Quelle: Blätter 1959 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUSSPRÜCHE WÄHREND MACMILLANS AUFENTHALT IN DER SOWJETUNION
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       In seiner Begrüßungsansprache auf dem Bankett der Britischen Bot-
       schaft zu  Ehren von  Premierminister MacMillan  am  23.  Februar
       sagte Chrustschow:
       "Die sozialen  Lebensbedingungen hängen in jedem Lande vom Willen
       des betreffenden  Volkes ab.  Wir leben auf dem gleichen Planeten
       und müssen  den Weg  zum Frieden  auf der Erde finden. Unser Volk
       wünscht diesen  Frieden. Ich  trinke auf unser gegenseitiges Ver-
       ständnis und auf unsere Koexistenz."
       Am 24.  Februar führte Ministerpräsident Chrustschow vor den Wäh-
       lern des  Moskauer Bezirks  Kalinin, in  dem er  als Mitglied des
       Obersten Sowjets  kandidiert, folgendes  aus: "Die  von  uns  ge-
       wünschte Gipfelkonferenz sollte sich folgende Tagesordnung geben:
       1. Das Problem des deutschen Friedensvertrages; 2. Fragen der eu-
       ropäischen Sicherheit;  3. Rückzug  der auf  fremden  Territorien
       stationierten Truppen; 4. Bezeichnung der Stationierungszonen der
       Streitkräfte der  Nato und  der Warschauer-Pakt-Länder;  5. Abrü-
       stungsproblem; 6.  Verbot von Atom- und Wasserstoffwaffen und der
       Kernversuche zu militärischen Zwecken."
       Chrustschow fuhr dann fort: "Warum zielen wir auf eine Gipfelkon-
       ferenz ab?  Weil die  Regierungschefs dazu  berufen sind,  solche
       Probleme zu  lösen. Eine  Konferenz der  Außenminister vermag das
       nicht. Konferenzen  von Außenministern erhöhen also derart kriti-
       sche Spannungen,  wie sie  heute bestehen,  leicht, statt  sie zu
       vermindern." Zum Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland
       sagte Chrustschow:  "Der  Abschluß  eines  Friedensvertrages  mit
       Deutschland hätte automatisch den Verfall aller früheren Abkommen
       über Fragen  des Besatzungsregimes  zur Folge.  Deshalb haben wir
       vorgeschlagen, Berlin zur freien Stadt zu erklären, wobei die So-
       wjetunion, die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich
       unter Beteiligung  der Vereinigten Nationen die Respektierung des
       abgeschlossenen Vertrags garantieren."
       Chrustschow trat  auch für eine besondere russisch-englische Ver-
       ständigung ein:  "Die Regierung  der Sowjetunion  ist bereit, mit
       Großbritannien für  zwanzig Jahre einen Freundschafts- und Nicht-
       angriffspakt abzuschließen,  und, falls diese Zeitperiode als un-
       genügend erachtet  wird, sogar  für fünfzig  oder mehr Jahre. Wir
       wollen, daß  England unser  Freund wird.  Unsererseits wollen wir
       Freunde Großbritanniens und seiner Freunde werden, in dem wir die
       Unterzeichnung eines solchen Abkommens vorschlagen."
       Zum Friedenswillen  der Sowjetunion  sagte Chrustschow:  "Die So-
       wjetunion bedarf  des Friedens für die Verwirklichung ihrer wirt-
       schaftlichen Pläne. Wir halten an den Beschlüssen des 21. Partei-
       tages fest,  die die  Aufrechterhaltung des  Friedens und der Si-
       cherheit als  vordringlichste Aufgabe  bezeichnet haben, und zwar
       auf Grund  der friedlichen  Koexistenz, der Beendigung des Kalten
       Krieges und  der Verminderung  der internationalen  Spannung. Man
       muß die  Kriegsdrohungen aus  der internationalen Atmosphäre ver-
       drängen, Wir  sind sicher,  daß es durch gemeinsame Anstrengungen
       möglich sein wird, die Wolken, welche den Himmel verdunkeln, auf-
       zulösen, dies  namentlich in  bezug auf  Westdeutschland und Ber-
       lin."
       Zum Besuch  des englischen  Premiers MacMillan sagte Chrustschow:
       "Unser Volk  ist gastfreundlich und schätzt sich immer glücklich,
       diejenigen zu  empfangen, welche  mit guten Absichten kommen. Wir
       verachten alles  Unpassende. Ich  bin sicher,  daß unsere Polizei
       während des  Aufenthaltes der britischen Gäste keine gleiche Auf-
       gabe zu erfüllen hat, wie sie die amerikanische Polizei anläßlich
       des Besuches  von Mikojan  in den  Vereinigten  Staaten  erfüllen
       mußte. Man  sagte mir, daß ungarische und amerikanische Radaubrü-
       der Mikojan  begrüßten und dabei ihre Hosentaschen mit faulen Ei-
       ern angefüllt hatten.
       Die amerikanische  Polizei übernahm  bei dieser  Gelegenheit  die
       gute Aufgabe, die Eier in den Taschen selbst zu Omeletten zu ver-
       wandeln. Solche Maßnahmen sind in der Sowjetunion überflüssig."
       Auf dem  Abschiedsempfang im Kreml am 2. März wurden folgende Ge-
       danken  zum   Ausdruck  gebracht.  Ministerpräsident  Chrustschow
       sagte: "Wir hoffen, daß wir bei der nächsten Verhandlungen Lösun-
       gen werden finden können, die für alle annehmbar sind. Nach unse-
       ren Gesprächen  mit MacMillan  ist es uns gelungen, unsere gegen-
       seitigen Positionen zu klären. Wir sind für die nächsten Verhand-
       lungen besser  vorbereitet. Unsere  Standpunkte haben  sich genä-
       hert. Selbstverständlich  erwarten die  Völker mehr  von uns. Sie
       wünschen Lösungen,  die die  Angst beheben  und den  Frieden auf-
       rechterhalten. Unsere  britischen Gäste  haben ein korrektes Ver-
       ständnis für unsere Haltung bekundet. Sie haben ihrerseits inter-
       essante Ideen  vorgebracht, namentlich  hinsichtlich der Einstel-
       lung der Kernwaffenversuche."
       Nach Ausführungen  darüber, daß die Atmosphäre des Kalten Krieges
       nicht über Nacht in eine warme Friedensatmosphäre verwandelt wer-
       den könne, daß die Möglichkeiten da für aber keineswegs geschwun-
       den oder  auch nur verringert seien, verbreitete sich Chrustschow
       über die  gemeinsamen Handelsinteressen  Großbritanniens und  der
       Sowjetunion: "Wir  haben festgestellt, daß unser Handelsaustausch
       ungenügend ist.  Die britischer  Staatsmänner haben ihr Interesse
       für dessen  Erweiterung bekundet.  Britische Firmen  sind bereit,
       uns mit  Material zu  versorgen. Die  Sowjetunion könnte  solchen
       Firmen bedeutende Bestellungen zukommen lassen. Unser Siebenjahr-
       plan ist  auf unseren  innerer Mitteln  begründet, doch wären wir
       bereit, mit  Großbritannien und  anderen Ländern  Verträge  abzu-
       schließen, falls  sie mit  uns Handel  treiben wollen.  Wir  sind
       ebenfalls übereingekommen,  Delegationen von  Technikern und Wis-
       senschaftlern zwischen  der Sowjetunion und Großbritannien auszu-
       tauschen."
       In seiner  Antwort sagte Premierminister MacMillan: "Erstens sind
       Großbritannien und die Sowjetunion bereit, sich nicht anzugreifen
       und getreu der Charta der Vereinter Nationen zu handeln; zweitens
       erklären sich die beiden Staaten bereit, die gegenseitigen Inter-
       essen nicht  zu stören,  und drittens  sind sie vor allem bereit,
       alle  Meinungsverschiedenheiten  durch  Verhandlungen  und  nicht
       durch Gewalt zu lösen." MacMillan schloß mit den Worten: "Ich bin
       überzeugt, daß unsere gegenwärtigen Besprechungen zu ausgedehnte-
       ren internationalen  Verhandlungen führen  werden. Diese Verhand-
       lungen müssen  auf der  vertieften Kenntnis der gegenseitigen An-
       sicht fußen  und müssen  von den  ernsthaften Bestreben  geleitet
       werden, ein  Abkommen zu  erreichen. Wir  werden dieser Besuch in
       der Sowjetunion nie vergessen. Ich bin von tiefer Dankbarkeit für
       die Gastfreundschaft erfüllt, die Sie uns geboten haben."
       

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