Quelle: Blätter 1958 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DER WISSENSCHAFTLER DER DRITTEN PUGWASH-KONFERENZ
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       IN KITZBÜHEL
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       I. Die Notwendigkeit, keine Kriege mehr zu führen
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       Unsere Zusammenkünfte  in Kitzbühel  und in  Wien fallen  in eine
       Zeitepoche, in  der es bereits ganz augenscheinlich geworden ist,
       daß die  Entwicklung der  Kernwaffen der Menschheit das Mittel in
       die Hand gegeben hat, die Zivilisation und sich selbst zu zerstö-
       ren, und  daß die Vernichtungsmittel noch immer wirksamer gemacht
       werden. Die  Teilnehmer unserer Zusammenkünfte haben die Entwick-
       lung seit Jahren mit Sorgen verfolgt und sie stimmen darin völlig
       überein, daß ein totaler Atomkrieg eine weltweite Katastrophe von
       noch nie  dagewesenen Ausmaßen  bedeuten würde. Wenn auch ein in-
       ternationales Übereinkommen  über die Ausschaltung von Kernwaffen
       und anderer  Massenvernichtungsmittel aus  den Arsenalen der Welt
       zustande käme,  dürfte doch  nicht übersehen werden, daß das Wis-
       sen, wie  man solche  Waffen erzeugt,  nicht mehr  verloren gehen
       kann. Diese  Waffen werden  für alle  Zukunft eine  Bedrohung der
       Menschheit darstellen, denn in einem künftigen großen Krieg würde
       jeder der  kriegführenden Staaten sich nicht nur berechtigt, son-
       dern sogar  verpflichtet fühlen,  sogleich mit der Produktion von
       Kernwaffen zu  beginnen, weil  sich keiner darauf verlassen wird,
       daß nicht  der andere  seinerseits dasselbe tut. Ein industriali-
       sierter Großstaat  würde dazu  weniger als ein Jahr benötigen, um
       wieder Atomwaffen  anzusammeln. Dann  würden die im Frieden abge-
       schlossenen Verträge, sie nicht einzusetzen, nur noch das einzige
       Hemmnis gegen ihre Verwendung sein. Aber infolge der entscheiden-
       den Wirkung  von Atomwaffen  würde die Versuchung, den Vertrag zu
       brechen, unwiderstehlich  werden, besonders  für den verlierenden
       Teil. Es  scheint daher,  daß in jedem größeren zukünftigen Krieg
       Atomwaffen benützt  werden und  zu all  den schweren Konsequenzen
       führen, die später hier beschrieben werden.
       Es wird  manchmal davon  geredet, daß lokalisierte Kriege mit be-
       schränkten Kriegszielen  noch immer ohne katastrophale Konsequen-
       zen geführt  werden könnten.  Die Geschichte  lehrt aber, daß das
       Risiko der  Ausweitung lokaler  Konflikte auf  größere Kriege  zu
       groß ist,  um im  Zeitalter der  Masservernichtungsmittel in Kauf
       genommen zu  werden. Darum  muß die  Menschheit sich  die Aufgabe
       stellen,  alle   Kriege  überhaupt,  einschließlich  der  lokalen
       Kriege, auszuschalten.
       
       II. Die Voraussetzungen für die Beendigung des Rüstungswettlaufs
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       Der Rüstungswettlauf  ist das Ergebnis des gegenseitigen Mißtrau-
       ens zwischen den Staaten, und er trägt seinerseits noch zur Stei-
       gerung des  Mißtrauens bei.  Jeder Schritt, der den Rüstungswett-
       lauf verlangsamt  und auf  einer vernünftigen  Basis und  mit den
       notwendigen Kontrollmaßnahmen auch nur zu kleineren Einschränkun-
       gen der  Rüstungen und der Streitkräfte führt, ist wünschenswert.
       Wir begrüßen daher alle Schritte in dieser Richtung und besonders
       die kürzlich  zwischen Delegierten  aus Ost  und West in Genf er-
       zielte Übereinstimmung  hinsichtlich der  Möglichkeit,  zu  regi-
       strieren. Wir  als Wissenschaftler sind besonders darüber befrie-
       digt, daß  dieses einstimmig  erzielte Übereinkommen  - das erste
       nach einer  langen Serie  erfolgloser  Abrüstungsverhandlungen  -
       durch das  gegenseitige Verständnis  und die gemeinsame sachliche
       Behandlung des  Problems durch  Wissenschaftler aus verschiedenen
       Ländern erzielt  worden ist.  Wir stellen  mit Befriedigung fest,
       daß die  Regierungen der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und
       Großbritanniens die  Ergebnisse und  Schlüsse des  Berichtes  der
       technischen Experten  gebilligt haben.  Dies ist  ein bedeutender
       Erfolg, und  wir hoffen  ernstlich, daß  diese Billigung zu einem
       internationalen Übereinkommen betr. Einstellung aller Kernwaffen-
       versuche und  zu einem  wirksamen Kontrollsystem führen wird. Das
       würde ein  erster Schritt  zur Verminderung  der  internationalen
       Spannungen und zur Beendigung des Rüstungswettlaufes sein.
       Man ist  sich allgemein darüber einig, daß ein Übereinkommen über
       Abrüstung, besonders  über atomare  Abrüstung, durch Kontrollmaß-
       nahmen ergänzt  werden muß, um beiden Vertragspartnern die Gewähr
       zu geben,  daß das  Übereinkommen nicht  von dem Partner verletzt
       wird. Auf  Grund ihrer  Sachkenntnis ist  es den Wissenschaftlern
       durchaus klar, daß wirksame Kontrolle in einzelnen Fällen relativ
       leicht, in  anderen dagegen  sehr schwer  sein wird. So sind sich
       z.B. die  Experten in  Genf darüber  einig geworden, daß die Ein-
       stellung der Atombombenversuche durch ein geeignetes Netz von Be-
       obachtungsstationen kontrolliert  werden könnte.  Auf der anderen
       Seite ist  es dagegen  ein überaus  schwieriges, vielleicht sogar
       unlösbares technisches Problem, die Vernichtung aller existieren-
       den Vorräte  von Kernwaffen und anderen Massenvernichtungsmitteln
       zu kontrollieren Ein Übereinkommen, die Produktion von Atomwaffen
       einzustellen, ist  ein Problem,  dessen Schwierigkeit etwa in der
       Mitte zwischen dem der beiden extremen Beispiele liegt.
       Wir sind uns darüber im klaren, daß die Anhäufung großer Arsenale
       von Atomwaffen ein völlig verläßliches System der Kontrolle einer
       weitgehenden nuklearen  Abrüstung sehr  schwer, vielleicht unmög-
       lich macht.  Wenn eine solche Abrüstung überhaupt zustande kommen
       soll, müssen  sich die  Nationen -  abgesehen von der technischen
       Kontrolle -  auf eine  Kombination von politischen Vereinbarungen
       wirksamer internationaler  Sicherheitsabmachungen und  auf Erfah-
       rungen über  erfolgreiche Zusammenarbeit auf verschiedenen Gebie-
       ten verlassen  können. All  dies kann ein Klima des gegenseitigen
       Vertrauens schaffen,  das bisher noch nicht existiert und die Ge-
       währ dafür  gibt, daß die Nationen die beiderseitigen politischen
       Vorteile einsehen, die in der Vermeidung des Mißtrauens liegen.
       In Anbetracht  der Schwierigkeiten der technischen Situation füh-
       len sich  die Wissenschaftler verpflichtet, ihren Landsleuten und
       ihren Regierungen  die Notwendigkeit  einer Politik  vor Augen zu
       führen, die  das gegenseitige internationale Vertrauen stärkt und
       die gegenseitige  Angst voreinander  verringert,  Vertrauen  kann
       nicht durch  Beteuerungen des  guten Willens  allein  hergestellt
       werden, es  braucht einen langen Prozeß von politischem Ausgleich
       und aktiver Zusammenarbeit.
       
       III. Was ein Krieg bedeuten würde
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       Die im folgenden dargelegten Schlußfolgerungen über mögliche Kon-
       sequenzen eines Krieges basieren auf den unserer Konferenz vorge-
       legten Berichten. Aus diesen Dokumenten geht folgendes hervor:
       Wenn in  einem künftigen  Krieg ein  erheblicher Teil der bereits
       fertiggestellten  Atombomben   auf  städtische  Ziele  abgeworfen
       würde, so  könnten die meisten Zivilisationszentren in den krieg-
       führenden Staaten  zerstört und der größte Teil ihrer Bevölkerung
       getötet werden. Diese Folgerungen gelten gleicherweise, ob Bomben
       benutzt werden,  die ihre  Sprengkraft entweder hauptsächlich der
       Kernfusion (sogenannte  "saubere"  Bomben)  oder  vorwiegend  der
       Kernspaltung (sogenannte  "unsaubere" Bomben)  verdanken,  Solche
       Bomben würden - abgesehen von der Zerstörung der Hauptzentren der
       Bevölkerung und  der Industrie - auch noch die Wirtschaft des an-
       gegriffenen Landes  durch Zerstörung lebenswichtiger Verkehrsmit-
       tel und Verteilungseinrichtungen völlig ruinieren.
       Die Großstaaten  haben jetzt  schon enorme Lager von "unsauberen"
       Bomben angehäuft  und setzen  diese Aufrüstung  anscheinend  noch
       weiter fort.  Vom rein  militärischen Standpunkt  aus  haben  die
       "unsauberen" Bomben  gewisse Vorteile  in bestimmten Situationen,
       und diese  Vorteile machen  ihre Anwendung in einem totalen Krieg
       sehr wahrscheinlich.  Der aus der weitgehenden Verwendung solcher
       "unsauberen" Bomben  hervorgehende lokale  Niederschlag würde den
       Tod eines  großen Teils  der Bevölkerung des angegriffenen Landes
       zur Folge  haben. Eine  größere Anzahl von Bomben, von denen jede
       die gleiche  Zerstörungskraft wie Millionen Tonnen des konventio-
       nellen Sprengstoffes Trinitrotoluol hätte, würde bei ihrer Explo-
       sion radioaktive  Niederschläge erzeugen,  die nicht nur über dem
       angegriffenen Feindgebiet,  sondern in  verschiedener Stärke über
       die ganze  Erde verteilt  würden. Das  würde als Folge der akuten
       Wirkung der  Strahlung viele  Millionen Tote  bedeuten, und  zwar
       nicht nur  in dem  angegriffenen Feindgebiet, sondern auch in den
       nicht kriegführenden Ländern.
       Zu dieser  unmittelbaren Vernichtung  von Menschen kämen noch die
       sehr bedeutenden Spätfolgen von Strahlungsschäden in menschlichen
       und anderen  organischen Lebewesen  auf der ganzen Welt. Das sind
       einerseits die somatischen Effekte wie Leukämie, Knochenkrebs und
       vorzeitige Alterung  der Menschen,  andererseits die  genetischen
       Effekte, die  sich in  einer Schädigung  der Nachkommenschaft äu-
       ßern.
       Der gegenwärtige  Stand unseres  Wissens von  der Vererbungslehre
       versetzt uns zwar noch nicht in die Lage, ganz genaue Vorhersagen
       über die Folgen zu machen, die sich aus einer erheblichen Vermeh-
       rung der  Mutationen in  einem Atomkrieg ergeben würden. Aber die
       Vererbungstheoretiker glauben  wohl mit Recht, daß diese Mutatio-
       nen für  die Zukunft  des überlebenden  Teils der Menschheit sehr
       verhängnisvoll wären.
       Man hat  vorgeschlagen, die Anwendung nuklearer Waffen auf solche
       Objekte zu  beschränken wie  militärische Stützpunkte, Truppenan-
       sammlungen, Flughäfen  und andere  Verkehrszentren, daß  Angriffe
       auf größere  Bevölkerungszentren auf diese Weise vermieden werden
       könnten. Aber  selbst die  kleinsten sogenannten taktischen Atom-
       waffen haben  einen großen  Wirkungsbereich, und Städte sind mei-
       stens gleichzeitig  auch Versorgungs-  und  Verkehrszentren.  Wir
       glauben daher,  daß ein  Krieg trotz Einschränkung der Bombardie-
       rungsziele eine  weitgehende Verwüstung des Landes, in dem er ge-
       führt wird,  und eine  weitgehende Vernichtung seiner Bevölkerung
       zur Folge  hätte. Außerdem  würde ein  Abkommen, Städte  aus  den
       Kriegshandlungen herauszuhalten  und sie  nicht für  militärische
       Zwecke zu  verwenden, besonders  von der verlierenden Seite nicht
       eingehalten werden.  Der Verlierer würde außerdem leicht der Ver-
       suchung unterliegen,  Atombomben  gegen  Bevölkerungszentren  des
       Gegners einzusetzen, um im letzten Moment den Willen zur Fortset-
       zung des Krieges zu brechen.
       
       IV. Strahlungsschäden durch die Bombenversuche
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       Nach unserer  ersten Konferenz  waren wir  uns darüber einig, daß
       die von den Bombenversuchen verursachten biologischen Schäden re-
       lativ klein  sein mögen  gegenüber den  Strahlungsschäden aus den
       natürlichen Quellen, daß aber dennoch Schädigungen als Folgen der
       Bombenversuche auftreten  und genau studiert werden müssen. Seit-
       dem wurden  ausgedehnte Untersuchungen vom wissenschaftlichen Ko-
       mitee der Vereinten Nationen über die Effekte radioaktiver Strah-
       lungen angestellt  und die  authentischen Ergebnisse  publiziert.
       Auch in  diesem Fall  sind Wissenschaftler aus verschiedenen Län-
       dern zu  einem übereinstimmenden  Ergebnis gekommen, nämlich, daß
       die Bombenversuche  tatsächlich ein  bestimmtes Ausmaß an Schäden
       mit sich bringen und eine erhebliche Anzahl von Opfern in unserer
       Generation und  in den folgenden fordern werden. Während das Aus-
       maß der  genetischen Schäden  noch immer klein zu sein scheint im
       Vergleich zu  den aus  natürlichen Ursachen  stammenden, kann das
       Auftreten von  Leukämie und Knochenkrebs als Folge der Radioakti-
       vität aus  den Versuchsexplosionen gemäß Schätzungen des Komitees
       der Vereinten  Nationen einen erheblichen Prozentsatz der von den
       natürlichen Ursachen  stammenden Fälle ausmachen. Diese Folgerung
       basiert auf der nicht von allen Fachleuten geteilten Annahme, daß
       solche Effekte selbst durch die Schwächste Strahlung erzeugt wer-
       den können.  Aus dieser  Ungewißheit ergibt sich, daß das Problem
       genau studiert  werden muß  und daß  man in der Zwischenzeit vor-
       sichtshalber von  sehr unsicheren pessimistischen Voraussetzungen
       ausgehen muß.  Es ergibt sich die allgemein gebilligte Folgerung,
       daß alle überflüssigen Strahlungen vermieden werden sollten.
       Es ist  selbstverständlich, daß die biologischen Schäden in einem
       Krieg, in  dem viele Kernwaffen verwendet werden, unvergleichlich
       größer wären  als jene, die durch die Versuchsexplosionen entste-
       hen, und  daher das Hauptproblem unserer Zeit die Herstellung von
       Voraussetzungen ist, die Kriege überhaupt ausschalten.
       
       V. Naturwissenschaft und internationale Zusammenarbeit
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       Wir glauben,  daß wir  als Wissenschaftler einen erheblichen Bei-
       trag zur  Herstellung von  internationalem Vertrauen  und  Zusam-
       menarbeit leisten können. Naturwissenschaft ist schon traditions-
       gemäß ein  internationales Unternehmen,  und Wissenschaftler ver-
       schiedener Nationen  finden leicht eine gemeinsame Basis des Ver-
       ständnisses: sie  benützen dieselben Begriffe und gleichen Metho-
       den und haben trotz der Unterschiede ihrer philosophischen, wirt-
       schaftlichen und  politischen Ansichten  keine Schwierigkeit, auf
       gemeinsame Ziele hinzuarbeiten. Bei der rapid anwachsenden Bedeu-
       tung der Naturwissenschaft in allen menschlichen Belangen gewinnt
       dieses Gebiet gegenseitigen Verständnisses wachsende Bedeutung.
       Die Fähigkeit  der Wissenschaftler  der ganzen  Welt, einander zu
       verstehen und miteinander zu arbeiten, liefert ein Mittel, um die
       Kluft zwischen den Nationen zu überbrücken und sie zu gemeinsamer
       Zielsetzung zu vereinigen. Wir glauben, daß internationale Zusam-
       menarbeit in  Bereichen, in  denen sie  auf internationaler Basis
       möglich ist, ein wichtiges Mittel wäre, ein Gefühl der Gemeinsam-
       keit der Nationen zu erzeugen. Es kann zur Entwicklung jenes Kli-
       mas von gegenseitigem Vertrauen beitragen, das wir zur Lösung der
       politischen Konflikte  zwischen den  Nationen als notwendig anse-
       hen. Ein  solches Klima  würde auch  eine wirksame  Abrüstung er-
       leichtern. Wir  hoffen, daß  die Wissenschaftler  der ganzen Welt
       ihre Verantwortlichkeit  gegenüber der Menschheit und ihrer eige-
       nen Nation  darin sehen,  Zeit, Energie und Denkarbeit der Förde-
       rung internationaler Zusammenarbeit zu widmen.
       Verschiedene wissenschaftliche Unternehmungen auf internationaler
       Basis waren  bereits erfolgreich.  Es seien nur der schon hundert
       Jahre alte  Weltwetterdienst erwähnt,  ferner die beiden interna-
       tionalen Polarjahre,  die vor 75 bzw. 25 Jahren dem internationa-
       len geophysikalischen  Jahr vorausgingen,  und sodann  die beiden
       Genfer Atomkonferenzen "Atome für den Frieden". Wir hoffen ernst-
       lich, daß  eine ähnliche  Zusammenarbeit auch auf anderen wissen-
       schaftlichen Gebieten  zustande kommen  wird. Man  kann mit einem
       begeisterten Widerhall  solcher Unternehmungen in der ganzen Welt
       rechnen.
       Wir befürworten  weiter einen  unbeschränkten  Austausch  wissen-
       schaftlicher Informationen zwischen den Völkern und einen weitge-
       henden Gelehrten-Austausch.  Wir glauben,  daß Nationen, die ihre
       nationale Sicherheit  auf  der  Geheimhaltung  wissenschaftlicher
       Entwicklungen aufbauen,  das Interesse  des Friedens und des wis-
       senschaftlichen Fortschritts  für die Erlangung nur vorübergehen-
       der Vorteile opfern.
       Wir glauben, daß die Wissenschaft der Menschheit am besten dient,
       wenn sie  sich von  aller Beeinflussung durch irgendwelche Dogmen
       freihält und sich das Recht vorbehält, alle Thesen einschließlich
       ihrer eigenen anzuzweifeln.
       
       VI. Die Technik im Dienste des Friedens
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       Reine und  angewandte Naturwissenschaft werden in steigendem Maße
       voneinander abhängig.  Die Errungenschaften  experimenteller  und
       theoretischer Grundlagenforschung  geben immer  rascher zu  neuen
       technischen Entwicklungen  Anlaß.  Dieser  Beschleunigungsvorgang
       macht sich  sowohl in der Erzeugung von Waffen mit immer größerer
       Zerstörungskraft geltend  wie auch in der Entwicklung von Mitteln
       für erhöhten Wohlstand und Wohlfahrt der Menschheit. Wir glauben,
       daß die Tradition von gegenseitiger Verständigung und internatio-
       naler Zusammenarbeit,  die schon lange in der Grundlagenforschung
       existierte, auf  viele Gebiete der Technik ausgedehnt werden kann
       und soll.  Die internationale  Atomenergie-Organisation zum  Bei-
       spiel bezweckt  nicht nur Zusammenarbeit zur Erforschung von Tat-
       sachen der  Kernphysik, sondern  will auch  den Völkern  der Welt
       dazu verhelfen,  eine neue Energiequelle zur Verbesserung des ma-
       teriellen Wohlstandes  zu erschließen.  Wir glauben, daß interna-
       tionale Zusammenarbeit  auf diesem und auf anderen Gebieten - wie
       etwa im  Hinblick auf  wirtschaftlichen Fortschritt  und  Gesund-
       heitsdienst - intensiviert werden sollte.
       Der außerordentlich niedrige Lebensstandard in industriell unter-
       entwickelten Ländern der Welt ist und bleibt eine Quelle interna-
       tionaler Spannungen.  Es besteht das dringende Bedürfnis, Studien
       und Programme  für die wirksame Industrialisierung für diese Län-
       der voranzutreiben.  Das würde  nicht nur  den Lebensstandard der
       Mehrheit der Weltbevölkerung heben, sondern auch dazu dienen, die
       Konfliktmöglichkeiten zwischen den hochindustrialisierten Mächten
       herabzusetzen. Solche Studien würden ein fruchtbares Feld für ge-
       meinsame Arbeit zwischen Wissenschaftlern aller Länder eröffnen.
       Der wachsende Fortschritt in der leichten und schnellen Übermitt-
       lung von Mitteilungen und unser wachsendes Verständnis dafür, wie
       Naturkräfte die  Lebensverhältnisse der  Völker in  verschiedenen
       Teilen der Welt beeinflussen, zeigen uns in einer noch nie erleb-
       ten Weise,  wie sehr die Wohlfahrt jeder einzelnen Nation mit der
       der ganzen  Menschheit zusammenhängt und von ihr abhängig ist und
       wie rasch  sie durch  gemeinsame internationale Anstrengungen er-
       höht werden  könnte. Wir glauben, daß durch solche Bemühungen die
       Koexistenz zwischen  Nationen verschiedener sozialer und ökonomi-
       scher Struktur nicht nur im Zeichen friedlichen Wettstreits, son-
       dern überhaupt  in dem der Zusammenarbeit stehen und dadurch sta-
       biler werden könnte.
       Die Wissenschaftler  erkennen deutlich  die große Veränderung der
       Lebensbedingungen der  Menschen durch  Entwicklung und  Anwendung
       der modernen  Technik. Bleibt  der  Friede  erhalten,  steht  die
       Menschheit an  der Schwelle  eines großen naturwissenschaftlichen
       Zeitalters. Die  Naturwissenschaft kann  der Menschheit ein wach-
       sendes Verständnis  der Naturkräfte  vermitteln und auch die Wege
       bereiten, diese Kräfte zu bändigen, was eine gewaltige Steigerung
       von Wohlfahrt,  Gesundheit und Wohlstand aller Menschen zur Folge
       haben würde
       
       VII. Die Verantwortung der Wissenschaft
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       Es ist die Pflicht der Wissenschaftler aus aller Welt, zur Erzie-
       hung und  Bildung der Menschen dadurch beizutragen, daß sie ihnen
       ein Verständnis  für die  Gefahren und  Möglichkeiten vermitteln,
       die aus  der beispiellosen  Ausdehnung der  Naturwissenschaft er-
       wachsen. Wir  appellieren an  unsere Kollegen  in allen  Ländern,
       diese Bemühungen  sowohl bei  der Erwachsenenbildung  als auch im
       Schulunterricht zu  unterstützen. Insbesondere  sollte die Erzie-
       hung darauf  gerichtet sein,  alle Formen der menschlichen Bezie-
       hungen zu  vertiefen und  vor allem jede Glorifizierung von Krieg
       und Gewalt auszuschalten.
       Auf Grund  ihrer Sachkenntnis  sind die  Wissenschaftler  in  der
       Lage, die Gefahren und auch die Verheißungen, die sich aus natur-
       wissenschaftlichen Entwicklungen ergeben, frühzeitig zu erkennen.
       Sie haben  dafür eine besondere Kompetenz und tragen andererseits
       auch eine  besondere Verantwortung  hinsichtlich des dringendsten
       Problems unserer  Zeit Unter  den herrschenden  Verhältnissen des
       nationalen Mißtrauens  und des  daraus entstehenden Rüstungswett-
       laufs sind  alle Zweige  der Naturwissenschaft  - Physik, Chemie,
       Biologie und  Psychologie - immer stärker in militärische Angele-
       genheiten verwickelt  worden. In  den Augen  der Menschen  vieler
       Länder ist der Name Naturwissenschaft bereits gleichbedeutend mit
       dem der  Waffentechnik geworden.  Die Naturwissenschaftler werden
       entweder wegen ihres Beitrages zur nationalen Verteidigung bewun-
       dert oder aber verdammt, weil sie die Menschheit durch die Erfin-
       dung der Massenvernichtungsmittel in eine kritische Lage gebracht
       haben. Die  anwachsende materielle Unterstützung der Naturwissen-
       schaft in  vielen Ländern  ist hauptsächlich eine Folge ihrer di-
       rekten oder indirekten Bedeutung für die militärische Schlagkraft
       des Landes  und ihres Beitrages zum Erfolg des Rüstungswettlaufs.
       Das lenkt die Naturwissenschaft aber von ihrem eigentlichen Zweck
       ab, der  darin besteht,  das menschliche  Wissen zu vermehren und
       bei der Bändigung der Naturkräfte zum Wohle aller zu helfen.
       Wir bedauern die Umstände, die zu dieser Situation geführt haben,
       und appellieren  an alle  Menschen und ihre Regierungen, die Vor-
       aussetzungen für  einen dauernden  und stabilen Frieden zu schaf-
       fen.
       
       Diese Erklärung wurde einmütig von den 70 Wissenschaftlern, deren
       Namen  hier  folgen,  angenommen:  Australien:  M.L.E.  Oliphant;
       Österreich H.  Thirring; Bulgarien: G. Nadjakov; Kanada: B. Chis-
       holm, Sir  Watson-Watt; Tschechoslowakei:  V. Knapp, J. Kozesnik;
       Dänemark: M.  Pihl; Deutschland:  M. Born, G. Burkhardt, H. Hönl,
       W. Kliefoth,  H. Lenz,  G. Rienäcker;  Frankreich: Father  D. Du-
       barle, B. Gregory, J. Guéron, A. Lacassagne; Großbritannien: Lord
       Boyd-Orr, K.  Lonsdale, C.F.  Powell, M.H.L.  Pryce, J.  Rotblat,
       Lord B. Russell, Sir G. Thomson; Ungarn: L. Janossy. Indien: H.J.
       Bhabha, K.S.  Krishnan, P.C.  Mahalanobis; Italien: E. Amaldi, E.
       Boeri; Japan: I. Ogawa, S. Tomonaga, Y. Miyake, S. Sakata, H. Yu-
       kawa; Niederlande:  B.R.A. Nijboer;  Norwegen: G. Randers; Polen:
       L. Infeld;  Vereinigte Staaten:  H. Brown,  D.D. Cavers,  Ch. Co-
       ryell, W.  Davidon, B.  Feld, B.  Glass, M. Grodzins, D. Hill, M.
       Kaplan, H.J.  Muller, J. Orear, H. Palevsky, L. Pauling, E. Rabi-
       nowitch, F.  Seitz, W. Selove, L. Szilard, A. Weinberg, V. Weiss-
       kopf, E. Wigner; UdSSR: N.N. Bogolubov, N.A. Dobrotin, E.K. Fedo-
       rov, E.A. Korovin, A.M. Kuzin, V.P. Pavlichenko, D.V. Skobeltzyn.
       A.V. Topchiev,  V.S. Vavilov,  A.P. Vinogradov;  Jugoslawien:  P.
       Savic
       
       Die 18  Unterzeichner der  Göttinger Erklärung vom 12. April 1957
       haben sich dieser Warnung angeschlossen:
       "Die Erklärung, die von Wissenschaftlern verschiedenster Nationen
       und auch  verschiedenster politischer Richtungen einhellig unter-
       schrieben worden  ist, scheint  uns in  ihrem Urteil so abgewogen
       und in  ihrem Inhalt  so wichtig,  daß wir  den Wunsch haben, sie
       möchte auch  in Deutschland  einem großen Leserkreis bekannt wer-
       den."
       

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