Quelle: Blätter 1958 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DES APPELLS DER 44 PROFESSOREN
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       AN DEN DEUTSCHEN GEWERKSCHAFTSBUND
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       Die amtliche  Schlußverlautbarung der Nato-Konferenz in Paris vom
       19. Dezember  1957 und  die Erklärung der Bundesregierung vom 23.
       Januar 1958 machen offenkundig, daß die Bundesrepublik in das Sy-
       stem der Abschußrampen für Raketen und der Atomwaffenlager einbe-
       zogen werden  soll. Millionen deutscher Menschen sind dadurch von
       tiefer Sorge und Unruhe erfaßt.
       Die Aufrüstung  mit Atomwaffen  auf unserem  Boden verschärft die
       gefährlichen Spannungen,  macht die Hoffnungen auf Wiedervereini-
       gung aussichtslos  und bedeutet  im Konfliktfall  die endgültige,
       unabwendbare Vernichtung Deutschlands.
       Die ernsten, ja beschwörenden Stimmen kenntnisreichster und wahr-
       haft urteilsfähiger Wissenschaftler sind von den verantwortlichen
       Politikern in unbegreiflicher und folgenschwerer Weise übergangen
       worden. Wir  wenden uns daher an das ganze deutsche Volk die Mah-
       nungen und Warnungen der Wissenschaftler nicht unbeachtet zu las-
       sen. Wir  wenden uns  besonders an  die Gewerkschaften als größte
       berufsständische Organisation.  Die Gewerkschaften sind politisch
       neutral. Als  Organisation freier Staatsbürger haben sie sich je-
       doch das  Recht vorbehalten,  zu entscheidenden  Lebensfragen des
       Volkes Stellung zu nehmen. Uns scheint, dieses Recht ist jetzt zu
       einer Pflicht geworden! Jetzt geht es nicht mehr allein um Tarif-
       verhandlungen. Was  nützen höhere  Löhne und ein besserer Lebens-
       standard, wenn  die friedlichen Voraussetzungen hierfür nicht po-
       litisch gesichert  werden? Die  Fortsetzung  und  Steigerung  des
       Wettrüstens aber  untergräbt unvermeidlich  die Grundlagen  jedes
       sozialen und  wirtschaftlichen Aufstiegs.  Heute kommt  es darauf
       an, den  mitteleuropäischen Raum  nicht in  die tödlichen Fesseln
       atomarer Militärpolitik zu verstricken. Dieser Krisenherd muß von
       Atomwaffen freibleiben.  Das liegt  im Interesse beider Teile un-
       seres gespaltenen  Vaterlandes und aller europäischen Völker. Die
       Schaffung einer  atomwaffenfreien Zone  wäre ein erster wesentli-
       cher Schritt  in die  gemeinsame freiheitliche und friedliche Zu-
       kunft aller Deutschen.
       Wollen die Gewerkschaften die Wissenschaftler angesichts der dro-
       henden Gefahren  allein lassen?  Warum zögern  und worauf  warten
       sie? Ungeachtet  verschiedener Auffassungen über Wirtschafts- und
       Sozialfragen fordern  die Unterzeichner  die Gewerkschaften  auf,
       sich in dieser ernsten entscheidenden Stunde mit ihnen zu gemein-
       samer öffentlicher Bekundung zu verbinden.
       Die Unterzeichner:  Prof. D.  Otto Bauernfeind,  Tübingen - Prof.
       Dr. Georg  Brauer, Freiburg  - Prof.  D. Herbert  Braun, Mainz  -
       Prof. Walter  Brudi, Stuttgart - Prof. Dr. Walther Bulst, Heidel-
       berg -  Prof. Georg Dehn, München - Prof. D. Hermann Diem, Tübin-
       gen - Prof. Dr. Luitpold Dussler, München - Prof. Dr. Fritz Eich-
       holtz, Heidelberg  - Prof.  Dr. Ernst Fraenkel, Frankfurt - Prof.
       Dr. Julius  von Gierke,  Göttingen -  Prof.  Gerhard  Gollwitzer,
       Stuttgart -  Prof. Dr.  Walter Hagemann, Münster - Prof. Dr. Wil-
       helm Hasenack,  Göttingen -  Prof. Dr.  Carl Hermann,  Marburg  -
       Prof. Dr. Adolf Hertlein, München - Prof. D. Dr. Johannes Hessen,
       Köln -  Prof. Dr.  Guido Hoheisel,  Köln - Prof. Dr. Helmut Hönl,
       Freiburg -  Prof. Dr.  Erich Hückel,  Marburg -  Prof. D. Renatus
       Hupfeld, Heidelberg - Prof. Dr. Karl Kammüller, Karlsruhe - Prof.
       Dr. Karl  Otto Kiepenheuer, Freiburg - Prof. Dr. Erich Lange, Er-
       langen -  Prof. Dr.  Wilhelm Loew,  Mainz  -  Prof.  Dr.  Wilhelm
       Nestle, Stuttgart - Prof. Dr. Otto Pflugfelder, Stuttgart - Prof.
       Dr. Walter  Rentschler, Stuttgart  - Prof.  Dr. Hans Rheinfelder,
       München - Prof. Dr. Leonhard Riedel, Karlsruhe - Prof. Dr. Renate
       Riemeck, Wuppertal - Prof. Dr. Karl Rode, Aachen - Prof. Dr. med.
       Hans Schaefer,  Heidelberg -  Prof. Dr.  Levin L. Schücking, Far-
       chant -  Prof. Dr.  Max Schuler,  Göttingen - Prof. Dr. Alexander
       Graf Schenk  von Stauffenberg,  München - Prof. Rudolf Steinbach,
       Aachen -  Prof. D.  Hermann Strathmann, Erlangen - Prof. Dr. Kurt
       Trautwein, München - Prof. D. Georg Wehrung, Tübingen - Prof. Dr.
       Leo Weismantel,  Jugenheim -  Prof. Dr.  Aloys Wenzl,  München  -
       Prof. Dr. Folkert Wilken, Freiburg - Prof. D. Ernst Wolf, Göttin-
       gen.
       

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