Quelle: Blätter 1959 Heft 02 (Februar)


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       Dr. Hans Magnus Enzensberger
       
       EUROPA GEGEN DIE BOMBE
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       Vom 16.  bis 18.  Januar 1959 hat in London der erste Europäische
       Kongreß gegen  Atomrüstung stattgefunden.  Die englische Campaign
       for Nuclear  Disarmament (unter  dem Vorsitz von Lord Russell und
       Kanonikus Collins)  und das  deutsche Komitee  gegen  Atomrüstung
       hatten zu  dieser Veranstaltung gemeinsam eingeladen. Sie verlief
       in einer Atmosphäre nüchterner Entschlossenheit; von Hysterie und
       Fanatismus, Eigenschaften,  welche die  Gegner der  Bewegung  ihr
       nachzusagen nicht müde werden, war keine Andeutung zu spüren. Sie
       brachte keine Sensationen, sondern handfeste Berichte und Diskus-
       sionen. Sie  lenkte die Aufmerksamkeit der englischen Öffentlich-
       keit auf  ihre Arbeit;  die faire und ausführliche Berichterstat-
       tung in  der englischen Presse, im Rundfunk und im Fernsehen ver-
       dient erwähnt zu werden; wie sich ein angesehenes deutsches Blatt
       aus London  berichten lassen  konnte, der  Kongreß sei unbeachtet
       geblieben, bleibt unerfindlich, wenn man nicht unterstellen will,
       daß die  Fairneß der  deutschen Presse  stark zu  wünschen  übrig
       läßt. Die Londoner Veranstaltung brachte ein greifbares Resultat:
       die Gründung  eines permanenten Europäischen Komitees gegen Atom-
       rüstung, und  eine Fülle von Informationen für alle ihre Teilneh-
       mer.
       Die meisten  Delegierten stellten zu ihrer freudigen Überraschung
       fest, daß  sie jenseits der Grenzen ihrer Länder starke Bundesge-
       nossen besitzen.  Außer Deutschen  und Engländern  waren auf  dem
       Kongreß Österreicher,  Schweden, Norweger,  Schweizer, Holländer,
       Belgier und  Franzosen vertreten.  Die eindrucksvollste Rede, die
       auf dem  Kongreß zu hören war, ist wohl der völlig sachliche, un-
       pathetische Erfahrungsbericht  gewesen, den  die Vertreterin  der
       "Aktionsgruppen mot  Svensk Atombomb" aus Stockholm vorlegte. Ihm
       war zu entnehmen, daß es in Schweden einer kleinen Minderheit von
       klardenkenden Leuten  gelungen war,  die Öffentlichkeit gegen die
       Pläne des schwedischen Generalstabs zu mobilisieren, der die Her-
       stellung und  Erprobung von  Kernwaffen auf schwedischem Territo-
       rium wünschte.  Eine entsprechende  Vorlage zur  Bewilligung  von
       Entwicklungskosten kam im vergangenen Jahr vor das Parlament. Der
       Druck der  Öffentlichkeit hat  sie zu Fall gebracht. Die Aktions-
       gruppe wird  auch in  Zukunft die Interessen der Demokratie gegen
       die der  Militärs verteidigen.  Daß es möglich ist, in einer sol-
       chen Auseinandersetzung  zu siegen,  hat das schwedische Beispiel
       bewiesen. Es  ist deshalb von erstrangiger Bedeutung. Auch in der
       Schweiz sind  die Aussichten  für die  Gegner der  Atombewaffnung
       nicht ungünstig,  da die  Schweizer Verfassung den Volksentscheid
       zuläßt. Einen  solchen werden die Atomrüstungsgegner ohne Zweifel
       erzwingen.
       Am ungünstigsten  sieht demgegenüber  die Lage in Frankreich aus.
       Die französischen  Delegierten konnten kaum mehr als Grundsatzer-
       klärungen vorbringen.  Die Aktionsgruppen, darunter besonders die
       "Ligue contre l'Armement Atomique", befinden sich noch in den er-
       sten Stadien  der Organisation. Das Algier-Problem und die inner-
       politischen Auseinandersetzungen  scheinen die politischen Kräfte
       der französischen  Öffentlichkeit, soweit  sie überhaupt noch in-
       takt sind, derart zu absorbieren, daß sie dem bevorstehenden Ein-
       tritt der  Nation in den Klub der Selbstmörder apathisch zusieht.
       Frankreich ist  heute, mehr  noch als  selbst die Bundesrepublik,
       der neuralgische  Punkt in  der europäischen  Kampagne gegen  die
       Atomrüstung geworden. Es ist dringend zu hoffen, daß die europäi-
       sche Initiative  den Gegnern  der Bombe in Frankreich ohne Verzug
       zu Hilfe  kommt. Die  Folgen eines  "Aufstiegs"  Frankreichs  zur
       Atommacht wären gerade unter dessen gegenwärtigem Regime unabseh-
       bar.
       Eine Zwischenstellung  nehmen die  englischen und deutschen Bewe-
       gungen gegen  die Bombe  ein, die die größten Gruppierungen ihrer
       Art auf  dem Kontinent sind. Die Überraschung beider Gruppen über
       ihre Stärke und Schlagkraft war gegenseitig. Ihre Probleme unter-
       scheiden sich  insofern voneinander, als es den Engländern um die
       Abschaffung, den Deutschen um die Verhinderung der Atombewaffnung
       ihrer Länder  geht. Gleichwohl  ist eine enge Zusammenarbeit mög-
       lich und geboten. Ein Beispiel hierfür ist der Fall Dortmund, der
       während der Tagung des Kongresses bekannt wurde. Sofort wurde von
       den englischen  Partnern eine  Lobby zur Beeinflussung des Unter-
       hauses und  das Eingreifen  sympathisierender Abgeordneter  gegen
       die Entscheidung  der englischen Regierung organisiert. Gerade in
       solchen Fällen  wird das  Europäische Komitee  in Zukunft wirksam
       handeln können.  Wie sein  vorläufiger Präsident  in seinem  Vor-
       schlag zeigte, wird seine Aufgabe darin bestehen, der gemeinsamen
       Rüstungspolitik der  europäischen Regierungen  von oben  her eine
       gesamteuropäische Opposition  von unter  her entgegen  zu setzen.
       Ein solches  Instrument verspricht auch Erfolg im Kampf gegen die
       atomare Ausrüstung  der Bundeswehr.  Die Widerstände, die dagegen
       in der  Öffentlichkeit zahlreicher  Nato-Länder bestehen, sind ja
       bekannt. Vor etwa einem Jahr war zum Beispiel die norwegische Re-
       gierung in  ernsthafte Schwierigkeiten geraten, weil die Mehrheit
       der Regierungspartei  im Storting  sich gegen eine solche Bewaff-
       nung und  damit gegen  den berüchtigten  Nato-Plan zur Anlage von
       Raketenbasen in  Europa aussprach. Die unter dem Druck der Wähler
       zustandegekommenen Resolutionen, die einen Einspruch Norwegens in
       Paris forderten, konnten nur durch verzweifelte taktische Manöver
       von der Regierung abgewürgt werden. Geblieben ist der latente Wi-
       derstand der öffentlichen Meinung in vielen europäischen Ländern.
       Ihn wird das Europäische Komitee zu aktivieren haben.
       Eine weitere Aufgabe des Komitees wird der Austausch von Informa-
       tionen sein. Auch hierfür bot der Londoner Kongreß Beispiele, die
       zeigten, was in dieser Hinsicht zu erreichen ist. Unter den Teil-
       nehmern befand  sich beispielsweise  Prof. Rotblat,  Mitglied der
       Pugwash-Konferenzen, der  über Informationen aus erster Hand ver-
       fügt, welche  die Wirkungen  von Atomwaffen  und die  technischen
       Aspekte der  Abrüstung betreffen.  Unbekannte und  wenig bekannte
       Einzelheiten über  die biologischen  und genetischen Auswirkungen
       der Bombentests legte dem Kongreß auch die englische Biologin An-
       toinette Pirie  aus Oxford  vor. Sie  belegte mit einer Fülle von
       Einzelheiten ihre These, daß die offizielle Propaganda die erwie-
       senen Schädigungen  systematisch verharmlost oder verschweigt und
       daß die  Pläne der Behörden zum Schutz der Zivilbevölkerung, ins-
       besondere die Projekte zu deren Evakuierung, glatter Humbug sind.
       Sie wies  auch auf  die viel zu wenig erörterte Frage der Beweis-
       last hin  und vertrat  mit guten  Gründen die Meinung, daß es die
       Sache derer sei, die die Versuche befürworteten, zu beweisen, daß
       keine schwerwiegenden  Schäden eintreten.  Diese Beweislast lasse
       sich keineswegs  den Gegnern  der Tests zuschreiben. So lange die
       Forschung nicht  in der  Lage sei,  Fragen der Strahlenschädigung
       eindeutig zu  klären (und dieser Fall sei im Hinblick auf die ge-
       netischen Folgen gegeben), so lange sei eine Fortsetzung der Ver-
       suche nicht vertretbar.
       Schließlich wurden  auch die  grundsätzlichen Fragen,  welche die
       Atomrüstung  aufwirft,  eingehend  diskutiert.  Bertrand  Russell
       legte seine  Pläne zu ihrer Lösung vor; Robert Jungk wies auf die
       innerpolitischen Folgen hin, die allein der Besitz der Bombe nach
       sich ziehe, und begründete seine These, derzufolge Kernwaffen mit
       dem Wesen der Demokratie unvereinbar seien; der Bischof von Llan-
       daff und Kanonikus Collin gaben eine theologische Grundlegung ih-
       rer Gegnerschaft  gegen die atomare Rüstung; der Philosoph Günter
       Anders legte dem Kongreß seine mit äußerster Schärfe formulierten
       Gedanken über die Bombe als außenpolitische Version des Totalita-
       rismus dar,  die dem  Leser dieser  Zeitschrift bekannt sind. Der
       englische Schriftsteller  J.B. Priestley faßte diese Überlegungen
       in einem  Satz zusammen, der den Vorzug hat, auch dem einfachsten
       Gemüt einzuleuchten: "Wer diese Waffe in der Hand hat, kann nicht
       mehr richtig denken; er denkt krumm."
       Das krumme  Denken verfügt über mächtige internationale Organisa-
       tionen, die  dazu dienen,  es in  krummes Handeln umzusetzen. Das
       Europäische Komitee  gegen Atomrüstung  verfügt über den Beistand
       sehr vieler  Köpfe aus  vielen Ländern,  die dieser Bedrohung ge-
       meinsam ausgesetzt  sind. Es  sind Physiker,  Biologen und Ärzte,
       Philosophen, Theologen  und  Schriftsteller  darunter.  Besonders
       wichtig ist die große Zahl von Gewerkschaftlern, die seine Arbeit
       unterstützen. Viele Leute, denen es offizielle Positionen verbie-
       ten, sich zu exponieren, sympathisieren mit seinen Zielen und un-
       terstützen es.  Das Komitee  wird viel  Zähigkeit  und  Phantasie
       brauchen, wenn es sein Aufgabe erfüllen soll. Es ist außerdem auf
       die Hilfe  aller angewiesen,  die in der Lage sind, es zu stärken
       und zu fördern.
       

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