Quelle: Blätter 1959 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DORTMUNDER ERKLÄRUNG DES "STÄNDIGEN KONGRESSES ALLER
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       GEGNER DER ATOMAREN AUFRÜSTUNG IN DER BUNDESREPUBLIK"
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       Von Dortmund,  das durch  seinen Kampf gegen Atom- und Raketentod
       Vorbild deutscher  Verantwortung geworden  ist, rufen wir die Be-
       völkerung der Bundesrepublik:
       Leistet Widerstand! Rettet unser Leben! Sichert den Frieden!
       Atomraketen vor  den Toren Dortmunds - dieser Befehl von Adenauer
       und Strauß  ist rücksichtslose Mißachtung der Sicherheit von Mil-
       lionen Männern,  Frauen und Kindern im Ruhrgebiet, ein Schlag ge-
       gen das Lebensrecht der ganzen Bevölkerung in der Bundesrepublik.
       Aber Dortmund  duldet nicht,  daß ihm das Schicksal von Hiroshima
       und Nagasaki  bereitet wird.  Überall, wo  sich nach dem Beispiel
       von Dortmund  auch die großen Organisationen der Arbeiterbewegung
       mit an die Spitze stellen, dort werden die Pläne der Adenauer und
       Strauß scheitern.
       Noch ist die Gefahr nicht gebannt.
       Die  Atomrüstungspolitiker  wollen  im  Ruhrgebiet  ihren  Willen
       durchsetzen, um  dann in ganz Westdeutschland den Kampfwillen für
       Frieden, Freiheit und Sicherheit zu brechen.
       Wir stehen  zu Dortmund!  Mit Dortmund schützen wir unseren Frie-
       den, unser Leben, unsere Heimat!
       Wir müssen heraus aus der Sackgasse, in die uns die "Politik hart
       an dem  Rand des Krieges" geführt hat. Wir dürfen nicht mehr dul-
       den, daß  die Adenauer  und Strauß durch ihr Festhalten an dieser
       gescheiterten Politik  die Bundesrepublik nach Osten und nach We-
       sten isolieren,  jede Möglichkeit der innerdeutschen und interna-
       tionalen Entspannung  verhindern und  uns in ein neues Stalingrad
       führen.
       Schon einmal  hat ein "Führer" gesagt: "Gebt mir vier Jahre Zeit,
       und ihr  werdet Deutschland nicht wiedererkennen". Als Folge die-
       ser Jahre  marschierten Deutschlands Männer in Tod und Verderben,
       erstickten Millionen  deutsche Frauen  und Kinder unter den Trüm-
       mern deutscher Städte.
       Jetzt fordern  dieselben Leute mit den Herren Adenauer und Strauß
       zwei Jahre,  die sie  dazu benutzen  wollen,  die  Bundesrepublik
       atomkriegsbereit zu machen. Diese zwei Jahre darf ihnen das deut-
       sche Volk um seiner Existenz willen nicht lassen.
       1952 bestand  für uns  die Möglichkeit,  einen Friedensvertrag zu
       erhalten und  die Wiedervereinigung  auf dem Wege gesamtdeutscher
       Wahlen zu  vollziehen. Die  Bundesregierung antwortete  auf diese
       Angebote mit  dem Abschluß der Pariser Militär-Verträge, dem Bei-
       tritt der  Bundesrepublik zur  Nato und der Einführung der allge-
       meinen Wehrpflicht. 1958 lag es allein an der Haltung der Bundes-
       regierung, daß  eine kernwaffenfreie  Zone in  Mitteleuropa nicht
       zustande kam.  Damit wurde  verhindert,  daß  an  dem  spannungs-
       geladensten Teil  der Welt  ein entscheidender Schritt zur Siche-
       rung des Friedens getan werden konnte.
       Auf dem  Wege einer  Konföderation der  beiden deutschen  Staaten
       könnte eine  Entspannung zwischen ihnen erreicht und ihre Wieder-
       vereinigung vorbereitet  werden, das  war und  ist noch heute der
       Vorschlag der Deutschen Demokratischen Republik.
       Adenauer und  Strauß antworteten auf diese Angebote zur Befriedi-
       gung Mitteleuropas  mit der beschleunigten Durchführung ihrer Rü-
       stungspläne, mit  der Stationierung von Atomwaffen auf dem Terri-
       torium der  Bundesrepublik und  mit der Erklärung, die Bundeswehr
       werde bis 1961 atomkriegsbereit sein. Das kann und darf nicht ge-
       schehen.
       Die Politik  des Kanzlers  "erst stärker werden, dann verhandeln"
       ist am  Ende. Die jetzt mit dem Vorschlag einer Friedenskonferenz
       gebotene Möglichkeit zur friedlichen Lösung der deutschen und eu-
       ropäischen Probleme darf nicht wieder ungenutzt bleiben.
       An Stelle  der gescheiterten  Politik Adenauers muß eine deutsche
       Politik treten, die unserem Volk folgende Rechte gibt:
       einen dauerhaften Frieden,
       seine volle Souveränität,
       die Befreiung von atomarer Bedrohung und
       die friedliche demokratische Wiedervereinigung seines Landes.
       Die Herren Adenauer und Strauß sagen wieder nein sie wollen keine
       Verhandlungen über  einen Friedensvertrag  - für  sie sind solche
       Verhandlungen unannehmbar, da sie ihre auf der alten Nato-Strate-
       gie aufgebauten  Atomrüstungspläne stören.  Aber diesmal  muß das
       Volk in der Bundesrepublik an Stelle des "Nein" aus Bonn das "Ja"
       zu Verhandlungen  über einen Friedensvertrag erzwingen, die jetzt
       begonnen werden müssen, damit vor dem 27. Mai eine für die fried-
       liche Losung der Berlin-Frage verbesserte Atmosphäre entsteht.
       Macht das Tor auf zu Verhandlungen!
       Befreit von  den Milliardenlasten  der Rüstung,  wird unser  Volk
       neue Möglichkeiten  zur Verhinderung  und Ausschaltung von Krisen
       haben. Die  sozialen Leistungen  können erhöht und der allgemeine
       Wohlstand gehoben werden.
       Befreit von  den Fesseln  der Kriegswirtschaft und den Handelsbe-
       schränkungen, werden Industrie, Handel und Handwerk zu einer sta-
       bileren Wirtschaft entwickelt werden können.
       Befreit von  dem Alpdruck  der drohenden  Boden-,  Pflanzen-  und
       Viehverseuchung, der  Landenteignung für militärische Zwecke, des
       Entzugs junger  Arbeitskräfte, der  erhöhten Steuerlasten, werden
       die deutschen  Bauern in  Frieden säen und in Frieden ernten kön-
       nen.
       Befreit von  dem Gewissenskonflikt,  daß menschlicher Geist durch
       den Ungeist der Massenvernichtungen und des Nihilismus mißbraucht
       wird, werden deutsche Wissenschaft und Kunst wieder mit Stolz für
       ihre Nation schöpferisch tätig sein und den deutschen Beitrag zur
       Menschheitskultur mehren  können. Deutsche  Pädagogen werden ohne
       Einschränkung unsere Jugend im Geiste der Völkerverständigung und
       zu demokratisch selbstbewußten Bürgern unseres Landes erziehen.
       Befreit von  der Angst  und der Sorge um das "Morgen", werden die
       deutschen Frauen das volle Glück empfinden, Spenderin und Hüterin
       des Lebens zu sein.
       Befreit von dem entwürdigenden Zwang zum Atomkriegshandwerk, wird
       unsere Jugend  den Weg zu neuen Idealen, zu einem neuen Selbstbe-
       wußtsein und damit zu einer echten nationalen Zukunftsvorstellung
       finden.
       Die zur zweiten Plenarsitzung des "Ständigen Kongresses" in Dort-
       mund versammelten  Vertreter aus den Ausschüssen "Kampf dem Atom-
       tod", der  "Aktionsgemeinschaft gegen  die atomare Aufrüstung der
       Bundesrepublik", aus  Betrieben und Gewerkschaften, aus den Frie-
       densverbänden, den  Organisationen der Frauen, der Jugend und der
       Bauern und  Vertreter der geistigen Berufe wiederholen den Appell
       der Gelsenkirchener  Gründungstagung des  "Ständigen Kongresses",
       sich dem  Arbeitsausschuß "Kampf  dem Atomtod" oder der "Aktions-
       gemeinschaft gegen  die atomare  Aufrüstung  der  Bundesrepublik"
       oder einer  regionalen  Widerstandsgruppe  anzuschließen  und  in
       dieser  Organisation  nach  Kräften  dahin  zu  wirken,  daß  der
       "Ständige Kongreß"  seine koordinierende,  vermittelnde und  aus-
       gleichende Funktion wirksam erfüllen kann.
       Wir appellieren  an die Einsicht und an das Verantwortungsbewußt-
       sein aller  Frauen und  Männer, die um den Frieden und um den Be-
       stand unserer  Nation besorgt  sind: Macht  mit uns  zusammen den
       "Ständigen Kongreß" zu einer großen, unwiderstehlichen Sammlungs-
       bewegung aller Gegner der atomaren Aufrüstung der Bundesrepublik.
       Jetzt müssen  alle Mißverständnisse zwischen den Gegnern der ato-
       maren Aufrüstung  der Bundesrepublik  ausgeräumt, alle  Hemmnisse
       bei der  Zusammenarbeit überwunden  werden. Weisen wir jeden Ver-
       such, Mißtrauen  in unsere  Reihen zu  tragen, gemeinsam mit Ent-
       schiedenheit zurück.
       Wir alle,  die wir den Frieden und das Glück für ganz Deutschland
       wollen, wir sind das Volk!
       Wir wollen  nicht mehr Opfer, sondern Träger der Geschichte sein!
       Wir sehen  die Gefahr! Wir erkennen unsere Macht! Nichts darf uns
       trennen! Wir  sind es,  die unser  nationales Schicksal zum Guten
       wenden müssen.  Reichen wir uns die Hand zur rettenden Tat! Dort-
       mund/Schwerte, den 8. März 1959
       

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