Quelle: Blätter 1959 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER REDE VON GEORGE F. KENNAN VOR DEM UNTERAUSSCHUSS
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       FÜR ABRÜSTUNG DES US-SENATS FÜR AUSWÄRTIGE BEZIEHUNGEN
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       (4. FEBRUAR 1959)
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       A. Fragen der Rüstungskontrolle
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       1. "Es gibt  gewichtige und  zwingende Gründe,  die allgemein dem
       Erfolg jeder  Bemühung widerstreiten,  eine Herabsetzung und Kon-
       trolle der  Rüstungen durch formelle internationale Abkommen, be-
       sonders multilaterale  Abkommen, herbeizuführen und warum die Ge-
       schichte - obwohl sie zahlreiche Beispiele von Bemühungen in die-
       ser Richtung bietet - nur wenige erfolgreiche registriert, ausge-
       nommen wenn die in Frage stehenden Waffen im Veralten oder beson-
       ders unmenschlich waren, oder wo der politische Anreiz zu militä-
       rischer Konkurrenz  bereits beseitigt war. Aber über diese allge-
       meinen Schwierigkeiten  hinaus gibt  es gewisse besondere Besorg-
       nisse und  Befürchtungen, die jetzt die Aussichten auf irgendwel-
       che Fortschritte  zur Rüstungskontrolle  durch Abkommen  zwischen
       den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion beeinträchtigen.
       In Rußland  liegt die  Hauptschwierigkeit in  zwei Erscheinungen,
       die beide  tief in  der russischen  Staatskunst der  zaristischen
       ebenso wie in der sowjetischen Zeit wurzeln. Erstens eine Passion
       für Geheimhaltung  und eine  extreme, oft unbegründete Furcht vor
       jeder ausländischen  Beobachtung des  Lebens und der Zustände in-
       nerhalb des  Landes; zweitens die Gewohnheit, Landstreitkräfte in
       massivem Umfang  zu unterhalten, der jede sichtbare Notwendigkeit
       der äußeren Verteidigung überschreitet, Die erste dieser Erschei-
       nungen erschwert  jedes Mal  Fragen der Inspektion und Vollstrec-
       kung jedes denkbaren Abkommens über Rüstungskontrolle; die zweite
       trägt dazu  bei, einen so großen Unterschied in der Größe der so-
       wjetischen und  der westlichen  Landstreitkräfte zu schaffen, daß
       es schwierig  wird, irgendein funktionsfähiges Mittel zur beider-
       seitigen Herabsetzung  solcher Streitkräfte  zu finden. In diesem
       Zeitpunkt gibt  es wenig,  was wir  mit diesen Zuständen anfangen
       können.
       2. Es gibt jedoch gewisse, ähnlich abnormale Starrheiten in unse-
       rer eigenen Haltung, die ebenfalls Aufmerksamkeit verdienen.
       Erstens haben wir zugelassen, daß militärische Kosten und Verwal-
       tungs-Verfahren sich  in einer Weise entwickelt haben, daß es für
       uns schwierig  ist, in  Friedenszeiten mehr  als  verhältnismäßig
       kleine Bodenstreitkräfte  zu unterhalten.  Das bedeutet,  daß wir
       wenig als  Tauschmittel in  irgendwelchen Verhandlungen hinsicht-
       lich der  Herabsetzung oder Begrenzung der Landstreitkräfte anzu-
       bieten haben.  Durch die  Aufrechterhaltung einer zu kleinen her-
       kömmlichen Streitmacht  tragen wir  - mit anderen Worten - zu der
       Verschiedenheit bei,  die ein  Abkommen erschwert, gerade wie die
       Russen dazu beitragen, indem sie eine zu große unterhalten.
       Zweitens -  genau weil  wir uns davon überzeugt haben, daß wir in
       der Entwicklung  herkömmlicher  Streitkräfte  nicht  konkurrieren
       können -  haben wir  uns erlaubt,  in unserer Planung und unseren
       Berechnungen von  Atomwaffen abhängig zu werden und haben uns auf
       die erste Anwendung solcher Waffen in jedem ernsten militärischen
       Zusammenstoß festgelegt,  ob sie  nun gegen  uns angewandt werden
       oder nicht.  Neben der  Tatsache, daß diese Waffen jetzt geradezu
       selbstmörderische Wirkungen  haben, so  daß ein Krieg, in welchem
       beide Seiten  sie benutzen,  eine Katastrophe an sich sein würde,
       hat uns  die  Abhängigmachung  unserer  Verteidigungspolitik  von
       Atom-Waffen in  eine Lage  gebracht, wo  wir die  Abschaffung der
       Waffe selbst dann nicht akzeptieren könnten, wenn unsere wichtig-
       sten Gegenspieler,  die uns wiederholt eingeladen haben, sie all-
       gemein abzuschaffen,  uns die idealsten Inspektions-Einrichtungen
       als ein  Mittel anbieten würden, um uns bei einem solchen Schritt
       von ihrem guten Glauben zu überzeugen.
       Wir sind somit vom Fortschritt in der Kontrolle der herkömmlichen
       Rüstungen durch die außerordentliche Verschiedenheit in der Größe
       unserer konventionellen Streitkräfte und der ihrigen ausgeschlos-
       sen. Und wir sind davon ausgeschlossen, sehr weit in Richtung auf
       eine Herabsetzung  oder Begrenzung atomarer Rüstungen voranzukom-
       men, durch  die Tatsache,  daß wir - wie die Dinge heute stehen -
       uns von  der fortgesetzten Pflege solcher Rüstungen und ihrer An-
       wendung im  Kriegsfall abhängig fühlen, selbst wenn unsere Wider-
       sacher sich ihrer vollständig entledigt hätten.
       3. Diese Beobachtungen führen mich zu der Folgerung, daß das Ele-
       ment in unserer eigenen Haltung zu Abrüstungsangelegenheiten, das
       die sorgfältigste  Überprüfung erfordert, die Frage unserer eige-
       nen Militärausgaben  und der Gründe dafür ist, warum wir nicht in
       der Lage  sind, für  den ausgegebenen  Betrag eine größere Kampf-
       kraft zu  unterhalten, abgesehen von den Verwaltungs-Unkosten und
       den Nachschubdiensten.
       Ohne die Schaffung einer viel stärkeren herkömmlichen Streitmacht
       durch dieses  Land sehe  ich wenig  Aussicht auf Fortschritte bei
       Verhandlungen für  die Rüstungskontrolle  über die  Erprobung von
       Atomwaffen hinaus.
       
       B. Die Beziehung der Rüstungskontrolle
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       zur europäischen Sicherheit
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       Während es  ein ausgedehntes  Wechselspiel zwischen Rüstungen und
       politischen Angelegenheiten  bei der  Entwicklung internationaler
       Konflikte gibt, ist es meine Ansicht, daß die politischen Streit-
       fragen grundlegend  sind; daß  Rüstungen mehr  dazu neigen,  eine
       Funktion politischer Meinungsverschiedenheiten zu sein, als umge-
       kehrt; und  daß demzufolge  Bemühungen zur Verminderung der Span-
       nungen durch  das Anstreben einer Übereinkunft über die Herabset-
       zung und  Kontrolle der  Rüstungen unter Beibehaltung der ungelö-
       sten politischen Probleme nicht hoffnungsvoll sind.
       Nichtsdestoweniger muß ich darauf hinweisen, daß im gegenwärtigen
       Augenblick gewisse  Entwicklungen,  besonders  die  Entscheidung,
       atomare Geschosse  und taktische  Waffen in der Nato-Verteidigung
       auf dem europäischen Kontinent einzuführen, der Trend auf die Er-
       weiterung der  atomaren Fähigkeiten der anderen westlichen Mächte
       außer den  USA und  dem Vereinigten Königreich und ganz besonders
       die Organisierung  und Ausbildung  der westdeutschen Streitkräfte
       in einer  Weise, die  praktisch den  Gebrauch und  den Besitz von
       Atomwaffen zu  einem späteren  Zeitpunkt bedeutet, alle dazu bei-
       tragen, die große sowjetische Nervosität über das ungelöste deut-
       sche Problem  zu erhöhen  und die  Lösung dieses  Problems zu er-
       schweren. Wenn  daher Mittel  gefunden werden  könnten, um diesen
       Trend der  westlichen Politik  zu ändern  oder zumindest die Mög-
       lichkeit einer  solchen Änderung als Teil einer geeigneten Beile-
       gung der  deutschen Frage  und des  Problems der europäischen Si-
       cherheit offenzuhalten,  so würde  dies nach  meiner Meinung eine
       nützliche politische Wirkung haben.
       
       C. Sowjetische Absichten
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       1. Die Konzeption der sowjetischen Absichten, die in diesem Lande
       so allgemein ist und die vielen unserer öffentlichen Erörterungen
       zugrunde liegt,  scheint anzunehmen,  daß wir uns in Moskau nicht
       nur einem einzigen Gehirn, sondern auch einem Gehirn gegenüberse-
       hen, das bereits festgelegt und entschlossen ist und nicht erheb-
       lich von  dem beeinflußt werden kann, was wir tun oder nicht tun.
       Ich stimme  mit dieser Ansicht nicht überein. Ich glaube, daß die
       sowjetische Politik  nicht das  Produkt eines  einzigen  Gehirns,
       sondern von  vielen ist, daß diese nicht immer in Übereinstimmung
       sind und daß die sowjetische Politik oft einen Kompromiß zwischen
       ihnen darstellt;  daß die  sowjetischen Absichten sich ändern, so
       wie die  Weltlage sich entwickelt; und daß unsere eigenen Maßnah-
       men und  Stellungnahmen einen wichtigen Bestimmungsfaktor für sie
       darstellen.
       2. Mit diesen  Vorbehalten kann  ich sagen, daß ich nicht glaube,
       die Sowjetführer wollen einen weiteren großen Krieg, oder daß sie
       mit Wahrscheinlichkeit  einen anfangen  würden, indem  sie  einen
       Überraschungsangriff starten,  weil sie  etwa  meinten,  daß  sie
       einen zeitweiligen Vorteil an Langstrecken-Schlagkraft hätten. Es
       gibt nur  eine Möglichkeit, bei welcher ich glaube, daß sie einen
       solchen Angriff in Erwägung ziehen würden; und das ist, wenn sich
       eine Situation  ergeben würde, die sie zu der Annahme veranlassen
       würde, daß  ein großer  Krieg zwischen  ihnen und den Vereinigten
       Staaten sowohl  unvermeindlich wie  bevorstehend sei.  In  diesem
       Falle sollten  wir erwarten,  daß sie  alle und jede Maßnahme er-
       greifen, die ihnen geeignet erscheint, einschließlich der Ausnut-
       zung des  Überraschungs-Moments, um  die Gefahr,  die ein solcher
       Krieg für  sie mit sich bringen könnte, auf ein Mindestmaß zu re-
       duzieren. Ich  glaube daher,  daß es  ein ständiges  Ziel unserer
       Staatsführung sein  sollte, dafür zu sorgen, daß keine solche Si-
       tuation entsteht.
       3. Es ist  meine Überzeugung, daß die Sowjetregierung die Einfüh-
       rung atomarer  Rüstungen in  das Mächtegleichgewicht der Welt be-
       dauert hat und zumindest bis vor kurzem in dem Wunsche aufrichtig
       war, sie abgeschafft und aus nationalen Rüstungen entfernt zu se-
       hen, obgleich  sie unwillig war, ausreichende Inspektionsmöglich-
       keiten einzuräumen. So wie die sowjetischen Militärpläne und Dis-
       positionen unter  den gegenwärtigen  Verhältnissen sich zunehmend
       um die  Atomwaffen drehen,  werden auch  Starrheiten auf sowjeti-
       scher Seite  geschaffen werden, die sich jeder Beseitigung dieser
       Waffen aus den nationalen Arsenalen entgegenstemmen; und dies ist
       zweifellos bis zu einem gewissen Umfang bereits geschehen.
       Nichtsdestoweniger ist es meine Überzeugung, daß die Sowjetregie-
       rung es  - auf gleicher Basis - noch immer vorziehen würde, diese
       Waffen von der Bildfläche verschwinden zu sehen. Die Kosten ihrer
       Pflege stellen  eine schwerere  Belastung der  sowjetischen Wirt-
       schaft dar, als gemeinhin in diesem Land angenommen wird; und die
       sowjetischen Führer  würden keinen  Grund darin  sehen, in  ihren
       Aussichten auf erfolgreichen Wettbewerb auf politischem und mili-
       tärischem Gebiet außergewöhnlich entmutigt zu sein, selbst in ei-
       ner Welt, die keine atomaren Rüstungen enthalten würde.
       4. Bei allen Verhandlungen hinsichtlich der Abschaffung von Atom-
       waffen würden  die Sowjetführer wahrscheinlich nicht Inspektions-
       möglichkeiten einräumen,  die uns vollkommenen Schutz gegen heim-
       liche Verletzungen  des Abkommens  auf ihrer  Seite geben würden.
       Andererseits glaube  ich nicht,  daß dies  bedeutet, daß es keine
       Abkommen über dieses Thema geben könnte, die für beide Teile vor-
       teilhaft und  annehmbar wären.  Auf lange  Sicht wird die Verläß-
       lichkeit von Abkommen über die Rüstungskontrolle immer primär von
       dem politischen  und psychologischen  Klima abhängen,  in dem sie
       funktionieren; und  die beste  Sicherheit gegen Verletzungen, die
       wir haben  können,  wird  nicht  in  den  Inspektionsbestimmungen
       selbst bestehen,  die niemals  völlig narrensicher  sein  können,
       sondern in dem Fehlen eines Anreizes zur Verletzung
       5. Die erste und unmittelbarste Sorge der Sowjetregierung im Hin-
       blick auf  Deutschland ist  es, eine Änderung der Lage Berlins zu
       ihren Gunsten  herbeizuführen. Die  Sowjetführer glauben, daß die
       gegenwärtige dortige Lage zu einem ernsten Hindernis für die Kon-
       solidierung ihrer politischen Stellung in Ost-Europa geworden ist
       und in  mancher Hinsicht eine Drohung für ihre politische Sicher-
       heit. Sie glauben, daß sie es in ihrer Macht haben, die westliche
       Stellung in  dieser Stadt  zu einer  unangenehmen zu machen, wenn
       die Westmächte  es ablehnen, einem neuen Status Berlins zuzustim-
       men, der  die Stadt  weniger zu  einem Stachel in der kommunisti-
       schen Seite  machen würde. Ich glaube nicht, daß die Sowjetführer
       wegen Berlin  einen Krieg  wollen; aber  sie sind in diesem Falle
       aus nicht  ganz ersichtlichen  Gründen bereit,  besonders nahe an
       den Rand  heranzugehen; sie  haben sich ausgiebig festgelegt; und
       es wäre  von den  westlichen Regierungen  nicht klug,  die  Sache
       allzu leicht zu nehmen.
       6. Im Hinblick  auf das  langfristigere Problem  Deutschlands  im
       allgemeinen besteht  die sowjetische  Sorge hauptsächlich  darin,
       sicherzustellen:
       a) daß die  Ostzone nicht  von der deutschen Bundesrepublik in so
       drastischer und  heftiger Form  verschluckt wird,  daß  es  einen
       großen Schlag  gegen das  kommunistische und das sowjetische Pre-
       stige darstellen würde; daß in jeder möglichen deutschen Regelung
       die ostdeutschen  Kommunistenführer eine  Stimme haben, und daß -
       wenn möglich  - manche der sozialen und wirtschaftlichen Änderun-
       gen, die  von den Kommunisten in Ostberlin eingeführt wurden, bei
       jeder solchen Regelung beibehalten werden;
       b) daß atomare  Rüstungen nicht  in die Verteidigung Westdeutsch-
       lands eingeführt werden und
       c) daß die  Streitkräfte Westdeutschlands  oder  eines  möglichen
       vereinigten Deutschlands  nicht mit  den Streitkräften der Verei-
       nigten Staaten verbündet und keine Erweiterung für sie darstellen
       dürfen."
       
       Vorschläge an den Senat
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       Nach der  Verlesung seiner  Erklärung  unterbreitete  Botschafter
       Kennan dem Senatskomitee folgende Vorschläge:
       1. Gesamtdeutschland soll es verboten sein, Kernwaffen zu haben.
       2. Einen graduellen Rückzug der alliierten und sowjetischen Trup-
       pen aus Mittel- und Ost-Europa.
       3. Möglicher Austritt  Deutschlands aus der Nord-Atlantik-Paktor-
       ganisation und deutsche Neutralisierung.
       4. US-Mitgliedschaft in  einem europäischen  Sicherheitspakt  zur
       Sicherung Rußlands  und anderer Staaten gegen eine Wiederbelebung
       des deutschen Militarismus.
       Auf die Frage des demokratischen Senators Hubert H. Humphrey, was
       passieren würde, wenn die Vereinigten Staaten Atomwaffen an West-
       deutschland gäbe  und ob Rußland dann die deutsche Sowjetzone und
       China  ebenfalls   mit  Atomwaffen  ausrüsten  würde,  antwortete
       Kennan: "Die sich entwickelnde Lage ist geladen mit schrecklichen
       Gefahren. Wir  sollten daher äußerst vorsichtig damit sein, Atom-
       waffen in Nato-Ländern einzusetzen."
       

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