Quelle: Blätter 1957 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ZUR KRISE IM JEMEN
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       Der Geschäftsführer der Gesandtschaft des Mutwakilia Königreiches
       des Jemen  in der Bundesrepublik, A.R. Albaydany, überreichte uns
       eine Presseerklärung, die wir im Wortlaut wiedergeben:
       
       "Die Besetzung  der Region  von Aden  durch Großbritannien begann
       damit, daß einem auf hoher See sich in Seenot befindlichen briti-
       schen Schiff - auf seinem Wege nach Indien - das Trinkwasser aus-
       ging und  es deshalb  in Aden  Zuflucht suchte,  um sich dort mit
       Wasser zu  versorgen. Das  Schiff wurde vom jemenitischen Gouver-
       neur von  Aden willkommen  geheißen und seine Besatzung als Gäste
       der Regierung vom Jemen behandelt. Diese wohlwollende Haltung und
       Gastfreundschaft brachte  den Kommandanten  des Schiffes  auf die
       Idee, im  Namen der  Ostindischen Gesellschaft mit dem Gouverneur
       von Aden ein Abkommen zu unterzeichnen, durch welches der Gesell-
       schaft das  Recht eingeräumt  wurde, auf  jemenitischem Boden ein
       Wasserreservoir und  ein Kohlenlager  zu errichten.  Dies war der
       Beginn der gewaltsamen Besitznahme weiterer jemenitischer Gebiete
       unter dem  Vorwand der Notwendigkeit, die Wasser- und Kohlenlager
       zu schützen;  und so  besetzten die  Briten die ganze Stadt Aden,
       die sie  seit 1937 dem britischen Kolonialministerium unterstell-
       ten. Durch  Druck, Terror,  Zerstörung von Häusern und Verwüstung
       von jemenitischen Besitztümern brachten sie die Führer der um die
       Stadt Aden  ansässigen jemenitischen Stämme dazu, Pakte zu unter-
       schreiben, durch  welche sie  sich dem britischen Protektorat un-
       terwarfen.
       Die jemenitische Regierung hat indessen diese Pakte niemals aner-
       kannt, da die Stammesführer zur Unterzeichnung solcher Pakte kei-
       nerlei gesetzliche  Vollmachten hatten.  Der  Internationale  Ge-
       richtshof hat  übrigens in  ähnlichen Fällen den zwischen Staaten
       einerseits und regionalen Prinzen oder Scheiks andererseits abge-
       schlossenen Verträgen jede Gültigkeit abgesprochen, da ein inter-
       national anzuerkennender Vertrag einzig zwischen zwei oder mehre-
       ren   S t a a t e n   abgeschlossen werden  kann. Deshalb  wider-
       setzte sich  die Regierung  des Jemen diesem britischen Gewaltakt
       und erkannte  die Rechtmäßigkeit  der britischen Existenz in Aden
       und Umgebung,  von den  Engländern gegenwärtig  als 'Protektorat'
       bezeichnet, nicht  an. Nachdem  die Spannung zwischen Großbritan-
       nien und  Jemen den Höhepunkt erreicht hatte, beschlossen die Re-
       gierungen beider  Länder 1934, die bis dahin fortgesetzten Kämpfe
       einzustellen und  normalen Beziehungen  den Weg zu ebnen. Gleich-
       zeitig einigten sich beide Teile, bis zur Erreichung einer fried-
       lichen Regelung  den Status  quo, wie er 1934 war, beizubehalten.
       Dies wurde  durch einen  1951 unterzeichneten Vertrag bekräftigt.
       Später schloß  die jemenitische  Regierung Verträge mit deutschen
       und amerikanischen  Gesellschaften ab, die die Ausbeutung der Me-
       tall- und  Ölreichtümer des  Landes zum Gegenstande haben. Natür-
       lich lud  die Regierung  des Jemen britische Gesellschaften nicht
       ein, an  diesen Konzessionen teilzuhaben, da Jemen böse Erfahrun-
       gen gemacht  und schlechte Erinnerungen an die britische Kolonia-
       lisierung hatte,  welche diese als Gast begann und mit der Beset-
       zung des  Hauses des  Gastgebers und der Ermordung des Gastgebers
       und seiner  Familie beendete. So war es in Indien, in Ägypten und
       in jedem  Land, das  von England heimgesucht wurde. Da die engli-
       schen Gesellschaften von der Ausbeutung der jemenitischen Metall-
       vorkommen ausgeschlossen wurden, entschloß sich Großbritannien zu
       einem großen Manöver, mit dem es einen föderalistischen Bund zwi-
       schen den  jemenitischen Zonen  zustandebringen wollte,  der  die
       gänzliche Einverleibung  in  die  britischen  Kolonien  einleiten
       sollte. Dies  geht übrigens aus der Tatsache hervor, daß nach dem
       britischen Projekt  der britische  Gouverneur von  Aden Präsident
       des Bundes  sein und über die Reichtümer dieser Gebiete praktisch
       frei und uneingeschränkt verfügen sollte. Die jemenitische Regie-
       rung widersetzte  sich naturgemäß diesem Projekt, das mit den be-
       stehenden jemenitisch-britischen  Verträgen unvereinbar war, weil
       es den  Status quo  aufgehoben hätte.  Die Arabische  Liga unter-
       stützte den  jemenitischen Standpunkt.  Die  britische  Regierung
       aber erklärte in der Region den Ausnahmezustand und schickte ihre
       Bomber, um  Häuser zu zerstören, Blut zu vergießen und um alle in
       der Nähe dieser Zone befindlichen Bauten der jemenitischen Regie-
       rung in Schutt und Asche zu legen.
       Diese Aktion  der Briten  führte zu einem offenen Aufstand in der
       ganzen Zone von Aden und Umgebung, deren Bewohner die Rückgliede-
       rung dieses  Gebietes in ihre alte jemenitische Heimat forderten.
       Die Briten versuchten, durch Einsatz von Panzern und Düsenbombern
       und durch  Zerstörung von  Städten und  Dörfern den  Aufstand  im
       Keime zu  ersticken, bevor  die Weltöffentlichkeit davon Kenntnis
       bekam.
       In der  Nacht auf  den 25.  Dezember, während die Welt die Geburt
       Christi, des Verkünders des Friedens auf Erden und der Liebe zwi-
       schen den Menschen, feierte, warfen britische Flugzeuge ihre mör-
       derischen Spreng-  und Brandbomben  auf  friedliche  jemenitische
       Städte und  Dörfer, töteten  Hunderte und verletzten Tausende von
       Menschen schwer,  meist Frauen, Kinder und Greise. Die Städte El-
       Beida, Hureib und Ka'taba, die unbestreitbar in jemenitischem Ge-
       biet liegen, waren unter anderem schweren Luft- und Panzerangrif-
       fen ausgesetzt,  in deren Folge Regierungsbauten (an der proviso-
       rischen Grenze  gelegene Zollhäuser)  zerstört wurden. Die briti-
       schen Luftangriffe  gegen jemenitische  Städte werden  immer noch
       fortgesetzt. Aus  dieser britischen  Haltung ist klar zu ersehen,
       daß Großbritannien  nicht gewillt  ist, die  mit dem  Jemen abge-
       schlossenen Verträge, die den Frieden in dieser Gegend gewährlei-
       sten sollen,  zu respektieren. Die Briten beabsichtigen offenbar,
       durch solche Aktionen diese Gebiete zu annektieren und sich so an
       der jemenitischen  Regierung zu  rächen, weil  diese Verträge mit
       deutschen und amerikanischen Gesellschaften zur Ausbeutung der im
       Innern des Jemen befindlichen Metall- und Ölvorkommen abgeschlos-
       sen hat.  Die der  englischen Politik  gegenüber stets vorsichtig
       gewesene Haltung  der jemenitischen  Regierung hat  im übrigen in
       einsichtigen und erfahrenen politischen Kreisen stets Verständnis
       und Zustimmung  gefunden, da  diese englische  Politik sich stets
       wenig um  die Respektierung abgeschlossener Verträge, internatio-
       naler Grundsätze  sowie der Charta der Vereinten Nationen und der
       Menschenrechte kümmerte.  Bei dieser Gelegenheit möchte ich fest-
       stellen, daß  das jemenitische  Volk dem  britischen Volk Achtung
       und Wertschätzung  entgegenbringt und  daß der  gegenwärtige Kon-
       flikt auf die unglückliche Initiative britischer Behörden in Aden
       zurückzuführen ist.  Ich entsinne  mich noch  des  Vortrages  von
       Herrn Hugh  Gaitskell, des  Chefs der  britischen Arbeiterpartei,
       den er im vergangenen September in der 'Redoute' in Bad Godesberg
       gehalten hat  und der  sehr realistische Richtlinien für eine auf
       Gerechtigkeit aufgebaute  Zusammenarbeit zwischen  Großbritannien
       und allen  Völkern enthielt, die mit diesem in Verbindung stehen.
       Nach dem  Vortrag hatte  ich Gelegenheit, mit Herrn Gaitskell Ge-
       dankenaustausch zu  pflegen, und  ich stellte  fest, daß der Chef
       der Labour Party der Meinung war, daß Großbritannien seine Bezie-
       hungen zu  anderen Völkern  auf der  Grundlage  der  Achtung  des
       Selbstbestimmungsrechtes dieser  Völker und  auf  der  Basis  des
       wirtschaftlichen Austausches nach dem Grundsatz der Gleichberech-
       tigung und freien Willensbestimmung aufbauen sollte, ohne daß die
       Souveränität und  volle Selbständigkeit dieser Völker eine Beein-
       trächtigung erleiden.  Ich entsinne  mich noch  meiner Antwort an
       Mr. Gaitskell,  daß der Jemen keinen Augenblick zögern würde, mit
       Großbritannien zusammenzuarbeiten, wenn Großbritannien sich diese
       Grundsätze zu eigen machen würde.
       Während ich  erwartete, daß Großbritannien sich anschicken würde,
       diesen Grundsätzen  Rechnung zu  tragen, wurde  ich von der Nach-
       richt über Angriffe britischer Bomber auf jemenitische Städte und
       der Tötung  von Hunderten  von Jemeniten  in dem  Gebiet von Aden
       selbst überrascht. Diese Angriffe richteten sich gegen die fried-
       liche Bevölkerung, nur weil sie ihre Opposition gegen eine briti-
       sche Politik offen bekundet hatte, die in der Weltgeschichte ein-
       zig dasteht und die folgendes Beispiel illustrieren mag:
       Wenn beispielsweise  irgendeine Beleidigung eines britischen Sol-
       daten in  einer im Gebiet von Aden liegenden Stadt gemeldet wird,
       verfügen die  britischen Behörden  die Schließung  sämtlicher Ge-
       schäfte der  Stadt und  aller Handelshäuser, verbieten jede kauf-
       männische Verbindung mit anderen Städten und bombardieren wahllos
       die ganze Stadt.
       Ich habe  es für  zweckdienlich gehalten, Ihnen mit dieser Erklä-
       rung auch eine Photokopie eines der britischen Ultimaten zu über-
       reichen, aus welchem die vorher erläuterte Tatsache hervorgeht.
       Haben Sie  je von  einer ähnlichen Handlung in der Geschichte ge-
       hört? Diese  Ultimaten sind mehrmals monatlich wiederholt worden,
       seit die britische Besetzung begann.
       Wie fühlen  Sie sich,  wenn Sie nun über diese Grausamkeit hören?
       Wie würden  Ihre Gefühle sein, wenn solche Unterdrückung in Ihrem
       Lande begangen würde? Wie würden Sie solcher Unterdrückung begeg-
       nen? Würden  Sie ruhig  bleiben und für den Angreifer beten? Oder
       würden Sie für Ihre Freiheit und Ihre Menschenrechte revoltieren?
       Der zweite  Weg wurde  durch meine  Landsleute gewählt. Sie haben
       sich erhoben  und werden fortfahren, sich und ihre Menschenrechte
       zu verteidigen.  Sie bestanden und werden weiterhin darauf beste-
       hen, zu  unserem Mutterland,  dem großen Jemen zurückzukehren. In
       ihrem Kampf  für Freiheit  hoffen sie  auf Ihre moralische Unter-
       stützung und Sympathie.
       Am 5.1.1957  hielt die  Arabische Liga  eine Sondersitzung ab, um
       den britischen  Angriff auf  Jemen zu  prüfen. Am 7.1.1957 bestä-
       tigte die  Arabische Liga ihre Unterstützung des Jemen, verdammte
       die britische Aggression und entschloß sich, den Fall den Verein-
       ten Nationen zu unterbreiten. Was den Jemen anbelangt, so wird er
       weiter bestrebt  sein, diesen  Konflikt auf  friedlichem Wege  zu
       beenden. Es  liegt an England, das Feuer einzustellen und mit der
       jemenitischen Regierung  über eine Beilegung in einer friedlichen
       Atmosphäre zu verhandeln, entsprechend den zwischen dem Jemen und
       Großbritannien bestehenden  Verträgen. Wir  sind immer  tolerant,
       schauen in  die Zukunft  und sind  bereit, auf allen Gebieten auf
       der Basis  der Gleichberechtigung  mit allen  zusammenzuarbeiten,
       die mit  uns gemeinsam zu arbeiten wünschen. Aber wenn die briti-
       sche Aggression fortgesetzt wird und unsere Städte weiterhin ver-
       wüstet werden,  wird die  Regierung des  Jemen ihr Volk mit allen
       Mitteln zu  verteidigen haben  und wird  die Hilfe  aller  Länder
       willkommen heißen."
       

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