Quelle: Blätter 1958 Heft 03 (März)


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       Prof. D. Hans Iwand
       
       DIE EVANGELISCHE KIRCHE UND DER PROTEST
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       GEGEN DIE ATOMARE BEWAFFNUNG
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       Es ist Dr. Gustav Heinemann zu verdanken, daß in der denkwürdigen
       Nachtsitzung des Bundestages eine breitere Öffentlichkeit zum er-
       sten Male  von den  verschiedenen  Protestaktionen  evangelischer
       Persönlichkeiten und  Synoden gegen  die atomare  Ausrüstung  der
       Bundeswehr erfuhr.  Auf einmal  brach es durch, und sehr zum Ent-
       setzen der  evangelischen Vertreter  der CDU  wurde eine Tatsache
       ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, die man bisher mit viel Ge-
       schick innerkirchlich  toleriert und  gleichzeitig dem Bewußtsein
       der öffentlichen  Meinung vorenthalten  hatte. Unsere kirchlichen
       Blätter und Nachrichtenorgane haben dabei, von rühmlichen Ausnah-
       men abgesehen,  eine erstaunliche  Abstinenz in  der Publizierung
       dieser Entschließungen an den Tag gelegt. Erst Helmut Gollwitzers
       Bonner Vortrag  vom Juli  vorigen Jahres  über  das  Thema:  "Der
       Christ und  die Atomwaffen" hat dann eine Bresche geschlagen. Nun
       hat die Erklärung der Bruderschaften diesem aus unseren Gemeinden
       und Pfarrerschaften  aufbrechenden Notschrei auf einer noch brei-
       teren Ebene und mit einer umfassenden Begründung dieses christli-
       chen Protestes zum Gehör verholfen. Daß es zu diesen, wenn man so
       will, einzelnen  Aktionen  und  Pressionen  auf  die  offiziellen
       kirchlichen Organe  kommen mußte,  dürfte an einem Doppelten lie-
       gen: Einmal daran, daß sehr bald nach unserer kirchlichen Neuord-
       nung von  1945/46 die  kirchliche Bürokratie die geistliche Bewe-
       gung innerhalb  einer tief  erschütterten, aber  auch gefestigten
       und aufgerüttelten  Christenheit lahmlegte  und die  Kirche  sehr
       bald als  organisatorische Größe im Bewußtsein der Öffentlichkeit
       dominierte. War  das noch dieselbe Kirche, die bekannt und gelit-
       ten, die  geduldet und  geglaubt hatte?  Niemand  von  uns  denkt
       daran, daß  die Kirche auf ihre "Organisation" verzichten könnte,
       aber diese  Organisation darf  nicht zum  Selbstzweck werden. Sie
       dient der Botschaft und dem Zeugnis. Und dies Zeugnis muß aktuell
       und wirklich  heilsnahe sein.  Es muß  den Weg freilegen, auf dem
       ein Christ  im Gehorsam  gegen Gott  wandeln soll. Es gibt Dinge,
       die mit  dem Glauben  an die Offenbarung Gottes in Jesus Christus
       unvereinbar sind. Im Dritten Reich war das auf jeden Fall und un-
       ter allen  Umständen das Prinzip der "rassischen" Weltanschauung.
       Auch damals hat es lange gedauert, bis die Masse der Christen das
       penetrant Gottlose  dieser "Weltanschauung" begriff. Aber die Ge-
       schichte des ehemals christlichen Europas schreitet in ihrem Ver-
       fallsprozeß schnell weiter. Heute steht eine andere Frage vor der
       europäischen, insbesondere  vor der abendländischen Christenheit:
       darf sie  sich gegen  die zugestandenermaßen  atheistischen  oder
       mindestens auf den Abbau des "religiösen Bewußtseins" eingestell-
       ten politischen  Systeme des  Ostens durch atomare Bewaffnung si-
       chern? Es  ist einwandfrei  festzustellen, daß in Westdeutschland
       die CDU, also die Partei, der es auf die christliche Substanz un-
       seres öffentlichen  Lebens in  Politik  und  Wirtschaft  ankommt,
       diese Frage bejaht. Die SPD, die nicht von der christlichen Welt-
       anschauung ausgeht,  denkt anders.  Sie ist geschlossen gegen die
       atomare Aufrüstung.  Aber sie  ist in  der Minderheit. Wir stehen
       infolgedessen vor  der nicht  abzuleugnenden Tatsache, daß es die
       Christen sind - jedenfalls soweit diese sich durch die CDU reprä-
       sentiert sehen  - die  die atomare Aufrüstung wollen. Sie meinen,
       ohne diese Art der Bewaffnung ihren Prinzipien nicht treu bleiben
       zu können. Es ist keine Frage, daß eine Reihe maßgeblicher prote-
       stantischer Kirchenführer  diesen Standpunkt  teilt und - wie das
       auf der  Berliner Synode  vor einem  Jahr zum  Ausdruck  gebracht
       wurde -  die Berechtigung  dieser Waffe angesichts der Gottlosig-
       keit der  kommunistischen Propaganda verficht. Das ist nun einmal
       so. Sie haben dabei, wie sie sagen, ein gutes christliches Gewis-
       sen. Für  sie heiligt  der gute Zweck dieses an sich böse Mittel.
       Es ist  das Motiv  des Anti-Marxismus,  das ihr Handeln bestimmt.
       Diese Kreise  werden zwar selbst die Entscheidung für die Bewaff-
       nung mit  nuklearen Vernichtungsmitteln nie treffen, sondern wer-
       den sie  den "christlichen  Staatsmännern" überlassen,  aber  sie
       werden, falls  eine solche  Entscheidung von  deren Seite aus ge-
       troffen wird,  ihnen nicht  in den  Arm fallen.  Das ist etwa die
       Haltung, die  die meisten unserer evangelischen Kirchenführer be-
       stimmt. Sie bestimmt auch einen großen Teil der Synodalen.
       Demgegenüber bezeugt  die Erklärung der 6 Dekane der ostdeutschen
       theologischen Fakultäten - im Westen sind wir keineswegs so weit!
       - und die Beschlußfassung der Synode der evangelischen Unionskir-
       chen im November vorigen Jahres wie jetzt die Anfrage der Bruder-
       schaften eine neue, eine toto coelo andere Einstellung. Hier geht
       es einfach um die Frage: Darf ein Christ, der an Gott glaubt, der
       darum die Welt als Gottes Schöpfung ansieht, der den anderen Men-
       schen, auch  den, der  nicht seines  Glaubens ist, der vielleicht
       sogar ein  Feind und  Verfolger seiner Kirche ist, in Jesus Chri-
       stus gleich  ihm selbst  erlöst und geliebt weiß, der schließlich
       davon weiß  und daran  glaubt, daß Gott seiner Kirche, dieser Ge-
       meinschaft der Glaubenden, einen besonderen Beistand, eine beson-
       dere Kraft  verliehen hat, den Heiligen Geist, der die Herzen der
       Menschen wandeln  kann -  er allein!  -, darf  ein Christ, der in
       diesen drei Stücken seinen Glauben bezeugt sieht und auch gewillt
       ist, soweit  seine Kraft  reicht, diesen seinen Glauben zu leben,
       darf er  und kann  er Ja sagen zu der Fertigung und damit auch zu
       der im  Ernstfall nicht  ausgeschlossenen Anwendung atomarer Bom-
       ben? Die Erklärung der Bruderschaften gibt eine schlichte und un-
       zweideutige Antwort  auf diese  Frage: Sie  sagt Nein!  Das  geht
       nicht! In  dieser Sache  gibt es keinen Kompromiß, den es in man-
       cherlei anderen  Fragen gibt.  Den praktischen Kompromiß zwischen
       Christentum und atomarer Bewaffnung, den die CDU sucht, indem sie
       etwas, was  christlich unstatthaft ist - das wissen die ernsthaf-
       ten Vertreter  der CDU  auch -  um der Sicherung der christlichen
       Kultur und  der "Freiheit" willen ergreift und bejaht, machen die
       "Bruderschaften" nicht  mit *).  Ich glaube,  daß sie gute Gründe
       dafür haben.  Ich glaube,  daß die christliche Motivierung dieser
       nuklearen Aufrüstungspolitik das fadenscheinigste und peinlichste
       Argument ist, das sich denken läßt. Es ist leider das abendländi-
       sche, das abendländisch-kontinentale Argument geworden. Somit ge-
       hören die  Atomwaffen mit  hinein in all die schrecklichen Unter-
       nehmungen, die  das Abendland  seit einem  halben Jahrhundert  in
       seiner geistigen  Verwirrung gestartet  hat und noch startet, die
       alle mit  dem "Christentum"  begründet werden.  Wenn  Christentum
       noch etwas  zu tun hat mit dem, was sein Gründer gemeint hat, mit
       dem, was  mit der  Verkündigung des  Gottesreiches und seiner Ge-
       rechtigkeit so wunderbar und erfolgreich seinen Anfang nahm, dann
       haben die  Bruderschaften mit ihrer Erklärung zu der Unvereinbar-
       keit dieser "Waffen" mit unserer christlichen Glaubensüberzeugung
       einfach recht.  Dann muß  man aber  auch wissen,  daß wir den bei
       diesen Schritten,  die unsere  christliche Regierung in den näch-
       sten Wochen  unternehmen wird, nicht auf unserer Seite haben, auf
       den alles  ankommt: Gott selbst! Die tiefe Gott-Losigkeit der da-
       mit von uns erwählten Politik kann keine noch so eitrig vorgewen-
       dete Kirchlichkeit  überdecken. Alle  Staaten, in  Europa  wenig-
       stens, benutzen  die Kirchen  heute für ihre Zwecke, und wo diese
       ihren eigenen  Weg gehen,  bekommen sie es zu fühlen. Wir sollten
       bei diesem  Konformismus nicht  mitmachen. Wir,  ich  meine,  wir
       Christen, gleich  welcher Konfession und gleich, in welchem Klima
       wir leben, im östlichen oder im westlichen. Es ist nicht gut, den
       Willen des  Staates mit  Gottes Stimme  zu verwechseln. Es ist im
       Gegenteil unsere  Pflicht gegenüber  einem Staat,  den wir achten
       und den  wir gerade  nicht unterminieren  oder schwächen  wollen,
       wenn wir  an bestimmten  Punkten seines Weges ein klares Nein sa-
       gen. Es  wäre wahrscheinlich  heute unsere Rettung, wenn sich die
       beiden großen  christlichen Konfessionen entschließen könnten, in
       Sachen der atomaren Rüstung dieses Nein zu sagen. Dieses Nein zur
       atomaren Ausrüstung  der westdeutschen  Bundeswehr muß keineswegs
       die Preisgabe  der Kirchen, noch die Aufopferung der menschlichen
       Freiheit bedeuten.  Ein solches  aus Glauben und Gehorsam - nicht
       aus Feigheit und bloßem Lebenserhaltungstrieb - gesprochenes Nein
       verantwortlicher Männer  der Christenheit  in Deutschland  könnte
       vielmehr die  Tür nach vorn aufstoßen, auf deren Öffnung wir seit
       den Wirren  des Nazismus und seit dem furchtbaren Kriegsgeschehen
       des zweiten  Weltkrieges warten. Es würde der politischen Stagna-
       tion in  Europa ein Ende setzen und uns dem Frieden näherbringen.
       Es würde die Beziehung und das Vertrauen östlicher Staaten zu uns
       neu wachsen  lassen. Es würde das ersehnte Neue sein, die Tat des
       Geistes mitten  unter uns, eines Geistes, der nicht aus der Poli-
       tik stammt,  aber in die Politik hinein menschlich und vernünftig
       einwirkt, um Frieden und Sicherheit unseren geängsteten und sitt-
       lich immer tiefer sinkenden Völkern zu erringen. Es muß ein Neues
       von außen  her in  diese Teufelskreise von Weltrevolution und nu-
       klearer Rüstung - beide verstehen sich als ultima ratio - eintre-
       ten, damit  er gesprengt wird und wir uns nicht von ihm umschlos-
       sen sehen, sondern befreit von der lebenserhaltenden, lebenschaf-
       fenden Gnade Gottes den Weg ins Morgen finden und antreten.
       Das Nein  der Bruderschaften zur atomaren Aufrüstung will die Ge-
       neralsynode der  evangelischen Kirche,  die Ende  April in Berlin
       tagen soll,  ermuntern und theologisch nötigen, im zweigeteilten,
       weltanschaulich gespaltenen  Deutschland ein  geistmächtiges Nein
       zu wagen,  das in  Wahrheit das  Ja zum  Leben ist, und damit das
       "Wagnis" des  Friedens vorzubereiten.  Wir Deutsche sind der Welt
       etwas schuldig:  wir sind  ihr schuldig, das unsere zu tun, damit
       der Acheron  sich schließt, den wir selbst einmal aufgerissen ha-
       ben.
       
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       *) Vergleiche unter  Zeitdokumenten in  diesem Heft:  "Anfrage an
       die Synode der EKD".
       
       

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