Quelle: Blätter 1957 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       2000 AMERIKANISCHE WISSENSCHAFTLER APPELLIEREN
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       FÜR DAS VERBOT DER ATOMWAFFENVERSUCHE
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       Das  Max-Planck-Institut   für  Physik,  Göttingen,  stellte  uns
       freundlicherweise den  englischen Wortlaut der Bekanntmachung der
       2000 amerikanischen  Wissenschaftler und  den Text  ihres Appells
       zur Verfügung.  Hier in  Eigenübersetzung der  vollständige Wort-
       laut.
       
       "Montag, 3. Juni 1957.
       Heute wurde  von Dr.  Linus Pauling  mitgeteilt, daß 2000 Wissen-
       schaftler einen Appell unterzeichneten für den Stopp der Versuche
       von nuklearen Bomben durch eine internationale Vereinbarung. Alle
       Unterschriften wurden während der letzten Woche gesammelt.
       Der Appell  betont nachdrücklich, daß die Bombenversuche der men-
       schlichen Gesundheit  in der ganzen Welt und den zukünftigen men-
       schlichen Generationen  schaden. Er zeigt ebenso auf, daß die Ge-
       fahr des  Ausbruches  eines  sündfluthaften  Atomkrieges  wachsen
       würde, wenn  der Besitz von Waffen auf weitere Regierungen ausge-
       dehnt würde,  und daß  eine internationale  Übereinstimmung,  die
       Bombenversuche zu stoppen, als erster Schritt für ein Abrüstungs-
       abkommen dienen könnte.
       Der Appell  wurde durch  drei Nobelpreisträger unterzeichnet (Dr.
       L. Pauling, Dr. H.J. Muller, Dr. Jos. Erlanger), durch viele füh-
       rende Genetiker neben Dr. Muller und durch ungefähr 40 Mitglieder
       der Nationalen  Akademie der  Wissenschaften.  Über  1500  Unter-
       schriften erhielt  Dr. Pauling  in 2  Tagen, letzten  Freitag und
       Samstag. Viele Unterzeichner wohnen in Bethesda, Maryland, von wo
       über 200 Unterschriften stammen.
       Einer der  Unterzeichner ist Dr. Ralph E. Lapp, ein Physiker, der
       während der  letzten Jahre  in mühevoller  Arbeit anderen Wissen-
       schaftlern und der Öffentlichkeit Fakten über Atomwaffen und ihre
       Wirkungen vermittelte.
       Der Appell  wurde durch Dr. Pauling als einzelnem Wissenschaftler
       vorbereitet und durch die anderen Wissenschaftler individuell un-
       terzeichnet. Keine  Organisation wurde  eingeschaltet, weder  für
       die Formulierung  des Appells  noch für  die Sammlung  der Unter-
       schriften.
       Der Appell  ging hervor aus einer Ansprache über "Wissenschaft in
       der modernen  Welt", in  St. Louis in der Kapelle der Washington-
       Universität gerichtet  an die  Studenten und  den Lehrkörper  der
       Universität am  15. Mai  1957. Im  Laufe dieser Ansprache betonte
       Dr. Pauling  nachdrücklich, daß  es eine im wesentlichen einstim-
       mige Meinung  unter Wissenschaftlern mit Erfahrung auf dem Gebiet
       der biologischen  Wirkungen der  Strahlung  über  die  allgemeine
       Wichtigkeit dieser  Wirkungen gibt.  Die augenscheinliche Unstim-
       migkeit zwischen  den Feststellungen, die durch verschiedene Wis-
       senschaftler gemacht  wurden, ist  zum größten  Teil das Resultat
       verschiedenartiger Einschätzung  der Schlußfolgerungen.  Er erör-
       terte den  Schaden, der  durch den Versuch nuklearer Bomben ange-
       richtet wird,  und drückte  seine Überzeugung  aus, daß ein Stopp
       dieser Versuche  durch internationale  Übereinkunft ein wirksamer
       erster Schritt  zur Vermeidung eines sündflutgleichen Kernwaffen-
       krieges wäre. Der Widerhall auf seine Rede war so begeistert, daß
       es angebracht  erschien, eine Darlegung vorzubereiten, die ameri-
       kanische Wissenschaftler  unterstützen könnten.  Nahezu alle Mit-
       glieder der wissenschaftlichen Abteilungen der Washington-Univer-
       sität haben  diesen Appell unterzeichnet, insgesamt 102. Die Dar-
       legung, die genannt wird:
       "Ein Appell amerikanischer Wissenschaftler an die Regierungen und
       an die Völker der Welt"
       hat folgenden Wortlaut:
       "Wir, die  amerikanischen Wissenschaftler,  die unterzeichnet ha-
       ben, fordern,  daß ein internationales Abkommen jetzt abgeschlos-
       sen wird, die Versuche mit Kernbomben zu beenden.
       Jeder Atombombenversuch breitet eine zunehmende Ladung radioakti-
       ver Elemente  über jeden  Teil der  Welt aus.  Jede hinzukommende
       Strahlungsmenge verursacht Schäden an der menschlichen Gesundheit
       über die ganze Welt hin und schädigt das menschliche Keim-Plasma,
       so daß  eine wachsende  Zahl ernsthaft geschädigter Kinder in zu-
       künftigen Generationen zu erwarten sind.
       Solange diese Waffen sich in der Hand von nur drei Mächten befin-
       den, ist  ein Abkommen über ihre Kontrolle durchführbar. Wenn die
       Versuche weitergehen und der Besitz dieser Waffen auf weitere Re-
       gierungen ausgebreitet wird, wird die Gefahr des Ausbruches eines
       sündflutgleichen Atomkrieges  durch die rücksichtslose (reckless)
       Haltung irgendeines  unverantwortlichen nationalen Führers erheb-
       lich wachsen.
       Eine internationale Übereinkunft, die Versuche mit nuklearen Bom-
       ben jetzt  zu stoppen,  könnte als erster Schritt zu einer allge-
       meinen Abrüstung und der späteren wirksamen Abschaffung der Kern-
       waffen dienen,  unter Hinweis  auf die Möglichkeit eines Kernwaf-
       fenkrieges, der  eine Katastrophe für die ganze Menschheit bedeu-
       ten würde.
       Wir haben  in Übereinstimmung mit unseren Kollegen ein tiefes In-
       teresse am  Wohlergehen der Menschheit. Als Wissenschaftler haben
       wir Kenntnis von den vorhandenen Gefahren und deshalb eine beson-
       dere Verantwortung,  diese Gefahren bekanntzugeben. Wir halten es
       für unumgänglich,  daß eine  sofortige Aktion  begonnen wird, ein
       internationales Abkommen  zum Stopp  der Versuche aller nuklearen
       Waffen zu erreichen!"
       Die ersten Unterzeichner, die mit Dr. Pauling an der Formulierung
       des Appells arbeiteten, sind folgende:
       Barry Commoner,  Edward U.  Condon, Charles D. Coryell, Leslie C.
       Dunn, Viktor  Hamburger, Michael  Heidelberger, I.H.  Herskowitz,
       Herbert Jehle,  Martin Kamen,  Edwin C.  Kemble,  I.M.  Kolthoff,
       Chauncey Leake, S.E. Luria, Max Mason, Carl V. Moore, Philip Mor-
       rison, H.J.  Muller, Severo  Ochoa, C.C.  Price, Arthur  Roberts,
       M.L. Sands,  Verner Schomaker, Laurence H. Snyder, Oswald Veblen,
       M.B. Visscher und W.H. Zachariasen.
       Zu der  Gruppe zählt  Dr. H.J.  Muller von der Indio-Universität,
       der den Nobelpreis für Medizin im Jahre 1946 für seine Entdeckung
       erhielt, daß  das Eindringen von Strahlung Mutationen in Pflanzen
       und Tieren  hervorruft. Dr.  Muller ist führend gewesen unter den
       Genetikern beim  Hinweis auf  die Gefahren radioaktiver Strahlung
       für die  Menschheit. Ein  anderes Mitglied der Gruppe, Prof. L.H.
       Snyder von  der Universität  Oklahoma, ist eine Autorität auf dem
       Gebiet der  menschlichen Genetik.  Dr. Snyder ist jetzt Präsident
       der "Amerikanischen  Gesellschaft für den Fortschritt der Wissen-
       schaften" und  unterzeichnete den Appell zum Stopp der Bombenver-
       suche persönlich  als Wissenschaftler, nicht als Repräsentant der
       "Amerikanischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaf-
       ten".
       Andere führende  Forscher auf dem Gebiet der Genetik, die den Ap-
       pell unterzeichneten,  sind: M.R. Irwin, Sewall Wright, D.C. Coo-
       per, A.B.  Chapman, M.  Demerec, Richard  B. Goldschmidt und L.C.
       Dunn.
       Etwa die  Hälfte der  Wissenschaftler, die den Appell zeichneten,
       sind Biologen,  und viele der anderen sind Bio-Chemiker, Chemiker
       oder medizinische Wissenschaftler. Die Zahl der Physiker, die den
       Appell unterzeichneten, ist nicht groß. Einige Physiker, die sich
       enthielten zu  unterzeichnen, teilten mit, daß sie nicht genügend
       Kenntnis über  die biologischen Folgen eindringender radioaktiver
       Strahlung hätten,  um einen  Appell zu  Unterzeichnen, in dem sie
       sagen, daß  sie Kenntnis von den in Atombombenversuchen enthalte-
       nen Gefahren  hätten. Viele  dieser Nichtunterzeichner sagten au-
       ßerdem, daß  sie den  Appell unterstützen und ihn gezeichnet hät-
       ten, wenn er nicht diesen Satz enthalten hätte.
       Es folgt  die alphabetische  Liste der Unterschriften, die uns in
       vier Tagen, vom 29. Mai bis zum 1. Juni, erreichten."
       

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