Quelle: Blätter 1959 Heft 02 (Februar)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       JAMES WARBURG ZUR DEUTSCHLANDFRAGE
       ==================================
       
       Der New  Yorker Bankier  James Warburg vertrat vor den VN-Korres-
       pondenten in  New York  die Auffassung, der erste Schritt zur Lö-
       sung der deutschen Frage müsse im Abzug aller ausländischen Trup-
       pen aus  Deutschland bestehen.  Gleichzeitig setzte er sich dafür
       ein, daß  der Westen  auf freien  gesamtdeutschen Wahlen bestehen
       müsse, diese  jedoch der letzte Schritt zur Wiedervereinigung und
       nicht der erste sein sollten.
       Des weiteren äußerte Warburg folgende Auffassungen:
       1. Die Berlinfrage  darf nur  im Zusammenhang  mit den  breiteren
       Fragen der  Spaltung Deutschlands  und des geteilten Europa erör-
       tert werden.
       2. Der Rapacki-Plan  stellt einen  guten  Ausgangspunkt  für  die
       Schaffung jener  Sicherheit dar,  die zur  Ermöglichung der deut-
       schen Wiedervereinigung benötigt wird.
       Dieser Plan des rotpolnischen Außenministers sieht einen soforti-
       gen Stop  der atomaren Aufrüstung der Streitkräfte in der Bundes-
       republik, in  der Zone,  Polen und Tschechoslowakei vor sowie Un-
       terhandlungen um  den Abzug  aller ausländischen  Truppen aus dem
       mitteleuropäischen Raum.
       "Die Realisierung  dieses Themas", so meinte Warburg, "würde Ver-
       hältnisse schaffen,  unter denen  man vernünftigerweise eine all-
       mähliche Wiedervereinigung  der beiden deutschen Staaten erwarten
       könnte."
       
       Was will Adenauer?
       ------------------
       
       Vera M. Dean, Herausgeberin der "Headline Series" der Foreign Po-
       licy Assn.,  vertrat anschließend  die Auffassung, sie stimme mit
       Warburgs Ansichten generell überein, insbesondere jedoch mit dem,
       was er über den Rapacki-Plan gesagt habe.
       Sie äußerte  starke  Zweifel  daran,  ob  Bundeskanzler  Adenauer
       tatsächlich die  Wiedervereinigung wolle. "Es sieht keineswegs so
       aus", sagte sie wörtlich.
       Sie machte ferner darauf aufmerksam, daß die westdeutschen Behör-
       den sehr enge Kontakte zum Zonenregime unterhielten, insbesondere
       auf dem  Gebiet des  Handels, obwohl  Bonn laut gegen jede Aktion
       der Westmächte  protestiere, die  als eine diplomatische Anerken-
       nung des Zonenregimes gedeutet werden könne.
       Frau Dean  meinte schließlich,  es sei eine völlig unrealistische
       Vorstellung, daß  die Armee  eines wiedervereinigten Deutschlands
       mit Atomwaffen  ausgerüstet sein  könne. Vor einer Wiedervereini-
       gung müsse der Westen der Schaffung einer Situation zustimmen, in
       der Osteuropa  nicht mehr  ausschließlich auf  den Schutz der So-
       wjetunion vor  einem aufgerüsteten vereinten Deutschland angewie-
       sen sei.
       (New Yorker Staatszeitung und Herold, New York, 7. Februar 1959)
       

       zurück