Quelle: Blätter 1957 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ALBERT SCHWEITZERS RUF AN DIE WELT
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       "Als Vom  1. März  1954 an Versuche mit Wasserstoffbomben von den
       Amerikanern auf Bikini im Gebiete der Marshall-Inseln (im Stillen
       Ozean) und  von den  Russen in  Sibirien gemacht  wurden, kam man
       dazu, sich  davon Rechenschaft zu geben, daß es mit der Erprobung
       von Atomwaffen  ein anderes Ding sei als mit den früheren nichta-
       tomischen. Wenn  ein neukonstruiertes  Geschützungeheuer auf  dem
       Versuchsfeld abgefeuert  worden war, war damit die Sache zu Ende.
       Nicht so mit der Explosion einer Wasserstoffbombe. Es blieb etwas
       davon übrig:  daß nämlich eine Unmenge kleinster Teilchen von ra-
       dioaktiven Elementen  in der  Luft vorhanden  war und radioaktive
       Strahlen aussandte.  Dies war  schon bei  den Uranbomben, die auf
       Hiroshima und  Nagasaki fielen  und nachher  noch weiter  erprobt
       wurden, der  Fall gewesen. Da sie aber, entsprechend der geringe-
       ren Größe  und Wirkung  dieser früheren Bombe, sich noch nicht so
       bemerkbar machte wie bei der Wasserstoffbombe, hatte man ihr kaum
       Beachtung geschenkt.
       Weil radioaktive  Strahlungen, wenn  sie in  einer gewissen Menge
       und Stärke vorhanden sind, schädigend auf den menschlichen Körper
       einwirken, kam dann die Diskussion in Gang, ob die von bisherigen
       Explosionen von  Wasserstoffbomben  herrührende  Strahlung  schon
       eine Gefahr bedeute, die durch neu hinzukommende Explosionen eine
       Zunahme erfahren würde.
       Seitdem haben  im Laufe von dreieinhalb Jahren Vertreter der phy-
       sikalischen und  der medizinischen Wissenschaft sich mit dem Pro-
       blem beschäftigt.  Beobachtungen über das Vorhandensein, die Her-
       kunft und die Natur der Strahlungen wurden gemacht. Die Vorgänge,
       auf denen  ihre Wirkung  auf den menschlichen Körper beruht, sind
       erforscht worden.  Auf Grund des in dieser Sache zusammengetrage-
       nen, wenn auch bei weitem nicht vollständigen Materials muß geur-
       teilt werden, daß die radioaktive Strahlung, wie sie sich aus den
       bisherigen Explosionen  von Atombomben ergeben hat, eine nicht zu
       unterschätzende Gefahr  für die  Menschheit bedeutet, und daß sie
       bei weiteren  Explosionen von  Atombomben in beängstigender Weise
       zunehmen würde.
       Dieses Urteil  ist, besonders in den letzten Monaten, des öfteren
       ausgesprochen worden. Merkwürdigerweise ist es nicht in dem Maße,
       wie man  es hätte  erwarten sollen,  in die  öffentliche  Meinung
       übergegangen. Die  einzelnen und die Völker fühlen sich nicht be-
       wogen, der  Gefahr, in  der wir uns befinden, die Aufmerksamkeit,
       auf die sie leider Anspruch hat, zuteil werden zu lassen. Sie muß
       ihr vorgehalten und begreiflich gemacht werden.
       Mit anderen,  die sich  für verpflichtet  halten, in diesen Tagen
       als Mahner  in Wort  und Schrift  aufzutreten, erhebe  ich  meine
       Stimme. Mein Alter und die Sympathie, die mir die von mir vertre-
       tene Idee  der Ehrfurcht  vor dem  Leben eingetragen  hat, lassen
       mich erhoffen,  daß meine  Mahnung mit  dazu beitragen  kann, der
       Einsicht, die not tut, den Weg zu bereiten.
       Der Radiosendestation von Oslo, der Stadt des Nobel-Friedensprei-
       ses, danke  ich, daß  sie mir  dazu verhilft, das, was ich glaube
       aussprechen zu sollen, in die Ferne gelangen zu lassen.
       Was ist Radioaktivität?
       Sie besteht  im Vorkommen  von Strahlen,  die sich  von denen des
       Lichts dadurch  unterscheiden, daß  sie unsichtbar sind und nicht
       nur durch  Glas hindurchgehen,  sondern auch durch dünne Scheiben
       von Metall wie auch durch Schichten des Zellgewebes des menschli-
       chen und tierischen Körpers. Strahlen dieser Art wurden erstmalig
       1895 durch  den Münchner  Physiker Wilhelm  Röntgen entdeckt  und
       nach ihm  benannt. Im Jahre 1896 stellt der französische Physiker
       Henry Becquerel  fest, daß  Strahlen dieser Art in der Natur vor-
       kommen. Sie  gehen von  dem seit 1786 bekannten Element Uran aus.
       1898 entdecken Pierre Curie und seine Frau in der Uranpechblende,
       einem Uranerz, das stark radioaktive Element Radium.
       Zuerst herrschte  eitel Freude  und  Stolz  darüber,  daß  solche
       Strahlen den  Menschen zur Verfügung stehen. Es stellte sich näm-
       lich heraus,  daß sie  eine Einwirkung  auf die  relativ  schnell
       wachsenden und relativ schnell zerfallenden Zellen bösartiger Tu-
       moren wie Krebs und Sarkom besitzen. Sie vernichten sie, wenn sie
       ihrer Einwirkung öfters und länger ausgesetzt sind.
       Mit der  Zeit mußte man leider die Erfahrung machen, daß die Ver-
       nichtung von Krebszellen nicht immer eine Heilung des Krebses be-
       deutet, und  daß auch  die gewöhnlichen  Zellen des  menschlichen
       Körpers, wenn  radioaktive Strahlen längere Zeit hindurch auf sie
       gerichtet sind, eine schwere Schädigung erleiden.
       Als Frau  Curie nach vierjährigem Hantieren mit Uranerz das erste
       Gramm Radium  in ihren Händen hielt, zeigte deren Haut Risse, die
       sich durch keine Behandlung heilen ließen. Mit den Jahren verfiel
       sie einem  Siechtum, das seinen Grund darin hatte, daß die radio-
       aktiven Strahlen  ihr Knochenmark  und damit  ihr Blut geschädigt
       hatten. 1934 setzte der Tod ihrem Leiden ein Ende.
       Weil man  auf Jahre  hindurch die  Gefahr nicht  in Betracht zog,
       welche Röntgenstrahlen  für die bedeuten können, die ihnen häufig
       ausgesetzt sind, haben Hunderte von Ärzten und Schwestern von der
       Bedienung von  Röntgenapparaten eine unheilbare, langsam zum Tode
       führende Erkrankung davongetragen.
       Radioaktive Strahlen  sind etwas Materielles. In ihnen schleudert
       das radioaktive  Element ständig  winzigste Teile  von  sich  mit
       Wucht in die Ferne. Es gibt drei Arten von radioaktiven Strahlen.
       Sie sind, nach den drei ersten Buchstaben des griechischen Alpha-
       bets, alpha,  beta, gamma,  benannt. Die  Gamma-Strahlen sind die
       härtesten und haben die stärkste Wirkung.
       Daß Elemente  radioaktive Strahlen  entsenden, hat  seinen  Grund
       darin, daß sie im Zerfall begriffen sind. Ihre Radioaktivität ist
       die Energie, die dabei nach und nach frei wird. Außer dem Uranium
       und dem  Radium gibt  es noch  einige andere  Elemente, die, wenn
       auch nur  ganz schwach,  radioaktiv sind.  Zu der damit gegebenen
       von der  Erde ausgehenden  radioaktiven Strahlung  kommt noch die
       die im  Weltenraum vorhanden ist, insoweit als sie bis zu uns ge-
       langen kann.  Glücklicherweise schützt uns die unsere Erde in ei-
       ner Höhe  von 400  Kilometern umgebende  Luftmasse gegen sie. Nur
       ein ganz  kleiner Teil  von ihr  gelangt bis zu uns. Träfe sie in
       voller Stärke  auf die  Erdoberfläche, würde  sie alles Leben auf
       ihr vernichten.
       Wir sind  also von  der Erde und von der Höhe aus einer ständigen
       radioaktiven Strahlung  ausgesetzt. Sie  ist aber so schwach, daß
       sie uns  nichts anhaben  kann. Wir wissen jedoch durch die Erfah-
       rungen, die  man mit  stärkerer Bestrahlung  gemacht hat, wie sie
       vom Röntgenapparat,  vom Uran und vom Radium ausgeht, daß ihr nur
       einer gewissen Dauer ausgesetzt zu sein uns zu schädigen vermag.
       Die radioaktiven  Strahlen sind  eben unsichtbar.  Wie können wir
       ihr Vorhandensein und ihre Stärke feststellen?
       Das Instrument,  das uns dies ermöglicht, verdanken wir dem deut-
       schen Physiker  Hans Geiger, der als eines der Opfer der Röntgen-
       strahlen 1945  starb. Dieser  sogenannte Geigerzähler besteht aus
       einer Metallhülse,  die verdünnte  Luft enthält.  In ihr befinden
       sich zwei  Metallenden, zwischen  denen eine  starke Spannung be-
       steht. Wirken radioaktive Strahlen von außen auf diese Röhre ein,
       so finden  zwischen den  beiden Metallenden Entladungen statt. Je
       stärker die  Strahlung ist, um so rascher folgen sie aufeinander.
       Ein in  den Apparat  eingebautes kleines  Gerät macht sie hörbar.
       Handelt es  sich um starke Strahlungen, so führt der Geigerzähler
       wahre Trommelwirbel aus.
       Es gibt  zwei Arten von Bomben: Uranbomben und Wasserstoffbomben.
       Die Wirkung  der Uranbome beruht auf dem Vorgang der bei dem Zer-
       fall des  Urans frei  werdenden Energie. Bei der Wasserstoffbombe
       beruht das  Freiwerden von  Energie auf der statthabenden Umwand-
       lung des  Elements Wasserstoff in das Element Helium. Interessant
       ist, daß  dies derselbe  Vorgang ist,  der im  Innern  der  Sonne
       stattfindet und  ihr die  sich stetig erneuernde Energie liefert,
       Licht und Wärme zu versenden.
       Ihrer Art  nach sind  die Effekte der beiden Bomben die gleichen.
       Aber der  einer der neuesten Wasserstoffbomben soll, nach manchen
       Schätzungen, das Zweihundertfache derjenigen sein, die auf Hiros-
       hima fiel.
       Zu diesen  beiden Atombomben  ist neuerdings  die Kobaltbombe als
       Super-Atombombe hinzugekommen. Sie ist eine Wasserstoffbombe, die
       mit einem aus Kobalt bestehenden Mantel umgeben ist. Ihre Wirkung
       soll die  der stärksten bisherigen Wasserstoffbomben um ein Viel-
       faches übertreffen.
       Bei der  Explosion einer  Atombombe  entstehen  in  unvorstellbar
       großer Anzahl kleinste Teilchen radioaktiver Elemente. Als solche
       haben sie mit dem Uran gemein, daß sie in Zerfall begriffen sind.
       Bei den einen, den stärksten, verläuft dieser sehr rasch, bei an-
       deren langsam, bei anderen außerordentlich langsam.
       Die allerstärksten  dieser Elemente  haben schon 10 Sekunden nach
       der Detonation  der Atombombe  zu existieren aufgehört. In dieser
       so kurzen  Zeit können sie aber in einem Umkreis von mehreren Ki-
       lometern Menschen in Menge getötet haben.
       Übrig bleiben  also nur  schwächer wirkende  Elemente. Mit diesen
       haben wir  es in  unserer Zeit zu tun. Die Gefahr, welche die von
       ihnen ausgehenden  radioaktiven Strahlen  trotz  ihrer  relativen
       Schwäche für uns mit sich bringen können, gilt es einzusehen.
       Von diesen  Elementen sind  die einen  noch nach  Stunden, andere
       nach Tagen,  andere nach  Wochen, oder Monaten, oder Jahren, oder
       Millionen von  Jahren - in immer zunehmendem Zerfall - im Dasein.
       In radioaktiven Staubwolken ziehen sie in der Höhe dahin. Schwere
       Teilchen fallen  früher nach  unten. Leichtere halten sich länger
       in der  Luft oder kommen im Regen und Schnee hernieder. Wie lange
       es dauert,  bis in  der Luft  nichts mehr  von dem, was durch die
       bisherigen Explosionen  von Atombomben in sie gelangte, vorhanden
       ist, läßt sich nicht mit Sicherheit ermessen. Nach manchen Schät-
       zungen soll  dies frühestens  in dreißig  oder vierzig Jahren der
       Fall sein.
       Als Knabe  habe ich  miterlebt, daß von dem im Jahre 1883 bei der
       Explosion der  den Sunda-Inseln  zugehörigen Vulkaninsel Krakatau
       in die  Luft geschleuderten Staub in Europa in der Luft noch mehr
       als zwei  Jahre lang  so viel vorhanden war, daß die Sonnenunter-
       gänge durch diesen Staub in besonderer Pracht stattfanden.
       Mit Sicherheit  können wir  aber behaupten,  daß die  in der Luft
       entstandenen Wolken  von radioaktivem  Staub mit  den Winden fort
       und fort  um die  Erde reisen  und daß etwas von ihrem Staub fort
       und fort - sei es in freiem Fall, sei es durch Regen, Schnee, Ne-
       bel und  Tau mitgenommen - allenthalben auf die feste Erdoberflä-
       che, die Flüsse und die Meere niedergeht.
       Welcher Art  sind die radioaktiven Elemente, von denen bei Explo-
       sionen von  Atombomben allerkleinste  Teilchen in die Luft flogen
       und nun wieder herunterkommen werden?
       Sie sind merkwürdige Abarten von gewöhnlichen, nicht radioaktiven
       Elementen.  Sie  haben  dieselben  chemischen  Eigenschaften  wie
       diese, aber  ein anderes Atomgewicht. In der Bezeichnung, die sie
       führen, wird  also nach  dem Namen  des Elements  die Zahl  ihres
       Atomgewichts angeführt. Dasselbe Element kann in mehreren Abarten
       existieren: Neben  Jod 131, das nur 16 Tage am Leben ist, gibt es
       Jod 129, das es auf 200 Millionen Jahre bringt.
       Gefährliche Elemente  dieser Art  sind: Phosphor  32, Calzium 45,
       Jod 131,  Eisen 55, Wismuth 210 Plutonium 239, Cerium 144, Stron-
       tium 89,  Cäsium 137.  War die Wasserstoffbombe mit einem aus Ko-
       balt bestehenden Mantel umgeben, so kommt noch Kobalt 60 hinzu.
       Besonders gefährlich  sind die  Elemente, die  bei einem  relativ
       langen Bestehen  eine relativ  starke Strahlung  aussenden. Unter
       diesen nimmt  Strontium 90 die erste Stelle ein. In der Menge des
       radioaktiven Staubes  ist es  besonders reichlich vorhanden. Auch
       Kobalt 60 ist als besonders gefährlich anzuführen.
       Die durch diese Elemente gesteigerte Radioaktivität der Luft kann
       uns von  außen her  nichts anhaben. Sie ist nicht stark genug, um
       unsere Haut zu durchdringen. Anders steht es schon mit ihrem Ein-
       atmen, wodurch  radioaktive Elemente  in unseren  Körper gelangen
       können. Die  vor allem  in Betracht  zu ziehende  Gefahr ist aber
       die, daß  wir infolge der erhöhten Radioaktivität der Luft radio-
       aktives Wasser zu trinken und radioaktive Speisen zu essen bekom-
       men.
       Auf Grund  der auf Bikini und in Sibirien stattgehabten Explosio-
       nen gehen  über Japan zeitweise Regen nieder, deren Wasser derart
       radioaktiv ist,  daß es  nicht getrunken  werden darf. Dies kommt
       aber nicht  dort allein  vor. In aller Welt, wo neuerdings Regen-
       fälle Gegenstand  der Beobachtung  geworden sind,  wird zeitweise
       der Niedergang  von radioaktivem  Regen gemeldet.  Darunter  sind
       auch solche Niederschläge, die so radioaktiv sind, daß ihr Wasser
       nicht mehr  als Trinkwasser in Betracht kommt. Brunnenwasser wird
       erst durch  längeres und reichliches Niedergehen von radioaktivem
       Regenwasser in erheblichem Maße radioaktiv.
       Wird irgendwo radioaktives Regenwasser festgestellt, so will dies
       heißen, daß  die Erde in der betreffenden Gegend es auch ist, und
       in höherem Maße. Sie wird es ja nicht nur durch auf sie gelangen-
       den Regen,  sondern auch durch frei fallenden radioaktiven Staub.
       Und nicht  nur die  Erde, sondern  auch die  auf  ihr  wachsenden
       Pflanzen sind dann radioaktiv. Was sich an radioaktiven Elementen
       auf ihr  ansammelt, gibt  sie an  die Pflanzen ab. Und diese, was
       wohl zu  beachten ist  speichern es  in sich  auf. Infolge dieses
       Prozesses kann  es vorkommen, daß wir es mit einer beträchtlichen
       auf uns lauernden Menge von radioaktiven Elementen zu tun haben.
       Handelt es sich um Gras, das Tieren, deren Fleisch einmal auf un-
       sern Tisch kommt, zur Nahrung dient, so werden beim Essen dessel-
       ben radioaktive  Elemente, die  sie durch jenes Gras in sich auf-
       nahmen und aufspeicherten, in uns aufgenommen und aufgespeichert.
       Handelt es sich um Kühe, so findet solches schon beim Trinken der
       Milch statt. Schon kleine Kinder haben dann Gelegenheit, radioak-
       tive Elemente  in sich aufzunehmen. Für sie bedeuten sie eine be-
       sondere Gefahr. Essen wir Gemüse und Obst, so kommen die in ihnen
       aufgespeicherten radioaktiven Elemente in uns.
       Um welche  Zahlen es sich bei der Aufspeicherung radioaktiven Ma-
       terials handeln  kann, läßt sich aus Feststellungen ermessen, die
       man bei  Gelegenheit einer Radioaktivität des Columbia-Flusses in
       Nordamerika machte.  Verursacht war  sie durch Abwasser der Atom-
       energie für  die Industrie  produzierenden Hanford-Atomwerke. Die
       Radioaktivität des  Wassers war  nicht bedeutend. Aber die des in
       ihm befindlichen  Planktons war  es 2000mal  mehr, die von Enten,
       die sich  von diesem  Plankton nährten,  40 000mal mehr,  die der
       Flußfische 150 000mal mehr, die von jungen Schwalben, die von den
       Eltern mit  Wasserinsekten gefüttert wurden, 500 000mal mehr, die
       des Eigelbs von Wasservögeln über 1 000 000mal mehr.
       Wenn uns immer wieder von amtlicher und nichtamtlicher Seite ver-
       sichert wird,  daß eine  festgestellte erhöhte Radioaktivität der
       Luft noch  nicht über  das hinausgehe, was der menschliche Körper
       ohne Schaden  ertragen könne,  so ist dies ein Vorbeireden an dem
       Problem. Werden wir auch nicht in direkter Weise durch die radio-
       aktiven Elemente  der Luft  geschädigt, so  doch  in  indirekter:
       durch das,  was davon  schon heruntergekommen  ist, herunterkommt
       und noch  herunterkommen wird.  Dieses nehmen wir im radioaktiven
       Wasser und in unserer pflanzlichen und tierischen Nahrung auf, in
       dem Maße,  als es  in unserer  Gegend in  den für uns in Betracht
       kommenden Pflanzen  aufgespeichert war.  Die  Natur,  zu  unserem
       Schaden, wuchert mit dem, was ihr von der Luft zukommt.
       Keine Radioaktivität der Luft, die durch die bei Explosionen ent-
       standenen radioaktiven  Elemente verursacht wurde, ist so gering-
       fügig, daß sie nicht auf die Dauer durch Anreicherung dieser Ele-
       mente in  unserem Körper  sich zu einer Gefahr für uns auswachsen
       kann.
       Was unser Körper an radioaktiven Elementen aufnimmt, wird in sei-
       nem Zellgewebe  nicht gleichmäßig verteilt, sondern an besonderen
       Orten abgelagert,  vornehmlich im Knochengewebe, wohl auch in der
       Milz und  in der Leber. Von diesen Orten aus findet dann eine von
       innen kommende  Bestrahlung statt,  durch welche die für sie emp-
       findlichen Organe  in besonderer Weise geschädigt werden. Was ihr
       an Kraft abgeht, ersetzt diese Strahlung durch Dauer. Durch Jahre
       hindurch ist sie Tag und Nacht in Gang.
       Auf welche Weise werden die Zellen eines Organs durch sie geschä-
       digt? Dadurch,  daß sie durch sie ionisiert, das heißt elektrisch
       geladen werden. Diese Veränderung hat zur Folge, daß in ihnen die
       chemischen Prozesse, in denen sie den ihnen im Körperhaushalt zu-
       fallenden Beruf  auszuüben haben, nicht mehr in der rechten Weise
       ablaufen. Sie  vermögen ihre  für uns  lebenswichtige  Funktionen
       nicht mehr  auszuüben. In  Betracht kommt  auch,  daß  durch  die
       Strahlung Zellen  eines Organs  in großer  Zahl degenerieren oder
       zugrunde gehen können.
       Welche Erkrankungen  kann die  von innen her erfolgende Strahlung
       zur Folge  haben? Dieselben,  die wir als von der außen kommenden
       radioaktiven Strahlung verursacht kennengelernt haben.
       In der  Hauptsache handelt  es sich  um schwere  Erkrankungen des
       Blutes. Die  Zellen des Knochenmarks, in denen die roten und wei-
       ßen Blutkörperchen gebildet werden, die in Menge in unserem Blute
       vorhanden sind  und es befähigen, eine so große Rolle zu spielen,
       sind sehr empfindlich für radioaktive Strahlen. Erkranken sie un-
       ter ihrer Einwirkung, so hat dies zur Folge, daß von ihnen zu we-
       nig weiße  Blutkörperchen oder  aber abnorme, in Degeneration be-
       griffene produziert  werden. In  beiden Fällen  kommt es zu Blut-
       krankheiten, die  in den meisten Fällen zum Tode führen. An ihnen
       sind die  Märtyrer der  Röntgen- und  Radiostrahlen gestorben. An
       einer dieser  Krankheiten litten  die japanischen Fischer, die in
       einer Entfernung  von 150  Kilometern von Bikini mit ihrem Schiff
       in den Aschenregen der Explosion einer Wasserstoffbombe gerieten.
       Frisch und  relativ leicht  erkrankt, konnten sie, bis auf einen,
       durch Infusionen,  in denen ihnen fort und fort gesundes Blut zu-
       geführt wurde, gerettet werden.
       In den  angeführten Fällen  handelt es sich um von außen her kom-
       mende Strahlung. Daß die von innen her kommende, durch Jahre hin-
       durch auf das Knochenmark wirkende Strahlung dieselbe Wirkung ha-
       ben wird,  ist leider  sehr wahrscheinlich,  besonders da  ja die
       Strahlung vom  Knochengewebe aus  auf das  Knochenmark geht.  Wie
       schon gesagt,  speichern sich  die radioaktiven  Elemente ja  mit
       Vorliebe im Knochengewebe an.
       Zugleich mit  unserer Gesundheit  ist auch die unserer Nachkommen
       durch die in uns von innen her stattgehabte radioaktive Strahlung
       gefährdet. Überaus  empfindlich für  sie sind  nämlich die Zellen
       der für die Fortpflanzung in Betracht kommenden Organe. Bei ihnen
       bewirkt sie sogar eine Schädigung des Zellkerns, die im Mikroskop
       sichtbar gemacht werden kann. Der so tiefgehenden Schädigung die-
       ser Zellen  entspricht eine  ebenso tiefgehende  der  Nachkommen-
       schaft. Sie  besteht in  Totgeburten und  Mißgeburten, sei es mit
       körperlichen, sei es mit geistigen Defekten.
       Auch hier  können wir  uns auf  das berufen, was die radioaktiven
       Strahlen, in  der Einwirkung von außen her, schon angerichtet ha-
       ben. Tatsache  ist, wenn auch die in der Presse im Umlauf befind-
       lichen Statistiken der Nachprüfung bedürfen, daß in Hiroshima, in
       den Jahren  nach dem Abwurf der Atombombe, abnorm viele Totgebur-
       ten stattfanden und abnorm viele Kinder mit Mißbildungen zur Welt
       kamen.
       Um über  die Frage  ins Klare  zu kommen,  in welcher  Weise eine
       stattgehabte radioaktive  Bestrahlung sich  auf  die  Nachkommen-
       schaft auswirkt,  hat man Nachforschungen angestellt, ob zwischen
       der Nachkommenschaft  von Ärzten, die Jahre hindurch Röntgenappa-
       rate bedienten,  und derjenigen von solchen, bei denen dies nicht
       der Fall  war, ein  Unterschied bestünde.  Die  Untersuchung  er-
       streckte sich  auf etwa  3000 Ärzte  jeder Gruppe.  Ein nicht  zu
       übersehender Unterschied  gab sich  kund. In der Nachkommenschaft
       der Radiologen  gab es 14,03 Totgeburten pro Tausend, bei den an-
       deren Ärzten  nur 12,22 pro Tausend. Angeborene Fehler hatten bei
       den ersten  8,01 Prozent  der Kinder,  bei den letzteren nur 4,82
       Prozent. Die  Zahl der  gesunden Kinder  betrug bei  den ersteren
       80,42 Prozent,  bei den  letzteren bedeutend  mehr, nämlich 83,23
       Prozent.
       Zu bemerken  ist, daß  auch die schwächste von innen her kommende
       Bestrahlung sich  auf die  Nachkommen schädigend  auswirken kann.
       Die ganze  Verheerung, welche eine bei den Vorfahren stattgehabte
       radioaktive Strahlung in den Nachkommen anrichtet, wird sich nach
       den in  der Vererbung geltenden Gesetzen nicht gleich in den fol-
       genden Generationen,  sondern erst  in den späteren nach 100 oder
       200 Jahren offenbaren.
       So wie  die Dinge  liegen, kann man also noch keine stattgehabten
       Fälle der  schweren und schwersten Fälle anführen, welche die von
       innen kommende radioaktive Strahlung verursacht hätte. Soweit sie
       besteht, ist  sie ja  noch nicht in der Stärke vorhanden und noch
       nicht lange genug wirksam, daß sie die in Frage kommenden Schäden
       hätte anrichten  können. Man kann nichts anderes tun, als von den
       Schäden, welche durch von außen kommende Strahlen verursacht wer-
       den, auf  die zu  schließen, welche  von der  von innen wirkenden
       einmal zu  erwarten sein  können. Ist  diese nicht  so stark  wie
       jene, so  kann sie es nach und nach dadurch werden, daß sie Jahre
       hindurch ununterbrochen  wirkt und  damit eine Leistung erreicht,
       die ähnliche  Folgen haben  kann, wie sie die von außen kommenden
       an sich stärkeren Strahlen hatten. Ihre Wirkungen summieren sich.
       In Betracht zu ziehen ist auch, daß diese Bestrahlung nicht - wie
       die von außen kommende - Schichten von Haut, Bindegewebe und Mus-
       keln durchdringen  muß, um  die Organe  zu treffen. Sie bestrahlt
       sie aus der Nähe und in keiner Weise abgeschwächt.
       Vergegenwärtigt man  sich die  Bedingungen, unter  denen die  Be-
       strahlung von innen her statthat, so hört man auf, gering von ihr
       zu denken.  Wenn es  auch wahr ist, daß man in Sachen der Gefähr-
       dung durch sie vorerst noch keine Fälle anführen, sondern nur Be-
       fürchtungen äußern  kann, so sind diese in Tatsachen doch so tief
       begründet, daß  sie für unser Verhalten das Gewicht von Wirklich-
       keiten annehmen.
       Wir sind  also genötigt,  jede Steigerung der bereits bestehenden
       Gefahr durch  weiterhin stattfindende  Erzeugung von radioaktiven
       Elementen durch  Explosionen von  Atombomben als  ein Unglück für
       die Menschheit  anzusehen, das  unter allen  Umständen verhindert
       werden muß.
       Ein anderes  Verhalten kann  für uns  schon allein darum nicht in
       Betracht kommen,  weil wir  es im Hinblick aus die Folgen, die es
       für unsere  Nachkommenschaft haben  könnte, nicht zu verantworten
       vermögen. Dieser droht ja die erste und furchtbarste Gefahr.
       Daß in der Natur von uns geschaffene radioaktive Elemente vorhan-
       den sind, ist ein unfaßliches Ereignis in der Geschichte der Erde
       und der  Menschheit. Es zu unterlassen, sich mit seiner Bedeutung
       und seinen Folgen abzugeben, ist eine Torheit, welche die Mensch-
       heit furchtbar  teuer zu stehen kommen kann. In Gedankenlosigkeit
       wandeln wir  in ihr  dahin. Es darf nicht sein, daß wir uns nicht
       noch beizeiten  aufraffen und die Einsicht, den Ernst und den Mut
       aufbringen, dieser  Torheit zu entsagen, um uns mit der Wirklich-
       keit auseinanderzusetzen.
       Im Grunde  denken die  Staatsmänner der atombombenbauenden Völker
       nicht anders.  Durch die ihnen zugehenden Berichte sind sie genü-
       gend unterrichtet,  um sich  ein Urteil zu bilden. Und Verantwor-
       tungsbewußtsein müssen wir bei ihnen auch voraussetzen.
       Jedenfalls lassen  Amerika, Rußland  und England  einander neuer-
       dings wissen,  daß sie nicht mehr verlangen, als mitander ein Ab-
       kommen über  die  Einstellung  der  Versuche  mit  Atomwaffen  zu
       schließen. Zugleich  erklären sie aber, daß sie, solange ein sol-
       ches Abkommen nicht besteht, nicht davon ablassen können, weitere
       Versuche zu machen.
       Warum kommen  sie nicht  dazu, ein  Abkommen  abzuschließen?  Der
       letzte und eigentliche Grund ist, daß eine öffentliche, dies ver-
       langende Meinung  in ihren  Ländern nicht  vorhanden ist und auch
       sonst bei  keinen Völkern,  die Japaner ausgenommen. Diesen wurde
       sie dadurch aufgenötigt, daß sie von den üblen Folgen der Gesamt-
       heit der  Versuche fort  und fort  in schwerster  Weise betroffen
       werden und dadurch in eine bemitleidenswerte Lage kommen.
       Ein Abkommen  wie dieses erfordert Zuverlässigkeit und Vertrauen.
       Die Garantien  müssen vorhanden sein, daß es von keinem der Part-
       ner aus  dem Grunde  abgeschlossen wird, daß ihm dadurch nebenbei
       ein erheblicher,  nur von ihm vorauszusehender taktischer Vorteil
       erwächst. Es  muß von  einer den betreffenden Völkern gemeinsamen
       öffentlichen Meinung eingegeben und ratifiziert werden.
       Wenn also in den Ländern, für die das Abkommen in Betracht kommt,
       und in  den Völkern  überhaupt eine öffentliche Meinung entsteht,
       die sich von den großen Gefahren der Fortsetzung der Versuche Re-
       chenschaft gibt  und sich durch die damit gebotene Vernünftigkeit
       leiten läßt,  können die Staatsmänner sich über ein Abkommen, die
       Versuche zu unterlassen, einigen. Eine öffentliche Meinung dieser
       Art bedarf  zu ihrer  Kundgebung keiner  Abstimmungen und  keiner
       Kommissionsbildungen. Sie wirkt durch ihr Vorhandensein.
       Kommt es  zum Aufhören  der Versuche  mit Atombomben, so ist dies
       die Morgendämmerung des Sonnenaufgangs der Hoffnung, nach der un-
       sere arme Menschheit ausschaut." (23.4.1957.)
       

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