Quelle: Blätter 1957 Heft 12 (Dezember)


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       Hans Henny Jahnn
       
       DER MENSCH IM VERÄNDERTEN WELTBILD
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       I
       
       Wenn ich  wage, mit vielen Bedenken, als Schriftsteller Bemerkun-
       gen zum  Beginn des Atomzeitalters, unseres Zeitalters zu machen,
       so tue  ich es  mit dem ausdrücklichen Privileg jener Narrenfrei-
       heit, die  man noch  (sicherlich nicht  mehr sehr lange) hier dem
       Dichter, dem Individualisten zugesteht.
       Wir stehen  am Anfang  des Atomzeitalters, so sagt man. Es ist zu
       fragen: was ist das? Ist es ein sich vorbereitender Geschichtsab-
       schnitt, in  dem die seelische und körperliche Beschaffenheit des
       Menschen spürbar verwandelt, verbessert oder verschlechtert wird?
       Man wird  nichts Erschöpfendes antworten können. Es gibt in Wirk-
       lichkeit sehr  viele, mit  verschiedenen Farben gefärbte Fenster,
       durch die  man der  Zukunft entgegenschauen kann. Sie selbst wird
       in ihrer  wahren Gestalt  und Beleuchtung  nicht sichtbar werden.
       Alles zukünftige  Geschehen ist  nur vermutbar; wir wissen nichts
       verläßliches.
       Die Phantasten  haben Wunschträume  aller Art  bereit. Einfältige
       Wundergläubige, einfache Menschen, werden mittels verführerischer
       Berichte in  das Gespensterreich unfehlbarer und womöglich unver-
       wüstbarer Maschinen eingelassen. Aber es bleibt bestehen, daß wir
       uns in höchster Gefahr befinden. Mag die überwiegend durch Gewis-
       sensprüfung nicht  gesteuerte Phantasie  des Menschen in den Him-
       mel, sei er nun oben, unten oder überall, reichen; die Realitäten
       bleiben unerbittlich. Die Menschheit spielt unüberlegt, voreilig,
       mit einem  nicht ganz  einwandfreien Hirn  ausgestattet, um  ihre
       Existenz. Es sind Verwandlungen der Substanz Mensch zum Unhumanen
       hin, zum  Kollektivismus feststellbar,  die nicht anders, so oder
       so, als  verhängnisvoll enden können. Die Menschheit tritt, unbe-
       streitbar, mit  Vorbelastungen in  dies Zeitalter,  mit abwegigen
       Vorurteilen, alten Grausamkeiten, mit gespenstischen Unnatürlich-
       keiten und mit unausgelöschter Dummheit.
       Es ist  müßig, die  Einzelheiten kriegerischer  Vorbereitungen zu
       beschreiben, etwa  die Kampfmittel,  mögen sie chemischer, bakte-
       riologischer oder  atomarer Art  sein. Aber  es ist sinnvoll, die
       Zahl der  Toten zu  nennen, die  vor einem totalen Sieg, aber dem
       Sieg des  Todes, aufgehäuft  werden. Schon jetzt oder binnen sehr
       kurzer Zeit  können Tausende  von Bombern  und Raketen eingesetzt
       werden. Die  Erdkugel, die  wir bewohnen,  kann  die  Explosionen
       nicht nur vieler tausend Atombomben erleben, sondern auch solcher
       mit harter  und langer  Strahlenwirkung, wie die des Kobalts. Ein
       militärischer Großkrieg  bedeutet: 1 Milliarde Menschen zu töten,
       bewußt, vorausberechnet,  und die Zerstörung aller Werte, die wir
       bisher als Kulturgüter bezeichnet haben, zu bewerkstelligen.
       Die Hundertzahl  der frühen  Warner, wie  Harald Uray, Otto Hahn,
       Albert Einstein,  Niels Bohr,  Oppenheimer, Marcus  L.  Oliphant,
       Sturtevant, Linus Pauling, H.J. Muller, Bertram Russel, Alexander
       Topchie und wie sie alle heißen, ist inzwischen auf viele tausend
       angestiegen. Aber  alle müssen  sich einstweilen darauf beschrän-
       ken, Einsicht zu verbreiten, und das mit dem beschämenden Wissen,
       daß Einsicht  vorläufig noch  wenig gegen die ungeheure Masse des
       Nichtverstehens vermag.  Die entschiedenen Voraussagen der Physi-
       ker haben  keine erkennbare Revolution in der öffentlichen Gesin-
       nung hervorgerufen.  Selbst in den Reihen der Kernforscher finden
       sich Männer, die in konservativer Halsstarrigkeit ausharren, sich
       den Machtansprüchen ihrer Auftraggeber weiter zur Verfügung stel-
       len und hoffen. - Auf was hoffen sie? Und wer bezahlt ihnen diese
       Hoffnung, die nicht genannt werden kann?
       Die Wissenschaftler  mit  hohem  Verantwortungsbewußtsein  -  und
       reichte ihre  Zahl an die Hunderttausend heran - vermögen nur we-
       nig; sie  bleiben Vereinzelte  gegenüber den Milliarden. Auch die
       Schriftsteller, die  ihre Meinung durch Gewissensprüfungen gerei-
       nigt haben, sind als Verbündete fast wertlos. Man kann den ganzen
       Troß der  Warner und Prediger sogar erledigen, wenn ihre Erkennt-
       nisse, in  die Öffentlichkeit  getragen, zu  lästig werden. Dafür
       gibt es Beispiele - seit jeher. Und auch die große Zahl, wenn sie
       nicht demokratisch  bemehrheitet ist,  bleibt fragwürdig,  sofern
       man es  höheren Orts  so will.  Auch dafür gibt es Beispiele-seit
       jeher. Daß  man selbst  auf engem Raum Millionen hinterrücks ver-
       nichten oder ausschalten kann - diese Erfahrung liegt gerade hin-
       ter uns.
       Die Betrachtungen  über den  Beginn des Atomzeitalters erschöpfen
       sich selbstverständlich  nicht damit, daß man die Vernichtung der
       Menschheit in  einem Atomkrieg  als möglich  oder  wahrscheinlich
       hinstellt, wenn  auch der  Hang des Menschen zur Zerstörung durch
       die Geschichte  genügsam bewiesen  worden ist. Ein primitiver Ge-
       danke der  Rache oder Vergeltung gibt seit jeher die Legitimation
       für barbarische  Gefühle und  Handlungen. Damit  wird man auch im
       Atomzeitalter einstweilen  unverändert rechnen  müssen.  Aber  es
       gilt auch,  sich andere  Gefahren klar zu machen, die mit der Er-
       zeugung friedlicher Atomenergie verbunden sein können. Grundsätz-
       lich nämlich  erfolgt die Gewinnung so gearteter Energie auf die-
       selbe Weise  wie die  Explosion einer  Bombe. Der Unterschied be-
       steht einzig  darin, daß  man die  Reaktion derartig verlangsamt,
       daß sie  nicht zur Schnelligkeit einer Detonation führt. Ein Teil
       der aktiven  Masse wird in beiden Fällen in mehr oder weniger ra-
       dioaktive Elemente  zerlegt. Es  entsteht also  auch in den Atom-
       kraftwerken Atommüll,  dessen Menge  z.B. bei  der Umstellung der
       gesamten englischen Elektrizitätswirtschaft auf jährlich 20 t ra-
       dioaktiver Produkte berechnet worden ist. So bestehen denn ernste
       Bedenken, den  Bau großer  Atomreaktoren in dicht besiedelten Ge-
       bieten zu  betreiben. Die  USA und Rußland verfügen, im Gegensatz
       zu Europa, immerhin über weite Wüstengebiete.
       Man glaubt  - trotz  gegenteiliger Erfahrung  - an die "Gutartig-
       keit" des  Menschen, an  den menschlichen  Witz oder  an die Vor-
       sehung, die  auf nebelhafte  Weise in  den Totalvorgang hineinge-
       woben scheint.  Außerdem bemüht sich die Propaganda, das Schreck-
       bild zu  verkleinern. Die berufsmäßigen Strategen versuchen gera-
       dezu, den  kleinen, harmlosen,  den örtlich begrenzten Atomkrieg,
       möglichst mit  "sauberen", soll  heißen wenig Radioaktivität ver-
       breitenden Atomsprengkörpern, auf die Beine zu stellen, damit die
       Institution Krieg  nicht aufhöre und die Apparate der Wehrhaftig-
       keit im Laufe der Jahrzehnte nicht überflüssig werden.
       
       II
       
       Das Atomzeitalter  beginnt mit  einer  Zwangsbewirtschaftung  des
       Geistes; auch  der Schriftsteller  wird mehr und mehr in den Kon-
       formismus des  die Wahrheit  Nicht-oder nur Halb-Sagens hineinge-
       preßt. So  ist es zu verstehen, daß der Biologe, Nobelpreisträger
       Prof. Dr.  H.I. Muller von der Indiana Universität in Bloomington
       auf  der   Genfer  Konferenz   der  Atomforscher  seinen  Vortrag
       "Strahlenwirkung  und  Mutation  beim  Menschen"  nicht  verlesen
       durfte. Die  amerikanische  Regierung  hatte  seine  Ausführungen
       nicht gutgeheißen; sie erschienen als zu düster. Auch in Kopenha-
       gen, im  vorigen Jahre  noch, gab es bürokratische Behinderungen,
       die beinahe  dazu geführt  hätten, daß  dieser große  Biologe das
       Wort nicht hätte ergreifen dürfen. Sein Name steht jetzt nach dem
       des Linus Pauling an zweiter Stelle unter dem Aufruf der 2000 Ge-
       lehrten Amerikas,  die, wie  die 18  deutschen, gemeinsam warnen.
       Der Dichter  Henry Miller, einer der bedeutendsten Wortführer der
       amerikanischen Opposition, sagt unumwunden: "Bereits erlebten wir
       zwei Weltkriege  und haben  Aussicht auf weitere, bevor das Jahr-
       hundert zur  Neige geht.  Haben wir den Tiefpunkt schon erreicht?
       Noch nicht. Die geistige Krise des 19. Jahrhunderts ist lediglich
       durch den geistigen Bankerott des zwanzigsten abgelöst worden. Es
       ist die  Zeit, da  'die Mörder umgehen'; daran besteht kein Zwei-
       fel. Politik  ist zu  einem Geschäft  von Gangstern geworden. Die
       Völker marschieren  in den Himmel, aber sie rufen nicht Hosianna;
       die hieniden marschieren den Brotschlangen entgegen."
       Wir sind geistig ärmer geworden. Das gewaltige Gebäude neuer wis-
       senschaftlicher  Erkenntnisse  beherbergt  keine  neue,  für  uns
       brauchbare Ethik.  Elektronen-Gehirne sind einer Gewissensprüfung
       nicht fähig.  Sie kennen nur zwei Aussagen: Lösung - Nichtlösung.
       Aber sie  greifen in  Entscheidungen ein,  die möglicherweise das
       Sein des  Lebens oder das Nichtsein bedeuten. Daß eine Unzahl von
       Technikern und  Gelehrten sich  der Gewissensbefragung enthalten,
       ist aus ihren Experimenten ableitbar, in denen Tiere und Menschen
       den entsetzlichsten  Foltern ausgesetzt werden. "Zwölf junge Män-
       ner, Kriegsgegner  aus religiösen  Gründen, werden  im Herbst mit
       einer aus  Lebensmitteln, die  Atombestrahlung ausgesetzt  waren,
       bestehenden Diät beginnen." Das ist eine der ungeheuerlichen Zei-
       tungsnachrichten (AP 24. Juli 1955). Die Menschheit und ihre Ver-
       treter in  der weltlichen Macht und im Glauben sind völlig unvor-
       bereitet, den  Gefahren unserer Zeit zu begegnen. Die Achtung vor
       dem Leben  ist geschwunden,  die Achtung  vor den  Wohltaten  der
       nicht vergewaltigten  Schöpfung.  Unser  archaischer  Glaube  ist
       falsch; er  verhindert nichts. Er beläßt es dabei, daß der Mensch
       zu allem  fähig ist  und Fortschritt  der Sittlichkeit  nicht be-
       dürfe. Nicht  einmal das ureigenste Problem, die ungemäße Vermeh-
       rung der  Menschheit, ist  in die  religiöse Betrachtung  unserer
       Tage eingeschlossen.
       Kluge Theoretiker, die die Geschichte abstrakt betrachten und die
       Eroberungen und  Unterdrückungen, wann auch immer und wo auch im-
       mer, als  "Landnahme" bezeichnen,  versuchen ganz  vergebens, den
       Kolonialvölkern einzubilden,  daß die  Vorherrschaft  des  weißen
       Mannes den  Lebensstandard erhöht oder das Land kultiviert hätte.
       Und Beschwörungen  gar etwa  solcher Art, eine plötzliche Befrei-
       ung, eine  uneingeschränkte Selbstverwaltung  würden erst  einmal
       Rückschritt bedeuten,  bleiben mit  Recht ohne Eindruck auf jene,
       die sich  unterjocht und  ausgebeutet fühlen. Die nicht vergessen
       haben, was man ihnen und ihren Vorfahren angetan hat, die wissen,
       daß man  den eingeborenen  Arbeitern auf den Plantagen vielleicht
       nur ein  Hundertstel des  Lohnes bietet, den man einem bequem le-
       benden kleinen  importierten Kolonialbeamten ausschüttet; und die
       wissen, daß sie im hohen Maße von der Freiheit und völlig von der
       Gleichheit und Brüderlichkeit ausgeschlossen sind.
       Etwas sträubt  sich in mir, auch nur andeutungsweise zu wiederho-
       len, was  sich an  Erbärmlichkeit und  Brutalität in unserer Zeit
       abspielt. Die  50 Millionen Toten der eingebildeten Tausend Jahre
       sind verascht  und allmählich verwest. Schlimm, daß die Deutschen
       sie aus  ihrem Bewußtsein  verdrängen und  keine  Lehre  aus  der
       Verirrung gewonnen  haben. Seitdem  haben wir abermals Kriege und
       Grausamkeiten gehabt. In einer Zeitung, es war wohl eine der Aus-
       nahmezeitungen, las  ich, daß  französische Kommando- oder Regie-
       rungsstellen auf  Madagaskar Eingeborene  lebend  von  Flugzeugen
       über ihre  Dörfer abgeworfen haben, um als Abschreckung bei einem
       lokalen Aufstand  zu wirken.  In Nordafrika gibt es Kämpfe. Sadi-
       stische Racheakte  sind an  der Tagesordnung;  sie  gelangen  zur
       Kenntnis der  Öffentlichkeit, obgleich  eine schroffe  Zensur die
       Nachrichten darüber zu unterdrücken versucht. Von Okinawa berich-
       ten japanische  Stellen etwas  anderes als  der  Dramenautor  des
       "Kleinen Teehauses",  der ein Idyll entwarf und mittels eines ex-
       pansiven Theatererfolges  die Wahrheit  in  der  Versenkung  ver-
       schwinden ließ,  die Wahrheit vom Schicksal der Inselbewohner ei-
       nes militärischen  Stützpunktes. Revolten, Aufstände und Militär-
       putsche in  Mittel- und Südamerika mit ihren Kämpfen, Erschießun-
       gen, Meuchelmorden  und Einkerkerungen  verdünnen sich in den Be-
       richten der Zeitungen zu einem Fast-Nichts. Der schwankende Boden
       des sogenannten mittleren Ostens - - man denkt an Öl, wie man bei
       dem Worte  Afrika an  die Uranvorkommen von Belgisch-Kongo denkt.
       Als man  den unterdrückten Krieg vergessen haben wollte, nahm man
       in Wien auf einer Ausstellung von Kinderzeichnungen Anstoß an ei-
       nigen Blättern, hergestellt von unerwachsenen Fellahin, die ihren
       Eindruck vom Niedersausen englischer Bomben mit Strichen und Far-
       ben festgehalten  hatten. Man  erkannte darin  eine "Provokation"
       der Nationen, die den Überfall durchgeführt hatten.
       
       III
       
       Ist das  Urteil gesprochen? Ist das letzte Wort gesagt? Oder gibt
       es den Weg, daß der einfache Mann auf der Straße den übergeordne-
       ten Mächten,  den Staatsleuten,  Technikern und  Wissenschaftlern
       hilft, eine humane Besinnung zu vollziehen, sich für das Wohl der
       Menschheit mehr  zu interessieren  als für den Rekord verhängnis-
       voller Neuerungen? Ist es möglich, daß mittels bekömmlicher Wahr-
       heiten Freiheit  ein gültigeres  Wort wird und daß Gleichheit und
       Brüderlichkeit zu  wachsen beginnen?  - Wir wollen es hoffen. Wir
       müssen es  hoffen. Wir müssen erwarten, daß der Mensch, der nicht
       mit sehr  viel Friedfertigkeit  ausgestattet wurde,  sich von der
       Beschreibung seiner  so blutigen  Geschichte abwendet und den En-
       geln, die  immer noch umgehen, abverlangt, daß sie ihn segnen und
       ihn mit  Mitleid, Barmherzigkeit,  Vernunft, mit  Suchen nach Ge-
       rechtigkeit und  sinnenhafter Erkenntnis  ausstatten. Die  Frage,
       wann die  Usipeter und Tenkterer im Gebiet der Menapier den Rhein
       überschritten. diese  Frage nach  landnehmenden Horden  sollte in
       den Schulen  verstummen. Und  Massenmörder, die ganze Völker ver-
       nichteten, sollten  den Glanz  nationaler Größe  verlieren.  Oder
       soll unsere  Hoffnung die  Null sein?  Wer will das verantworten?
       "Nur das notwendige Bedürfnis der großen Massen kann Umänderungen
       herbeiführen. Alles  Bewegen und  Schreien der einzelnen ist ver-
       gebliches Torenwerk." So Georg Büchner.
       So lange  wir vernünftige  Entscheidungen noch für möglich halten
       und die  Phantasten des Untergangs auf Grund irgendeiner Fehllei-
       stung ihre  dunkle Absicht  nicht vollenden,  muß  hervorgehoben,
       verkündet, geflüstert  oder geschrien werden, daß auf dem militä-
       rischen Sektor  nur noch zwei Entscheidungen möglich sind: totale
       Vernichtung   oder   totale   Abrüstung.   Ein   Mittelding   mit
       "militärischen  Geheimnissen",   Spionage-Strafgesetzen,  halben,
       heimlichen oder  verkappten Armeen, umstellbaren Laboratorien und
       friedlichen Fabriken  für kriegerische Zwecke ist zukünftig nicht
       denkbar, ohne  die Gefahr  zum Immer-Gegenwärtigen zu machen. Ar-
       chaische oder  konservative Vorstellungen  retten die  Menschheit
       nicht in ein Weiterbestehen hinein.
       Ohne den  Willen zur  freundschaftlichen Koexistenz kann es keine
       Besserung in  der Gesinnung  weder im Westen noch im Osten geben,
       einzig Verschlimmerungen.  Entweder nehme  man Verfinsterung  und
       länderweites Unglück  als unabänderlich  hin, oder  man beseitige
       die Vorurteile,  die man gezüchtet hat, von Grund auf. Atombomben
       zu besitzen,  um damit zu drohen, ohne doch ihre Anwendung zu be-
       treiben muß  politische Niederlagen  einbringen. Und sie anwenden
       zu wollen,  den Überfall zu wollen - da befinden wir uns jenseits
       der humanen  Vernunft. Hier,  am Schlagbaum  vor dem Abgrund, ist
       die Meinung  jedes einzelnen genau so wichtig wie die der Staats-
       leute und  Militärs. Oder will irgendeine Obrigkeit ernsthaft be-
       haupten, die  Menschheit habe nur noch zu schweigen und ihren Un-
       tergang als  Ratschluß Gottes  oder als  Folge eines  politischen
       Kalküls entgegenzunehmen?  - Es  kommt auf die Vielzahl der unbe-
       kannten einzelnen  an; da  muß, wie  von Weizsäcker sagt, der ge-
       meine Mann  den Regierenden helfen, das Richtige zu tun; denn die
       Regierenden können  allein aus dem Gespinst, das sie und ihre Um-
       welt gesponnen haben, nicht heraus. Das ist milde ausgedrückt.
       

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