Quelle: Blätter 1958 Heft 09 (September)


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       Hans Henny Jahnn
       
       HABEN WIR DAS NEUE WELTBILD IM GEISTE BEWÄLTIGT?
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       Die Wissenschaft und das Böse
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       "Es gilt jetzt, die Magneto-Hydrodynamik zu begreifen", sagte vor
       wenigen Tagen in Genf Edward Teller, der Vater der amerikanischen
       Wasserstoffbombe. Dabei  werde es  Überraschungen geben.  Man sei
       nicht klug genug, um diese Überraschungen schon heute vorauszuse-
       hen. Wir sind in der Tat sehr wenig klug. Wir haben zwar mancher-
       lei herausgefunden,  zum Beispiel, daß in einem Leiter, der durch
       ein magnetisches  Kraftfeld geführt wird, elektrischer Strom ent-
       steht, den man nutzbar machen kann, der Licht zu spenden, Maschi-
       nen zu  treiben und  sonstige Kunststücke bis zum Umbau der Atom-
       kerne zu  bewirken vermag. Aber was dies magnetische Kraftfeld in
       Wahrheit bedeutet, was die uns so bekannte, überall terrorisierte
       Elektrizität ihrem  Wesen nach  vorstellt -  das ist uns ganz und
       gar unbekannt. Unbekannt wie die Gravitation.
       Die Frage  entsteht, wer nun das kollektivistische "Wir" ist, das
       mancherlei herausgefunden  hat. Die  größere Allgemeinheit ist es
       nicht. Denn  fast alles,  was man heute weiß, stand, als wir noch
       auf die  Schule gingen,  in keinem  Buch. Diese  Tatsache ist er-
       schreckend; sie ist fast wie die Verkündigung der Apokalypse. Wir
       können mit  großer Bestimmtheit sagen, daß unsere Staatsleute und
       Militärs fast nichts von dem Herausgefundenen verstehen. Wir dür-
       fen aber  auch ohne Scheu aussprechen, daß unsere Philosophen und
       Priester kaum  etwas vom  Herausgefundenen verstehen, ja, daß un-
       sere Mathematiker  nur wenig  von der  Mathematik verstehen: denn
       alle sind  sie Spezialisten.  Wenn das jetzt gültige Weltbild den
       Überblick, die  Schau auch  vereinfacht, weil  man einige  wenige
       grundlegende Prinzipien  entdeckt hat, und der Plan einer gemein-
       samen Ordnung deutlicher sichtbar wurde, so zerlöst sich doch das
       eigentliche Wissen  in einzelne kleine Teile. Das allgemeine Wis-
       sen kann nicht sonderlich verbreitert werden. Das Herausgefundene
       haben die Naturwissenschaftler und die mathematischen Philosophen
       herausgefunden.
       "Neunzig Prozent  aller Naturwissenschaftler  leben noch",  sagte
       jüngst ein  Gelehrter (Purcell)  des  Princeton-Instituts.  Diese
       Zahl der  Lebenden einer  bestimmten Gruppe  ist also  neunmal so
       groß, wie  die der  Toten zusammengenommen. Man könnte von dieser
       Gruppe nicht  sagen, was ein hinduistisches Wort von den Menschen
       und Tieren schlechthin sagt: "Die Lebenden sind Wenige, der Toten
       sind Viele." Auch das sollte uns nicht nur mit Verwunderung, son-
       dern mit  Grauen erfüllen.  Robert Oppenheimer antwortete auf die
       genannte Tatsache:  "So geht es nicht weiter. Der Grund dafür ist
       sehr einfach:  Die Zahl der jetzt in der Wissenschaft beschäftig-
       ten Menschen  ist ein  meßbarer Bruchteil der Bevölkerung, und es
       sind nicht genug Menschen übrig, damit es noch ein Jahrhundert so
       weitergehen könnte - dann wäre jedermann beschäftigt, keiner wäre
       übrig, und es müßte aufhören."
       "Dann wäre  jedermann beschäftigt  -", heißt  das nicht, daß auch
       das gesamte  Böse, das durch den Menschen produziert wird, mitbe-
       schäftigt wäre?  Müssen wir nicht annehmen, daß schon jetzt durch
       den "meßbaren  Bruchteil der Bevölkerung" das Böse mitbeschäftigt
       ist? Wir können beweisen, daß es so ist. Es sind Wissenschaftler,
       die z.B.  der Allgemeinheit  geraten haben,  ihre Städte unterir-
       disch anzulegen  oder in  riesigen künstlichen Luftblasen auf dem
       Grunde des Meeres zu leben, damit ein kleiner Bruchteil der jetzt
       Lebenden dem  Atomtod entgehe.  Sie  haben  nicht  verlangt,  die
       Staatsleute sollten  sich bessern. die Militärs sollten das Prin-
       zip  der  Gewaltanwendung  abbauen,  die  Religionsgemeinschaften
       möchten echte  Gewissensprüfung  lehren.  Gewiß,  andere  Wissen-
       schaftler sind als Warner aufgetreten. Anfangs waren es einzelne,
       später waren  es Tausende,  und heute sind es vielleicht hundert-
       tausend oder  zweihunderttausend, die sich jener Entwicklung, die
       die Staatsleute und Militärs vorwärtstreiben, widersetzen.
       Lassen Sie  mich vom Bösen, vom Verbrecherischen und vom Gewissen
       noch ein paar Worte sagen, indem ich an den Monat August des Jah-
       res 1945 erinnere. Zum Abwurf der ersten Atom-Bombe auf Hiroshima
       sprach ein Priester Gebete an den Höchsten,  E r  möge das Unter-
       nehmen gelingen lassen, - - während Nils Bohr den Präsidenten der
       USA bedrängte,  der Versuchung,  den Befehl  zum Abwurf zu geben,
       nicht zu erliegen. Der sogenannte Franck-Report, der zur gleichen
       Zeit verfaßt  wurde, von  sieben Physikern  unterzeichnet, an den
       Kriegsminister gerichtet,  enthält einen  bemerkenswerten Absatz:
       "Es ist  keinesfalls sicher, ob die amerikanische Öffentlichkeit,
       würde man  ihr die Wirkung von Atombomben erklären, damit einver-
       standen wäre,  daß unser  Land als erstes eine solch verwerfliche
       Methode der  restlosen Zerstörung  jeder Zivilisation  einführt."
       Doch der  General Lauris T. Norstad war der Ansicht, daß eine un-
       blutige Blockadeaktion  gegen Japan seiner Flieger "nicht würdig"
       sei. -  Es ist  für alle  Menschen guten Willens angebracht, sich
       jenen Namen einzuprägen, um rechtzeitig zu erkennen,  w e l c h e
       R i c h t u n g   d i e   E n t s c h e i d u n g e n   h a b e n
       w e r d e n,   w e n n   d i e   Z e i t  d e r  E n t s c h e i-
       d u n g e n   d a  s e i n  w i r d.  Es brachen also die Piloten
       M. Miller  und A. Spitzer vom Flugzeug "The great artist" aus ein
       Stück von der Sonne ab - wie sich ein japanischer Shinto-Priester
       ausdrückte.
       
       Das ist der "Frieden" von heute
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       Die Bomben  des Jahres  1945 entsprechen  in  ihrer  Spreng-  und
       Strahlenwirkung  den   Atomgranaten,  die   man  uns   heute  als
       "konventionelle" Waffen vorstellen möchte. Ihre Explosionswirkung
       entspricht  der  von  15 000-20 000 t  Trinitrotoluol.  Ungeheuer
       groß, verglichen mit echten konventionellen, durch chemische Pro-
       zesse hervorgerufenen  Detonationen. Und  doch  sehr  bescheiden,
       verglichen mit der Kraft neuerer Wasserstoffbomben, die ein Äqui-
       valent von 25-40 Millionen t Trotyl und darüber besitzen.
       Jene kleinen Uran- und Plutonium-Bomben waren, wenn man der Defi-
       nition Oppenheimers folgen will, "sauber". Er gesteht, daß er von
       der Sache selber, die heute die Techniker beschäftigt, nicht viel
       wisse, daß  es sich  aber offenbar darum handle, spaltbares Mate-
       rial aus  den Bomben  zu eleminieren.  Und der erste Schritt gehe
       dahin, den  Mantel großer Bomben zu beseitigen, damit die wirksa-
       men fusionierenden  Stoffe keine Nachbarschaft aus beeinflußbarem
       oder verwandelbarem  Material haben.  Man wird mit dieser Voraus-
       setzung verstehen  können, warum  Oppenheimer die zwei über Japan
       abgeworfenen  Bomben   im  Gegensatz   zur  ersten  Versuchsbombe
       "sauber" nennt.  Sie wurden  nämlich hoch  in der  Luft gezündet,
       während die  Versuchsbombe tief explodierte, so daß der Feuerball
       die Erde  berührte und  ein für jene Zeit großes Maß radioaktiver
       Verseuchung verbreitete.  Atom-Granaten werden  aber immer  einen
       Mantel haben  müssen, also  niemals "sauber" sein können. Saubere
       Bomben, die  im Meer  zur Zündung  gebracht werden, sind damit zu
       schmutzigen geworden.  Dasselbe gilt für alle Feuerbälle, die die
       Erdoberfläche erfassen.  Wird z.B.  ein Zinkdach berührt, so wird
       außerordentlicher "Schmutz"  entstehen, denn  die Strahlenwirkung
       des Zinks  ist sehr  hart, ähnlich der des Kobalts - freilich mit
       einer geringeren Halbzeit. Man braucht sich nicht auszumalen, was
       alles im  Falle eines  Krieges die Bomben sich an Selbständigkeit
       erlauben werden,  um zu  Ausgeburten des  Morasts zu werden. Aber
       warum auch sollte ein Gegner, der den anderen vernichten will, so
       sehr auf  Sauberkeit halten?  - Die  Dreistufen-Bomben oder Maul-
       wurfs-Bomben, die  weite Landstrecken  verwüsten können, sind je-
       denfalls Instrumente  der totalen  Ausrottung. Und  niemand über-
       zeugt mich  davon, daß  nicht genug  Kobaltbomben in Ost und West
       bereitliegen, um  im Falle  des Unterliegens  der einen Seite von
       dieser angewendet zu werden, damit die Sieger bis auf den letzten
       Atmenden mit in die Finsternis wandern.
       Man liest  von Zeit zu Zeit in den Zeitungen Erklärungen etwa der
       Art: die  militärische Überlegenheit  der USA  über die UdSSR sei
       gar  nicht   zu  bezweifeln.   So  heute.  Morgen  hingegen:  Die
       "raketenbegabten" Russen  seien mit  ihren Langstreckenwaffen dem
       Westen weit  voraus, und in den nächsten Jahren werde diese Über-
       legenheit noch  gewaltig anwachsen.  Inzwischen hat  man wiederum
       atomgetriebene Unterseeboote,  die unter  dem  Nordpol  operieren
       können und vom Eismeer aus den bis dahin sicheren Teil Asiens be-
       drohen. Hinwiederum  fürchtet man nichts so sehr wie die zahlrei-
       chen russischen  Unterseeboote, die,  ein paar  tausend Kilometer
       vor der  Küste Amerikas auftauchend, diesen Kontinent mit Fernge-
       schossen bedrohen  können. -  So geht  es hin  und her. Jeden Tag
       eine neue  Nachricht, eine neue Befürchtung, eine neue Beruhigung
       Neuerdings wird  sogar der Mond bemüht, um als Echoball heute für
       westliche, morgen  für östliche Radarwunder ausgenutzt zu werden.
       Wahrheit, Lüge  und Phantasterei  jagen einander,  heben sich auf
       und  stiften   Verwirrung.  Die  Propagandamaschinen  des  Kalten
       Krieges laufen sich warm. Nur eine Tatsache bleibt bestehen, här-
       ter als der härteste Diamant: Jeder der präsumtiven Gegner ist so
       außerordentlich gerüstet,  daß er alles Leben von der Erdoberflä-
       che wegwischen  kann. Es  entsteht die  unstaatsmännische  Frage:
       Weshalb will  man so  sehr gerüstet  sein, daß man das Experiment
       der totalen  Vernichtung zehnmal  durchführen könnte?  Einmal ge-
       nügt.
       Das  Prinzip  der  Gewaltanwendung  zwischen  ähnlich  gerüsteten
       Machtgruppen hat  sich selber  ad absurdum  geführt. Nur zu einem
       Überfall sind  die Tausende von Düsenbombern und Raketen verwend-
       bar. In  einem Kriege,  der erklärt werden soll oder sich stufen-
       weise entwickelt,  ist die  moderne Apparatur  eine Übertreibung.
       Wie sieht  nun die  Wirklichkeit dieser  Übertreibung aus? In den
       Tageszeitungen unserer Hälfte sind wiederholt Weltkarten abgebil-
       det, auf  denen dicke schwarze Pfeile eingezeichnet sind, die von
       der Bundesrepublik,  der Türkei  und Pakistan  ausgehen (zuweilen
       auch von  Okinawa und  Formosa) und nach Rußland hineinstoßen; es
       ist das  der Weg der Mittelstreckenraketen, die 2000-3000 km weit
       reichen. Die graphische Darstellung soll bedeuten: bis dahin kön-
       nen wir  Rußland resp.  China total zerstören. Diesen Zeichnungen
       widmete der Oberbefehlshaber der russischen Luftstreitkräfte Wer-
       schinin ein  Interview. Er  versuchte erst  einmal die  Aufregung
       über die interkontinentale Rakete abzuschwächen, unterstrich dann
       aber die  Wichtigkeit des russischen Vorrats an Mittelstreckenra-
       keten mit  A- und  H-Gefechtsköpfen, die mehr als ausreichten, um
       alle von  den USA gegen Rußland vorgeschobenen oder im Dienst der
       USA stehenden  Stützpunkte im Ernstfall völlig zu vernichten, was
       die Ausrottung  der Bevölkerung  und die  Zertrümmerung der Indu-
       strie der  Stützpunktländer einschlösse.  Von seiten der USA wird
       hierzu bekanntgegeben,  daß ein  hoher Prozentsatz  der strategi-
       schen Luftwaffe  sich Tag  und Nacht, mit Atomsprengköpfen verse-
       hen, in  der Luft  befinde, um im Falle einer Vernichtung der ge-
       nannten Stützpunkte dennoch, also ohne das Vorhandensein der Aus-
       gangsbasen, einen  Vergeltungsschlag durchführen  zu können.  Man
       vermutet auch  noch, daß  Rußland den Krieg der sogenannten toten
       Hand führen könnte.
       Das also  ist die  Beschaffenheit des Friedens, in dem wir augen-
       blicklich noch leben.
       
       Alchemie und Phantasmagorie in unserer Zeit
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       Es ist unbezweifelbar, daß politische Revolutionen und politische
       Revolutionäre Ideale  haben, die  sie verpflichten. Manager aber,
       so oder  so, die nur einen geschäftlichen Machtvorteil anstreben,
       besitzen weder  ethische noch  politische  Bindungen  im  engeren
       Sinne. Es  ist denkbar,  daß sie, ohne Ideale, mit dem nacktesten
       Nichts an  humanem Geist  noch eine  Revolution entfachen, in der
       keiner keinem  verpflichtet ist,  die den  Urzustand des Fressens
       und Gefressenwerdens in ein höchst technisiertes Zeitalter trans-
       poniert. Schließlich,  die technische  Umwälzung ist  da; sie hat
       den ganzen Erdball ergriffen, und sie ist bisher führerlos, nicht
       geordnet, verschachtelt  nur mit  einem bürokratischen System, in
       dem der  einzelne Mensch  nichts gilt  und der  Begriff der Masse
       schon eine hochmütige Vokabel ist. Auch in den sogenannten unter-
       entwickelten Ländern,  in den  Kolonien, in  den Hungerdistrikten
       der Erde,  in Afrika, Asien, Südamerika bewundert man die europä-
       isch-amerikanische Zivilisation, diese mehr und mehr von Managern
       getragene -  und haßt  sie zugleich. Man begrüßt sie indessen wie
       ein Geschenk der Vorsehung, wenn sie sich im eigenen Lande soweit
       verdichtet, daß  sie das  Mittel der  Befreiung von  der Vorherr-
       schaft des Abendlandes wird. Jedem chinesischen Bauern, der lesen
       gelernt hat,  ist begreifbar  gemacht worden, daß Industrialisie-
       rung und Beherrschung der Technik Macht bringt, daß die Maschinen
       und ihre Vervollkommnung Asien schützen.
       Atomtheorie,  Quantentheorie,  Relativitätstheorie,  Erkenntnisse
       derart, daß  es vor  der Sphäre  des Nichts, der Nichtausdehnung,
       der Nichtzeit,  nicht nur  eine kleinste Ausdehnung, sondern auch
       ein kleinstes  Zeitmaß geben müsse; die Astrophysik, die künstli-
       che Erzeugung  von Bakteriophagen,  die einen Schluß auf die Ent-
       stehung des "Lebendigen" zulassen, und die weitverzweigten Annexe
       all dieses  Wissens und  Philosophierens haben das neue Zeitalter
       geschaffen. Viele  Tausende hochbegabter und besessen schaffender
       Menschen haben  diesen neuen  Teppich gewirkt.  Er ist der Besitz
       zahlloser hochspezialisierter Gemeinschaften, die einige Anstren-
       gungen machen,  um seine  Schönheit weithin  zu zeigen. "Aber das
       Wissen von  heute ist  keine Bereicherung der allgemeinen Kultur;
       es ist  nicht ein  Teil des allgemeinen menschlichen Verständnis-
       ses." (Oppenheimer).  Und weil  es das  nicht ist,  es nicht sein
       kann, ist  die Allgemeinheit  dem "Bösen",  das die  Technik, die
       sich auf  dem  Spezial-Wissen  gründet,  gebracht  hat,  wie  dem
       Schicksal selber ausgeliefert.
       Aber auch  den Phantasten,  den Irren, die vom neuen Wissen etwas
       erfahren haben,  denen die  Tore der  Torheit weiter offen stehen
       als sonst,  ist der  Unwissende preisgegeben. Von den Verbrechern
       sprach ich  schon. Nun zu den Phantasten. Es kann sich selbstver-
       ständlich nur  um eine  kleine Auswahl aus den Berichten handeln.
       Da ist  z.B. des  Optimismusses in  Dingen des Krieges kein Ende.
       Auf einer  Konferenz der Elektroingenieure beschrieb der Amerika-
       ner Curtiss R. Schäfer von der Norden-Katay-Corporation Versuchs-
       reihen mit  Ratten, denen  man mittels  elektrischer Impulse  die
       Psyche veränderte  und in  ihnen Haß, Furcht, Hunger und ähnliche
       Empfindungen erzeugte.  "Für die Wissenschaft sind diese Versuche
       sehr aufschlußreich",  sagte Schafer, "aber sie eröffnen auch die
       Perspektive in  eine vielleicht  nicht zu ferne Zeit, wo die Bio-
       Kontrolle des  Menschen möglich wird. Die Sieger in einem zukünf-
       tigen Kriege  werden möglicherweise  Millionen zu Sklaven machen,
       indem sie Säuglingen einen Radioempfänger ins Gehirn einpflanzen,
       der den  Impulsen eines  Senders gegenüber  empfänglich ist.  Ein
       solches Geschöpf", so fuhr Schafer fort, "würde die billigste Ma-
       schine sein,  die man  schaffen und  verwenden könnte. Selbst ein
       primitiver Roboter  würde wahrscheinlich das Zehnfache kosten wie
       das Großmachen eines solchen Kindes bis zum 16. Lebensjahr."
       Verwandt mit dieser Spekulation, immerhin mit anderem Vorzeichen,
       ist eine  Äußerung Dr.  Lapps, Mitglied der Atomenergiekommission
       der USA.  Er erklärte:  "Wenn nach einem zukünftigen Atomkrieg zu
       viele der empfindlicheren Männer zeugungsunfähig seien, müßte man
       eben vorher  an einem sicheren Ort Samen in Ampullen aufbewahren,
       um so das Weiterbestehen der Menschheit durch künstliche Befruch-
       tung überlebender  Frauen zu sichern." Er fügt dann selber hinzu,
       offenbar nicht  ganz gewiß, wie sein Vorschlag aufgenommen werden
       möchte: "Dieses mag manchen recht sonderbar vorkommen."
       Man kann ohne Mühe feststellen, daß die Phantasten des Untergangs
       und die  des hemmungslosen technischen Fortschritts sich in ihrer
       geistigen Haltung  recht ähnlich sind. So äußerte Heyvard E. Can-
       ney jr.  von der  Bell Aircraft  Corporation auf  dem Kongreß der
       Raumforscher in  Kopenhagen: "Wir müssen voraussehen, daß es ein-
       mal  nötig   sein  wird,  durch  den  Weltenraum  mit  einer  Ge-
       schwindigkeit zu reisen, die 1000-, ja 10 000mal größer sein wird
       als  die   Geschwindigkeit   des   Lichtes."   (300 000 000   bis
       3 000 000 000 km-sec.)  Die Begründung für diese alles umwälzende
       Annahme, einfach  und unlogisch,  irrational, metaphysisch, glau-
       bensgleich: "Warum  sollte  es  außerhalb  unserer  Wahrnehmungen
       keine Möglichkeiten  geben, die wir heute einfach noch nicht ver-
       stehen können  und die  jenseits dessen liegen, was wir heute auf
       dem Hintergrund  unserer Voraussetzungen  als das absolut Endgül-
       tige feststellen  und feststellen  müssen?" Daß sich bei Betrach-
       tungen dieser  Art der  Begriff der  Freiheit, des freien Willens
       und der Gewissensentscheidung zwischen den Laboratorien verflüch-
       tigt, wird wohl niemand bezweifeln.
       
       ...und das Vergessen
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       Wir haben  einen Geschichtsabschnitt  erlebt, der für viele Land-
       schaften Europas das Gesicht des Dreißigjährigen Krieges oder des
       Hundertjährigen in  Frankreich angenommen  hat. Ich will dies er-
       wähnen, weil die meisten Deutschen von heute wenig Neigung haben,
       so gewissenhaft  daran zu  denken, wie sie Anlaß hätten. Sinnlose
       Verwüstungen und  Folterungen gehören nicht einzig der Vergangen-
       heit an. Ich möchte nicht die Summe geben, niemand kann das. Aber
       eine Schilderung,  die vor  wenigen Tagen D. Dr. Heinrich Grüber,
       Propst zu  Berlin, veröffentlichen ließ, hat mich so sehr bewegt,
       daß ich  das Wesentliche  davon wiederholen  möchte: "Ein kleiner
       russischer Gefangener - vielleicht 15 oder 16 Jahre alt -
       hatte sich  aus einer  Ledertasche Sohlen für seine Pantinen her-
       ausgeschnitten. Er  wurde vom  Reichsführer der SS zu 50 Schlägen
       und zum  Tode verurteilt.  Vor der  Vollstreckung der Todesstrafe
       also, die  durch Erhängen  vor versammelter  Mannschaft vollzogen
       wurde, sollte er noch 50 Schläge mit dem Gummiknüppel erhalten.
       Mit der Vollziehung dieser Strafe wurde ein gleichaltriger Freund
       beauftragt, weil  er davon  wußte, ohne jenen angezeigt zu haben.
       Unter Tränen  brach er  zusammen, da  er seinem Freunde dieses in
       der Sterbestunde  und angesichts des aufgerichteten Galgens nicht
       antun konnte. Ein SS-Mann faßte grob seine Hand mit dem Schlagin-
       strument und sagte: 'Das macht man so' und schlug mit ihm zu.
       Als der  Junge dann  völlig zusammenbrach, schlug der SS-Mann al-
       lein weiter.  Als dann  der geschlagene Junge zum Galgen gebracht
       wurde und ein Murren durch die Lagerbelegschaft ging, lösten sich
       die Maschinengewehre, und alles schwieg."
       
       Wir kennen den Abgrund
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       Doch das  Gewesene ist,  jedenfalls statistisch, von der Zahl her
       betrachtet, ein  Kleines, verglichen mit den Greueln der Zukunft.
       Und an  all diesen  Greueln soll,  vorgeschrieben durch  Gesetze,
       sich jedermann  als Vollziehender  beteiligen. Er soll das Unvor-
       stellbare mit hervorrufen, um selber Opfer zu werden.  A l s  o b
       e s   s e l b s t v e r s t ä n d l i c h  w ä r e,  d a ß  d e r
       M e n s c h  z u m  M ö r d e r  a n  s e i n e s g l e i c h e n
       w i r d.  Das kollektive Denken, d.h. das Nichtdenken, die Nicht-
       vernunft, ist  dabei, das  Geheimnis der  Sprache, ihre ethischen
       Setzungen, die  Verständigung, das  Fundament für einen möglichen
       Fortschritt in der Richtung des Humanen - also den wahrscheinlich
       größten Gemeinschaftsbesitz  der Menschheit  - zu  verschleudern.
       Das kollektive Denken, die erzwungene ausgerichtete Stellungnahme
       zu den  Problemen fordert  und begründet die Militärdienstpflicht
       mit allen ihren vernichtenden Folgen.
       Was nun sind diese Folgen, abgesehen von den Drangsalen, Leistun-
       gen und  Qualen des  einzelnen? Wie  sieht das  statistische Bild
       aus? Möglich oder sogar wahrscheinlich ist die völlige Ausrottung
       der Menschheit. Davon spricht der Russell-Appell: "Die Männer der
       Wissenschaft werden...  nicht-wissenschaftlich gebildete Menschen
       überall in  der Welt  davon überzeugen  können, daß ein Atomkrieg
       eine Erde hinterlassen wird, die weder der Kommunismus noch seine
       Widersacher sich  wünschen. Es  ist sogar wahrscheinlich, daß ein
       solcher Krieg  einen Planeten  hinterläßt, auf  dem alles Leben -
       abgesehen von  einigen Moosen  und Pilzen - erloschen sein wird."
       Es scheint  sich nun  zu erweisen, daß solche Kolossalgemälde des
       Untergangs ohne  nennenswerten Eindruck  auf die Menschheit blei-
       ben. Man  faßt Hitze,  Atomstaub und Explosionsdruck nicht, über-
       sieht die  atomare Sintflut  nicht, erkennt nicht die Kräfte, die
       das Ragnarök  heraufbeschwören könnten. Man glaubt - trotz gegen-
       teiliger Erfahrungen - an die "Gutartigkeit" des Menschen, an den
       menschlichen Witz oder an die Vorsehung, die auf nebelhafte Weise
       in den  Totalvorgang hineingewoben  scheint. Außerdem bemüht sich
       die Propaganda, das Schreckbild zu verkleinern. Die berufsmäßigen
       Strategen versuchen geradezu, den kleinen, harmlosen, den örtlich
       begrenzten Atombuschfeuerkrieg  auf die  Beine zu  stellen, damit
       die Institution  Krieg nicht aufhöre und die gewinnbringenden Ap-
       parate der Wehrhaftigkeit im Laufe der Jahrzehnte nicht überflüs-
       sig werden.
       Die Beschreibung  der Totalkatastrophe bleibt, ich wiederhole es,
       wirkungslos. Der  Mann auf der Straße, darauf aufmerksam gemacht,
       hat zumeist  eine verblüffende  Antwort bereit:  Dann ist es eben
       vorbei; man könne sowieso an der Entwicklung nichts ändern.
       Kann man  wirklich nicht?  - Ein  Ausspruch des Atomphysikers von
       Weizsäcker freilich muß sehr pessimistisch stimmen. Er sagt: "Die
       Meinung des  rationalen (ideologischen)  Pazifismus: Die Menschen
       müßten die  Schrecken des  Krieges nur  vernünftig einsehen, dann
       würden sie mit Krieg und Kriegsrüstung aufhören, scheint fast si-
       cher Unrecht  zu haben. Es liegt nicht nur an 'verblendeten Poli-
       tikern'; in  den  irrationalen  Tiefen  des  menschlichen  Wesens
       schwelen Konfliktstoffe,  deren Verdichtungen  die  Kriege  sind.
       Kriege brechen aus, weil die Menschen sie in tieferem Grunde wol-
       len, auch  wenn sie sich einbilden, sie wollten sie nicht." - Be-
       stände dieser Satz zu Recht, dann müßten wir alle Hoffnung fahren
       lassen; dann wäre das Wort "Frieden" Betrug, dann dürfte die men-
       schliche  Sprache   diese  Vokabel   nicht  enthalten.   Und  die
       "Freiheit" müßte zugleich mit in den Müllkübel.
       Das Wort  Krieg besteht.  Es nimmt unablässig zu an Bedeutung und
       Größe. Wir haben in den letzten Jahren die Manöver der  c a r t e
       b l a n c h e   des   l i o n  n o i r  und des  l i o n  b l e u
       gehabt. Das  Resultat hat  Wykeham-Barnes schon  nach dem  ersten
       Schreckensspiel dahin zusammengefaßt: "kurz und entsetzlich, ohne
       Sieger, und nur mit wenig Überlebenden - -." Die Nato-Zeitschrift
       "Revue militaire  generale" (Heft 2, 1957) aber kennt noch beson-
       dere Vernichtungsdelikatessen für Europa und Deutschland. Es wird
       der "Verteidigungsfall"  geschildert: russische Truppen haben mit
       atomaren Waffen  in wenigen  Augenblicken chaotische Verhältnisse
       geschaffen. Das  Problem der  Nato-Strategie ist die "Aufrechter-
       haltung der  Atomdisziplin", denn die betroffene Bevölkerung, so-
       weit sie noch lebt, ist vermutlich zu allem bereit, nur nicht zur
       Weiterführung des Krieges. Das würde bedeuten, daß das verwüstete
       mitteleuropäische Gebiet  für die Nato "ausfällt". Deshalb ist es
       geboten, das  atomzerrüttete Mitteleuropa  als "Aufstandszone" zu
       erklären. Daraus  ergibt sich  die "militärische"  Notwendigkeit,
       den ehemaligen  Nato-Partner mittels  Atombomben "auszuschalten".
       Diese Betrachtungen,  die zugleich  die des Generals Norstad sein
       müssen, kannte die Bundesregierung und vermutbar auch eine Anzahl
       der Abgeordneten, als sie die atomare Bewaffnung im Bundestag er-
       zwangen. Alles menschliche und christliche Denken wurde durch ein
       militärisches ersetzt. Bomben und Raketen sollen herbei, ohne daß
       man sich  "um die  Folgen kümmert".  Es muß  immer wieder festge-
       stellt werden,  daß es  Militärs und  Staatsleute gibt,  die  vor
       nichts zurückschrecken, die zu allem fähig sind. Raketen, die man
       nicht abfeuern  will, die  man einzig als "Drohung" im Hinterhalt
       hat, bringen politische Niederlagen ein. Indessen, man macht kei-
       nen Hehl  daraus: man  will sie  abfeuern; sie sind gar nicht zur
       "Sicherheit" da, sondern zur "Vergeltung" oder um einen Präventi-
       vüberfall einzuleiten.
       Solange man  vernünftige Entscheidungen noch für möglich hält und
       die Phantasten  des Untergangs auf Grund irgendeiner Fehlleistung
       ihre dunkle  Absicht nicht  vollenden, muß hervorgehoben, verkün-
       det, geflüstert  und geschrieen werden, daß auf dem militärischen
       Sektor nur noch zwei Entscheidungen möglich sind: Totale Vernich-
       tung oder totale Abrüstung. Ein Mittelding mit "militärischen Ge-
       heimnissen", Spionagestrafgesetzen,  halben heimlichen  oder ver-
       kappten Armeen,  umstellbaren Laboratorien und friedlichen Fabri-
       ken für kriegerische Zwecke ist zukünftig nicht denkbar, ohne die
       Gefahr zum Immergegenwärtigen zu machen.
       
       Vor dem Gesetz
       --------------
       
       Atavistische Denkprozesse sind seit jeher und heute besonders das
       eigentlich Böse.  Mögen die  Träger  der  Gedanken  auch  biedere
       Durchschnittsmenschen sein.
       So stehen wir denn vor dem neuen Weltbild, wie der Mann vom Lande
       in der Novelle Franz Kafkas "Vor dem Gesetz" steht. Der Mann bit-
       tet um  Einlaß, aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Ein-
       tritt nicht  gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob
       er also später werde eintreten dürfen. "Es ist möglich", sagt der
       Türhüter, "jetzt  aber nicht."  Da das Tor zum Gesetz offen steht
       wie immer<?>nd  der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann,
       um durch  das Tor  in das  Innere zu  sehen. Als der Türhüter das
       merkt, lacht  er und  sagt: "Wenn  es dich  so lockt, versuche es
       doch, trotz  meines Verbotes  hineinzugehen. Merke  aber: Ich bin
       mächtig. Und  ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal
       stehen aber  Türhüter, einer  mächtiger als der andere. Schon der
       Anblick des  dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen." Solche
       Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz
       soll doch  jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er
       jetzt den  Türhüter in  seinem Pelzmantel  genauer ansieht, seine
       große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tartarischen Bart,
       entschließt er  sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis
       zum Eintritt bekommt. -
       Nun, der Mann vom Lande, der sich mit allem, was er besitzt, aus-
       gerüstet hat, wartet sein Leben lang vor der Tür. Er wird alt. Er
       wird kindisch,  schwerhörig. Er  erblindet. Er stirbt. Als er ge-
       storben ist, wird die Tür geschlossen, denn sie stand nur für den
       Mann vom Lande offen.
       Keine Parabel  vermag die  Stellung der  Allgemeinheit zum  neuen
       Weltbild treffender  zu beschreiben  als diese Novelle Franz Kaf-
       kas. Deutlicher - mit einer anderen Blickrichtung - kann die Ohn-
       macht des  einzelnen in unserer Demokratie nicht beschrieben wer-
       den. Der  Mann vom Lande könnte wohl durch die Tür eintreten. Man
       verspricht es  ihm sogar halberwege, denn die Tür steht ja offen.
       Aber er kann es wiederum nicht, weil es den Türhüter gibt.
       Die Dichtung  ist zu  großartig, als daß ich es wagen dürfte, den
       Vergleich genauer nachzuzeichnen.
       Von den  Staatsleuten ist  schon hin und wieder die Rede gewesen.
       Der Nobelpreisträger  Harald C.  Urey, der  Entdecker des Wasser-
       stoff-Isotops Deuterium,  schrieb schon  vor mehr  als 10  Jahren
       seine Warnschrift: "Ich fürchte mich." Darin liest man:
       "...kürzlich waren  wir als  Ratgeber in  Washington, wo  man uns
       über die  Entwicklungsmöglichkeiten der  Atombombe ausfragte. Bei
       dieser Gelegenheit  lernten wir  natürlich etwas von den Gegeben-
       heiten kennen,  die in  der Politik  enthalten sind. Das, was wir
       lernten, hat  unsere Furcht  vergrößert... Wir  waren erschrocken
       darüber, was  etwa Politiker  und Diplomaten erfinden könnten, um
       die Atombombe  anzuwenden. Nun  denken Sie vielleicht, dieser Ge-
       lehrte will nicht von Wissenschaft, sondern von Politik sprechen.
       Ist er  dazu befugt?  Was versteht er von Politik? Dies weiß ich:
       ich höre  die Leute  von der  Möglichkeit  reden,  Atombomben  im
       Kriege anzuwenden.  Als Mann  der Wissenschaft sage ich Ihnen: Es
       darf niemals  ein neuer  Krieg  kommen!...  Unser  Aufenthalt  in
       Washington hat  mir gezeigt,  daß trotz  allem, was  darüber  ge-
       schrieben wurde, es einen gefahrbringenden Prozentsatz an Politi-
       kern gibt,  die, deutlich erkennbar, das Problem nicht begreifen.
       Man fragt  uns unablässig:  Kommt denn  keine Verteidigung  gegen
       Atombomben? -  Ich habe niemals gehört - und Sie haben es niemals
       gehört -,  daß ein  Gelehrter gesagt hätte, es fände sich irgend-
       eine wissenschaftlich  begründbare  Verteidigung  gegen  Atomwaf-
       fen..." An einer anderen Stelle: "Wir müssen jetzt diejenigen un-
       serer Politiker unterstützen, die klar erkennen, daß eine Revolu-
       tion gewesen ist. Wir müssen aufmerksam auf die Führer hören, die
       uns ihre  ehrlichste Meinung sagen, was wir aus dieser Revolution
       machen können. Und wir müssen den Kampf gegen jene aufnehmen, die
       glauben, daß  das, was für andere Zeitalter galt, sicherlich auch
       für das  Atomzeitalter taugt.  Nach und nach, wenn die Menschheit
       langsam zu  verstehen beginnt,  werden unsere  Probleme einfacher
       werden. Aber der allergefährlichste aller Faktoren ist die Zeit."
       Auch v.  Weizsäcker hat  davon gesprochen,  daß die Allgemeinheit
       den Regierenden  helfen müsse,  die richtigen  Entscheidungen  zu
       treffen; allein  vermöchten sie es nicht. - Aber wie soll das die
       Allgemeinheit bewerkstelligen?  Welchen Weg gibt es? Soll sie den
       Türhüter beiseite  stoßen und  einfach in den Palast des Gesetzes
       eindringen? Diesen  Mut darf  man nicht erwarten, denn die Allge-
       meinheit - die sogenannten Gebildeten sind keine Ausnahme - grün-
       det ihre  Ansichten zumeist  auf Denkmodelle,  deren  Richtigkeit
       nicht überprüft  wird. So  sagte ein Gegner der Atomaufrüstung im
       Bundestag, auch  er glaube,  daß es  zukünftig noch  Kriege geben
       werde, die Geschichte habe gelehrt usw. - - Wenn es immer, in al-
       ler Zukunft,  Kriege geben  wird - dann freilich brauchen wir uns
       um nichts  mehr zu bemühen, denn die Atombombe von Hiroshima ist,
       wie Pasqual Jordan erklärte, in der Tat die Armbrust von ehemals.
       Der Außenminister der USA, Dulles, hat sich hin und wieder gebrü-
       stet, er führe die Strategie des kalten Krieges am Rande des hei-
       ßen. Der Bundeskanzler hat sich nicht gescheut, die Gegner seiner
       Nato-Abschreckungsaufrüstung als  dumm oder  kommunistisch  infi-
       ziert zu brandmarken. Inzwischen hat das Wort vom heimlichen Kom-
       munisten an  Schlagkraft eingebüßt;  an die Stelle ist das ebenso
       schlimme oder schlimmere der Bösartigkeit getreten. Vom Staatsap-
       parat her  gesehen  ist  bösartig  dasselbe  wie  verbrecherisch.
       W i r   w i t t e r n   b e r e i t s,   d a ß  u n s e r e  d e-
       m o k r a t i s c h e   O r d n u n g   i n  D i k t a t u r e r-
       m ä c h t i g u n g  u m s c h l a g e n  k a n n.  - Können sehr
       alte Männer das neue Weltbild bewältigen?
       
       Sind wir blind?
       ---------------
       
       Auch die  Wissenschaftler bemühen sich in ihrer Mehrheit, den Re-
       gierenden und Politikern zu helfen. Emil Belzner hat kürzlich das
       Wort von der "neuen Elite" geprägt. Es war in einem Zeitungsarti-
       kel, der sich mit dem "dicken Fell" der Politiker befaßte. Er er-
       innerte an  die großen  Namen, die als einzelne aufgetreten sind,
       um zu  warnen; an  den Russell-Appell der 8, an die Göttinger 18,
       an die  2000, die  204, die  9235 der 44 Nationen, an die 40, die
       44, an die Akademien, an die Frauen, an die Kinderschutzorganisa-
       tionen. "Wissenschaftler  von Weltruf  protestieren überall gegen
       Atomrüstung und Kernwaffenversuche, beherzte Studenten, Professo-
       ren und  Dozenten erklären  sich gegen eine atomare Aufrüstung in
       der Bundesrepublik.  In England  unternehmen Zivilisten  Protest-
       märsche gegen  die Wasserstoffbombe und gegen amerikanische Luft-
       waffeneinheiten (die  das Land  mit Atombomben  überfliegen), die
       Kirchen erheben  ihre Stimmen,  der Papst  hat die Menschheit vor
       den Gefahren  einer selbstbereiteten  Atomhölle immer  wieder ge-
       warnt -  - nichts,  nichts, nichts!! - - - ... Es ist, als ob man
       Ochsen in  die Hörner  pfetzte, eine  Photographie anspräche oder
       einem präparierten Neandertaler sein Leid klagte."
       Ich zitiere  noch einmal  aus der  frühen Schrift  Ureys:  "I c h
       s c h a u e  a u s  n a c h  e i n e r  B e g e g n u n g  z w i-
       s c h e n   d e n   F ü h r e r n    d e r    G r o ß m ä c h t e
       u n d  i h r e n  W i s s e n s c h a f t l e r n.  Ich weiß, daß
       die wissenschaftlichen  Berater den  guten Glauben  ihrer politi-
       schen Führer  widerspiegeln werden.  Die Männer  der Wissenschaft
       werden keine  Schwierigkeiten haben,  einander zu verstehen. Wenn
       sie zusammenkommen. so glaube ich. daß ihr Rat beinahe einstimmig
       sein wird..."
       Auf der Genfer Atomkonferenz, jetzt im September, sagte der Fran-
       zose Perrin:  "Die Atomenergie  ist zum Symbol der beherrschenden
       Rolle der  Wissenschaft im  Leben des modernen Menschen geworden.
       Vor allem  aber wegen der furchtbaren zerstörerischen Waffen, die
       durch die Atomkraft produziert worden sind, hat sie das Leben der
       Menschen in wenigen Dekaden verändert. Viele Menschen, die an die
       schreckliche Drohung  eines Atomkrieges denken und an den kollek-
       tiven Selbstmord,  den er  einschließt, die  an den  Wahnsinn der
       Menschheit denken,  der eine  derartige Zerstörungskraft  in  die
       Hand gegeben ist, wünschen den wissenschaftlichen Fortschritt an-
       zuhalten. Doch es ist nutzlos, zu versuchen, Prometheus wieder in
       Ketten zu  legen. Wenn  wir den Marsch der Wissenschaft nach vorn
       aufhalten wollten,  müßten wir  im Menschen den Wunsch, zu wissen
       und zu  erkennen, vernichten, und damit einen der edelsten Seiten
       seiner Natur  töten. Mag  es nun  zum Guten  oder zum  Schlechten
       sein, der  Mensch hat  sein Schicksal auf das engste mit der Wis-
       senschaft verbunden."
       Wir alle  erkennen, daß  die Weiterentwicklung  der  Wissenschaft
       nicht aufgehalten werden kann. Wir wissen, daß es Atombomben gibt
       und daß  sie, würden sie heute allesamt vernichtet werden, morgen
       wieder hergestellt  werden könnten.  V. Weizsäcker  hat  kürzlich
       ausgesprochen, die   M e n s c h h e i t  m ü s s e  z u k ü n f-
       t i g   m i t   d e r   B o m b e   l e b e n.   A b e r    d a s
       k a n n   s i e   n i c h t.  Wenn das der einzige Ausweg für die
       Menschheit bleibt,  mit der Bombe leben zu müssen, dann wird eine
       höhere Instanz  feststellen, daß  die Wissenschaft, zum wenigsten
       die moderne  Wissenschaft, vom Bösen besessen war. Pascual Jordan
       hat es  sehr offen  ausgesprochen: "Sinn und Bedeutung der physi-
       kalischen Forschung  sind -  mag sie auch von ihren Schöpfern und
       Verehrern oft  um ihrer  selbst willen...  wertgeschätzt werden -
       unverrückbar gegeben durch ihre Rolle als technisches und militä-
       risches Machtinstrument."  (Die Physik  und das Geheimnis des Le-
       bens, Braunschweig 1941).
       "Angesichts der  anhaltend kritischen Lage, die sich jeden Augen-
       blick gräßlich  entladen kann, dürfen die Guten nicht unbeteiligt
       und untätig  wie stille  Zuschauer einer herannahenden, alles um-
       stürzenden Katastrophe ihr gewohntes Leben im alten Gleis weiter-
       führen... Jeder Mensch guten Willens muß mit einer des großen Au-
       genblicks würdigen Entschlossenheit prüfen, was er persönlich tun
       kann und soll und wie er zur Rettung der Welt beitragen kann, die
       sich auf  dem Weg  in den  Abgrund befindet."  Das sind Worte des
       Oberhauptes der  katholischen Christenheit.  Aber Papst Pius XII.
       hat den  Atomkrieg nicht  unausdeutbar verurteilt,  und damit ist
       die Möglichkeit  gegeben, daß  sich Gegner  und  Befürworter  der
       Atomrüstung gleichermaßen  auf ihn  berufen können.  Ich will  in
       diesem Punkt  nicht ausführlich  werden; es  steht mir  nicht zu.
       Doch scheint  mir, daß  die christlichen  Kirchen bis zum Übermaß
       mit  unklugen,  ja  glaubenswidrigen  Entscheidungen  vorbelastet
       sind. Der  Wahl-Hirtenbrief der  Bischöfe in  Nordrhein-Westfalen
       vom 15.  Juni 1958  ist noch  in schlechter Erinnerung. Schlimmer
       ist das  berüchtigte "Wort"  der sieben deutschen Moraltheologen,
       in deren Sicht der Atomkrieg nur eine quantitative Steigerung der
       Kriegsgreuel bedeutet.  Da die  christlichen Kirchen den Krieg an
       sich nicht  geächtet haben, fällt es ihnen schwer, den Atom-Krieg
       zu verdammen.  Hat man  es ohne weithin hörbares Murren hingenom-
       men, daß in der letzten Kriegsperiode vierzig bis fünfzig Millio-
       nen Menschen  umkamen oder  Unsägliches leiden mußten, so scheint
       eine Null  an die Ziffer gehängt keine grundsätzliche Änderung zu
       bedeuten. Aber  Quantität ist  nicht unbegrenzt  ausdehnbar;  sie
       kann zur Qualität der totalen Schöpfungszerstörung werden.
       Die Frage ist zu stellen: Kommt es in Dingen der Religion nunmehr
       auch auf die Vielzahl der unbekannten einzelnen an, die sich auf-
       machen müssen,  den Verwaltern  des Glaubens zu helfen, das Rich-
       tige zu  tun, da  sich diese aus dem Gespinst, das die Vergangen-
       heit gesponnen hat, mit eigener Denk- und Glaubenskraft nicht be-
       freien können?
       Wir stehen  in der Tat vor zwei kaum vorstellbaren Möglichkeiten:
       daß die  Menschheit durch  sich selber ausgelöscht wird, weil die
       Kräfte der Schöpfung nichts anderes mehr gegen den Menschen mobi-
       lisieren können als ihn selber. Oder daß wir den Weg der völligen
       Gewaltlosigkeit gehen. Nicht eine billige Gewaltlosigkeit ist ge-
       meint, vielmehr  eine neue, umfassende Sittlichkeit. Und das wäre
       etwas so  andersartig Neues  wie das  neue Weltbild,  das uns die
       Wissenschaften gebracht  haben, das  wir nicht bewältigen können,
       das uns  nicht besser macht - und das sich darum für das Wohl der
       Menschheit bisher noch nicht als brauchbar erweisen konnte.
       

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