Quelle: Blätter 1957 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       SCHREIBEN KATHOLISCHER CHRISTEN AN DIE KATHOLISCHEN BISCHÖFE
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       IN DER BUNDESREPUBLIK
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       Eminenzen und Exzellenzen!
       Aus der  Sorge um  Leben und Wirken der Kirche in Deutschland und
       um den  Bestand unserer  jungen Demokratie halten wir katholische
       Christen es  für unsere  Gewissenspflicht, Ihnen im gegenwärtigen
       Zeitpunkt, wenige  Wochen vor den Bundestagswahlen, folgendes als
       Ergebnis sorgfältiger Überlegungen vorzutragen:
       1. Die Aufteilung  der Bürger der Bundesrepublik in Christen, So-
       zialisten und Liberale ist geschichtlich überholt, politisch ver-
       hängnisvoll und religiös schädlich. Es vergiftet in gleichem Maße
       das kirchliche wie das politische Leben unseres Staates, wenn re-
       ligiöses Bekenntnis,  Weltanschauung und parteipolitischer Stand-
       ort gleichgesetzt werden.
       ............
       2. In dieser  Situation werden die überkommenen, dem heutigen Zu-
       stand der  Gesellschaft nicht  mehr entsprechenden weltanschauli-
       chen Fronten  künstlich konserviert, wenn kirchliche Verbände und
       Publikationen einer  einzigen Partei direkte oder indirekte Wahl-
       hilfe leisten,  wie es  geschehen ist  und geschieht.  Die Kirche
       läuft damit  Gefahr, mit einer politischen Partei und deren prak-
       tischer Politik identifiziert zu werden.
       3. Die Bischöfe  haben als  Träger des  Lehr- und Hirtenamtes der
       Kirche das Recht und die Pflicht, die Anerkennung des Naturrechts
       und des  natürlichen Sittengesetzes  im politischen Leben zu for-
       dern. Daher  ist bei vielen Sachentscheidungen eine Stellungnahme
       der Bischöfe  gerechtfertigt und  notwendig. Ihre Glaubwürdigkeit
       mindert sich  aber, wenn  unter den  heutigen Umständen generelle
       Entscheidungen, wie sie eine Wahl darstellt, beeinflußt werden.
       4. Die besondere  Sorge der  Bischöfe gilt der Kulturpolitik. Bei
       der bevorstehenden Bundestagswahl spielen jedoch kulturpolitische
       Fragen nur eine untergeordnete Rolle, da hier die Kompetenzen des
       Bundes sehr begrenzt sind.
       In den außenpolitischen, innenpolitischen, wirtschafts- und sozi-
       alpolitischen Fragen,  die mit  Vorrang die  Wahlentscheidung be-
       stimmen, kann  aus der  katholischen Lehre eine Stellungnahme zu-
       gunsten einer  Partei zwingend  nicht abgeleitet werden. Der mün-
       dige Christ  muß das Risiko dieser Entscheidung selbst tragen und
       ihre Folgen verantworten.
       5. Aus den  dargelegten Gründen sind wir der Meinung, daß die ka-
       tholischen Christen  in der gegenwärtigen Lage die volle Freiheit
       der Wahl zwischen den einzelnen Parteien haben und haben müssen.
       
       Inge Aicher-Scholl, Ulm
       Heinrich Böll, Köln
       P. Beda Hernegger OFM, Essen
       Dr. Emil Martin, Verlagslektor, München
       Christian Mayer, Schriftsteller, München
       Dr. Eugen Polz, Arzt, München
       Heinrich Walter, Betriebsleiter, Gelsenkirchen u.a.
       

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