Quelle: Blätter 1959 Heft 04 (April)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       PROF. GOLLWITZER STELLT DEM POLNISCHEN AUSSENMINISTER FRAGEN
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       Prof. Gollwitzer, Stuttgart O, Gänsheidestraße 70,
       Telefon 2 04 86
       Stuttgart, den 2. Februar 1959
       
       An
       Seine Exzellenz den Außenminister der Volksrepublik Polen
       Herrn Adam Rapacki
       Warschau
       
       Ew. Exzellenz!
       Viele Angehörige  der  geistigen  Berufe  in  der  Bundesrepublik
       Deutschland sind  von tiefer Sorge erfüllt über die Fortdauer des
       allgemeinen Wettrüstens. Sie begrüßen jeden Schritt, der geeignet
       erscheint, die  Verständigung zwischen den Völkern und die inter-
       nationale Abrüstung zu erleichtern. Sie sind an einer politischen
       Entspannung umso  mehr interessiert,  als sie  wissen, daß  unser
       Volk getrennt bleibt, solange die Welt von militärischen Interes-
       sen beherrscht wird.
       Daher hat  der von  Ew. Exzellenz  am 2. Oktober 1957 vor der UNO
       entwickelte Plan  zur Bildung einer atomwaffenfreien Zone im Her-
       zen Europas  in weiten Kreisen der westdeutschen Intelligenz leb-
       haften Widerhall gefunden. Wir sind davon überzeugt, daß Ihr Plan
       in der  modifizierten Form,  in der  Sie ihn in Oslo in einem vor
       Studenten gehaltenen  Vortrag und  am 4.  November 1958 auf einer
       internationalen Pressekonferenz  vertreten haben,  erhöhte Beach-
       tung und Aufmerksamkeit verdient.
       Es dürfte  Ew. Exzellenz bekannt sein, daß die derzeitige Bundes-
       regierung befürchtet,  daß der von Ihnen propagierte Plan Risiken
       in sich  schließt, die  sie im  Interesse der  Sicherheit unseres
       Landes nicht  auf sich  nehmen könnte.  Unseres Erachtens wäre es
       für eine sachliche und kritische Erörterung Ihres eindrucksvollen
       Planes in  der Bundesrepublik  von großem  Vorteil, wenn  Sie die
       Güte hätten, durch Beantwortung nachstehender Fragen zur weiteren
       Klärung beizutragen:
       1. Nach Ihren  Vorschlägen, die  in ihrer  jüngsten Form  in zwei
       Etappen verwirklicht  werden sollen,  müßten Polen,  die CSR, die
       DDR und  die Bundesrepublik  Deutschland sich  verpflichten,  auf
       eine atomare  Ausrüstung der  eigenen Streitkräfte zu verzichten,
       fremde Truppen,  die mit  Kernwaffen ausgerüstet  sind, auf ihrem
       Territorium nicht zu dulden und ihre konventionellen Streitkräfte
       zu verringern.  Was hätten  Sie auf die in der Bundesrepublik und
       in den USA laut gewordenen Bedenken, daß durch ein solches Abkom-
       men die  Staaten der  Nato gegenüber  den Staaten  des Warschauer
       Paktes militärisch benachteiligt würden, zu entgegnen?
       2. Wie  denken Sie  über den Einwand, daß eine regionale atomwaf-
       fenfreie Zone  illusorisch sei,  noch illusorischer als eine neu-
       trale Zone,  weil es in einem modernen Krieg für eine atomwaffen-
       freie oder neutrale Zone keinen Schutz gebe?
       3. Wäre  die Volksrepublik  Polen damit einverstanden, daß - ent-
       sprechend dem  Vorschlag der  englischen Labour  Party - auch die
       Volksrepublik Ungarn,  sofern sie  sich dazu  bereit fände,  ohne
       westliche Gegenleistung  in die  atomwaffenfreie Zone  einbezogen
       würde?
       4. Glauben Sie oder haben Sie konkrete Anhaltspunkte, daß weitere
       westliche oder  östliche Länder  früher oder später bereit wären,
       dem Beispiel der von Ihnen zunächst angesprochenen vier Länder zu
       folgen, so  daß sich  der atomwaffenfreie Raum in Europa schritt-
       weise ausdehnen würde?
       5. Sie haben  für die Verwirklichung Ihres Planes in beiden Etap-
       pen geeignete  Kontrollmaßnahmen vorgesehen. Sind Sie davon über-
       zeugt, daß  dieses Kontrollsystem  so  zuverlässig  funktionieren
       würde, daß  eine Vertragsverletzung in jedem der beteiligten Län-
       der ausgeschlossen ist?
       6. Halten Sie  es für wünschenswert und möglich, daß sich bei der
       Verwirklichung der  atomwaffenfreien Zone die UNO einschaltet und
       bestimmte Garantien übernimmt?
       7. Ew. Exzellenz  ist bekannt, daß die Bundesrepublik Deutschland
       die DDR nicht als selbständigen Staat anerkennt, sondern sich al-
       lein als  rechtmäßige Nachfolgerin des Deutschen Reiches betrach-
       tet. Glauben  Sie, daß die in einer Note vom 15. Februar 1958 von
       der polnischen Regierung zur Umgehung der erwähnten Schwierigkei-
       ten vorgeschlagene   e i n s e i t i g e  Beitrittserklärung eine
       völkerrechtlich unangreifbare  Lösung darstellt, die alle Besorg-
       nisse der  Bundesrepublik bezüglich einer dadurch bedingten Aner-
       kennung der Spaltung Deutschlands gegenstandslos macht?
       8. Würde die  von Ihnen  vorgeschlagene atomwaffenfreie Zone nach
       Ihrer Ansicht  einen Friedensvertrag mit Deutschland und die Wie-
       derherstellung der deutschen Einheit erleichtern und inwiefern?
       9. Glauben Sie,  daß die  Bildung einer atomwaffenfreien Zone ge-
       eignet wäre,  die politischen Beziehungen zwischen der Volksrepu-
       blik Polen  und der  Bundesrepublik Deutschland zu verbessern und
       den gegenseitigen  Güteraustausch sowie  die kulturellen Kontakte
       zu intensivieren?
       Die von Ihnen angeregte und propagierte Bildung einer atomwaffen-
       freien Zone im Herzen Europas entspricht unseren eigenen Vorstel-
       lungen und  Forderungen. Wir  sind entschlossen, für unseren Teil
       dazu beizutragen,  daß die  Gegensätze und  Vorurteile, die heute
       noch das  gute Einvernehmen  der Völker  erschweren, schrittweise
       beseitigt werden.  Es scheint  uns daher unerläßlich, daß wir uns
       vor allem  auch über  die Tragweite  Ihres Planes  volle Klarheit
       verschaffen.
       Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung!
       Im Namen der beigefügten Unterzeichner
       Ew. Exzellenz sehr ergebener
       gez: Gerhard Gollwitzer
       
       Dem Brief  von Professor  Gerhard Gollwitzer schließen sich unter
       anderen an:
       Prof. Dr. Fritz Baade, Kiel - Studienprof. H. Bauermeister, Dies-
       sen/Ammersee -  Prof. Otto  Baum, Stuttgart - Curt Bock, Pfarrer,
       Freudenberg -  Hans A.  de Boer, CVJM-Sekretär, Heilbronn - Prof.
       Dr. Max  Born, Bad  Pyrmont - Helmut Brauss, Pianist, Stuttgart -
       Dr. Kurt-Erich  Borsutzky, Rheine/Westf.  - Prof.  Walter  Brudi,
       Stuttgart -  Rudolf Daudert,  Bildhauer, Stuttgart - Rudolf Daur,
       Pfarrer, Stuttgart  - Prof.  Georg Dehn,  München -  Prof. D. Dr.
       Friedrich Delekat,  Mainz -  Dr. W. Dielhenn, Pfarrer, St. Goar -
       Bertold Eitel,  Pfarrer, Offenbach a.M. - Erich Engel, Regisseur,
       Berlin -  Cuno Fischer,  Kunstmaler, Stuttgart  - Prof. Dr. Ernst
       Fraenkel, Frankfurt a.M. - Prof. Dr. Gerhard
       Franz, Mainz - Albrecht Goes, Schriftsteller, Stuttgart - D. Hel-
       mut Gollwitzer,  Berlin -  Prof. Hans  Grischkat, Stuttgart - Dr.
       Grosse-Brauckmann, Göttingen  - Olaf Gulbransson, Architekt, Mün-
       chen -  Dr. Paul  Haag, Rechtsanwalt,  Frankfurt a.M. - Prof. Dr.
       Richard Hamann  MacLean, Marburg/Lahn  - Ludwig  Hartmann, Archi-
       tekt, Stuttgart  - Prof.  Dr. Wilhelm Hasenack, Göttingen - Prof.
       Dr. Gustav Heckmann, Hannover - Willi Heintzeler, Pfarrer, Stutt-
       gart -  Dr. Hans  Henrich, Schriftsteller, Frankfurt a.M. - Prof.
       D. Dr.  Johannes Hessen, Köln - Heinz Hilpert, Intendant, Göttin-
       gen -  Karl Hirtler,  Oberregierungsrat, Stuttgart  - Prof.  Karl
       Hubbuch, Karlsruhe - Prof. Dr. Walter Jens, Tübingen - Ulrich Ka-
       bitz, Jugendkammer EKD, Stuttgart - Prof. Dr. R.W. Kaplan, Frank-
       furt a.M.  - Prof.  Dr. Oskar  Kaul, Unterwössen/Obb. - Dr. Marie
       Hed Kaulhausen, Göttingen - Prof. Dr. Hermann Keller, Stuttgart -
       Prof. Wilhelm Keller, Detmold - Prof. Wilhelm Krauss, Karlsruhe -
       Rosel Lohse-Link,  Stuttgart -  Prof. Dr. Alfred von Martin, Mün-
       chen - Prof. Karl Marx, Stuttgart - Prof. Hermann Mattern, Kassel
       - Prof.  Dr. Paul  Mies, Köln - Herbert Mochalski, Pfarrer, Darm-
       stadt -  Dr. Charlotte  Niederhommert, Leverkusen - Prof. Dr. Ul-
       rich Noack,  Würzburg -  Prof. Dr.  Gerhard Pfahler,  Tübingen  -
       Prof. Dr.  Franz Rauhut,  Würzburg -  Prof. Dr. Hans Rheinfelder,
       München -  Prof. Dr.  Renate Riemeck, Wuppertal-Elberfeld - Prof.
       Ernst Röttger,  Kassel -  Heinz Rolffs,  Pfarrer,  Essen  -  Kurt
       Roschmann, Schriftsteller,  Stuttgart -  Ernst Rowohlt, Verleger,
       Hamburg - Prof. Dr. Friedrich Siegmund-Schultze, Münster/Westf. -
       Dr. Helmut  Simon, Landgerichtsrat,  Düsseldorf - Ernst Summerer,
       Architekt, Stuttgart  - Prof.  Dr. Hans  Schaefer,  Heidelberg  -
       Prof. Dr. George Schaltenbrand, Würzburg - Carlo Schellmann, Gra-
       phiker, Augsburg  - Prof.  Otto Michael Schmitt, Nürnberg - Prof.
       Dr. Franz Paul Schneider, Würzburg - Hermann Schröder, Architekt,
       Stuttgart -  Prof. Dr.  Friedrich Schuh,  Erlangen -  Hans-Jürgen
       Schultz, Schriftsteller, Stuttgart - Hermann Schweitzer, Studien-
       rat, Ahlen/Westf.  - Prof.  Dr. Curt  Staff, Frankfurt a.M. - Dr.
       Ferdinand Stuttmann,  Direktor, Hannover  - Prof.  Wilhelm Wagen-
       feld, Stuttgart - Rolf Weber, Studienrat, Bad Boll - Dekan Weber,
       Stuttgart -  Prof. Leo  Weismantel, Jugenheim/Bergstr. - Dr. Her-
       bert Werner,  Pfarrer, Stuttgart - Prof. D. Ernst Wolf, Göttingen
       - Prof.  Bernhard Wosien,  Nürnberg - Prof. Ernst Zinsser, Hanno-
       ver.
       

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