       W ä h r u n g e n    fehlt  wegen  der  per  staatlicher  Setzung
       vollzogenen Unabhängigkeit  des Zahlungsmittels  von der Goldware
       das notwendige verbindliche allgemeine Maß.
       - Damit steht  nun aber  nichts  Geringeres  als  die    T a u g-
       l i c h k e i t   d e s   a u s l ä n d i s c h e n    R e i c h-
       t u m s   a l s   M i t t e l  d e r  B e r e i c h e r u n g  in
       Frage. Denn  wie wohl  verwendbar auch  immer die fremdländischen
       Produkte wären:  ihre Verwendung  soll ja  nicht praktisch  sein,
       sondern   s i c h   l o h n e n;   und ebenso  will der Export ja
       nicht die  Beschäftigten aller  Länder mit  den  Hervorbringungen
       nationalen Fleißes  "versorgen", sondern die auswärtige Zahlungs-
       fähigkeit als Mittel zur  l o h n e n d e n  "Verwandlung" produ-
       zierter Waren  in universell  verwendbaren, allgemeinen  Reichtum
       benutzen:  "realisiert"  ist  der  Geschäftserfolg  erst  in  der
       w i r k l i c h  g e w a c h s e n e n  G e l d s u m m e.
       3. Nun gibt die "Blüte" des Welthandels die klarste Auskunft dar-
       über, daß  die Geschäftswelt mit dieser nationalen Beschränktheit
       ihres Geschäftsmittels Nr. 1, des nationalen Kreditgeldes, offen-
       bar glänzend  fertig wird;  und die  Devisenbörsen in den Zentren
       des weltweit agierenden Kapitals sind der praktische Beleg dafür,
       zu was  für einem  Geschäft sich die Bewältigung dieser Schranken
       des Geschäftemachens ihrerseits ausgewachsen hat. Tatsächlich ist
       das Prinzip der "Lösung" ja im gestellten "Problem" bereits gege-
       ben. Auf Reichtum in universell verwendbarer Form kommt es im ka-
       pitalistischen Wirtschaftsleben  ja nicht  deshalb an,  damit der
       Erfolgreiche gewaltige  Goldschätze horten  kann. Ein  Erfolg ist
       die "realisierte"  Geldsumme vielmehr  gerade darin,  daß sie zum
       Ausgangspunkt erneuerter  und vergrößerter Geschäfte wird.  D a s
       ist daher  auch das  wirklich maßgebliche Kriterium für die Taug-
       lichkeit eines  ausländischen Kreditgelds:  ob auf  den einmal in
       dieser Form  ergatterten Wert  V e r l a ß  ist, ist nur insofern
       entscheidend, als  er sich  erneut   l o h n e n d   v e r w e r-
       t e n   lassen  muß.  Genau  und  allein  nach  diesem  Kriterium
       bestimmt sich  daher auch tatsächlich das  W e r t v e r h ä l t-
       n i s   zwischen verschiedenen  nationalen  Währungen:  es  hängt
       (zunächst) ausschließlich von dem  r e l a t i v e n  U m f a n g
       ab, in  dem ein  für Importzwecke  hingegebenes Kreditgeld wieder
       für die  Auslandsgeschäfte der  Kapitalisten des  Empfängerlandes
       Verwendung findet  - oder  umgekehrt:  in  dem  eine  in  Zahlung
       genommene ausländische  Währung sich  wieder für  l o h n e n d e
       Auslandseinkäufe  benutzen  läßt.  Die  Devisenhändler  ermitteln
       täglich  neu  aus  Stand  und  Umfang  der  gerade  abgewickelten
       Geschäfte die  aktuellen Wechselkurse,  indem  sie  deren  Unter-
       schiede im Raum und in der Zeit durch Termingeschäfte und globale
       Umbuchungen zu  ihrem Vorteil   a u s n u t z e n   - und dadurch
       selber mit   h e r s t e l l e n   helfen.  Denn im  Falle  ihrer
       "Ware": der  Kreditgelder aller Nationen, wird endlich einmal das
       alberne Ideal  der Volkswirtschaftslehre  von der Preisbestimmung
       allein durch  Angebot und  Nachfrage auf  der Basis  "subjektiver
       Wertschätzung" in  all seiner  Brutalität  wahr:  die  beständige
       "Schätzung", wann und wo in welcher Währung welches Geschäft sich
       endlich  oder  nicht  mehr  lohnt,  macht  die  Devisenmärkte  zu
       Schlachtfeldern für  Profis. Das scheinbar paradoxe Ergebnis: der
       internationale Wert  einer Währung, ihre  B e wertung  als  Wert-
       m a ß s t a b  im Verhältnis zum Kreditgeld anderer Denomination,
       ist Grundlage  f ü r  ihre  t a t s ä c h l i c h e  V e r w e n-
       d u n g   als internationales  Geschäftsmittel, richtet sich aber
       gleichzeitig nach dieser Verwendung.
       Das elementare  "Gesetz" dieser Wertbestimmung geht dabei aus dem
       Umfang  der  Verwendung  einer  Währung  als    K a u f-    u n d
       Z a h l u n g s m i t t e l   hervor: Der  Wechselkurs zeigt sin-
       kende Tendenz  in dem Maße, wie der Import den Export überschrei-
       tet, und  steigende mit  den relativen  Ausfuhrerfolgen einer Na-
       tion. Dieses  "Gesetz" gibt  stets von  neuem zu  dem idyllischen
       Irrglauben Anlaß, der Welthandel würde letztinstanzlich durch ein
       "selbstregulierendes Gleichgewicht"  gelenkt, so nämlich, daß mit
       sinkendem Außenwert einer Währung die verteuerten Importe automa-
       tisch ab-,  die verbilligten  Exporte ebenso unvermeidlich zunäh-
       men, beides  umgekehrt bei Höherbewertung einer Währung. Tatsäch-
       lich ist in der wirklichen Welt von einer solchen lieblichen Ten-
       denz zum  immerwährenden Ausgleich  noch nichts  bekanntgeworden,
       und von  einem ökonomischen "Naturgesetz" in dieser Richtung, hin
       zum Ausgleich aller Handelsbilanzen,  k a n n  auch gar nicht die
       Rede sein.
       Wenn  mangelnde   Exporterfolge  einer  nationalen  Ökonomie  bei
       gleichzeitigen Verkaufserfolgen  der Außenhändler fremder Staaten
       in diesem Land den Wert seiner Währung sinken lassen, so kommt es
       sehr darauf an, ob damit der Anfang vom Ende oder von der Wieder-
       gewinnung der internationalen Zahlungsfähigkeit dieser Nation ge-
       macht ist.  Darauf nämlich, ob dort ein genügend großer, frei an-
       legbarer, also  überschüssiger Reichtum  vorhanden ist,  um  nun,
       produktiv eingesetzt, dank der neuen Kurskonditionen im Außenhan-
       del der  ausländischen Konkurrenz auf dem nationalen Markt wie im
       Export Marktanteile  abzujagen; dies ungeachtet der erschwerenden
       Bedingung verteuerter  Importe, womöglich  auch steigender Preise
       einheimischer Zulieferer,  die sich  überdies womöglich als erste
       eine besser  zahlende ausländische  Kundschaft  erschließen;  von
       hinreichender Größe  auch noch  nachdem die  Währungsabwertung ja
       immerhin den  für einheimischen Reichtum geltenden Maßstab inter-
       national verkleinert  und damit die weltweite Durchsetzungsfähig-
       keit der schon fungierenden wie der neu anzulegenden Kapitale be-
       schränkt hat.  Ist solcher Reichtum gegeben - und sei es als fik-
       tiver dank eines leistungsfähigen Kreditwesens -, so ist eine Ab-
       wertung in  der Tat  eine Chance für die nationale Ökonomie. Klar
       ist allerdings  auch, daß  dieser Fall  allemal die Ausnahme dar-
       stellt. Denn  zu so  durchschlagenden Erfolgen  der ausländischen
       Konkurrenz, daß  deswegen eine Abwertung ansteht, kann es ja kaum
       anders gekommen sein als dadurch, daß das Kapital der Nation sich
       insgesamt (am internationalen Maßstab gemessen) als zu ineffektiv
       im Hervorbringen  lohnend anwendbaren Überschusses, sein Wachstum
       also als  zu schwächlich  erwiesen hat. Der Normalfall unter kon-
       kurrierenden Volkswirtschaften  ist folglich  eher der, daß durch
       eine Abwertung  die Importe  teurer werden, dabei aber unentbehr-
       lich bleiben;  umgekehrt die  eigenen Waren  im Ausland billiger,
       damit aber noch längst nicht lohnend, geschweige denn in größeren
       Massen mit  vergrößertem Gewinn loszuschlagen sind; und zwar eben
       weil es  an Kapital  fehlt, das  diesen Erfolg  zustande  bringen
       könnte.   A u s g e g l i c h e n   wird eine  Handelsbilanz  auf
       diese Weise keineswegs, statt dessen die internationale Zahlungs-
       fähigkeit der  Nation geschmälert  und zusätzlich dadurch gefähr-
       det, daß  die Verfügung  über Geld in der entwerteten Währung für
       jeden denkenden  Geschäftsmann, sei er In- oder Ausländer, zu den
       tunlichst zu vermeidenden Geschäftsrisiken gehört.
       4. Keine Regierung sieht denn auch der Entwertung ihres National-
       kreditgeldes an  den internationalen  Devisenbörsen im  Vertrauen
       auf die  "Selbstheilungskräfte des  Marktes" gelassen zu - Gelas-
       senheit in  Währungsfragen ist  das Privileg von Regierungen, die
       über einen  weltweit gefragten  Nationalkredit verfügen, weil das
       Exportkapital ihrer  Nation weltweit  erfolgreich ist: solche Ge-
       schäftstüchtigkeit berechtigt  allemal zu der Berechnung, daß die
       Exporteure auch  mit der  verschärften Konkurrenzbedingung  eines
       höheren Außenwerts  des nationalen Wertmaßstabs fertig werden und
       die Erfolglosen  es auch nicht besser verdient haben -, zumal sie
       ja, wie die gesamte Wirtschaft, ab sofort in den Genuß billigerer
       Importe, z.B. so gewichtiger Rohstoffe wie Erdöl, gelangen. Staa-
       ten, deren  auswärtige Zahlungsfähigkeit  auf Grund  der  Erfolge
       ausländischer Konkurrenten  des einheimischen Kapitals schwindet,
       pflegen daher  einiges an Gegenmaßnahmen ins Werk zu setzen; auch
       das allerdings mit keineswegs gewissen Erfolgsaussichten.
       Als erstes  Zwangsmittel bieten sich an - und werden von den rui-
       nierten Kaufleuten der Nation gefordert - die klassischen Zwangs-
       mittel des  Schutzzolls und der Kontingentierung geschäftsschädi-
       gender Importware.  Dank der  segensreichen Entwicklung des Welt-
       handels gibt  es heutzutage  aber kein  Land mehr,  und schon gar
       kein demokratisches "Industrieland", das nicht ebensosehr auf die
       andere Seite  seines Außenhandels  zu achten  hätte.  Schließlich
       wollen inländische Produzenten ihrerseits auf auswärtigen Märkten
       genau die Erfolge erringen oder verteidigen, die, von auswärtigen
       Geschäftsleuten im  eigenen Land  erzielt, so  überaus bedenklich
       sind. Bei  Zwangsmaßnahmen zur Verbesserung der Handelsbilanz und
       zum Schutz  einheimischer Produktionszweige ist daher wohl zu un-
       terscheiden, gegen  wen sie sich richten. Wenn gegen Staaten, die
       als Kunden der eigenen Ökonomie entweder auf Grund besonderer Um-
       stände ohnehin  sicher oder  uninteressant  sind,  dann  ist  vom
       Standpunkt des  nationalen Interesses aus alles erlaubt und alles
       Erlaubte geboten.  Würden dagegen  Nachbarn betroffen, die ihrer-
       seits über  interessante Absatzmärkte, auf diesen allerdings auch
       über Konkurrenten verfügen, ist bei Schutzmaßnahmen für nationale
       Industriezweige mit  einem entsprechenden  Ausschluß der  eigenen
       Exporteure von der Benutzung der ausländischen Kaufkraft zu rech-
       nen, was  zu verhindern schon einige Erpressungskunststücke, also
       Mittel zum  "Einfluß" erfordert.  Und nicht nur das: auch einsei-
       tige Handelshemmnisse  können nicht verhindern, daß die billigere
       Auslandsware den  eigenen Exportartikeln  in dritten  Ländern er-
       folgreich Konkurrenz  macht. Schutzzölle  ziehen so fast mit Not-
       wendigkeit als  ergänzende Maßnahme Exportsubventionen nach sich,
       mit denen  aber auch kein Staat auf Dauer glücklich wird: Da wird
       von Amts  wegen nationaler  Reichtum verausgabt,  nicht um dessen
       Wachstum zu  beschleunigen sondern um eine eigentlich konkurrenz-
       unfähige Branche zu retten; und spätestens wenn sich dank subven-
       tionierter Preise ein Erfolg einstellt, werden bei den konkurrie-
       renden Nationen gleichartige Gegenmanöver fällig.
       Eine verantwortungsbewußte  Regierung entsinnt  sich daher  ange-
       sichts schwindender  internationaler Zahlungsfähigkeit  ihrer Ge-
       schäftswelt zweitens der eigenen Hoheit über ihr Kreditgeld sowie
       des Umstands,  daß zu  jedem Kursverfall  der einen  Währung  der
       Kursanstieg mindestens  einer anderen gehört: Sie legt den Außen-
       wert ihres  gesetzlichen  Zahlungsmittels  zwangsweise  fest  und
       sucht Verbündete, um die Nation oder die Nationen, die durch ihre
       Exporterfolge den  Welthandel "in  Unordnung" gebracht  haben, zu
       einer Aufwertung  zu drängen. In einem solchen Fall wäre immerhin
       die Stärkung  der eigenen Exporteure im Vergleich mit dem gefähr-
       lichen Konkurrenten nicht mit einer Pauschalverteuerung aller Im-
       porte erkauft-  ein Unterschied,  um den schon manche internatio-
       nale Erpressungs-"Gesprächsrunde" gelaufen ist. Bleibt dieser Er-
       folg aus, so bereichert die staatliche Fixierung der Wechselkurse
       nur die Welt des internationalen Handels und Wandels um eine neue
       Erscheinung: überbewertete und daher "schwache" Währungen, ebenso
       wie die  unterbewerteten und  daher "starken", bringen professio-
       nelle Devisenspekulanten erst richtig in Schwung. Der Zahlungsfä-
       higkeit eines "Weichwährungslandes" tut das gar nicht gut!
       Es zeigt sich in der Wertbestimmung einer nationalen Währung also
       ziemlich unerbittlich, daß das Kreditgeld einer Nation als inter-
       nationales Kauf-  und Zahlungsmittel  taugt, weil, solange und in
       dem Maße,  wie das  darin sich  umtreibende Kapital Geschäfte zu-
       stande bringt,  die sich im Weltmaßstab  l o h n e n.  Zur durch-
       greifenden  "Sanierung"   ihrer  Zahlungsfähigkeit  bleibt  einer
       "Volkswirtschaft" und  ihrer Regierung also nur der eine Weg, die
       Basis für  lohnende Geschäfte  im eigenen Land: die Produktivität
       der nationalen  Kapitale, wieder auf Weltniveau zu bringen. Daran
       entscheidet sich  nämlich in  letzter Instanz, ob ein Auslandsge-
       schäft erstens überhaupt zustande kommt, die eigene Ware also für
       den auswärtigen  Kunden hinreichend  b i l l i g  ist und der für
       Importe gezahlte  Preis hoch genug, daß es sich für den auswärti-
       gen Partner  l o h n t,  und ob zweitens  g l e i c h z e i t i g
       die ganze Operation sich auszahlt, der
       Auslandseinkauf also  für den inländischen Kunden billig, der Ex-
       porterlös hoch  genug ist, um sich zu lohnen; das Ganze bei gege-
       benem Wechselkurs  so, daß die "geschwächte" Währung sich "wieder
       erholt". Über die Mittel, deren zielstrebiger Einsatz über
       den Erfolg solcher nationalen "Sanierungs"-Kampagnen entscheidet,
       geben ironischerweise  die Propagandafeldzüge  klarste  Auskunft,
       die zu einer demokratischen Wirtschaftspolitik nun einmal dazuge-
       hören: Am Konkurrenten, der der Nation ihre Defizite und diversen
       Branchen ihre  Schwierigkeiten eingebrockt  hat oder  haben soll,
       entdecken die  Lobbyisten des  Kapitals - und als solche tun sich
       an dieser  Stelle in  mancher westlichen Musterdemokratie profes-
       sionelle Gewerkschafter ganz besonders hervor! - regelmäßig sämt-
       liche Techniken  der Ausbeutung,  die im eigenen Land noch keiner
       gesichtet haben  will, schon gleich nicht, solange noch alles gut
       ging mit  dem Auslandsgeschäft,  die Notenbank an einer positiven
       Handelsbilanz ihre Freude hatte und die Japaner sich an deutscher
       Wertarbeit ein  Beispiel nehmen  sollten: Arbeitshetze,  niedrige
       Löhne, spärliche Sozialleistungen, extremste Perfektionierung der
       Arbeitsplätze...
       Schwindet trotz  allem die Erfolgstüchtigkeit der nationalen Pro-
       duktion und  die Zahlungsfähigkeit  der nationalen  Kaufleute  im
       Ausland weiter  - die  Konkurrenz schläft  ja auch nicht! -, wird
       also die internationale Kaufkraft eines Nationalkredits zunehmend
       hinfällig, so  kommt im  praktischen Geschäftsverkehr  auf einmal
       eine längst  totgeglaubte Wahrheit  über das  Geld zum Vorschein.
       Plötzlich ist  nichts so  wichtig wie  die "Eigenschaft", von der
       das staatlich  garantierte Kreditgeld sich gerade emanzipiert hat
       und vor  der es  sich mit dieser seiner Freiheit jetzt so tödlich
       blamiert: die  "Eigenschaft"  des  Geldes,    w i r k l i c h e r
       W e r t    z u    s e i n.    Die  Zahlungsfähigkeit  der  Nation
       schrumpft zusammen auf den  G o l d s c h a t z,  den - bei aller
       Perfektionierung des internationalen Kreditüberbaus, dessen Prin-
       zipien im  nächsten Abschnitt  dieses Kapitels behandelt werden -
       noch jede  Nationalbank sich als wichtigen Posten unter ihren Ak-
       tiva, als  die Grundlage  ihrer "ungedeckten" Notenemission, lei-
       stet. Im  internationalen Geschäftsverkehr  ist, allen anderslau-
       tenden Gerüchten zum Trotz, der Verlaß und im Ernstfall der prak-
       tische Rückgriff  auf Barzahlung  in Goldbarren  überhaupt  nicht
       ausgestorben.
       5. Allerdings ist  dieser Zahlungsmodus, wenn er als wiederholter
       Ausweg gewählt wird, im heutigen internationalen Handel gleichbe-
       deutend mit  einem Offenbarungseid und der Beendigung jeder akti-
       ven Teilhabe am weltweiten Handelsgeschäft; und deswegen entnimmt
       eine aufgeklärte  Regierung dieser  Zwangslage den  Auftrag, neue
       "Sachzwänge" in  ihrem Land  und -  soweit (noch)  vorhanden - in
       ihre Ökonomie  einzuführen. Was  im Land  an Kapital fehlt, um am
       Geschäft der  Benutzung auswärtiger  Volkswirtschaften und  ihres
       Reichtums teilzunehmen,  das "ersetzt"  sie durch den Zwang gegen
       ihre Untertanen, das Unmögliche möglich zu machen und - koste es,
       was es  wolle - weltweit gültige Zahlungsmittel beizuschaffen. In
       ihrer Bevölkerung  verfügt nämlich noch jede politische Obrigkeit
       über das  Mittel für  den Versuch, die eigene Zahlungsunfähigkeit
       abzuwenden. Der Einsatz der nationalen Arbeitskraft muß dann mehr
       erbringen, auch  ohne daß  für die Verbesserung der Arbeitsmittel
       kostbare Devisen  verausgabt werden. Zwar verabschiedet ein Staat
       sich mit  der Streichung  solcher Importe endgültig aus dem Kreis
       der konkurrierenden   M a c h e r   der "Weltwirtschaft": er rui-
       niert ja  - von  seinem Volk  mal ganz abgesehen - die produktive
       Basis seiner  Ökonomie, um seine Zahlungsfähigkeit zu retten. Da-
       für konkurriert er an einer ganz neuen Front, nämlich mit gleich-
       artigen Staaten um das optimale Mischungsverhältnis zwischen Her-
       abminderung des  Existenzminimums und  dennoch aufrechterhaltener
       Leistungsfähigkeit seiner arbeitenden Untertanen.
       Im Außenhandel  auf einer  solchen Grundlage haben linke Imperia-
       lismustheoretiker mit Hilfe eines Mißverständnisses der Marxschen
       "Arbeitswertlehre" einen  Beleg für  schreiende Ungerechtigkeiten
       im internationalen  Geschäftsverkehr entdeckt.  Wie späte Schüler
       der geldtheoretischen  Fehler, die  Marx an  Proudhon  kritisiert
       hat, stellen  sie in  ihren Berechnungen der internationalen Aus-
       tauschrelationen die Arbeitsstunden gegenüber, die jeweils auf im
       Welthandel wertmäßig  gleichgesetzte Waren  aus den  "Industrie-"
       und aus  den anderen  Ländern verwandt worden sind, und stoßen so
       natürlich auf  eklatante Ungleichheiten: da mag die Arbeitsstunde
       eines BMW-Arbeiters  hundert Arbeitsstunden eines senegalesischen
       Erdnußpflückers "kaufen".  Was den behaupteten "Marxismus" dieser
       Vorstellung betrifft,  so wird da zugunsten des Ideals weltweiter
       Gerechtigkeit die  von Marx  entdeckte und betonte Bestimmung des
       Tauschwerts "übersehen", daß er gerade nicht als die Messung sei-
       ner "Substanz", der verausgabten Arbeitsmenge, existiert, sondern
       in deren Gleichsetzung mit einem Quantum Geld; in einer formellen
       Differenz also  zu seiner eigenen Grundlage, mit der eine quanti-
       tative Deckungsgleichheit  von Tauschwert  einer bestimmten  Ware
       und zu  ihrer Produktion angewandter Arbeitszeit prinzipiell aus-
       geschlossen und  zum Zufall herabgesetzt ist. Der Wert einer Ware
       ist eben  von Anfang  an nicht  eine Frage der tatsächlich in ihr
       steckenden Arbeitszeit,  sondern des  mit dieser  Arbeitszeit be-
       werkstelligten   G e s c h ä f t s,  oder anders: ihren Zweck und
       damit ihre  praktische Wahrheit  besitzt die  Warenproduktion für
       den Handel  nicht in  der idealen Gleichgeltung unterschiedlicher
       Arbeiten, sondern  im   G e w i n n,  der durch die entsprechende
       B e n u t z u n g   dieser qualitativen  Gleichgültigkeit  unter-
       schiedlicher Arbeiten  erzielt wird.  Wenn sich daher im interna-
       tionalen Geschäftsleben  der Maßstab  der Preise  selbst als sehr
       veränderlich erweist,  und zwar  je nach  dem Gelingen des in der
       jeweiligen Währung  bewerkstelligten Kapitalwachstums, so ist das
       kein Verstoß  gegen das "Wertgesetz", sondern dessen höchst sach-
       gerechte Konsequenz.  Denn über  die gesellschaftliche Notwendig-
       keit der  verausgabten Arbeit,  damit über  den    t a t s ä c h-
       l i c h e n   Wert, entscheidet - wie Marx auch schon gemerkt und
       mitgeteilt hat  - nicht  das gesellschaftliche Bedürfnis, sondern
       das  zahlungsfähige   Bedürfnis,  und  das  heißt:  es  sind  die
       Geschäftsbedürfnisse der  wirklichen ökonomischen  Subjekte einer
       nationalen Ökonomie,  ihrer   K a p i t a l e,  die über die "ge-
       sellschaftliche Notwendigkeit"  einer jeden Arbeit und damit über
       den tatsächlichen  Wert einer  jeden Ware befinden. Wenn folglich
       eine Regierung  durch die  direkte Verelendung  ihres Volkes  aus
       dessen Arbeit zwangsweise ein Geschäft macht, das auf Basis einer
       auch nur  annähernden Gleichgeltung  der Arbeitsstunden  in ihrem
       Land und  bei  ihrem  erfolgreicheren  Geschäftspartner  nie  und
       nimmer zu machen wäre, dann ist das Wertgesetz weder "widerlegt",
       noch liegt ein "Verstoß" dagegen vor, so als handelte es sich bei
       diesem   ökonomischen   Zwangszusammenhang   um   ein   löbliches
       moralisches Gebot.  "Modifiziert" wird  das Wertgesetz  auf diese
       Weise nur  in einer Hinsicht, indem nämlich die politische Gewalt
       ihr Volk  den praktischen Nachweis führen läßt, wie billig Arbeit
       zu haben,  wie gering  im Land also mit der Effektivität auch der
       Wert der  nationalen Arbeitskraft  ist: so  kommen eben doch noch
       Geschäfte zustande,  wo die  entscheidenden Geschäfte des erfolg-
       reichen Kapitals  längst auf ganz andere Weise, nämlich durch die
       fortschreitend   effektivere    Ausnutzung   von   Arbeitskräften
       vonstatten gehen.
       D i e s e   "Modifikation des  Wertgesetzes" ist  also gar nichts
       anderes als der Modus seiner praktischen  D u r c h s e t z u n g
       in Ländern,  die der  Gang  der  weltweiten  Konkurrenz  für  das
       "normale" Geschäftsleben  untauglich gemacht  hat  oder  nie  hat
       tauglich werden  lassen. Es  ist ein und dieselbe Gesetzmäßigkeit
       des   k a p i t a l i s t i s c h e n    Ä q u i v a l e n t e n-
       tauschs,   die in  den Nationen  mit international  erfolgreichem
       Kapital eine  produktivere Ausnutzung  der Arbeit und ein Steigen
       des Wechselkurses  der nationalen  Währung, in  den Nationen ohne
       florierendes Geschäft ein zunehmend unproduktiveres Elend und für
       den  volkswirtschaftlichen   Verstand   das   scheinbare   Rätsel
       hervorbringt, weshalb denn wohl die "terms of trade" sich für die
       "Entwicklungsländer" laufend  verschlechtern  -  wie  denn  sonst
       sollte die  Gerechtigkeit des  internationalen Handels  bei ihnen
       wirken?
       Manchem Staat  kommt dabei  in seinem Bemühen, im internationalen
       Handelsgeschäft mitzuhalten  und dessen  harten Kriterien gerecht
       zu werden, die natürliche Beschaffenheit seines Herrschaftsgebie-
       tes zustatten.  Schon die  ersten Apologeten des Kapitalismus und
       seines weltweiten Ausgreifens haben es für eine ungemein sinnrei-
       che Einrichtung  der "unsichtbaren  Hand", die  bekanntlich alles
       Marktgeschehen zum  Besten lenkt,  gehalten, daß  sie in Portugal
       Portwein, in England dagegen hochmechanisierte Tuchfabriken wach-
       sen ließ,  so daß  britische Spediteure  zu "wechselseitigem Vor-
       teil" den Südwein nach Norden und billige Textilien an die Portu-
       giesen verhökerten.  In Vorstellung  und  Terminus  einer  "welt-
       wirtschaftlichen  Arbeitsteilung"  lebt  dieser  Idealismus  noch
       heute ungebrochen  weiter; in  der "Theorie  der komparativen Ko-
       sten" hat er sich sogar eine volkswirtschaftliche Ideologie zuge-
       legt, derzufolge  der Welthandel  und der darüber bewerkstelligte
       praktische Vergleich  nationaler Gewinnspannen  automatisch dafür
       sorgt, daß  jedes Land  zum großen  "Weltmarkt" das "beisteuert",
       was in ihm mit dem geringsten Kostenaufwand herzustellen ist. Die
       fromme Albernheit dieser "Theorie" könnte allerdings schon an dem
       Umstand auffallen,  daß  es  zwar  regelrechte  Bananenrepubliken
       gibt, aber  keine westeuropäische  Erdbeerdemokratie; ebensowenig
       verschrottet eine  "Industrienation" ihre  Hochöfen und  Raffine-
       rien, bloß  weil in  Nigeria Erdöl und Eisenerz nebeneinander la-
       gern: eher  exportiert dieses  Land  b e i d e  R o h s t o f f e
       in roher Form. Tatsächlich ist es allemal - schon beim Tauschhan-
       del von  britischem Tuch  gegen Portwein  - eine harte Konsequenz
       der internationalen  Konkurrenz, wenn  ein  Staat  für  die  Auf-
       rechterhaltung seiner  Ökonomie auf  die speziellen  Vorzüge  der
       N a t u r   seines Landes  zurückgeworfen ist.  Das bedeutet näm-
       lich, daß  die maßgeblichen,  d.h. für  die Schaffung und Mehrung
       des nationalen  Reichtums ausschlaggebenden  Geschäftszweige,  in
       denen es  auf die  effektive, daher  industrielle Nutzung der Ar-
       beitskräfte ankommt,  der auswärtigen  Konkurrenz unterlegen oder
       ihretwegen gar  nicht erst  zustande gekommen  sind. Geschäftlich
       geltend machen  kann ein  solcher Staat  nurmehr sein politisches
       Monopol über  Naturschätze, deren  ökonomischer Wert,  ob und  in
       welchem Umfang  also daraus  frei verfügbarer  Reichtum zu machen
       ist, sich  ganz anders  entscheidet. Mit  der Anstrengung, seinen
       Naturvorteil auszunutzen, untergräbt ein solcher Staat zudem sein
       einziges eigenes  Geschäftsmittel, das  in der matten politischen
       Drohung liegt,  sein Monopol in der einzigen Weise geltend zu ma-
       chen, in  er es ökonomisch überhaupt geltend zu machen ist, nega-
       tiv nämlich,  als Verbot  des Exports:  Er wird ja nur immer aus-
       schließlicher von  einer Benutzung  seines  Naturstoffs,  die  er
       selbst gerade  nicht zustande  bringt,  durch  auswärtige  "Kund-
       schaft" abhängig.  So macht  ein Souverän  seine Naturschätze und
       sich als  deren politischen  Verwalter zum  Anhängsel eines welt-
       weiten Handelsgeschäfts,  dessen Subjekte  ganz woanders  sitzen,
       ganz einfach  weil Zahlungsfähigkeit,  also das erfolgreiche Fun-
       gieren konkurrenzfähiger Kapitale dessen ökonomischer Inhalt ist.
       Die geschäftliche  Ausnutzung natürlicher "Vorzüge" einer Region,
       soweit ein Staat sie als Mittel seiner Zahlungsfähigkeit benutzt,
       läuft in letzter Instanz auf den zwangsweisen Entzug und den Aus-
       verkauf der Subsistenzmittel einer Bevölkerung hinaus, die selbst
       gegen einen  absoluten Minimallohn  für eine  lohnende Produktion
       nicht einzusetzen  ist. Die nackte Tatsache, daß er noch eine Be-
       völkerung hat,  gibt einem solchen Staat seine Sicherheit, daß da
       noch etwas zu holen ist: das Schweinefleisch, das bislang auf ei-
       nem nationalen  Speisezettel stand,  läßt sich in Dosen verpacken
       und in  westeuropäischen  Billigmärkten  unterbringen:  und  wenn
       gleiches mit  dem Volksnahrungsmittel  Hirsebrei  nicht  gelingt,
       dann vielleicht  mit Erdnüssen, die sich statt dessen auf densel-
       ben Feldern  ziehen lassen.  Ist der  Verfall der nationalen Zah-
       lungsfähigkeit auch  durch eine  solche Ruinierung  von Land  und
       Leuten nicht mehr abzuwenden, dann - und erst und nur dann - mel-
       det die zuständige Regierung bei ihren Handelspartnern den Stand-
       punkt an, den die Ideologien des weltwirtschaftlichen Erfolgs als
       Prinzip und  maßgeblichen Endzweck allen Im- und Exportierens be-
       haupten: den  Standpunkt der   V e r s o r g u n g   d e r   B e-
       v ö l k e r u n g.  Mit dem Geltendmachen dieses Standpunkts hört
       die Teilhabe  am Welthandel  einstweilen auf - die Linderung oder
       gar Beseitigung  der Not  der Massen  fängt damit allerdings noch
       lange nicht  an. Es  war ja  nie und ist auch jetzt nicht die Not
       ihres  Volkes,  die  der  zuständigen  politischen  Obrigkeit  zu
       schaffen gemacht  hat- sie hat sie ja herbeiführen helfen -, son-
       dern  dessen   zunehmende,  in   Hungerkatastrophen   schließlich
       v o l l e n d e t e   U n t a u g l i c h k e i t   für   i h r e
       Erhaltung. Und  d i e s e r  "Hilferuf" findet bei den erfolgrei-
       chen  Nationen   durchaus  Gehör:   Ihre  Macher  tragen  ja  die
       "Verantwortung" für  das ökonomische  Geschehen auf  dem Globus -
       und lassen  i h r  Volk daran durchaus moralisch teilhaben!
       6. Die Wahrheit,  die an  Staaten ohne konkurrenzfähige National-
       ökonomie   v o l l s t r e c k t   wird, heißt  lapidar: Ökonomi-
       scher Mangel  ist eine  denkbar schlechte Bedingung, die Beschaf-
       fung von  Devisen, um als Nation überhaupt zahlungsfähig zu blei-
       ben, ein  denkbar schlechter  Zweck für  eine aktive  Teilhabe am
       "Weltmarkt", geschweige  denn für  dessen gedeihliche  Benutzung;
       "Volkswirtschaften", die  so zum  Welthandel antreten, werden be-
       nutzt, und  zwar nach  allen Regeln des gerechten Handels bis zum
       vollständigen Ruin. Für den Umkehrsatz dieser Wahrheit führen die
       Aktivisten des  Welthandels den  praktischen Beweis.  Ein erfolg-
       reich akkumulierendes nationales Kapital, das für die Bewältigung
       seiner Auslandsgeschäfte stets über die nötigen Finanzmittel ver-
       fügt, besitzt eben damit die Freiheit, seine Teilhabe am Welthan-
       del in  jeder Hinsicht nach dem Kriterium seines Wachstums auszu-
       richten. Deshalb  entfällt auch manche mögliche Transaktion, weil
       sie sich  z u  w e n i g  lohnt - während von einer Ökonomie, die
       vom Standpunkt  des Mangels  aus operiert, allemal ein  O p f e r
       an Reichtum  verlangt ist,  um überhaupt im Ausland verkaufen und
       einkaufen zu  können. Hohe   I m p o r t e   sind  dann nicht die
       Folge von  Verschwendung oder  von lauter  Niederlagen heimischer
       Geschäftsleute, sondern  von deren Freiheit, zum Nutzen ihres Ka-
       pitals Lieferbedingungen  weltweit zu  vergleichen.  Hohe    E x-
       p o r t e   und womöglich sogar eine positive Handelsbilanz haben
       hier nichts  mit einem  nationalen  Ausverkauf  zu  tun,  sondern
       stellen den Erfolg des einheimischen Geschäftsgangs dar, sich von
       den Schranken der nationalen Zahlungsfähigkeit frei zu machen und
       die einer  auswärtigen Kundschaft  für seinen  Fortgang, d.h. für
       seine kontinuierliche Expansion zu benutzen. Das Kreditgeld einer
       solchen Nation  ist als   K a u f m i t t e l   in aller Welt ge-
       fragt, weil  auf die  Konkurrenzfähigkeit  ihrer  Exportindustrie
       Verlaß  ist;  an  ihm  messen  sich  daher  die    W e r t m a ß-
       s t ä b e,   nämlich die Währungen anderer Staaten. Die  G o l d-
       s c h ä t z e   der weniger  glücklichen Nationen  nehmen Kurs in
       Richtung auf  die Kellergewölbe  der Zentralbanken  dieser "Hart-
       währungsländer" -  aber nicht,  um dort  als  stille  Reserve  zu
       ruhen: ökonomisch  tun sie in Ländern mit akkumulierendem Kapital
       einen Dienst,  den sie  andernorts nicht zustande gebracht haben,
       garantieren  nämlich   dem  expandierenden  Geschäft  die  nötige
       Expansion seiner  Zahlungsmittel. Für die anderen Nationen, deren
       Ökonomie stets mit dem Problem der internationalen Zahlungsfähig-
       keit zu  kämpfen hat,  sind solche  Zahlungsmittel,  obwohl  auch
       bloße Kreditgutscheine, so gut wie Gold wert: in ihnen ist ja das
       Kapital zu  Hause, in dessen Geschäfte sie einbezogen werden oder
       bleiben wollen.  Dummerweise ist  an derartige  "harte Devisen  "
       eben deswegen  schwer heranzukommen,  weil sie so "hart" sind; so
       stellt sich  im mehr oder minder erfolgreichen Konkurrenzkampf um
       die Devisen  einer prosperierenden Nation die Zahlungsunfähigkeit
       der anderen heraus.
       Kein Wunder,  daß der "Weltmarkt" beständig der Aufsicht gewisser
       eindeutiger Führungsmächte  bedarf, die  dafür sorgen,  daß  kein
       Staat sich eine Alternative zu dieser segensreichen Veranstaltung
       erfindet und  jeder auf  seine Weise dafür tauglich bleibt - auch
       über die  Grenzen seiner  Zahlungsfähigkeit hinaus.  Denn da kann
       das Kapital  seine imperialistischen  Qualitäten erst  so richtig
       frei entfalten.
       
       3. Die Welt als Kapitalmarkt
       ----------------------------
       
       Zur Freiheit der Kalkulation, die Geschäftsleute brauchen, um die
       Perspektive nicht  lohnender Investitionen,  unverkäuflicher oder
       nicht   gewinnbringender    Produkte   abzuwenden,   gehört   die
       M o b i l i t ä t   des Kapitals  - der Zugang des eigenen Vermö-
       gens zu  allen erfolgversprechenden  Gewerben und  die Beendigung
       des Kapitaleinsatzes  in schlechtgehenden  Zweigen. Der    K r e-
       d i t - Ü b e r b a u,  der Handel mit Geld und Schulden, die als
       Kapital wirken,  wo immer  es möglich  ist,  gewährleistet  diese
       Mobilität und  damit die  Unabhängigkeit des  Privateigentums von
       besonderen Anlagesphären  und Produkten.  Mit  dem  organisierten
       Verleih von Kapital, in dem Geldsummen einen Preis erzielen, wenn
       sie anderen  zur Investition überlassen werden; im Zusammenschluß
       von mehreren  Geldgebern zu  Aktiengesellschaften, wo das Kapital
       von vornherein  als Kredit auftritt, emanzipiert sich das Privat-
       vermögen zugleich von den Schranken seiner Anwendbarkeit, die ihm
       aus seiner  Größe erwachsen.  In den staatlich geregelten und be-
       einflußten Bedingungen  des Kredits,  die dessen  Preis wie Menge
       betreffen, sieht  sich 'die Wirtschaft' also einem entscheidenden
       Mittel für  ihre Bewährung  in der  Konkurrenz gegenüber.  Und da
       sich mit  der staatlichen Inanspruchnahme von Kredit die Leistun-
       gen einer Geldsumme, über die einer verfügt, erheblich verändern,
       verwundert es  gar nicht, daß die Klagen über Inflation zur kapi-
       talistischen Produktionsweise  seit ihren  ersten Tagen gehören -
       im selben Maße, wie die Spekulation auf die Geldentwertung zu ei-
       nem lohnenden  Geschäftszweig geworden  ist. Die schöne Erfindung
       eines staatlich  geregelten Kreditüberbaus,  der  die  Konkurrenz
       erst so  richtig frei  macht, gerät  dem Geschäft  allerdings zur
       Schranke, sobald  es sich  über-national betätigt.  Freilich  ist
       auch dieses  Problem längst  gelöst -  und zwar durch die Staaten
       selbst, die  schließlich das  Geschäft im Innern nicht befördern,
       um es nach außen zu unterbinden.
       1. Kapitalistische Konkurrenz,  die auf  dem Austausch  von Waren
       beruht, bewirkt  auch international kein harmonisches Miteinander
       der Geschäftsleute;  der Erfolg  des einen führt wie im staatlich
       geordneten inneren Markt durchaus zur Schädigung des anderen, und
       das Hin  und Her  zwischen protektionistischen  und freihändleri-
       schen Avancen  der Staaten  offenbart, daß sie als  i d e e l l e
       G e s a m t k a p i t a l i s t e n  - als eine Instanz also, der
       es darauf ankommt, den Erfolg ihrer nationalen Wirtschaft im Gan-
       zen sicherzustellen, wobei sie sich auch einmal über die Interes-
       sen einzelner  im internationalen Handel tätiger Privatleute hin-
       wegsetzt -  einen beständigen  Kampf um die Durchsetzung auf aus-
       wärtigen Märkten  und um den Schutz einheimischer Gewinne führen.
       Dabei sind die außenpolitischen Unterhändler jeder Nation im Ver-
       ein mit  den Wirtschaftspolitikern  sehr fürsorglich eingestellt.
       Sie  b i l a n z i e r e n  kontinuierlich Export wie Import, le-
       gen   W ä h r u n g s r e s e r v e n   an, durch  die  sich  der
       Staat als  Garant für das Gelingen außenhändlerischer Kalkulation
       stark macht  - der Mangel an international gefragten Zahlungsmit-
       teln soll Geschäfte weder verhindern noch plötzlich verteuern und
       unrentabel machen-, und in fristgemäß vorgenommenen Ein- und Ver-
       käufen der  wichtigsten Währungen nehmen sie Einfluß auf Kursver-
       änderungen. Und  doch mündet  diese Zuständigkeit  im  Falle  von
       Mißerfolgen (negative Handels- und Zahlungsbilanzen) nicht in das
       staatliche Bekenntnis,  die einheimischen Teilnehmer am Weltmarkt
       seien nicht  mehr willens oder in der Lage, sich am internationa-
       len Handel  zu beteiligen. Umgekehrt erfährt eine positive Bilanz
       keineswegs die  freudige Würdigung  eines Erfolgs  der nationalen
       Wirtschaft. So  wenig die lädierte Zahlungsfähigkeit einer Nation
       den Bankrott  nach sich zieht, so unüblich ist es, die Schädigung
       einer anderen  umstandslos zu feiern und den "Ruin" eines Konkur-
       renten mit dem preiswerten Aufkauf der Konkursmasse sicherzustel-
       len. Die  M a ß s t ä b e,  die von Staatsmännern im innenpoliti-
       schen Werben so gerne angeführt werden, wenn sie ihre Tüchtigkeit
       für die Regierungsgeschäfte unter Beweis stellen wollen - "unsere
       Währung ist  gesund!", "wir  haben keine  Schulden im  Ausland!",
       "die Probleme  des Exports gemeistert" ... -, zeugen zwar von der
       Zuständigkeit der  Regierung für  die Bewährung der Nation im in-
       ternationalen Handel,  gelten aber nur sehr bedingt als Index für
       die gesicherten Dienste auswärtiger Partner.
       Der Grund dafür ist nicht schwer auszumachen: man hat es schließ-
       lich nicht nur mit potenten oder insolventen Wirtschaftssubjekten
       zu tun,  sondern auch mit einem politischen Souverän, der die un-
       ter seiner  Herrschaft abgewickelte  Ökonomie als seine Existenz-
       grundlage beansprucht. Mit diesem Anspruch und den Gewaltmitteln,
       die ihn so "real" machen, sieht sich noch das erfolgreichste kom-
       merzielle Interesse konfrontiert - es hat sich ja zu seiner Betä-
       tigung selbst  stets auf  die eigene Staatsgewalt und ihr Einver-
       nehmen mit  anderen Regierungen  stützen müssen  und können.  Daß
       Handels- und  Zahlungsbilanzen, die  sich erheblich vom als Ideal
       betrachteten Gleichgewicht entfernt haben, nicht dieselben Folgen
       auf dem  Weltmarkt haben, wie sie im Geschäftsleben innerhalb ei-
       ner Nation  üblich sind, sobald die einen Gewinne und die anderen
       Verluste verbuchen  - Konkurse, Wechsel der Branche, Aufkäufe und
       Fusionen -,  bedeutet allerdings  nicht, daß  der  internationale
       Handel erlahmt.  Gerade weil  sich auf  dem Weltmarkt Staaten des
       materiellen Reichtums  bedienen, weil die "Verantwortlichen" sich
       in ihrem  Dienst am  privaten  Geschäft  so    u n e n t b e h r-
       l i c h   wissen, ist  ihnen die   E r h a l t u n g  d e r  N a-
       t i o n  oberstes Ziel - und dieses duldet unter keinen Umständen
       wegen gewisser  Widrigkeiten in  Sachen Zahlungsfähigkeit, daheim
       oder auswärts,  seine Preisgabe.  Noch vor  dem Eintreten irgend-
       welcher ökonomischer Mißerfolge leistet sich jeder moderne Souve-
       rän einen  mehr oder  minder ansehnlichen    G e w a l t a p p a-
       r a t,  der sich schon allein dadurch lohnt, daß er ihn  h a n d-
       l u n g s f ä h i g  macht, nämlich in seinen Entscheidungen erst
       einmal unabhängig  von den  Konjunkturen  und  ihren  kleinkräme-
       rischen Rechnungen mit Mark und Pfennig. Und auf dieser Grundlage
       haben sich  die Veranstalter  des Weltmarkts  auch stets  von den
       beschränkten Verkehrsformen  des Austausches  von Waren  und Geld
       emanzipiert und  ihre damit eingegangenen "Abhängigkeiten" schöp-
       ferisch überwunden  - indem  sie sich auf grundsätzlichere Formen
       der wechselseitigen  Benützung verlegt  haben. Wenn  die  allent-
       halben erwünschte  gewinnbringende Produktion  von und der inter-
       nationale Handel  mit Waren  an den  Interessen anderer  Nationen
       seine  Schranke   findet,  so  muß  eben  zu  ihrer  gedeihlichen
       Abwicklung das Interesse berücksichtigt werden, das die Souveräne
       dieser Welt so unbedingt in bezug auf ihre Existenz anmelden. Die
       Geschichte des  Kolonialismus, der gewaltsamen Einbeziehung aller
       Weltgegenden in  den Handel,  hat  nicht  nur  -  wie  die  fort-
       schrittsbewanderten Geschichtsbücher  vermelden -  zu  Erhebungen
       und Befreiungskämpfen  mit dem schönen Ergebnis lauter freier und
       selbstbestimmter Nationen geführt. Ihr Resultat ist viel banaler.
       Es heißt   w e l t w e i t e r   K a p i t a l m a r k t,  und es
       ist durchaus  zureichend mit  den beiden  Worten  G e s c h ä f t
       u n d   G e w a l t   umschrieben: Die  Souveräne des  20.  Jahr-
       hunderts, die sich so viel auf ihre wechselseitige Respektierung,
       auf das  anerkannte Monopol  der Gewaltanwendung  in ihrem  Herr-
       schaftsbereich, zugute  halten, "arbeiten"  tatsächlich zusammen.
       Sie begnügen  sich keineswegs mit dem Austausch von Ware und Geld
       über ihre  Grenzen hinweg:  dergleichen würde  den einen  zu  dem
       zweifelhaften  Vorteil   verhelfen,  ein   Plus  an   auswärtigen
       Zahlungsmitteln zu  verbuchen, die  immer mehr  an Wert einbüßen,
       eine zahlungsfähige  Kundschaft nach  der anderen  zu  verlieren,
       also ihre  eigene Geschäftsgrundlage  zu ruinieren;  den  anderen
       würde mit  ihrer Zahlungsunfähigkeit  der Kauf  all  der  schönen
       Dinge versagt  bleiben, die  der  Weltmarkt  so  bereithält.  Sie
       s i c h e r n   vielmehr  d a s  G e s c h ä f t,  indem sie Land
       und Leute  mit  allen  ihnen  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  zur
       A n l a g e s p h ä r e   v o n   K a p i t a l   machen. Moderne
       politische Herrschaft  -  ganz  gleich,  ob  sie  als  Monarchie,
       Diktatur oder  Demokratie daherkommt  -  hat  ihre  Existenz  ge-
       sichert, wenn  sie aus  der Brauchbarkeit  ihres Territoriums und
       ihres Volkes  ein Geschäft zu machen versteht, durch das sie sich
       Anerkennung bei  anderen Staaten  verschafft.  In  diesem    N a-
       t i o n a l i s m u s   verfährt sie  sehr   i n t e r n a t i o-
       n a l i s t i s c h   - auf  die Landesfarbe der über ihre souve-
       räne  Entscheidung   vereinten  "Produktionsfaktoren"  jedenfalls
       kommt es  ihr nicht  an.  Die  einen  exportieren  Arbeitskräfte,
       andere Naturschätze, wieder andere hauptsächlich Geld und Kredit,
       und auf  Kritik grundsätzlicher Art können nur Souveräne rechnen,
       die sich  an dieser  Sorte "internationaler  Abhängigkeit"  nicht
       beteiligen oder  sich Ihr  entziehen möchten. Ansonsten reduziert
       sich der  Streit der Nationen um die Größe des nationalen Ertrags
       auf  die   Modalitäten  in   der  Durchführung   des  gemeinsamen
       Anliegens. Dabei  unterscheidet  sich  der  Ertrag  einer  Nation
       durchaus  vom   Kriterium  des   Geschäftserfolgs,  welches   das
       internationalisierte Kapital  an seine Unternehmungen anlegt. Ein
       S t a a t   interessiert sich  an gelungenen Geschäften unter dem
       z u s ä t z l i c h e n   Gesichtspunkt,  ob  sich  der  erzielte
       Gewinn in  der Stärkung  des von  ihm verwalteten Nationalkredits
       niederschlägt. Er  will  m e h r  international verfügbares Kauf-
       mittel zur Disposition haben, vergleicht deswegen die Wirkung von
       Kapitalanlagen   a u f   den relativen Wert seiner Währung, deren
       Brauchbarkeit   f ü r   künftige  Unternehmungen  -  die  in  der
       prinzipiellen Sicherheit  einer Kapitalsumme  in  der  jeweiligen
       Nationaluniform   u n d   in ihrer jeweiligen Stärke ihrer inter-
       nationalen Kaufkraft  verglichen mit  anderen nationalen  Kredit-
       zeichen liegt  -   s e i n e n  Kredit zum attraktiven Geschäfts-
       mittel in aller Welt werden läßt.
       2. Die   F r e i h e i t  d e r  K o n k u r r e n z,  die im In-
       nern eines  kapitalistischen Gemeinwesens  zivil- und strafrecht-
       lich vom  Staat beaufsichtigt,  wirtschafts- und  sozialpolitisch
       betreut und  durch den  Kreditüberbau ökonomisch  in Gang gesetzt
       wird kommt  also auch auf dem Weltmarkt zu Ehren. Hier allerdings
       über das  Interesse der Staaten, aus ihrer ökonomischen Abhängig-
       keit untereinander das Beste zu machen, also ihre Souveränität so
       zu gebrauchen,  daß die  ihr zur Verfügung stehenden ökonomischen
       Potenzen zur  Erhaltung und  Sicherung der  jeweiligen Herrschaft
       und ihres  Einflusses in der Welt taugen.  P o l i t i k  wird im
       modernen Imperialismus eben zur  m e t h o d i s c h e n  Handha-
       bung des  Geschäfts, indem  sie  die  ökonomische  Grundlage  der
       staatlichen Macht mobilisiert, um sie als Mittel für Kapitalanla-
       gen jeglicher Herkunft für andere Souveräne interessant zu machen
       - oder  umgekehrt: die auswärtigen Souveräne mit dem "Angebot" zu
       beglücken, durch  die Anwendung  von Kapital ihre natürlichen und
       menschlichen Ressourcen  zu einer  Reichtumsquelle werden zu las-
       sen. Und  beides zugleich  kommt natürlich auch vor - nämlich bei
       den Staaten,  deren Wirtschaft  einerseits an gewinnbringend ein-
       setzbaren Überschüssen an Geld, deshalb aber auch nur an exquisi-
       ten Schranken  ihrer Anwendung  "leidet": an  der  erforderlichen
       Größe des investierten Kapitals, der Größe, die es im Konkurrenz-
       kampf wieder rentabel einzusetzen erlaubt, sowie an Material, das
       diesem Kapital seine produktive Anwendung gestattet.
       E r s t e n s   ist die unter politische Herrschaften aufgeteilte
       Welt tatsächlich  als   Ü b e r w i n d u n g   d e s    K o l o-
       n i a l i s m u s     zu  würdigen.   Jene  nach   demokratischer
       Geschichtsschreibung letzte  Phase des  "Imperialismus" mit ihren
       Eroberungen ist  durch das Eden des Völkerrechts abgelöst worden.
       Heutzutage pflegen  sich Staaten  durch ihre wechselseitige Aner-
       kennung ihrer Brauchbarkeit zu versichern.
       Z w e i t e n s   kommt mit  dem Recht einer jeden souveränen Na-
       tion auf die Herstellung ihr genehmer Außenwirtschaftsbeziehungen
       nicht nur der mehr oder minder  g u t e  W i l l e  zum Zug, sich
       durch nützliche  Angebote ans Ausland die Verfügung über kontinu-
       ierlich sprudelnde  Quellen von Reichtum zu verschaffen, ohne den
       nirgends ein Staat zu machen ist. Vor dem Maßstab, den alle Staa-
       ten in  gleicher Weise  aneinander anlegen,  machen sich auch die
       U n t e r s c h i e d e   zwischen ihren  ö k o n o m i s c h e n
       P o t e n z e n   als handgreifliche  Grundlage jenes Willens be-
       merkbar - die kolonialistische Erzeugung des Weltmarkts, zweihun-
       dert Jahre  Welthandel sowie zwei ansehnliche Weltkriege haben da
       einiges bewirkt.
       Die "internationale  Abhängigkeit" spielt  sich deshalb  zwischen
       gleichen Nationen  mit sehr  verschiedener "Entwicklung"  ab, und
       der Euphemismus  der "Kooperation"  ist nicht einmal im Falle der
       Beziehungen angebracht,  die jene  Nationen miteinander  pflegen,
       die sich  stolz "Industrieländer"  nennen. Es  kommt nämlich sehr
       darauf an,  ob eine Nation ihre innere wie äußere Zirkulation dem
       Umgang einer  anderen mit  ihrem Nationalkredit unterwirft - also
       von jeder  einschlägigen Entscheidung  jenes befreundeten Staates
       in ihrer  wirtschaftspolitischen Souveränität  eingeschränkt wird
       -, oder  ob sie  über ein  weltweit nachgefragtes,  "hartes" Zah-
       lungsmittel verfügt und die gelegentliche Inflation ihrer Währung
       noch als Waffe einzusetzen vermag. Es ist auch nicht unbedeutend,
       ob ein  Land aufgrund seiner internen Branchenverteilung und/oder
       der Auslandskundschaft  wie  -konkurrenz  der  einheimischen  Ge-
       schäftswelt Subventionen an die Industrie verabreicht, oder ob es
       staatliche Kredite für die "Sanierung" ganzer Zweige vergibt - in
       der Gewißheit,  daß sich das rationalisierungsbereinigte Verhält-
       nis von  Kosten und  Marktpreis der Waren allemal in sicheren Ex-
       portgewinnen niederschlägt.  Ganz erheblich fallen auch die Frei-
       heiten ins  Gewicht, die sich eine Nation gegenüber ihrem Ausbeu-
       tungsmaterial in  Sachen politische Ökonomisierung der Lohnkosten
       verschaffen konnte; die Größe schließlich des bereits akkumulier-
       ten anwendbaren  Kapitals tut ebenfalls ihre Wirkung, wenn im in-
       ternationalen Vergleich nicht nur Waren, sondern auch Investitio-
       nen angeboten  und nachgefragt  werden. So muß manche Nation kon-
       statieren, daß ihre  B e d ü r f n i s s e  bezüglich der von ihr
       verwalteten   Anlagesphäre   den   Tatbestand   des   dringlichen
       B e d a r f s   erfüllen, den sie sich einiges an Zugeständnissen
       kosten lassen  muß -  während andere  in ihren  Bedürfnissen  die
       F r e i h e i t  gewahren, jedermann ihre lohnenden Geschäfte als
       Partnerschaft aufzudrängen.
       Im Falle der "Entwicklungsländer" ist diese Art von Partnerschaft
       so  geläufig,   daß  sie   besten  Gewissens   unter  dem   Titel
       "Kapitalhilfe" abgewickelt  wird. Und  vom Standpunkt der politi-
       schen   Führer    jener   kolonialgeschädigten    und   in    die
       "Unabhängigkeit" geschossenen  und entlassenen Staaten nimmt sich
       tatsächlich jede  Investition, die  aus "natürlichen" Reichtümern
       wirkliche und aus einem Teil der Bevölkerung Arbeitskräfte werden
       läßt, wie eine Hilfe aus. Zwar stellt der Einsatz von Kapital die
       Subsistenz der in Entwicklungsländern lebenden Menschen gründlich
       in Frage,  dafür sichert er aber der Regierung ein Einkommen, das
       sie zur Bestreitung ihres Unterhalts im befreundeten Ausland aus-
       geben kann. Daß die Gelder für ein herrschaftliches Leben und den
       Gewaltapparat in  vielen Fällen  nicht reichen, also Kredite not-
       wendig werden,  die zu ansehnlichen Staatsschulden anwachsen, tut
       dem Geschäft  keinen Abbruch. Dergleichen befördert den Bedarf an
       Kapital, das  allein imstande  ist, den  "Aufbau" und  die  "Ent-
       wicklung" des  armen Landes  zu bewerkstelligen  - und der "kauf-
       männische" Gesichtspunkt,  der das  viele Geld  für verloren  er-
       klärt, blamiert sich an dem Maß, in dem sich die Subventionierung
       einer Herrschaft  lohnt, die  nichts anderes zu tun weiß, als mit
       ihrer Gewalt  die ihr  unterstellte Erde  samt Volk der Anwendung
       durchs Kapital zu erschließen. Wo Nationen wie  B r a s i l i e n
       die Gegebenheiten  ihres Landes  und das  Interesse ausländischen
       Kapitals ausnützen,  um eine  produktive  Industrie  in  Gang  zu
       bringen -  also nicht  nur den  Ausverkauf von  Bodenschätzen  zu
       ihrer Geschäftsgrundlage  erheben -,  erweist sich  die staatlich
       inszenierte Dauerinflation  sogar als vom internationalen Kapital
       vorzüglich  kalkulierbarer   brasilianischer   Beitrag   an   den
       Investitionskosten.  Auch   in  solchen   Fällen  verrichtet  die
       weltweite Scheidung von verwendbarem, überschüssigem Reichtum und
       anwendbarem, für  sich aber  nicht geschäftsfähigem  Material  an
       Menschen und  Natur ihr  Werk. Auf den Willen der internationalen
       Geschäftswelt angewiesen,  nach ihren  Maßstäben den Gebrauch von
       brasilianischer Natur  und Arbeitskraft  für lohnende  Gewerbe in
       Betracht zu  ziehen, befleißigt  sich die souveräne Republik nach
       Kräften,  Land   und  Leute  zu  Mitteln  dieser  Kalkulation  zu
       "entwickeln" -  eine Methode,  die noch  jede Regierung  über den
       Mangel an  eigenen Mitteln hinweggetröstet hat. Der Nationalismus
       der Politiker  kommt eben auch als abhängiger, mit konzessionier-
       ten ökonomischen Fortschritten, auf seine Kosten - eine Wahrheit,
       die selbst für "Bananenstaaten" gilt.
       Noch mehr  trifft dies  auf die  politische Ökonomie  der reichen
       Entwicklungsländer zu,  die ihren  Titel gleich  aus einem Natur-
       stoff ableiten,  den es  bei ihnen gibt und der in den Industrie-
       ländern gebraucht  wird. Die   Ö l s t a a t e n   sind als Anla-
       gesphäre berühmter  Firmen in  den Besitz  erheblicher Konten ge-
       langt, weshalb im freien Westen die Lüge kursiert, sie wären Pro-
       duzenten und Verkäufer jenes Stoffes und der Preis könne doch un-
       möglich hingenommen  werden. Dabei  zeugt die  geldgeberische Ma-
       nier, in der souveräne Scheichs ihre Petro-Dollars westlichen Ak-
       tiengesellschaften zur  Verfügung stellen, sehr eindeutig von der
       speziellen ökonomischen  Beschränktheit ihres  Regierens. Zwar im
       Besitz von Geld, aber ohne ihnen offene Anlagemöglichkeiten, ver-
       wandeln sie  ihren abstrakten Reichtum in Aktienkapital, was zwar
       ein Geschäft ist, aber ein sehr privates, welches die Wucht ihrer
       Staaten um  keinen Deut  verstärkt. In  diesen Genuß gelangen sie
       höchstens  auf  einem  ganz  anderen  Weg:  in  ihrer  Rolle  als
       Ö l s t a a t e n  werden sie eines ganz dringlichen Schutzes für
       würdig befunden,  sind also  als militärische Partner des Westens
       gefragt. Und  falls sie  sich in  dieser Hinsicht nicht zahlungs-
       und verteidigungswillig  erweisen (was die meisten im eigenen In-
       teresse tun), fällt ihre ökonomische Vorzugsstellung einer Spezi-
       alkampftruppe der  USA zur  Last, wenn sie nicht - wie die irani-
       sche Islamrepublik  - die  Überflüssigkeit ihrer Angebote und den
       kriegerischen Haß von Bruder-Ölstaaten demonstriert bekommen.
       D r i t t e n s   ist das  Eden des  Völkerrechts also auch nicht
       ganz frei  von   G e g e n s ä t z e n.   Die diplomatischen  Um-
       gangsformen mögen  noch so  sehr darauf  abgestellt sein, die Ge-
       meinsamkeit der  diversen Partner zu unterstreichen und damit die
       prinzipielle Achtung von kontrahierenden Souveränen untereinander
       - im  Inhalt der  geschäftlichen Vereinbarungen  wird gestritten.
       Immerhin will  jeder Staat  dem speziellen  Interesse des anderen
       die Botschaft  entnehmen, die  andere Seite   b r a u c h e  ihn.
       Die Konditionen, unter denen der eine Souverän Arbeiter ausreisen
       läßt, der  andere Kapital einreisen, die steuerlichen Bedingungen
       für das  Wirken fremder  Gelder usw.  - eben alle Modalitäten des
       Geschäfts werden  zum Anlaß  kleiner  und  großer    E r p r e s-
       s u n g s m a n ö v e r.   Die Überzeugungskraft der ausgetausch-
       ten "Argumente"  variiert -  und das  widerspricht nicht der Tat-
       sache, daß  die "Abhängigkeit"  eine wechselseitige ist: Staaten,
       die sich  nicht umeinander  kümmern,  hätten  tatsächlich  keinen
       Grund zu  streiten -  entsprechend den  Voraussetzungen, die  die
       Partner in die Gespräche mitbringen. Der Unterschied von Freiheit
       und Bedarf  macht den  Grad der  Erpreßbarkeit aus,  so daß  sich
       manche Souveräne  quasi Diktaten  beugen müssen, die ihre gesamte
       Wirtschaftspolitik auf  auswärtige Interessen verpflichten; dafür
       gibt es  andererseits Industriemächte,  die  ihre  Kapitalexport-
       programme noch  den meistbietenden  Staaten zur  Konkurrenz  vor-
       legen.
       Mit ihren Vereinbarungen schließlich legen sich die kontrahieren-
       den  Regierungen  darauf  fest,  sich  des  gewünschten    V o r-
       t e i l s  durch pflichtgemäße  E r f ü l l u n g  zu versichern.
       Und da  Vertragstreue bei  eintretenden Verlusten einerseits eine
       Frage des  Willens, andererseits  eine Frage  des Vermögens  ist,
       bleiben "Störungen"  selten aus.  Sie zu  korrigieren  und  durch
       zusätzlich  angedrohte   Schädigung  oder  Beistand  abzustellen,
       fühlen sich  wiederum die  Staaten berufen,  denen  ihre  "Abhän-
       gigkeit" ohnehin  zu einer  b e q u e m e n  A r t  d e r  E i n-
       m i s c h u n g   gerät. Ihre  Außenpolitik,  die  sich  herzlich
       wenig um  die einheimischen  und auswärtigen  Opfer kümmert,  die
       ihre Durchsetzung  fordert, rechnet ständig mit dem "Aufbegehren"
       des Souveräns,  der in  seinem Herrschaftsbereich durch gelungene
       Ausbeutung für  das Gelingen  des Geschäfts  Sorge  tragen  soll.
       Insofern lauert  hinter allen  Staatsaktionen dieser  Welt  durch
       Kriege in  Staaten aufgeteilt, die nun den Kapitalmarkt gestalten
       - die  G e w a l t.
       V i e r t e n s   gibt es  auf dem  Weltmarkt  viel  zu    v e r-
       t e i d i g e n   - und  zwar um so mehr, je durchschlagender der
       Erfolg einer  Nation, ihre  Interessen im  Ausland zu  verankern,
       ausgefallen ist. Eroberungen stehen nicht mehr an, dafür aber die
       weltweite "Sicherung unserer Rechte" - zumindest für die Staaten,
       die so  viel "Einfluß"  besitzen, daß  kaum eine Nation sich eine
       Alternative herausnehmen kann, ohne daß sie betroffen sind.
       3. Mit dem  angelsächsisch-sowjetischen Sieg über Deutschland und
       Japan ist  über Botmäßigkeit  und Dienstbarkeit der Souveräne auf
       dem ganzen  Globus militärisch  und daher politisch zugunsten der
       USA entschieden  worden -  mit der  einen entscheidenden Ausnahme
       des "sozialistischen  Lagers" und einer daher rührenden Unsicher-
       heit der  prinzipiell gültigen  "Weltanschauung". Und als einzige
       Macht auf  der Welt  verfügten die USA auch über die ökonomischen
       Mittel, um  die weltweiten  Machtverhältnisse zu einem ebenso um-
       fassenden System  lohnender Benutzung  der Welt  auszubauen. Alle
       ehemals konkurrierenden  kapitalistischen Nationalökonomien waren
       ruiniert: der  verlorene Weltkrieg im Falle der Gegner, aber auch
       der schließliche  Sieg der europäischen Alliierten der USA hatten
       die Zahlungsfähigkeit  der einen wie der anderen überstrapaziert,
       dabei den  akkumulationsfähigen Reichtum  der Nationen dezimiert,
       somit Währung  wie Produktionsapparat  für die Restauration eines
       konkurrenzfähigen nationalen Geschäftslebens einigermaßen untaug-
       lich gemacht.  Umgekehrt hatten  die USA noch ihre Kriegsökonomie
       "marktwirtschaftlich" abgewickelt:  als Geschäft,  das mit  einem
       Anteil vom  Überschuß des  nationalen Geschäftslebens  bestritten
       wurde und daher den Staatskredit nicht in Mitleidenschaft zog, in
       dem es  sich bezahlt machte; überdies ohne Einbußen an nationaler
       Produktionskapazität. Eine  schlagkräftigere Garantie für ein na-
       tionales Kreditgeld und somit für das darüber bewerkstelligte Ge-
       schäftemachen mit  Eigentum als  die Gewähr  der US-Regierung für
       Dollarguthaben war  nirgends auf  der Welt  zu kriegen; und keine
       Regierung auf  der Welt  hatte eine auch nur annähernd so erfolg-
       reiche nationale  Geschäftstätigkeit vorzuweisen wie die der USA.
       Als einzige  kapitalistische "Volkswirtschaft" hatte die amerika-
       nische Nationalökonomie  nach Kriegsende  keine  N o t s i t u a-
       t i o n  zu bewältigen, sondern besaß die  F r e i h e i t,  sich
       den  Mangel  an  potenten  Handels-  und  Geschäftspartnern,  das
       Verhältnis zwischen  eigenem nationalem  Überschuß und  Mangel an
       akkumulationsfähigem  Reichtum   auswärts,  zum   "Problem"   und
       A n l i e g e n  z u  m a c h e n.
       Dieses freie  Interesse der  US-Wirtschaft und  ihrer politischen
       Manager am  kriegszerstörten Rest  der Welt bedeutete nie, daß es
       dieser Ökonomie an billigen fremdländischen Lieferanten und ihren
       Exporteuren an  zahlungskräftiger Kundschaft  mangelte. In diesem
       Sinne ist  der Kapitalismus  der USA nie auf Handelspartner ange-
       wiesen gewesen.  Das nationale Kapital findet im eigenen Land al-
       les Nötige  für seine  schrankenlose Expansion - seit erst einmal
       der in  der Phase der "ursprünglichen Akkumulation" in der "Neuen
       Welt" fühlbare Mangel an so gut wie umsonst vernutzbarer Arbeits-
       kraft durch  Sklavenimporte behoben war! -; und es hat diese Vor-
       aussetzung seit jeher dazu genutzt, seine Akkumulation so konkur-
       renzlos zu  gestalten. Auch  nach dem  Krieg waren und wußten die
       USA sich  frei vom  Zwang zum  Konkurrenzerfolg im   Außen h a n-
       d e l;   und wo sie darauf Wert legten, waren sie sich dieses Er-
       folges dank  der schlagkräftigen Größe, der Produktivität und der
       technologischen Konkurrenzlosigkeit ihres Kapitals allemal sicher
       - eine  Freiheit und  Sicherheit, an  denen sich bis heute nichts
       wirklich  Entscheidendes  geändert  hat:  ein  Kapital,  das  auf
       Außenhandelserfolge nicht  angewiesen ist, bringt schon damit die
       beste Voraussetzung dafür mit. Auf dieser Grundlage haben die USA
       angesichts der  Kriegsfolgen den Beschluß gefaßt, ihre ehemaligen
       Feinde und  Partner für ökonomisch zu schwächlich zu befinden, um
       der eigenen  Ökonomie gehörig von Nutzen zu sein, und auf Abhilfe
       gesonnen.
       Ihren Staats-  und Fachleuten war dabei offenkundig eine Wahrheit
       praktisch geläufig,  mit der  man sich  im Reich  der  volkswirt-
       schaftlichen Bildung damals wie heute nur blamieren kann: für die
       Neuinszenierung einer  kapitalistischen Nationalökonomie kommt es
       auf  nichts   so  sehr   an  wie   auf  ein  wohlfunktionierendes
       K r e d i t g e l d.   Reste von  produktiv einsetzbarem Reichtum
       einschließlich einer  "Infrastruktur", wie der Krieg sie in allen
       einst konkurrenzfähigen  europäischen Ländern  noch übriggelassen
       hatte; brauchbare  Völker, die  im Krieg  nicht zu Revolutionären
       geworden waren,  sondern sich so oder so an nationalistischen Ge-
       horsam gewöhnt  hatten und bereit waren, im Vergleich zum Kriegs-
       elend eine  geordnete Ausbeutung  als Glück  zu betrachten;  eine
       Trümmerwüste, die  von ihren Bewohnern als Herausforderung an ih-
       ren Fleiß  und Familiensinn genommen wurde: das alles reicht zwar
       nicht hin, um privates Eigentum in großem Stil geschäftlich agie-
       ren und  akkumulieren zu  lassen;  es  ist  aber  durchaus  keine
       schlechte Voraussetzung  dafür. Es  bedarf nur mehr einer schlag-
       kräftigen Garantie, daß Eigentum und benutzbare Armut auch erhal-
       ten bleiben; es braucht privates Eigentum in hinreichender Masse,
       um Menschen  und Material auch wirklich nutzbringend zusammenwir-
       ken zu  lassen; und es ist jenes Geschäftsmittel vonnöten, in dem
       das engagierte  Eigentum sein Wachstum als obersten, in aller Ab-
       straktheit maßgeblichen  Zweck des  Ganzen realisiert  und  mißt:
       eben ein  v e r l ä ß l i c h e s  G e l d.
       In allen  drei "Fragen"  haben die  USA ohne  Zögern weltweit die
       "Verantwortung" übernommen  - daß es ihnen im "Ostblock" verwehrt
       blieb, war  und ist  nicht ihre  Schuld: sie tun auch da ihr Mög-
       lichstes. Die  Rettung, Stützung oder auch Einrichtung souveräner
       Regierungen, denen  die Unantastbarkeit  des Privateigentums  ge-
       nauso selbstverständlich war wie der Grundsatz, daß das Volk sich
       nützlich zu machen hat und seine Armut das befördert, war den USA
       buchstäblich eine  Ehrensache, die  sie mit der berühmten Truman-
       Doktrin zu  ihrer nationalen  Pflicht erklärten. Wo ihre zunächst
       noch  kolonialistisch  operierenden  Hauptverbündeten  mit  ihren
       Nachkriegsordnungsprogrammen nicht  zum Ziel kamen - wie in Grie-
       chenland, der  Türkei, Persien, in Hinterindien usw. -, da ließen
       sie sich  diese Aufgabe  einiges an Militärhilfe kosten; die ganz
       neu eingerichtete BRD, "Frontstaat" in jeder Hinsicht, gedieh zum
       weltpolitischen Schlager ersten Ranges.
       Den politisch  im rechten Sinne stabilisierten Gemeinwesen finan-
       zierten die USA zweitens eine intakte Währung: mit Milliardenkre-
       diten stellten sie die "Glaubwürdigkeit" von Pfund und Franc wie-
       der her;  mit deutlich  weniger Milliarden  ermöglichten sie  der
       "Bank deutscher Länder" ihre Ausgabe einer Deutschen Mark, in der
       Geschäfte zu  machen sich  lohnen mußte.  Die Kosten  dieses Bei-
       standsunternehmens waren nicht so arg hoch. Es war ja kein gegen-
       ständlicher Reichtum, der da als Währungskredit über den Atlantik
       floß, schon gar kein Gold: Es waren  S c h u l d e n,  amerikani-
       sche   Zahlungs v e r s p r e c h e n,  die im Sinne der fiktiven
       Dollar-Gold-Parität, schon  vor Kriegsende  in dem amerikanischen
       Provinznest Bretton  Woods zwischen  den Managern des weitsichtig
       vorausgeplanten internationalen  Nachkriegsgeschäfts  vereinbart,
       w i e   G o l d,  eben  a l s  W e l t g e l d  behandelt wurden.
       Denn es  gab ja keinen kapitalistischen Staat, der die Mittel ge-
       habt hätte,  diese amerikanische  Gleichung in Zweifel zu ziehen;
       umgekehrt besaßen  die USA  unwiderstehliche  "Argumente"    d a-
       f ü r:   ihre funktionierende  nationale Kapitalakkumulation  und
       ihr Fort Knox, in dem sich die wirklich goldenen Währungsreserven
       aller früheren  Konkurrenten dank  des großen  Krieges versammelt
       hatten. Ein  wohlfeiler Kredit  also, der  nie zurückgezahlt, nie
       verzinst wurde - und sich um so mehr  g e l o h n t  hat.
       Denn eins  war mit  der großzügigen  Überlassung eigener "harter"
       Währung an  kaum mehr oder noch nicht wieder geschäftsfähige Ver-
       bündete im  Rahmen des  European Recovery Program ja entschieden:
       Die dadurch  restaurierte nationale  Geldzirkulation der europäi-
       schen Partner  konnte nur dadurch zu einem Erfolg werden, daß ge-
       schäftstüchtige Kapitale  sie zu  ihrem Geschäftsmittel  machten;
       und dieser  Aufgabe stellte  die amerikanische Geschäftswelt sich
       ohne jeden  Anflug von  Selbstlosigkeit. Sie  nahm sich  der  zu-
       kunftsreichsten Branchen  der wiederaufgebauten  "Volkswirtschaf-
       ten" an  und ließ  so ihren  eigenen geschäfteheckenden Überschuß
       sich in  Europa als  Geschäftspartner gegenübertreten.  Die  Zah-
       lungsfähigkeit der  alten Nationen wurde zu guten Teilen als eine
       Abteilung  im  konzerninternen  Verrechnungswesen  amerikanischer
       Kapitale wiederhergestellt  - was keineswegs immer so unverschämt
       auszusehen braucht  wie der  Geschäftsverkehr westdeutscher Mine-
       ralölfirmen  mit  ihren  Konzernmüttern  im  Heimatland  des  Öl-
       geschäfts.
       4. Der Beschluß  der USA,  ihre Macht und ihr Geld zur Neuordnung
       der Welt  zu verwenden,  hat bei  aller Kalkulation von Vorteilen
       für die Weltmacht Nr. 1 mit kolonialistischen Bestrebungen nichts
       zu schaffen. Und dies nicht so sehr wegen der Großzügigkeit, lau-
       ter souveräne  Staaten mit  "eigenen" Repräsentanten,  Flagge und
       Hymne ins  Leben zu  rufen bzw. zuzulassen (die Kriege um die Er-
       haltung der verbliebenen Kolonialgebiete durften die alten Reiche
       selbst führen,  und das  Augenmerk der USA galt dabei der für sie
       allein bedeutenden  Frage, ob die Entkolonialisierung in die Ent-
       stehung  "östlicher  Satelliten"  mündete);  vielmehr  wegen  des
       "Auftrags" an  die Souveräne  in allen  Breiten, ihre  politische
       Herrschaft zur  Teilnahme  an  der    W e l t w i r t s c h a f t
       einzusetzen.
       Dem Supra-Nationalismus  der NATO  stellte die  Führungsmacht des
       freien Westens den Imperativ zur Seite, daß die von ihresgleichen
       höchstförmlich respektierten  Nationen in  ihrer  wechselseitigen
       Benutzung, in  ihren außenwirtschaftlichen Beziehungen auf  d i e
       Praktiken der  Konkurrenz verzichten, welche eine Kontinuität des
       Welthandels in  Frage stellen. Vertraut mit der Tatsache, daß die
       Anwälte des  nationalen Wachstums  je nach  Erfolg im  grenzüber-
       schreitenden Verkehr von Waren und Geld, Arbeitskräften und Inve-
       stitionen zu  Maßnahmen greifen, die das Wachstum im Ausland stö-
       ren, sind  die Manager der Nachkriegswelt auf das Kunstwerk einer
       Weltwirtschafts o r d n u n g   verfallen. Diese  "Ordnung" zielt
       auf die Sicherstellung des Anliegens, das kapitalistische Staaten
       dazu drängt, jedes fremde Hoheitsgebiet daraufhin zu inspizieren,
       was es an Reichtumsquellen aufweist: ihre Urheber ergriffen nicht
       nur Partei  für die  Internationalisierung des  Kapitals, für die
       Freiheit, jede  lohnende Kombination von "Produktionsfaktoren" in
       Anspruch zu  nehmen; sie  waren sich  auch im klaren darüber, daß
       die     wirtschafts p o l i t i s c h e n     Zielsetzungen,  die
       s t a a t l i c h e n   Maßstäbe des  ökonomischen Erfolgs, diese
       Freiheit stets auch relativieren.
       Bei seinen  Anstrengungen, von der internationalen Konkurrenz des
       Kapitals zu profitieren, ist es nämlich einem Staat nicht gleich-
       gültig, ob  das erzielte  Wachstum die Mittel seiner Macht erwei-
       tert oder die eines "Partners". Was  e r  sich aufgrund erfolgter
       Geschäfte leisten  kann, interessiert  ihn, wenn er die Resultate
       von Waren-, Geld- und Kapitalströmen bilanziert und überprüft, ob
       s e i n e   Verfügung über Geld wächst oder nicht. Dabei kommt es
       ihm freilich  nur bedingt auf das unmittelbare Plus und Minus auf
       den Konten  seiner Nationalbank  an; schließlich  handelt es sich
       bei den  Geldsummen, die da zu verzeichnen sind, um  K r e d i t-
       z e i c h e n,   deren Kaufkraft  und Tauglichkeit  auf dem Welt-
       markt  davon   abhängt,  was  die  Nationen  mit  dem  von  ihnen
       geschaffenen und  garantierten  Kredit  anstellen.  Insofern  ist
       nicht jede  nominelle Aufbesserung  einer Bilanz auch automatisch
       ein Beleg für einen Zuwachs an Zahlungsfähigkeit; ganz gleich, ob
       sich die Mittel einer Nationalbank aus Gold und Kreditzetteln des
       eigenen Staats oder auch noch aus Währungsreserven anderer Herren
       Länder zusammensetzen  - was sie  w e r t  sind, ergibt sich erst
       aus dem  Vergleich ihres Austauschverhältnisses untereinander. Ob
       sich Import oder Export von Waren und Kapital lohnen, stellt sich
       nur durch kundige Berechnung der Devisenkurse heraus und gebietet
       den bankgeschäftlichen  und staatlichen   E i n f l u ß  auf sie,
       mit dem  Ziel, über  möglichst viele  Zettel der Art zu verfügen,
       die auf  dem internationalen Markt der Geschäftsmittel viel Kauf-
       kraft und sichere Anlagen darstellen. Und nur Nationen, denen die
       Beteiligung am  Weltmarkt zu   d i e s e m   Erfolg verhilft, bei
       denen also  auch die Vermehrung der als Geld fungierenden Staats-
       schulden  -   die  berüchtigte   Inflation   -   der   Vermehrung
       i n t e r nationaler  Zahlungsfähigkeit keinen Abbruch tut, blei-
       ben Nutznießer  und Parteigänger  des Weltmarkts.  Wo sich dieser
       Erfolg nicht einstellt, werden Staaten zu  K r i t i k e r n  der
       weltweiten Konkurrenz:  sei es, daß sie nicht mehr  w i l l e n s
       sind, zu den bestehenden Konditionen in Wahrungsdingen ihren aus-
       wärtigen Handel  fortzuführen, und  Zuflucht zum  Recht ihrer ho-
       heitlichen Befugnisse  nehmen, um  Korrekturen an  Wechselkursen,
       auswärtiger Freiheit  des Handels  und Anlegens  bei sich  durch-
       zuführen; sei  es, daß  sie über  die gelaufenen  Geschäfte nicht
       mehr   f ä h i g   sind, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukom-
       men, und  sich außer mit Schulden und Zinstilgungsforderungen mit
       der Perspektive  konfrontiert sehen,  daß sämtliche lohnenden Ge-
       schäfte in  ihrem Machtbereich - und die von kapitalkräftigen Un-
       tertanen auswärts  dazu - nicht ihnen, sondern fremden Souveränen
       ihre ökonomischen Machtmittel vermehren.
       Die einschlägigen Verlaufsformen des  E n t z u g s  von Nationen
       aus einmal  eingegangenen "Abhängigkeiten", welche andere Staaten
       in ihrem  Interesse beanspruchen,  sind Gegenstand  der weltwirt-
       schaftlichen Regelungen, die im Namen eines dauerhaften Wachstums
       "d e s"   Welthandels mit  dem Ende  des Zweiten  Weltkriegs  be-
       schlossen wurden.  Und zwar so, daß unter offenkundiger Anleitung
       der USA  und unter  Berufung auf die "schlechten Erfahrungen" der
       Weltwirtschaftskrise international  gültige   G e b o t e  v e r-
       e i n b a r t   wurden, die jede Auslösung von Stockungen auf dem
       Weltmarkt  unterbinden  sollen,  die  aus  "nationalem  Egoismus"
       erzeugt werden.  Daß der    I n t e r n a t i o n a l e    W ä h-
       r u n g s f o n d s   (IWF) der  Form nach ein Bündnis darstellt,
       obgleich die von seinen Mitgliedern eingegangenen Verpflichtungen
       den Verzicht  auf  manches  Moment  ihrer  wirtschaftspolitischen
       Souveränität darstellen,  hat den - bereits erwähnten - einfachen
       Grund. Der  Unterwerfung ihrer  nationalen Währungspolitik  unter
       supranationale Kriterien stimmen Staatenlenker eben dann zu, wenn
       sie  über  das  Mittel  eines  tauglichen  Nationalkredits  nicht
       verfügen und  auf die   K o n z e s s i o n  desselben angewiesen
       sind.  Der   Verwirklichung  des  Ideals  einer  einvernehmlichen
       Regelung von  Zahlungsbilanzdefiziten und  einer Ausstattung  der
       Welt mit  "Liquidität" verschreiben  sie sich,  weil sie zunächst
       einmal  mit   dem  Problem   konfrontiert  sind,  über  eine  zum
       weltweiten "Wirtschaften" erforderliche Währungsreserve gar nicht
       zu  verfügen.   Solchen  Souveränen  gegenüber  konnten  die  USA
       "überzeugend" auftreten:  immerhin  verschaffte  denen  die  Ver-
       pflichtung, künftig  an der Kreditierung zahlungsunfähiger Natio-
       nen mitzuwirken  und in  der Regelung ihres außenwirtschaftlichen
       Zahlungsverkehrs "kooperativ"  zu verfahren, den  E i n s t i e g
       in den Weltmarkt.
       Unter dem  Titel "Bereitstellung  von Währungsreserven" wurde mit
       der Gründung  des IWF  das "Liquiditätsproblem"  - die vorhandene
       und mit  Gewißheit eintretende Zahlungsunfähigkeit von Nationen -
       wie eine  bloß   t e c h n i s c h e  S c h r a n k e  behandelt.
       Freilich war von Anfang an nicht zu übersehen, daß die kollektive
       Schaffung von   Zahlungs f ä h i g k e i t  für Fälle, wo sie ge-
       rade   n i c h t   v o r h a n d e n    ist,  einen  ökonomischen
       Standpunkt exekutiert, der gewisser Härten nicht entbehrt. Entge-
       gen dem Konkurrenzinteresse, das sich bei Nationen einstellt, die
       auf dem  Weltmarkt verlieren und von sich aus zu "Interventionen"
       schreiten würden, ist da die allgemein verbindliche Verpflichtung
       eröffnet worden,  sich weiterhin  der - nachteiligen - Konkurrenz
       z u   s t e l l e n.   Das Programm  heißt "Wachstum  durch Welt-
       markt" absolut:  es soll  weitergekauft werden, auch wenn es man-
       cher Nation  Abzug von  ihrem Reichtum  beschert;  weiterverkauft
       auch dann, wenn der Export den Nationalkredit ruiniert; und Kapi-
       talanlagen aller  Art sollen fortgeführt werden, obgleich sie die
       Phrase vom  "wechselseitigen Nutzen"  zwischen den  Ländern Lügen
       strafen. Und  für  d i e s e s  Programm bildet das Konstrukt na-
       mens IWF  die verläßliche  Handhabe, einen   i n t e r n a t i o-
       n a l e n   K r e d i t ü b e r b a u,  der den Zuwachs an natio-
       nal verfügbarem  und international anwendbarem Geld auf der einen
       Seite, seine  Verminderung auf  der  anderen  nicht  nur  korrekt
       bilanziert.  Wenn   Nationen  dem   IWF  gemäß  dem  vereinbarten
       Quotensystem  kaufkräftige  Teile  ihrer  Konten  "zur  Verfügung
       stellen", werden sie nämlich nicht ärmer - das bleibt den anderen
       vorbehalten, die  Kredite in  Anspruch nehmen  müssen und  in den
       respektablen Summen  ihrer Auslandsschulden  - den "normalen" wie
       den zusätzlichen  im Verhältnis zum Fonds eingegangenen nur eines
       verbuchen: daß   i h r  Import wie Export, von Waren und Kapital,
       zur    V e r m e h r u n g    a u s w ä r t i g e n    R e i c h-
       t u m s   beigetragen hat.  In ihren  monströsen  Inflationsraten
       dokumentieren diese  Länder, daß ihr Kreditgeld auf dem Weltmarkt
       nichts taugt,  weder nachgefragt  wird noch  der Nachfrage  fähig
       ist, daß sie  f ü r  s i c h  weder Kredit schaffen noch über ihn
       frei verfügen.  In den bisweilen auch einmal öffentlich addierten
       Auslandsschulden der  an der "Weltwirtschaft" beteiligten Staaten
       saldieren sich  Kredite an  deren Rückzahlung niemand denkt - sie
       sind ja  durch die  förmliche  Absicherung  des  IWF,  durch  die
       Verdopplung nationaler  Kreditguthaben (in  s i c h  und eine zu-
       sätzliche  i n t e r - nationale  Verfügbarkeit) erst entstanden,
       weil bleibende  Zahlungsunfähigkeit unterstellt  war. Und  da der
       Bedarf an   K r e d i t   f ü r   f e h l e n d e n   K r e d i t
       die "Fazilitäten"  des Fonds  ständig überstieg, ist es nicht bei
       mehrmaligen Quotenerhöhungen  geblieben; mit  der  Schaffung  von
       R e s e r v e n   f ü r   f e h l e n d e   R e s e r v e n,  dem
       Beschluß zur Einführung von  S o n d e r z i e h u n g s r e c h-
       t e n  (SZR), haben die maßgeblichen Mitglieder des Weltwährungs-
       vereins eine  weitere "Technik"  ersonnen, die garantiert daß der
       Kredit ihrer  Nationen das  Zugriffsmittel  und  Recht  auf  aus-
       wärtigen Reichtum bleibt.
       Dieses Ergebnis der  K o n v e r t i b i l i t ä t  aller dem IWF
       angeschlossenen Währungen,  des Gebots,  sich durch  Verschuldung
       auch dann  als Partner  auf dem  Weltmarkt zu betätigen, wenn die
       Partnerschaft nur darin besteht, die souverän verwaltete "eigene"
       Ökonomie dem  Zugriff für  weltweit brauchbaren Nationalkredit zu
       öffnen, ist  der Zweck des IWF. Mit seiner Gründung wurde der be-
       dingungslose Konkurrenzkampf  zwischen den Nationen  f e s t g e-
       s c h r i e b e n   - mit  einer Bedingung eben: die Aufkündigung
       der Geschäftsgepflogenheiten  aus Gründen  des nationalen  Mißer-
       folgs ist nicht genehmigt. Korrekturen an der Hierarchie zwischen
       den Nationen,  die über  eine "Sicherung" des Nationalkredits und
       damit über eine "Störung" des internationalen Geschäfts erfolgen,
       haben hinter  der "gemeinschaftlichen"  Sorge um   d i e   "Welt-
       wirtschaft" zurückzustehen.  Und nicht  einmal die  Staaten,  die
       sich in  den Jahrzehnten  beflissenen Ausbaus des internationalen
       Kreditsystems selbst  zu Machern  der  Weltwirtschaft  entwickelt
       haben -  die Rede ist von "Europa" und Japan -, wollen und können
       sich für die "alte" Form der Konkurrenz entscheiden: mehr als die
       innerhalb des  GATT zugelassenen  Techniken im  Umgang mit Zöllen
       und Kontingentierung  wollen sie  nicht in  Anspruch nehmen. Auch
       sie haben  gute Gründe,  ihre Ansprüche als politischen Streit um
       den   B e i t r a g  z u  und den  N u t z e n  v o n  der "Welt-
       wirtschaftsordnung", der  sie sich  verpflichtet  wissen,  auszu-
       tragen und  das Beste  aus der  "Leistungskraft" ihrer heimischen
       Produktion zu  machen. Gute  Gründe, die  aus der Schaffung jener
       Ordnung herrühren.
       Schließlich wurde  die weltweite  Sorge um  die "optimale Versor-
       gung" mit "Liquidität", die fehlte, mit der Ernennung des Dollars
       zum ersten  weltweit gültigen  Geschäftsmittel eingeleitet. Unab-
       hängig vom  säuberlich verzeichneten "Zahlungsbilanzdefizit", das
       sich die  USA über  die  Jahre,  in  denen  sie  die    "L e i t-
       w ä h r u n g"   von der  internationalen Geschäftswelt  anwenden
       ließen, leisteten,  stand die  weltweite Funktionstüchtigkeit des
       Dollars als  verbindlicher Wertträger  jenseits aller Diskussion.
       Er garantierte  ja auch  die Gültigkeit  der Währungen,  die sich
       zunehmender   "H ä r t e"   erfreuten, also selbst dauerhafte Ge-
       schäfte gewährleisteten,  die ihnen  den  Ruf  und  die  Qualität
       einbrachten, ebenfalls als "Reservewährung" zu taugen. Den Dollar
       anzuzweifeln, hieße  für jeden damit ausgestatteten Souverän, den
       Hauptposten unter  den Aktiva  seiner Notenbank  zu streichen und
       damit das eigene gesetzliche Zahlungsmittel, wie glänzend es sich
       auch immer  auf Basis des Dollars als weltweit gern besessene De-
       vise bewährt  hat, für  jedes über  den nationalen  Rahmen hinaus
       kalkulierte, und  das heißt für jedes seriöse kapitalistische Ge-
       schäft untauglich  zu machen und der Weltwirtschaft den Rücken zu
       kehren. Klar ist damit aber auch, daß die "Wertbestimmung" dieser
       Währung erst  einmal den Gesetzen des Wechselkurses entzogen war.
       Ein- und Verkauf im Ausland sind ja bloß noch eine Unterabteilung
       der auswärtigen Geschäfte, in denen es auf den Dollar ankommt und
       ein Verhältnis  zwischen Nachfrage und Angebot entsteht, das sei-
       nen "relativen  Wert" beeinflussen kann. Seine viel wesentlichere
       Funktion ist  die als Mittel der Kreditierung anderer Notenbanken
       sowie des Exports amerikanischen Kapitals. Hier treten aber über-
       haupt nicht  mehr Angebot und Nachfrage als aus der internationa-
       len Warenzirkulation  erwachsende Größen  einander gegenüber. US-
       Regierung und  amerikanisches Kapital  befinden ganz  allein dar-
       über, in  welchem Umfang  sie ihre  Dollars im  Ausland fungieren
       lassen wollen.  Und damit ist auch die Festsetzung des Kurses, zu
       dem fremde  Währungen sich am Dollar bemessen, eine durchaus ein-
       seitige Angelegenheit.  Von amerikanischer Seite wurde eine Pari-
       tät   b e s t i m m t  - nichts beweist die  F r e i h e i t  der
       Kursfestsetzung schlagender  als deren  rein fiktiver  Bezug aufs
       Gold! -,  und zwar im Hinblick auf die Geschäfte, die dadurch ih-
       ren Maßstab  erhalten sollten:  der wohlfeile Einkauf in eine auf
       fremde Währungen  lautende Kapitalakkumulation  in erster  Linie,
       billiger Import und ein auswärtiger Konkurrenz weithin enthobener
       Export in zweiter und dritter.
       Vom Standpunkt  einer "optimalen"  Versorgung der internationalen
       Geschäftswelt mit den benötigten "liquiden Mitteln" hat das alles
       nie gepaßt,  weder Quantum noch Kurswert der weltweit verfügbaren
       Dollars. Gemessen  an den Kreditwünschen der Partner, also an den
       Ansprüchen der verbündeten Regierungen an ihren wiederhergestell-
       ten Nationalkredit  und  an  den  Geschäftsvorhaben  ihrer  Wirt-
       schaftsaktivisten, waren  die  grünen  Zettel  jahrzehntelang  zu
       knapp und  zu  teuer  -  ein  einziger  praktischer  Beweis,  daß
       d a f ü r  ihr Export auch gar nicht veranstaltet worden war. Die
       Ausstattung der Welt mit Dollars war eine Sache der Rücksichtslo-
       sigkeit, mit  der die  amerikanische Geschäftswelt ihr Kreditgeld
       in Kapital verwandelte, wo immer sich das lohnte. Und dabei blieb
       es, als  dank solcher Rücksichtslosigkeit die einst begehrte Wäh-
       rung sich  in auswärtigen  Banken häufte und die Dollarklemme der
       Nachkriegszeit längst  in eine  zunehmende Dollarschwemme überge-
       gangen war.  Wieder blamierte  sich, diesmal umgekehrt an der Ge-
       lassenheit der  USA dem  wachsenden Defizit  ihrer Zahlungsbilanz
       gegenüber, der  egoistische Idealismus  der europäischen Partner,
       die von  den USA mehr Verantwortung für die hohe Aufgabe verlang-
       ten, die Weltwirtschaft immer in passender Proportion und zu pas-
       senden Kursen mit international zirkulationsfähigen Finanzmitteln
       zu versorgen.  Das Quantum  der zirkulierenden Dollars blieb, was
       es gewesen war: eine höchst einseitige Angelegenheit des amerika-
       nischen Geschäftsbedürfnisses.  Und daß  mit ihrer anschwellenden
       Masse -  Folge insbesondere  der Skrupellosigkeit,  mit  der  die
       US-Regierung ihren  Nationalkredit für  ihre kriegerischen Unter-
       nehmungen in  Indochina strapazierte  - erstmals  ein ins Gewicht
       fallendes Interesse  aufkam, sich  der süßen Billette auch wieder
       mal zu  entledigen, und  dies ihren  Wechselkurs im Vergleich zur
       Mark und  anderen Schillingen sinken ließ, erklärten die amerika-
       nischen "Währungshüter" mit derselben Gelassenheit und Einseitig-
       keit zum  Problem der  Besitzer aufgewerteter  Währungen, mit der
       sie einst die Tauschrelation 1:4 zwischen Dollar und D-Mark fest-
       gesetzt hatten.  Und das  ganz zu  Recht. Denn verlieren kann der
       Dollar seine  Funktion als  Weltgeld ohnehin  nicht mehr, aus be-
       reits genanntem  Grund. Ein  Sinken seines Außenwerts beeinträch-
       tigt daher  nicht im  geringsten die amerikanische Zahlungsfähig-
       keit -  höchstens die  der amerikanischen Touristen; aber für die
       ist der  Dollar sowieso  genausowenig  erfunden  worden  wie  die
       "harte Mark"  für die  deutschen! -, wohl aber, ausgerechnet, die
       ihrer einst kreditierten Schuldner, die den Hauptposten ihres na-
       tionalen Schatzes, der leibhaftigen Seriosität  i h r e s  Natio-
       nalkredits, in  Dollarbeständen halten.   D e r e n  Sache ist es
       daher, durch Aufkauf der Dollars, die auf dem freien Devisenmarkt
       den  Wert  ihrer  Währung  nach  oben  treiben,  den  Wert  ihrer
       "Reservewährung" und damit die Finanzbasis ihrer eigenen nationa-
       len Zirkulation  zu "verteidigen"  und, soweit  sie es  für nötig
       halten, die  Schädigung  ihres  Exportgeschäfts  abzuwenden.  Ein
       schönes Paradox: ständige und sogar wachsende Zahlungsbilanzdefi-
       zite sind  kein Argument gegen USA und Dollar, sondern gegen alle
       anderen; die  Abhängigkeit der  D-Mark, des Franc, des Pfund usw.
       vom Dollar,  der die  weltweite Tauglichkeit dieser Kreditzeichen
       als seriöses  Zahlungsmittel garantiert, macht bisweilen die Aus-
       weitung, Verausgabung  und  gezielte  Entwertung  des  deutschen,
       französischen, britischen  usw. Nationalkredits erforderlich, da-
       mit der  Dollar als  Grundlage der  darin abgewickelten Geschäfte
       seinen Wert  nach Möglichkeit behält. Sache der Partnerländer war
       und blieb es auch, sich auf internationalen Währungskonferenzen -
       die schönste  und längste ausgerechnet im sozialistischen Belgrad
       - unter wohlwollendem Desinteresse der USA den Kopf über Möglich-
       keiten zu zerbrechen, wie der Dollar als Weltgeld zu ersetzen und
       die fröhlich  auf eine Billion zumarschierende "freie Liquidität"
       am Eurodollarmarkt wirksam "abzuschöpfen" oder "einzudämmen" sei.
       Komischerweise fiel  ihnen nichts  ein, was auf mehr als auf eine
       Umtaufung einiger  Dollarmilliarden hinausgelaufen wäre. Es blieb
       dabei, daß  die Partner  der USA, und zwar um so mehr, je stärker
       sie sich  zu partiellen  Konkurrenten ihrer  Führungsmacht aufge-
       schwungen haben,  mit ihren  Stützungskäufen die Folgen der skru-
       pellosen Ausnutzung des amerikanischen Nationalkredits und seiner
       weltweiten Unanfechtbarkeit  durch seine  Macher: die  Entwertung
       des Dollar, buchstäblich auf ihre Dollarkonten nehmen, den Kredit
       ihres alten  Gläubigers, von  dem nicht  loszukommen war und ist,
       ihrerseits kreditieren-  und sich so erst recht und noch enger an
       ihn binden.  Auch eine Art, die Währungskredite von einst zu ver-
       zinsen und  einmal mehr europäischen Dank für die großzügige Wie-
       deraufbauhilfe nach dem Krieg abzustatten...
       5. Die Lektion  ist eigentlich sehr eindeutig: Seit die USA ihren
       weltwirtschaftlichen Standpunkt der Währungskredite und des Kapi-
       talexports gegen ihre zahlungsunfähigen Konkurrenten durchgesetzt
       und sie auf dieser Grundlage als bedingte Konkurrenten wiederher-
       gestellt haben,  sind die  Zeiten einer Weltwirtschaftskrise vor-
       über, in der der Zusammenbruch des amerikanischen Kreditgeschäfts
       sich ausgerechnet  dadurch auf alle konkurrierenden Partnerländer
       ausweitete, daß  die amerikanischen  Banken von ihren auswärtigen
       Schuldnern bare Zahlung verlangten, um im Inland ihre Zahlungsfä-
       higkeit zu retten. Das amerikanische Kreditgeld und die darin ab-
       gewickelten Geschäfte  können nicht  mehr  generell  kaputtgehen,
       ohne daß  vorher alle anderen Nationalökonomien mit ihrer Währung
       aufgeflogen sind; selbst die Schädigung der Akkumulation amerika-
       nischen Kapitals  und die  Entwertung des  Kreditgelds, in dem es
       sich realisiert,  schlägt zuerst auf die Zirkulation der Partner-
       länder durch,  ehe sie  das Kapital und den Kredit der USA ernst-
       haft beeinträchtigt.  Der praktische  Vergleich  zwischen  "Leit-
       währung" und  kreditierten, "geleiteten" Währungen ist und bleibt
       eben unter  allen Umständen  eine sehr einseitige Sache. Deswegen
       hätte es auch niemanden zu wundern brauchen, daß nach einer Phase
       der Dollarabwertung  auch mal  wieder der  entgegengesetzte Trend
       fällig geworden  ist: Die  Verteilung von  Nutzen und Schaden aus
       der "weltweiten Inflation" ist für die Geldbesitzer in aller Welt
       eben  eine   hinreichend  deutliche   Erinnerung  daran,  wo  das
       G e s c h ä f t   mit der Inflation immer noch das sicherste ist.
       Und wer es an den nationalen Unterschieden bei der Abwicklung der
       letzten   ö k o n o m i s c h e n   Krisen  nicht  gemerkt  haben
       sollte, der  hatte und hat schließlich genügend Gelegenheit, sich
       daran erinnern  zu lassen,  daß die  Sicherung der  "Freiheit der
       Person",  jener  schönen  Metapher  für  die  Scheidung  zwischen
       nützlicher Armut  und privatem  Eigentum,  ein  Kriegsgrund  ist,
       dessen Konjunkturen  mit der Sicherheit des Geschäftemachens auch
       einiges, und  zwar national  unterschiedlich viel,  zu tun haben.
       Wie in den siebziger Jahren das Zahlungsbilanzdefizit, so läßt in
       den Achtzigern  der hohe  Zinssatz der  USA deren Macher kalt und
       macht dafür  den regierenden  Kollegen Sorgen, die sich dann über
       "vagabundierende Dollarmilliarden" beschweren: nun werden sie mit
       dem  Kapitalabfluß   in  die   USA  und  den  dadurch  zusätzlich
       hochgetriebenen  nationalen  Zinssätzen  umgekehrt  darüber  auf-
       geklärt, daß  das Mutterland  der pax americana eben nach wie vor
       die Konditionen  für die  unter deren  Schutz  abgewickelten  Ge-
       schäfte setzt,  und zwar auch mit Maßnahmen, die anderen Nationen
       als Störung der "Prinzipien des Freihandels" verwehrt sind.
       Den Ärger über solche Klarstellungen und das gepflegte Selbstmit-
       leid der  betroffenen Souveräne sollte ein normaler Mensch aller-
       dings der  Idiotie des Patriotismus überlassen. Denn erstens bla-
       miert die Vorstellung geknechteter westeuropäischer Nationen sich
       vor der  Berechnung der  amtierenden Führer dieser Staaten, denen
       seit jeher an einer möglichst  e f f e k t i v e n  und rentablen
       Benutzung von  Land und  Leuten für kapitalistische Reichtumspro-
       duktion mehr  gelegen ist  als daran,  daß sie  die    a l l e i-
       n i g e n  Verantwortlichen und die Benutzung des Volkes das Werk
       ihrer   e i g e n e n   Bürger bleiben. Zweitens macht es für das
       Volk, wenn  es sich  denn schon  für den  Erfolg kapitalistischer
       Geschäfte, also eines für den "kleinen Mann" weder gedachten noch
       gemachten  Reichtums   benützen  läßt,  keinen  so  prinzipiellen
       materiellen Unterschied,  ob er  den Erfolg oder die Krise dieses
       Geschäfts auszubaden  hat. Ein  prinzipieller Unterschied ist das
       einzig und allein für seine souveränen nationalen Führer; und die
       haben (siehe  erstens) über  allem Gejammer, daß die Vorteile des
       Dollar so  schreckliche Nachteile  für ihre wirtschaftspolitische
       Souveränität mitbrächten,  nie die  Wahrheit ihrer  USA-Hörigkeit
       vergessen: daß  alle Nachteile  des Dollars   i h n e n   den un-
       schätzbaren Vorteil gebracht haben, ein Land mit funktionierender
       Ausbeutung und  entsprechend großer und wohlfundierter Macht, die
       auch international  zählt, zu  regieren. Ein Land, das sich unter
       den Geboten  des  IWF  und  des  GATT,  der  anderen  Charta  des
       Freihandels für alle, die ihn zu nutzen wissen, glänzend bewährt.
       Daß die  europäischen  Mächte  "bloß"  die    M i t macher    des
       weltwirtschaftlichen Standpunkts  der USA  sind, nimmt  nicht das
       Geringste davon weg, daß sie die  Mit m a c h e r  sind, die ihre
       restaurierten ökonomischen und politischen Potenzen längst ihrer-
       seits per Kapitalexport und Währungskredit aneinander und am Rest
       der Welt praktizieren.
       6. Vom Standpunkt der Weltwirtschaft, so wie die USA ihn per Dol-
       lar, IWF,  GATT und  einem halben Dutzend erstklassiger "Freunde"
       etabliert haben, ergeben sich nämlich für alle Nationen, die über
       genügend überschüssiges  Kapital verfügen,  ganz neue Möglichkei-
       ten: erstens einander zu benutzen - "Europa" ist das Exerzierfeld
       dieser neuen  Sorte Konkurrenz und wird in Abschnitt 4 dieses Ka-
       pitels gebührend gewürdigt; zweitens auch solche Länder zu benut-
       zen, die  für eine  funktionierende innere  Zirkulation und  eine
       darüber bewerkstelligte Kapitalakkumulation weder die hinreichen-
       den Voraussetzungen  mitbringen noch  dafür vorgesehen sind. Denn
       selbst wenn  ein Staat es aus eigenen Mitteln nicht mehr oder gar
       nicht erst  zu irgendwelchen  exportierbaren Früchten  bringt: so
       armselig ist  kaum ein  Land, daß  ein hinreichend großes Kapital
       mit seiner Bevölkerung und seiner Naturausstattung und sei es nur
       die touristisch  verwertbare Oberfläche von Landschaft und Elend!
       - nicht doch etwas anfangen könnte.
       So braucht auch in Gegenden, wo Industriearbeit noch nie heimisch
       war, geschweige denn die Bevölkerung danach verlangt hat, und ein
       Absatzmarkt weit  und breit  nicht zu entdecken ist, die Gründung
       einer modernen  Firma nicht  zu scheitern.  Schließlich hat jenes
       ominöse Subjekt  der  Weltgeschichte  namens  "technischer  Fort-
       schritt" so  viel an  handwerklichem Können des benötigten Arbei-
       termaterials überflüssig gemacht, daß man auch Menschen ohne jede
       Ahnung und  Ausbildung an modernste Maschinerie stellen kann. Die
       barbarischen Leistungsstandards  zivilisierter  Ökonomien  lassen
       sich da  zwar schwerer  oder gar nicht durchsetzen. Wenn aber die
       zuständige Regierung  tut, was  in   i h r e r  Macht steht - für
       Zufriedenheit mit  absoluten Hungerlöhnen sorgt, großräumige Ver-
       wüstungen gestattet,  sich mit  spärlichen Abgaben bescheidet und
       den sachverständigen  Machern jede  Freiheit läßt  -, dann ist so
       mancher deutsche,  amerikanische oder französische "Multi" durch-
       aus bereit,  "Standortnachteile" zu  vergessen und  sein  ohnehin
       weltweites Beschaffungs- und Vertriebssystem für das Gelingen ei-
       nes Geschäfts  einzusetzen, das außer ihm niemand für lohnend ge-
       halten -  und auch nicht zustande gebracht hätte. Für finanzkräf-
       tige Unternehmer  bieten aber  vor allem günstige Klimate und Bo-
       denschätze in  noch so unwirtlichen Regionen einen unwiderstehli-
       chen Anreiz, gleich ein ganzes gesellschaftliches Produktionsver-
       hältnis zu  exportieren -  sachgerecht modifiziert  natürlich. Da
       wird dann  mit schwerstem  und teuerstem Gerät zugeschlagen, eine
       funktionierende Werkseisenbahn  über 1000  Kilometer durch  Busch
       oder Wüste zur nächsten Hafenstadt gelegt und allerlei Nützliches
       dorthin verfrachtet,  wo es  dann unter  wirklich produktiven ge-
       sellschaftlichen Verhältnissen  für die  Schaffung von  zählbarem
       und  in  Geld  gemessenem  Reichtum  und  lohnenden  Überschüssen
       benützt wird.
       Seiner Integration  in die  vom "freien Westen" inszenierte Welt-
       wirtschaft entgeht  auf diese  Weise kein  Land. Es bleibt ja gar
       nicht mehr seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit überlassen, ob,
       mit welchem Erfolg und daher in welchem Umfang es sich dem inter-
       nationalen Geschäftswesen  erschließt. In jedem Land werden Wirt-
       schaftsaktivitäten in  Gang gebracht  - und wenn eben nicht durch
       einheimische Geschäftsleute,  sei es, weil es die nicht gibt, sei
       es, weil diese ihre Besitztümer schleunigst in harter Währung auf
       sichere Schweizer  Nummernkonten bringen,  dann um  so  radikaler
       durch auswärtige  "Entwicklungs"-Angebote! -,  die dem  Kriterium
       des lohnenden  Geschäfts folgen und den Erfolg zur Existenzbedin-
       gung der  Eingeborenen machen,  auf die  das Kapital  dummerweise
       noch in  den abgelegensten  Gegenden trifft. Deren Anstrengungen,
       ihre Subsistenz  zu erhalten,  scheitern ab  sofort nicht mehr an
       der "Feindlichkeit" ihrer "Umwelt", sondern an der Großzügigkeit,
       mit der  diese auf  einmal benutzt  wird: die paar lohnend zu be-
       treibenden Fabriken,  Minen und Farmen, die ihnen den überlebens-
       notwendigen Raum nehmen, haben regelmäßig nur für einen Bruchteil
       der verdrängten  Leute eine  Verwendung -  und die sieht entspre-
       chend brutal  aus. Wo also eine heimische Bevölkerung sich allen-
       falls noch, vielleicht trotz aller Maßnahmen ihrer Regierung, Ex-
       portierbares herbeizuschaffen,  hat erhalten können, da vollenden
       großzügige Kapitalanlagen die  Z e r s t ö r u n g  d e r  v o r-
       f i n d l i c h e n   P r o d u k t i o n s w e i s e,   die  der
       Außenhandel bereits eingeleitet hatte.
       Die zuständigen  politischen Herrschaften  hat die internationale
       Geschäftswelt dabei  allemal auf ihrer Seite. Die eigene sowieso,
       es sei  denn, die  hielte gerade aus übergeordneten strategischen
       Erwägungen eine  Erpressung in Form eines Boykotts für angezeigt;
       da darf  der frustrierte Anleger sich damit trösten, daß die Kon-
       ditionen seines  Geschäfts auf diese Weise "langfristig" nur noch
       besser werden.  Die der  benutzten Länder  auch; denn in der Welt
       von heute ist Zahlungsfähigkeit nun einmal  d i e  Bedingung auch
       für eine  Regierung, eine  wie auch  immer geartete  Souveränität
       aufrechtzuerhalten; zahlungsfähig  wird sie aber allein durch die
       m i t   ihrem Land  und ihren  Untertanen inszenierten Geschäfte,
       wie ruinös  auch immer  diese für  Land und Leute sein mögen. Der
       Welt h a n d e l   nimmt so  auf die  erfreulichste Weise zu, und
       die Sortierung der Länder des Globus nach Art und Umfang der loh-
       nenden Benutzung  ihrer Ökonomie,  ihrer Naturschätze  und  ihrer
       Einwohnerschaft durch  die tatsächlichen  Macher  der  "Weltwirt-
       schaft" wird  perfekt. Die  drei maßgeblichen Parteien des großen
       Deals können  zufrieden sein:  Die einen  haben ihr Geschäft, die
       zweiten einen  Erfolg für  ihre "nationale  Wohlfahrt" gesichert,
       und die dritten kommen in den Genuß einer zwar nicht ganz autonom
       verfügbaren, dafür  aber materiellen Grundlage ihrer Herrschaft -
       auch der  "afrikanische Sozialismus" fällt weder vom Himmel, noch
       wächst er  im Busch.  Das logisch  dazugehörige schlechte christ-
       liche Gewissen  bezüglich der   O p f e r  einer funktionierenden
       Weltwirtschaft bleibt  der anderen  unmaßgeblichen Fraktion:  den
       demokratischen  Untertanen   der  aktiven   und  verantwortlichen
       Staatenlenker, überlassen:  philanthropische  oder  -  inzwischen
       bloß noch!  - ökologische  Bedenken und  die Mark für Caritas und
       Serengeti sind  i h r  Anteil an der weltweiten Verantwortung ih-
       rer Regierenden und Verlaufsformen ihrer demokratischen Illusion,
       am Ende  würde das  Ganze doch  irgendwie  z u  i h r e n  G u n-
       s t e n  veranstaltet.
       Zweck und  Ergebnis sind  in Wahrheit  etwas  anders  beschaffen:
       A l s   "K a p i t a l m a r k t"    v o l l e n d e t    s i c h
       d i e  S t a a t e n w e l t  m i t  i h r e n  1 5 0  S o u v e-
       r ä n e n   z u   e i n e m   w e l t w e i t e n  ö k o n o m i-
       s c h e n  I m p e r i u m.
       
       4. Das "europäische Einigungswerk"
       ----------------------------------
       
       Die kapitalistischen Demokratien Europas haben es seit jeher ver-
       standen, aus  ihrer Einordnung in die von den USA nach dem großen
       Krieg restaurierte  Weltwirtschaft für  sich das  Beste zu machen
       und mit den ihnen gesetzten Konditionen glänzend zurechtzukommen.
       Daß das  Mitmachen unter  Bedingungen, die  sie selber keineswegs
       frei und gleichherechtigt ausgehandelt haben, ihre  e i n z i g e
       Chance war  und ist,  nimmt nicht das Geringste davon weg daß sie
       darin sehr  souverän   i h r e  C h a n c e  zur aktiven Teilhabe
       am weltweiten Imperium des freien Kapitalverkehrs gesehen und mit
       dem bedingungslosen  Willen zum  Erfolg bedingungslos und erfolg-
       reich   e r g r i f f e n  haben. Lächerlich sind daher alle Töne
       des nationalen  Selbstmitleids, die  unter freien  Westlern immer
       wieder laut  werden und immer wieder zu imperialistischen Phanta-
       sien eines  alternativen Patriotismus  Anlaß geben, sobald Regie-
       rung und  Wirtschaft eines  Partnerstaates anders  wollen müssen,
       als sie sonst vielleicht eigentlich gewollt hätten.
       Lächerlich vor  allem im  Falle der  BRD. Denn dieser Staat - von
       seinen Bewohnern ist hier nicht die Rede! - war von Anfang an der
       Hauptnutznießer einer  amerikanischen Politik, die Sieger und Be-
       siegte des  Zweiten Weltkriegs  gleichermaßen zu  NATO- und  Han-
       delspartnern gemacht  hat. Frankreich  und  Großbritannien  sogar
       Holland und  Belgien hatten  ihren Kolonialbesitz,  auf den  ihre
       Großmacht sich  gegründet hatte,  erst noch  zu liquidieren:  für
       derartige Zonen  exklusiven Zugriffs einer bestimmten politischen
       Herrschaft und  ihrer nationalen Nutznießer war im Rahmen von IWF
       und GATT  kein Platz  mehr. Die  Wahrheit  der  neuen  "Weltwirt-
       schaftsordnung" hatten die alten Kolonialmächte gegen sich, nicht
       bloß  blutige   Aufstände  in   ihren  liebsten,   weil   fortge-
       schrittensten "Überseeprovinzen"  und "Dominions",  mit denen sie
       im Falle nachdrücklicher amerikanischer Hilfe allemal noch fertig
       geworden wären  - immerhin war ihnen so viel amerikanisches Wohl-
       wollen sicher, daß der Fortschritt vom Kolonialismus zum modernen
       Wirtschaftsimperium der  "freien Welt"  sich ausgiebig gestaltete
       und die eine Seite einigen Reichtum und etliche Soldaten, die an-
       dere Seite  die Überlebensmittel der Armut und einige Volksmassen
       kostete.
       Umgekehrt erwies die "Stunde Null" des besiegten Deutschland sich
       für die  demokratisch  erneuerte  Bundesnation  als  erstklassige
       Startchance: die  alten Staatsschulden  waren mit der Währungsre-
       form so gut wie gestrichen; sogar Kriegszerstörungen und Demonta-
       gen kamen dem kapitalistischen Neuanfang insofern zugute, als das
       anlagewillige Kapital,  sei es amerikanischen oder nationalen Ur-
       sprungs, auch  dank rasch  wachsender Kredite  gleich mit den mo-
       dernsten Methoden der Arbeitskräftenutzung zu Werke ging; die An-
       sprüche des Proletariats hatten Krieg und Niederlage aufs Überle-
       ben reduziert, somit den Wert ihrer Arbeitskraft drastisch herab-
       gedrückt; der Wegfall der militärischen faux frais demokratischer
       Herrschaft lohnte  sich noch dazu politisch als Beweis der natio-
       nalen Bescheidenheit- und innenpolitisch für den der totalen Nie-
       derlage angemessenen  neuen Nationalismus der Bescheidenheit; und
       unter diesen  Auspizien ließ das durch amerikanisches und einhei-
       misches Kapital  wieder engagierte  Volk sich  ausgiebig benutzen
       und die Akkumulationserfolge, für die es sich hergab, vertrauens-
       voll zum kaum verdienten "Wirtschaftswunder" verklären. Dem west-
       deutschen Kapital  war dank  seiner "Abhängigkeit" von amerikani-
       schem Kredit  von vornherein  das Mitmischen  im Welthandel, eben
       ganz jenseits  der heimischen Armut, als Weg zu schleunigster Ak-
       kumulation eröffnet  und als effektivste Methode "vorgeschrieben"
       der Erfolg,  mit dem es sich auf diesen süßen "Zwang" eingelassen
       hat, ist  in der  Rede vom "ökonomischen Riesen" - der inzwischen
       schon längst  kein "politischer Zwerg" mehr bleiben "darf"! - ge-
       radezu sprichwörtlich  geworden. Dabei  hatten ebenfalls  die USA
       bereits mit den Institutionen zur Abwicklung ihres ERP, der Euro-
       päischen Zahlungsunion  und der OEEC, ihre europäischen Verbünde-
       ten auf  den besonderen  regionalen Internationalismus verwiesen,
       über den  speziell die  neue westdeutsche  Republik sich  zu  nie
       geahnter neuer  Weltmacht und  zum selbstverständlichen  Mitglied
       des Weltwirtschaftsgipfels hochgearbeitet hat: auf  E u r o p a.
       1. Mit dem  ökonomischen und  militärischen Patronat der USA über
       die souveränen  Staaten Westeuropas  war und ist diesen zumindest
       für ihren  Umgang miteinander  die Freiheit genommen, ihre Gewalt
       nach Gutdünken  für die  Durchsetzung ihrer Interessen an anderen
       Souveränen und  deren Ländern  geltend zu machen. Ihre bewaffnete
       Macht gegeneinander einzusetzen, das kommt für NATO-Partner nicht
       in Frage  - oder doch nur sehr eingeschränkt: auf die Vertreibung
       feindlicher Fischerboote  in eigenen Fischereigewässern etwa oder
       auf eine sachgerechte Grenzziehung in der Ägäis und auf dem letz-
       ten Überbleibsel  des britischen  Kolonialismus im östlichen Mit-
       telmeer, auf  Cypern. Die "glaubwürdige"  D r o h u n g  mit Waf-
       fengewalt und  ähnlichen "Repressalien" ist als Mittel der Außen-
       politik zwischen  den Schützlingen Amerikas jedenfalls nicht mehr
       üblich bzw.  nurmehr indirekt unter den Auspizien der Bündnisdis-
       ziplin: als Drohung mit dem Entzug von militärischer Kooperation,
       welche bedingungslos  zu wünschen  jeder NATO-Partner  sich  doch
       festgelegt hat.  In gleicher  Weise stößt  der Gebrauch der wirt-
       schaftspolitischen Souveränität  der europäischen  Staaten in der
       unerläßlichen Bedingung  für die  Benutzung fremder Ökonomien: im
       internationalen Zirkulationsmittel  Dollar,  auf  eine  Schranke,
       nämlich auf  den sehr  praktischen amerikanischen  Imperativ, der
       Konkurrenz der  Ökonomien keine  hoheitlichen Hindernisse  in den
       Weg zu  legen. Die Institution der "Handelskriege" ist damit zwar
       keineswegs abgeschafft;  unter den  Bedingungen von  IWF und GATT
       fehlt solchen  Aktionen von europäischem Boden aus allerdings die
       letzte Härte: die Drohung mit dem Abbruch der ökonomischen Bezie-
       hungen zu  einem gleichfalls dem "freien Westen" zugehörigen Kon-
       kurrenten entbehrt  der Glaubwürdigkeit.  Damit beschert  die pax
       americana den befriedeten Nationen Westeuropas allerdings keines-
       wegs das  Ende des  nationalen Egoismus,  sondern dessen paradoxe
       Neueröffnung.  Die   Beschränkung  der    F r e i h e i t,    mit
       a l l e n  Mitteln der Souveränität um die Vorteile wechselseiti-
       ger Benutzung  zu konkurrieren,  ist der Zwang, um diese Vorteile
       mit allen zugelassenen Mitteln zu  k o n k u r r i e r e n.  Mehr
       denn je sieht sich der Materialismus der westeuropäischen Souver-
       äne seither auf das fortschrittlich-imperialistische Ziel festge-
       legt, aus  der Ökonomie  der verbündeten  Auslande größtmöglichen
       nationalen Nutzen  zu ziehen,  und für  dieses Ziel auf die Waffe
       der Produktivität  des Kapitals  als das  einzig unbeschränkt ge-
       stattete Mittel  verwiesen. In  beiden Hinsichten  war und ist es
       die amerikanische  Konkurrenz, die  die Maßstäbe  setzte und noch
       immer vorgibt:  in Sachen  Produktivität ebenso  wie in der Frei-
       heit, auswärtige  Staatsgrenzen als  mehr oder minder zuträgliche
       Bedingungen für  die erfolgreiche  Verwandlung ihrer  überlegenen
       Produktivität in  eine überlegene Profitrate zu kalkulieren. Die-
       ser praktische  Zwang, sich mit dem weltweit rechnenden und agie-
       renden US-Kapital  zu vergleichen,  nötigte den  europäischen Ge-
       schäftsleuten von  Anfang an  die "Einsicht"  auf, daß  nationale
       Wirtschaftsgrenzen kaum mehr einen Schutz vor unliebsamer Konkur-
       renz bedeuten,  dafür aber  ein um  so größeres Hindernis für den
       eigenen Geschäftserfolg.  Dieser "Einsicht" mochten denn auch die
       politischen Macher  der nationalen  Ökonomien des  "alten  Konti-
       nents" sich nicht verschließen, weil ihnen auch ohne Kenntnis des
       Wertgesetzes klar  wurde, daß  der alte Protektionismus gegen die
       innereuropäische Konkurrenz nur die Überlegenheit der USA verewi-
       gen und  vergrößern mußte:  für den  Krisenfall stand  so ja  von
       vornherein fest, auf welches Kapital die Last der Entwertung fiel
       und welches  das zum  Ausgangspunkt für neue Akkumulationserfolge
       würde nehmen  können. So  setzten sie  das "Jahrhundertwerk"  der
       "e u r o p ä i s c h e n  E i n i g u n g"  in Gang.
       2. Daß die  an der  EG beteiligten  Staaten aus ihrer inneren und
       äußeren Wirtschaftspolitik den Nationalismus verabschiedet hätten
       und dazu übergegangen wären, Außenhandel und Kapitalverkehr, Kre-
       ditwesen und Klassenkampf, Investitionsförderung und Steuerlasten
       nur noch  gemeinschaftlich zu  regeln, ist in den Jahrzehnten der
       europäischen Einigung  nicht eingetreten - und lag auch gar nicht
       in der Absicht der Gemeinschaftsstaaten: die zuständigen hauptbe-
       ruflichen Patrioten  haben  zwischen  ihrem    Einigungs i d e a-
       l i s m u s   und ihrem   Konkurrenz z w e c k    praktisch  noch
       allemal unterscheiden  können. Schließlich  war Einigung  für sie
       nie ein  Selbstzweck, sondern   d a s   Mittel  zur Sicherung und
       Förderung des Materialismus ihrer jeweiligen  N a t i o n;  klar,
       daß das  Gemeinschaftsleben sich entsprechend strittig gestaltet.
       Enttäuschte Europa-Fans,  die  das  Gemeinschaftsunternehmen  für
       farcenhaft  und   gescheitert  erklären,   treffen  die  Sachlage
       allerdings erst recht nicht. Sicher, Importbeschränkungen und Ex-
       porthilfen sind  auch auf  dem Gemeinsamen Markt nicht ausgestor-
       ben. Zölle sind zwar abgeschafft, sogar schneller als vorgesehen,
       aber nicht  die Zöllner;  denn weil  jeder Souverän seine eigenen
       Vorstellungen darüber hat und praktiziert, wie er sich für seinen
       Finanzbedarf bei seinen Untertanen bedient, müssen an den Grenzen
       gerechtigkeitshalber die unterschiedlichen Steuerlasten ausgegli-
       chen werden.  Die Freizügigkeit  der Waren scheitert immer wieder
       mal an  irgendeiner Generalklausel,  dann wieder an kleinlichsten
       Normvorschriften, die  just die Exportschlager des Nachbarn norm-
       widrig ausfallen  lassen; ebenso  die der  Arbeitnehmer teils  am
       Vorbehalt eines  Arbeitsplatznachweises, teils an den Reservaten,
       die ein  Kulturstaat per Ausbildungsvorschriften u.ä. seinen Kul-
       turträgern einrichtet.  Nicht einmal  Kapitalimport  und  -export
       sind von  national unterschiedlichen  Reglementierungen frei, und
       über den  Außenwert ihrer  Währung will jede Regierung das letzte
       Wort haben.  Gerade die  von EG-Idealisten  beklagte rasante Ver-
       vielfältigung  derartiger  "nationaler  Sonderregelungen",  deren
       Einführung, Kritik, Revision, Neuaushandlung usw. Heerscharen von
       Staatsbediensteten ins Brot setzt, ist aber der schlagende Beweis
       dafür, wie  sehr die  grenzüberschreitende Konkurrenz für die Ge-
       meinschaftsstaaten bereits  zur   P r ä m i s s e    ihrer  Wirt-
       schaftspolitik geworden  ist. Mit  ihrem Streit um nationale Son-
       derregelungen reagieren  sie auf die Freiheiten, die ihr jeweili-
       ges nationales  Kapital und das der anderen sich längst nimmt und
       im Prinzip  ja auch  nehmen darf und soll - speziell in so gehei-
       ligten nationalen  Intimbereichen wie  dem der  Geschäftemacherei
       mit Schulden.  Der Eurodollarmarkt trägt seinen Vornamen schließ-
       lich deswegen zu Recht, weil die EG-Staaten sich nicht etwa prin-
       zipiell die  Benutzung all der schönen Dollarmilliarden versagen,
       die dank  jahrzehntelanger amerikanischer  Zahlungsbilanzdefizite
       den Rest der Welt beglücken und auf "freien" Finanzmärkten außer-
       halb der Zuständigkeit der Nationalbanken Europas ihr Wesen trei-
       ben:  mit   allen  möglichen   Restriktionen     e r l a u b e n,
       r e g e l n   und   f ö r d e r n  sie sogar deren Verwandlung in
       n a t i o n a l e s  Kapital. Überhaupt ist die Zahl der nationa-
       listischen "Verstöße gegen Gemeinschaftsregelungen" bloß deswegen
       so uferlos, weil der "westeuropäische Wirtschaftsraum" als Kalku-
       lationsgrundlage die  Ökonomie der  beteiligten Staaten immer um-
       fassender und intensiver betrifft.
       Tatsächlich ist  an den  ökonomischen Sitten  und Gebräuchen  der
       westeuropäischen Partner  denn auch  deutlich abzulesen,  wie der
       Supranationalismus der  von den  USA arrangierten, von amerikani-
       schen wie  europäischen Geschäftsleuten  exekutierten  Konkurrenz
       der Nationen deren Ökonomie umkrempelt. Hinsichtlich der Effekti-
       vität der  Produktion wie  der Modernität und Ausdehnung des Ver-
       triebswesens eines Kapitals, in Sachen Krisenfestigkeit und daher
       auch Konzentrations-  und Zentralisierungsgrad des nationalen Ka-
       pitals sind  in allen  EG-Staaten ganz ohne Kommissionsrichtlinie
       neue  Standards  durchgesetzt,  denen  national  unterschiedliche
       Fraktionen des gesellschaftlichen "Mittelstandes" ziemlich unter-
       schiedslos zum  Opfer gefallen  sind. Ganz  zu schweigen  von den
       Einwohnern des  vielgepriesenen "Europa  der  Arbeitnehmer",  die
       sich -  ebenfalls unterschiedslos und deswegen national sehr dif-
       ferenziert - inzwischen Jahr für Jahr an umgekrempelte, neue oder
       gar keine  Arbeitsplätze gewöhnen  dürfen, weil über einen halben
       Kontinent hinweg das eine Kapital allen anderen den jeweils fort-
       geschrittensten Stand  in Sachen  Ausbeutung zur Überlebensbedin-
       gung macht. In demselben Zug entstehen unter dem Druck weiträumi-
       ger Konkurrenz und der Obhut der Regierungen neue nationale Wirt-
       schaftszentren  -   und  logischerweise  auf  der  anderen  Seite
       "strukturschwache" Regionen  oder gar "Notstandsgebiete", die bei
       einer weniger  weltmaßstäblichen Akkumulation,  Konzentration und
       Zentralisation der europäischen Geschäftemacherei kaum in die für
       sie ruinöse  kontinentale Konkurrenz einbezogen worden wären. Die
       "Gemeinschaft" hat  in ihrer  praktischen  Weisheit  diesen  Fall
       längst vorgesehen  und unterhält für Kompensationsmaßnahmen einen
       "Regionalfonds", dessen  Verteilung  allerdings  keineswegs  eine
       Frage der  Bedürftigkeit ist:  Zwischen den Empfängerländern geht
       es ziemlich  proporzmäßig zu, und diese handhaben die empfangenen
       Mittel in  der Regel   ö k o n o m i s c h    -  also  nicht  zur
       fruchtlosen Linderung von Mangel, sondern zur lohnenden Förderung
       des Reichtums, wo er bereits in überzeugender Weise zustandekommt
       (was im Mezzogiorno nun ein für allemal nicht der Fall ist). Das-
       selbe gilt  für die diversen Wirtschaftsbranchen: da stehen Indu-
       striezweige, die  einmal der Stolz der Nation gewesen sein mögen,
       vor der  Alternative, sich  gesund- oder totzuschrumpfen. Daneben
       bauen die  Partnerstaaten, durch die Wucht amerikanischer Überle-
       genheit zu  ebenso wuchtiger  internationaler Solidarität gezwun-
       gen, mit  vielen Subventionen  und entsprechend  proportionierten
       nationalen Anteilen  eine kontinentale  Luft- und  Raumfahrtindu-
       strie auf - oder kündigen auch wieder die Gemeinsamkeit, wenn und
       soweit sie  beispielsweise auf dem Sektor der Atomkraftnutzung in
       der Konkurrenz der nationalen Unternehmungen gegeneinander besser
       zu fahren  hoffen. Ein  Feld besonderer Einigungen und daher auch
       Streitigkeiten ist  dabei die   S t a h l b r a n c h e,   die  -
       wenn auch aus ganz anderen Gründen: Frankreich wollte sich so die
       Kontrolle über  die deutsche  Schwerindustrie sichern  - zusammen
       mit der  Kohleförderung Gegenstand des ersten großen europäischen
       Gemeinschaftswerks, der  Montan-Union, wurde.  Bei  aller  "guten
       Nachbarschaft" und  Bereitschaft zum Konkurrieren will auf diesen
       Industriezweig kein  Souverän verzichten:  nicht ohne  Grund gilt
       der Stahl  als politischer Rohstoff erster Güte, sofern an seiner
       Produktion praktisch  die gesamte  Wirtschaft einer  modernen Ge-
       sellschaft hängt,  einschließlich der  "Versorgung" der Staatsge-
       walt mit  ihren wichtigsten  Instrumenten und  an seinem Preis zu
       einem Gutteil  die Konkurrenzfähigkeit  des nationalen  Kapitals.
       Lohnend soll  die Stahlproduktion  nach  Möglichkeit  schließlich
       auch noch  sein; und  diese drei Zielsetzungen sind nicht so ein-
       fach zu  vereinbaren. Vom Standpunkt der jedem Konjunkturboom ge-
       wachsenen nationalen  Stahlversorgung ist der Unterhalt von nicht
       ausgenutzten Kapazitäten  erforderlich, der  sich nur  zu Preisen
       lohnen kann,  die wiederum  das weltweite  Geschäft aller anderen
       Kapitale beeinträchtigen.  Also subventioniert  jeder  Staat  die
       Überkapazitäten seiner nationalen Stahlproduzenten - und wird da-
       mit zum  bedingungslosen Parteigänger  deren Konkurrenzkampfes um
       Marktanteile im  Ausland: besserer  Auslastungsgrad senkt  ja die
       Subventionsbedürfnisse. Hier wird also einmal die Schlacht um Ab-
       satzmärkte unmittelbar  zum staatlichen  Anliegen und dementspre-
       chend abgewickelt:  als politischer  Streit um  die Zuteilung von
       Produktions q u o t e n,   mit denen  dann wiederum  kein Kapital
       zufrieden ist.  Streit und  nationale Unzufriedenheit  sind  hier
       d i e  Alternative zur Nationalisierung des Stahlmarkts, also die
       notwendige Verlaufsform des  "S u p r a nationalismus"  eines ge-
       meinsamen Stahlmarkts,  mit dem  jeder Staat  seinen Partnern die
       Unkosten dieser  Branche aufzuhängen versucht. Dabei wird die Ka-
       pitalproduktivität  als  Konkurrenzmittel  keineswegs  hinfällig,
       sondern ebenfalls  zum direkten Staatsanliegen; denn nach ihr be-
       mißt sich  ja ebenfalls  der Bedarf an Staatszuschüssen, und zwar
       nicht bloß  im eigenen Land. Die französische, belgische und bri-
       tische Stahlindustrie wird für die zuständigen Regierungen in dem
       Maße zu  einer dauerhaften  und zunehmend drückenden Last, in dem
       die italienische  und bundesdeutsche  Konkurrenz erfolgreich  und
       geschäftstüchtig genug  ist, um die ihr zufließenden Subventionen
       zur Senkung  ihrer Produktionspreise,  also lohnend zu nutzen: um
       so höher  steigt der Zuschußbedarf der anderen, ohne daß doch zur
       Produktivitätserhöhung etwas übrigbliebe. So verfügen gerade ver-
       mittels des  gemeinsamen Stahlmarkts die einen Nationen über Hüt-
       tenwerke modernsten  Kalibers, die  mit Niedrigpreisen Gewinn ma-
       chen und überall Marktanteile erobern, während die anderen natio-
       nalen Reichtum  vergeuden, um  sich eine zunehmend unrentable na-
       tionale Stahlherstellung überhaupt zu erhalten.
       Ähnliche Neuerungen  macht im  Rahmen und dank der EG die Lohnar-
       beit in den verschiedenen Partnerstaaten durch. Für die deutschen
       Arbeiter hatte die totale Niederlage den gültigen Maßstab für den
       Preis der Arbeit gesetzt, nämlich das knappe Existenzminimum; von
       dem aus  war jeder  Erpressung in  Sachen Mehrleistung ein Erfolg
       beschieden,   und    noch   die    kleinste   Verbesserung    des
       "Lebensstandards" schrieben Gewerkschaft, Kapital und Staat, ins-
       gesamt also "das marktwirtschaftliche System", sich auf ihr Wirt-
       schaftswunderkonto. Diese  in Lohn und Leistung gleich doppelt zu
       Buche schlagende  Nachkriegserrungenschaft mußten  und müssen an-
       dere EG-Partner,  die ihrem  Proletariat  nach  gewonnenem  Krieg
       nicht gleich  jede historische  Errungenschaft aus seiner Entloh-
       nung gestrichen  hatten und  mit anderen Gewerkschaftsforderungen
       als der  nach verantwortungsbeladenen  Gremiensitzen in Unterneh-
       mensvorständen konfrontiert  waren, erst  nachholen. Der Wert der
       Ware Arbeitskraft  - oder  volkswirtschaftlich  ausgedrückt:  die
       Frage der  "für unsere  Wirtschaft zu verkraftenden Lohnkosten" -
       zählt in  den europäischen  Demokratien zu  den Dauerbrennern der
       öffentlichen Diskussion.  Und als  Größe, an deren Reduktion sich
       noch jede  wirtschaftspolitische Großtat  bewährt, ist  der Preis
       der Arbeit, die Lohntüte eben, der Selbstbedienungsladen der kon-
       kurrierenden Partnerländer.
       Bis in  den letzten  Winkel -  des Landes,  der Branche,  der Ar-
       beitsplätze, der  Lebenshaltung -  hinein macht  die  europäische
       Konkurrenz unter EG-Bedingungen für das Kapital und gegen die Ar-
       beit denselben  banalen Maßstab  maximaler  Effektivität  geltend
       (der methodisch geschulte Leser hat hier wieder ein Stichwort, um
       die Plattheit  und Brutalität  kapitalistischer  Erfolgskriterien
       für eine  Eindimensionalität unserer  "Betrachtungsweise" zu hal-
       ten) -  und führt  mit solcher  G l e i c h m a c h e r e i  kei-
       neswegs zur   G l e i c h h e i t  der nationalen Lebens- und Ar-
       beitsbedingungen. Am  deutlichsten wird  das in der Sphäre sicht-
       bar, in  der die  Gemeinschaftsstaaten die  ruinösen Konsequenzen
       einer internationalisierten  Konkurrenz zum  Gegenstand ihrer be-
       sonderen Aufmerksamkeit  machen: in der Landwirtschaft. Bei ihrer
       Betrachtung kann  man sich im übrigen auch die letzten Illusionen
       der Art abgewöhnen, der europäische "Gemeinsame Markt" hätte auch
       nur entfernt  etwas mit  einem großen Wochenmarkt zu tun, auf dem
       die besten  Sachen am  einfachsten an "den Verbraucher" gelangen.
       Das berüchtigte  System der europaweit gültigen Mindestpreise für
       die meisten  landwirtschaftlichen Produkte  macht den "Warenkorb"
       eines Haushalts  nicht billiger,  eröffnet dafür aber im Agrarbe-
       reich auf  ganz neuer  Stufenleiter die Chance, mit spezialisier-
       ten, durchrationalisierten  Großbetrieben lohnende  Geschäfte  zu
       machen. Umgekehrt  erfährt eben dadurch die Masse der Bauern ganz
       praktisch, daß  ihre angestammte Produktionsweise sich auf einmal
       nicht mehr  lohnt selbst dann kaum, wenn sie sich verschulden, um
       zu modernisieren,  und die  Arbeitskräfte ihrer Familien intensiv
       ausbeuten. Die  Wucht dieser  Klarstellung trifft diesen Teil der
       Gesellschaft zwar  nur in  abgemilderter Form, da etliche Gemein-
       schaftsstaaten sich  die sanfte  Liquidierung ihres bislang abge-
       trennt vom kapitalistischen Getriebe werkelnden Nährstandes etwas
       kosten lassen  und ihre Preisgarantien soweit hinaufmanipulieren,
       daß mancher  unternehmungslustige Kleinbauer  sich noch eine Exi-
       stenzchance erhofft. Um so gründlicher geht eine - sehr nationen-
       spezifische -  Sortierung dieses antiquierten Standes vonstatten:
       in eine kleine Minderheit radikaler Agrarunternehmer, die mit den
       staatlichen  Subventionen  als  erstklassiger  Geschäftsgrundlage
       kalkulieren und  mit ihrem  entsprechenden  Erfolg  einen  Agrar-
       "Berg" nach  dem anderen  aufwerfen helfen  - ein  blühender  Ge-
       schäftszweig in  Ländern mit schon länger kapitalisierter, expor-
       torientierter Landwirtschaft  wie Dänemark,  Holland,  aber  auch
       Frankreich, in  eine abnehmende Anzahl kleiner Selbständiger, die
       mit ihren  Versuchen, in  einen endlich einmal wirklich lohnenden
       Boom einzusteigen, immer um die entscheidende Saison zu spät kom-
       men -  und deren  Ärger sich in Anwandlungen eines bodenständigen
       Anarchismus gegen  die Produkte  der Konkurrenz  entlädt: da  ist
       schon viel  gepanschter Rotwein ins Mittelmeer abgelassen worden;
       und in die Mehrzahl geschäftsunfähiger Ex-Landwirte, die, je nach
       dem, ihren  Abgang ins industrielle Proletariat oder in die indu-
       strielle Reservearmee absolvieren oder aber mit ihren Anstrengun-
       gen, sich  doch noch  aus ihrer angestammten Heimaterde zu ernäh-
       ren, das  Lokalkolorit der  notorischen "Armenhäuser  Europas" so
       interessant gestalten.  Die Reihen  der  letztgenannten  Fraktion
       werden mit  jeder Süderweiterung  der EG bedeutenden Zuzug erhal-
       ten. Bei  der Effektivierung  des Landvolks  in den rückständigen
       Mitgliedsstaaten, deren  "Bruttosozialprodukt" zu einem entschei-
       denden Teil  durch die  wenig rentablen  Strapazen ihrer  kleinen
       Landwirte zustandekommt,  wird die "Gemeinschaft" nicht noch neue
       Milliarden in  eine Überproduktion  stecken, die  dortzulande und
       bei der  bekannten "mediterranen  Mentalität" -  die ist  nämlich
       schuld, wenn  Kleinbauern ohne  Job-Aussichten lieber ihrer mage-
       ren, vertrockneten  Scholle treu bleiben! - noch nicht einmal die
       angestrebte kapitalistische "Umstrukturierung" dieses Sektors ga-
       rantiert;  das   zumindest  ist   durch  das   Brüsseler   Agrar-
       "Sparprogramm" klargestellt.
       Insgesamt bleibt  so unter  den Konditionen  des westeuropäischen
       "gemeinsamen Marktes"  keine nationale Besonderheit mehr, was sie
       war. "Naturwüchsige"  Eigentümlichkeiten eines  Menschenschlages,
       Überreste  naturabhängiger   Produktionsweisen,   die   berühmten
       "geschichtlich gewachsenen  Strukturen", in  denen frühere  Herr-
       schaft sich  ihre gewalttätigen  Denkmäler geschaffen  hat, sogar
       die Klassenkampf-Erfahrenheit"  einer nationalen  Arbeiterklasse:
       all das  erfährt eine praktische "Würdigung" als mehr oder minder
       taugliche Bedingung  für immer dasselbe, den nationalen Erfolg in
       einer ökonomischen  Konkurrenz von radikaler Rücksichtslosigkeit,
       und wird  so entweder  als überholte  Marotte eliminiert  oder in
       seine eigene Karikatur verwandelt. In manchen europäischen Regio-
       nen befinden  proletarische Aktivisten den Kampf um mehr Lohn für
       uninteressant und  bejammern lieber  die "germanizzazione"  ihres
       Vaterlandes, so  als hätten  die  westdeutschen  Touristen  ihnen
       höchstpersönlich die  neuen Standards  für das  nötige Verhältnis
       von Lohn und Leistung mitgebracht. Bürgermeister zwischen Nordkap
       und Sizilien  entdecken nicht mehr unter den Auspizien faschisti-
       scher Ideologie, sondern unter denen der Tourismusförderung, also
       der geschäftlichen  Nutzung einer Landschaft, die außer ihrem Er-
       scheinungsbild nichts  für die  Konkurrenz zu  bieten  hat,  jede
       halbvergessene oder  ausgestorbene Borniertheit  neu und  bringen
       erwachsene Menschen  dazu, sich  rein methodisch für jeden Firle-
       fanz zu begeistern, der die Idiotie der Heimatliebe für sich gel-
       tend machen  kann. Eine Arbeiterschaft der durch die Fortschritte
       des nationalen Kapitals in seinem Bemühen, sich von der Geschick-
       lichkeit seines  Menschenmaterials zu emanzipieren, jeder Berufs-
       stolz bestritten  wird, hält  sich um  so fanatischer an die rein
       ideologische Verachtung ihrer fremdländischen Kollegen, die schon
       seit längerem ohne Qualitätsverlust gute deutsche Wertarbeit ver-
       richten. Kurzum:  Indem das  große europäische  Einigungswerk die
       Patrioten aller  Länder zwangsweise  zu praktischen  Kosmopoliten
       macht, was  für  jede  Völkerschaft  spezielle  Härten  mit  sich
       bringt, treibt  es deren  Nationalismus zu  neuen Verrücktheiten.
       Was soll auch anderes dabei herauskommen, wenn loyalen Staatsbür-
       gern das paradoxe Ideal der "Völkerfreundschaft" nahegelegt wird?
       Da soll  der Mensch  sein Selbstbewußtsein einerseits ganz in den
       bunt ausgemalten,  deswegen aber nicht erfreulicheren Umstand le-
       gen, daß  er mit  vielen seinesgleichen  derselben Herrschaft ge-
       horcht, sich  also  a l s  V o l k  fühlen, ein Gefühl, das über-
       haupt nur  geht, indem  Ausländer genauso  unter die  höchst  ab-
       strakte, prinzipielle,  beliebig auszumalende  und auf alle Fälle
       äußerst   v e r d ä c h t i g e   Bestimmung  s u b s u m i e r t
       werden eben  ein  a n d e r e s  V o l k  zu sein; und in demsel-
       ben Atemzug soll er die Ausländer aus eben diesem Grund insgesamt
       z i e m l i c h  s y m p a t h i s c h  finden?
       3. Daß in dem bedingt supranationalen Zusammenschluß der EG-Staa-
       ten deren  nationaler Egoismus sich betätigt und gerade in seiner
       offiziellen  Relativierung   so  anspruchsvoll   wird,  ist   das
       P r i n z i p  dieses Bündnisses, das noch expliziter als in des-
       sen ökonomischen Ergebnissen in seiner  M e t h o d e:  den orga-
       nisatorischen Mechanismen und Verlaufsformen der Einigung, greif-
       bar wird.  Der ganze  Kunstgriff dieser Konstruktion liegt darin,
       den  nationalen  Willen  zur  möglichst  durchschlagenden    B e-
       n u t z u n g   der Ökonomie  der  Nachbarländer  und  der  diese
       regelnden politischen  Gewalt in  zwei Momente  zu zerlegen:  Die
       Notwendigkeit, für dieses Ziel den Partnern Zugeständnisse zu ma-
       chen, wird  als Gemeinschaftsorgan institutionell verselbständigt
       - die   K o m m i s s i o n  mit ihrem bürokratischen Apparat und
       ihrem gerichtlichen Überbau; die von diesem Organ vorgeschlagenen
       Gemeinschaftsregelungen werden von den als  M i n i s t e r r a t
       versammelten Staaten auf ihren jeweiligen nationalen Sonderstand-
       punkt hin  reflektiert, in wechselseitiger Erpressung modifiziert
       und nur  verabschiedet, wenn jedes Mitglied sich von seinem Zuge-
       ständnis einen  größeren Vorteil  verspricht. Diese  Konstruktion
       bringt den   A n s c h e i n  hervor, als ginge es immerzu um die
       Austragung von  Gegensätzen zwischen  europäischem Gemeinschafts-
       und nationalem  Sonderinteresse -  die Wahrheit dieses verkehrten
       Scheins ist,  um es nochmals zu sagen, der ganz und gar nationale
       und am  Nationalinteresse orientierte Wille der beteiligten Staa-
       ten, ihre  Konkurrenz unter den durch die pax americana gesetzten
       Bedingungen, ohne bestimmte nationale Vorbehalte der öffentlichen
       Gewalt gegen  diese Konkurrenz,  auszutragen. Der  Anschein einer
       selbständigen Existenz  des Gemeinschaftsinteresses  als  solchen
       ist dennoch  mehr als  der Spleen  von Idealisten eines autonomen
       europäischen Imperiums  und als die Berufskrankheit manches Brüs-
       seler Bürokraten,  der sich  als Beweisstück  für einen real exi-
       stierenden europäischen Supranationalismus vorkommen mag. Er lie-
       fert die  moralische   S p r a c h r e g e l u n g  für das Feil-
       schen der  amtierenden Nationalisten: Ansprüche werden allemal im
       Namen der  Gemeinschaft erhoben  und bestritten.  Und das  ist in
       mehreren Hinsichten von Gewicht.
       So ist  die Berufung  auf "Europa"  speziell  für  die  BRD  seit
       Adenauers Zeiten  d i e  Art und Weise, innen- wie außenpolitisch
       die Ansprüche  des deutschen  Nationalismus, der  sich mit dem in
       jeder Hinsicht  verlorenen Krieg bis auf weiteres disqualifiziert
       hatte, in garantiert unverdächtigem Gewand geltend zu machen. Das
       ging und  geht deswegen,  weil die  BRD tatsächlich seit jeher am
       meisten von  der EG  profitiert -  nicht bloß ökonomisch, sondern
       auch politisch,  sofern ihr  eben unter  diesem Gesichtspunkt ein
       Auftreten als  weltweit interessierte  und agierende Macht wieder
       zugestanden worden  ist; die Heuchelei der europäisch supranatio-
       nalen Moralität ihres Nationalinteresses blamiert sich so noch am
       seltensten. Andere  Staaten, die ihre Rolle innerhalb der EG noch
       immer mit  ihrer früheren  Großmacht vergleichen, haben da zumin-
       dest innenpolitisch  eher das  umgekehrte Problem:  "Europa"  als
       fortschrittliches Äquivalent  ihrer früheren  nationalen Grandeur
       darzustellen; fast  scheint es  hier manchmal,  als müßte  da die
       eine oder  andere Regierung ihrem Volk Vorteile der EG vormachen,
       wo es tatsächlich bloß darum geht, weitere Konkurrenznachteile zu
       vermeiden.  Für   alle  beteiligten   Staaten  gleichermaßen  ist
       "Europa" immerhin  der diplomatische Freibrief, sich beständig in
       die "inneren  Angelegenheiten" ihrer Nachbarn bedenkenlos und of-
       fensiv "einzumischen".  Beständig und bis in die Details überprü-
       fen die  Politiker jeder EG-Nation die Wirtschafts- und Sozialpo-
       litik ihrer Nachbarn nach Vor- und Nachteilen für die eigenen In-
       teressen sparen  nicht mit  Ratschlägen und haben sich im Europa-
       parlament und seinen Fraktionen, so absurd die Fiktion einer par-
       lamentarischen Super-Souveränität  über den  Nationen  auch  sein
       mag, immerhin  ein Instrument  geschaffen, um schon über die Pro-
       grammatik  ihrer  jeweiligen  "Schwesterparteien"  eine  "gemein-
       schaftsdienliche"  Politik   größerer  Zugeständnisse  bei  ihren
       Nachbarn zu  fördern. So  ergänzt  der  diplomatische  Europa-Mo-
       ralismus die  ökonomische Benutzung und die politische Erpressung
       um ein  demokratisches Element  zu einem System imperialistischer
       Kontrolle der  verbündeten Nationen  übereinander, und  zwar rein
       nach Maßgabe  ihres ökonomischen Gewichts; einem regionalen Impe-
       rialismus, wie  es ihn  ohne beständigen  Einsatz der bewaffneten
       Macht auf der Welt noch nicht gegeben hat.
       4. Während im  Inneren der EG Vorteil und Schädigung der Partner-
       staaten durch  einander stets sorgfältig gegeneinander aufgerech-
       net sein  wollen und immer wieder zu nächtlichen Erpressungsmanö-
       vern mit  angehaltenen Uhren  und  demonstrativ  leer  gelassenen
       Stühlen führen, steht im Verhältnis der Partner zum Rest der Welt
       der Nutzen ihres absonderlichen Bündnisses außer Frage; ganz fol-
       gerichtig, daß in diesem Bereich die Kommission denn auch die re-
       lativ weitestreichenden  Befugnisse besitzt. Zwar verzichtet kein
       Staat, sei  es unter  Bruch oder Beachtung des GATT und der Römi-
       schen Verträge,  auf Sonderbeziehungen  zu speziellen Freunden in
       aller Welt, auch in Kompetenzbereichen der Gemeinschaft; daß bei-
       spielsweise der westdeutsche Ost- großenteils als "innerdeutscher
       Handel" läuft,  ist einer  der handfestesten letzten Vorteile des
       verlorenen Krieges,  den die BRD sich bei aller Europafreudigkeit
       nicht als ihre große Sonderregel nehmen läßt! Daneben ist es aber
       durchaus immer  wieder  von  Vorteil  -  nicht  zuletzt  für  die
       "Kleinen" im  Bündnis, die sich dafür auch wieder allerlei gefal-
       len lassen  -, auswärtigen Konkurrenten oder Objekten ihres welt-
       weiten Nationalinteresses  nicht  als  einzelner  Staat,  sondern
       gleich als halber Kontinent entgegenzutreten.
       Nutznießer Nr.  1 war und ist hier zweifellos wieder die BRD, die
       sich in  diesem Rahmen  den ökonomischen Zugriff auf die Ex-Kolo-
       nien ihrer Partnerländer gesichert und auch eine politische Posi-
       tion erobert  hat, die  es ihr  erlaubt, sehr  souverän in fernen
       Weltgegenden herumzuschiedsrichtern.  In demselben  Rahmen  haben
       aber auch die alten Großmächte die Liquidierung ihrer alten Kolo-
       nialreiche letztlich  vorteilhaft für  sich ausgestalten  können.
       Die verlorenen  Zuschüsse, die  für die  Aufrechterhaltung  eines
       sachgerecht benutzbaren  Staatsapparats in den europäischen Domä-
       nen auf der Erdkugel nun einmal nötig sind, finanzieren die ande-
       ren Partner  mit. Gemeinsam mit ihnen läßt sich überdies sehr be-
       quem und  wirksam Vorsorge treffen, daß die verselbständigten Ko-
       lonien ihre  Souveränität nicht  für den Versuch mißbrauchen, die
       Konkurrenz kapitalistischer  Interessenten an  ihren paar  Natur-
       schätzen für  sich auszunutzen.  "Stabex" und  "Minex", die Kern-
       stücke der  beiden Abkommen von Lomé zwischen der EG und den AKP-
       Staaten -  die in  der westeuropäischen  Öffentlichkeit mit einer
       Unverfrorenheit ohnegleichen  als Akt  europäischer Großzügigkeit
       ausgegeben werden! -, sind da Meisterstücke demokratischer Diplo-
       matie: Sie stabilisieren den Preis landwirtschaftlicher und mine-
       ralischer Rohstoffe  aus den Vertragsstaaten Afrikas, der Karibik
       und des  pazifischen Raumes  - ohne  ihn zu  erhöhen! - aus einem
       sehr sparsam durch die EG dotierten Fonds, den die Empfängerstaa-
       ten im  Falle von  überdurchschnittlichen Erlösen wieder mit auf-
       füllen dürfen.  Auch das  geschieht nur  unter der Bedingung, daß
       die "begünstigten"  Länder sich  erstens auf  die Produktion eben
       dieser Rohstoffe  festlegen: schon  nach  wenigen  Verarbeitungs-
       schritten, und  ebenso wenn ihr Anteil am Export des Landes unter
       eine recht  hohe Quote  sinkt, fallen die "begünstigten" Produkte
       aus  den   Abkommen  heraus   -  so   sieht  der  EG-Beitrag  zur
       "Diversifizierung"  und   "Weiterentwicklung"  der  Ökonomie  der
       "Entwicklungsländer" aus! Zweitens muß der Abtransport so gut wie
       ausschließlich in  die EG-Staaten  erfolgen, sonst  entfällt  die
       "Finanzhilfe" gleich  vollständig. Und dieses "Zugeständnis" las-
       sen die europäischen Wohltäter sich noch dazu "entgelten" mit der
       Pauschalgarantie aller  Freiheiten ihres Kapitals, die exotischen
       Partnerländer zu benutzen - und nach Gebrauch auch wieder zu ver-
       lassen. Die  Beantwortung der  Gewalt"frage", die  in  derartigen
       Ländern schon  allein deswegen  immer wieder  akut wird, weil sie
       ihrer "Elite"  außer dem unmittelbaren Besitz der politischen Ge-
       walt nichts  zu bieten haben, nehmen wiederum die alten Kolonial-
       mächte auf  die Kappe  ihrer besonderen  "traditionellen  Freund-
       schaft" mit  bewährten Potentaten, die sich ihrerseits keineswegs
       bloß  mit  gelegentlichen  Diamantengeschenken  des  kaiserlichen
       Knechts an  seinen demokratischen  Herrn erkenntlich erweisen. So
       bleibt der EG offiziell die Abwicklung der notwendigen Brutalitä-
       ten ihres  gemeinschaftlichen Zugriffs  auf ein gutes Drittel der
       modernen Staatenwelt erspart.
       Noch weitaus  überzeugender als in diesen exotischen Regionen be-
       währt die "Gemeinschaft" der kapitalistischen Demokratien Europas
       sich in  ihrem  engeren  Umkreis  als    i m p e r i a l i s t i-
       s c h e   O r d n u n g s m a c h t   unter und innerhalb der pax
       americana. In ihrer Eigenschaft als EG-Partner machen die europä-
       ischen Säulen  der "freien Welt" sich bislang ganz ohne von ihnen
       eingesetzte Waffengewalt  und ohne  speziell europäische  Drohung
       damit zum  einen um die ökonomische und politische Stabilisierung
       von Nachbarstaaten  verdient, die  sie in  ihrer Eigenschaft  als
       NATO-Partner  aus  der  übergeordneten  strategischen  Räson  der
       "freien Welt"  heraus für  richtig befinden.  Ihren "Freunden" an
       der Mittelmeerflanke:  Griechenland, Spanien und Portugal, nötigt
       die EG  sich als  Alternative zu  deren Faschismus  auf - und das
       nicht aus bornierter Begeisterung für demokratische Verhältnisse:
       wieviel Verständnis  ein Demokrat  für deren  zweckdienliche  Ab-
       schaffung hat,  wird immerhin  gleichzeitig an  der Unterstützung
       des türkischen  Militärs in seinem Vorhaben klargestellt, das ei-
       gene Volk  endlich für  die Demokratie  reif zu  machen. Für  ein
       Land, das der "freie Westen" sich als aktiven Bündnispartner aus-
       ersehen hat,  taugt eine Politik nicht, die aus dem Ungenügen der
       rückständigen, konkurrenzunfähigen  nationalen Ökonomie  vor  den
       durchaus modernen,  weitreichenden  Ansprüchen  der  darauf  sich
       gründenden Staatsgewalt den reaktionären Schluß zieht, der Nation
       wäre durch  eine härtere  Ordnung und die gewaltsame Restauration
       alter und  unrentabler Ausbeutungsformen zu helfen. Unter Brüsse-
       ler Obhut  dürfen die  interessierten Staaten  jetzt statt dessen
       mit der  schrankenlosen Zulassung europäischer Konkurrenz und eu-
       ropäischen Kapitals,  mit einer  beschränkten Zulassung des Klas-
       senkampfes und  mit demokratischen  Formen seiner politischen Be-
       wältigung ihr  Volk den Beweis antreten lassen, daß dem Land doch
       einiges mehr  an Reichtum  und stabiler Macht abzuringen ist, wer
       dabei auf der Strecke bleibt, darf sich damit trösten, daß er das
       als freier  Bürger Europas tut, der vielleicht sogar einmal einen
       Abgeordneten ins Europaparlament hat wählen dürfen.
       Eine ökonomische  und politische  "Stabilisierung" auf der Grund-
       lage freien  Kapitalverkehrs und  demokratischer Rücksichtslosig-
       keit bei  der Nutzbarmachung  des  nationalen  Menschenpotentials
       bieten die  Führungsmächte Europas  in ihrer  friedlichen  Eigen-
       schaft als EG zum anderen in aller Unschuld ihren osteuropäischen
       Nachbarn an:  als Alternative  oder zumindest  als  Ergänzung  zu
       jenem "realen  Sozialismus", dessen  ökonomische Erträge  die auf
       eine  respektable   nationale  Macht  bedachten  Regierungen  des
       "Ostblocks" schon  lange nicht  mehr befriedigen.  Daß logischer-
       weise Destabilisierung  der sozialistischen Herrschaft die Folge,
       ihre Transformation in eine demokratische allerdings mit größeren
       Risiken behaftet  ist als  die des  griechischen, portugiesischen
       und spanischen Faschismus, das ist dabei eine bloß einerseits un-
       liebsame, weil  geschäftsschädigende praktische Folge der florie-
       renden Partnerschaft der EG mit ihrem östlichen Vorfeld. Denn an-
       dererseits ist  man als Frontstaat des demokratischen Freihandels
       ja schließlich  auch NATO-Partner  und hat als solcher wieder ein
       sehr freies  strategisches Urteil über Wirkungen und Perspektiven
       kapitalistischen Geschäfts mit dem und gegen den realen Sozialis-
       mus.
       
       5. Die "Entwicklungsländer":
       ----------------------------
       Geschöpfe und Partner des Imperialismus
       ---------------------------------------
       
       1. Die obersten  Prinzipien der  bürgerlichen Gesellschaft  waren
       von ihren großen Denkern gerade ins Unreine formuliert, da demon-
       strierten die ersten großen praktischen Vertreter bereits, welche
       Härte in  der Freiheit  von Person  und Eigentum steckt. Weltmän-
       nisch gestimmte  Geschäftsleute machten sehr unbefangen deutlich,
       wie die  Auffassung von  der Konkurrenz  denjenigen  beizubringen
       war, die  noch nicht  bemerkt hatten, daß im europäischen Kapita-
       lismus die der Menschennatur angemessene Lebensart zum Durchbruch
       gelangt war.  Rücksichtslos exekutierten  sie  ihre  Freiheit  an
       fremden Völkerscharen und unterwarfen deren Lebensmittel den Maß-
       stäben ihres  Reichtums. Die  Goldschätze der Azteken waren nicht
       geschaffen worden,  um Europa  als Weltgeld und nationaler Schatz
       zu dienen. Um sie dazu zu machen, bedurfte es der Gewalt. Die Ge-
       wächse Indiens hatten nicht wachsen dürfen, um als Handelsartikel
       für holländische  und englische  Kompanien die  Geschäfte und die
       europäische Küche  zu verfeinern.  Auch dazu bedurfte es des tat-
       kräftigen Einsatzes freier Europäer, die ihren bereits angeeigne-
       ten Reichtum  zu einem Teil in lohnende Mittel der Gewalt verwan-
       delten und  ihre Eroberungen  ohne Umschweife als Recht zu deuten
       wußten. Und  was den  Sklavenhandel mit  afrikanischen Negern be-
       trifft, an dem im Nachhinein die verletzten Menschenrechte bedau-
       ert werden,  so darf man sich durchaus mit der Einsicht begnügen,
       daß es  der Menschennatur  der Schwarzen  ebensowenig wie der von
       europäischen Opfern  der ursprünglichen  Akkumulation entspricht,
       sich als  Arbeitskraft zu  verdingen. Deswegen   w u r d e n  sie
       zuerst einmal  ge- und  verkauft, und  vor dem  Wiegen und Zahlen
       bahnten Waffen dem Tausch den Weg.
       Dabei waren  sich die  Eroberer von  Menschenvieh und  Natur noch
       nicht einmal  klar darüber,  welchen höheren historischen Zwecken
       ihr Wirken  zugute kam - ebensowenig wie die christlichen Missio-
       nare wußten,  daß sie  in der  Unterweisung wildfremder  Leute zu
       gläubigen Gotteskindern  einen historisch bedeutsamen Beitrag zur
       weltweiten Ausbildung des abstrakt freien Willens lieferten. Wäh-
       rend letztere den kolonial beglückten Völkern einen Herrn präsen-
       tierten, zu  dem sie  sich  b e k e n n e n  konnten, machten die
       beutehungrigen Seefahrer  sie mit  einem Herrn  bekannt, dem  sie
       sich   u n t e r w e r f e n   m u ß t e n.  Denn sie sorgten mit
       der Verwandlung  ihrer natürlichen Gebrauchsgegenstände in Eigen-
       tum dafür,  daß ganze Völker nicht mehr so leben konnten wie bis-
       her und  nur noch  überleben durften, wenn sie sich und ihre Pro-
       duktion als  brauchbar erwiesen  für das Geschäft, aus dessen Er-
       trägen die Waffen, seine Vorboten, bezahlt worden waren. So wurde
       aller Welt  und allen  Rassen der Maßstab des Geldes vertraut ge-
       macht. Ihre  Enteignung hat sie zu Knechten fremden Reichtums ge-
       stempelt, und  ihr Dienst ist zur Bedingung ihrer Existenz gewor-
       den -  wobei die Nützlichkeit folgerichtig nicht von ihnen zu be-
       urteilen war.
       Die   G e w a l t,   die diese  segensreiche Entwicklung eröffnet
       hatte, war nun auch keine Frage des  Z u f a l l s  und der Aben-
       teuerlust mehr.  Die kontinuierliche  Abwicklung des  Handels, in
       den sie  nun einbezogen waren, die "Sachzwänge" des Geschäfts, an
       denen manchen Leuten in den europäischen Hauptstädten so merkwür-
       dig viel  liegt, erforderten  die    r e g e l m ä ß i g e    und
       b e r e c h n e t e,   also   die   p o l i t i s c h e  H e r r-
       s c h a f t.   Wegen der Not der gepeinigten Völkerscharen aller-
       dings wurde  dies nicht  zur  Notwendigkeit.  Die    K o n k u r-
       r e n z   um die  weltweiten Quellen von Reichtum ließ die "Idee"
       vom starken  Staat reifen,  der über  die Mittel und die Freiheit
       verfügt, vorhandene  Interessen zu schützen und dafür vorsorglich
       immer neue  anzumelden.  Politiker  und  Militärs  fingen  an  zu
       begreifen, daß  sie mit ihrem Gewaltapparat  d a s  Mittel in der
       Hand hielten,  welches das  Gelingen allen ökonomischen Lebens in
       ihren Gesellschaften  sichert und  fördert; daß  also jede Erwei-
       terung ihrer  Macht in  und außerhalb  der Nation  nur Schutz und
       Fortschritt für  alle Anliegen  des Geschäfts sein konnte - eines
       Geschäfts, dem  die verschiedenen  Klassen, jede  auf ihre Weise,
       ohnehin verpflichtet waren.
       Die "politische Phase" des Kolonialismus, die endgültig jeden Er-
       denwinkel mit  politischer Herrschaft-  einem Grundbedürfnis  der
       Menschen, wie  Gelehrte versichern  - versah, stand bereits unter
       dem Gebot  s t r a t e g i s c h e r  K a l k u l a t i o n,  die
       jeden Flecken  Erde samt  lebendem Inventar  für wichtig  befand,
       insofern er  in der Hand eines Konkurrenten die eigene Stärke be-
       einträchtigen könnte. Kein Souverän Europas wollte sich die Frei-
       heit nehmen lassen, über möglichst viele Quadratkilometer, Perso-
       nal und natürliches Inventar zu verfügen: dafür durften Kostenge-
       sichtspunkte keine  Rolle spielen,  alle befanden es für lohnend,
       noch im  tiefsten Afrika  um die  Festlegung regulärer Grenzen zu
       streiten -  und vom künftigen ökonomischen Nutzen ihrer Reservate
       hatten die  Kolonialmächte genauso  wenig Ahnung  wie  einst  die
       Abenteurer bei  der Ausfahrt  ihrer Galeeren. Es ging eben um das
       R e c h t   auf jedweden  Gebrauch, der sich von einem Stück Erde
       machen läßt;  auch in  der Weltpolitik geht die gewaltsame recht-
       setzende Besitzergreifung,  der Ausschluß aller anderen, der öko-
       nomischen Benutzung des Eigentums voraus.
       Eigentlich müßte  es die  Fans der besten aller Staatsformen ver-
       wundern,  daß   die  Ära   der   großen   Eroberungen   mit   der
       "Herausbildung" der  großen Demokratien  zusammenfällt. Wenn  die
       eifrigen Befürworter  demokratisch vollzogener  Herrschaft keinen
       Widerspruch zwischen  ihrem Ideal  und dem  weltweiten  Aufmarsch
       entdecken, so liegen sie allerdings und ausnahmsweise richtig. Im
       Innern wie nach außen handelt es sich nämlich um den entscheiden-
       den Schritt hin zu jener freien Betätigung staatlicher Souveräni-
       tät, die  dem Dienst der politischen Herrschaft an der Klassenge-
       sellschaft angemessen  ist. Nach innen emanzipiert sich der Staat
       von jeder  privaten Beschlagnahme  und jedem  partikularen Umgang
       mit seiner  Gewalt: er legt die Bürger aller Klassen auf den Kon-
       sens bezüglich  seiner Prinzipien  fest und  bedankt sich mit der
       Erlaubnis, in  der Frage der geeigneten Repräsentanten und Exeku-
       toren der  Staatsgewalt einen heftigen  D i s s e n s  zu organi-
       sieren. Zu  den Prinzipien  gehören außer  Einigkeit,  Recht  und
       Freiheit auch  noch Eigentum  und Menschenwürde,  womit der Staat
       die Unterschiede  der Klassen  und die  Gegensätze zwischen ihnen
       nicht nur  anerkennt, sondern  ihre Aufrechterhaltung und ihr ef-
       fektives Funktionieren  erzwingt. Grundbesitzer  und Industrielle
       brauchen deshalb bei Wahlen auch nur eine Stimme - das Recht die-
       ser Minderheiten auf Eigentum wird vom Souverän ebenso versichert
       wie die  Freiheit seines Gebrauchs. Die Gespräche zwischen Regie-
       rung und  "Wirtschaft", die  sich um  die Schranken des Wachstums
       und seine Beförderung durch den Staat drehen, sind das genaue Ge-
       genteil eines  Beweises für  den Mangel  an echter demokratischer
       Souveränität. Die  Charaktermasken der politischen Macht befinden
       sich damit  noch lange  nicht "in  den Klauen der Monopole" - sie
       beraten sich  lediglich mit  den unmittelbaren  Interessenten  am
       Wachstum, deren  Erfolg sie  als den  ihrer Herrschaft verbuchen.
       Deshalb gibt  es auch  Gespräche über  dasselbe Thema mit Gewerk-
       schaftsvertretern, die  denselben Erfolg für wünschenswert erach-
       ten, weil  sie als  gute Demokraten  nur den   M i ß erfolg   von
       Staat und Kapital als Grund für die Arbeitslosenziffern akzeptie-
       ren.
       Ebensowenig berechtigen  gemeinsame Reisen von politischen Lotsen
       und Industriekapitänen  ins Ausland zu Zweifeln an der Handlungs-
       freiheit der  Figuren, die im Namen der Nation handeln. Abgesehen
       davon, daß  in einer  funktionierenden Demokratie auch die Arbei-
       tervertreter mitfahren,  weil ihnen  die Maßstäbe  der Nation als
       die der Betroffenen geläufig sind, verlaufen nicht einmal erst im
       20. Jahrhundert  die  außenpolitischen  Manöver  nicht  nach  den
       kleinkrämerischen Rechnungen,  wie sie einem Geschäftsmann gut zu
       Gesicht stehen.  Davon emanzipiert  sich  jeder  imperialistische
       Staat in  der Gewißheit,  daß die Geltung der Nation in der Welt,
       ihr Einfluß auf andere Länder und ihre militärische Durchschlags-
       kraft noch allemal das Beste auch für den Kommerz sind. Im Umgang
       mit konkurrierenden  Staaten haben  die Politiker der Moderne be-
       merkt, daß  die Staatsgewalt nicht nur nach innen die unverzicht-
       bare Voraussetzung  für das Gedeihen des Privateigentums ist; sie
       kann auch nach außen gar nicht stark genug sein, um als diese Be-
       dingung tauglich zu bleiben.
       Und diesem Bedürfnis von gewissen Staaten, Weltpolitik zu machen,
       konnte sich  endgültig keine Abteilung des Globus mehr entziehen.
       Ihm verdankt  sich auch  der seltsame Umstand, daß Milliarden von
       Erdenbürgern - sei ihre Heimat nun ökonomischen, politischen oder
       auch beiden  Berechnungen unterworfen  - damit  zu kämpfen haben,
       daß sie  am Leben bleiben. Denn dafür sind sie nicht mehr da. Als
       w e l t p o l i t i s c h e   M a n ö v r i e r m a s s e    sind
       sie gefragt, und das heißt nicht einmal in jedem Fall als brauch-
       bare, also erhaltene Arbeitskräfte. Sie sind erwünscht und werden
       behandelt als  treu dienende,  nicht  störende  Untertanen  einer
       Herrschaft, die  an   i h n e n   kein Anliegen entdeckt, dem sie
       sich verpflichten könnte.
       Das Anliegen,  dem die  Herrschaft verpflichtet  ist, haben umge-
       kehrt ein  paar tausend  gelehrige einheimische Schüler der demo-
       kratischen Weltherrschaft  für ihre   C h a n c e   gehalten. Das
       nachhaltige Interesse  an Ordnung in ihrer Heimat, das dieser gar
       nicht  gut  bekommen  ist,  haben  sie  verworfen,  weil  es  als
       f r e m d e s  den einheimischen Interessen gar nicht entsprechen
       könnte. In  getreuer Kopie demokratischer Gesinnung ist ihnen ein
       Programm der   n a t i o n a l e n   B e f r e i u n g  eingefal-
       len, das  die Frage,  ob sie denn lieber  n i c h t s  hätten tun
       sollen, ad absurdum führt. Die Grundsätze antikolonialer Erhebung
       lauteten nämlich so:
       - ein Volk braucht einen Staat, und zwar einen eigenen;
       - ein volkseigener Staat ist einer, der von echten Volksgenossen
       gemacht wird;
       - volkseigene Staatsmänner  vertreten automatisch  das  Interesse
       des Volkes in der Welt;
       - in der Welt vertretene volkseigene Interessen bedeuten zu Hause
       ein immerwährendes Unabhängigkeitsfest.
       Zur Durchsetzung  dieses Programms,  das auf  der  demokratischen
       Ideologie beruht, daß Herrschaft als Nutzen der Untertanen zu ma-
       chen sei, haben sich die Führer kolonialisierter Völker - mangels
       eigener Mittel  - unter  den konkurrierenden  Großmächten Freunde
       beschafft. Diese  sind vor allem in Sachen Bewaffnung sehr hilfs-
       bereit gewesen  und haben gezeigt, daß auch ein fremdes Interesse
       der nationalen  Perspektive gute Seiten abgewinnen kann. So wenig
       die Kalkulation  eines befreundeten  Auslands, das sich für Unab-
       hängigkeit stark macht, prinzipiell anderer Natur ist als die der
       Eroberer von früher, so geringfügig nimmt sich der Unterschied in
       der Lebensgestaltung  einst und  heute in diesen Ländern aus. Die
       Wahrheit der  nationalen Befreiung  ist eine weltbekannte Banali-
       tät: Heute  darbt und  stirbt die  Manövriermasse der Weltpolitik
       nicht mehr  in der Kolonie eines Mutterlandes, sondern im eigenen
       Entwicklungs- und Vaterland.
       2. Die Gewinnung der Souveränität durch Befreiungskämpfe, die Er-
       ringung der  nationalen Unabhängigkeit  ist in  ihrem Verlauf von
       Konzessionen auswärtiger Nationen abhängig: ohne ein auch mit den
       notwendigen Mitteln ausgestattetes Interesse kommt keine aufstän-
       dische Armee  oder Guerilla-Gruppe  zustande, und bisweilen arten
       die "Emanzipationsbestrebungen" in veritable Stellvertreterkriege
       verschiedener Abteilungen  ein und desselben "Volkes" aus. Dieje-
       nigen, die  von ihren  künftigen Repräsentanten als die erwachten
       Subjekte der  Befreiung gefeiert werden, entscheiden zwar mit dem
       Einsatz ihres  Lebens über  die Fortschritte  des Krieges; dessen
       Ausgang jedoch  ist eine  Angelegenheit der  Mächte, die sich der
       aktiven Beobachtung  der Kämpfe  verschrieben haben.  Sobald dann
       aus dem  "Konfliktherd", auf dem nicht nur West und Ost prinzipi-
       ell, sondern  auch noch rivalisierende Staaten des freien Westens
       ihre Suppe kochen, eine freie Nation mit Fahne und Hymne geworden
       ist, kommt  die   K u n s t   d e r  P o l i t i k  zum Zuge, die
       sich um  S t a b i l i t ä t  müht.
       Denn die  ist ständig  in Gefahr. Vom Standpunkt der an die Macht
       gelangten Elite  werden zunächst  die Konkurrenten  aus den Tagen
       des Befreiungskampfes  als ziemlich  störend empfunden;  wenn die
       sich gar  noch mit auswärtiger Unterstüzung und einheimischem An-
       hang über  die letzten  Gemetzel haben  retten  können,  ist  die
       i n n e r e   O r d n u n g   - die  ja für  den  neuen  Souverän
       d i e   Bedingung ist, frei als Repräsentant seiner Nation in der
       Welt auftreten  zu können  - noch Jahre nach der Unabhängigkeits-
       feier nicht  zu haben.  In den Fällen, wo sich die etablierte Re-
       gierungsmannschaft zu einem anti-imperialistischen Aufbauprogramm
       bekennt, das  mit Hilfe  guter Beziehungen  zu Moskau  realisiert
       werden soll, ist sie sogar mit dem wuchtigen westlichen Interesse
       an Instabilität  konfrontiert. Und  ganz unabhängig von den blei-
       benden Ansprüchen  auf Nicht-Einmischung,  die dem Land gegenüber
       angemeldet werden,  haben die  Regenten befreiter  Nationen immer
       erhebliche Schwierigkeiten  mit ihrem  V o l k.  Denn mit den Un-
       tertanen läßt  sich trotz der Ideale von Demokratie und Sozialis-
       mus so  einfach gar  kein Staat  machen -  das Interesse an einer
       funktionierenden Staatsgewalt,  die durch ihre ordnungsstiftenden
       Werke als irgendeine positive Bedingung der Reproduktion erschei-
       nen könnte,  existiert einfach  nicht. Der Wille, Staatsbürger zu
       spielen, kommt  ja in  den Heimatländern  der Demokratie  nur zu-
       stande, weil  die ökonomische Benutzung der Leute, ihre Unterwer-
       fung unter  die Konkurrenz und die damit verbundenen Beschränkun-
       gen von  ihnen als  N o t w e n d i g k e i t  akzeptiert werden,
       mit der  man nur aufgrund der zusätzlichen Notwendigkeit der ord-
       nenden Hand des Staates zurechtkommt. Wo hingegen keine Produkti-
       onsverhältnisse existieren,  deren gewaltsame Absicherung von den
       Betroffenen zumindest als die Möglichkeit ihrer Reproduktion, als
       die Regelung  ihrer abhängigen Arbeit anerkannt und gewollt wird,
       bleibt die  Politisierung der  Massen aus.  Gerade an  dieser ist
       aber  den   Herren  befreiter  Landstriche  enorm  viel  gelegen;
       schließlich wollen  sie durch  die gelungene  Unterwerfung  ihrer
       Landsleute aus  ihrer Nation  etwas machen, über den Gehorsam und
       die Vollführung  staatlicher Diktate  auch ökonomische Brauchbar-
       keit herstellen.
       Der Umgang  der politischen  Herrschaft mit  Untertanen, die  das
       falsche "Bedürfnis", regiert zu werden, gar nicht kennen, gestal-
       tet sich bei aller Pflege echt demokratischer und sozialistischer
       Ideale einigermaßen brutal, so daß den interessierten Beobachtern
       der freien  Presse immer  hinreichend Stoff  zur Verfügung steht,
       die "Unreife"  anderer Völker  und die  mehr oder  minder  herge-
       stellte Funktionalität  des staatlichen  Umgangs mit ihnen zu be-
       sprechen. Die  wüsten Manieren bei der demonstrativen Herstellung
       einer   E i n h e i t  v o n  S t a a t  u n d  V o l k,  der ex-
       tensive Gebrauch von Gewalt in der Konkurrenz um die Macht und in
       ihrer Ausübung  sind überall  auf dem Globus entsprechend den aus
       Kolonial-  und  Befreiungsgeschichte  überkommenen  Verhältnissen
       sehr differenziert  entwickelt worden. Da gibt es im tiefsten In-
       dien, das  von seinen  Kolonialherren noch eine Verwaltung geerbt
       hatte, tatsächlich  auch ein System parlamentarischer Umgangsfor-
       men. Allerdings  ohne die  staatsbürgerliche  Illusion,  mit  der
       Wahlstimme über  das Wohl  der Nation  und damit-über  das eigene
       Wohlergehen zu  entscheiden - die Wähler der "größten Demokratie"
       machen ihr Kreuzchen für die angereisten Sahibs wegen einer Mahl-
       zeit, die  auf der  Wahlversammlung verabreicht  wird;  bisweilen
       müssen sie  auch die Stimme für einen oppositionellen Bewerber um
       die Teilhabe  an der  Regierungsgewalt  unterlassen,  weil  ihnen
       sonst eine  angeheuerte Bande  der im Amt befindlichen Mannschaft
       das Slumviertel  anzündet. Jahraus  jahrein gefallen sich die mit
       Politik befaßten  Cliquen darin, sich doch nicht ganz von den Zu-
       fällen demokratischer  Mehrheitsbildung abhängig  zu machen.  Sie
       ziehen einfach  die politischen  Rivalen aus  dem  Verkehr-  eine
       Technik, die  auch in  anderen Erdteilen  beliebt ist. Lateiname-
       rika, eine  Gegend, in  der jeder  zweite Staat hauptsächlich mit
       der "Rückkehr zur Demokratie" beschäftigt ist - so jedenfalls die
       Lesart der  großen demokratischen  Zeitungen  der  freien  Welt-,
       zieht den  Militärputsch den umständlichen Formen der politischen
       Willensbildung vor;  und mit  den störenden Elementen des Volkes,
       das seine zumindest partielle Benützung mit Rechtsansprüchen ver-
       bindet, wird ständig nach den Regeln des Bürgerkrieges verfahren.
       Auch für die einschlägigen Praktiken - ein Fußballstadion, in dem
       die Massen  sich sonst  zur Feier nationaler Größe auf dem Gebiet
       sportlicher Repräsentation  versammeln, dient da schon einmal als
       KZ -  hat man  im Namen  der unerläßlichen Stabilität hierzulande
       Verständnis, die  Menschenrechte sind  einige Bedenken  wert, die
       gelungene Ordnung  einen Staatsbesuch.  Dieser bietet der lokalen
       Junta eine vorzügliche Gelegenheit für die Ankündigung des Vorha-
       bens, sich demnächst auch noch oder schon wieder wählen zu lassen
       - und  daß diese  Wahlen zu sorgfältig inszenierten Akklamationen
       ausarten, weiß  jedermann: die  Loyalität wird mit dem Schein der
       Wahl erzwungen. Mit diesem Programm, das die Untertanen prinzipi-
       ell als  Störung behandelt  und doch die Sicherung der Herrschaft
       immer dem  bürgerlichen Ideal einer unverbrüchlichen Einheit zwi-
       schen Führung  und Volk  entsprechend vornehmen will, warten auch
       die autochthonen  Nationalstaaten des  schwarzen Kontinents  auf.
       Ihre höchste  Aufgabe sehen  die christlich, demokratisch und so-
       zialistisch inspirierten  Führer darin,  aus ihren Untertanen ein
       V o l k   zu machen,  den Willen  zum Staat in ihnen zu erzeugen.
       Und dafür  erscheint ihnen das Instrumentarium faschistischer Po-
       litik gerade  passend. Vom  politischen Volksfest, das auf ebenso
       inhalts- wie  bedingungsloses Einverständnis  mit den  jeweiligen
       Machtkabern zielt,  bis zur Einheitspartei, die den Nationalstolz
       zum wichtigsten  Programmpunkt erhebt - und der in Zaire der Ein-
       fachheit halber  jeder neugeborene  Untertan per  se als Mitglied
       angehört -,  von per Dekret aus der Taufe gehobenen Massenverbän-
       den für  Frauen und  Kinder, aber auch für Arbeiter, die dann als
       Staatsgewerkschaften weder auf Löhne noch auf staatliche Leistun-
       gen achten, bis zum Führerkult ist für alles gesorgt, was den Zu-
       sammenhalt jenseits  aller ökonomischen Grundlagen zu  d e m o n-
       s t r i e r e n   erlaubt. Die  konkurrierenden Eliten, die meist
       die Parole  "one man  - one  vote" gegen  die alte auswärtige und
       weiße Herrschaft zu handhaben wußten, fälschen Wahlen, nach denen
       niemand außer  ihnen verlangt  hat. Und  für die  härteren Ausei-
       nandersetzungen bedienen  sie sich  hemmungslos der atavistischen
       Form, in  der die  Bevölkerung "politische"  Interessen überhaupt
       als die ihren kennt. Sie benützen die kollektive Willensäußerung,
       in der  sich die  ganze Wucht  der Unfreiheit  zusammenfaßt,  die
       Menschen eigen  ist, die  noch nicht  aus dem  Naturzustand  her-
       ausgetreten sind:  die    S t a m m e s z u g e h ö r i g k e i t
       ihrer "Bürger",  um sie zu Kämpfen um eine Sache antreten zu las-
       sen, für  die ihnen  nicht einmal  ein Wort  geläufig ist. Um der
       P o l i t i k   e i n e s  S t a a t e s  willen, den nur die Ma-
       cher wollen, den sie auch nur für sich inszenieren, entfachen die
       Diplomaten des Negerrechts den beschränkten und lokalen Rassismus
       ihrer Untertanen - und der Welt bieten sie eine Negerphilosophie,
       in der die "Arbeit aus der Erde" die edelste und zur "Erweiterung
       des Seins"  (Senghor) passendste  ist. Mit  diesem an  westlichen
       Universitäten erlernten Geistesüberbau beweihräuchern die Anwälte
       echt schwarzer  Souveränität die  schlichte und brutale Tatsache,
       daß da  Menschen, die  sich in  der Produktion  ihres Lebens noch
       nicht vom  Naturzusammenhang gelöst haben, mit den Mitteln moder-
       ner Kriegsführung  ausgerüstet und zum unwissenden Instrument des
       politischen Konkurrenzkampfes  gemacht werden,  dessen Zwecke nur
       ihre alten und neuen Herren kennen.
       Die ganze  Vielfalt westlicher Staatenwelt, die unter zielstrebi-
       ger Ruinierung  ihrer Völker  eben diesen  den vorzüglichen Genuß
       von Autonomie  verabreicht, beruft  sich in  ihren Anstrengungen,
       eine eigene und somit gute Herrschaft zu veranstalten, nicht ganz
       zu Unrecht  auf das Vorbild der großen erfolgreichen Demokratien.
       Denn diese, allen voran die USA, haben ihnen den rechten Gebrauch
       staatlicher Souveränität  nach innen wie nach außen vorexerziert:
       Gewalt als  Hebel fürs  Geschäft, und  das Geschäft  als  stetige
       Quelle von  Reichtum, dessen Sicherung sich die reüssierte Nation
       dann angelegen sein läßt.
       Allerdings hat  das Vertrauen  darauf, als  unabhängiger Staat in
       der Welt  des Imperialismus  zu Reichtum  und Macht  zu gelangen,
       einen entscheidenden  Haken: die  Emanzipation nationaler Politik
       von der  Ökonomie, die  freie Pflege  souveräner Gewalt bedarf zu
       ihrem Erfolg nämlich einer ökonomischen Grundlage, eines kontinu-
       ierlich erzeugten Überschusses an Reichtum, aus dem die Staatsge-
       walt finanziert wird  u n d  dem sie mit ihrem Einsatz daheim wie
       in der  Welt eine  lohnende Verwendung  garantiert. Wo dies nicht
       der Fall  ist, lohnt sich auch die schönste Kopie staatlicher Re-
       präsentation und  Diplomatie nicht,  bleibt auch  die perfekteste
       Unterdrückung die  funktionellen Dienste  schuldig, die  sie sich
       als Perspektive  zugutehält. So gewahren die auf ihre Unabhängig-
       keit so  stolzen Führer  der Staaten in Asien, Afrika und Latein-
       amerika die  Härten des  Erbes, von dem sie sich zu befreien wäh-
       nen: Ihre  Herrschaft beruht  politisch wie  ökonomisch auf einem
       I n t e r e s s e   a n    ihrer  Existenz,  das  auch  über  die
       M i t t e l   verfügt, sie mit dem Inventar ihrer Selbsterhaltung
       auszustatten. Weil  im Bereich  ihrer Zuständigkeit  diese Mittel
       nicht vorhanden  sind, existieren  diese mehr  oder minder exoti-
       schen Souveräne  nur, weil  sich andere Staaten aus guten Gründen
       entschlossen haben,  s i e  s i c h  z u  l e i s t e n.
       Diese Entdeckung, die keinem der in anti-kolonialistischer Tradi-
       tion regierenden  Obristen, Bischöfe  oder moslemischen Patrioten
       versagt bleibt,  gerät freilich bei kundiger Beobachtung der Maß-
       stäbe, die  den imperialistischen Vorbildern abgelauscht sind, zu
       einer ganz  anderen Weisheit.  Im   V e r g l e i c h   zu  jener
       Handvoll Nationen, die Geschichte machten und Weltwirtschaftsgip-
       fel  veranstalten,   sind  sehr  viele  Länder  ziemlich  "unter-
       entwickelt".
       3. Im Wunsch  nach "Entwicklung" wird von seiten der maßgeblichen
       Männer  i n  den "Entwicklungsländern" die Unterwerfung unter die
       Prinzipien vorgetragen,  die der  Kolonialismus einst  mit seinen
       Waffen exportiert  hatte. Auch  wenn höchstoffiziell die Sorge um
       das Brot der Bevölkerung ertönt - der Weg hin zur Perspektive des
       Überlebens läßt  keinen Zweifel, daß es sich um den kleinen Umweg
       handeln soll,  der den   n a t i o n a l    v e r f ü g b a r e n
       R e i c h t u m    mehrt,  welcher  nirgends  auf  der  Welt  zur
       V e r t e i l u n g   gelangt. Und  noch weniger Zweifel über den
       Gang der  "Entwicklung", die  in  ihrem  bisherigen  Verlauf  die
       schiere Ernährung  unmöglich gemacht  hat, gestattet  die Art der
       internationalen Beziehungen,  die von den Anwälten der Armen ein-
       gegangen werden.  Diese Regierungen, stolz darauf, den Verdammten
       dieser Erde  das erste  Bedürfnis nach "Selbstverwaltung" erfüllt
       zu haben,  sehen sich  in  ihrer  neuen  Rolle  als  Partner  der
       "Industrieländer" erst einmal darauf verwiesen, durch  I m p o r-
       t e   die sachlichen  Mittel ihrer  Herrschaft zu  erwerben - und
       sich durch   E x p o r t e   die  finanziellen  Mittel  dafür  zu
       verschaffen. Daß  sie damit  wenig "Entwicklung", aber einiges an
       Schulden zustandebringen,  liegt daran, daß die  l a n d w i r t-
       s c h a f t l i c h e n   P r o d u k t e   ebenso wie  die  B o-
       d e n s c h ä t z e  - und darin erschöpft sich zuerst einmal der
       "Bestand" an  Verkäuflichem  -  gar  nicht  als  Geschäftsartikel
       produziert werden,  die aufgrund  des ihrer  Erzeugung  entsprin-
       genden Verhältnisses  von Kosten  und Marktpreis  einen Überschuß
       garantieren; zum  Geschäftsmittel werden  die aufgrund besonderer
       klimatischer und geologischer Umstände vorhandenen Güter erst und
       nur, wenn  sie  vom  Handels-  und  Industriekapital  auswärtiger
       Mächte zu  einem solchen   g e m a c h t  werden. Sicher - in den
       Zahlungsbilanzen,  die   afrikanische   und   lateinamerikanische
       Staaten wie alle anderen führen, tauchen die Erzeugnisse des Lan-
       des als  Handelsgüter mit  regulären Preisen  auf; doch heißt das
       keineswegs, daß  sie einer  gewinnbringenden Produktion  für  ein
       zunächst im  Lande erzeugtes  zahlungsfähiges Bedürfnis entsprin-
       gen, darüber  das nationale Wachstum befördern und zur Steigerung
       desselben im  Überschuß über  die einheimische  N a c h f r a g e
       hinaus produziert  werden. Andererseits  stellen sie  auch keinen
       (in einem nicht-kapitalistischen Sinn) hervorgebrachten Überschuß
       über wirklichen  einheimischen   B e d a r f  dar - diesem sollen
       sie ja  erst durch  die erzielten  Erlöse dienen. Insofern treten
       die souveränen  "Entwicklungsländer" mit ihren Exportartikeln das
       Erbe der kolonialen Behandlung ihrer "natürlichen Reichtümer" an.
       Ihre Erschließung  und Förderung  bzw. Kultivierung und Ernte ge-
       schieht ausschließlich  für - und ist daher auch in Gang gekommen
       durch -  das Interesse  einer ausländischen  Ökonomie, die  darin
       Mittel für ihren Fortgang und Fortschritt entdeckt hat und nutzen
       will. Auch  sie stellen  gewissermaßen, ihre  Ausfuhr beweist es,
       einen "nationalen  Überschuß" dar:  aber eben nicht einen wirkli-
       chen Überschuß,  der aus einer nationalen Mehrwertproduktion ent-
       springt, sondern  einen "Überfluß", den man nur in Anführungszei-
       chen als  solchen bezeichnen kann, weil er  n e b e n  - und die-
       ses 'neben' heißt stets: auf  K o s t e n  - jeglicher Produktion
       für die  Bedürfnisse des  einheimischen  Wirtschaftens  zustande-
       kommt. Folglich  haben sie auch keinen  e i n h e i m i s c h e n
       W e r t:   keinen Produktionspreis,  mit dem ihre Produzenten auf
       dem Weltmarkt  auftreten könnten  und über den ihre Produktivität
       sich mit  der ihrer  Konkurrenten vergleichen  würde; die Export-
       schlager der  afrikanischen Staaten  s i n d  n i c h t  W a r e.
       Sie   w e r d e n  zur Ware und nehmen die Preisform an erst dann
       und nur  dadurch, daß  sie und wenn sie ihr Ursprungsland verlas-
       sen. Ihre   W a r e n f o r m   verdankt  sich dem    W i l l e n
       d e s   z u s t ä n d i g e n   S o u v e r ä n s,   s i c h  die
       Zulassung des  Abtransports dieser  Güter bezahlen zu lassen, und
       der   B e r e i t s c h a f t   ausländischer Inhaber von wirkli-
       chem Reichtum,  d a f ü r  zu zahlen.
       So schreibt  der Souverän eines rohstoffexportierenden Landes, um
       an seine  Revenue heranzukommen, Listenpreise für seine Exportgü-
       ter vor,  die entweder  direkt  seinem  Handelskontor,  also  der
       Staatskasse zufließen  oder als Berechnungsgrundlage für eine vom
       Käufer zu  entrichtende Ausfuhrabgabe  dienen; er verpachtet sein
       Land sowie  Explorations- und Schürfrechte an ausländische Inter-
       essenten; er  beteiligt sich  an deren  Investitionen,  und  zwar
       nicht mit wirklichem Reichtum, sondern mit der Verpflichtung sei-
       nes ausländischen  Geschäftspartners, die  Fiktion einer staatli-
       chen Kapitalbeteiligung  zu akzeptieren und mit Gewinnanteilen zu
       honorieren; und wenn er die Dependancen einer ausländischen Firma
       verstaatlicht, dann  findet weder  Enteignung statt noch eine se-
       riöse Finanztransaktion; vielmehr bekommt die Teilhabe des Fiskus
       an dem Reichtum, der anderswo aus den Schätzen des Landes gemacht
       wird, eine Rechtsform, mit der die Regierung sich explizit zu ih-
       rer Verantwortung  dafür bekennt,  daß das Geschäft des ausländi-
       schen Investors  kontinuierlich weiterläuft.  In allen derartigen
       Staatsaktionen, einschließlich  sämtlicher politischer Bemühungen
       um Absatz-  und Erlösstabilisierungsabkommen  mit den  Käuferlän-
       dern, betätigt  sich der  politische Wille,   n i c h t:  sich am
       Außenhandel einer nationalen Ökonomie auch noch fiskalisch mitzu-
       bereichern,   s o n d e r n:   die Verfügungsgewalt über das Land
       zu Geld  zu machen.  Und  damit  beweisen  alle    ö k o n o m i-
       s c h e n    Aktivitäten  der  afrikanischen  Staaten  in  Sachen
       Außenhandel, daß  sie das  ökonomische   S u b j e k t  i h r e s
       E x p o r t s  ü b e r h a u p t  n i c h t  s i n d.
       Denn die  tatsächliche ökonomische  Nutzung der  bereitgestellten
       Naturschätze: ihr  Gebrauch als Mittel für die Produktion wirkli-
       chen Reichtums,  und damit   d i e  Voraussetzung dafür, daß ihre
       Deklaration als Ware nicht bloß ein frommer Wunsch der exportwil-
       ligen Staatsgewalt bleibt, fällt ganz auf die Seite der ausländi-
       schen Nachfrage. Nur dort findet die Akkumulation von Wert statt,
       die es  erlaubt, ihre aus Afrika importierten stofflichen Voraus-
       setzungen überhaupt unter die Wertform zu subsumieren; und allein
       gemäß der  Kalkulation mit  dem Kostpreis der Produktion, die die
       konkurrierenden nationalen  Kapitale dort  einander aufherrschen,
       setzt das  Interesse an  afrikanischen Rohstoffen  sich in   Zah-
       lungs b e r e i t s c h a f t    um.  Die  mit  Hilfe  sämtlicher
       Ideale des  Freihandels vorgebrachte  Bettelei der  afrikanischen
       Staaten um  die Erlaubnis,  mit ihren Gütern auf dem westeuropäi-
       schen Markt  auftreten zu  dürfen, bezeugt  schlagend,  daß  hier
       keine Konkurrenz  um ein  zahlungsfähiges Bedürfnis  stattfindet,
       sondern das  Bemühen, den  eigenen Artikeln überhaupt einen Preis
       zu verschaffen  - ein  Bemühen, dessen  Erfolg völlig von der Be-
       reitschaft der kapitalistischen Nationen abhängt, die angebotenen
       Güter als  Bestandteil der  K o s t e n  ihrer nationalen Akkumu-
       lation  i n  K a u f  zu nehmen.
       Praktischer Ausdruck  und Verlaufsform dieser prinzipiell gegebe-
       nen Bereitschaft  sind die  W a r e n b ö r s e n  für Mineralien
       und Naturprodukte, die nicht zufällig in New York, London und an-
       deren kapitalistischen  Metropolen zu  Hause sind.  Sie sind  das
       Mittel nicht  der  Rohstoffexporteure,  ihre  Vorstellungen  über
       einen hinreichenden  Preis ihrer Angebote zu realisieren, sondern
       der kapitalistischen  Käufer, das  Zugeständnis eines Preises für
       Rohstoffe gleich so zu gestalten, daß dessen Höhe sich genau nach
       der tatsächlichen  Profitträchtigkeit ihrer  Verwendung,  nämlich
       nach dem  aktuellen Stand der Konjunkturen kapitalistischer Akku-
       mulation bemißt.  In der Tat sind diese Börsen der einzige Ort in
       der kapitalistischen Welt, wo wirklich Ernst gemacht wird mit der
       bürgerlichen Ideologie,  Gebrauchsgüter bekämen ihren Preis durch
       das Verhältnis  zwischen Angebot  und Nachfrage:  Wo die Anbieter
       keine Kalkulation  mit Produktivität und Profit in die Waagschale
       zu werfen haben, sondern bloß ihren Wunsch nach Geld, entscheidet
       wirklich die  Zahlungsbereitschaft der  Nachfrager  darüber,  was
       daraus wird.  An die Stelle des Wertes, den kapitalistisch produ-
       zierte Waren  in ihrem Produktionspreis  h a b e n,  tritt da die
       freie   B e w e r t u n g   durch die  Kundschaft -  eine Art der
       "Wertbildung", die  die normalen Gesetze der Warenzirkulation auf
       den Kopf stellt, eben deswegen der Spekulation ein weites Betäti-
       gungsfeld eröffnet, und allen Vorstellungen über Tauschgerechtig-
       keit mitsamt der daraus abgeleiteten Kritik an "strukturellen Un-
       gerechtigkeiten" des Weltmarktes Hohn spricht.
       Für die  Finanz- und Wirtschaftspolitik der afrikanischen Staaten
       oder genauer: für ihre der Finanz- und Wirtschaftspolitik bürger-
       licher Staaten analogen Aktivitäten folgen aus dieser Art von Au-
       ßenhandel lauter  Paradoxien. Die  Staatsgewalt bringt es so fer-
       tig, ihren  Bestand zu  finanzieren, ohne in ihrem Herrschaftsbe-
       reich über  Quellen wirklich  universal verwendbaren Reichtums zu
       verfügen, also  ohne die  dafür eigentlich unerläßliche Akkumula-
       tion. Ohne  ein nationalen Überschuß repräsentierendes, also pro-
       fitträchtiges Warenangebot  betätigt sie  sich als  Außenhändler,
       indem sie  die in  ihrem Bereich vorfindlichen sachlichen Voraus-
       setzungen einer möglichen, aber eben nicht existierenden nationa-
       len Produktion  zur Ware   d e k l a r i e r t  - selbstverständ-
       lich ohne ihnen damit doch die Eigenschaft eines mehrwertträchti-
       gen Warenkapitals  verleihen zu  können. Sein  Geschäft macht ein
       solcher Souverän  somit durch die bloße Veräußerung seiner natür-
       lichen Reichtümer,  ohne durch  diese Transaktion die Bedingungen
       für eigenen Reichtum zu schaffen und ihn zu vermehren. Wo die ka-
       pitalistischen Staaten  den welthistorischen "Kunstgriff" prakti-
       zieren, ihre  eigenen Unkosten zum Mittel der Akkumulation zu ma-
       chen, bestreiten  die politischen Souveräne Afrikas ihren Finanz-
       hedarf mit einem "Geschäft", das die vorhandenen stofflichen Vor-
       aussetzungen sowohl  für den Aufbau einer nationalen Produktion -
       die deswegen auch nicht zustandekommt - als auch für die Fortfüh-
       rung   dieser    trostlosen   Sorte   von   "Geschäft"      n u r
       m i n d e r t.   Und schließlich: Eben weil ihr Export grundsätz-
       lich nichts mit Gewinn zu tun hat, sondern mit dem Ausverkauf der
       "Reichtümer" des  Landes zur Finanzierung des existierenden Herr-
       schaftsapparates dient, haben die als Verkäufer auftretenden Sou-
       veräne mit  der Höhe  des Preises  für ihre  als  Mittel  fremden
       Reichtums freigegebenen Rohstoffe ökonomisch nichts zu schaffen.
       Dieser zuletzt  genannte Zusammenhang wird gewöhnlich genau umge-
       kehrt aufgefaßt:  Daß die  afrikanischen Länder es nicht zu einer
       eigenen funktionierenden  Volkswirtschaft  bringen,  soll  seinen
       Grund darin  haben, daß  sie an der Festsetzung des Preises ihrer
       Exportgüter zu  wenig beteiligt  seien. Dieser  Auffassung -  die
       nicht nur von den betroffenen Staaten in ihren entsprechenden Be-
       schwerden, sondern  heuchlerisch auch  von ihren  "Gesprächspart-
       nern" in  den westlichen  Außen- und Entwicklungshilfeministerien
       und der  dazugehörigen Weltöffentlichkeit  vertreten wird - liegt
       ein reiner   I d e a l i s m u s   d e r  S o u v e r ä n i t ä t
       zugrunde: die  fromme Vorstellung,  auf den  Verkauf ihrer Natur-
       schätze angewiesene Souveräne dürften nicht einfach als besonders
       ohnmächtige Sorte  von Verkäufern  behandelt, sondern sollten als
       wirkliche Souveräne  respektiert werden. Wahr ist an diesem Idea-
       lismus nur eins: Das, was sie anzubieten haben, ist eben tatsäch-
       lich  keine   Ware,  sondern  ihre  politische  Gewalt  über  die
       "Reichtümer" ihres Landes; und deswegen haben sie in die Preisge-
       staltung auch  wirklich nichts anderes einzubringen als das poli-
       tische Monopol  über ihr Land. Daß sie nichts anderes geltend ma-
       chen können,  heißt allerdings alles andere, als daß die verehrte
       Kundschaft sich  deswegen von Gesichtspunkten der nationalen Ehre
       und der  internationalen Gerechtigkeit  in ihrer  Zahlungsbereit-
       schaft leiten  ließe. Und  damit erwächst  der Wirtschaftspolitik
       dieser Staaten ihr eigentümlicher Gegenstand.
       Sie findet  erstens  auf  dem  Feld  internationaler  Konferenzen
       statt, auf denen die afrikanischen im Verein mit ähnlich beschaf-
       fenen  Staaten   ihren  kapitalistischen  Abnehmerländern  höhere
       Preise abzuhandeln  suchen. Das  Druckmittel, das  sie dafür  zum
       Einsatz bringen können, ist nicht ökonomischer Natur, sondern die
       Drohung mit  verschlechterten politischen Beziehungen - eine Dro-
       hung, die  die imperialistischen  Adressaten ziemlich kalt lassen
       kann, weil jeder Versuch, damit Ernst zu machen, den Ruin des be-
       treffenden Landes zur Folge hätte. Die Ergebnisse derartiger Kon-
       ferenzen sehen entsprechend aus. Entweder bleibt es bei Papieren,
       die das  "Scheitern" der  angestrengten "Einigungsbemühungen" be-
       dauern und  neue Konferenzen in Aussicht stellen. Oder es entste-
       hen seltsame  Ausgleichskonten bei der Weltbank, die mit der Ver-
       heißung, extreme  Preisschwankungen nach unten "abzufedern", zwar
       nie den  "Preismechanismus" der  so vortrefflich funktionierenden
       Warenbörsen außer  Kraft setzen,  immerhin aber  neben diesem den
       guten Willen  der kapitalistischen  Staaten zu  politischer Rück-
       sichtnahme demonstrieren  - gelegentlich sind sie sogar für Inve-
       stitionen gut,  die den  Abtransport  der  nützlichen  Dinge  aus
       Afrika beschleunigen helfen.
       Die afrikanische  Wirtschaftsdiplomatie gelangt also immer nur zu
       dem Ergebnis  - wenn  auch nicht  zu der Einsicht -, daß sich mit
       einem Staat,  der nur mit auswärtigen Finanzen zu machen ist, we-
       nig Erpressung und noch weniger gutes Geld machen läßt. Die afri-
       kanischen Souveräne  orientieren sich daher - zweitens - in ihrer
       Wirtschaftspolitik an  dem Ideal, ihr  p o l i t i s c h e s  Mo-
       nopol über  ihre nationalen  Naturschätze zu  einem    ö k o n o-
       m i s c h e n   Monopol auf ein für den Weltmarkt unentbehrliches
       Gut auszubauen,  auf daß  eine Konkurrenz  der  Käufer  einsetzen
       möge, die  ganz von  allein die Preise in die Höhe treiben müßte.
       Auch hier bringen sie es allerdings über den frommen Wunsch nicht
       hinaus. Denn  zum einen  liegt es  gar nicht  in ihrer Macht, mit
       ihrem Güterangebot  überhaupt wichtig oder sogar unentbehrlich zu
       werden: Darüber  entscheiden allemal  allein die  Bedürfnisse der
       Kapitalakkumulation  in   den  reichtumproduzierenden   Nationen.
       Weniger oder  womöglich nicht  zu verkaufen, um so künstlich eine
       Konkurrenz  um   ihr  spezielles  Exportgut  zu  erzeugen,  liegt
       ebenfalls nicht in ihrer Macht; denn damit würden sie unmittelbar
       ihre einzige  Revenuequelle schmälern,  die  doch  sowieso  ihren
       Finanzbedarf nicht  deckt (deswegen  soll  sie  ja  einträglicher
       gemacht werden!).  Alle immerhin  denkbaren  und  bisweilen  auch
       unternommenen Anstrengungen  schließlich, ihren Rohstoffexport zu
       steigern, garantieren  ebenfalls keine  höheren Exporterlöse.  Im
       Gegensatz nämlich  zu einem kapitalistischen Produzenten, der mit
       der Produktivität  seines Kapitals  gegen andere  konkurriert und
       daher sein  Geschäft voranbringt, wenn es ihm gelingt, seine Kon-
       kurrenten mit einem günstigeren Produktionspreis aus dem Felde zu
       schlagen, kann  ein Rohstoffexporteur von einem größeren Marktan-
       teil bei  verringertem Preis nie den erhofften Vorteil haben. Um-
       gekehrt freilich  ist er  bei gesunkenem Preis gezwungen, wenn er
       sich seine  Einkünfte erhalten  will, mehr zu verkaufen, was wie-
       derum seinem  Abnehmer alle Freiheit läßt, den Preis zu drücken -
       dies alles  nach dem  ökonomisch ganz unsinnigen Prinzip, auf dem
       sein Geschäft  beruht, nämlich daß es bei ihm nicht um Rentabili-
       tät, sondern  um die Deckung eines Finanzbedarfs geht. Das letzte
       Mittel afrikanischer Wirtschaftspolitik ist die Lizenzierung oder
       sogar Initiierung  von Versuchen,  in die  Exportdomänen  anderer
       rohstoffexportierender Länder einzubrechen - aller Kaffeeanbau in
       Afrika ist  beispielsweise ein  allerdings noch zu Kolonialzeiten
       eingeleiteter Angriff  auf das  brasilianische Kaffeemonopol, und
       derzeit finden  Ghanas klassische  Kakaopflanzungen Nachahmer  im
       halben Kontinent.  Das Ergebnis ist auch hier absehbar: Statt die
       Stellung des  Exporteurs zu  stärken, eröffnet sich so den Abneh-
       mern die  erfreuliche Perspektive  einer härteren  Konkurrenz der
       Anbieter.
       Die Position  eines wirklichen Monopolisten - der als ausschließ-
       licher Verkäufer  einer gefragten  Ware aus  der  Konkurrenz  der
       Nachfrager den Vorteil zieht, soviel verlangen zu können, wie die
       Zahlungsfähigkeit hergibt  - ist und bleibt für die afrikanischen
       Staaten also  ein  Ideal.  Das  einzige  Monopol,  über  das  sie
       tatsächlich verfügen,  ist das  ihnen zugestandene auf politische
       Gewalt über  ihr Land.  Ökonomisch ist  dieses Monopol aber etwas
       rein Negatives. An sich selbst ist es nämlich überhaupt kein öko-
       nomisches Mittel:  es  w i r d  dazu erst durch ein ausländisches
       Interesse, dem  es also  nicht störend  in die Quere kommen darf.
       Ö k o n o m i s c h e s   Mittel des  Souveräns ist  sein politi-
       sches Monopol nur darin, daß dieser es sich abkaufen läßt - womit
       auch schon  klar ist, daß es gar nicht sein Mittel ist: Es hat ja
       nur  dadurch  überhaupt  Bestand,  daß  es  sich  gar  nicht  als
       w i r k l i c h e   Schranke für  das auswärtige Interesse an der
       Nutzung des  fraglichen  Herrschaftsgebietes  betätigt.  Die  Ge-
       schäftsgrundlage  ist   somit  gewissermaßen   nach  dem   Muster
       p o l i t i s c h e r    K o r r u p t i o n    organisiert:  als
       Geldzuwendung an die Staatsgewalt mit dem Zweck und dem Resultat,
       daß der  ausländische Geldgeber  sich der  Schätze im  Lande  des
       "gekauften" Souveräns  bedienen darf.  Korruption ist  aber nicht
       die tatsächliche  Grundlage dieses Verhältnisses: sie ist nur der
       souveränitätsidealistische   S c h e i n,   der die gesamte Wirt-
       schaftspolitik dieser  Staaten bestimmt  - und  deswegen auch bei
       jedem Regierungswechsel  als Vorwurf gegen die gestürzten Vorgän-
       ger aufpoliert  wird. Denn  ohne derartige  Geldzuwendungen  wäre
       eine zum  Vorteil ausländischer  Interessenten zu  beeinflussende
       Staatsgewalt über  einen afrikanischen Landstrich überhaupt nicht
       existent. Von  ihrer materiellen  Grundlage her ist die afrikani-
       sche  Exportökonomie  daher  zu  fassen  als  die    A l i m e n-
       t i e r u n g   einer souveränen  Gewalt durch  die  europäischen
       Staaten, deren  Volkswirtschaften  die  Naturschätze  des  dieser
       Gewalt unterworfenen  Landes nutzen.  Als   ö k o n o m i s c h e
       B a s i s   afrikanischer Souveränität  erweist  sich  damit  der
       p o l i t i s c h e   W i l l e  ihrer imperialistischen Handels-
       partner,  in   Afrika  Staatswesen   zu  unterhalten   und  deren
       Herrschaftsapparate wie  Souveräne zu  respektieren: nur  dadurch
       kommen dort respektable Verhandlungspartner für bestimmte kapita-
       listische Geschäftsinteressen überhaupt zustande.
       Konsequenterweise unterliegt  jeder afrikanische  Souverän  einer
       kritischen Einschätzung  nicht nur durch die interessierten Kapi-
       tale, sondern  zuallererst und in letzter Instanz durch die impe-
       rialistischen Regierungen,  und zwar  unter dem Gesichtspunkt, ob
       und inwieweit gerade seine Souveränität durch die Zulassung eines
       politischen Preises  für seine  Exportgüter erhalten werden soll.
       Ausgestattet mit sämtlichen Idealen internationaler Gleichberech-
       tigung und  Nicht-Einmischung, aber  ohne je auf sie hereinzufal-
       len, haben die westlichen Staaten dabei Großzügigkeit gelernt: Im
       Fall diplomatischer Extravaganzen eines Hintersassen bewährt sich
       auf Dauer  noch allemal das Faktum, daß das politische Wohlwollen
       der kapitalistischen  Mächte die  Bedingung  jeglichen  Exportge-
       schäftes   i s t.  Und wenn die afrikanischen Souveräne sich die-
       sen Zusammenhang  um so konsequenter zu Herzen nehmen, je irrele-
       vanter  ihr   spezielles  Rohstoff-"Monopol"  ist  -  mit  seiner
       "Herrschaft" über den westeuropäischen Erdnußkonsum steht Senegal
       z.B. nicht  besonders glanzvoll da und hat einen entsprechend ge-
       bildeten Präsidenten  vorzuweisen -,  so erfreuen  sich umgekehrt
       die Souveräne über die wichtigeren unter  "u n s e r e n"  R o h-
       s t o f f q u e l l e n     um  so   intensiverer  diplomatischer
       Aufmerksamkeit (und  militärischer Unterstützung),  was auf  das-
       selbe hinausläuft.  In  allen  Fällen  basiert  die  afrikanische
       Staatsgewalt ökonomisch  nicht bloß auf dem realen Überfluß, son-
       dern zuallererst  auf dem politischen Urteil der kapitalistischen
       Staaten, daß es sie als nützliche "Partner" geben soll.
       Die Bezahlung  afrikanischer Exportgüter  ist folglich nicht mehr
       als ein   p o l i t i s c h e r   K r e d i t  an die zuständigen
       Herrscher; ein Kredit allerdings, dessen Höhe sich nicht nach dem
       wirklichen Finanzbedarf  dieser Herrscher  richtet, sondern  eben
       nach dem  Stand der  kapitalistischen Konjunkturen. Der Wille der
       imperialistischen Staaten,  Afrika mit souveränen Herrschern aus-
       zustatten, hat deswegen seine eigene  e x p l i z i t e  ökonomi-
       sche Gestalt  neben der  Revenue, die  diesen aus dem Rohstoffab-
       transport zufließt: in  d i r e k t e n  Zuschüssen, Finanzkredi-
       ten und  "Entwicklungshilfen". Hier sind Transaktionen an der Ta-
       gesordnung, die  nur der Form nach den Regeln des internationalen
       Zahlungsverkehrs genügen,  weil es  darin überhaupt nicht ums Ge-
       schäftemachen geht,  sondern um die Erhaltung von Souveränen, bei
       denen die pure Existenz: die Gewalt über ihr Gebiet und die damit
       sichergestellte politische Verfügbarkeit der dort lagernden sach-
       lichen Grundlagen  des imperialistischen  Reichtums, die ökonomi-
       sche Zurechnungsfähigkeit  nach  kapitalistischen  Maßstäben  er-
       setzt. Da  werden "Sonderkredite"  zur  Finanzierung  notorischer
       Zahlungsbilanzdefizite vergeben, bei denen die Sicherheit, nichts
       davon je  wiederzusehen, niemandem  zweifelhaft ist und auf Zins-
       zahlung schon gleich verzichtet wird - was dann, als wäre es doch
       irgendwie ein Geschäft, bei den Geberländern als "Zinssubvention"
       verbucht wird.  Gespräche über  Schuldenstreichungen finden statt
       nicht in  der Erwartung  eventuell ginge  es am Ende doch ans Zu-
       rückzahlen, sondern um des politischen Demonstrationseffekts wil-
       len: gibt  der "Gläubigerstaat" sich großzügig oder spart er sich
       das noch  auf? Staatsbankrott  gibt es  deswegen nicht,  weil die
       Staaten Afrikas  den entsprechenden  Maßstäben einer regelrechten
       Haushaltsführung gar nicht erst unterworfen werden; wenn der Fis-
       kus es  irgendwo gar zu bunt treibt, nimmt sich der IWF mit eige-
       nen Beamten  der Finanzverwaltung  an - so in Zaire. Der Haushalt
       einiger frankophoner  Staaten wie  Tschad,  Obervolta  oder  Zen-
       tralafrika wird  gleich von  der Republik Frankreich als Unterab-
       teilung ihres  eigenen abgewickelt,  ohne Einschaltung  des  Wäh-
       rungsfonds; und die "Franc-Zone" existiert nach wie vor - mit dem
       einzigen Unterschied zu den verflossenen Zeiten der "Communauté",
       daß das  spezifizierende Kürzel  "C.F.A."  hinter  dem  Geldnamen
       "Franc" nicht  mehr "Colonie  Française d'Afrique",  sondern, ein
       schönes Zeichen  für die  politische Qualität  des Französischen,
       "Communauté Financière  Africaine" bedeuten  will. Und  in  einem
       Punkt gehen die imperialistischen Mächte in ihrer Fürsorglichkeit
       überhaupt kein Risiko ein: Waffenlieferungen werden gleich so ge-
       handhabt, wie  sie gemeint  sind, nämlich  nicht einmal  der Form
       nach als Handelsgeschäft (es sei denn, es hätten sich auch einmal
       in  Afrika   "überhöhte  Rohstoffentgelte"   angesammelt,   deren
       "Rücktransfer" energisch in Angriff zu nehmen wäre), sondern ohne
       große Umstände als milde Gabe und Ausbilder gleich inklusive.
       Die Staatsgewalt in den afrikanischen Staaten beruht also auf ei-
       nem politischen  Kredit, den die kapitalistischen Staaten vor al-
       lem Westeuropas  gewähren, weil  ihnen an  politischer Herrschaft
       dortzulande liegt;  er befördert  zwar die  schönsten  Geschäfte,
       wird aber selbst nicht mit geschäftlichen Maßstäben gemessen. Vom
       Standpunkt der  imperialistischen Staaten  aus, die das wirkliche
       Subjekt dieser  Verhältnisse sind,  erweist sich daher selbst der
       Rohstoffexport, so  sehr er  wie der  Außenhandel eines regulären
       Souveräns organisiert  ist, als  etwas höchst  Seltsames: als die
       teilweise Vergütung der vom Westen gezahlten faux frais der poli-
       tischen Herrschaft  dortzulande in  landesspezifischen   N a t u-
       r a l i e n,   deren   B e w e r t u n g   ganz in den Zuständig-
       keitsbereich der großen Warenbörsen fällt - womit der ökonomische
       Vorteil des gesamten Unternehmens klargestellt wäre. Unter diesem
       praktisch maßgeblichen  Gesichtspunkt  unterscheidet  der  Außen-
       handel der afrikanischen Staaten sich also gar nicht groß von der
       zur Zeit  wieder mehr  in Übung kommenden Methode, die Herrschaft
       über einen  Fleck des  Globus dadurch  in Geld zu verwandeln, daß
       dieser Fleck  interessierten Weltmächten  zu militärstrategischer
       Nutzung  überlassen  wird  seitdem  die  USA  ihre  "neue  Linie"
       klargestellt haben,  will so  manches Land der "Dritten Welt" zur
       "Stabilität" seiner  Region beitragen.  Hier ganz genauso wie bei
       der Zurschaustellung  nationaler  Naturschönheiten  für  den  in-
       ternationalen Tourismus  geht es  in Afrika nirgends darum, einem
       heimischen Unternehmertum  in Sachen  Bau- und Dienstleistungsge-
       werbe neue Verdienstmöglichkeiten zu erschließen, sondern um For-
       men, die faux frais nationaler politischer Herrschaft  ö k o n o-
       m i s c h  f u n k t i o n a l  zu machen. Es ist daher auch kein
       Zufall, daß  Aktivitäten dieser und sonstiger Art - Rosen und Pa-
       prika für  den europäischen Winter, Safaris für Omas - sich weni-
       ger den Anstrengungen der einheimischen politischen Elite verdan-
       ken, ihrem  Land zu einer potenten eigenständigen Volkswirtschaft
       zu verhelfen, als vielmehr dem Erfindungsreichtum von auswärtigem
       kapitalistischem Geschäftssinn  bzw. idealistischen Entwicklungs-
       helfern: Ökonomisch  geschieht dies  alles unter  der  kritischen
       Forderung des  Imperialismus, daß  die Alimentierung  politischer
       Herrschaft in  Afrika sich  immer mehr  und möglichst  auch  noch
       dort, wo  es sich  bislang um ein reines Zuschußgeschäft handelt,
       irgendwie  l o h n e n  s o l l.
       Dazu steht  keineswegs die  Tatsache  im  Widerspruch,  daß  auch
       Staatsapparate ausgehalten  werden, deren  beherrschtes Staatsge-
       biet samt Volk und Geziefer keinerlei profitliche Transaktion er-
       laubt. Einerseits  ist der   p o l i t i s c h e    E i n f l u ß
       auf eine  vor Ort bestimmende Führung die unabdingbare Vorausset-
       zung für  eventuell sich  noch ergebende  Geschäfte, andererseits
       sind gerade  in Afrika die politisch-militärischen Kräfteverhält-
       nisse und die sie ausmachenden Koalitionen ziemlich bedeutsam für
       alle Sorten erwünschter Stabilität und Unruhe in den Gebieten und
       um sie  herum, in  denen auch  ökonomisch etwas zu holen ist. Daß
       jeder Quadratkilometer  von einem zumindest halbwegs kalkulierba-
       ren, immer  aber auch erpreßbaren Souverän beherrscht wird, liegt
       insofern stets  im Interesse  der imperialistischen Nationen, und
       die bunte  Vielfalt tolerierter  und verköstigter Regierungsmann-
       schaften mit Sitz und Stimme in der UNO legt beredtes Zeugnis da-
       von ab, daß der aufgeklärte Westen auch mit mancher Kuriosität zu
       leben und  zu rechnen  versteht, wenn sie sich als Ordnungsfaktor
       in einer  von ihm  prinzipiell benützten  Welt bewährt. In dieser
       Rechnung, die im übrigen einen flotten Konkurrenzkampf der freien
       westlichen Nationen untereinander und mit dem Osten prägt, zählen
       rein politische  Gesichtspunkte ohne Rücksicht auf den Profit den
       ohnehin Kapitalisten und nicht Staaten machen.
       4. So ist es gar nicht verwunderlich, daß in einem guten Teil der
       "Dritten Welt"  die "Entwicklung"  etwas anders  stattfindet, als
       sich das  die Idealisten  der weltweiten Segnungen von Handel und
       Wandel erträumen.  In den souveränen Anhängseln der "Ersten Welt"
       stellt die  Staatsgewalt in ihrem Wirken prinzipiell einen einzi-
       gen Angriff auf die naturwüchsige Produktionsweise ihrer Bevölke-
       rung dar;  einen Angriff,  der diese  Produktionsweise nicht  um-
       wälzt, sondern  gleichzeitig aufrechterhält und ihrer materiellen
       Grundlage beraubt.  Die vielsagenden Kurzstatistiken der UNO- und
       sonstigen Weltalmanache  weisen aus,  daß  in  den  afrikanischen
       Staaten in  der Regel  zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölke-
       rung von  "traditioneller" Subsistenzlandwirtschaft  leben,  zwi-
       schen  80   und  90%   der  "Erwerbstätigen"  in  diesem  Bereich
       "beschäftigt" sind  und die  Verstädterung auch  dortzulande  zu-
       nimmt. Für  ihre Selbsterhaltung kraft eigener Arbeit bleiben die
       Massen der  afrikanischen Völker also darauf angewiesen, sich mit
       so kümmerlichen  Techniken wie  dem Brandrodungsfeldbau im tropi-
       schen Regenwald  (der bei  aller Kärglichkeit der Erträge den mit
       der Hacke  bearbeiteten Boden in wenigen Jahren erschöpft und zur
       nächsten  Rodungsaktion  zwingt),  der  Wechselfeldwirtschaft  in
       "begünstigteren" Savannengebieten  oder nomadischer  Viehzucht in
       der Sahelzone  und im  ostafrikanischen Grabenbruch die nötigsten
       Lebensmittel zu beschaffen. Im Falle von Mißernten haben sie sich
       mit den  Affen um jene "Wildfrüchte" zu streiten, derentwegen mo-
       derne  "Entwicklungshilfe"-Statistiken   gelegentliche  Einbrüche
       etwa bei  der zentralafrikanischen  Hirseproduktion verschmerzbar
       finden. Gerade weil diese urtümlichen Formen landwirtschaftlicher
       Produktion praktisch  ohne Hilfsmittel auskommen, sind sie aller-
       dings um so mehr auf eine Hauptbedingung ausgewiesen, nämlich auf
       stets neues   L a n d;  und genau diese Bedingung macht ihr poli-
       tischer Souverän  ihnen zunichte.  In manchen Fällen genügt schon
       die bloße  Deklarierung einer  Staatsgrenze, irgendwo  durch  die
       Dreiviertelswüste gezogen und von ein paar Polizisten bewacht, um
       Katastrophen in  der Reproduktion  ganzer Stämme heraufzubeschwö-
       ren, die  dann hierzulande  mit dem  Zynismus des  "wissenschaft-
       lichen" Durch-  und Überblicks als  ö k o l o g i s c h e  begut-
       achtet werden:  Allein weil  die bewachte  Grenze ein  unkontrol-
       liertes Herumstrolchen  von Halb-  oder Ganz-Nomaden  durch  ver-
       schiedene Staatsgebiete  behindert, wird  der Weideraum  für  die
       Herden unter  das Existenzminimum  gedrückt und so dafür gesorgt,
       daß dieser  verringerte Raum  durch Überbenutzung  zusätzlich un-
       tauglich gemacht wird. Vor allem aber laufen praktisch alle wirt-
       schaftlichen Projekte,  die eine  Regierung in ihrem Lande zuläßt
       oder inszeniert,  darauf hinaus,  der Subsistenzwirtschaft  ihren
       notwendigen Raum  zu nehmen, ohne ihrerseits für neue Subsistenz-
       grundlagen zu sorgen. Plantagen und Musterfarmen nutzen den Boden
       zweifellos intensiver und ertragreicher als die Subsistenzbauern,
       die sie  verdrängen; aber sie nutzen ihn eben für die Ankurbelung
       des Exports,  und zwar nicht durch die Erzeugung eines wirklichen
       Überschusses an Lebensmitteln, der dann ins Ausland geht - solche
       Überschüsse produziert von allen Staaten Afrikas allein die Repu-
       blik Südafrika,  die über  ein Zehntel ihres Außenhandels mit Le-
       bensmittellieferungen an  ihre Nachbarländer  bestreitet! -, son-
       dern durch die möglichst ausschließliche Produktion für den euro-
       päischen Markt.  Forstwirtschaft sowie Mineralienabbau dienen von
       vornherein nicht  der Mehrung von Eßbarem, sondern allein der Er-
       schließung der  Naturschätze, mit denen die Staatsgewalt sich für
       auswärtige Interessen  interessant machen  kann, und  dergleichen
       ist stets mit der ersatzlosen Vernichtung der Reproduktionsgrund-
       lagen einiger  Eingeborener verbunden;  dasselbe gilt für all die
       vielfältigen "Projekte"  wie Nationalparks,  Raketenerprobungsge-
       lände und dergleichen, die die zuständigen Souveräne in ihrem Be-
       streben, ihre  politische Gewalt  über viel  Natur  in  klingende
       Münze zu  verwandeln, sich  von Scharlatanen aller Art gerne auf-
       schwatzen lassen:  Für alles, was Geld bringt, sei es die Besich-
       tigung von  Elefanten  durch  europäische  Tierfreunde  oder  das
       Schwindelgeschäft deutscher Abschreibungsfirmen mit fluguntüchti-
       gen Eigenbauraketen, wird beliebig viel Gelände rücksichtslos von
       seiner Einwohnerschaft "gesäubert", die ja nun mal kein Geld mehr
       bringt, seit  sie nach  Unterbindung des Sklavenhandels zumindest
       im Außenhandel nicht mehr als ein geschäftlich verwertbares Stück
       politisch monopolisierbarer Natur gilt.
       Selbstverständlich geht  auch diese  planmäßige  Vernichtung  der
       Subsistenzgrundlagen der  vorhandenen Menschen  nicht ohne polit-
       ökonomische Ideale ab. Diese Ideale heißen 'Schaffung produktiver
       Arbeitsplätze' und 'Integration der Subsistenzbauern in die Geld-
       wirtschaft' und  legen auf  ihre Weise  Zeugnis davon ab, daß die
       trostlos ineffektive und bornierte Arbeit der autochthonen Produ-
       zenten der  politischen Führung  insofern ein  einziges  Ärgernis
       ist, als nichts von ihren Früchten sich in ein Mittel staatlicher
       Revenue verwandelt.  Die Realität, die diesen Idealen entspricht,
       ist der  mit jeder öffentlichen Erschließungsmaßnahme den dadurch
       um ihre Subsistenzmöglichkeit gebrachten Einheimischen auferlegte
       Zwang, ihre  Arbeitskraft für die erfolgreiche Nutzbarmachung der
       erschlossenen Naturschätze benutzen zu lassen: für einfache Land-
       arbeit, einfache  Minenarbeit und  die beiden  Produktionszweigen
       unmittelbar nachgeordneten,  ebenso einfachen Aufbereitungsarbei-
       ten, die manchmal bis zur Verhüttung von Erzen reichen, sich viel
       öfter aber  auf die  bloße Verpackung  und Verladung  auf Fracht-
       schiffe beschränken.  Dieser Zwang  zur Arbeit  - nicht  für  das
       Mehrprodukt einer  einheimischen Volkswirtschaft, sondern für das
       Funktionieren auswärtiger Reichtumsproduktion und eine daraus ab-
       geleitete Revenue des eigenen Staates - macht aus dem seiner Sub-
       sistenzgrundlage beraubten Bauern keineswegs einen regulären Pro-
       letarier, sondern einen  L o h n s k l a v e n,  dessen Lebensun-
       terhalt sich nicht an einem in Geld ausgedrückten Wert seiner Ar-
       beitskraft bemißt,  sondern häufig in Form von Wohnung, Verkösti-
       gung und  Taschengeld verabreicht wird, auf alle Fälle nicht ein-
       mal die  Illusion freier  Verfügung über  die eigene Arbeitskraft
       aufkommen läßt  und auch  noch nicht einmal für die nackte Subsi-
       stenz zu reichen braucht, weil es allemal, und für die erforderte
       einfache Arbeit  schon gleich,  genügend Ersatzkräfte  gibt. Denn
       das ist  das ganze  "Geheimnis" der zunehmenden Verstädterung und
       der Differenz zwischen dem Anteil der in der Subsistenzproduktion
       Arbeitenden und  dem -  geringeren - Anteil der von ihr Lebenden:
       Die politische  Vermarktung des Landes und seiner Natur setzt re-
       gelmäßig weit  mehr Menschen  von ihren  Reproduktionsbedingungen
       frei, als  in den entsprechenden Projekten Arbeit finden, erzeugt
       also ein  zunehmendes Heer  absoluter Paupers,  die nicht wie die
       Arbeitslosen im  Kapitalismus eine  reguläre Abteilung  unter den
       hauptberuflichen Opfern  des Funktionierens  dieser  Produktions-
       weise darstellen,  sondern den  ökonomischen Abfall  bei der Ver-
       wandlung afrikanischer Natur in eine Geschäftsgrundlage des west-
       europäischen Kapitals. Und für diese Paupers gibt es eine Überle-
       benschance, wenn  überhaupt, dann  nur an den Hauptorten der ihre
       angestammte Subsistenzweise  vernichtenden staatlichen  Auslands-
       wirtschaft: an den  Haupt u m s c h l a g s plätzen  des Landes -
       meist den  Hafenstädten -,  deren  größter  regelmäßig  auch  die
       Hauptstadt ist.  Dort bietet sich nämlich allenfalls die Möglich-
       keit, ein  Stückchen des  ins Land kommenden Reichtums an sich zu
       bringen und  sich 'in  die Geldwirtschaft zu integrieren': sei es
       durch Raub  und Diebstahl - denn in den Metropolen gibt es immer-
       hin überhaupt  etwas zu  stehlen und  eine Infrastruktur von Heh-
       lern; sei  es durch  Hilfs- und Tagelöhnerarbeiten oder Prostitu-
       tion; sei  es durch Eintritt in die Armee, die ihre Soldaten zwar
       auch kaum  bezahlt, aber  immerhin halbwegs  verköstigt;  sei  es
       durch die Tätigkeit als Stimmvieh, Jubeltruppe oder gar als Frei-
       schärler im  Dienst eines Politikers, sobald der es opportun fin-
       det, seinen Konkurrenzkampf um die Macht durch den Einsatz leicht
       - nämlich oftmals schon für ein paar Mahlzeiten - käuflicher Mas-
       sen zu  entscheiden; sei es schließlich, Krönung einer derartigen
       Laufbahn, durch  noch so  geringfügige Teilhabe  an der Staatsge-
       walt, die  ja noch  dem letzten  ihrer Polizisten die Gelegenheit
       eröffnet, sein  Stückchen politischer  Verfügungsgewalt  zu  (Be-
       stechungs-)Geld zu machen.
       Diese letzteren,  die Glückspilze unter den Paupers, ausgenommen,
       läßt der  Staat seinen städtischen Massen im übrigen genausowenig
       sozialstaatliche Fürsorge angedeihen wie den ländlichen: Wenn sie
       ihm nicht  gleichgültig sind, so sind sie ihm hinderlich und wer-
       den entsprechend  rücksichtslos beiseite  geräumt. Fürsorge  exi-
       stiert  demgemäß   ausschließlich  als  das    I d e a l    d e r
       p r a k t i z i e r t e n   R ü c k s i c h t s l o s i g k e i t
       und wird  überhaupt nur  entweder von hartnäckigen Idealisten des
       Sozialstaats und  der Caritas  - die  logischerweise allesamt aus
       dem demokratischen,  christlichen  oder  sozialistischen  Ausland
       kommen: Entwicklungshelfern  und Missionaren samt Personal - oder
       von rivalisierenden  Politikern im Zuge ihrer Konkurrenz als per-
       sönliches Gütesiegel  in die Tat umgesetzt. Zu den Errungenschaf-
       ten der  letzteren Rubrik zählt der Einfall, angesichts der fort-
       schreitenden Zerstörung der Subsistenzwirtschaft deren Restaurie-
       rung zum  Heilmittel alles modernen Elends zu erklären und einige
       hundert Slumbewohner  in idyllische Urwaldweiler umzusiedeln bzw.
       die  bestehenden  Dörfer  demonstrativ  zum  Gegenstand  höchsten
       staatlichen Wohlwollens  zu erklären:  so vor  allem die Idee der
       "Ujamaa-Dörfer" in  Tansania, wo  unter dem  Obertitel des "afri-
       kanischen Sozialismus"  die alte  Produktionsweise nicht  bloß zu
       einem naturwüchsigen  Hort sämtlicher modernen staatsbürgerlichen
       Tugenden, allen  voran der Solidarität, idealisiert, sondern auch
       als Inbegriff  afrikanischer Überlebensweisheit praktiziert wird.
       Kaum anders  sehen die modernsten Vorschläge und Pläne westlicher
       Entwicklungshilfe aus,  den darbenden  Afrikanern mit "angepaßter
       Technologie" unter  die Arme  zu greifen:  Auch sie  ergänzen das
       Ideal  des   Aufbaus  einer  geldwirtschaftlich  funktionierenden
       Nationalökonomie  um   das  Gegenideal   einer  Fortführung   der
       a l t e n   Subsistenzwirtschaft unter  den  n e u e n  Bedingun-
       gen. Weniger  "Fehlschläge" als  der Idealismus  derartiger "Ent-
       wicklungsprogramme"  erleben  die  Kirchen  mit  ihren  Maßnahmen
       geistlich inspirierter  geistiger und  leiblicher Fürsorge:  Ihre
       Missionsschulen funktionieren  noch immer am besten, sind abseits
       der Hauptstraße  oft sogar  nach wie  vor die einzigen und setzen
       dort immer wieder zahlreiche Zöglinge instand, das eigene ländli-
       che Elend  mit den  immerhin vorhandenen Lebenschancen in den Me-
       tropolen ihres Landes zu  v e r g l e i c h e n  und sich auf der
       Grundlage ihres  geweiteten intellektuellen  Horizonts  dort  für
       sich selber  bessere Chancen  als daheim  auszurechnen. Die Folge
       ist, daß  nicht nur  die unmittelbar  aus ihren Wohngebieten ver-
       drängten oder  um ihren ökonomischen Lebensraum gebrachten Subsi-
       stenzbauern die  Slums der  afrikanischen  Städte  kontinuierlich
       ausweiten; neben  ihnen, vielleicht  auch   s t a t t  ihrer oder
       als ihre "Vorhut" landet dort auch ein Großteil derjenigen, denen
       eine regelrechte  Sozialleistung zuteil wird - oft genug die ein-
       zige in  ihrem Leben  -, nämlich  eine Ausbildung  im englischen,
       französischen oder portugiesischen Alphabet und den für die Teil-
       nahme an  der Geldwirtschaft  unabdingbaren Grundrechenarten  der
       Mathematik und der Moral. Sie gehen, christlich gebildet, mit der
       Hoffnung in die Stadt, es den Großen ihrer Nation - fast durchweg
       selber Absolventen  von Missionsschulen und bisweilen bis zum Bi-
       schofsamt avanciert!  - nachzutun und sich einen  P o s t e n  zu
       erobern.
       Die Bevölkerung der afrikanischen Staaten ist also nicht nur nach
       dem vorpolitischen  Kriterium der  Stammeszugehörigkeit sortiert,
       sondern kennt verschiedene Sorten von Bürgern exakt gemäß dem po-
       litökonomischen Prinzip,  nach dem  die Staatsgewalt sich erhält.
       Es gibt  eine -  alle Gebildeten  umfassende  -  Minderheit,  nie
       gleichmäßig, aber  grundsätzlich allen  nationalen Völkerschaften
       entstammend, die  in individuell  unterschiedlicher Weise und vor
       allem in  höchst unterschiedlichem  Maße an  der Finanzierung der
       politischen Herrschaft  durch das  interessierte Ausland partizi-
       piert; sie  betrachtet und  handhabt ihre Regierungs- und Verwal-
       tungstätigkeit ganz  "sachgerecht", nämlich ganz entsprechend dem
       Fehlen eines  inneren gesellschaftlichen  Bedarfs an  effektiver,
       dem Bürger  irgendwie nützlicher staatlicher Verwaltung, als Aus-
       nützung einer  von oben  oder von  den jeweils Betroffenen finan-
       zierten politischen  Pfründe -  eine Art von Revenue, die bei den
       untersten Chargen  in Straßenraub  mit staatlicher  Autorität und
       staatlichen Waffen übergeht. Es gibt eine große Mehrheit von Sub-
       sistenzbauern, denen  ihre ohnehin  extrem kärgliche  Subsistenz,
       von deren  Überschüssen sich nach wie vor allenfalls ein Zauberer
       pro Dorf  aushalten läßt, bestritten wird, weil sie jeder vom po-
       litischen Souverän lizenzierten Erschließung sämtlicher irgendwie
       interessierenden Naturmerkmale  des Staatsgebiets  nur hinderlich
       sind. Und es gibt Lohnsklaven und ein wachsendes Heer städtischer
       Paupers, die sich ihr Leben lang in der verzweifelten Anstrengung
       aufreiben, sich aus der notwendigen Aufbereitung und dem Abtrans-
       port der  Naturschätze des  Landes sowie  den dabei  am Rande ab-
       fallenden halb-  oder illegalen  Verdienstmöglichkeiten einen Le-
       bensunterhalt zu beschaffen; den Subsistenzbauern haben sie nicht
       mehr und nicht weniger als die  C h a n c e  voraus, irgendwie in
       eine staatlich  gesicherte Existenz hineinzugelangen, sei es auch
       nur als Hausdiener eines besseren Elitenegers oder in ein noch so
       schlecht, aber  eben mit einem festen Gehalt dotiertes Angestell-
       tenverhältnis: mit  dem letzten  Sekretär der staatlichen Gewerk-
       schaft oder Einheitspartei fängt bereits die "Elite" an.
       Geben muß  es schließlich  auch noch eine gewisse Anzahl von Leu-
       ten, die  den Umschlag  des Geldes  besorgen, das der politischen
       Elite aus  dem staatlichen  Auslandsgeschäft und dessen 'flankie-
       renden Maßnahmen'  Entwicklungshilfe und  Bestechung zufließt und
       von ihr  ja auch  verausgabt wird,  die also  aus dem  Konsum der
       Geldeinkommensbezieher für  sich ein  Geschäft machen: kleinkapi-
       talistische Gewerbetreibende  -  denn  für  große  Kapitalanlagen
       existiert nirgends  ein hinreichendes zahlungsfähiges Bedürfnis -
       im Bereich  zwischen  Subsistenzwirtschaft  und  Außenwirtschaft;
       Agenten ausländischer Unternehmer der Konsumgüterbranche; Projek-
       temacher  kleineren   Zuschnitts;  Händler  mit  Beziehungen  und
       Auslandsverbindungen usw. Diese Sorte ökonomisch aktiver "Mittel-
       schichtler" kann  es allerdings  nur geben  ganz abgetrennt neben
       den erwähnten  Volksklassen:  Vom  Pauper  und  Lohnsklaven,  ge-
       schweige denn  vom Subsistenzbauern,  gibt es höchstens ausnahms-
       weise einen  Übergang in diese Sphäre des privaten Kommerzes; wer
       andererseits eine  Pfründe im Staatsdienst erobert hat, macht al-
       lenfalls darin Karriere, verfolgt aber bestimmt nicht das Lebens-
       ziel ökonomischer  Selbständigkeit- ein  Zweck, der ja, um üblich
       zu werden,  genau das  umgekehrte Verhältnis  zwischen Staat  und
       Privaten voraussetzen  würde als das tatsächlich herrschende. Die
       hier einschlägigen Tätigkeiten (von der funktionierenden modernen
       Werkstatt bis zum Transportunternehmen und vom Bierverlag bis zum
       Import gebrauchter Luxusautos) sind daher nicht zufällig eine Do-
       mäne von  geschäftstüchtigen  A u s l ä n d e r n  - vielen Grie-
       chen und Libanesen im Westen, Indern im Osten des Kontinents, die
       nicht selten  eigens dazu  ins Land gekommen sind, um die seltene
       Chance wahrzunehmen,  praktisch ohne Kapital, nur mit technischem
       und geschäftlichem  Geschick und einer gehörigen Portion Scharla-
       tanerie, schnell ein Vermögen zu machen.
       Beide Seiten,  die Einheimischen  wie die Auswärtigen, nähren aus
       dieser speziellen  "Arbeitsteilung" ihren  jeweiligen  Rassismus:
       Die Geschäftemacher  mit heller Hautfarbe verachten in den staat-
       lichen Verwaltungsmenschen,  für die  Effektivität überhaupt kein
       sinnvoller Zweck  ist, wie  in den  arbeitenden oder arbeitslosen
       Paupers, für  die Mehrleistung  sich ökonomisch nie auszahlt, den
       untüchtigen Schwarzen; die eingeborenen Paupers lassen sich unter
       dem  Gesichtspunkt  eines  antikolonialistisch  verallgemeinerten
       schwarzen Stammesstolzes  gegen die  geschäftstüchtigen Ausländer
       aufwiegeln; und  die führenden nationalen Politiker halten es im-
       mer wieder einmal für opportun, durch derartige Agitatio des Vol-
       kes Unzufriedenheit  für ihren  Konkurrenzkampf auszunutzen  - am
       bekanntesten die  einschlägigen Einfälle  des Idi Amin, sein Volk
       von den  indischen Händlern  zu 'befreien',  ganz als wären diese
       die Urheber  des ugandischen  Elends, und  sich zur rassistischen
       Freude seiner  Untertanen von  einer Staffel  Engländer durch die
       Straßen Kampalas tragen zu lassen.
       5. Den Idealismus,  die "Dritte Welt" müßte sich über gedeihliche
       Wirtschaftsbeziehungen mit  den "Industrieländern" entwickeln, in
       gewissen Proportionen  am Reichtum dieser Weltwirtschaft partizi-
       pieren, wollte  in einem  Fall niemand  so recht  hochhalten. Die
       große Ausnahme  sind die   Ö l s t a a t e n  - also ausgerechnet
       jene Souveräne, deren Exportartikel tatsächlich die für sie ange-
       nehme Wirkung  aufweist, ein  paar Milliarden abzuwerfen. Und das
       Ausbleiben der Freude darüber, daß hier einmal statt Schulden an-
       sehnliche Dollarkonten  zusammenkommen, verdankt  sich keineswegs
       dem Mitleid  mit den auch in Ölländern nicht verwöhnten Völkern -
       mit Demonstrationen  gegen den Schah haben sich Studenten der BRD
       bei ihren  Mitbürgern sehr  unbeliebt gemacht.  Vielmehr hat  man
       sich der  albernen Vorstellung bedient, ausgerechnet das Öl werde
       aus einer  großen Kasse  der Nation  bezahlt, sei  zu  teuer  und
       brächte "uns"  in Schwierigkeiten  - die letzte Nutzanwendung aus
       dieser Mär  zog der  damalige Kanzler anläßlich der Konferenz von
       Cancún, als  er den "Sparhaushalt", d.h. den bei erhöhten Staats-
       ausgaben ausgeübten Zwang zum privaten Einteilen, flugs als Krise
       deutete und wieder einmal die Ölpreise zur Ursache erklärte. Jah-
       relang galten die Ölscheichs als "Erpresser", die unsere ölabhän-
       gigen Volkswirtschaften  ins Ungemach  stürzen; und  die  gelehrt
       klingende Beschwerde  über eine  "Eskalation des wirtschaftlichen
       Drohpotentials der  Förderländer" nahm  sich noch moderat aus ge-
       genüber dem Befund, die OPEC stelle "nach unserem Recht eine kri-
       minelle Vereinigung" dar.
       Dem ökonomischen  Unsinn gesellte sich der ökologische hinzu. Die
       Vorstellung, die  Welt ginge  aufgrund eines Energiemangels einer
       globalen Herausforderung nie dagewesenen Ausmaßes entgegen, wurde
       mitsamt der moralischen Lehre, ein anständiger Mensch hätte spar-
       sam mit  dem knappen Gut umzugehen, zu einer Popularität hinmode-
       riert, die  gekonnt auf  den kleinen Mann berechnet war - der muß
       nämlich   w e g e n   d e s  P r e i s e s  tatsächlich mit Strom
       und Benzin haushalten. Die "Marktwirtschaft" wandte die liberalen
       Methoden der  Kalkulation an, um das Volk zur Tugend der Sparsam-
       keit anzuhalten,  so daß für die Endverbraucher tatsächlich Ener-
       gie zu  einem "kostbaren  Gut" wurde.  Da kam  es auch nicht mehr
       weiter darauf  an, daß  die Knappheitsvisionen des "Club of Rome"
       im praktischen  Geschäftsgebaren seiner  Mitglieder und  Förderer
       keine Rolle  spielten -  um so mehr Anklang fanden sie bei grünen
       und alternativen Anhängern des Umweltgedankens.
       Wie es sich für anständige Ideologien gehört, lassen sich anstän-
       dige Menschen  durch Fakten  ebensowenig von ihnen abbringen, wie
       sie sich  bei ihrer  Übernahme von der Realität und irgendwelchen
       stimmigen Auskünften  über diese  leiten lassen.  Wenn sich schon
       die Ökologie zur Ökonomie verhält wie die Astrologie zur Astrono-
       mie, dann  stört es einen Anhänger des "Knappheitsgedankens" auch
       nicht, daß  die Ölförderung während der Hochkonjunktur dieser Lü-
       gen gestiegen  ist wie  noch nie; und noch weniger fällt ihm auf,
       daß die  "Wirtschaft" am  Energieerhaltungssatz nie irre geworden
       ist, deswegen  mit dem gestiegenen Ölpreis auch andere Techniken,
       n ü t z l i c h e  F o r m e n  der Energie zu erzeugen, für loh-
       nend befunden hat. Was die politische Hetze auf jene "Neureichen"
       aus der  "Dritten Welt" angeht, so bleibt sie zwar im Arsenal des
       Wirtschaftsjournalismus verfügbar,  zugleich aber wird sie zuneh-
       mend abgelöst durch die Rede von "unseren Freunden" in Saudi-Ara-
       bien, die unbedingt das Beste kriegen müssen, was europäische und
       amerikanische Waffentechnik  zu bieten hat. Doch auch dergleichen
       gab es  schon zu den Zeiten, als keine imperialistische Karikatur
       die Erhöhung  des Benzinpreises  ohne einen  diebischen und  ver-
       schlagenen Scheich  zu kommentieren  wußte. Herzliche Staatsbesu-
       che, groß  dimensionierte "joint  ventures" seriöser Kapitalisten
       mit den  orientalischen "Wirtschaftsverbrechern"  und unbefangene
       Belieferung mit  Kriegsgerät aller Art - dieser Umgang der angeb-
       lichen Opfer mit ihren angeblichen Erpressern ist durchaus nichts
       Neues. Inzwischen  hat man  reichlich Gelegenheit, offizielle Ba-
       stionen unserer  Freiheit, Verbündete, Vernünftige und einige Un-
       verbesserliche unter  den Ölstaaten  zu unterscheiden  - eine der
       Konsequenzen jener  von der  NATO beschlossenen  "weltpolitischen
       Entwicklung", die Zustände wie die im Folgenden beschriebenen im-
       merzu überholt.
       a) Bis vor  wenigen Jahren  machten die Ölkonzerne ihr großes Ge-
       schäft auf der Basis und mit Hilfe eines zeitweise geradezu exor-
       bitanten weltweiten  Überangebots an  Erdöl; mit Kapazitäten, die
       bisweilen um ein Mehrfaches über der tatsächlich abgesetzten För-
       dermenge lagen. Die Entdeckung und Erschließung neuer Erdölfelder
       vor allem  im Nahen  und Mittleren  Osten war dank der Konkurrenz
       der "Großen Schwestern" um die restlose Aufteilung sämtlicher Pe-
       troleumpfützen des  Erdballs so rasch vorangekommen, daß der Ver-
       brauch gar nicht Schritt halten konnte.
       Garantiert war  das Geschäft  nach der  einen Seite hin durch die
       Ausschaltung jeder  Preiskonkurrenz, nämlich durch einen zwischen
       den Hauptkonkurrenten  einvernehmlich festgelegten  Mindestpreis.
       Bis zur  Mitte des  Jahrhunderts lautete dessen Formel "Golf plus
       Fracht": nirgends sollte Rohöl billiger zu haben sein, als es dem
       Gestehungspreis an  der Südküste  des seinerzeitigen Hauptexport-
       landes, der USA, zuzüglich der von dort aus theoretisch anfallen-
       den Frachtspesen entsprach. Mit dem Fortschritt der USA  nach dem
       Zweiten Weltkrieg zum größten  Öl i m p o r t e u r  der Welt än-
       derte sich  nicht das  Preisdiktat der  amerikanischen  Konzerne,
       sondern allein  ihre Berechnungsformel: weltweit maßgeblich wurde
       für die  fünfziger Jahre der New Yorker cif-Importpreis, also ein
       den Transport  nach New  York und  die  Versicherungskosten  ein-
       schließender Preis,  der so  berechnet war,  daß das Geschäft der
       US-Gesellschaften mit  ihrem einheimischen Öl keiner Preiskonkur-
       renz durch Zufuhren von auswärts ausgesetzt war. Gleichzeitig war
       damit sichergestellt, daß keine andere Nation sich durch günstige
       Ölpreise einen  Konkurrenzvorteil gegenüber  den USA  verschaffen
       konnte; dafür durften sie die Gewinne der Ölkonzerne finanzieren.
       (Ein schönes  Beispiel für  die pax  americana nach  dem  Zweiten
       Weltkrieg.) Und  dieser Mindestpreis  lag stets um ein Vielfaches
       über den  Unkosten auf  den neuen  Ölfeldern, die  paar Cents  an
       "royalties" und  die paar  tausend Dollar an Bohrlizenzen für die
       zuständige  politische  Herrschaft  des  jeweiligen  Erdenwinkels
       schon mit  eingerechnet. Die  in den sechziger Jahren von einigen
       Ölförderländern erstrittene  Festlegung von  fob-(free on  board)
       Exportpreisen, dem  "posted price", auf den sich die Gewinnkalku-
       lation der  Ölkonzerne und damit die von den Förderländern durch-
       gesetzte 50%ige Beteiligung ihres Fiskus am Verkaufsgewinn bezie-
       hen mußte, bedeutete gegenüber dem vorherigen Zustand für die Öl-
       gesellschaften kaum mehr als eine Änderung ihrer Abrechnungsmoda-
       litäten, die  für jede gewünschte Manipulation Raum ließen. Daher
       sahen sich denn auch diejenigen Förderländer, die in diesem Jahr-
       zehnt eigene  nationale Ölgesellschaften  gründeten und mit einem
       Fördermonopol ausstatteten,  mit einem Verfall ihrer Listenpreise
       konfrontiert, den  die in  die Rolle  des Kunden gedrängten Ölge-
       sellschaften diktierten - ohne daß dadurch deren USA-internes Ge-
       schäft in  Mitleidenschaft gezogen  worden wäre.  Stets verdankte
       sich der  Preis, zu  dem die  Verbraucher in den kapitalistischen
       Staaten an  Ölprodukte kamen, einer freien monopolistischen Fest-
       setzung durch  die Öl-Multis  - den  sieben  "Großen  Schwestern"
       schlossen die "Independents" sich da gerne an! -, die dabei immer
       die Bedingungen ihres Geschäfts mit dem im eigenen Land gepumpten
       Stoff aufrechterhielten.
       Bedingung für  die problemlose Realisierung dieses Mindestpreises
       war auf  der anderen  Seite, daß  das Erdöl  in den "Verbraucher-
       ländern" in  allen seinen  Anwendungsgebieten  im  Vergleich  mit
       anderen Rohstoffen  oder  "Energieträgern"  konkurrenzlos  billig
       war; so  billig, daß  die Zunahme  des Ölverbrauchs zwar noch mit
       erheblichem Abstand,  aber  doch  rasch  und  kontinuierlich  der
       Vermehrfachung des Angebots hinterherwuchs und die Ölgesellschaf-
       ten nicht in ihrem Petroleum, sondern in Geld schwammen.
       Kleinere nationale  Ölanbieter, auch  die mancherorts gegründeten
       staatlichen, existierten  und existieren  bis heute nicht in Kon-
       kurrenz zu  den von  den Großen  gesetzten  Geschäftsbedingungen,
       sondern auf  deren Grundlage.  Meist handelte  es sich sowieso um
       gänzlich abhängige  Vertriebsgesellschaften, die mit dem Abnahme-
       praktisch auch ihren Abgabepreis diktiert bekamen. Und soweit sie
       an eigene  Lieferverträge mit den Staatsgesellschaften irgendwel-
       cher Förderländer  gelangten, konnten sie ja zusehen, wie sie mit
       ihren paar Millionen Barrels in die Konkurrenz einstiegen und die
       Preise drückten - sie haben es denn auch gar nicht erst versucht.
       Schon gar nicht ist der "freie Spotmarkt" in Rotterdam dafür ein-
       gerichtet worden  oder je  dazu angetan  gewesen,  im  Ölgeschäft
       Marktkonditionen nach  den üblichen  Regeln der Konkurrenz herzu-
       stellen oder  als Börse  nach dem Muster sonstiger Warenbörsen zu
       fungieren. Bis heute dient er im wesentlichen dem Ausgleich kurz-
       fristiger, nicht  schon vorab gemanagter Schwankungen im Verhält-
       nis von  Zufuhr und  Verkauf innerhalb  der  konzerneigenen  Ver-
       triebswege: Da  erklärt schon  mal die  eine große Ölgesellschaft
       angesichts ihrer  Ölbestände die Einschleusung einer Tankerladung
       in ihre Raffinerien für weniger lohnend und bietet sie feil; eine
       andere Ölgesellschaft  kommt aufgrund ihrer momentanen Geschäfts-
       lage zum  umgekehrten Schluß,  läßt vielleicht  auch einen Tanker
       etwas langsamer  oder nach  Japan statt  nach Holland  fahren und
       kauft ein,  und die Nischen dieses Geschäfts sind immer noch groß
       genug, daß  sogar noch  ein Haufen Spekulanten und einige hundert
       oder tausend freie Tankstellen und Vertriebsstellen quasi als un-
       tergeordneter Puffer  im großen Ölgeschäft davon existieren konn-
       ten und können.
       Auf der  Grundlage eines überreichlichen Angebots, um dessen Auf-
       teilung zwar  gegeneinander, aber  nie zugunsten des Förderlandes
       konkurriert wurde  (da wäre ja aus dessen politischem Monopol ein
       regelrechter Monopolpreis  geworden!),  und  eines  konkurrenzlos
       niedrigen Abgabepreises,  um den  nicht konkurriert wurde, ist es
       den Öl-Multis  somit gelungen,  die Ölversorgung  der freien Welt
       von der  Exploration bis zur Tankstelle in den Griff zu bekommen.
       Den nationalen  Fördergesellschaften gegenüber,  wo es  sie  gab,
       traten sie  als alleinige Aufkäufer und Repräsentanten einer hin-
       ter dem  Angebot zurückbleibenden  Nachfrage auf,  ihrer  eigenen
       Kundschaft gegenüber  dagegen als  echte Monopolisten.  Auf diese
       Weise haben  sie bis  heute verhindert,  daß aus  ihrem Verkaufs-
       schlager eine  "normale" Ware  mit weltweiter  Konkurrenz um  den
       Produktionspreis wurde.
       b) Die Zeiten eines problemlos niedrigen Monopolpreises für Erdöl
       gingen im  Jahr 1973 abrupt zu Ende, und zwar mit dem kurzfristi-
       gen Lieferbaykott  einiger arabischer  Länder und der Folge eines
       Unterangebots, das den in der OPEC kooperierenden Regierungen die
       Chance bot,  den Abgabepreis  ihrer  nationalen  Ölgesellschaften
       einseitig heraufzusetzen  bzw. den  Listenpreis der in ihrem Land
       tätigen Multis um einen entsprechenden Staatsanteil zu erhöhen.
       Schon an  dieser Konstellation des Jahres 1973 ist abzulesen, daß
       - entgegen  dem ersten Augenschein - der  G r u n d  für die sei-
       nerzeitigen Preiserhöhungen,  und für  alle seitherigen gilt das-
       selbe,   n i c h t   in der  politischen Absicht der Lieferländer
       liegt, sich  höhere Einnahmen aus dem Geschäft der Ölkonzerne mit
       ihrem Rohstoff zu sichern. Schließlich war die OPEC bereits drei-
       zehn Jahre  zuvor gegründet  worden und  hatte seitdem noch nicht
       einmal ihr  anfängliches bescheidenes  Ziel verwirklichen können,
       dem Sinken ihrer Einnahmen entgegenzuwirken. Die politischen Maß-
       nahmen einiger  Regierungen mit  dem Ziel,  sich zum ökonomischen
       Subjekt des  Ölgeschäfts zu machen, nämlich die Gründung nationa-
       ler Ölgesellschaften,  die  Übertragung  von  Förderlizenzen  auf
       diese und  eben der  Kampf um  eine einigermaßen respektable Ver-
       handlungsposition gegenüber den Ölkonzernen, dem die Gründung der
       OPEC dienen  sollte, hatten zwar manche rechtliche Formen der Ab-
       wicklung des Ölgeschäfts modifiziert, aber nicht das Geringste an
       den ökonomischen  Prinzipien dieses  Geschäfts geändert.  Und die
       lauteten eben:  niedriger Monopolpreis,  deswegen dauernde Expan-
       sion der Absatzmenge, lückenlose einvernehmliche Aufteilung aller
       in Frage  kommenden Fundstätten  sowie gegen Null tendierende Ge-
       stehungspreise für den Rohstoff ab Quelle bzw. Grenze.
       Es waren  diese Prinzipien des weltweiten Ölgeschäfts, die zu Be-
       ginn der siebziger Jahre zu einer Modifikation ihrer eigenen Vor-
       aussetzungen führten.  Auf der  Seite der  Nachfrage  nach  Erdöl
       hatte der  niedrige Ölpreis seine Wirkung getan und den Markt für
       Erdölprodukte  in   dem  von  den  Anbietern  gewünschten  Umfang
       "explodieren" lassen.  Umgekehrt war die Aufteilung der Förderge-
       biete, in  denen die  Produktionsunkosten, d.h. die zugestandenen
       Abgabepreise in  der gewünschten Relation unter dem feststehenden
       geringen Monopolpreis  lagen, mit  der Erschließung der Ölquellen
       des nördlichen  und mittleren  Afrika zu  einem gewissen Abschluß
       gekommen, und  erweiterte Zufuhr  hätte zu  gegebenem Preis nicht
       mehr die  gewohnten Gewinne  abgeworfen. Die logische Konsequenz,
       von der  die großen  Ölgesellschaften sicher  zuallerletzt  über-
       rascht wurden, war die, daß in dem "Schicksalsjahr" 1973 erstmals
       die Nachfrage  nach Öl das Angebot überstieg: nur deswegen konnte
       die Unterbrechung  einiger arabischer  Lieferungen zu einer zeit-
       weiligen Ölknappheit in der westlichen Welt führen - und auch das
       nur, weil  die Ölgesellschaften,  statt ihren  auf den Weltmeeren
       dümpelnden Tankschiffen  die Order zu schnellerer Fahrt zu geben,
       ihrerseits beschlossen hatten, ihre Kundschaft das geänderte Ver-
       hältnis zwischen  Nachfrage und  Zufuhr spüren  zu lassen und mit
       der Erhöhung  ihrer Monopolpreise  neue Konditionen  für die loh-
       nende Ausweitung  des Nachschubs  zu schaffen.  Daß die Herrscher
       über die kostengünstigsten Fördergebiete auf dem Globus dabei mit
       der Vermehrfachung  ihrer wahrlich minimalen Abgabepreise die In-
       itiative ergriffen  und mit ihrem kurzfristigen Ölboykott den po-
       litischen Anlaß  zur Heraufsetzung  des Ölpreises schufen, ändert
       nichts an  dem ökonomischen Sachverhalt, daß sie damit keineswegs
       den   G r u n d   für eine  veränderte Kalkulation  im Ölgeschäft
       schufen - bei fortdauerndem Überschuß an Öl zum alten Preis hätte
       ihr "politischer  Kraftakt" sich  sehr rasch als peinlicher Fehl-
       versuch herausgestellt!  Wie souverän sie sich politisch auch im-
       mer vorgekommen  sind und  aufgeführt haben: ökonomisch haben sie
       nichts anderes  zustande gebracht,  als sich  das Zugeständnis zu
       verschaffen, das  die neue   K a l k u l a t i o n   d e r   Ö l-
       g e s e l l s c h a f t e n   bereithielt. Denn deren Kalkulation
       ging  auf   eine   fortdauernde,   wenn   auch   weniger   rasche
       E r w e i t e r u n g   ihres Ölabsatzes  zu einem  höheren Mono-
       polpreis bei wieder rascherer Expansion der Ölzufuhr zu einem hö-
       heren Gestehungspreis  - beispielsweise  durch das  bereits  ent-
       deckte,   aber    schwieriger   zu   fördernde   Nordseeöl.   Und
       i n n e r h a l b   dieser Marge  der für die lohnende Ausweitung
       des Ölgeschäfts erforderlichen Erhöhung des Gestehungspreises be-
       wegte sich  die  politische  "Erpressung"  der  Verbraucherländer
       durch Schah, Ölscheichs und regierende Generäle in Afrika! Danach
       brachte es  dann keine  Ölgesellschaft mehr fertig, "rote Zahlen"
       auszuweisen. Die  Gewinne waren durch keinerlei Techniken der Ab-
       schreibung und  auch nicht durch die werbewirksam ausgeschlachte-
       ten Mammutinvestitionen  in aller Welt aus den Büchern wegzubrin-
       gen.
       Sämtliche nachfolgenden Ölpreiserhöhungen bis zu denen der ersten
       achtziger Jahre  sind nach  demselben Prinzip  abgelaufen.  Stets
       fand sich im Bereich des Orients ein politischer  A n l a ß,  der
       die  Souveräne  der  ölexportierenden  Länder  zu    Preis f o r-
       d e r u n g e n  beflügelte. Und allemal war es eine Revision der
       von den  großen Ölkonzernen  angestellten Berechnungen  über  die
       Unkosten  einer  erweiterten  oder  auch  langfristig  konstanten
       Erdölförderung, inzwischen  auch der  Produktion von  Energie  in
       anderen Formen,  die den  ökonomischen Grund dafür abgab, daß die
       OPEC sich  eine Zeitlang  nicht blamiert hat- und heute weiß, daß
       die Ära  der Kraftakte  vorbei ist. Andernfalls nämlich wären die
       nachdrücklichsten  Preisbeschlüsse   an  einer   um  zwei  Knoten
       beschleunigten Fahrgeschwindigkeit  der konzerneigenen Großtanker
       gescheitert -  statt  dessen  fuhren  diese  langsamer,  außerdem
       seltsame Umwege und stützten so die neue Preisfestsetzung mit der
       gezielten  Erzeugung  eines    A n s c h e i n s    v o n    Ö l-
       m a n g e l.   Inzwischen weiß  jeder -  oder  könnte  jedenfalls
       jeder wissen -, daß es den großen Gesellschaften gelungen ist, zu
       ihrem neuen  Monopolpreis wieder mehr Öl beizuschaffen, als nach-
       gefragt wird.  Das schwimmt  dann, weil alle Tanklager voll sind,
       monatelang in  der Karibik,  in der  Nordsee oder  im Japanischen
       Meer herum und bietet die sichere Gewähr, daß die Regierungen der
       Ölländer nicht  zur Unzeit,  wenn nämlich für die großen Konzerne
       eine erneute  Neukalkulation ihres  Geschäfts noch  gar nicht an-
       steht, auf die Idee kommen, sich als autonome Urheber der Export-
       preise ihres  Rohstoffs aufzuspielen. Sogar ein so glänzender An-
       laß wie der Krieg zwischen Iran und Irak und der Ausfall der Lie-
       ferungen beider Länder, eigentlich Anlaß genug für jegliche Prei-
       serhöhung seitens  der einschlägigen  Scheichs, wenn  nur die Ko-
       stenkalkulation der  Konzerne dafür  Raum böte, verstreicht unter
       diesen neuen  Bedingungen "ungenutzt"  - nicht  einmal verhandelt
       wurde über  einen kleinen  Kriegszuschlag (den gab es nur bei den
       Schiffsversicherern)!
       Wie man  sieht, geht  sogar noch der vorübergehend in Mode gekom-
       mene gerechte  Zorn über  die Extragewinne der großen Ölkonzerne,
       deren Lagerbestände  mit jedem neuen OPEC-Preisbeschluß ganz ohne
       jeden Aufwand  im Wert  steigen, ökonomisch  in die Irre. Daß die
       stolzen Besitzer  von Ölvorräten  oder auch sonstigen, inzwischen
       ungemein preiswerten Ölquellen die schmarotzenden "Windfall"-Pro-
       fiteure jener Preiserhöhungen wären, die ihnen aus Wien oder Riad
       unverhofft ins  Haus schneien,  ist  ein    p o l i t i s c h e r
       S c h e i n,     dem  das   genau   umgekehrte   Verhältnis   als
       ö k o n o m i s c h e  W a h r h e i t  zugrundeliegt. Die Poten-
       taten, deren Öl fast umsonst aus dem Boden fließt, haben sich die
       seltene und  absehbarerweise sehr vergängliche Chance erstritten,
       eben die Differenz zwischen dem von den Konzernen neu angesetzten
       Kostpreis  des  Öls  und  ihren  tatsächlichen  Unkosten    f ü r
       s i c h  auszunützen - also vom "Windfall" der Konzernkalkulatio-
       nen zu "profitieren".
       Das stolze  nationale Aufbegehren  der Ölsouveräne  hat die Ölge-
       sellschaften auf die neue Lage von Angebot und Nachfrage in ihrem
       eigenen Geschäftsbereich  aufmerksam gemacht.  Seitdem nützen die
       Ölkonzerne die segensreichen Wirkungen eines solchen Monopolprei-
       ses, der es ihnen erlaubt, schon heute ihr Geschäft auf Grundlage
       eines Kostpreises  zu kalkulieren,  der in  Wirklichkeit erst  in
       mittelfristiger Zukunft anfallen wird. Und aufgrund und im Rahmen
       dieser Kalkulation  fallen dann sogar noch für die Ölscheichs und
       Gaddafis einige Milliarden ab: als begleitende Randerscheinung!
       c) Das westliche  Kapital, weit  entfernt davon,  seine "Ölkasse"
       ständig aufstocken  zu müssen, geht mit den höheren Ölpreisen wie
       mit den  anderen Kosten  um. Es handhabt sie als gestiegenen Vor-
       schuß, der sich zu rentieren hat, so daß er im Preis der verkauf-
       ten Ware  seine Wirkung  tut. Damit  belastet die Kalkulation die
       allgemeine Zahlungsfähigkeit,  und die Realisierung in Geld krie-
       gen zunächst  einmal nur  die zu  spüren, die die Kaufkraft ihres
       Lohnes  schwinden   sehen  und   mit  den   Anstrengungen   ihrer
       "Arbeitgeber" konfrontiert  werden, im Produktionsprozeß die Ver-
       änderungen vorzunehmen, die den Kampf um den Absatz der verteuer-
       ten Waren bzw. um die begrenzte Zahlungsfähigkeit erfolgreich ge-
       stalten. Von einer  K r i s e  - welche der wirtschaftliche Sach-
       verstand immer  bei veränderten  Konkurrenzbedingungen ausmacht -
       kann freilich  nicht die Rede sein. Denn für deren Zustandekommen
       bedarf es  mehr als  einer Verteuerung der Produktion. Daß zu ge-
       winnträchtigen Investitionen  ausersehenes Geld keine Anlage fin-
       det, also  Waren unverkäuflich sind, Kredite nicht gegeben werden
       und die  Produktion wegen mangelnder "Investitionsneigung", wegen
       mangelnder lohnender  Anwendung von  Kapital unterlassen  wird  -
       dazu muß  das Geschäft schon  g e g a n g e n  sein. Und zwar bis
       zu dem Punkt, an dem die zahlungsfähige Nachfrage, auf die es zur
       Realisierung seiner Ware angewiesen ist, sich als überstrapaziert
       erweist. Die  "Begründung" der  Krise mit dem gestiegenen Ölpreis
       (wie etwa 1976) gehört in die ideologische Schatzkammer von Poli-
       tikern und  Unternehmerverbänden samt journalistischem Anhang und
       stellt   eine   bequeme   Lösung   der   völlig   uninteressanten
       "Schuldfrage" dar. Und wenn gar keine Krise eingetreten ist, ver-
       folgt die  Schuldzuweisung als  Zweck die  immergleichen Rezepte,
       mit den  Schwierigkeiten der Konkurrenz in der Korrektur des Ver-
       hältnisses von Lohn und Leistung fertigzuwerden.
       Der Anlaß  für die Beschwörung von Krisen im Zusammenhang mit der
       Veränderung der  Preise für  Öl und  aus ihm gefertigter Produkte
       ist deshalb  auch immer  ein ziemlich   n a t i o n a l e r:  die
       unterschiedliche Betroffenheit  der Nationalökonomien  durch  die
       neuen Kostpreise,  ihre Mittel, mit der neuen Konkurrenzbedingung
       fertigzuwerden - die Situation des Nationalkredits, die Währungs-
       reserven, die  Höhe der Mineralölsteuer, der Rückgriff auf eigene
       Ölvorkommen, deren  Anteil an der Gesamtversorgung usw. -, schaf-
       fen auch  "Probleme"; und wirtschaftspolitische Maßnahmen sind in
       den armen  "abhängigen" Ländern entsprechend unterschiedlich aus-
       gefallen. Während  die USA  Zahlungsbilanzdefizite schon aufgrund
       der glücklichen Fügung, daß ihre nationale zugleich die Ölwährung
       ist, gelassen hinnehmen und die Regierung Carter im Frühjahr 1979
       den Ölimport  auch noch  subventionierte  hatten  manche  Partner
       durchaus Sorgen  um die  "Zerrüttung" ihrer Währung und der ihrer
       lieben Nachbarn. Stützungskredite und Abwertungsdebatten waren da
       schon fällig  - und  eine Anleihe von ein paar Milliarden Dollars
       bei den Saudis ebenfalls.
       Daß diese  zu derlei  Transaktionen bereit sind und überdies noch
       Kredite für  die neueröffnete  Rubrik der "nicht ölproduzierenden
       Entwicklungsländer" zur  Verfügung stellen,  zeugt einerseits da-
       von, in  welchen Fällen  das Gerede  von der "Verarmung" der Ver-
       braucherländer zutrifft:  dort, wo der auswärtige Handel eben oh-
       nehin nicht Mittel des nationalen Wachstums ist, stellt ein höhe-
       rer Preis  für Öllieferungen  eben tatsächlich einen durch nichts
       kompensierbaren Abfluß  von Geld, eine unmittelbare Minderung na-
       tionaler Zahlungsfähigkeit  dar. Diese  Länder, die  ohnehin  vom
       Kredit leben,  gewahren dessen  Reduktion - was in den imperiali-
       stischen Ländern die scheinheilige Empörung über das Elend nährt,
       das mit  den geldgierigen  (Ölscheichs in  die Welt gekommen sein
       soll.
       Andererseits gibt die "Anlage" von "Petro-Dollars" bei den besten
       Kunden und  ihrem Staat  einen Hinweis  darauf, was  selbst diese
       Ausnahmen unter  den Ölstaaten  in Sachen "Entwicklung" zustande-
       bringen. Die Nutzung des politischen Monopols über einen ölhalti-
       gen Flecken  Erde erbringt  zwar einige Dollarguthaben, einen un-
       übersehbaren Aufwand  an Repräsentation sowie ein lebhaftes poli-
       tisches Sicherheitsinteresse  seitens der mächtigen "Verbraucher-
       länder"; aber eine einheimische Reichtumsproduktion der Traum vom
       Nach-Öl-Zeitalter, in  dem ohne  Öl die  arabische Halbinsel eine
       Industriemacht ist,  kommt ja bisweilen auf - ist nicht in Sicht:
       die paar  fertigen Fabriken,  die da  in die  Landschaft gestellt
       wurden,  ermangeln  der  Bedienungsmannschaft  ebenso  wie  eines
       Marktes.  Westdeutsche   Wirtschaftsfachleute,  vielleicht  sogar
       dieselben, die  als  Berater  bei  der  Erstellung  eines  petro-
       chemischen Musterkomplexes fungiert haben, rechnen ihren Auftrag-
       gebern vor,  daß ein lohnender Betrieb nicht abzusehen ist. Sämt-
       liche Projekte  erweisen sich  als unproduktive Prestigeunterneh-
       men, die nur in einer Richtung etwas bewirken: sie vervollständi-
       gen das  Werk, das  mit der Verwandlung des Staatsgebiets in eine
       Ölpumpstation  vollbracht   ward  -   den  endgültigen  Ruin  der
       Insassen, die  von Landwirtschaft  leben.  Eine  andere  Art  von
       Reproduktion als  die, die  über die  Anteilnahme  -  zivil  oder
       militärisch -  am   Ö l s t a a t   organisiert ist,  hat einfach
       keine Chance. Eingestanden haben die Scheichtümer das längst. Das
       Quantum Arbeitskraft,  das sie für die Ölförderung benötigen oder
       auch für  besagte  Projekte,  rekrutieren  sie  nicht  bei  ihren
       Beduinenstämmen,  sondern  in  Taiwan  und  Korea;  sogar  10 000
       Rotchinesen sollen gesichtet worden sein.
       So wird  aus dem akkumulierten Geld einer Nation, die in der Ver-
       äußerung ihres  Bodenschatzes das  einzige Mittel  ihrer ökonomi-
       schen Behauptung  hat, auch  kein Kapital.  Denn  i h r  ökonomi-
       sches Mittel ist das Öl gar nicht - und das Geld findet das Mate-
       rial für  seine Verwandlung  in Kapital  folgerichtig nur auf dem
       Weg über  die Kreditlinien  des Kapitalmarkts, dessen Bedürfnisse
       in den USA und in Europa definiert werden.
       6. Die Mehrzahl der Ölstaaten sieht sich freilich wie die anderen
       Nationen, die ihre "Entwicklung" im Rahmen der Weltwirtschaft zum
       Programm gemacht  haben, vor Problemen ganz anderer Art. Die Ein-
       künfte aus ihrem Export reichen nämlich nicht zur Bestreitung der
       Ausgaben, die  sie für  das Funktionieren  und die Repräsentation
       ihres Ladens tätigen. Im Namen ihres Volkes, das sie den Konjunk-
       turen des  Weltmarkts unterwerfen - so daß es für die Zahlungsbi-
       lanz seines Souveräns produziert und hungert -, melden Staatsmän-
       ner der  "Dritten Welt" die Bitte um  H i l f e  an: ihre Kredite
       werden gestundet, in konzertierten Aktionen der den Weltmarkt be-
       stimmenden  Nationen   in  Schuldenkonten   des  IWF  eingereiht;
       zugleich wird  ein Abkommen des Typs Lomé getroffen, das die Kon-
       tinuität der vom "Markt" erwünschten Ausfuhr mit einem Minimum an
       geldlichem Aufwand regelt. Ganz besondere Interessen an einem be-
       stimmten Entwicklungsland  kommen auch  zum  Zug;  da  kreditiert
       schon einmal ein EG-Staat ein Aufbauprojekt bei seinen speziellen
       Partnern, für  die Infrastruktur  muß schließlich  gesorgt  sein.
       Ohne das  nötige Minimum an Straßen, Häfen und sonstigen Kommuni-
       kationsmitteln funktioniert eben nicht einmal der Abtransport der
       begehrten Güter.  Doch hat  diese Sorte Hilfe für die emanzipati-
       onsfreudigen Staaten den eindeutigen Mangel, daß sie die nachtei-
       ligen Beziehungen  fortschreibt und  außer den  Bewohnern  dieser
       Länder auch  der Staatskasse jene Lasten aufbürdet, die das ganze
       Projekt namens  "Entwicklung" zum dauerhaften Scheitern verurtei-
       len.
       Einige Staaten  haben daraus die Konsequenz gezogen, den ökonomi-
       schen Grundlagen  ihrer Herrschaft auf die Sprünge zu helfen, und
       versucht, eine   n a t i o n a l e  A k k u m u l a t i o n  ein-
       zuleiten. Eine  im Lande  selbst  stattfindende  Produktion  soll
       teils für  den einheimischen, teils für den Weltmarkt liefern, so
       daß  die   Verschuldung   ebenso   ein   Ende   nimmt   wie   die
       "Abhängigkeit". Das Ideal der Industrialisierung bewegt vor allem
       lateinamerikanische Obristen, die in den von ihnen regierten Län-
       dern alle   M ö g l i c h k e i t e n   lohnender Produktion ent-
       decken: auf  der einen Seite einen ungeheuren "natürlichen Reich-
       tum", andererseits  ein "Arbeitskräftepotential",  das  lediglich
       darauf wartet, angewandt zu werden, und nicht einmal unverschämte
       Löhne verlangt.  Und in der Tat handelt es sich bei diesen beiden
       Posten nur  um Möglichkeiten,  deren zweckmäßiger  Verwandlung in
       w i r k l i c h e n   Reichtum, so  wie er  auf dem Weltmarkt ge-
       zählt wird,  nur eine  Kleinigkeit im  Wege steht. Die Souveräne,
       die ihre  Untertanen und  ihr Hoheitsgebiet mit den Maßstäben des
       K a p i t a l s   beurteilen, verfügen über keines. Als verschul-
       deten Nationen  fehlt ihnen das  G e l d,  um die Produktionsmit-
       tel zu erwerben, die jene schier unbegrenzt vorhandenen Produkti-
       onsfaktoren in  Bewegung setzen - sie sind also auf das Interesse
       derjenigen angewiesen,  die sich  in der Geschichte der Zivilisa-
       tion bereits  bewährt haben: auf Nationen und Geschäftsleute, die
       über die  Freiheit verfügen, alle sachlichen Materialien der Pro-
       duktion zum Hebel ihrer Kapitalvermehrung zu erklären.
       Dieser - vom Standpunkt eines "Entwicklungslandes" gesehen - miß-
       liche Umstand  verhindert seit  geraumer Zeit nicht mehr die Ent-
       stehung von  Industriebetrieben der  verschiedensten Branchen  in
       Ländern, die  nicht bloß  Opfer der Zirkulation von Waren bleiben
       wollten, die  Gewinne nur  für  ihre  Partner  abwerfen,  sondern
       selbst den Status eines Verwalters des erfolgreichen Produktions-
       verhältnisses anstrebten,  an dem ihre Souveränität so lange ihre
       Schranke fand.  Sie sind  zu Mitmachern  des weltweiten  Kapital-
       markts geworden,  allerdings nicht  mit dem  anvisierten Resultat
       einer florierenden nationalen Akkumulation. Und das ist gar nicht
       verwunderlich. Denn  um in  den Genuß  einer eigenen Industrie zu
       gelangen,  mußten   sie  zuallererst   ihren  Anspruch   in   ein
       A n g e b o t   kleiden: es erging an die Staaten der ersten Welt
       und ihre  finanzkräftigen  Bürger,  signalisierte  "Kooperations-
       bereitschaft", also die Bitte, doch die eigene Souveränität nicht
       als Hindernis  für Investitionen zu betrachten. In Brasilien, dem
       Land, das  exemplarisch alle  Schritte dieser  Art  Entwicklungs-
       programm vorgeführt  hat, läßt  sich  studieren,  was  aus  einer
       Nation wird,  die  den  Übergang  zur  Anlagesphäre  von  Kapital
       "nachholt", weil  ihre Führer  im Anbau und Export von klimatisch
       begünstigten  Agrarprodukten  eine  miserable  Geschäftsgrundlage
       ausgemacht hatten.
       Die erste Konsequenz, die dem "Entwicklungsland" daraus erwächst,
       daß sein  Angebot akzeptiert  wird, ist eine  V e r m e h r u n g
       d e r  S c h u l d e n;  wenn die moderne Maschinerie für den Bau
       von Kraftwerken,  Straßen und  für eine  eigene Industrie gekauft
       wird, dann  auf Kredit - und um diesen zu bedienen, in Grenzen zu
       halten und  die Kreditwürdigkeit  zu erhalten, ist die Forcierung
       eben jener  Exporte vonnöten, von denen die Volkswirtschaft nicht
       mehr abhängig  sein will. Zum Geschäftsinteresse der Großgrundbe-
       sitzer gesellt  sich das  Anliegen des  Staates, der um der Indu-
       strialisierung willen Devisenbeschaffung in ganz neuen Größenord-
       nungen betreibt,  also durch  Sonderkredite, Prämien und Preisga-
       rantien die  extensive Ausbeutung  von Land und Leuten befördert.
       Der Staat,  der seine  agrarischen Exporte  für eine matte Quelle
       von Reichtum hält und von dieser Quelle loskommen will, setzt sie
       als Mittel  für sein  neues Programm ein und offeriert den Expor-
       teuren durch  seine Verschuldung  die Freiheit  für Spekulationen
       und Geschäftspraktiken, die für sie alles lohnend machen und dar-
       über ein Warenangebot für den Außenhandel sichern.
       Die zweite Konsequenz heißt  I n f l a t i o n.  Denn die Handha-
       bung des  Nationalkredits zum  Zwecke der   H e r s t e l l u n g
       einer funktionierenden  Akkumulation ohne  die Grundlage  bereits
       lohnender Geschäfte  ist eine sehr direkte Vermehrung des Kredit-
       geldes, weswegen  auch die  Prozente der Inflationsrate etwas an-
       dere Dimensionen  annehmen, als  sie aus dem in imperialistischen
       Ländern üblichen  Umgang mit  dem "Währungsproblem" bekannt sind.
       Ungeachtet der  ständigen Beteuerungen  aller Regierungen des mo-
       dernen Brasilien,  die Inflation  bekämpfen zu  wollen,  ist  man
       längst dazu übergegangen, die Verfallsrate der Währung in Gesetze
       und Verträge  aller Art  einzubeziehen -  also einzugestehen, daß
       sich dieser  Staat bei  der "Versorgung"  des Geld-  und Kapital-
       kreislaufes nicht  an der  wirklich erfolgten Akkumulation orien-
       tiert.  Was  in  manchen  anderen  Ländern  die  Fortführung  der
       "Industrialisierung" vereitelt  und sie  als verfehlten  Weg  der
       "Entwicklung" zum  Abbruch bringt,  wird da  offensichtlich nicht
       zum Anlaß  genommen, das  "Projekt", Industrienation  zu  werden,
       aufzugeben. Der  Staat richtet  sich offenbar  im Verfall  seiner
       Zahlungsmittel wohnlich  ein - und er verliert darüber nicht ein-
       mal das  Interesse des  Auslands. Er  geht davon aus, daß das von
       ihm in Umlauf gesetzte Geld untauglich ist als verläßliche Kalku-
       lationsgrundlage, und  garantiert durch  die wohltaxierte Vermeh-
       rung des  Kredits doch wieder die Fortführung des Geschäfts. Eine
       solche Geldpolitik benützt die Finanzhoheit nicht zur Beförderung
       des laufenden Geschäfts und zur "Steuerung" von dessen Konjunktu-
       ren sondern  setzt sich  über die Maßstäbe des Erfolgs und Mißer-
       folgs von  Kapitalanlagen dauerhaft  hinweg. Der  Staat  s t i f-
       t e t   mit seiner  inflationären Geldpolitik ständig Unternehmen
       und steht  dafür gerade,  daß die  Anleger an  der Geldentwertung
       keinen Schaden  nehmen; daran,  daß die  Landeswährung eine  sehr
       unsolide Form  des Reichtums ist, will er die Geschäfte in seinem
       Land nicht  scheitern lassen,  so daß durch die Ruinierung seiner
       Währung die Rentabilität der Produktion sich herstellt.
       Die dritte Konsequenz liegt in der  S p e k u l a t i o n,  durch
       die die besitzenden Klassen des In- und Auslandes den staatlichen
       Auftrag, durch ihre Geschäfte zur "Entwicklung" des Landes beizu-
       tragen, akzeptieren.  Der Kredit  fließt nicht  nur reichlich, er
       honoriert den  Beitrag zum wirtschaftlichen Aufbau auch im beque-
       men Schuldendienst;  um den  Anreiz zum "Einsteigen" zu erhalten,
       wird die Entwertung von Geld und Wertpapieren großzügig vorausbe-
       rechnet und  von der  Staatsbank kompensiert,  so daß die Akteure
       des so  mit "Liquidität" versorgten Marktes die einheimische Wäh-
       rung als Durchgangsstufe einer unfehlbaren Rechnung benützen kön-
       nen. Sie  müssen lediglich darauf achten, ihr in Geldform befind-
       liches Kapital nicht dem Verfall preiszugeben, also ihre Guthaben
       in "harten"  Währungen zu sichern; den Ankauf von Produktionsmit-
       teln und  Arbeitskraft vollziehen  sie unter Benutzung nationalen
       Fremdkapitals in Landeswährung, die durch ihre staatlich vorange-
       triebene Inflation  beim Verkauf die Freiheit der Preissteigerung
       genießen läßt  - und  das alles  braucht noch nicht einmal wie in
       gewissen lateinamerikanischen  Gegenden als "Monetarismus" veran-
       staltet zu werden, der auf Anraten von Milton Friedman und seinen
       Chicago Boys zur wirtschaftlichen Leitlinie erhoben worden ist.
       Die vierte Konsequenz einer derart unbekümmerten Wirtschaftspoli-
       tik, die  jeden Anleger  kreditiert, wenn  er nur verspricht, ein
       Stück nationaler  Wirtschaftsmacht ins  Werk zu setzen, führt der
       Staat aufgrund des Mißerfolgs seines projektierten Aufstiegs her-
       bei. In der Akkumulation von Staatsschulden gewahrt er, daß er es
       zu einem  Grad der  außenwirtschaftlichen  Abhängigkeit  gebracht
       hat, gegen  den sich  der alte und ungeliebte Status einer bloßen
       "Handelsnation" fast  vorteilhaft ausnimmt.  Die Unterwerfung des
       Industrialisierungsprogramms unter die Maßstäbe ausländischer In-
       vestoren, die  Einladung zur freien Benützung der "Möglichkeiten"
       steht an, weil der chronische Geldmangel den Männern des jeweili-
       gen Planungsministeriums  einen Unterschied zu Bewußtsein bringt:
       den zwischen  Anleihen, die sie bedienen und zurückzahlen müssen,
       ohne es zu können, was die Kreditwürdigkeit in Frage stellt - und
       Investitionen auswärtiger  Firmen und Banken. Während erstere die
       Auslandsverschuldung vergrößern  und dem  nationalen  Fortschritt
       soviel Probleme  bereiten, weisen  wirkliche Investitionen diesen
       Nachteil nicht auf.
       Allerdings gebieten sie einiges Zuvorkommen gegenüber denjenigen,
       die das  "Risiko" auf  sich nehmen, in Bergbau und Chemie, in der
       Auto- und  Elektrobranche oder  in der  Viehzucht  Lateinamerikas
       einzusteigen. Die  bloße Erlaubnis  und die  niedrigen Lohnkosten
       sind denen,  die kalkulieren, nämlich zu wenig. Damit ein Weltun-
       ternehmen, dem  der Zugang  zu vielen  Anlagesphären  offensteht,
       eine Auslandsfiliale  für lohnend befindet, bedarf es schon einer
       gewissen Vorzugsbehandlung  auf dem jeweiligen Kapitalmarkt - ein
       bißchen Steuerfreiheit,  keine  Umweltauflagen,  freie  Verfügung
       über Gewinne;  ein möglichst niedriger Anteil an den Früchten des
       Risikos für  den Gastgeber  also ist schon fällig. "Auflagen" wie
       die, daß  es an  der Förderung  und Verarbeitung der Rohstoffe im
       Gastgeberland mitzuwirken  hat, läßt  sich so  ein Multi anderer-
       seits schon  gefallen  -  ebenso  wie  er  gern  der  "Kondition"
       nachgibt, weitgehend  für den   E x p o r t   aus  dem gastlichen
       Entwicklungsland zu  produzieren: dieses Bedürfnis, das chronisch
       verschuldete und  auf Devisenbeschaffung  erpichte "Entwicklungs-
       länder" anmelden,  wird erfüllt.  Flotte Realisierung der Gewinne
       auf dem  gesamten Weltmarkt ist ebenso das Ergebnis wie die zoll-
       und abgabenfreie  Einführung  ganzer  Fabrikanlagen  die  Voraus-
       setzung. Die  andere Abteilung  des Versuchs, den Fortschritt vom
       "Entwicklungs-" zum "Industrieland" zu bewerkstelligen, trotz und
       nach der dabei erzielten Kombination von Auslandsverschuldung und
       Inflation, überlassen  die kühlen  Rechner in  den Chefetagen von
       Weltfirmen dafür  den mit  ihrer Bilanz  unzufriedenen  Nationen.
       Wenn  diese   unbedingt  dem   ständig  erneuerten  Mißverhältnis
       zwischen  Einnahmen   und  Zahlungen  durch    I m p o r t s u b-
       s t i t u t i o n   begegnen  wollen,  so  wissen  Geschäftsleute
       Bescheid, daß  dieser Entschluß  sich  vor  jeder  Gewinnrechnung
       blamiert. Mit  der Erhebung  von Zöllen  auf die  Waren,  die  im
       Inland produziert  werden oder  werden sollen,  gesteht ein  Land
       nämlich ein,  daß diese  Waren wegen  ihrer hohen  Kosten  keinen
       Preisvergleich bestehen  können; wenn zum Zwecke der Gewinngaran-
       tie Subventionen  für diejenigen  Unternehmen gezahlt werden, die
       zu teure Importgüter im Lande selber fertigen, so besagt das eben
       nichts anderes, als daß nichts zu teuer ist, wenn es ohne Devisen
       finanziert werden  kann. In  Brasilien, dem  Musterland der  hier
       skizzierten "Entwicklung",  sind die  Techniken zum  Anheizen von
       Staatsausgaben damit  gerechtfertigt worden, daß "die Auslagen in
       Cruzeiros anfielen und Ausgaben in US-Dollars für Importe verrin-
       gerten" -  so im  Falle eines  Werks zum Abbau und zur Verhüttung
       von Kupfer.  Mit dem Gütesiegel mutiger und vorwärtsweisender Ex-
       perimente wurde die Herstellung von Autotreibstoff aus Zucker und
       von Dieselersatz  aus pflanzlichen  Ölen versehen. Die Kosten für
       Charterschiffsraum, die  zum Defizit  in der Leistungsbilanz bei-
       trugen, waren  der Anlaß für den Aufbau einer nationalen Werftin-
       dustrie, die  nun bei  der Feier  ihres 25jährigen Bestehens über
       Nicht-Auslastung ihrer  Kapazitäten klagt  - denn  inzwischen ist
       dem Wirtschaftsministerium klar geworden, daß solche Projekte das
       Importvolumen erheblich  steigern. Sparprogramme  sind an der Ta-
       gesordnung, das  "Schwellenland" bekennt,  sich übernommen zu ha-
       ben.
       Das Fazit  des zum  Regierungsprogramm gewordenen  Wunsches  nach
       "Entwicklung" ist im übrigen jedem Zeitungsleser bekannt. Aus dem
       brasilianischen "Wirtschaftswunder"  ist - nationalökonomisch be-
       trachtet  -   wie  aus   anderen  Ländern  derselben  Bauart  ein
       K o n k u r s b e t r i e b   geworden, der  für die Nation nicht
       als Quelle  von Gewinn, sondern nur zur Akkumulation von Verbind-
       lichkeiten taugt.  Daß dieser  Betrieb  w e l t w e i t  a n e r-
       k a n n t   u n d   k r e d i t i e r t   wird, die  Nation  also
       nicht von  einem internationalen  Gerichtsvollzieher  ihrer  Auf-
       lösung zugeführt wird, liegt allerdings nicht am Idealismus ihrer
       Macher, sondern  daran, daß er sich für die auswärtigen Gläubiger
       und  ihren  Materialismus  lohnt.  Denn  deren  Rechnungen  gehen
       allesamt auf, vom Abtransport der "natürlichen Reichtümer" bis zu
       den in  die exotischen  Landschaften gestellten Fabrikhallen. Und
       auch die  Gastgeber, die  Verwalter des  fortschrittlichen  "Ent-
       wicklungslandes", fahren  nicht  schlecht,  auch  wenn  sie  nach
       Jahren der  Unterwerfung ihres  Landes unter  die  Kriterien  des
       Weltmarkts ihre  Wirtschaft für "überfremdet" halten und mehr na-
       tionale Erträge  wünschen, für die sich immer auch die politische
       Konkurrenz stark macht.
       Genau umgekehrt  sehen es  allerdings die  engagierten Investoren
       und Kunden  des imperialistischen  Auslands, sobald die Akkumula-
       tion von  Schulden in "Entwicklungsländern" das Funktionieren des
       weltweiten Kreditüberbaus  zu beeinträchtigen  droht.  Ihnen  er-
       scheint angesichts der Zahlungsunfähigkeit, welche die Konten von
       Geschäfts- und  Nationalbanken erschüttert- Banken, die mit einer
       Krise, also eingeschränkten Anlagemöglichkeiten des von ihnen ge-
       handelten Kredits konfrontiert sind und mit Verlusten kalkulieren
       -, der  national verwirtschaftete Anteil am Geschäft zu hoch. Zur
       Vermeidung des  Vertrauensschwundes in  den Kredit, der weiterhin
       als Kapital taugen soll, beschließen die Sachwalter kapitalisier-
       ter und  kapitalisierbarer Schulden,  daß die Zahlungsunfähigkeit
       auf keinen  Fall festgestellt  und exekutiert  werden darf. Unter
       ausgiebiger Verkündung  von rührenden "Hilfsangeboten" an die in-
       solventen Geschäftspartner verlangern und erweitern die maßgebli-
       chen Geldinstitute und ihre nationalen Beaufsichtiger die Kredite
       - und  erbitten sich  bei den Konkursnationen die Bedingungen für
       die Fortführung  des geregelten  Verhältnisses zwischen Gläubiger
       und Schuldner:  und die heißt  S e n k u n g  oder  T i l g u n g
       des in  den "Entwicklungsländern"  verbleibenden  Ertrags.  Damit
       wird zwar  die Zahlungsfähigkeit  nicht hergestellt  noch gestei-
       gert, statt  dessen die  Verfügung über Kredit und der Umgang mit
       ihm den Behörden und privaten Interessenten vor Ort untersagt. Wo
       diese über  "Überfremdung" klagen, werden sie darauf hingewiesen,
       daß ihr  Kapital nie  etwas anderes  war als  ein    k o n z e s-
       s i o n i e r t e s   G e s c h ä f t,  zu dessen Fortführung sie
       nun offensichtlich  nicht mehr  in der  Lage sind.  Den  nationa-
       listischen  Projektemachern   wird  bedeutet,   daß  sowohl  ihre
       w i r t s c h a f t s p o l i t i s c h e      S o u v e r ä n i-
       t ä t   wie die  Gewinne  ihrer  besitzenden  Klasse  überflüssig
       geworden sind  - und  einschneidende Maßnahmen  der    E x p r o-
       p r i a t i o n   anstehen: Umschuldungsverfahren  und die Unter-
       stützung ganzer  nationaler Führungsmannschaften  finden über den
       IWF oder  durch  bilaterale  Abkommen  statt-  jedoch  unter  der
       Bedingung, daß  das Geschäft seine Rentabilität ausschließlich im
       imperialistischen Ausland  beweist. Als  faux frais  für   d e s-
       s e n   Interessen  werden  sämtliche  nationalen  Ansprüche  be-
       handelt, also  sehr sparsam,  was die Teilhabe der mexikanischen,
       brasilianischen oder  anderer Staatsgewalten  am ökonomischen Er-
       trag der  stattfindenden Produktion  betrifft. Sie  sollen   r e-
       g i e r e n   und ihr  Volk beaufsichtigen,  die jeweiligen  Sou-
       veräne, aber  ihre Träume  von nationaler "Entwicklung" aufgeben;
       ihre Exporterlöse sind, kaum gebucht, immer schon verpfändet; und
       wie ihr  nächster Haushalt  aussieht, wird  nicht mehr  in  ihrer
       Hauptstadt beschlossen.  Die finanzielle  Souveränität  über  Ge-
       schäfte in ihren Ländern wird ihnen genauso entzogen, wie sie den
       in der  Phase  der  Entkolonialisierung  geschaffenen  Souveränen
       einst übertragen wurde, so daß sich die regierenden Nationalisten
       in eigenem  Interesse mit  der    K o l o n i a l i s i e r u n g
       u n t e r   d e m   w e l t w e i t e n   K r e d i t s y s t e m
       abfinden müssen  und in der Bedienung der Schulden beim engagier-
       ten Ausland  die Prioritäten  berücksichtigen dürfen, die mit der
       Hierarchie der "Industrienationen" und ihrer Gewalt feststehen.
       Etwas anders  sieht es  schon immer  für die  Manövriermasse  der
       "Entwicklung" aus.  Das  V o l k  bekommt nämlich die Anstrengun-
       gen seines  Souveräns, durch  die Beteiligung  am internationalen
       Kapitalmarkt die  Größe der  Nation zu  mehren, in aller Härte zu
       spüren. Daß es in Ländern mit diesem Programm ein "Privileg" dar-
       stellt, überhaupt  zu den Lohnarbeitern von VW, Bosch oder Philip
       Morris zu  gehören, sagt  schon einiges über die Rücksichtslosig-
       keit aus,  mit der jeder Schritt der Modernisierung gegen die Be-
       völkerung durchgesetzt  wird. Die  Verhältnisse, unter  denen ein
       Bauer weitgehend  außerhalb des  Zugriffs staatlicher  Verwendung
       seines Lebensbereiches,  also ohne  "in die  Geldwirtschaft inte-
       griert" zu  sein, sich  und seiner  Familie ein Auskommen sichern
       konnte, sind  gründlich überwunden. Wo neue Industriezentren ent-
       stehen, hört das Leben auf. Außer für die Minderheit, die als Be-
       werber um einen Arbeitsplatz erfolgreich ist, nachdem sie den Mu-
       sterungstest bestanden hat, ist die Existenz, das schiere Überle-
       ben  eine   äußerst  fragwürdige  Angelegenheit.  Hunderttausende
       "wohnen" in den obligatorischen Slums rund um das betreffende In-
       dustriegebiet und  befleißigen sich  der seltsamen  Ernährungsge-
       wohnheiten, die  den politischen Wortführern der Weltwirtschafts-
       konferenzen und der Entwicklungsgipfel das Material liefern, wenn
       sie das  "Welthungerproblem" angehen.  Die Behandlung des übrigen
       Landes nach  dem Kriterium,  ob es  für devisenträchtige  Rinder-
       zucht, als  Nebenerwerb von  VW zum Beispiel, taugt oder eher für
       großzügigen Sojabohnenanbau,  führt zu nicht minder harten Resul-
       taten. Unter  diesen Gesichtspunkten, die der Staat im Verein mit
       den interessierten Politikern und Wirtschaftsmanagern aus den USA
       und Europa zur Anwendung bringt, ist noch der letzte Flecken Erde
       im tiefsten  Amazonien zu  schade, um als Lebensmittel irgendwel-
       chen Subsistenzbauern  überlassen zu bleiben. Was dem politischen
       Souverän zugestanden  wird -  daß er sich und dieienigen, die für
       das Funktionieren  der Ordnung  zuständig sind,   e r h ä l t  -,
       ist eben  für das in die "Weltwirtschaft" einbezogene Menschenma-
       terial keine  Selbstverständlichkeit. Die Zerstörung der überkom-
       menen Produktionsweisen  führt nämlich  sehr unmittelbar zur Ver-
       elendung, und nur sehr unbekümmerte Apologeten der "Entwicklung",
       die in  der Verwandlung  von ganzen  Kontinenten in Anlagesphären
       ihren Inhalt  hat, vermögen  diesem Prozeß  die Schaffung von Ar-
       beitsplätzen als Zweck zuzuschreiben, um dann Mißernten, ökologi-
       sche Katastrophen  oder gar  die  gestiegenen  Ölpreise  für  die
       "Schattenseiten" verantwortlich zu machen.
       Die Lüge,  daß  in  den  "Entwicklungsländern"  Armut  und  Elend
       v o r f i n d l i c h  und ein moralischer Auftrag für diejenigen
       seien, die  "mit 10  DM einem  Bauern eine Hacke stiften" (dieser
       schöne Vorschlag stammt von Bundespräsident Karl Carstens im Rah-
       men eines  Aufrufs zur  "Welthungerhilfe"), kontrastiert zwar of-
       fenkundig  mit  der  Tatsache,  daß  die  Wirtschaftspolitik  der
       "Industrienationen" jene  Armenhäuser als  lohnende  Anlagesphäre
       erst dahin  gebracht hat, daß ihnen das "Hungerproblem" quasi als
       ihr Begriff  und die "Bevölkerungsexplosion" als ihr Fehler zuge-
       sprochen werden kann. Dennoch gelten eher die Aussagen dieses Bu-
       ches als  zynisch, als daß einem demokratischen Staatsmann einmal
       etwas Ehrenrühriges nachgesagt wird, wenn er die von seiner Wirt-
       schaftspolitik für "Entwicklungsländer" angerichteten Schäden als
       leider noch  unzureichende Hilfe bezeichnet und die Opfer der Ca-
       ritas seiner  Untertanen anheimstellt.  Während die Vollstreckung
       des kapitalistischen  Maßstabs der Nützlichkeit an Millionen Men-
       schen, ihre  Scheidung gemäß der Brauchbarkeit für die Vermehrung
       fremden Reichtums  von den  Moralisten der  Entwicklungshilfe als
       V e r s ä u m n i s   und   U n t e r l a s s u n g   verharmlost
       wird, verfallen  die Idealisten  einer nützlichen und guten Herr-
       schaft angesichts der Terrorisierung, in deren Genuß die hungern-
       den Massen  bei jeder  oppositionellen oder bloß störenden Regung
       auch  noch  gelangen,  auf  eine  andere  Kritik:  sie  vermissen
       D e m o k r a t i e  in den "Entwicklungsländern" und fordern die
       M e n s c h e n r e c h t e   für die  geschundenen Kreaturen  in
       fremden Kontinenten.  Daß sie  es bei den Zuständen, über die sie
       sich empören,  mit einem  genuinen Produkt der Demokratien zu tun
       haben, die  Weltwirtschaftsgipfel veranstalten  und deren  Führer
       bei Gelegenheit  - wie  im Herbst  1981 in  Cancún  -  über  eine
       "Welternährungsstrategie" diskutieren, sei an dieser Stelle noch-
       mals vermerkt.
       7. Ungeachtet dessen, was aus der Natur und den Menschen wird so-
       bald sie  zum Material  des Weltmarkts  deklariert sind, vermehrt
       sich außer  dem Reichtum  der "Industrienationen" auch die Anzahl
       der Subjekte, die an der  W e l t p o l i t i k  mitwirken. Sowe-
       nig die  dem Kolonialsystem entsprungenen Souveräne über eine ih-
       ren Ambitionen  entsprechende ökonomische  Grundlage verfügen, so
       sehr wird  ihnen mit der  A n e r k e n n u n g  ihrer Zuständig-
       keit für die Ordnung in ihrem Herrschaftsbereich jene höchstförm-
       liche Berechtigung  zuteil, im  Namen ihrer  Nation, von Staat zu
       Staat, Beziehungen  zu unterhalten  und Interessen zu verfechten.
       Die Quellen  für ihre  Anliegen und Beschwerden sind kein Geheim-
       nis: geworben und gefeilscht wird zuallererst um die Behebung ih-
       rer Armut,  wobei sich mühelos der Standpunkt der nationalen Zah-
       lungsbilanz mit dem Elend der Massen verknüpfen läßt, deren poli-
       tisches Mandat  in der UNO so vielfältig vertreten wird. Entspre-
       chend dem  Vorbild der großen Demokratien, in denen schon längere
       Zeit der  Grundsatz gilt, daß die Abhängigkeit der Untertanen von
       ihrem Staat   d e s s e n  Erfolg zum Anliegen aller werden läßt,
       blüht unter  Berufung aufs  Volk  daheim  der  Nationalismus  der
       "Dritten Welt"  auf - und gerät zur offenkundigen Farce. Denn die
       an der diplomatischen Börse repräsentierten "Bürger" sind gewöhn-
       lich nicht nur mit Nahrungsmitteln, sondern auch mit der Kenntnis
       des Alphabets  kaum ausgerüstet, so daß der politische Wille ganz
       getrennt in  der Hand  der Regierung liegt und als der des Volkes
       daheim in  allerlei brutalen  Techniken mobilgemacht  werden  muß
       wenn er nicht für überflüssig erachtet wird.
       Das Werben  um besondere  Berücksichtigung, das  Staatsmänner der
       "Dritten Welt"  in den hohen Zeiten der "Entwicklungspolitik" be-
       trieben haben, hat von Anfang an darunter gelitten, daß ihnen au-
       ßer speziellen  Konditionen der  Nutzbarmachung ihres Landes kein
       Mittel zu Gebote stand, die Aufmerksamkeit der "reichen Nationen"
       auf sich zu ziehen. Bei den einschlägigen Offerten verfielen sie,
       als gelehrige  Schüler diplomatischen Verkehrs, zwar auf die Mög-
       lichkeit, die  Interessen gegeneinander auszuspielen und ihre Na-
       tion als  Mittel für  den Meistbietenden  "auszuschreiben";  doch
       konnte ihnen  die Wahrheit  des Weltmarkts  nicht lange verborgen
       bleiben: die  Wirklichkeit  entpuppte  sich  als  Konkurrenz  der
       "Armen" um  wohlwollende Rücksichtnahme  auf ihre nationalen Res-
       sourcen. So  gibt jeder Almanach Auskunft darüber, wieviel Boden-
       schätze und  verfügbare "Arbeitskräfte"  von den  Gestaltern  des
       Weltmarkts bisher  zumindest nicht  für  geschäftsfähig  erachtet
       werden.
       Deshalb ist  auch manchem  Regime aus  der "Dritten  Welt"  d i e
       Alternative in  den Sinn gekommen, die der prinzipielle Gegensatz
       zwischen dem  freien Westen,  d.h.  den  ihn  bestimmenden  Wirt-
       schaftsmächten USA  und Europa, und dem realen Sozialismus eröff-
       net. Ob  sich die  nationalen Anliegen  nicht besser an der Seite
       der Sowjetunion  realisieren lassen  - mit  dieser Überlegung hat
       die Volksrepublik  China den  ersten Abschnitt  ihrer  nationalen
       Entwicklung bestritten.  Mit dem  Ideal des  Sozialismus, der als
       offizielles Ziel  schon für den Befreiungskampf nach der Spaltung
       von der  Kuomintang ins  Auge gefaßt  wurde, machte die Partei um
       Mao Tse-tung insofern ernst, als sie sich - einmal an der Macht -
       so gut  wie gar nicht auf die Geschäftsbedingungen des Weltmarkts
       einließ. Was  den "Aufbau  des Sozialismus"  in  China  anbetraf,
       setzte die  KP auf  russische Hilfe, und wenn Notwendigkeiten der
       elementarsten Versorgung etwa zu Getreidekäufen zwangen, so wurde
       die Integration  in den  internationalen  Geld-  und  Kreditmarkt
       prinzipiell vermieden,  statt dessen mit Gold bezahlt. Das "Bauen
       auf die  eigene Kraft", die Kalkulation mit der  A r b e i t  von
       Millionen Chinesen  als sicherer  Reichtumsquelle sollte  den Weg
       zur nationalen Größe bereiten, welche eine Zeitlang als unmittel-
       bar identisch  mit  den  Interessen  des  Volkes  gelten  konnte:
       schließlich hatte  der "Sieg  im Volkskrieg" nach Jahrzehnten des
       Kampfes wieder die Perspektive des Lebens eröffnet! Der Bruch mit
       Moskau gründete nicht in einer Gegnerschaft, die aus ökonomischer
       Benutzung zum  Schaden der  Chinesen resultierte, so daß sich die
       chinesische Führung  im Namen  ihres Volkes  gegen die Ruinierung
       ihrer Wirtschaft  durch  sowjetische  Bereicherungspraktiken  zur
       Wehr setzen  mußte. In der Auseinandersetzung zwischen den Regie-
       rungen wurde  auch nicht  über den  Nutzen sowjetischer Techniker
       und Werkzeuge  gestritten, oder  um die Ausgleichung der chinesi-
       schen Handelsbilanz. Im Interesse des weltpolitischen Kurses, den
       Kommunisten gegenüber  dem imperialistischen  Lager einzuschlagen
       haben, konfrontierte  die KP Chinas den Kreml mit dem Vorwurf des
       "Großmachtchanvinismus", ereiferte sich gegen die russische Stra-
       tegie, über  die Konkurrenz  der Rüstung  den Frieden  sichern zu
       wollen -  und bezichtigte  die Sowjetunion nicht nur der Sabotage
       an nationalen  Befreiungsbewegungen,  sondern  auch  der  "Zusam-
       menarbeit" mit den USA, des "Entgegenkommens" in der "Atomerpres-
       sungspolitik", um  "das sozialistische  China  an  der  Schaffung
       seiner  nuklearen   Verteidigungsstreitmacht  zu  hindern."  (Die
       chinesische wie  die sowjetische  Position, auch in bezug auf die
       Politik des  sozialistischen Aufbaus  ist der  "Polemik über  die
       Generallinie" zu  entnehmen.) Seiner Stellung zur internationalen
       Politik nach verrät ein solcher Einwand gegenüber der Sowjetunion
       durchaus das  n a t i o n a l e  A n l i e g e n,  auch im sozia-
       listischen Lager möglichst schnell das gesammelte ökonomische und
       militärische Arsenal  einer schlagkräftigen    S o u v e r ä n i-
       t ä t   zur Verfügung  zu haben. Selbst in den Punkten, wo die KP
       Chinas  den  sowjetischen  Umgang  mit  Befreiungsbewegungen  und
       potentiellen  Partnern   in   Afrika   geißeln   und   den   sehr
       berechnenden, aber  wenig revolutionären Kurs der Weltmacht Nr. 2
       treffen wollte, lag ihr sehr wenig an der Unterscheidung zwischen
       den betreffenden  Politikern und  den betroffenen  Völkern,  sehr
       viel jedoch  an einem   I n t e r n a t i o n a l i s m u s,  der
       nach guter  Sitte   p r o l e t a r i s c h  hieß und als Respekt
       zwischen Staaten,  "Nicht-Einmischung" und  "eigener Weg" gemeint
       war.
       Daß sich  mit einer gegen den Imperialismus erkämpften Souveräni-
       tät nicht  auch gleich  die Wucht  weltpolitischer Bedeutung ein-
       stellt, welche  die führenden  Nationen des Westens über Kolonia-
       lismus,  Krieg   und  kapitalistische  Akkumulation  daheim,  die
       Sowjetunion durch  einigen staatlich  akkumulierten Reichtum  und
       dessen Einsatz  für die Selbstbehauptung als Militärmacht erlangt
       hatten, blieb  auch nach  der Spaltung des kommunistischen Blocks
       das Problem  chinesischer Staatsmänner.  Während  es  ihnen  nach
       innen stets  gelang, den  speziellen Patriotismus des Volkes über
       alle Konkurrenzkämpfe  um die  Führung hinweg zu mobilisieren und
       unter der  Losung "Die  Massen vermögen  alles"  die  Perspektive
       eines großen  China im  Jahre 2000  zu entwerfen,  gewahrten  sie
       durchaus und trotz einiger Atomversuche und eines Satelliten, der
       die Internationale vom Himmel herunterspielte, die Beschränktheit
       ihrer Rolle  in der Welt. Daß nicht "nur" die Russen daran schuld
       waren,  daß  das  "große  China"  nicht  zustandekam,  ist  ihnen
       allerdings in  eigenartiger Weise  zu Bewußtsein  gekommen.  Nach
       einer Kulturrevolution,  in der  die politische  Moral  für  eine
       Produktivkraft galt,  die Wissenschaft  und Technik ohne weiteres
       ersetzt; in  der die  Erfahrung der einfachen Knochenarbeit gegen
       alle rationelle  Produktion hochgehalten  wurde, standen  sie mit
       einigen Prestigeobjekten  chinesischer  Schöpferkraft  und  einer
       revolutionären Operettenkultur, ansonsten aber mit einer Ökonomie
       da, die  nicht einmal  die kontinuierliche  Subsistenz der Massen
       gewährleistete.  Der  Hauptfeind  Sowjetunion  erfreut  sich  mit
       seinem "kapitalistischen  Weg" zwar  weiterhin  der  chinesischen
       Feindschaft, die  sich auch gelegentlich in der Unterstützung von
       antisowjetischen Befreiungsbewegungen  und Nationen  der "Dritten
       Welt" äußert  - die   M i t t e l   jedoch,  die die KP Chinas so
       schmerzlich vermißt, um das Ihre zur Weltrevolution beizusteuern,
       hofft sie  über den Wechsel ins Lager der "Entwicklungsländer" zu
       gewinnen. Die   W e n d e   der chinesischen Außenpolitik, die im
       übrigen während  des Vietnamkrieges eingeleitet wurde, nimmt sich
       wie die Karikatur einer Selbstkritik aus: Eine nationale Führung,
       die mit  Parolen wie "Der amerikanische Imperialismus ist von den
       Völkern der Welt umzingelt", "...sitzt auf einem Vulkan", "...ist
       der bestialischste Feind der Völker der Welt" die Weltpolitik auf
       den Kopf  stellen wollte, wirbt inzwischen um die ökonomische und
       politische Indienstnahme  ihrer Gesellschaft  - durch die USA und
       Europa. Ausgerechnet  darüber soll  im Verein mit der unerbittli-
       chen Gegnerschaft zur Sowjetunion aus China etwas werden! Die er-
       sehnte "Unterstützung"  wird China  seither auch  zuteil - aller-
       dings  mit   einer  Maßgabe,   deren  Wucht  offenbar  sogar  der
       "reformfreundlichen" Führung einen gewissen Eindruck gemacht hat:
       Sie geschieht,  wenn überhaupt, zu den Konditionen der westlichen
       Polit- und  Geschäftswelt, die  es in  sich haben. Beispielsweise
       als Export"chance", für die die westlichen Abnehmer Gebrauchswert
       und Preis  diktieren; als  Güterlieferung, für die dasselbe gilt;
       als Kredit,  der dem  Land mit  jedem so finanzierten Fortschritt
       erweiterte Zins- und Tilgungsverpflichtungen, erweiterten Kredit-
       bedarf und eine entsprechend erweiterte Geschäftemacherei mit der
       "Volkskraft" auferlegt,  auf die die Führung dieser Volksrepublik
       ja seit  jeher baut. Das politische Ideal, aus China eine respek-
       tierte Macht  werden zu lassen, wird auf diese Weise wahrgemacht.
       Auf seinen Realismus reduziert, erlaubt es der souveränen Staats-
       gewalt in  Peking, als bedingter Teilhaber  d e s  Nutzens aufzu-
       treten, den die Führungsmächte von Weltwirtschaft und Weltfrieden
       aus der  strategischen Bedeutung, den Bodenschätzen und einer be-
       schränkten Benutzung des so umfänglichen Volkes ziehen.
       8. Auch andere  Länder haben  den Irrtum,  der Ost-West-Gegensatz
       ließe sich für ihre "Entwicklung"  a u s n ü t z e n,  längst ge-
       beichtet. Allerdings  ist ihr  "Lernprozeß" nicht  so spektakulär
       verlaufen wie  der chinesische.  Nationen wie Ägypten haben keine
       weltkommunistische Strategie  erfunden und  sich deswegen mit der
       Sowjetunion zusammengetan  und auseinandergesetzt. Dem Staatsmann
       Nasser erschien seine nationale Sache zunächst einmal wie anderen
       Potentaten der  arabischen Welt  auch, durch den Staat Israel ge-
       fährdet. Von  dem Bündnis  mit der  Weltmacht Nr.  2 erwartete er
       sich die militärische Garantie der ägyptischen "Entwicklung", und
       was dieser  an ökonomischen  Mitteln fehlte, sollte durch die Na-
       tionalisierung des  produktiven Eigentums,  Handel mit dem Westen
       und dem Osten sowie dessen Hilfe zur Herstellung größerer Produk-
       tivität vor  allem in  der Landwirtschaft  geschaffen werden. Die
       Bekehrung, die Losung der politischen "Bindung" an die UdSSR, die
       Sadat vornahm,  ist das Ergebnis verlorener Kriege, akkumulierter
       Schulden und  der Sorge um ein Denkmal sowjetischer Entwicklungs-
       hilfe, den Assuan-Staudamm, über dessen Nutzen und Kosten die Ge-
       lehrten ökologisch-ökonomisch streiten. Daß man als Freund Ameri-
       kas besser  fährt, ist inzwischen weltweit zum weitsichtigen Ver-
       mächtnis Sadats  erklärt worden.  Und dieser Erkenntnis schlossen
       sich auch  Staaten an, die sich von den militärischen Zuwendungen
       der Sowjetunion  Erfolge in  der Bestreitung ihres lokalen Natio-
       nalinteresses versprachen, dabei aber auf keinen grünen Zweig ka-
       men, sei  es, daß sie der politischen Feindschaft der USA und ih-
       rer Freunde  nicht gewachsen  waren,  die  ökonomische  Grundlage
       ihres Gemeinwesens den Dienst versagte oder beides!
       Gerade die  arabischen Staaten  liefern für die sehr beschränkten
       Perspektiven, die  ein in  die  außenpolitische  Selbstbehauptung
       verwandelter  Nationalismus,   der  Anspruch  auf  Erhaltung  und
       "Entwicklung" nationaler  Größe hat,  die eindeutigsten  Materia-
       lien:
       - Ihr  panarabischer   Internationalismus   betätigt   sich   als
       n e g a t i v e   Gemeinsamkeit gegen  Israel, mit  dem der freie
       Westen - sogar noch unter Zustimmung der Sowjetunion - eine mili-
       tärisch-strategische Gründung gegen den Einspruch ihrer geballten
       Souveränität vorgenommen  hat; eine  Gründung, gegen  die mehrere
       Kriege, finanziert  durch Öleinkünfte und mit Waffenhilfe der So-
       wjetunion, nichts ausrichten konnten.
       - Ihrem   p o s i t i v e n  I n h a l t  nach verweist diese Ge-
       meinsamkeit nicht  auf ein materielles Interesse einer nationalen
       Ökonomie, von der sich die Untertanen abhängig wissen und um des-
       sentwillen sie zu Parteigängern ihres Staates werden. Im Idealis-
       mus des gemeinsamen  G l a u b e n s,  des Islam, gründet die mi-
       litante Bereitschaft, der "arabischen Sache" zum Recht zu verhel-
       fen.
       - Dem Staat  und dieser "Sache" zu dienen, wird zur einzig siche-
       ren Erwerbsquelle,  wo das Öl und sein Abtransport die ganze Öko-
       nomie der Nation definiert: ein Ölstaat unterhält eine Militärge-
       sellschaft, und seine auf die Kontinuität der Einkünfte gerichte-
       ten Interessen  bringen die  Solidarität der  Moslem-Brüder  ver-
       schiedener Nationalität bisweilen ins Wanken;
       - und zwar  einerseits im Rahmen des anti-israelischen Programms,
       bei  dem   die  Ölpotentaten  die  Finanziers  spielen,  auf  die
       "Weltwirtschaft" Rücksicht  nehmen und  sich von ihrer westlichen
       Kundschaft auch  einmal zur  Sanftmut überreden  lassen - während
       die Habenichtse  an der radikalen Verfolgung der "Sache" Gefallen
       finden;
       - andererseits im  Rahmen der Konkurrenz um das Geschäft, das die
       Nutznießer des  Öls zum institutionalisierten Streit in der OPEC,
       ihrem Bündnis, bewegt.
       So ist  dafür gesorgt, daß aus der Kombination und Wechselwirkung
       dieser   Gesichtspunkte    des   arabischen   Nationalismus   ein
       K o n f l i k t h e r d   entsteht, der  durch die  Konkurrenz um
       die Macht  in den  einzelnen Staaten  ständig zusätzlich geschürt
       wird. Mit  russischen, europäischen  und amerikanischen   W a f--
       f e n   und mit   i s l a m i s c h e n  Argumenten finden Rebel-
       lionen und  Zerwürfnisse,  Regierungswechsel  und  Kriege  statt.
       Während Israel  mit den  USA im  Rücken darüber  sein Territorium
       vergrößert hat,  die UdSSR  immer mehr  Abstand davon  nimmt, die
       Verfechter des  militanten Islam zu kriegerischen Taten zu ermun-
       tern - sie wollte Ägypten glatt von seinem letzten Waffengang mit
       Israel abhalten  -, aber in Syrien und Libyen noch Gerät zur Ver-
       fügung stellt,  während im  Iran eine  islamische Revolution über
       die Bühne  ging, versuchen  die in  ihrem Nationalismus wenig er-
       folgreichen Akteure des Nahen Ostens, aus ihrer Lage das Beste zu
       machen. Manche  mit  einem  ganz  ihrer  Souveränität  gewidmeten
       Krieg, andere  mit mehr oder minder regelmäßigen Waffengängen ge-
       gen Israel,  ein dritter (Gaddafi) verteidigt seinen Luftraum ge-
       gen US-Manöver  - und in gewissen Regierungen reift die Einsicht,
       daß der  eigenen Geltung  am besten  gedient ist,  wenn  man  dem
       freien Westen  im Interesse einer "Nahost-Lösung" behilflich ist,
       sich zum "Sicherheitsfaktor" ausrüsten läßt und den Anteil an den
       Ölpreisen moderat beziffert.
       Als  Zeichen   ihrer  Schwäche   wollen  Staatsmänner   aus   den
       "Entwicklungsländern" ihre  weltpolitischen Niederlagen und Rück-
       schläge, ihre  Kurskorrekturen und  Frontwechsel allerdings nicht
       auffassen. Immerhin   b e t ä t i g e n  sie sich auf diese Weise
       als "politischer  Faktor" und erfreuen sich der Aufmerksamkeit an
       der diplomatischen  Börse. Alles was sie tun oder lassen, wird ja
       nicht daran gemessen, ob es den jeweiligen Untertanen bekommt. Ob
       sie sich  wieder einmal  eine Maßnahme  zur Stabilisierung  ihrer
       Währung oder  eine zur  Festigung der  Ordnung im Lande einfallen
       lassen, ob  sie einen Atomreaktor bauen oder eine Wahl ausschrei-
       ben - stets gewahren sie, daß mit dem weltweiten Interesse an ih-
       ren Ländern  v o n  i h n e n  das eine oder andere Vorgehen ver-
       langt oder  mißbilligt wird,  also ihre   S o u v e r ä n i t ä t
       gefragt ist,  wenn sie dem Sorgerecht der Großmächte anheimfallen
       und zu  Urhebern oder Faktoren von allerlei  K r i s e n  ernannt
       werden.
       Vom Standpunkt  der Schädigung,  die ihrer  Staatskasse  bereitet
       wird, unter  dem Gesichtspunkt  der Einschränkung, die ihre Hand-
       lungsfreiheit erfährt,  entdecken sie  deshalb nicht  allein  die
       härtesten Techniken der  K o n k u r r e n z  - die bisweilen bis
       zur "Gefahr  für den Weltfrieden" reifen -, sondern auch die Not-
       wendigkeit von   B ü n d n i s s e n.   Die  Ölländer, über deren
       Bedeutung in  der Welt  schon die  Charakterisierung ihrer  Wirt-
       schaft durch  einen Stoff  alles sagt, haben sich zur OPEC zusam-
       mengetan, innerhalb derer sie nun ihren Streit um Preise und För-
       derquoten abwickeln.  Afrikanische Führer haben den gleichartigen
       Umgang, der  ihnen von  seiten der Weltmächte und besonders durch
       Südafrika zuteil  wird, in das gemeinsame Interesse aller Afrika-
       ner umdefiniert.  Und aus  dem Vergleich mit dem Erfolg ihrer ge-
       wichtigen Handelspartner,  den sie  bestehen wollen, sind gemein-
       same Ansprüche  in bezug auf die Behandlung im Kommerz erwachsen;
       so gibt  es einen gemeinsamen Markt für Zentralamerika, AKP-Staa-
       ten (die  sich als  Unterzeichner des  Lomé-Abkommens definieren)
       und anderes  mehr. Die Mitgliedschaft in einem Militärbündnis er-
       scheint manchen  Souveränen wie eine Überlebensgarantie - und die
       Spekulation auf bessere Konditionen ihrer staatlichen Existenz in
       Abhängigkeit vom  Weltmarkt des  Westens und  auf die  hilfreiche
       Funktion des  Ostens hat  ganz viele Staaten zur  B e w e g u n g
       d e r   B l o c k f r e i e n   zusammengeführt. Viel  bewegt hat
       sich da  freilich nicht; das Aufregendste war wohl die Wahl eines
       roten Vorstands. Denn um Forderungen vorzubringen und durchzuset-
       zen,  fehlen   den  versammelten   Repräsentanten  der  "Entwick-
       lungsländer" genauso  die Mittel wie jedem einzelnen unter ihnen;
       zudem versagt die "Drohung" mit der Orientierung am Osten - falls
       sie in  Erwägung gezogen  wird - immer ihren Dienst. Der Ostblock
       ist weder  willens noch  in  der  Lage,  den  Bedürfnissen  jener
       Herrschaften dauerhaft
       zu entsprechen;  die einschlägigen  Versuche jedenfalls, Ernst zu
       machen mit der alternativen Sorte weltpolitischer Zusammenarbeit,
       scheitern regelmäßig  daran, daß  die Sowjetunion  "zu wenig"  zu
       bieten hat,  wenn sie auf Freundschaft aus ist- und daß der freie
       Westen jedem  Versuch mit ökonomischen und militärischen Manövern
       ein Ende  bereitet. Deshalb  ist Kuba auch keine Bastion, die die
       USA in  Verlegenheit bringt,  sondern ein  Zuschußbetrieb für die
       Sowjetunion. Wenn  überhaupt eine  Partnerschaft mit  ihr Bestand
       hat, dann nicht durch Geschäft, sondern auf Grundlage von Kosten!
       Die Illusion,  gemeinschaftlich politisch  kalkulieren zu können,
       haben die  "Blockfreien" einzeln und in Gruppen selbst begraben -
       zumindest was Kalkulationen anlangt, die auf eine wie immer gear-
       tete Stärke  gegenüber dem freien Westen abzielen, der ihnen ihre
       Herrschaft konzessioniert.  Denn wenn im Pentagon und im Entwick-
       lungshilfeministerium jede  Million Auslandskapital,  Kredit oder
       zusätzliche Spesen für die auswärtige Ordnung und ihr "Überleben"
       als "Kampf  gegen den  Kommunismus" firmiert, in dessen Hände der
       Hunger die  Menschen treibt, so stimmt die Umkehrung dieser Ideo-
       logie noch  lange nicht.  Und schon gar nicht gelingt der prakti-
       sche Vorstoß,  mit der  Abwanderung ins  andere Lager zu drohen -
       eine solche  Politik erfreut  sich noch  allemal der herzlichsten
       Kriegserklärung durch die zuständige Weltmacht.
       9. Was die  Instanzen und  Gremien der  "Entwicklungsländer",  im
       Rahmen der  UNO und außerhalb, zustandegebracht haben, beschränkt
       sich auf  die Klage,  dem Elend in ihren Breiten nicht steuern zu
       können  und   Opfer  einer   verkehrten  und  ungerechten  "Welt-
       wirtschaftsordnung" zu  sein. Von  dem Bemühen, sich an der Seite
       der Sowjetunion  eine  neue  Geschäftsgrundlage  zu  verschaffen,
       haben sie  nicht viel  gehalten -  im Gegenteil.  A n k l a g e n
       gegen die  Weltmacht Nr.  2 sind vorgebracht worden. Als ob nicht
       das Tun der imperialistischen Partner, sondern die Unterlassungen
       des Ostens  für die  Ruinierung der  Völker verantwortlich seien,
       haben die  Herrschaften,  die  das  Regieren  ihrer  verelendeten
       Landsleute über  alles schätzen,  den Protest  angemeldet, dessen
       Herkunft eine  ausgemachte Sache  ist: Während die USA und Europa
       immerhin soundsoviel Prozent ihres Bruttosozialprodukts wohltätig
       in die  "Dritte Welt"  stecken, so  die Botschaft,  verlassen den
       Ostblock höchstens  ziemlich  kalorienarme  Waffenlieferungen  in
       Richtung Süden.
       Damit haben  sie ihren  Beitrag zur intensiven Führung des "Nord-
       Süd-Dialogs" geleistet,  in dem  ihnen Gelegenheit  gegeben wird,
       sich als  G e s c h ö p f e  der Weltpolitik und entsprechend ih-
       rem Existenzgrund  aufzuführen -  und zwar im exklusiven Gespräch
       mit denen, die seit einigen Wirtschaftsgipfeln den Lauf der Dinge
       auch im "Süden" verantwortlich fortschreiben. Ein anderer Beitrag
       stammt aus  den Kreisen jener kritischen Idealisten im freien We-
       sten, die  "Entwicklungspolitik" schon  immer am hehren Zweck des
       Helfens messen, deswegen für sie eingetreten sind und seit gerau-
       mer Zeit  bemerken, daß  ihr Erfolg  nicht in  der Minderung  des
       Elends liegt.  Ihre Anregung, daß es so wohl nichts nütze, Milli-
       arden auszugeben,  haben  die  offiziellen  Entwicklungspolitiker
       aufgenommen und befunden, daß Entwicklungshilfe "ein Faß ohne Bo-
       den" sei.  Diese zunächst inoffiziellen Feststellungen gaben dann
       auch die  Diskussionsgrundlage für  das Nord-Süd-Gipfeltreffen in
       Cancún ab,  das zu dem großartigen Beschluß führte, "globale Ver-
       handlungen" in Angriff zu nehmen. Während der westdeutsche Außen-
       minister mit  einem Redebeitrag  brillierte, der mit Hungerstati-
       stiken und  -prognosen nur so gespickt war und kundig als Erörte-
       rung   einer   "Welternährungsstrategie"   dargeboten   wurde   -
       "arbeitsintensive Landwirtschaft in den Entwicklungsländern" hieß
       dann der  "Bonner Vorschlag" -, wartete der Präsident der USA mit
       einer Empfehlung auf: "Reagan empfiehlt freie Wirtschaft", und er
       wollte das  als "Absage an die Wünsche der Dritten Welt" verstan-
       den wissen. Willy Brandt "dämpfte die Erwartungen", und der Papst
       richtete dringende "Appelle zur Lösung des Hungerproblems" an die
       Welt: "Die Ernährung ist ein Grundrecht" - so seine tiefergehende
       Einsicht. Frankreichs  Mitterrand ließ  alle  "Verdammten  dieser
       Erde" in  einem Aufruf  grüßen. Nur  die Vertreter der anwesenden
       "unterentwickelten Länder"  hielten unter  der Wortführung Chinas
       an der Vorstellung fest, sie wären auf einer Versammlung, auf der
       i h n e n   Gehör geschenkt  wird und sie in ihren Gesprächspart-
       nern Leute  vor sich  haben, die ihre Ansprüche würdigen. Daß die
       Modalitäten ihrer  Herrschaft von  den anwesenden Regierungschefs
       der freien Welt geklärt und bestimmt werden müssen, ist ihnen of-
       fenbar in  den Wirren  von 20 Jahren "Entwicklungshilfe" klar ge-
       worden - und diese Erfolgsmeldung in bezug auf die Leistung ihrer
       weltpolitischen Strategie  nahmen die Führer des Westens entzückt
       zur Kenntnis. Ihr Blick richtete sich nach vorn, und Cancún wurde
       ein Erfolg.
       - Die Tatsache, daß die Sowjetunion in der "Dritten Welt" einfach
       nichts zu  bestellen hat  und auch  kaum mehr Sympathien genießt,
       wurde wieder  einmal  gründlich  gewürdigt  mit  der  aufgeregten
       Frage: "Warum  sind die  Russen nicht  da?" Allerdings nicht ohne
       den Hinweis  darauf, daß  die weltpolitische Flurbereinigung noch
       eine Handvoll  Restposten aufweist;  einer davon, Angola, erhielt
       Besuch aus  Südafrika, einem treuen Partner, auf den sich der We-
       sten noch  immer verlassen  durfte in heiklen Situationen auf dem
       schwarzen Kontinent.
       - Breiten Raum räumten die Repräsentanten der USA und Europas der
       offiziellen Desillusionierung  über die bisherigen Leistungen der
       "Hilfe" ein.  Aber nicht  in dem  Sinne, daß  nun eine  Welle von
       Care-Paketen  über   die  hungerleidenden   Völker  hereinbrechen
       sollte.  In   Cancún   wurde   ein   "neuer   Umgang"   mit   den
       "Schwierigkeiten" der  "Entwicklungsländer" in diplomatische For-
       meln gepackt, ein Umgang, der Zweck und Mittel ohne große ideolo-
       gische Umschweife  ins Verhältnis  setzt und  seit geraumer  Zeit
       praktiziert wird.  Der freie  Westen hat  aus dem "Mißerfolg" der
       Entwicklungshilfe - sie beseitigt nirgends die vielbeklagte Armut
       - den  Schluß gezogen, daß man dann auch die einschlägigen Spesen
       sparsamer handhaben kann. Zumal die Bittsteller klar und deutlich
       zum Ausdruck  gebracht haben,  daß auch  für die  "Gewinnung" der
       "Dritten Welt",  für ihre  reservierte Haltung  gegenüber  Moskau
       keine Zuwendungen notwendig sind. Sie argumentierten allesamt wie
       Einflußsphären, die ihren Platz in der Weltpolitik "gefunden" ha-
       ben, und  sie distanzierten  sich von jeder "Einmischung" in ihre
       Angelegenheiten. Der Grund für die so gerechtfertigte Sparsamkeit
       wird  selbstverständlich   nicht   nur   den   Bürgern   in   den
       "Industrieländern", sondern  auch den  Partnern aus  Übersee  er-
       klärt. "Wir haben selbst Probleme", heißt er, und unumwunden wer-
       den sie  erläutert. Die  "Weltlage" geht  mit der  "Kriegsgefahr"
       schwanger, die  Sicherheit kostet  Geld, darauf  muß unsere Wirt-
       schaft eingestellt  werden, und  kein Bürger  bei uns  hätte Ver-
       ständnis für  sein Opfer, wenn wir erwiesenermaßen unsinnige Ent-
       wicklungshilfe zum Fenster hinauswerfen würden. Die Praxis dieser
       Darlegungen, die  den Chinesen in Cancún sicher eingeleuchtet ha-
       ben, besteht  in der  Streichung sämtlicher  Zusatzkosten, die  -
       ohne direkt  dem Geschäft zugutezukommen - bisher für die Funkti-
       onstüchtigkeit der  "Entwicklungsländer"  verausgabt  wurden.  Da
       entfällt nicht  nur manches  Projekt  zum  Aufbau  einer  "Infra-
       struktur", das sich erst in 20 Jahren lohnt, und die Kreditlinien
       im Rahmen  des "Weltwährungssystems" gibt es auch nicht mehr. Die
       amerikanische Regierung,  offen wie  immer  seit  Reagans  Macht-
       übernahme, sagt  es unumwunden,  daß sie  zwar laufende und damit
       lohnende Geschäfte  aufrechterhalten will,  aber es  nicht  nötig
       hat, den  Aufbau neuer Rohstoffabkommen und dergleichen zu finan-
       zieren. Eine  schöne Gelegenheit  für europäische  Nutznießer des
       Weltmarkts, ihren Wunsch auszudrücken, daß ihnen durchaus an ver-
       stärkter Zusammenarbeit gelegen wäre.
       -  P o l i t i s c h e,   und zwar  sehr  generalstabsmäßige  Ge-
       sichtspunkte spielen  eben in  Zeiten des "verschärften Ost-West-
       Gegensatzes" die  wichtigste Rolle  im Verkehr mit einer "Dritten
       Welt",  deren   ökonomische  Dienste   entweder  gesichert   oder
       zweitrangig  sind.   Nicht  mehr   die  heuchlerische   Rede  von
       "i h r e n   P r o b l e m e n"   ist an  der Tagesordnung, nein:
       "W i r   haben Probleme  mit  E u c h!"  Die Stabilität der Herr-
       schaft in  jenen Staaten steht zuallererst zur Debatte, und damit
       auch keinem  verborgen bleibt,  was Reagan  damit meint, sieht er
       mit seinem  Außenminister überall, wo sich Opposition regt, ob am
       Golf oder in Südamerika, die Russen am Werk. Wo es um das Problem
       der Weltpolitik  schlechthin geht,  mag sich  die Weltmacht Nr. 1
       "vor ihrer  Haustür" keine Bürgerkriege mehr leisten und zusehen,
       wie sie mit der neuen Regierung ins alte Geschäft kommt.
       - Deswegen hört auch die  H i l f e  der großen USA nicht einfach
       auf: statt  Hunger-, Entwicklungs- und Kapitalhilfe verstärkt die
       Staatenwelt der NATO nämlich ihre exquisite  W a f f e n hilfe  -
       und auf diesem Felde läßt sie sich auch nicht den Vorwurf machen,
       geizig zu sein. Der Leiter der amerikanischen Entwicklungsbehörde
       überreicht herzlich  lachend seinem  nicht minder froh gestimmten
       US-Präsidenten einen  plakatgroßen symbolischen  "Scheck  an  den
       amerikanischen Steuerzahler"  über 28 Mill. Dollar - sie sind bei
       Entwicklungsprojekten eingespart  worden. Und  der Präsident  be-
       dankt sich  mit der  Ankündigung bei  den amerikanischen Bürgern,
       daß er  Asien, Afrika  und China  mit Waffen vollstellt! Denn die
       Welt, auch  die der "Entwicklungsländer" ist voller strategischer
       Lücken und  Interessen, die verteidigt werden müssen. Auf europä-
       isch lautet  der Kommentar  von Willy  Brandt: "Leider  droht der
       Ost-West-Gegensatz den Nord-Süd-Dialog zu ersticken!"
       - Vom "Süden"  her ist  Protest kaum  zu vernehmen. Die Geschöpfe
       des Imperialismus  haben die  Lektion '81  längst begriffen. Wenn
       ihre Souveränität  und das Wohlwollen derer, die sie garantieren,
       nun nicht  mehr von  der ökonomischen Brauchbarkeit allein abhän-
       gen, wenn  nur geregelte  Handelsbeziehungen und bereits funktio-
       nierende Kapitalanlagen  zählen, die Spekulation auf künftige Er-
       werbsquellen in den Hintergrund tritt, so wissen sie, wie der Ge-
       nuß achtbaren Mitmischens in der Weltpolitik zu erhalten ist. Man
       muß sich  die Völkerfreundschaft  eben  über  die    p o l i t i-
       s c h e   D i e n s t b a r k e i t   sichern!  Statt  mit  einem
       weltweiten  Aufbegehren   der  "Blockfreien"   sieht   sich   die
       Führungsmannschaft der westlichen Freiheit mit  A n g e b o t e n
       aller Nationalismen  konfrontiert: Mexiko will Mittelamerika sta-
       bilisieren und  dafür Waffen in jeder Menge borgen; Saudi-Arabien
       moderiert den  Ölpreis und  will sich  Ägypten bei der Losung des
       Nahost-Konflikts anschließen,  natürlich gegen Barzahlung und mit
       Blick auf  die ständige  Gefahr, daß Moskau ein strategisches In-
       teresse an  der Region  hat.  AWACS-Flugzeuge  wären  auch  China
       recht, genauso wie Leopard-Panzer und ein paar Raketen - ein blo-
       ßer Horchposten  ist für die Bezwingung des russischen Feindes zu
       wenig. Ägypten  will es  mit Libyen  aufnehmen, und in Südamerika
       ist man  hocherfreut, auch  strategische Aufgaben  übernehmen  zu
       können...
       -  S o l c h e  Interessen - sie werden von Tag zu Tag mehr - er-
       fahren seitens  der westlichen Allianz ihre kalkulierte Befriedi-
       gung; kalkuliert  deshalb, weil die Ausrüstung dieser Staaten zum
       Material der  Offensive den beschränkten Charakter des jeweiligen
       Nationalismus in  Rechnung zu  stellen hat.  Untereinander sollen
       sie das umweltfreundliche Kriegsgerät nämlich nicht zur Anwendung
       bringen -  es sei denn gegen jene Ausnahmen, die es immer noch an
       "sowjethörigen" Regimes gibt. Das  a n d e r e  Interesse das nur
       noch bei Idealisten christlichen oder humanistischen Denkens Für-
       sprecher findet  - die  Sache mit  dem Hunger -, wird statistisch
       befriedigt. Präsidenten  westlicher Demokratien übertreffen sich,
       wie etwa in Cancún auch bei Sammlungen aus der Lohntüte ihrer Un-
       tertanen,  im   Verlesen  der   neuesten   Vorhersagen,   wieviel
       "Menschen" in den nächsten Jahren auch ohne Krieg krepieren.
       Krieg und  Hunger haben  übrigens eines gemeinsam. Sie gehören zu
       den Tatsachen,  auf die  sich die  NATO-Politik so  gerne beruft,
       weil sie sie schafft.
       
       (Fortsetzung in Teil 2)
       

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