Quelle: Blätter 1958 Heft 10 (Oktober)


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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Dr. Hans-Heinz Holz
       
       KARL JASPERS UND DIE INDIREKTE APOLOGIE DER ATOMBOMBE
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       Die Verantwortung des Philosophen
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       "Wir müssen  leben angesichts der in den Tatsachen sich zeigenden
       Gefahr. Doch  ein Lehrer  der Philosophie muß sich bescheiden. Er
       macht aufmerksam.  In einer oft besinnungslosen Welt veranlaßt er
       zur Besinnung  dadurch, daß  er das  Wesentliche, das Einfache zu
       sagen versucht.  Aber die  Besinnung ist nicht schon Handeln. Wer
       mitdenkt, kann  im inneren Handeln nur vorbereiten, die Entschei-
       dungen aber  fallen in  der Praxis.  Tiefes Denken  und konkretes
       Handeln sollen  in einem  und demselben  Menschen, im Staatsmann,
       zusammenkommen. In  der Realität  ist meistens  die Trennung. Der
       Philosoph hat Verantwortung für die Wahrheit des Gedachten, deren
       Wirkung unberechenbar  ist; aber er ist nicht gebunden an die Si-
       tuation des  Tages. Der  Staatsmann dagegen hat Verantwortung für
       die Wirkung  seiner Tat;  er sieht sich gebunden durch die augen-
       blickliche Wirkung seiner Rede in dieser Lage. Beide haben durch-
       weg ihren Mangel: der Philosoph handelt nicht, der Staatsmann be-
       schränkt sein Denken auf das Nächstliegende. Aber Philosophie und
       Politik sollten sich treffen" (S. 7).
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       In Schwarz und Weiß
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       "Was aus  dem Prinzip  der totalen  Herrschaft getan wird, ist in
       jedem Fall  schlecht. Es  kann nur den Schein der Übereinstimmung
       mit dem  Erwünschten haben.  'Es ist  doch auch Gutes daran', 'Es
       wird doch  aus Gutes geleistet', solche Auffassung ist Täuschung.
       Hier, wo  es um  das Prinzip des Lebens selbst geht, ist radikal,
       ohne Kompromiß  Nein zu  sagen, ist  der luziferische  Schein des
       Guten zu durchschauen - oder man ist dem bösen Prinzip schon ver-
       fallen" (S. 166).
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       "Rußland, obgleich  es so wenig wie Amerika den Weltkrieg zu wol-
       len scheint, ist ständig gewaltsam, wohin es langen kann. Es will
       keine Ruhe  in der Welt, sondern jene Unruhe ausnutzen, um entwe-
       der 'friedlich'  die Welt  zu erobern oder um seine Ausgangsposi-
       tionen für  einen künftigen  Weltkrieg auszudehnen, und weil Ruhe
       Entwicklung der Freiheit in der Welt bedeuten würde" (S. 98).
       ...
       ...
       "Aber es  wäre eine  Täuschung, zu  meinen, daß Koexistenz in dem
       beschränkten und  unwahrhaftigen Sinn  Dauerzustand sein  könnte.
       Der Totalitarismus kann das Dasein der Freiheit, das ihn als sol-
       ches schon  bedroht, nicht  dulden, Freiheit  darf nicht  möglich
       sein. Daher strebt er nach Welteroberung mit jedem möglichen Mit-
       tel" (S. 153).
       ...
       ...
       "Der Weltfriede ist heute nur durch den Totalitarismus bedroht...
       Wenn die  Menschen nicht  unter Erpressung  die Sklaverei wählen,
       dann ist  der Weltfriede  nur durch  Selbstbehauptung der  freien
       Welt zu  retten, die  den Angriff  seitens  der  Totalitären  ab-
       schreckt und  eine Entwicklung  einleitet, in der am Ende ein na-
       türlicher Weltfriede möglich wird" (S. 143).
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       "Die Solidarität  verlangt heute  bedingungslosen  Zusammenschluß
       aller europäischen  freien Staaten und Amerikas (S. 177)... Jeder
       Abendländer hat  gleichsam zwei  Vaterländer, das seines Herzens,
       seiner Herkunft,  seiner Sprache,  seiner Ahnen,  und das des si-
       chernden Bodens seiner politischen Wirklichkeit. Jene Vaterländer
       sind viele,  dieser Boden  ist heute  noch einer: die Vereinigten
       Staaten von Amerika" (S. 153).
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       "Die Völker  werden nur  immer  begehrlicher.  'Unterentwickelten
       Völkern' ist  materiell nicht  zu helfen,  wenn sie die Hilfe als
       Zündung der  Selbsthilfe gar  nicht wollen. Aber es ist ihnen ihr
       Raum zu  lassen, auf  ihre Weise  zu leben, zu hungern, in Massen
       geboren zu  werden und hinzusterben. Sie haben das Recht zu ihrer
       Freiheit" (S. 133).
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       Der Apologet der Atomrüstung
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       "Weil sie  diese Verantwortung  übernehmen, beanspruchen die For-
       scher nun als solche, mitzureden bei der Verwendung der Atomener-
       gie und  Forderungen zu stellen. Weil die Forscher in der Tat das
       Feuer bereitstellen helfen, nehmen sie sich ein spezielles Recht,
       politisch zu  urteilen, um das Feuer zu löschen. Aber die Verant-
       wortung dafür,  daß  richtige  Forschung  und  solide  Ausbildung
       stattfinden, die  im Gang  des menschlichen  Erkennens und  Fort-
       schreitens liegt, ist selber noch nicht die Verantwortung für die
       Politik, durch  die die Folgen dieses Ganges zum Heil oder Unheil
       werden können.  Und die erste Verantwortung (für die Qualität der
       Forschung und  der Ausbildung  des  Nachwuchses)  hat  nicht  die
       zweite, die politische Verantwortung zur Folge" (S. 270).
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       ...
       "Die Abschaffung  der Atombombe  und die Errichtung der wirksamen
       Kontrollinstanz scheinen  jedoch unmöglich  als  ein  isolierter,
       selbständiger Vorgang  auf Grund  verständiger  politischer  Pla-
       nung... Die  Kontrolle ist  nur möglich mit allgemeiner Abrüstung
       Erst wenn  der Weltfriedenszustand  gesichert ist,  ist auch  die
       ausreichende Kontrolle  möglich. Der  Gedanke und der Versuch der
       Kontrolle allein kann das Ziel nicht erreichen" (S. 38/39).
       ...
       ...
       "Nur wenn die gesamte Politik der Staaten in eine andere Richtung
       gelangt, kann  der Erfolg  eintreten. Und  dies ist  nur  möglich
       durch den  Wandel des  Ethos und  des Opfermuts unter Führung der
       Vernunft. Der  Grundtatbestand aber  ist, daß dies wiederum nicht
       möglich ist  für den  bei sich bleibenden Einzelnen, sondern erst
       im Miteinander,  schließlich im  Miteinander  aller  Völker"  (S.
       486).
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       Die Paradoxie der Wahrheit
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       "Schließlich sahen  wir, daß  die Situation  zu einer Alternative
       führen kann:  entweder ob  Menschen guten  Willens um jeden Preis
       auf die  Atombombe verzichten sollen, weil das Dasein der Mensch-
       heit im  ganzen nicht in Gefahr kommen dürfe - oder ob es für den
       guten Willen  möglich sei, auch das äußerste Opfer, den Untergang
       der Menschheit,  zu wagen,  wenn die Alternative die Knechtschaft
       unter der totalen Herrschaft ist" (S. 251).
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       "Wer sagt,  um jeden Preis müsse die Menschheit am Leben bleiben,
       ist nur  glaubwürdig, wenn  er weiß,  was Totalitarismus ist: die
       von uns erlebte und vorher geschilderte Verwandlung der menschli-
       chen Lebensbedingungen  dorthin, wo der Mensch aufhört, er selbst
       zu sein.  Der Totalitarismus  schafft den Frieden als eine Wüste,
       die gegen  revoltierende menschliche  Ansprüche doch immer wieder
       durch Gewalt  hergestellt wird...  Wer noch in der Welt als einem
       Konzentrationslager ein  lebenswertes Leben für möglich hält, muß
       bedenken: das  Vertrauen in  den Menschen ist nur berechtigt, so-
       weit er  einen Spielraum  für seine  Freiheit hat. Dieser ist die
       Bedingung seiner  Möglichkeiten... Das  Leben, das  zu retten der
       zur Freiheit geborene Mensch alles tut, was möglich ist, ist mehr
       als Leben.  Darum kann das Leben als Dasein, wie das einzelne Le-
       ben, so  alles Leben,  eingesetzt und  geopfert werden um des le-
       benswürdigen Lebens willen" (S. 228 f. und 231).
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       Transzendenz und Konformismus
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       "In der  neuen Lage  vor dem  Abgrund ist  das bloße Leben an das
       würdige Leben  gebunden... Die  Ehrfurcht vor dem Leben ist nicht
       das Letzte.  Die Lebensheiligung  ist unwahr und unwahrhaftig und
       wird verderblich für die gesamte Lebensverfassung, wenn das Leben
       als solches  zum absoluten  einzig Positiven  gesteigert  wird...
       Wagnis und Opfer des Lebens sind die Bedingung, ohne die ein men-
       schenwürdiges Leben nicht gewonnen wird" (S. 479).
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       ...
       "Die Weltlage  ist drohend: heute ist der Weltfrieden die einzige
       Rettung. Aber immer gab es Kriege. Wie soll das Ungeheure möglich
       werden, daß  keine Kriege  mehr geführt  werden? Für unser Wissen
       nicht durch  die Magie  eines übergeordneten  Geschehens, auf das
       sich zu  verlassen bequem  und verantwortungslos wäre, auch nicht
       allein durch  eine rational  erdenkbare Apparatur,  die  das  Er-
       wünschte herstellen  möchte, sondern  durch unsere  tägliche  be-
       währte Freiheit.  Der Unbedingtheit  dieser Freiheit  kommt  dann
       vielleicht die  transzendente Macht  zu Hilfe,  die wir in unsere
       Voraussicht nicht einstellen können, deren unbestimmbare Möglich-
       keit uns  jedoch ermutigen  darf, wenn  der bloße Verstand ratlos
       wird."
       ...
       ...
       "Erst die  Freiheit, dann  der Friede in der Welt! Die umgekehrte
       Forderung: 'erst  der Friede, dann die Freiheit' täuscht... Welch
       große Aussicht,  wenn auf  der einen Seite eine Sozialdemokratie,
       befreit vom  Dogma einer  marxistischen Weltanschauung, in klarer
       Vorstellung der Weltlage, die Außenpolitik Adenauers zu der ihri-
       gen machte, die Wirtschaftspolitik, die das Wirtschaftswunder er-
       möglichte, in  den Grundzügen akzeptierte, und nun mit dem ganzen
       Ernst sozialer  Gerechtigkeit für  die Solidarität des Operierens
       aller Glieder  der Arbeit,  nicht für  einen Kampf von nicht mehr
       existierenden Klassen sich einsetzte!"
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