Quelle: Blätter 1958 Heft 04 (April)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DES AUFRUFS DER 936 HAMBURGER ÄRZTE
       ============================================
       
       "..., drohen ihnen aber Fährnis und Schaden, so werde ich sie da-
       vor zu bewahren suchen." (aus dem hippokratischen Eid)
       
       Angesichts der großen Gefahren, die der Menschheit durch die ato-
       mare Waffentechnik  drohen, und im Hinblick auf die bevorstehende
       Entscheidung über die Stationierung von Atomwaffen in der Bundes-
       republik erheben  wir deutschen  Ärzte unsere Stimme. Gebunden an
       den hippokratischen Eid, fühlen wir uns als Anwälte und Hüter des
       Lebens und  der Gesundheit unserer Mitmenschen und deren Nachkom-
       menschaft verpflichtet,  die Aufmerksamkeit  der verantwortlichen
       Politiker und  der Öffentlichkeit auf die medizinischen Tatsachen
       und Probleme der Atomwaffen zu lenken.
       Allen Verharmlosungsversuchen  wehrend, ohne jedoch dramatisieren
       zu wollen,  erklären wir hiermit in nüchterner Erkenntnis der me-
       dizinischen Sachlage und um der Wahrheit willen folgendes:
       Schon die  Anwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken führt
       möglicherweise zu  radioaktiven Einwirkungen auf den menschlichen
       Körper und  stellt damit  den Arzt  vor schwierige, noch nicht zu
       übersehende Probleme.  Die Anwendung der Atomenergie zu militäri-
       schen Zwecken jedoch hat verheerende gesundheitliche Folgen.
       Man muß vier Wirkungen unterscheiden:
       1. Die Druckwellen der Explosion.
       2. Die Hitze.
       3. Die radioaktive  Strahlung aus  der Explosion und der aufstei-
       genden Wolke.
       4. Die radioaktive Verseuchung aus dem radioaktiven Staubfall und
       Niederschlag nach der Explosion.
       Wenn auch  die beiden  erstgenannten Wirkungen  alle  im  letzten
       Krieg erlebten  Explosionswirkungen um ein vielfaches übersteigen
       und deshalb schon Schrecken genug in sich bergen, so ist doch die
       Strahlenwirkung am  gefährlichsten und  nachhaltigsten; besonders
       darum, weil die durch sie verursachten Schäden zunächst unbemerkt
       bleiben.
       Zu den  Krankheiten, die allein durch die Strahlenwirkung erzeugt
       werden, gehören schwere Geschwulstbildungen an der Körperoberflä-
       che, Leukämien  und Knochenkrebs.  Darüberhinaus  entstehen  aber
       durch die  Einwirkung der Gammastrahlen auf die Fortpflanzungsor-
       gane in ihrem Ausmaß heute noch nicht abzusehende Erbschäden, die
       erst an den Nachkommen offenbar werden.
       G e g e n   a l l e   d i e s e  S c h ä d e n  u n d  K r a n k-
       h e i t e n  g i b t  e s  k e i n e  w i r k s a m e  H i l f e,
       e s   g i b t   k e i n e   E r h o l u n g   d e r  b e t r o f-
       f e n e n  G e w e b e  u n d  O r g a n e;  i n s b e s o n d e-
       r e  i s t  d i e  R ü c k b i l d u n g  e i n m a l  e i n g e-
       t r e t e n e r  E r b s c h ä d e n  n i c h t  m ö g l i c h.
       Das fürchterliche  Ausmaß dieser Strahlenschäden wird an der Tat-
       sache deutlich, daß noch im Jahre 1957 in Hiroshima 185 Opfer der
       12 Jahre  zuvor abgeworfenen  Atombombe gestorben  sind, -  einer
       Bombe, die  "nur" die  Wirkung einer heutigen, sogenannten takti-
       schen Atomwaffe besaß.
       Entgegen allen  irreführenden Verlautbarungen  stellen wir weiter
       auf das nachdrücklichste fest:
       S e l b s t   b e i   A u f w e n d u n g   g r ö ß t e r    f i-
       n a n z i e l l e r   M i t t e l   g i b t    e s    k e i n e n
       w i r k s a m e n  S c h u t z  d e r  B e v ö l k e r u n g  i n
       e i n e m  A t o m k r i e g.
       Es besteht  Übereinstimmung darüber,  daß jede, auch die kleinste
       Strahlungszunahme, die  Aussicht auf  Zunahme von Leukämien, Kno-
       chenkrebs und  genetischen Schäden  erhöht.  Auch  sehr  schwache
       Strahlenwirkungen sind  noch gefährlich,  wenn  sie  entsprechend
       lange Zeit bestehen. Die Wirkungen summieren sich.
       Aus diesen  unbestreitbaren medizinischen  Tatsachen ergeben sich
       in ärztlich-menschlicher Hinsicht zwingende Konsequenzen, die wir
       nachfolgend so zusammenfassen:
       Wir erachten  es als notwendig, die Versuchsexplosionen der Atom-
       waffen zu  beenden, da die Versuche eine steigende Gefahr für ge-
       borenes und  ungeborenes Leben  bedeuten. Jegliche Verwendung von
       Atomwaffen verstößt  gegen vitale  Interessen der Bevölkerung und
       schließt schwere  Gefahren für  die biologische  Substanz unseres
       Volkes und  der gesamten Menschheit in sich. Wir können nicht um-
       hin, weiter  zu erklären,  daß ein  etwaiger  politischer  Nutzen
       durch die Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden in gar
       keinem Verhältnis  zu der ernsten Bedrohung der Bevölkerung durch
       diese Massenvernichtungsmittel steht.
       In Erkenntnis  der medizinischen  Tatsachen und Zusammenhänge und
       in tiefer  Sorge um  die uns  als Ärzte  anvertrauten Mitmenschen
       warnen wir  deshalb die  verantwortlichen Politiker  auf des ein-
       dringlichste vor  der Einführung atomarer Waffen in der Bundesre-
       publik.
       

       zurück