Quelle: Blätter 1959 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUSZUG AUS DER REDE DES KIRCHENPRÄSIDENTEN D. MARTIN NIEMÖLLER
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       IN KASSEL AM 25. JANUAR 1959
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       "...Wissen wir  wahrhaftig, was  wir tun?  Wir tun ja gar nichts.
       Wir geben  alle paar  Jahre einmal  unseren Stimmzettel  ab,  und
       vielleicht gehen  wir auch  noch mal  das eine oder andere Mal in
       eine Versammlung  wie die, die am heutigen Abend stattfindet. Und
       was machen  wir dann weiter, und was machen unsere Kinder, unsere
       heranwachsenden Söhne? Wie geht eigentlich das alles weiter? Oder
       sind wir  wahrhaftig Leute,  die gar  nichts tun? Schafe, die zur
       Schlachtbank geführt  werden, weil sie sich zur Schlachtbank füh-
       ren lassen,  obgleich sie  nicht den  Strick um den Hals zu haben
       brauchten? Der  Christ und  der Krieg  - das ist doch das geheime
       Thema, das  hinter dem  allen steht. Wie stehen wir als Christ zu
       dem Krieg, ja, von dem wir jetzt endlich wissen, wie er im Endef-
       fekt aussieht?  Ich brauche  nicht noch einmal zurückzukommen auf
       das, was  Professor Hagemann  gesagt hat,  denn die  theologische
       Theorie sieht  ja in der evangelischen Christenheit ganz genau so
       aus wie  in der katholischen Kirche. Um die Frage der Rechtferti-
       gung aus  dem Glauben,  um die Frage nach der Bedeutung der Werke
       im Leben für das Leben des Christen, jawohl, da gibt's die tiefen
       Unterschiede. Aber  in den Dingen, die uns ans Leben greifen, un-
       mittelbar ans  Leben greifen,  und damit  an unsere Verantwortung
       für die,  deren Leben  mehr oder  weniger in  unsere Hände gelegt
       wird, da  gehen wir den alten Trott; da ist Martin Luther der ge-
       lehrige Schüler  des heiligen  Augustin und der mittelalterlichen
       Scholastik und des Scholastizismus; da ist die Rede vom gerechten
       Krieg und  vom ungerechten Krieg; aber den ungerechten Krieg, wer
       will den  heutzutage noch  feststellen, wenn  jede Obrigkeit  be-
       hauptet: Der  Krieg, den  wir führen, ist gerecht? Und da gibt es
       dann kein  Ausweichen mehr, denn das hat sich alles gegenüber dem
       16. Jahrhundert  derartig gewandelt und geändert, daß heute schon
       die Kirche  ganz offiziell  den Rat  gibt: Zerbrich  dir den Kopf
       nicht! Wenn  dein Vaterland  und dein  Volk und  deine  Obrigkeit
       einen Krieg führen, und du kannst es nicht herauskriegen, weshalb
       und weswegen  dann bist du am sichersten, wenn du dem Ruf und dem
       Befehl der  Obrigkeit folgst!  - Man weiß es heute wirklich nicht
       mehr, nicht  wahr, denn inzwischen hat sich die Diplomatie ja da-
       zwischengehängt. Professor  Hagemann sprach  von der  Propaganda.
       Wer weiß denn noch, was wirklich geschieht? Wer weiß denn in Kas-
       sel, was  vorgestern nacht  tatsächlich in  der Justizdebatte  im
       Bundestag vorgegangen ist? Es ist leider nicht mit Radio verbrei-
       tet worden,  sonst würden  wir heute abend hier sitzen mit dicken
       und roten  Köpfen daß  eine Regierung  kein Wort  mehr  antworten
       kann, wenn  der leitende Minister der auswärtigen Angelegenheiten
       angeklagt wird vor den gewählten Volksvertretern, daß er eine be-
       rechtigte Klage  eines seiner Untergebenen, die er jahrelang hin-
       gehalten hat,  so abzudrehen versucht, daß er diesem Untergebenen
       nicht nur  einen, sondern  drei Botschafterposten zur Auswahl an-
       bietet, wenn  er bloß  seine Klage  zurückzieht! Freunde, wo sind
       wir eigentlich  hingeraten? Das sage ich nicht als Politiker, ich
       bin keiner,  sondern das  sage ich  als Mensch, der als Christen-
       mensch gewisse  Begriffe von  Anstand und  Sitte und Sittlichkeit
       mitbekommen hat. Ich habe mal einen Kameraden gehabt, das ist nun
       allerdings in der 'verfluchten' alten Zeit gewesen vor 1914, des-
       sen Vater  hatte Militärlieferungen  gehabt, und  irgendetwas war
       anscheinend nicht  ganz klar.  Der Sohn  war Offizier,  der  Sohn
       mußte verschwinden,  denn das ging nicht, daß auch nur der Schein
       eines Verdachtes  auf jemandem ruhte, der im Namen des Volkes ein
       Amt zu verwalten hatte. Und wenn man schon um solche Dinge solche
       Sachen macht,  was wird man dann erst machen, um einen Krieg, den
       man führen will, als gerechten Krieg zu deklarieren?
       Keine Regierung  hat seit  300 Jahren einen ungerechten Krieg ge-
       führt. Erst  nach dem Kriege wurde festgestellt, daß der Besiegte
       natürlich im  Unrecht gewesen  war. -  Vor 300  Jahren, da gab es
       auch noch  keinen Wehrzwang.  Wir reden von der Wehrpflicht. Über
       die Wehrpflicht läßt sich streiten, denn das ist ein Problem, wie
       weit ein  Staat das  Recht hat, seine Bürger dazu zu zwingen, an-
       dere Leute zu töten. Ein echtes Problem! Aber jedenfalls, wir ha-
       ben nun  seit 150 Jahren den Zwang, daß jeder, der dazu nicht be-
       reit ist,  nun, wenn's  gnädig abgeht,  im Frieden  ins Gefängnis
       oder im  3. Reich  ins Konzentrationslager  oder im Krieg aber an
       die Wand  geschickt und  gestellt wird.  Und das  ist  auch  eine
       Frage, die  mitspricht bei der Frage, ob wir wissen, was wir tun,
       und ob wir's wohl wissen wollen, was wir eigentlich tun. Wenn ich
       Unrecht tue  unter Zwang,  dann will ich ja gar nicht wissen, daß
       ich Unrecht  tue, sonst  wär's ja nicht auszuhalten. Hier war die
       Rede von  den gerechten  Mitteln, die  im Kriege angewandt werden
       müssen. Nun,  wir haben  dieser Theorie längst den Abschied gege-
       ben, seitdem  der General  Ludendorff uns im ersten Weltkrieg den
       totalen Krieg  vordemonstriert und  dann aufgenötigt  hat; und da
       sind eben die Mittel total, d.h. jedes Mittel ist recht, catch as
       catch can.  Jedes Mittel,  womit man  seinen Gegner  kleinkriegen
       kann, kann  angewandt werden.  Und darum ist heute die Ausbildung
       zum Soldaten,  die Ausbildung der Kommandos im zweiten Weltkrieg,
       die Hohe  Schule für  Berufsverbrecher. Mütter  und Väter  sollen
       wissen, was  sie tun,  wenn sie  ihren Sohn Soldat werden lassen.
       Sie lassen  ihn zum  Verbrecher ausbilden. - Und die Kriegführung
       als solche  hat sich  geändert. Es  bedeutete mal  der Krieg: Wir
       wissen nicht,  wer in dieser Streitfrage nachgeben müßte, und da-
       mit wir das feststellen, stellen wir mal fest, wer der Schwächere
       ist. Und  wenn man  festgestellt hatte  in einem Feldzug, wer der
       Schwächere war,  dann wurde der Feldzug mit Friedensverhandlungen
       beendet, und  der Schwächere,  der Unterlegene,  mußte nachgeben.
       Wie weit,  nun darüber sprach man mit ihm, und wenn er nicht ganz
       so weit  nachgeben wollte  wie der  Sieger, es  ist mehrfach pas-
       siert, es  ist uns  1870 so  passiert, dann  wurde der Kampf noch
       einmal wieder  aufgenommen, um  endgültig festzustellen,  wer der
       Schwächere ist.  Davon ist  heutzutage keine Rede mehr. Der Krieg
       selber ist  ja total  geworden in seiner Zielsetzung. Man will ja
       gar nicht  feststellen, wer  der Schwächere ist, sondern man will
       den, der  sich als  der Schwächere erweist, umbringen und ausrot-
       ten. Es soll ja um die Existenzfrage gehen. Wenn Amerika und Ruß-
       land miteinander  Krieg führen  würden -  sie werden's nicht tun,
       Gott sei  es gedankt  -, dann  hat der  Krieg ja bloß einen Sinn,
       wenn nach  dem Kriege bloß noch die Amerikaner oder bloß noch die
       Russen da  sind, sonst hat der Krieg ja seinen Zweck verfehlt und
       hat die  Koexistenzfrage nicht  gelöst, und  dann  ist  nach  dem
       Kriege gar  nichts besser,  als es  vorher war. - Wissen wir, was
       wir tun,  wir Christen,  wenn wir uns an der Vorbereitung, an der
       Rüstung zum  Kriege beteiligen,  wenn wir  heutzutage noch Soldat
       spielen oder mit uns Soldat spielen lassen?"
       Der volle  Wortlaut der Rede ist im Stimme-Verlag, Darmstadt, er-
       schienen (Preis 0.30 DM).
       

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