Quelle: Blätter 1958 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER ANFRAGE AN DIE SYNODE DER
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       EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND
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       I.
       
       Wie haben  wir Christen  uns gegenüber der Erprobung Herstellung,
       Lagerung und  Anwendung atomarer Waffen sowie gegenüber ihrer po-
       litischen Einplanung zu verhalten?
       Die bisherige Diskussion über diese Frage ist nicht nur durch ge-
       fühlsbetonte Einstellung  und taktische Erwägungen belastet, son-
       dern besonders durch zweierlei:
       Entweder setzte  sie spekulativ bei einer überkommenen Lehre über
       das Wesen  des Staates und von daher über Sinn und Rechtfertigung
       der Gewaltanwendung  und des  Krieges an  (im Rahmen  etwa  einer
       Theologie der  Ordnungen), oder sie setzte zwar theologisch legi-
       tim ein bei der Aufgabe des Staates, der "in der noch nicht erlö-
       sten Welt,  in der  auch die Kirche steht, nach dem Maß menschli-
       cher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Aus-
       übung von  Gewalt für  Recht und  Frieden zu sorgen" hat (These 5
       der Barmer  Erklärung), übersah aber, daß damit gerade nicht jede
       Gewaltanwendung und  jedes  Mitmachen  in  einem  Krieg  uneinge-
       schränkt gerechtfertigt,  sondern bedingt  und begrenzt ist durch
       die politische Aufgabe der Wahrung von Recht und Frieden. Sie un-
       terließ  es,  die  fortschreitende  waffentechnische  Entwicklung
       ständig mit  der Frage zu begleiten, ob sie das Wesen des Krieges
       als letztes  und gleichwohl  problematisches  Mittel  politischer
       Auseinandersetzung nicht  so verändert,  daß  Recht  und  Frieden
       durch ihn keinesfalls mehr gewahrt werden können.
       Beide Gedankengänge  kreisen mit  der Frage nach der Berechtigung
       eines Krieges "an sich" um vergangene Wirklichkeiten und Möglich-
       keiten und  entziehen sich  dadurch der Antwort des Gehorsams auf
       die Frage, vor die uns die atomare Aufrüstung heute stellt:
       Dürfen wir als Christen unseren und unserer Mitmenschen irdischen
       Schutz der  Erprobung, Herstellung,  Lagerung und  - in äußerster
       Konsequenz - der Anwendung atomarer Waffen anvertrauen und dürfen
       wir sie  als Mittel  der Politik  einplanen? "Hier ist ein vorbe-
       haltlos Nein geboten, weil spätestens mit den neuen Vernichtungs-
       waffen der  Krieg endgültig so bestialisch geworden ist, daß eine
       Teilnahme an  ihm mit dem Willen Gottes unmöglich vereinbart wer-
       den kann" (Gollwitzer).
       1. Die neuen  Waffen erlauben  - schon durch ihre Beschaffenheit,
       nicht erst durch ihren Mißbrauch - keine Unterscheidung mehr zwi-
       schen Kämpfern  und Nichtkämpfern.  Sie treffen wahllos alle Men-
       schen des  gegnerischen Volkes.  Vom Krieg als Mittel der Rechts-
       wahrung kann hier nicht mehr die Rede sein.
       2. Die neuen  Waffen führen  nur zur  Vernichtung des Gegners und
       erlauben als Kriegsziel keine andere Forderung als die der bedin-
       gungslosen Kapitulation. Sie erzwingen eine Gesinnung der absolu-
       ten Kampfausschaltung  des Gegners; sie sind als Abschreckungsund
       Kampfmittel nur  brauchbar, sofern wir bereit sind, zur Verteidi-
       gung der  eigenen Güter, des eigenen Rechts und der eigenen Frei-
       heit Millionen Menschen des anderen Lagers das Leben oder kommen-
       den Generationen die Gesundheit zu nehmen. Von einem Miteinander-
       leben im  Frieden als  dem Ziel  des Krieges kann dann nicht mehr
       die Rede sein.
       3. Die neuen Waffen machen den allenfalls unter dem Gesichtspunkt
       der äußersten  Staatsnotwehr erlaubten Verteidigungskrieg illuso-
       risch. "Durch  die Massenvernichtungsmittel  wird in  jedem  Fall
       verraten, was man retten will, und seien es Freiheit und Frieden"
       (Synode der  EKU). Wer  sich auf  einen atomaren Krieg einstellt,
       muß bereit  sein, die  Vernichtung auch  des eigenen  Volkes  von
       vorne herein  in Kauf zu nehmen. Diese Bereitschaft unter der ro-
       mantisch-idealistischen Parole  "lieber tot  als Sklav" ist heid-
       nisch. Ein  Christ achtet  die Gabe und Aufgabe des irdischen Le-
       bens und wirft es nicht weg.
       4. Die neuen  Waffen treffen  im Unterschied  zu allen bisherigen
       die gänzlich  Unbeteiligten ebenso wie die kommenden Generationen
       aller Kreatur,  und zwar  nicht erst  in der  Anwendung,  sondern
       schon in der Erprobung.
       Die evangelische  Kirche bekennt,  daß ihr  "durch Jesus Christus
       frohe Befreiung  aus  den  gottlosen  Bindungen  dieser  Welt  zu
       freiem, dankbarem  Dienst an seinen Geschöpfen" widerfährt (These
       2 der  Barmer Erklärung).  Das verbietet  ihr nicht  nur jegliche
       Billigung und  Mitwirkung an einem atomaren Krieg und seinen Vor-
       bereitungen, sondern  ebenso ein  stillschweigendes Geschehenlas-
       sen. Dies  Bekenntnis gebietet zugleich, im Gehorsam des Glaubens
       - wie überall, so auch hier - mit der Abwehr drohenden Verderbens
       selbst den  Anfang zu machen und der Wirklichkeit des Wortes Got-
       tes mehr  zu vertrauen  als den "Realitäten" des politischen Kal-
       küls. Dieser  Anfang ist  ein Akt  der Diakonie, den wir Christen
       der bedrohten und geängstigten Welt heute schulden. Mögen die Un-
       gläubigen damit  zögern, wir Christen dürfen und müssen ihn wagen
       im Vertrauen  auf Gott, der diese Welt samt aller Kreatur in West
       und Ost  auf den  leidenden und siegenden Christus hin geschaffen
       hat und  durch ihn und die Verkündigung seines Evangeliums erhal-
       ten will bis auf seinen Tag.
       
       II.
       
       Meint die Synode, diesem Bekenntnis nicht zustimmen zu können, so
       müssen wir  sie fragen, wie sie uns durch Gründe der Schrift, des
       Bekenntnisses und der Vernunft widerlegen kann.
       Um der  uns anvertrauten  Menschen und  um unserer  selbst willen
       müssen wir  darauf bestehen, daß wir auf diese Frage eine Antwort
       erhalten. Wir sind es der Synode schuldig, sie an ihre geistliche
       Verantwortung zu  erinnern, da sie sich in der Wahrnehmung dieser
       Verantwortung als  rechtmäßige Leitung  der Kirche  erweist. Nach
       unserer Erkenntnis  ist für  die Kirche in dieser Frage jetzt der
       status confessionis gegeben.
       Stimmt die  Synode aber  mit uns  darin überein, daß den Christen
       angesichts der  neuen Waffen ein vorbehaltloses Nein geboten ist,
       muß sie  dann nicht  dem Staat gegenüber rechtzeitig und deutlich
       sagen, daß  auch in  der Militärseelsorge rechte Verkündigung des
       Evangeliums die Bezeugung einschließt, daß sich der Christ an der
       Konstruktion, Erprobung, Herstellung, Lagerung und Anwendung ato-
       marer Waffen  sowie an  der Ausbildung an diesen Waffen nicht be-
       teiligen kann oder darf?
       
       III.
       
       Wir fragen  darum die Synode, ob sie die folgenden zehn Sätze zur
       Unterweisung der Gewissen als Antwort auf die Frage nach dem Han-
       deln des  Christen angesichts  der Atomwaffen  mit uns  gemeinsam
       sprechen kann:
       1. Der Krieg  ist das letzte, in allen seinen Gestalten von jeher
       fragwürdige Mittel  politischer Auseinandersetzung  zwischen Völ-
       kern und Staaten.
       2. Kirchen aller  Länder und Zeiten haben die Zubereitung und An-
       wendung dieses  Mittels bis heute aus verschiedenen guten und we-
       niger guten Gründen nicht für unmöglich gehalten.
       3. Die Aussicht  auf einen  künftigen unter Gebrauch der modernen
       Vernichtungsmittel zu führenden Krieg hat eine neue Lage geschaf-
       fen, angesichts derer die Kirche nicht neutral bleiben kann.
       4. Krieg als  Atomkrieg bedeutet die gegenseitige Vernichtung der
       an ihm beteiligten Völker mit Einschluß unzähliger Menschen ande-
       rer Völker, die am Kampf beider Seiten nicht beteiligt sind.
       5. Krieg als  Atomkrieg ist damit als ein zur politischen Ausein-
       andersetzung untaugliches,  weil ihre  Voraussetzung  aufhebendes
       Mittel erwiesen.
       6. Die Kirche  und der  einzelne Christ können darum zu einem als
       Atomkrieg zu führenden Krieg im voraus nur Nein sagen.
       7. Schon die  Vorbereitung eines  solchen Krieges ist unter allen
       Umständen Sünde  gegen Gott  und den  Nächsten, an der sich keine
       Kirche, kein Christ mitschuldig machen darf.
       8. Wir verlangen  darum im  Namen des Evangeliums, daß der Vorbe-
       reitung dieses Krieges im Bereich unseres Landes und Staates ohne
       Rücksicht auf  alle anderen  Erwägungen sofort  ein Ende  gemacht
       werde.
       9. Wir fordern  alle, die  mit Ernst  Christen sein  wollen, auf,
       sich der  Mitwirkung an  der Vorbereitung  des Atomkrieges vorbe-
       haltlos und unter allen Umständen zu versagen.
       10. Ein gegenteiliger  Standpunkt oder  Neutralität dieser  Frage
       gegenüber ist  christlich nicht  vertretbar. Beides  bedeutet die
       Verleugnung aller drei Artikel des christlichen Glaubens.
       Für die Theologische Sozietät in Baden
       Pfarrer Güß,  Karlsruhe -  Oberlandesgerichtsrat Emmerich, Karls-
       ruhe -  Gutsbesitzerin Hansch,  Karlsruhe - Pfarrer Holz, Ofters-
       heim/Schwetzingen - Professor D. Hupfeld, Heidelberg - Studenten-
       pfarrer Schröter, Heidelberg - Vikarin Dr. Schulte, Heidelberg.
       Für den  Evangelischen Arbeitskreis  Unterwegs in Berlin-Branden-
       burg
       Professor Dr. Kupisch, Berlin - Pfarrer Schrader, Berlin.
       Für die  Kirchlich-Theologische Arbeitsgemeinschaft Niedersachsen
       in Göttingen
       Redaktor Dr. Fahlbusch, Weende über Göttingen - Pfarrer Marquart,
       Göttingen - Oberstaatsanwalt Reimann, Göttingen - und andere.
       Für die Kirchliche Bruderschaft in Hessen-Nassau
       Pfarrer Dr. Berger, Frankfurt - und andere.
       Für die Kirchliche Bruderschaft in Nordwestdeutschland
       Pfarrer  Bleckmann,   Bunde/Leer  -   Hauptlehrer  Bloem,  Klein-
       heide/Ostfriesland - Pfarrer Immer, Hinte/Emden.
       Für die Kirchlich-Theologische Arbeitsgemeinschaft der Pfalz
       Landgerichtsrat Dr.  Schläfer, Kaiserslautern  - Pfarrer  Kaffka,
       Annweiler/Pfalz - Pfarrer und Studienrat Kronauer, Kaiserslautern
       - und andere.
       Die Leitung der Kirchlichen Bruderschaft im Rheinland
       Pfarrer Linz,  Köln - Pfarrer Buckert, Duisburg - Vikar Haarbeck,
       Mülheim/Ruhr -  Pfarrer lic.  Immer, Duisburg  - Pfarrer  Köhnen,
       Mettman -  Pfarrer Locher,  Wuppertal - Pfarrer Mayer, Duisburg -
       Vikarin Neumärker,  Waldbröl - Landeskirchenrat Quaas, Düsseldorf
       -  Pfarrer   lic.  Quistorp,  Kleve  -  Pfarrer  Rohkrämer,  Wal-
       lach/Niederrhein  -   Pfarrer  Scherffig,  Düsseldorf  -  Vikarin
       Schlomka, Koblenz  - Pfarrer  Schüler, Elversberg/Saar  - Pfarrer
       Streiter, Goch/Niederrhein  - Landgerichtsrat  Dr. Simon, Düssel-
       dorf - Pfarrer Vowe, Moers.
       Die Leitung der Kirchlichen Bruderschaft in Westfalen
       Oberkirchenrat Kloppenburg,  DD, Dortmund  - Diplomkaufmann  Sup-
       pert, Dortmund - Pfarrer Schmidt, Dreis-Tiefenbach/Siegen - Pfar-
       rer Diestelkamp,  Steinheim -  Pfarrer Bischoff,  Gelsenkirchen -
       Pfarrer Wandersleb,  Herne -  Pfarrer Wilkens,  Herford - Pfarrer
       Niemöller, Bielefeld  - Pfarrer  Wisseler, Lüdenscheid  - Pfarrer
       von Oppen, Datteln - Superintendent Bach, Bochum.
       Für die Kirchliche Bruderschaft in Württemberg
       Pfarrer Dr.  Werner, Stuttgart - Dekan Weber, Stuttgart - Bürger-
       meister a.D.  Günther, Freudenstadt - Vikar Holzträger, Heilbronn
       - Studienrat Schlenker, Ulm - und 179 weitere Pfarrer und Gemein-
       deglieder aus allen Teilen Württembergs.
       

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