Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT GERMANISTIK - Drangsale der Unterhaltungskunst


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       Der Veranstaltungskommentar
       
       Erich Frieds Dichterlesung an der RUB:
       
       NOCH'N GEDICHT
       ==============
       
       Ein proppenvoller  Hörsaal HGB 10, nachmittags um vier. Der Dich-
       ter Erich Fried auf seinem Stühlchen, schwergewichtig. Das Publi-
       kum andächtig  lauschend. Kakophonische  Klänge von  Trompete und
       Klavier, einstimmend und untermalend.
       Dann hub  der Dichter  an. Das Sujet: Liebe, Papst, saurer Regen.
       Vor allem  aber:  friedensbewegte  Ideologeme  -  ins  Moralisch-
       Grundsätzliche gewendet. Kostprobe:
       
       "Beziehungen zu einer Großmacht.
       Mit den  Mördern leben / ist ein verständlicher Wunsch / wenn man
       am Leben  hängt /  und wenn die Mörder stark sind / nur - mit den
       Mördern leben  / kann eines Tages bedeuten / an den Mördern ster-
       ben / wie man mit ihnen gelebt hat."
       
       Ist das  nicht schaurig-erbaulich:  wir, die  BRD, wollen  leben,
       aber mit  Leuten, den  Reagans, die  böse sind, woraus Mit-Schuld
       entsteht, die  ihren tragischen Preis fordern könnte. Sollten wir
       also nicht  in uns  gehen, bevor  es zu spät ist? Wahrlich, wahr-
       lich.
       Ein weiteres Traktat vom verhängnisvollen Schuldigwerden: das Ge-
       dicht "Der  Präventivschlag -  der Erstschlag". Selbst und gerade
       der Gute,  Abel, der  den Bösen,  Kain, aus Furcht präventiv tot-
       schlägt, fällt  der Verstrickung  aller Feindseligkeit anheim und
       wird dem  Bösen gleich.  Was für eine grause Welt. Da stellt sich
       doch alsbald  auch für  den Dichter  selbst die  Frage nach einem
       möglichen Mitschuldig-Werden:
       
       "Ich habe  1 Stunde  lang ein Gedicht korrigiert: 1 Stunde / wäh-
       renddessen sind 1400 kleine Kinder verhungert / ... / in dieser 1
       Stunde wurde auch wettgerüstet..."
       "Die Frage liegt nahe / ob es noch sinnvoll ist / bei dieser Lage
       der Dinge / noch Gedichte zu schreiben."
       
       Und schon  ist wieder  ein Gedicht perfekt! Aber warum sollte man
       eine kokette  Scheinfrage nicht  künstlerisch  fruchtbar  machen?
       Köstlich denn  auch Frieds nächstes Gedicht, das bezeugt, wieviel
       Positives und  Hoffnungsträchtiges doch  im Dichten steckt - wenn
       man es richtig betreibt:
       
       "Allerdings geht  es in einigen Gedichten um Rüstungsausgaben und
       Krieg und  verhungernde Kinder  / aber  in anderen  / geht  es um
       Liebe und  Altern /  und um Wiesen und Bäume und Berge / und auch
       um Gedichte  und Bilder.  / Wenn es nicht auch um all dies andere
       geht /  dann geht  es auch  keinem /  mehr wirklich um Kinder und
       Frieden."
       
       Genau. Wer  Bäume und Bilder gering achtet, kann der grausen Welt
       keinen Lichtblick  entlocken,  bzw.:  entgegensetzen.  In  diesem
       Sinne genieße man folgenden herrlichen Zweizeiler:
       
       "Wenn die Nacht keine Tür hätte /  wo ginge der Tag hin?"
       
       Gottseidank hat  sie eine! Noch nicht verlesen konnte der Dichter
       seine schon fertige Ode zum Tag X:
       
       "Wenn es  draußen bumst und kracht / gehört sich kein Gedicht ge-
       macht! /  Welt -  gute Nacht?!  / ... / Das wär ja gelacht: / Ein
       neuer Tag erwacht!"
       

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