Quelle: Blätter 1958 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WARBURGS KRITIK AN DER DEUTSCHLANDPOLITIK AMERIKAS
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       Der aus Deutschland gebürtige amerikanische Bankier James P. War-
       burg, dessen Bücher und Schriften zur Deutschlandfrage wiederholt
       große Beachtung  gefunden haben, gab am 4. Juni vor dem Auswärti-
       gen Ausschuß  des amerikanischen Senats in Washington eine Erklä-
       rung über  die Außenpolitik  der Vereinigten Staaten ab, die wei-
       testgehendes Interesse  beanspruchen kann.  Die Ausführungen War-
       burgs - soweit sie sich auf Deutschland beziehen - haben in deut-
       scher Übersetzung folgenden Wortlaut:
       
       Wie Sie,  Herr Vorsitzender, und einige meiner älteren Freunde in
       diesem Ausschuß sich erinnern können, bin ich seit Jalta, Potsdam
       und der  verhängnisvollen Viermächte-Besetzung  Deutschlands  ein
       ausgesprochener Kritiker unserer europäischen Politik gewesen. Im
       Jahre 1947  hoffte und  glaubte ich  für kurze Zeit, daß der klug
       erdachte Marshall-Plan  uns endlich auf den richtigen Weg bringen
       würde. Unglücklicherweise machte die sowjetische Ablehnung dieses
       beispiellosen Vorschlags nicht nur den Kalten Krieg zu einer ern-
       sten Realität,  sondern brachte  wieder einmal  die amerikanische
       Politik aus  dem Geleise,  indem sie diese von schöpferischer Be-
       mühung in  eine kostspielige  und zwecklose  Wiederaufrüstung ab-
       lenkte.
       Seitdem haben  wir uns  - wie  ich es sehe - immer tiefer in eine
       Sackgasse hineinbegeben.
       Nachdem Rußland  den Marshall-Plan  abgelehnt hatte,  war es  lo-
       gisch, die  drei westlichen  Zonen Deutschlands  in den dann ent-
       standenen westeuropäischen  Wiederaufbau-Plan  einzubeziehen.  Es
       war aber  - nach meinem damals ausgedrückten Urteil - weder weise
       noch notwendig,  Westdeutschland zu einem souveränen Staat zu ma-
       chen. Es  bedurfte keiner prophetischen Voraussicht, um vorauszu-
       sehen, daß  eine solche Maßnahme die Schaffung eines ostdeutschen
       Marionettenstaates durch  Rußland ebenso  wie einen  sowjetischen
       Versuch hervorrufen  würde, die Westmächte aus Berlin zu vertrei-
       ben. Dies war der erste schicksalsschwere Schritt in der Entwick-
       lung unserer  gegenwärtigen Politik.  Die anschließende glänzende
       Improvisation der  Luftbrücke rettete  Berlin,  aber  sie  konnte
       nicht die Tatsache ändern, daß Deutschland - der Schlüssel zu ei-
       ner europäischen  Friedensregelung - in zwei getrennte politische
       Einheiten geteilt worden war.
       Der zweite  falsche Schritt  kam 1949,  als - im Gegensatz zu dem
       Ratschlag dieses  Komitees-eine Entscheidung  gefällt wurde,  die
       direkt zu  der unglücklichen  Lage geführt  hat, in  der wir  uns
       heute befinden.
       Im April und Mai dieses Jahres hielt der Auswärtige Ausschuß Ver-
       nehmungen über  die Ratifizierung  des Nordatlantik-Vertrages ab.
       Als ich  am 10.  Mai 1949 aussagte, war beträchtlicher Zweifel in
       der öffentlichen Meinung über die genauen Verpflichtungen vorhan-
       den, die dieser Vertrag mit sich bringen würde. Dies war so, weil
       die Europäer,  besonders die Franzosen, darauf bestanden, daß der
       Vertrag mehr  als eine einfache Garantie einer weiteren Befreiung
       von feindlicher  Besatzung vorsehen  müsse -  mit anderen Worten,
       daß er  eine Garantie  gegen eine  Invasion  schaffen  müsse.  Es
       schien mir dringend notwendig, diesen Punkt aufzuklären.
       Meine Erklärung vor dem Ausschuß drückte die vorbehaltlose Unter-
       stützung der  grundlegenden Deklaration  aus, die bestätigte, daß
       die Vereinigten  Staaten einen Angriff auf jeden der europäischen
       Unterzeichner als  einen Angriff  auf sich selbst betrachten wür-
       den. Ich  hatte in der Tat eine solche Solidaritäts-Erklärung vor
       dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges öffentlich befürwortet.
       Andererseits riet  ich dringend davon ab, der europäischen Forde-
       rung nachzugeben,  daß die Vereinigten Staaten sich verpflichten,
       West-Europa gegen  eine Invasion  zu garantieren. Ich behauptete,
       daß ein  Versprechen, Westeuropa  an seinen  Grenzen  in  Mittel-
       deutschland zu verteidigen, unerfüllbar wäre und daß der Versuch,
       dieses unmögliche Unternehmen auszuführen, nicht nur die dauernde
       Stationierung großer  amerikanischer Streitkräfte  in Deutschland
       bedeuten,  sondern  daß  er  unweigerlich  zur  Remilitarisierung
       Deutschlands selbst  führen würde.  Ich wagte es, diese kategori-
       sche Erklärung trotz der vorherigen Versicherung des Staatssekre-
       tärs Acheson  vor dem  Ausschuß abzugeben, daß keine zusätzlichen
       amerikanischen Truppen  nach Europa  entsandt würden  und daß die
       Vereinigten Staaten  unter keinen Umständen eine deutsche Wieder-
       aufrüstung in irgendeiner Form zulassen würden.
       Ihr damaliger  Vorsitzender, der verstorbene Senator Tom Conally,
       und sein republikanischer Kollege, der verstorbene Senator Arthur
       Vandenberg, versicherten  nachdrücklich, daß keine solche Ausdeh-
       nung der vertraglichen Verpflichtung beabsichtigt sei, und stimm-
       ten damit  überein, daß es ein schwerer Fehler wäre. Sie stimmten
       auch darin  überein, daß  die Europäer  nicht im Zweifel über die
       Bedeutung des  Vertrags gelassen werden sollten. Ihre Erklärungen
       zu diesem Zweck brachten am nächsten Tag Schlagzeilen hervor.
       Nichtsdestoweniger, kurz  nachdem der  Senat den  Vertrag ratifi-
       ziert hatte,  wurde die  Zusatzverpflichtung, welche  von  diesem
       Ausschuß abgelehnt  worden war, durch eine Maßnahme der Exekutive
       eingeleitet. Schließlich  wurden vier  zusätzliche  amerikanische
       Divisionen nach  Deutschland entsandt, und im September 1950 for-
       derten die  Vereinigten Staaten  Westdeutschlands Beteiligung  an
       der Nato-Verteidigung.
       Dies war  der entscheidende  Wendepunkt. Der Ausbruch des Krieges
       in Korea  hat die Entscheidung, Westdeutschland wieder zu bewaff-
       nen, nicht  verursacht. Er  schuf lediglich  den Vorwand für eine
       Umkehrung der  Politik, die  unvermeidlich geworden  war, als be-
       schlossen wurde, Westeuropa an seinen Grenzen zu verteidigen.
       Von der  Entscheidung, Westdeutschland  wieder zu bewaffnen, ent-
       sprang die  europäische Politik,  die Staatssekretär  Acheson mit
       der begeisterten Unterstützung von Kanzler Adenauer einführte und
       die Staatssekretär  Dulles bis zum gegenwärtigen Augenblick fort-
       gesetzt hat.  Das erklärte  Ziel dieser  Politik  war,  etwas  zu
       schaffen, das  Staatssekretär Acheson eine "Situation der Stärke"
       nannte, von der aus es möglich sein würde, eine deutsche Regelung
       auszuhandeln, die  es einem wiedervereinigten Deutschland gestat-
       ten würde, ein Partner in der Nato-Allianz zu werden.
       Vor diesem  Ausschuß und in vielen veröffentlichten Artikeln habe
       ich ständig  behauptet, daß  es absurd  sei, zu  glauben, daß die
       Russen jemals Ostdeutschland freigeben würden, um es sich der an-
       tisowjetischen Nato-Allianz anschließen zu lassen.
       und daß,  im Gegenteil, die Wiederbewaffnung Westdeutschlands die
       Teilung Europas einfrieren, die westliche Solidarität untergraben
       und die  Ost-West-Spannungen erhöhen würde, ohne Westeuropa gegen
       eine sowjetische Invasion sicher zu machen.
       Ich glaube,  Sie werden  damit übereinstimmen, daß die Geschichte
       diese Beurteilung gerechtfertigt hat.
       Es gab  eine klare Alternative zu dieser Politik, auf die wir uns
       im Jahre 1949 einließen. Vor der Unterzeichnung des Nordatlantik-
       Vertrags hat  dieser Beobachter Herrn Acheson und der politischen
       Planungsbehörde des Staatsdepartments, von welcher Herr George F.
       Kennan damals  Vorsitzender war, einen Aktionskurs vorgeschlagen,
       der auf zwei Annahmen gegründet war. Diese waren:
       1. daß es  keinen Frieden in Europa geben könne, solange Deutsch-
       land geteilt blieb;
       und
       2. daß weder  die Westmächte  noch die Sowjetunion realistischer-
       weise hoffen  könnten, einander  die vollständige  Kontrolle über
       ein wiedervereinigtes Deutschland zu entreißen.
       Auf Grund  dieser Annahmen wurde vorgeschlagen, daß die Vereinig-
       ten Staaten  ein Abkommen  anstreben sollten, wodurch ein mittels
       freier Wahlen  wiedervereinigtes Deutschland  unter der  Aufsicht
       der Vereinten Nationen militärisch neutralisiert worden wäre, das
       heißt, daß es ihm verboten worden wäre, mehr als streng begrenzte
       militärische Streitkräfte  zu  unterhalten  und  in  militärische
       Bündnisse irgendwelcher  Art einzutreten,  aber andererseits frei
       geblieben wäre,  sich solchen  wirtschaftlichen Zusammenschlüssen
       anzuschließen wie  der damals noch nicht bestehenden Europäischen
       Kohle- und Stahlgemeinschaft.
       Das Dokument,  welches dem  Staatssekretär Acheson am 26. Februar
       1949 unterbreitet  und anschließend jedem Mitglied des Kongresses
       zugesandt wurde,  schlug weiter  vor, daß  eine deutsche Regelung
       dieser Natur  eventuell zu  einer breiteren europäischen Regelung
       führen könnte, unter welcher die Vereinigten Staaten, Großbritan-
       nien und  die Sowjetunion ihre Streitkräfte graduell zurückziehen
       und die Unverletzlichkeit ganz Europas garantieren würden.
       So viel  ich weiß, war dies die erste Befürwortung einer Politik,
       die man  jetzt eine  sorgfältig abgestufte  Loslösung (disengage-
       ment) nennen  würde, obwohl  es kürzlich  ans Licht gekommen ist,
       daß Herr  Kennan damals anscheinend eine ähnliche Ansicht in ver-
       traulichen Besprechungen  mit Staatssekretär  Acheson unterstützt
       hat.
       Auf Grund  der russischen  Besorgnis, die  westdeutsche Wiederbe-
       waffnung zu  verhindern, des  französischen Zögerns und der deut-
       schen Zurückhaltung,  sich zu bewaffnen, gab es eine Anzahl Gele-
       genheiten, zu denen unsere Politik hätte revidiert werden können.
       Nach meiner  Meinung hatten  wir eine  gute Chance, freie gesamt-
       deutsche Wahlen  zum Preise  der Neutralisierung  Deutschlands zu
       jeder Zeit  zwischen September 1950 und Mai 1952 zu bekommen, be-
       vor ein festes Abkommen über die deutsche Wiederbewaffnung unter-
       zeichnet war.  Wie die  Protokolle zeigen,  machte ich vor diesem
       Ausschuß am  28. März 1952 einen letztmaligen Versuch. Herr Ache-
       son war jedoch ernsthaft entschlossen, den Vertrag über die Euro-
       päische Verteidigungsgemeinschaft  durchzubringen. Sowohl  er wie
       auch Kanzler  Adenauer waren glatt gegen jede Erforschung irgend-
       welcher Alternativen eingestellt.
       Die Eisenhower-Regierung  hätte sehr  wohl ein  neues Blatt  auf-
       schlagen können,  besonders nach  dem Tod  von Stalin.  Aber Herr
       Dulles, nachdem  er die  Acheson-Adenauer-Politik rundweg  verun-
       glimpft hatte, übernahm diese in vollem Umfang und fügte ein paar
       seiner eigenen  herausfordernden Arabesken  hinzu.  Sie  erinnern
       sich an  das Schlagwort:  "Befreiung, nicht nur unmoralische Ein-
       dämmung!"
       Nach der  französischen Ablehnung  des EVG-Vertrags  setzten  die
       Londoner Abkommen  vom Oktober  1954 schließlich  die Drohung der
       deutschen Wiederbewaffnung  in die  Wirklichkeit um.  Dies führte
       dazu, vorher  verhandlungsfähige Positionen  einzufrieren, und in
       der Tat  blieben diese bis zu den polnisch-ungarischen Aufständen
       im Oktober 1956 eingefroren. (Ich habe die Genfer Gipfelkonferenz
       von 1955 nicht vergessen, auf die ich mich noch beziehen werde.)
       Die Tür für Verhandlungen wurde wieder geöffnet, als in einem Au-
       genblick der ungarischen Revolte der Kreml seine Bereitwilligkeit
       anzeigte, einen  teilweisen Abzug seiner Truppen aus Osteuropa zu
       erwägen. Dem  folgte am  17. November  eine sowjetische Note, die
       unserer Regierung  einen gegenseitigen Abzug der Truppen aus ganz
       Europa westlich der russischen Grenze vorschlug, zusammen mit ei-
       nem allgemeinen europäischen Sicherheitsabkommen.
       Unsere  Regierung   wischte  dieses   interessante  Angebot   als
       "unaufrichtige Propaganda"  beiseite. Die  im Dezember 1956 abge-
       haltene Arden  House-Abrüstungs-Konferenz forderte  jedoch Präsi-
       dent Eisenhower  auf, die Sowjet-Note mit einem Gegenvorschlag zu
       beantworten, an dessen Entwurf teilzunehmen ich den Vorzug hatte.
       Der seither  veröffentlichte Entwurf des Gegenvorschlags sah vor,
       daß die Vereinigten Staaten die Ansicht aussprechen, daß ein bei-
       derseitiger Rückzug  - obwohl im Prinzip wünschenswert - sorgfäl-
       tig und Schritt für Schritt abgestuft sein müsse.
       Als ersten Schritt schlugen wir den russischen Rückzug hinter die
       Oder-Neiße-Linie vor,  im Austausch  mit dem  westlichen  Rückzug
       hinter das westliche Rheinufer, wobei Ostdeutschland aus dem War-
       schauer Pakt und Westdeutschland aus der Nato zu entlassen wären.
       Es wurde  vorgeschlagen, daß  beide deutschen  Staaten unter  der
       Aufsicht der  Vereinten Nationen militärisch neutralisiert werden
       und daß der Viermächte-Status in Berlin bis zur Eingliederung der
       beiden deutschen Staaten aufrechterhalten werden sollte.
       Dieser Entwurf  eines Gegenvorschlags  wurde  von  den  Senatoren
       Sparkman und  Flanders dem Präsidenten Eisenhower überbracht, die
       beide an  der Konferenz  teilgenommen hatten. Er wurde hauptsäch-
       lich - wie ich glaube - deswegen zurückgewiesen, daß er nicht die
       Zustimmung von Kanzler Adenauer finden würde.
       Die Vorteile,  die wir in diesem Vorschlag sahen - falls er ange-
       nommen würde - waren die, daß er einen ersten Schritt auf die Be-
       seitigung der  sowjetischen Zwingmacht  aus Osteuropa  darstellen
       würde; daß  er die  nukleare Bewaffnung  Deutschlands  verhindern
       würde; daß er 17 000 000 Ostdeutsche befreien und die Bedingungen
       schaffen würde  unter welchen  die deutsche Wiedervereinigung er-
       folgen könnte;  und daß das neutralisierte Gebiet als eine Erpro-
       bungsgrundlage für  die Technik der Inspektion und der Vollstrec-
       kung dienen würde.
       Seitdem ist  eine Anzahl  anderer Vorschläge  vorgebracht worden.
       Herr Kennan  hat die  Loslösung in  allgemeinen Wendungen bespro-
       chen. Oppositionsführer in England und Deutschland haben mehr ins
       Einzelne gehende  Pläne vorgeschlagen,  und erhebliches Interesse
       ist in ganz Europa hervorgerufen worden.
       Auf kommunistischer  Seite haben  die Polen  den Rapacki-Plan für
       die Schaffung einer atomfreien Zone hervorgebracht, der nicht nur
       Ost- und  Westdeutschland einschließt, sondern auch Polen und die
       Tschechoslowakei. Dieser  Vorschlag hat  die Phantasie  einer we-
       sentlichen Zahl  von Europäern  erregt. Meine  eigene Ansicht ist
       die, daß er nur im Zusammenhang mit einem abgestuften Rückzug der
       konventionellen Streitkräfte erwogen werden sollte, da er andern-
       falls den Ausschlag zugunsten des Sowjetblocks geben würde.
       Die wichtigste Tatsache ist, daß die Tür für Verhandlungen wieder
       offen ist.  Nichtsdestoweniger hat  unsere Regierung  eine streng
       negative Haltung  gegen alle  und jede  Pläne für  eine Loslösung
       aufrechterhalten.
       An diesem  Punkt möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf etwas lenken,
       das mir  als eine  sonderbare Paradoxie  erscheint. Unsere  ganze
       Nachkriegspolitik in  Europa ist auf die Änderung des bestehenden
       Zustands in  Deutschland und  Osteuropa gerichtet  gewesen.  Doch
       jetzt, wie bei früheren Gelegenheiten, wenn die Russen ein Inter-
       esse an der Änderung des Status quo anzeigen, sei es aus aufrich-
       tigen Motiven  oder einfach  für Propagandazwecke,  scheut unsere
       Regierung zurück, indem sie anscheinend vorzieht, die Dinge so zu
       lassen, wie sie sind, aus Furcht, daß jede Änderung im status quo
       eine Änderung zum Schlechteren hin sein würde.
       Ich verstehe  diese Einstellung  nicht. Wünscht unsere Regierung,
       Deutschland geteilt  und Osteuropa  unter sowjetischer Herrschaft
       zu lassen?  Und wenn nicht - wenn unsere Regierung den status quo
       in Deutschland und Osteuropa nicht mag und den sowjetischen Abän-
       derungsvorschlägen mißtraut  - warum  macht sie dann nicht einige
       verhandlungsfähige Gegenvorschläge von sich aus, statt immer wie-
       der Forderungen zu wiederholen, von denen sie weiß, daß sie unan-
       nehmbar sind?
       Und warum  sollten unsere Diplomaten annehmen, daß aus jeder Gib-
       und Nimm-Verhandlung die Vereinigten Staaten notwendigerweise als
       Zweitbester hervorgehen  werden? Haben wir alles Vertrauen in uns
       selbst als kluge Unterhändler verloren?
       Ich überlasse Ihnen diese Fragen zur Erwägung, zusammen mit einer
       anderen unbeantworteten Frage: Könnte es sein, daß unsere europä-
       ische Politik  eigentlich in Bonn gemacht wird, statt in Washing-
       ton? Und  wenn das  so ist,  ist es  klug von  uns, alles auf die
       Weisheit des achtzigjährigen deutschen Kanzlers zu setzen, dessen
       Politik von seinem eigenen Volk ernsthaft in Frage gestellt wird?
       Ohne das  Kreuzverhör ausschließen  zu wollen,  lassen Sie  mich,
       Herr Vorsitzender,  einige der Argumente beantworten, die gewöhn-
       lich gegen jeden Versuch, unsere gegenwärtige europäische Politik
       zu modifizieren, vorgebracht werden.
       Staatssekretär Dulles behauptet, daß wir uns nicht auf den russi-
       schen guten  Willen verlassen  können, Abkommen  einzuhalten, die
       wir abschließen könnten.
       Ich unterstelle,  daß Nationen  nicht Abkommen abschließen, indem
       sie sich dabei auf den beiderseitigen guten Willen verlassen. Sie
       verlassen sich  gegenseitig auf  die intelligente  Verfolgung der
       eigenen Interessen.  Die Geschichte zeigt, daß die am wahrschein-
       lichsten gebrochenen  internationalen Abkommen  genau  diejenigen
       sind, welche von der einen oder anderen Seite aus einer "Position
       der Stärke"  heraus ausgehandelt  werden - das heißt, unter einem
       bestimmten Grad  der Nötigung.  Auf der anderen Seite sind die am
       wahrscheinlichsten eingehaltenen Abkommen diejenigen, die auf der
       Grundlage des Gib und Nimm aus einer Position der gegenseitig an-
       erkannten Gleichheit  ausgehandelt werden.  Die Abkommen,  welche
       halten, sind  diejenigen, die freiwillig eingegangen wurden, weil
       sie dem  Eigeninteresse beider  Parteien dienen und somit selbst-
       vollstreckbar werden.  Das ist  die Art von Abkommen, die wir an-
       streben sollten.
       Staatssekretär Dulles  behauptet, als Kern seines Arguments gegen
       Verhandlungen, daß  die Russen auf der Genfer Gipfelkonferenz von
       1955 freien  gesamtdeutschen Wahlen  zugestimmt und  daß sie dann
       ihr Abkommen gebrochen haben.
       Wie mehrere  verantwortliche eigene  und britische Berichterstat-
       ter, die  in Genf  anwesend waren,  erklärt haben,  ist dies eine
       Entstellung der  Tatsachen. Die  Staatschefs kamen  überein,  daß
       Deutschland durch  freie Wahlen  "im Einklang  mit den nationalen
       Interessen des  deutschen Volkes  und den Interessen der europäi-
       schen Sicherheit"  wiedervereinigt  werden  sollte.  Sie  konnten
       nicht darin  übereinstimmen, welche  dieser beiden Erwägungen zu-
       erst kommen  sollte. Die Russen behaupteten, daß ein europäisches
       Sicherheitsabkommen einschließlich  der Neutralisierung  Deutsch-
       lands gesamtdeutschen Wahlen vorangehen müsse, während der Westen
       daran festhielt,  daß freie  gesamtdeutsche Wahlen eine Vorbedin-
       gung jeder Regelung sein müssen. Die zweideutige Formulierung des
       Kommuniqués verhüllte  lediglich die Tatsache, daß keine Überein-
       stimmung erzielt worden war. Ich bezweifle, ob Mr. Dulles Sie vom
       Gegenteil überzeugen kann.
       Kanzler Adenauer hat - indem er gegen die Loslösung argumentierte
       - sein  eigenes Ablenkungsmanöver  hervorgebracht, indem  er  be-
       hauptete, daß ein neutralisiertes Deutschland leicht dem kommuni-
       stischen Umsturz zum Opfer fallen würde.
       Der Kanzler  weiß ganz  gut, daß  Deutschland weit mehr gegen den
       Kommunismus immun  ist als  Frankreich oder  Italien. Was  er be-
       fürchtet, ist nicht die ideologische, sondern die politische Ver-
       führung -  daß, wenn  er einmal  gegangen ist,  die deutsche  Ge-
       schichte sich  wiederholen kann; mit anderen Worten, daß ein neu-
       tralisiertes Deutschland  nochmals Rußland  gegen den Westen aus-
       spielen oder  sogar mit  Rußland gegen  den Westen  spielen kann.
       Diese Gefahr  besteht. Aber  das Risiko  einer solchen Verführung
       wird unendlich  größer sein,  solange Deutschland geteilt bleibt,
       wobei der Kreml in der Lage ist, den Köder für die Wiedervereini-
       gung hinzuhalten.  Somit wird  das einzige  politische Risiko ei-
       gentlich durch weiteres Festhalten an unserer gegenwärtigen Poli-
       tik vergrößert.
       Kanzler Adenauer behauptet auch, daß - falls ausländische Truppen
       vor freien  gesamtdeutschen Wahlen zurückgezogen werden - das Er-
       gebnis in einer Einfrierung der Teilung bestehen werde.
       Das Gegenteil  kommt der Wahrheit näher. Ein beiderseitiger Abzug
       der ausländischen  Truppen würde  die einzigen Bedingungen schaf-
       fen, unter  welchen das Zustandekommen der deutschen Wiederverei-
       nigung vernünftigerweise  erwartet werden  könnte. Der  Abzug der
       sowjetischen Zwingmacht würde fast mit Sicherheit das ostdeutsche
       kommunistische Regime stürzen. Mit einem einheitlichen Regime ir-
       gendwelcher Schattierung  an der  Macht würde  ein Zusammenrücken
       der beiden  deutschen Staaten  unvermeidlich sein  und zur  wirt-
       schaftlichen und  schließlich zur politischen Integration führen.
       Freie gesamtdeutsche  Wahlen würden  dann wahrscheinlich  kommen,
       nicht als eine Vorbedingung, sondern als der Höhepunkt eines gra-
       duellen Prozesses der Wiedervereinigung.
       Es wird von manchen Militär-Experten behauptet, daß die Neutrali-
       sierung Deutschlands in ihrer Wirkung die Nato zerstören wurde.
       Diese Behauptung wird von manchen unserer eigenen führenden Mili-
       tärs und  solchen britischen  Autoritäten wie Captain Lidell-Hart
       und Luftmarschall  Sir John Slessor bestritten. Ich will nur die-
       sen Kommentar eines Laien abgeben:
       Auf die  eine oder  andere Weise  beruhen die militärischen Argu-
       mente gegen eine Loslösung alle auf der strategischen Konzeption,
       die schon  veraltet war,  als die  Nato zuerst organisiert wurde.
       Die grundlegende  Behauptung ist,  daß Westeuropa  nicht ohne den
       deutschen Raum und deutsche Menschenkraft verteidigt werden kann.
       Das ist wahr. Aber der darin enthaltene Folgesatz, daß Westeuropa
       gegen eine  Invasion mit  deutscher Hilfe verteidigt werden kann,
       ist nicht  wahr; er  ist auch  zu keiner  Zeit seit unserer über-
       stürzten Nachkriegs-Demobilisierung wahr gewesen.
       Die Tatsache ist, und ist es die ganze Zeit gewesen, daß der ein-
       zige Weg, Westeuropa zu verteidigen, darin besteht, einen Angriff
       zu verhindern.
       Wenn die  Russen jemals  die Absicht gehabt hätten, in Westeuropa
       einzufallen -  was ich bezweifle  - dann sind sie nicht durch die
       lächerlich kleinen Land- und taktischen Luftstreitkräfte der Nato
       abgeschreckt worden.  Sie sind  abgeschreckt worden durch die si-
       chere Kenntnis,  daß ein  Angriff auf  Westeuropa einen Atomkrieg
       mit den Vereinigten Staaten auslösen würde. Dieselbe Abschreckung
       würde auch für die Invasion in irgendeinem Gebiet gelten, aus dem
       die Russen  sich zurückgezogen und dessen Neutralisierung sie zu-
       gestimmt hatten.
       Lassen Sie  mich zum Schluß zwei Argumente erledigen, die oft von
       den unentwegten  Anhängern unserer gegenwärtigen bankrotten Poli-
       tik gegen eine Loslösung vorgebracht werden.
       Die erste  lautet: "Wir  dürfen Deutschland nicht neutralisieren,
       weil das  genau das  ist, was  die Russen wollen." Die zweite be-
       sagt: "Es ist töricht, einen solchen Plan vorzuschlagen, weil die
       Russen ihm niemals zustimmen werden."
       Ich stelle fest, daß die Unbeweglichen es nicht auf beiderlei Art
       haben können.  Ein Vorschlag  kann nicht  auf Grund zweier wider-
       sprechender Hypothesen zurückgewiesen werden. Die glatte Wahrheit
       ist, daß wir nicht wissen, was die Russen wollen oder was sie ak-
       zeptieren würden, weil wir niemals einen ehrlichen Versuch unter-
       nommen haben, es herauszufinden. Wir haben neun Jahre lang nichts
       getan, als  Forderungen zu wiederholen, von denen wir wissen, daß
       sie unannehmbar sind.
       

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