Quelle: Blätter 1958 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       SENATOR J. WILLIAM FULBRIGHT FÜHRTE AM 6. AUGUST 1958
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       IM AMERIKANISCHEN SENAT IN WASHINGTON UNTER DEM THEMA
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       "AM RANDE DES ZUSAMMENBRUCHS" FOLGENDES AUS:
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       "Die Wahrheit, Herr Präsident, ist, daß unsere Außenpolitik unzu-
       reichend, veraltet  und irregeleitet  ist. Sie  basiert teilweise
       auf einer  falschen Konzeption  unserer wirklichen, langfristigen
       nationalen Interessen und teilweise auf einer irrigen Beurteilung
       des Zustands  der Welt, in der wir leben. Noch schlimmer, sie wi-
       derspiegelt eine  gefährliche Apathie und eine ganz unverständli-
       che Unwilligkeit,  den Tatsachen  ins Auge  zu sehen. Wir sollten
       eine vollständige Neubetrachtung und Neu-Orientierung unserer Au-
       ßenpolitik nicht  länger hinausschieben.  Wir haben schon viel zu
       lange gewartet.
       Immer wieder  haben wir  die Dinge  hinausgeschoben. Immer wieder
       haben wir  uns treiben lassen, bis die Umstände einen unerträgli-
       chen Zustand erreichten, und dann sind wir bis an den Abgrund ge-
       rast. Diesmal  haben wir  sogar einen Fuß über den Abgrund gehal-
       ten. Da  hängen wir  nun, warten und fragen uns, was als Nächstes
       kommen wird. Wir schauen jetzt direkt in den Abgrund des Krieges,
       eines Krieges, den wir nicht wollen und der nur die katastrophal-
       sten Folgen für die ganze Menschheit haben kann.
       Aber die  Frage von Frieden oder Krieg ist nur eines unserer Pro-
       bleme. Ebenso  beschwerlich-und noch  um ein gut Teil komplizier-
       ter- sind  die Fragen,  was unsere  langfristige Stellung  in der
       Welt sein  wird und  welche Art Welt wir für die beste halten, um
       unseren langfristigen Interessen zu dienen. Es ist keine Antwort,
       wenn man sagt, wir wollen in Frieden in einer freien, friedlichen
       und sicheren Welt leben. Das ist eine Hoffnung, die wir alle tei-
       len, aber es ist nur eine Hoffnung: Es ist keine Politik.
       Meine Befürchtung,  Herr Präsident,  ist die,  daß -  wenn wir so
       fortfahren, wie  wir es  bisher getan  haben - wir auf diplomati-
       schem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet so viel Boden ver-
       lieren werden, daß die Frage eines Schieß-Krieges wirklich gegen-
       standslos wird.
       Bevor wir  unseren verbleibenden Halt verlieren, ist es Zeit, daß
       wir uns  umsehen, wo  wir stehen.  Noch wichtiger  ist es, uns zu
       fragen, wie  wir in  diese schlimme  Lage geraten  sind. Nur  der
       blindeste Optimismus  würde unsere  internationale Lage  als eine
       sichere bezeichnen.  Die Tatsache ist, daß wir in Schwierigkeiten
       sind, sehr tiefen Schwierigkeiten, gleichgültig, was demnächst im
       Nahen Osten  passieren wird.  Die exponierte Stellung, die wir in
       diesem Gebiet  innehaben, ist  nur ein Spiegelbild dieser Schwie-
       rigkeiten.
       Vor einem  Jahr hatten wir ein anderes Spiegelbild davon, als die
       Sowjets ihren  ersten Sputnik  abfeuerten. Dieses Ereignis zeigte
       uns, was  viele bereits wußten, aber was diese Regierung zu igno-
       rieren beliebte. Es zeigte uns, daß anderswo in der Welt eine Ka-
       pazität  für  wissenschaftliche,  intellektuelle  und  technische
       Fortschritte entstanden  war, die  uns bald überholen würde, wenn
       sie es  nicht schon getan hat. Dies geschah in einem Land und un-
       ter einem  System, das  dem unsrigen  und der  Freiheit, die  wir
       schätzen, feindlich  gegenübersteht. Es warf die grundlegende An-
       nahme über den Haufen, auf der unsere Verteidigung seit dem zwei-
       ten Weltkrieg  ruhte, der Annahme von unserer Fähigkeit, eine we-
       sentliche wissenschaftliche und technische Vorherrschaft in unse-
       rem Lande aufrechtzuerhalten. Die Abfeuerung des ersten Sputniks,
       Herr Präsident,  trieb uns in eine augenblickliche Gegenüberstel-
       lung zur Wirklichkeit. Manche von uns erkannten, daß diese Nation
       sich seit  Jahren in  einer Art Narren-Paradies gewiegt hatte, in
       fröhlicher und  oberflächlicher Selbstzufriedenheit,  während an-
       derswo andere  mit ernsterem  Gemüt gearbeitet  haben. Es kam die
       Erkenntnis, daß  wir das  Bildungswesen ernstlich  vernachlässigt
       hatten. Es kam die Erkenntnis, daß andere gearbeitet hatten, wäh-
       rend wir  faulenzten. Die  Umwandlung war augenblicksbedingt. Die
       selbstzufriedenen und  teilnahmslosen Tendenzen  unserer  Führung
       verbreiteten sich  bald über  den übrigen Teil der Nation. Einer-
       seits bestand die Bereitschaft, sich mit der Tatsache abzufinden,
       daß unsere  wissenschaftliche Führung  entweder entschwunden oder
       im Schwinden  begriffen war;  andererseits bestand die Täuschung,
       daß der  Sputnik vielleicht nicht sehr wichtig sei - eine Spiele-
       rei nannte  ihn jemand,  glaube ich. Schließlich hatten wir immer
       noch das  Strategische Luft-Kommando  und  interkontinentale  Ge-
       schosse und  vielleicht sogar  eine Mondrakete im Bau. So kehrten
       wir an  unser Geschäft  und ans  Vergnügen zurück,  wie es üblich
       ist.
       Dann ereigneten  sich vor einigen Wochen Dinge in Latein-Amerika,
       die uns an die Unsicherheit unserer Stellung in der Welt erinner-
       ten. Dort,  in einem  Gebiet, mit dem wir einst die herzlichsten,
       freundlichsten und engsten Verbindungen hatten, in diesem Gebiet,
       das vor  allen anderen  als "sicher"  betrachtet wurde, ereignete
       sich eine symbolische Explosion, die in ihrer Wirkung auf die Na-
       tion nicht  weniger überraschend  war als  der erste Sputnik. Vor
       wenigen Jahren  war ein  früherer Vizepräsident in Latein-Amerika
       mit fast hysterischer Zustimmung begrüßt worden. Der gegenwärtige
       Vizepräsident wurde  bespuckt und  mit Steinen beworfen. Auch das
       war ein  Maßstab dafür, wie tief wir gesunken sind. Auch dies gab
       uns Anlaß  zum Nachdenken.  Was hatten wir getan? Schließlich war
       dieser Ausbruch  von Abneigung  und Zorn  gegen etwas anderes ge-
       richtet als die Person von Mr. Nixon.
       Nochmals wandten  wir für  eine kurze  Zeit unsere Aufmerksamkeit
       der ernsten  Frage zu,  was falsch  gelaufen war. Nochmals begann
       die Gemütsforschung,  und wiederum  dauerte es  nicht lange.  Wir
       fanden eine  leichte Beruhigung  in dem selbstgefälligen Glauben,
       daß nur  eine Handvoll von Lateinamerikanern an den Ausschreitun-
       gen teilgenommen  hatten und  daß sie  entweder Kommunisten  oder
       kommunistische Anhänger  waren. Erneut verbreitete sich die glei-
       che apathische  Gleichgültigkeit von  der Regierung auf das Volk.
       Wiederum wich  Lateinamerika von  den Frontseiten auf die letzten
       Seiten zurück.
       Jetzt ist  es wieder  passiert. Wir  wachen eines Morgens auf und
       finden, daß  fremde Hände  in einem Nahost-Land die Kontrolle ha-
       ben, von  dem wir glaubten, daß es das zuverlässigste sei, so zu-
       verlässig, daß  wir es  ermutigt hatten,  sich einem befreundeten
       Militärpakt anzuschließen.  Sein König,  der uns  als  guter  und
       fortschrittlicher Mensch  geschildert wurde, lebt nicht mehr. Wir
       sehen uns  neuen Herrschern im Irak gegenüber, die trotz der Hun-
       derte von  Millionen, die  wir für  Nachrichtengruppen ausgegeben
       haben, für  uns unbekannte  Größen sind.  Wir wußten kaum, ob wir
       sie an  unser Herz  drücken oder  sie der  gleichen Vergessenheit
       überantworten sollten,  der wir die chinesischen Kommunisten aus-
       geliefert haben,  in dem  naiven Glauben,  daß sie irgendwie ver-
       schwinden würden,  wenn wir  ihre Existenz  nicht anerkennen.  Am
       nächsten Morgen  finden wir, daß unsere Marinesoldaten im Libanon
       gelandet sind. Es bedurfte dieses Schocks, Herr Präsident, um un-
       sere irrende  Aufmerksamkeit erneut  auf die äußerst gefährlichen
       Zustände zu  lenken, die in der Welt herrschen, in der wir leben.
       Wie lange  wird unsere  flüchtige Wachheit  diesmal dauern,  Herr
       Präsident, bevor  sie wieder verschwindet? Es wäre vielleicht gut
       für uns,  wenn wir uns fragten, wo der nächste Schock fällig ist?
       Eines ist  sicher: Wenn  wir so weitermachen wie bisher, erwarten
       uns in  nicht allzu ferner Zukunft weitere Schocks in vielen Tei-
       len der  Welt. Wenn wir so weitermachen wie bisher - auf die Art,
       wie eine  Katze über  ein heißes Blechdach läuft - werden wir von
       einer Krise  zur anderen  taumeln, und  zwar über den ganzen Erd-
       ball, ohne daß wir unsere Füße wieder fest auf die Erde bekommen.
       Wir werden  nicht einmal  für einen weiteren Augenblick der Teil-
       nahmslosigkeit Zeit  haben, bevor  wir uns einem unsagbaren Desa-
       ster gegenübersehen.  Schlimmstenfalls wird es das Desaster eines
       Krieges sein, für dessen Verhinderung wir in den vergangenen zehn
       Jahren angeblich  alles aufgeboten  haben. Bestenfalls werden wir
       uns dem  Desaster einer Isolierung dieses Landes von vernünftigen
       und wesentlichen  Beziehungen mit  großen Teilen  der Welt gegen-
       übersehen. Wir können sehr wohl - wie das bereits in China und in
       der sowjetischen  Sphäre der  Fall ist  - in großen Teilen Asiens
       und Afrikas  sowie in  Latein-Amerika und vielleicht sogar in Eu-
       ropa persona non grata sein. Darin liegt eine Ironie, Herr Präsi-
       dent. Jahrzehntelang haben wir versucht, uns von der übrigen Welt
       abzuschließen. Wir  haben diesen Kurs verlassen, nur um jetzt zu-
       nehmend feststellen  zu müssen,  daß die übrige Welt sich von uns
       isolieren will.
       Es ist Zeit, Herr Präsident, daß wir uns selbst einige sehr tief-
       schürfende Fragen  stellen. Denken  wir für einen Augenblick dar-
       über nach.  Dieses Land  ging aus dem zweiten Weltkrieg auf einer
       unvergleichlichen Höhe  der Weltmacht  des Einflusses hervor. Der
       größte Teil  der Welt  war mit uns. Wir wurden von einem Ende der
       Erde zum anderen als die große Hoffnung der Menschheit angesehen.
       Selbst unsere  früheren Feinde  waren nach  außen hin  nicht  un-
       freundlich. In  der Tat  ebenso wie  im Wort  standen wir für den
       Frieden, für  Fortschritt und  für die internationale Führung der
       Freiheit da.  Dies war  die Woge der Zukunft, nicht der Kommunis-
       mus, und  keine Macht der Sowjetpropaganda war in der Lage, diese
       fast allgemeingültige Überzeugung zu erschüttern. Ich brauche den
       Senat kaum daran zu erinnern, daß diese Überzeugung ein Jahrzehnt
       später in großen Teilen der Welt verschwunden ist, und in manchen
       anderen ist  sie schwer erschüttert. Die erste Frage, die wir uns
       stellen müssen,  lautet: Warum  sind wir  abgerutscht? Ist es die
       sowjetische Propaganda,  die für die Änderung verantwortlich ist?
       Liegt der  Fehler in  dem diabolischen Genie der Russen, Lügen zu
       verbreiten, die geglaubt werden, oder liegt es an uns selbst?
       Eine Spruchweisheit,  die ich  vor einigen Tagen hörte, trifft in
       diesem Zusammenhang  zu. Ein Mensch kann oftmals Mißerfolg haben,
       heißt dieses Sprichwort, aber er ist solange kein wirklicher Ver-
       sager, bis  er damit  anfängt, anderen  die Schuld  zu geben. Ich
       nehme an, daß dies auch für Nationen gilt, Herr Präsident, und an
       diesem Punkt ist die Geschichte für die Regierung der Vereinigten
       Staaten schmerzhaft  kennzeichnend. Alles,  was  verkehrt  läuft,
       wird dem  Kommunismus zur  Last gelegt.  Ich vermute,  daß manche
       Schuld näher bei uns zu Hause liegt.
       Wir können  die Tatsache beklagen, daß die Russen ihre Heimarbeit
       gemacht und den Sputnik abgefeuert haben, aber wir sollten lieber
       auf unser  eigenes Versäumnis schauen, größeren Nachdruck auf un-
       seren wissenschaftlichen  Fortschritt und geistige Errungenschaf-
       ten zu  legen. Wir  können die Sowjetunion dafür beschimpfen, daß
       sie versucht,  ihre Beziehungen  zu Lateinamerika  zu  erweitern,
       oder wir  können uns selbst dafür ansehen, die vorteilhafte Inti-
       mität, deren  wir uns  einst mit  diesem Teil der Welt erfreuten,
       verloren zu haben.
       Wir können die Sowjetunion dafür kritisieren, einen Halt im Nahen
       Osten zu  suchen, oder wir können unseren eigenen Fehler untersu-
       chen, keine  Politik entwickelt zu haben, mit der wir die Zustim-
       mung der  Völker dieses  Gebiets erringen könnten. Wir können den
       großen Einfluß der Sowjetunion in China bedauern, oder wir können
       uns selbst  dafür anschauen,  alle Kontakte  mit dem chinesischen
       Volk abgeschnitten  zu haben, indem wir die Gewohnheit des Vogels
       Strauss nachahmen.  Wir können uns über die sowjetischen Anstren-
       gungen zur  Unterwühlung der Nato beschweren, oder wir können uns
       selbst fragen, warum wir den freien Völkern des Westens keine po-
       sitive Führung  gegeben haben.  Wir können  die Sowjetunion dafür
       beschimpfen, sich  der Welt  als Verteidiger  der lebenswichtigen
       Interessen des einfachen Mannes am Frieden hinzustellen, oder wir
       können uns  selbst für das Versäumnis ansehen, den Hoffnungen der
       Menschheit auf Frieden eine intelligente Führung zu geben.
       Herr Präsident!  Seit Jahren sind wir nun den leichten Weg gegan-
       gen. Wenn irgendetwas verkehrt läuft - sei es in China oder Nige-
       rien -  haben wir  immer eine  Antwort  bereit:  Die  Sowjetunion
       steckt dahinter!  Welches vollkommene Rezept für die Umgehung der
       Wirklichkeit und  - wie  ich hinzufügen möchte - welches nutzlose
       Rezept! Wenn  es einen  einzigen Faktor  gibt, der mehr als jeder
       andere die  Verlegenheit erklärt,  in der  wir uns befinden, dann
       ist es  unsere Bereitwilligkeit, die Erscheinung des sowjetischen
       Kommunismus als Deckmantel für die Fehler unserer eigenen Führung
       zu benutzen. Die Sowjetunion ist tatsächlich unsere größte Bedro-
       hung -  nicht so  sehr deswegen,  was sie getan hat, sondern weil
       sie die  Ausreden für unsere eigenen Unzulänglichkeiten abgegeben
       hat. Es wird mir erzählt, daß sogar jetzt noch die Führer der Re-
       gierung abends mit Auszügen aus der marxistischen Litanei zu Bett
       gehen, um  ihre Gegner  besser zu verstehen. Nun, Herr Präsident,
       ich habe  nichts gegen  diesen wissbegierigen  Zeitvertreib.  Ich
       meine jedoch,  daß er  nicht bis  zum Punkt der Besessenheit ver-
       folgt werden  sollte. Er  sollte nicht wie ein Heizkissen benutzt
       werden, um sich von dem kühlen Geschäft Linderung zu verschaffen,
       unsere eigene  Politik zu untersuchen, im Hinblick auf die Besei-
       tigung der Schwächen und Unzulänglichkeiten, die von den Kommuni-
       sten nur zu gern ausgebeutet werden.
       Es gab  vielleicht eine Zeit, als wir es uns leisten konnten, die
       kommunistischen Krücken zu benutzen, um uns der unangenehmen Auf-
       gabe zu entziehen, unseren eigenen Unzulänglichkeiten ins Auge zu
       sehen. Wir  hatten einen  Überschuß an  Macht und gutem Willen in
       der ganzen  Welt, der  es uns ermöglichte, den Tag der Abrechnung
       hinauszuschieben. Wir  haben diesen  Überschuß nicht  mehr. Jetzt
       müssen wir entweder uns selbst, unsere Politik und unsere Prakti-
       ken im  Ausland mit der größten Genauigkeit ansehen, oder wir se-
       hen uns  den schwersten  Konsequenzen gegenüber.  Denjenigen, die
       immer noch  in dem  Glauben Trost suchen, daß alle unsere Schwie-
       rigkeiten auf die angeblich übermenschlichen Fähigkeiten der Rus-
       sen zurückzuführen  sind, kann ich nur sagen, was das für ein Un-
       sinn ist.  Sollen wir  etwa zugeben, daß wir als Menschen weniger
       fähig, weniger  klug und  weniger talentiert als die Russen sind?
       Wenn das  der Fall ist, dann vermachen wir ihnen lieber ohne wei-
       teres Wehklagen die Welt und uns selbst dazu. Aber wenn wir ihnen
       als Menschen  ebenbürtig sind  und wenn die Ideologien, von denen
       wir zeugen,  den ihrigen überlegen sind, wann werden wir im Namen
       des Himmels  dann aufhören, uns hinter der Ausrede zu verstecken,
       daß sie  für unsere Schwierigkeiten verantwortlich sind? Ich kann
       nicht glauben, daß die Russen irgendwie fähiger als andere Völker
       sind. Ich  kann die offensichtliche Tatsache akzeptieren, daß sie
       härter auf die Weltherrschaft des Kommunismus hingearbeitet haben
       als wir  auf die Ausbreitung der Freiheit. Ich bin ferner gezwun-
       gen, die  Wahrscheinlichkeit in Betracht zu ziehen, daß ihnen die
       Unzulänglichkeiten unserer  eigenen Politik  geholfen haben,  und
       mehr noch  die Führung  dieser Politik.  Und ich darf hinzufügen,
       daß ich  glaube, ihre  Aufgabe ist  immer leichter  geworden,  je
       schlechter diese Politik geworden ist.
       Darum fordere  ich den  Senat auf, diese Scheuklappen zu beseiti-
       gen, diesen trostreichen Glauben, daß die Sowjetunion die einzige
       Quelle unserer  Schwierigkeiten ist.  Ich bitte  den Senat,  dies
       lange genug  beiseitezustellen, um  untersuchen zu können, was es
       ist, was wir selber tun, um die Stellung dieser Nation zu zerstö-
       ren, die  sie seit  dem Ende  des zweiten großen Konflikts in der
       Welt eingenommen hat. Wenn wir dies tun, haben wir vielleicht ein
       besseres Verständnis  dafür, warum  sich sogar  jetzt  die  Falle
       rasch gegen  uns schließt  und warum  wir allmählich zwischen der
       Aussicht auf  einen katastrophalen Krieg und der erzwungenen Iso-
       lierung von der übrigen Welt verstrickt werden.
       Ein wichtiger  Faktor, der  in diesen  Prozeß verwickelt ist, ist
       es, daß  wir aus  Furcht vor der Teufelei des Kommunismus uns un-
       terschiedslos in die Rolle des Verteidigers des status quo in der
       ganzen Welt  begeben haben. Sehen Sie sich das Bild dieses Landes
       durch die  Augen der  übrigen Welt  an! Hier stehen wir, eine Na-
       tion, die Jahrzehnte hindurch stolz auf ihre revolutionäre Tradi-
       tion war,  auf ihre Bereitwilligkeit zu experimentieren, die aus-
       gedienten Traditionen  eines vergangenen  Zeitalters zu verlassen
       und zu neuen Horizonten vorzudringen. Wir Amerikaner stellten uns
       unsere Zivilisation  als eine  Bewegung, nicht  als einen Zustand
       vor, als eine Reise, nicht als einen Hafen, wie ein bekannter Hi-
       storiker es ausdrückte. Aber heute schrumpft diese dynamische Na-
       tion in den Augen der Welt vor der Erscheinung der Revolution zu-
       sammen. Hier erscheint eine Nation vor der Welt als das Hindernis
       für die  Veränderung, zu einer Zeit, da die Welt sich in der Wal-
       lung eines umwälzenden Wechsels befindet.
       Ich schreibe  diese besondere Schwäche unserer Position nicht der
       gegenwärtigen Regierung  zu. Ich  vermute, daß die Wurzeln dieses
       furchtbaren Festhaltens  am status  quo zumindest bis zu der Zeit
       des Zusammenbruchs von National-China zurück geht. Es besteht die
       allgemeine Auffassung  in diesem  Land, Herr  Präsident, daß  die
       Hauptschwierigkeit unserer  Politik gegenüber  China darin liege,
       nicht genügend  militärische oder sonstige Hilfe zur rechten Zeit
       gegeben zu haben; und daß wir uns nicht genügend mit der nationa-
       listischen Regierung  verbunden haben, um sie aufrechtzuerhalten.
       Ich fürchte, daß das Gegenteil der Fall sein kann, daß wir in dem
       Drang, den  status quo in China aufrecht zu erhalten, zu viel ge-
       geben haben  und uns zu stark mit einer Regierung eingelassen ha-
       ben, die  es versäumt hat, die Forderungen ihres Volkes nach Ver-
       änderung zu erfüllen. Diese tragischen Ereignisse in China schei-
       nen ein  starres Muster festgelegt zu haben, das seitdem fast un-
       unterbrochen befolgt  worden ist. Allzu oft, wenn Völker anderswo
       versucht haben  ihre gottgegebenen Rechte gegen einen unerträgli-
       chen status quo zu behaupten, schienen wir auf der Seite derjeni-
       gen zu  sein, die sich der Behauptung dieser Rechte widersetzten.
       Allzu oft  fanden wir  uns gegen  jene eingenommen, die gegen Ty-
       rannei und  Korruption losschlagen wollten. Wir haben uns auf der
       Seite von Grundbesitzern befunden, die rücksichtslos ihre Landar-
       beiter ausbeuteten, und mit Militaristen verbündet, die ihre Völ-
       ker "auf Vordermann" hielten.
       Sehen wir  uns die traurige Bilanz der letzten zehn Jahre an! Was
       zeigt sie?  Sie zeigt,  daß unterschiedslos  Hilfe an Regierungen
       erteilt wurde,  die den  Bedürfnissen ihrer  Völker  dienen,  und
       gleicherweise an  jene, die  dies nicht tun. Sie zeigt, daß Hilfe
       eifrig und verschwenderisch an Regierungen gegeben wurde, die ih-
       ren Anti-Kommunismus  bekennen, obgleich  ihre Völker  mit  gutem
       Grund von solchen Regierungen enttäuscht sein könnten. Gleichzei-
       tig zeigt sie, daß Hilfe widerwillig - wenn überhaupt - an Regie-
       rungen gegeben  wurde, die  sich  weigerten,  anti-kommunistische
       Parolen nachzuplappern, die aber nichtsdestoweniger tiefe Wurzeln
       in ihren eigenen Völkern haben.
       Das ist  nicht alles,  Herr Präsident. Wenn es um die Frage ging,
       Geld für anti-kommunistische Propaganda durch das lärmende Infor-
       mations-Programm auszugeben,  wurden zehnfach  Millionen von Dol-
       lars willig  und ohne  viel kritisches Urteil ausgeschüttet. Aber
       wenn die  Frage darum ging, Studenten oder die besten kulturellen
       Errungenschaften zwischen den Nationen auszutauschen, dann gab es
       viel Haarspalterei über Sparsamkeit und eine kärgliche Verteilung
       von Almosen.  Für diese  besondere Politik  muß der Kongreß einen
       großen Teil der Verantwortung tragen.
       Immer seit  dem Ende  des Marshall-Plans,  wenn die  Frage  darum
       ging, dem verzweifelten Bedürfnis anderer Völker nach wirtschaft-
       lichem und sozialem Fortschritt entgegenzukommen, sind wir in un-
       serer Haltung  pfennigfuchserisch gewesen. Aber wenn die Frage um
       Hilfe für  die militärischen  Einrichtungen anderer  Länder ging,
       hat die  Hand tief  und ohne  Zögern in die Tasche des amerikani-
       schen Volkes  gegriffen. Wir haben die Völker der unterentwickel-
       ten Länder  in großartigem  Umfang mit  den Zerstörungswaffen des
       Krieges ausgestattet,  und sind  geizig gewesen, ihnen die Waffen
       zum Kampf  gegen ihre  eigene Armut, wirtschaftliche Übel und in-
       nere Schwächen  zur Verfügung  zu stellen.  Militärhilfe wurde im
       verschwenderischsten Umfang gewährt. Sehen Sie sich an, was jetzt
       im Irak geschehen ist! Die irakische Armee, die Empfängerin unse-
       rer Waffen war, hat die Regierung hinausgeworfen, die wir als die
       freundlichste und  zuverlässigste der arabischen Staaten in ihrer
       Anhänglichkeit an  den Westen  ansahen. Es  ist gar  nicht ausge-
       schlossen, daß  die Waffe, mit welcher der unglückliche junge Kö-
       nig ermordet wurde, mit den besten Absichten, aber mit der äußer-
       sten Kurzsichtigkeit  unter dem  militärischen Hilfsprogramm  zur
       Verfügung gestellt worden ist.
       Wie viele ähnliche Verschwörungen werden in anderen Armeen ausge-
       heckt, denen  wir helfen, Herr Präsident? Es gibt Milliardenwerte
       an Waffen und militärischen Ausrüstungen, die in der Welt als Er-
       gebnis dieser Hilfe herumschwimmen. Bevor diese Ausrüstung verro-
       stet ist,  bevor diese  Vorräte erschöpft  sind, fürchte ich, daß
       uns noch  viele andere unangenehme Überraschungen nach dem Muster
       von Irak  bevorstehen, von  einem Ende des Globus zum anderen. Es
       ist auch  nicht das  erste Mal, daß diese plötzliche und unerwar-
       tete Verwendung  militärischer Hilfe  im Irak passierte. Wie viel
       von der Ausrüstung, die der Nationalistischen Regierung von China
       geliefert wurde,  ist später  von den Kommunisten benutzt worden,
       um Amerikaner  in Korea zu töten? Werden wir niemals lernen, Herr
       Präsident? Wie viele weitere Amerikaner müssen durch unsere eige-
       nen törichten  Waffengeschenke an  wankende  Regierungen  getötet
       werden, bevor wir lernen?
       Herr Präsident,  ich weiß,  daß diese  Regierung nicht allein für
       die Ecke verantwortlich ist, in die wir in unseren Beziehungen zu
       anderen Nationen unausweichlich getrieben werden. Während die Au-
       ßenpolitik in diesem Lande grundsätzlich eine Funktion des Exeku-
       tivzweiges der  Regierung ist,  hat auch der Kongreß einen Anteil
       an der Verantwortung.
       Während wir  Fragen darüber  stellen, wie die Vereinigten Staaten
       in ihre Weltverlegenheit gerieten, in der wir uns jetzt befinden,
       ziemt es  uns im Kongreß, Herr Präsident, einen Blick auf unseren
       eigenen Anteil  an diesem  Prozeß zu  werfen. Es ist milde ausge-
       drückt, wenn man sagt, daß der Kongreß in seinen außenpolitischen
       Maßnahmen nicht  immer klug gewesen ist. Dies gilt besonders hin-
       sichtlich der Geldzuweisungen. Wir sind, glaube ich, zu großzügig
       bezüglich der  Militärhilfe und  zu knauserig  hinsichtlich wirt-
       schaftlichen und  kulturellen Angelegenheiten  gewesen. Dies  ist
       ein Spiegelbild  zunächst von der kärglichen Einstellung, die der
       Kongreß häufig  hinsichtlich  Geldangelegenheiten  einnimmt;  und
       zweitens von dem Mangel an starker politischer Führung in der Re-
       gierung. Ich glaube nicht, daß mit dem ersten Faktor viel gesche-
       hen kann.  Es ist  ein natürliches Ergebnis der Tatsache, daß ein
       Zweig des  Kongresses alle zwei Jahre lokalen Wählerschaften Rede
       und Antwort  stehen muß,  die von auswärtigen Kontakten weit ent-
       fernt sind.  Aber die  Wirkung könnte durch starke, kluge politi-
       sche Führung  vom Weißen  Haus überwunden werden, die in der Lage
       ist-wenn sie den Willen und das Wissen dazu hat - eine besser in-
       formierte öffentliche  Meinung  zu  schaffen,  ihren  politischen
       Freunden zu helfen und ihren politischen Gegnern zu schaden.
       Es ist  leicht, Herr  Präsident, eine  starke,  weitsichtige  und
       kluge Exekutive  als Heilmittel für unser Leiden zu verschreiben.
       Dieses Rezept  zu erfüllen,  ist eine andere Sache. Es gibt keine
       Drogerie an  der Ecke,  zu der  man dieses Rezept hintragen kann!
       Und ich  könnte hinzufügen,  daß -  wenn das  Rezept  für  unsere
       Schwierigkeiten irgendwelche wesentlichen Änderungen im traditio-
       nellen verfassungsmäßigen Kongreß-System enthält - der Patient es
       nicht schlucken wird.
       Ich weiß nicht, Herr Präsident, wohin wir unter der gegenwärtigen
       Führung dieses  Landes gehen,  die -  wenn sie  nicht schwach und
       planlos ist - dazu neigt, hitzig und willkürlich zu sein. Ich be-
       zweifle, ob die Führung selbst es weiß. Ich weiß aber, daß - wenn
       es keine drastische, durchgreifende Revision unserer Außenpolitik
       und in der Ausführung dieser Außenpolitik gibt - wir weit ernste-
       ren Schwierigkeiten  entgegen gehen  als diejenigen, in denen wir
       uns jetzt  befinden. Offen  gesagt, ich sehe nirgends am Horizont
       den Willen,  das Verständnis,  die Initiative oder die Phantasie,
       um die Revision herbeizuführen, die so dringend benötigt wird, um
       den Trieb zum Desaster anzuhalten. Ich sehe diese Charakteristika
       nicht; und  doch sind  sie wesentlich  für eine friedliche Lösung
       der Situation  im Nahen  Osten. Sie  sind wesentlich für die Auf-
       rechterhaltung des  engen Bündnisses  zwischen den westlichen Na-
       tionen. Sie  sind wesentlich  für die  Wiederherstellung gesunder
       nachbarlicher Beziehungen, deren wir uns einst mit Latein-Amerika
       erfreuten. Sie  sind wesentlich für die Stabilität und das Wachs-
       tum freundschaftlicher  Beziehungen zu  den Nationen  Asiens  und
       Afrikas und  zu einer  Lösung der  komplexen Probleme  des Fernen
       Ostens.
       Wenn wir diese Probleme lösen sollen, Herr Präsident, dann müssen
       wir aufhören,  darüber in den Begriffen einer stereotypen Weltan-
       schauung zu  denken. Wir  müssen die  abgedroschenen  Redensarten
       verlassen und  alle unsere  Annahmen neu überlegen. Eine der zen-
       tralen Fragen, die wir uns stellen müssen, ist, wie wünschen wir,
       daß die  Welt in 5, 10 oder 25 Jahren von heute aussieht? Und bei
       der Beantwortung  dieser Frage müssen wir hartköpfig zwischen dem
       unterscheiden, was  wirklich lebenswichtige  nationale Interessen
       sind und was schön wäre, wenn wir es haben könnten.
       Was ist zum Beispiel wirklich unsere Politik im Nahen Osten? Kön-
       nen wir  mit der  arabischen Einheit  leben oder  können  wir  es
       nicht? In  diesem Zusammenhang  sollten wir  zu  unserer  eigenen
       Überzeugung die  wirkliche Beziehung  zwischen dem  Pan-Arabismus
       und dem  Kommunismus feststellen. Die Annahme, die von der Regie-
       rung aufgestellt  wurde, daß  Nasser nur  ein Werkzeug  des Kreml
       ist, sollte auf ihre Gültigkeit überprüft werden.
       Wäre es  nicht klug für uns, den Vorschlag zu erneuern, der zeit-
       weilig bei  mehreren Gelegenheiten vorgebracht wurde, eine regio-
       nale Entwicklungs-Behörde  zu schaffen,  die hauptsächlich  unter
       der Leitung  arabischer Führer steht und zumindest einen Teil ih-
       rer Gelder von regionalen Quellen bezieht, zum Beispiel durch die
       Förderung oder den Transport von Erdöl?
       Sollten wir  nicht einer  Politik der Neutralisierung des Gebiets
       sorgfältige und  gründliche Erwägung  schenken, mit Garantien von
       allen interessierten  Parteien? Und  als Folge  davon,  würde  es
       nicht klug  sein, die Verschiffung von Waffen in dieses Gebiet zu
       verbieten?
       Die Regierung  könnte sehr wohl die Gültigkeit der Konzeption des
       Bagdad-Pakts und  der Eisenhower-Doktrin  überprüfen. Wenn  diese
       Vorschläge so  wertlos sind,  wie ich  sie halte,  ist es höchste
       Zeit, daß  sie revidiert  und  verlassen  werden.  Ein  frischer,
       neuer, unbefangener  Blick sollte  auf die  verfehlte Politik ge-
       richtet werden,  der wir  gefolgt sind und die uns in unseren ge-
       genwärtigen Engpaß geführt hat.
       Wo gehen wir im Nahen Osten hin? Dieses große Gebiet ist vorüber-
       gehend ruhig,  aber auf keinen Fall friedlich. Was ist unsere Po-
       litik? Wir  können nicht  600 Millionen Menschen auf dem Festland
       von China für immer ignorieren, aber was tun wir, um es zu ermög-
       lichen, mit ihnen zu den bestmöglichen Bedingungen zu handeln?
       Wenn irgend  jemand in  der Regierung  diesen und  vielen anderen
       ähnlichen Fragen,  die ich  nennen könnte, ernste, phantasievolle
       und unbefangene Gedanken auf einer vollberuflichen Grundlage wid-
       met, dann  habe ich  es bisher  nicht entdecken  können. Und doch
       gibt es  fähige Leute  im Privatleben  im ganzen  Lande, die über
       diese Fragen nachdenken und - wie ich hoffe - damit beginnen, ei-
       nige Antworten zu formulieren.
       Ich wünschte, die Regierung würde von diesen Leuten mehr Gebrauch
       machen. Auf jeden Fall hoffe ich, daß der Senat Vorteile aus die-
       ser besonderen Befähigung ziehen kann.
       Das ist  ein Grund,  Herr Präsident, warum ich der bevorstehenden
       Studie der  Außenpolitik durch  das Komitee für Auswärtige Bezie-
       hungen so viel Wichtigkeit beimesse. Ich weigere mich zu glauben,
       daß das amerikanische Volk jede Fertigkeit zu schöpferischem, ur-
       sprünglichem Denken verloren hat.
       Ich gebe  nicht vor,  daß es  Antworten für  alle unsere Probleme
       gibt Manche  Schwierigkeiten in menschlichen Angelegenheiten sind
       unlösbar. Wenn  sich dies  für unsere  gegenwärtige Situation er-
       weist, dann  sollten wir lieber nach Mitteln und Wegen suchen, um
       uns mit dieser Tatsache abzufinden.
       Aber laßt  uns, Herr Präsident, zumindest versuchen, zusammenhän-
       gende, realistische  und wohldurchdachte  Ziele zu entwickeln und
       eine durchführbare Politik, um sie zu erreichen."
       

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