Quelle: Blätter 1959 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG DES STUDENTENKONGRESSES GEGEN ATOMRÜSTUNG
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       Wir sind  in Berlin zum Studentenkongreß gegen Atomrüstung zu ei-
       nem Zeitpunkt  zusammengekommen, wo  diese Stadt  zum Mittelpunkt
       des weltpolitischen  Interesses geworden  ist. Wegen Berlin haben
       bereits die  Regierungen der  beiden großen  Weltmächte im Rahmen
       ihres jeweiligen  politischen Kalküls  mit dem  totalen Atomkrieg
       gedroht. Die entstandene Spannung zeigt die Unhaltbarkeit der po-
       litischen Lage  in Mitteleuropa.  Die Berlin-Krise  scheint nicht
       zuletzt als Folge der atomaren Ausrüstung der Bundeswehr entstan-
       den zu  sein. Eine  isolierte Lösung  der  Berlin-Frage  gibt  es
       nicht. Mehr  denn je  drängt die Zeit, die explosive Lage in Mit-
       teleuropa zu  entschärfen. Niemand  bleibt es  nun erspart,  nach
       neuen Wegen  zur europäischen Sicherheit und schrittweisen Lösung
       der deutschen  Frage zu  suchen. Die  atomare Ausrüstung  ist ein
       entscheidendes Hindernis  für eine  Entspannung in  Mitteleuropa.
       Atomwaffen im zweigeteilten Deutschland sind ein gefährliches Ex-
       periment für  den Weltfrieden.  Ein Junktim  zwischen dem  bisher
       geforderten Weg zur Wiedervereinigung und der Abrüstung blockiert
       nicht nur die erstere, sondern darüber hinaus internationale Ver-
       handlungen, die zum Erfolg führen könnten.
       Dem polnischen Außenminister Rapacki sind wir dankbar, daß er den
       nach ihm  benannten Plan für eine Zone begrenzter Rüstung modifi-
       ziert und  damit die  Chance zur Verwirklichung dieses Planes er-
       höht hat.  Hier kann  ein Modell  für internationale Rüstungskon-
       trolle erprobt  werden. Eine  kernwaffenfreie Zone in Europa wäre
       darüber hinaus  ein denkbarer  erster Schritt  zur kontrollierten
       Abrüstung. Seine  Verwirklichung schafft  bessere Bedingungen zur
       Lösung der deutschen Frage.
       Die Atomrüstung  wird auch  von ihren  Befürwortern stets nur als
       notwendiges Übel  angesehen. Die Sorge darum, wie auf lange Sicht
       in der Welt ein Friedenszustand geschaffen und das Übel beseitigt
       werden kann, sollte daher natürlicherweise allen gemeinsam sein.
       Als erstes kleines Land, das beschließt, atomar aufzurüsten, gibt
       die Bundesrepublik ein unheilvolles Beispiel. Je mehr Atommächte,
       desto höher  die Atomkriegsgefahr.  Je mehr Länder der generellen
       Abrüstung zustimmen müssen, desto unwahrscheinlicher wird ein Er-
       folg der  Abrüstung. Nach  zwei Weltkriegen  ist eine Atomrüstung
       gerade in  Deutschland geeignet,  die Ängste  anderer  Völker  zu
       steigern, die Fronten zu verhärten und die gegenwärtige Haßpropa-
       ganda zu verstärken.
       Abschreckung ist nicht Verteidigung, sondern bedingte Drohung mit
       Mord und Selbstmord.
       Der Studentenkongreß gegen Atomrüstung begrüßt die ersten Erfolge
       der Genfer Konferenzen über die Beerdigung der Atomwaffenversuche
       und hofft auf raschen weiteren Fortschritt.
       Demokratie beruht  auf der Möglichkeit des Nebeneinanderbestehens
       politischer Gegensätze.  Der mit der Atomrüstung zusammenhängende
       Fanatismus und  die Konzentration  der Verfügungsgewalt  über die
       Atomwaffen in den Händen weniger unterhöhlen aber dieses Prinzip.
       So ist  die Bewegung  gegen die Atomrüstung eine Bewegung für die
       Demokratie, wie  sie der Westen proklamiert und nach deren Regeln
       auch dieser Kongreß über Spielraum für seine Arbeit verfügt.
       Wir fühlen uns verpflichtet zu einem unvoreingenommenen und durch
       keinerlei äußere  Rücksichten eingeschränkten  Studium des Wesens
       und des Ausmaßes der atomaren Gefahr. Wir sind verpflichtet, alle
       gewonnenen Erkenntnisse bekannt zu machen, auf ihre Berücksichti-
       gung zu  dringen, die Verschleierung und Verharmlosung zu bekämp-
       fen. Wir  sind nicht  berechtigt, die  Entscheidung über das Ver-
       hältnis wissenschaftlicher  Einsichten zu  politischen Notwendig-
       keiten allein  den Politikern zu überlassen. Wir dürfen nicht zu-
       lassen, daß  Wissenschaft und Forschung in eine nur instrumentale
       Rolle gedrängt werden.
       Diese Überlegungen  sind einmütige Überzeugung des Kongresses und
       lagen seiner  Arbeit zugrunde. Die Kürze der verfügbaren Zeit er-
       laubte es  nicht, in  den Arbeitsgemeinschaften  "Atomrüstung und
       Demokratie", "Atomrüstung  und  Wiedervereinigung",  "Atomrüstung
       und Außenpolitik der Weltmächte", "Atomrüstung und die Verantwor-
       tung des  Wissenschaftlers" und "Atomrüstung und christliche Ver-
       antwortung", die  sich daran knüpfenden zahlreichen und schwieri-
       gen Überlegungen  zu Ende zu führen und in der Form von Ergebnis-
       sen vollständig  zu formulieren. Die ausführlichen Protokolle der
       Erörterungen der Arbeitsausschüsse werden vielmehr jetzt den ört-
       lichen Studentenausschüssen  zu dienen haben, die ihre Arbeit mit
       neuer Kraft fortsetzen werden.
       

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