Quelle: Blätter 1958 Heft 05 (Mai)


       zurück

       
       Hans Henny Jahnn
       
       ZWÖLF JAHRE WARNUNGEN VOR DER ATOMBOMBE...
       ==========================================
       
       ...und zwölf  Jahre näher  sind wir dem Untergang aller menschli-
       chen Leistungen  und Äußerungen. Wir stehen am Schlagbaum vor dem
       Abgrund.
       Bald nach  der Kapitulation  Deutschlands - es mag 1945 oder 1946
       gewesen sein  - hatte  ich mit  Niels Bohr  ein vielstündiges Ge-
       spräch in  seinem Arbeitszimmer  des Instituts  für  theoretische
       Physik. Ich  habe mir damals keine Aufzeichnungen von unserer Un-
       terhaltung gemacht  und entsinne mich nur weniger präziser Aussa-
       gen und  der ungewöhnlichen  Sorge, die  Niels Bohr  erfüllte. Er
       hatte, ehe  die erste Atombombe auf Hiroshima fiel, den Präsiden-
       ten der  USA, Truman, in einem Brief dringend gebeten, den Befehl
       zum Abwurf der ersten Bombe  n i c h t  zu geben. Vergeblich. Die
       Militärs handelten,  und ein  Geistlicher sprach zum Ereignis des
       Abwurfes Gebete,  der Höchste möchte der Tat zum Gelingen verhel-
       fen. So  schrieben denn  die Piloten M. Miller und A. Spitzer vom
       Flugzeug "The great Artist" aus das Mene, mene tekel upharsin ge-
       gen den  Himmel. - Die Gebete waren inzwischen sogar gedruckt und
       in mehreren Sprachen übersetzt worden.
       Niels Bohr erzählte von der Herstellung der Bombe, wie man mühsam
       wirksames Uran  oder Plutonium  Atom um Atom anreicherte, daß man
       Silber aus  dem Staatsschatz zu Drähten verarbeitete, um die Rie-
       sen-Magneten der  Zyklotrone herzustellen.  Er  sagte  auch,  man
       werde binnen  kurzem Atombomben  billiger und anders herstellen -
       und wenn  es dahin  käme, daß  selbst kleinere Staaten Atombomben
       besäßen, müßte  jede  Hoffnung  auf  eine  Weiterentwicklung  der
       Menschheit verlöschen.
       Etwa ein  Jahr nach  dieser düsteren Unterhaltung veröffentlichte
       der amerikanische  Gelehrte Harald  C. Urey  einen  Notruf:  "Ich
       fürchte mich."  Urey ist  der Entdecker  des  Wasserstoff-Isotops
       Deuterium, das die Flüssigkeit Wasser um etwa 10% schwerer macht.
       Ihm wurde  1934 der  Nobelpreis für eben diese Entdeckung verlie-
       hen, die  eine wesentliche  Rolle bei  der Gewinnung  der im Atom
       enthaltenen Kräfte spielte.
       Ich möchte einige Absätze aus seiner Warnschrift wiederholen. Für
       die Übersetzung  benutze ich  eine dänische  Ausgabe, da  ich die
       englische nicht zur Hand habe. Urey beginnt:
       "Ich schreibe  dies, um Ihnen Furcht einzuflößen. Ich selber habe
       Furcht. Alle  Gelehrten, die  ich kenne, fürchten für ihr eigenes
       Leben und für das der anderen! Kürzlich waren wir als Ratgeber in
       Washington, wo  man uns  über die  Entwicklungsmöglichkeiten  der
       Atombombe ausfragte. Bei dieser Gelegenheit lernten wir natürlich
       etwas von  den Gegebenheiten kennen, die in der Politik enthalten
       sind. Das,  was wir  lernten, hat unsere Furcht vergrößert... Wir
       waren erschrocken  darüber, was etwa Politiker und Diplomaten er-
       finden könnten, um die Atombombe anzuwenden. Nun denken Sie viel-
       leicht, dieser  Gelehrte will nicht von Wissenschaft, sondern von
       Politik sprechen.  Ist er  dazu befugt? Was versteht er von Poli-
       tik?
       Dies weiß  ich: ich  höre die  Leute von  der Möglichkeit  reden,
       Atombomben im  Kriege anzuwenden.  Als Mann der Wissenschaft sage
       ich Ihnen: es darf niemals ein neuer Krieg kommen!
       Unser Aufenthalt  in Washington hat mir gezeigt, daß trotz allem,
       was darüber geschrieben wurde, es einen gefahrbringenden Prozent-
       satz an  Politikern gibt,  die, deutlich  erkennbar, das  Problem
       nicht begreifen. Man fragt uns unablässig: 'Kommt denn keine Ver-
       teidigung gegen  Atombomben?' Ich  habe niemals  gehört - und Sie
       haben niemals  gehört -, daß ein Gelehrter gesagt hätte, es fände
       sich irgend  eine wissenschaftlich begründbare Verteidigung gegen
       Atombomben.
       Militärpersonen haben die Neigung, sich in Gedankenkreisen zu be-
       wegen, abgeleitet aus den Erfahrungen früherer Kriege. Sie denken
       oft an  die (Atom-) Bombe in Verbindung mit der Luftwaffe, als ob
       sie von  einem Flugzeug abgeworfen würde. Sie ist viel geeigneter
       als Ladung in einer V-2-Rakete, die schneller als der Schall ist.
       Die V-2-Rakete  und die  Atombombe sind, militärisch gesehen, wie
       füreinander geschaffen..."
       Urey erwähnt  dann den "anonymen Krieg". Er versteht darunter den
       ungeheuerlichen Vorgang, daß zwei Staaten miteinander in Konflikt
       geraten und ein dritter Staat (anonym) die Bomben abwirft.
       "Viele von  uns haben mit Menschen gesprochen, die die Zerstörung
       in Hiroshima  und Nagasaki  studierten. Sie haben unsere Überzeu-
       gung bestärkt,  daß das Wichtigste in der Welt heute ist, die Be-
       drohung New Orleans oder Londons oder Paris' zu beenden. Von sei-
       ten der  Wissenschaftler -  und sie sind sich darin bemerkenswert
       einig -  ist nur  ein einziger  Ausweg erkennbar:  Weltkontrolle.
       Nach und  nach verlieren wir unsere ursprünglichen Illusionen. Es
       gibt kein  Geheimnis, es gibt keine Verteidigung. Die Bomben sind
       erstaunlich billig.  Vergleicht man  die Kosten  zugleich mit der
       Effektivität, so  ist die  Bombe die  billigste  Kriegswaffe  der
       Welt.
       Fordert man  Weltkontrolle, so betreibt man eine Art Politik. Ich
       glaube, daß  die meisten Wissenschaftler es vorziehen würden, ihr
       Interesse für diese Dinge 'soziale Wachsamkeit' zu nennen..."
       "Viele Jahre  lang bin ich ein gebranntmarkter Mann gewesen - ge-
       meinsam mit  hunderten anderer  Wissenschaftler. Wir wurden sorg-
       fältig überwacht und kontrolliert. Sollte eine internationale Po-
       lizei- und  Inspektionstruppe aufgestellt  werden, würde  es eine
       weitere Kontrolle  für uns  alle bedeuten;  aber ich  kann versi-
       chern, daß die Männer der Wissenschaft diese Beschränkungen will-
       kommen heißen  werden -  als Garantie  dafür, daß  niemals wieder
       eine Atombombe explodieren wird..."
       "Jene, die an Wettrüsten mit Atombomben denken, die mit Schlacht-
       schiffen und Flugzeugen prahlen, jene, die davon sprechen, natio-
       nale Machtmittel anzuwenden, um den Frieden aufrecht zu erhalten,
       sie verstehen einfach nichts von diesem Komplex der Furcht..."
       "Kleinere Staaten werden von Großmächten umklammert, werden voll-
       ständig übergeschluckt oder nur 'beschützt', oder auch aus Furcht
       zusammengetrieben. Wenn  Sie - das Volk - all dies geschehen las-
       sen, wird  es vielleicht dahin kommen, daß wir eine Welt erleben,
       geteilt in  zwei große Interessenssphären, Ost und West, in Angst
       voreinander, ein  einziges unvorsichtiges Wort fürchtend. Ist das
       etwa Befreiung von der Furcht?
       Wir werden  dahin kommen,  in  A n g s t  zu essen, in  A n g s t
       zu schlafen,  in Angst zu leben und in Angst zu sterben. Wir ste-
       hen jetzt  von Angesicht zu Angesicht mit der Kraft, die, um phi-
       losophisch zu  sprechen, der Allmächtige im Universum selber ist.
       Man wird  niemals eine  Maginot-Linie gegen  die unendliche Kraft
       des Universums  bauen können,  die durch des Menschen grenzenlose
       Erfindungsgabe entfesselt wurde..."
       "Lassen Sie  uns auf Rußland schauen. Wenn Sie nun erkennen - wir
       Forscher tun es - daß die russische Wissenschaft von heute einige
       der besten Gehirne der Welt besitzt, so glaube ich, Sie begreifen
       auch, daß  es nicht lange währen kann, bis sie die Atomkraft mei-
       stern. Selbstverständlich  müssen die  russischen  Führer  (noch)
       Furcht vor  den Wirkungen  dieser Kraft haben. Welche Haltung sie
       einnehmen? - lassen Sie uns einmal denken, wie wir empfinden wür-
       den, wenn   s i e  es gewesen wären, die diese entsetzliche Waffe
       besäßen und  nicht   w i r   - wenn  s i e  einen zufälligen Vor-
       sprung hätten,  von dem   w i r  wüßten, daß  w i r  ihn einholen
       könnten.
       Ich schaue  aus nach  einer Begegnung  zwischen den  Führern  der
       Großmächte und  ihren Wissenschaftlern. Ich weiß, daß die wissen-
       schaftlichen Berater  den guten  Glauben ihrer politischen Führer
       widerspiegeln werden.  Die Männer  der Wissenschaft  werden keine
       Schwierigkeiten haben,  einander zu verstehen. Wenn sie zusammen-
       kommen, so  glaube ich,  daß  ihr  Rat  beinahe  einstimmig  sein
       wird..."
       "Kein Land kennt die Zerstörungen des Krieges besser als Rußland.
       Kein Land  hat mehr Menschen und mehr Material verloren. Die Rus-
       sen haben diesen Krieg begriffen und werden den Atomkrieg begrei-
       fen.   K e i n e r,   d e r    d e n    A t o m k r i e g    b e-
       g r e i f t,   w ü n s c h t   e t w a s   a n d e r e s    a l s
       F r i e d e n.
       Wir müssen  jetzt diejenigen  unserer Politiker unterstützen, die
       klar erkennen,  daß eine  Revolution gewesen ist. Wir müssen auf-
       merksam auf die Führer hören, die uns ihre ehrlichste Meinung sa-
       gen, was  wir aus dieser Revolution machen können. Und wir müssen
       den Kampf gegen jene aufnehmen, die glauben, daß das, was für an-
       dere Zeitalter galt, sicherlich auch für das Atomzeitalter taugt.
       Nach und  nach, wenn die Menschheit langsam zu verstehen beginnt,
       werden unsere  Probleme einfacher  werden. Aber  der allergefähr-
       lichste aller Faktoren ist die Zeit.
       Vor einigen  Jahren sagte  ein moderner Prophet, die Zivilisation
       sei ein  Wettlauf zwischen  Aufklärung  und  Katastrophe.  Dieser
       'Wettlauf' war  damals eine  Redensart, heute ist es die Wahrheit
       vor allen anderen..."
       Vor mehr  als 10  Jahren also  schrieb Urey  seine Furchtgedanken
       nieder. Jeder  Satz hat seine Gültigkeit behalten. Die Bombe aber
       ist gewachsen.  Der Engländer Dr. Marcus L. Oliphant vermutete um
       die gleiche  Zeit und  sprach es  öffentlich aus,  daß kräftigere
       Atombomben binnen  kurzem eine Tatsache sein würden. Er schätzte,
       ihre Wirkungsweise würde ein oder zwei Millionen Tons Trotyläqui-
       valent sein.  Man glaubt auch, daß 10 000 eingelagerte Atombomben
       das Maximum  darstellen würden,  was  die  Rüstungsgläubigen  dem
       nüchternen Durchschnittsverstand zumuten könnten.
       Das erste thermonukleare Ungeheuer hatte dann die fünf- bis zehn-
       fache Explosionsstärke  der oben  genannten Schätzung.  Es wurden
       bald Fortschritte erzielt, die das Vorstellungsvermögen sprengen.
       Eine Äußerung des russischen Forschers Kurtschalow bestätigte vor
       ein paar  Jahren die  Vermutung, daß  Rußland vorübergehend einen
       Vorsprung vor dem Westen errungen hatte: "Wir verstehen es heute,
       in der  Wasserstoffbombe die  Bedingungen für die Verwandlung von
       Wasserstoffverbindungen in Helium herbeizuführen..."
       Inzwischen haben  wir auch  schon von  einer Dreistufen-Bombe ge-
       hört, der  Erdbeben erzeugenden  FFF. Und was die Zahl der Bomben
       betrifft, so  konnte sie  Anfang 1956 für die beiden gegnerischen
       Staaten mit  insgesamt 46 500  angegeben werden.  Die neue  Zahl,
       zwei Jahre  später, wenn  man sie  erführe, würde sicherlich eine
       Verdoppelung anzeigen.
       Urey blieb  mit seiner Warnung nicht allein. Die Pioniere des um-
       wälzenden Forschungsgebietes  der Kernphysik  mußten nach  vielen
       Richtungen hin  das  Schlimmste  befürchten.  Und  sie  schwiegen
       nicht. Man  trage nur  zusammen, was  Otto Hahn, Albert Einstein,
       Niels Bohr,  Oppenheimer, Sturtevant,  H.J. Muller, Linus Pauling
       und Dutzende andere Forscher in der Frühzeit der Atombombe gesagt
       und geschrieben  haben. Der  Russell-Appell, anfänglich  nur  von
       acht Wissenschaftlern  unterzeichnet, sammelte bald andere Namen.
       Die Vereinigung  der Nobelpreisträger  gab eine gesonderte Erklä-
       rung ab. Niels Bohr hatte schon sehr früh den United Nations eine
       schriftliche Warnung überreicht. Und dann wurde an vielen Stellen
       des Erdenrunds  der Unwille gegen die Entscheidungen der Militärs
       und der Stärkepolitiker deutlich sichtbar. Ich nenne nur die War-
       nung der  18, die Beschwörungen Albert Schweitzers, der 2000, der
       204, der 9235 aus 44 Nationen, der 40, der 44, der Akademien, der
       Frauen, der  10 000, der Kinderschutzorganisationen, des Alderma-
       ston March  Committees, Japans  und aller,  die die langen Listen
       füllen; und es sind die besten Namen, die sich darin den Hundert-
       tausenden beigesellen.
       Vor ein  paar Jahren war es für mich noch eine bange Frage, ob es
       Militärs und  Staatsleute gäbe,  die es  besser wissen wollen als
       die "Elite der Welt", die einen mit Sieg ausgehenden Überfall auf
       jeweils die  Hälfte der Menschheit - wie auch immer geartet - für
       möglich halten. Ich stelle die Frage nicht mehr. Die Enttäuschung
       über das schlechthin absurde, unbegreifliche Verhalten der Regie-
       renden (und ich rechne die hohen Militärs zu den Regierenden) ist
       so tief, daß die Frage ersterben mußte. Man hält ein Wahnsinnsun-
       ternehmen für  durchführbar oder  sogar für  unvermeidbar und den
       halbglücklichen Ausgang  für möglich. Die Katastrophe hat für die
       "Führer" kein menschliches Gesicht, das ist aus ihren Reden fest-
       stellbar. Die  Zerstörung bleibt  für sie  anonym. Sie glauben an
       ihren Bunker  - nicht etwa an die Musik oder an das schöpferische
       Wort oder  an Kathedralen oder an den Wald - und sitzen womöglich
       in ihrem Bunker. Die Nullen, die man an irgendeine Zahl von Toten
       hängt, geben  ihnen nichts anderes als eine statistische Weisung.
       Aus 50 000 000  werden 500 000 000 - eine einzige Null. Zwei Nul-
       len freilich, dann wären sie eingeschlossen. Zwei Nullen schreibt
       keiner mehr hinter die Totenzahl des letzten Krieges.
       Es besteht für mich kaum noch ein Zweifel daran, daß die Mechani-
       ker des  Krieges einen Teil ihrer Vorstellungskraft eingebüßt ha-
       ben, daß  fertige Denkmodelle ältester Art an die Stelle des Den-
       kens getreten sind.
       Aber wie  können diese  Greisenhaftigkeit, diese  archaischen Ge-
       bilde im  Hirn, diese  konservativen Vorstellungen, die schon vor
       ein paar Jahrtausenden örtlich überwunden schienen, in dieser Re-
       volution weiter  bestehen? Was  bedeutet diese  furchtbare  Kluft
       zwischen wissen  und durch Empfindungen erkennen? - Sind wir mit-
       ten in  der Verkümmerung  dessen, was  wir so großartig Seele ge-
       nannt haben?
       Wenn man  überzeugt sagt:  Krieg hat es immer gegeben und wird es
       immer geben,  dann ist  jeder Widerstand gegen die Atombewaffnung
       sinnlos. Es  gibt nur  eine positive  Lösung für das Fortbestehen
       der Menschheit: den Krieg und damit auch die "klassische" Bewaff-
       nung abzuschaffen. Wenn gesagt wird: der Kommunismus ist unverän-
       derbar; er wird die westliche Welt angreifen, so entsteht die Ge-
       genfrage: gibt  es etwas Unveränderbares? - Man ist also weit da-
       von entfernt,  einander helfen  zu wollen,  wohl aber überbereit,
       einander zu verdächtigen und mißzuverstehen. Man führt den kalten
       Krieg bis  an die Grenze des atomheißen. Es wird nicht einmal ge-
       leugnet; man  träumt freilich  vom atomaren  "Buschfeuerkrieg"  -
       mangels Fantasie.
       Der dreifache  Appell Albert Schweitzers wird gerade von Oslo aus
       verbreitet; der  tapfere Linus Pauling erklärt erneut, daß radio-
       aktiver Kohlenstoff 200mal gefährlicher als Strontium 90 sei. Er-
       schüttert interpretiert  er  die  Mitteilung  der  amerikanischen
       Atom-Energie-Kommission, daß bei jedem Atomwaffenversuch je Mega-
       tonne Sprengwirkung  17 Pfund  radioaktiver Kohlenstoff frei wer-
       den. Die  Gefahr, die  der Menschheit  daraus erstehe,  erstrecke
       sich auf die nächsten fünf- bis zehntausend Jahre.
       Ist es  zu spät  zum Verhandeln? Gibt es die Bedingungen für eine
       erderhaltende Vernunft im menschlichen Gesamtdenken nicht? Sollen
       Instinkte, untierhaft  geworden, die  den  Kriegsmaschinen  nicht
       entsprechen, dennoch  den komplizierten Apparat des Untergangs in
       Bewegung bringen?  Ist alles,  was unseren  Geist unsichtbar  um-
       schleicht, die  Sprache, die  Musik, das Geformte, das mechanisch
       Arbeitende, die  Abstraktionen der Mathematik und des philosophi-
       schen Denkens,  nur ein  mystischer Kleister, ein Protzentum über
       der äußerst  zufälligen Aufgabe: Kohle und Öl zu verheizen, damit
       hinterher, wenn  wir uns  den Garaus gemacht haben, die Bäume und
       Pflanzen ein wenig besser wachsen können? - Die sogenannte Evolu-
       tion hat  uns nicht  versprochen, vor  dem jetzigen Menschentypus
       Halt zu machen.
       Zum 1.  Mai des Jahres 1958 hat die deutsche Bundesregierung eine
       Annonce drucken  lassen, in der sich der Satz findet: "Wir dürfen
       uns nicht  durch  falsche  Propheten  irremachen  lassen!"  Diese
       "falschen Propheten" gehören zur Elite der Welt oder stellen sich
       an die  Seite dieser  Elite. - Es gab schon einmal, uns allen be-
       kannt, vor  ein paar  tausend Jahren, einen "falschen Propheten",
       nämlich den  echten Propheten  Jeremias, den  großen Dichter  Is-
       raels. Er  "verwirrte" seine Landsleute damit, daß er sie vor ei-
       ner unklugen,  angeblich notwendigen  Aufrüstung und  vor eben so
       unklugen und  überheblichen Provokationen warnte. Die regierenden
       Propheten warfen ihn daraufhin ins Gefängnis, ließen ihm die Nie-
       ren losprügeln - und Israel wurde von Babylon, das mit Recht ver-
       ärgert war,  überrannt, zerstört.  Auch Jerusalem wurde zerstört.
       Die Überlebenden  Juden wurden nach Babylon verschleppt. Jeremias
       wurde von  den "Feinden seines Volkes" aus dem Gefängnis befreit;
       er starb als Emigrant in Ägypten.
       

       zurück