Quelle: Blätter 1959 Heft 04 (April)


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       Major a.D. Hans-Moritz v. Frankenberg u. Proschlitz
       
       ZEHN JAHRE NATO - ZEHN JAHRE UNSICHERHEIT
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       Ein Rückblick  auf die Entstehung der Nato ist nicht nur eine mi-
       litärische, sondern  hochpolitische Schau  der  Weltpolitik  seit
       1945. Die  nachstehenden Ausführungen  sollen zur Klärung der zu-
       rückliegenden Ereignisse  beitragen und mit Geschichtsfälschungen
       aufräumen, die  in unserer  Zeit die  Gehirne vernebeln, die Men-
       schen immer  wieder in  Angst versetzen  und die politische Atmo-
       sphäre vergiften.
       
       Westliche Behauptungen
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       Die Politiker der Weststaaten, die westdeutsche Regierung und die
       Parteien des  Bonner Bundestages behaupten, daß das dringende Si-
       cherheitsbedürfnis des  Westens angesichts  der sowjetischen  Ag-
       gressionspolitik und  die notwendige  Gemeinsamkeit zur Schaffung
       günstigerer Positionen  für Verhandlungen mit dem Osten die Grün-
       dung der  Nato erforderlich  gemacht hätten. Die Nato wäre ledig-
       lich ein  Zusammenschluß zur kollektiven Verteidigung des Westens
       gegen die  Sowjetunion. Am  17. März  haben demzufolge  sich fünf
       Mächte -  England, Frankreich  und die  drei Beneluxstaaten  - im
       Brüsseler Vertrag,  als Vorläufer  der Nato, zusammengeschlossen,
       und am  4. April  1949 ist dann unter Hinzutritt von den USA, Ka-
       nada, Dänemark,  Norwegen, Island,  Italien und  Portugal zu  den
       Brüsseler Paktstaaten  der Nordatlantikvertrag (Nato) durch diese
       12 Nationen  unterzeichnet worden.  Am 18.  Februar  1952  traten
       Griechenland und  die Türkei  dem Vertrag  bei, die  schon am 12.
       März 1947  durch die Truman-Doktrin an den Westen gebunden waren,
       und am  9. Mai  1955 wurde  als 15.  Staat die Bundesrepublik als
       Mitglied in die Nato aufgenommen.
       Es lohnt sich, diese Entwicklungsgeschichte einmal aufmerksam ei-
       ner genauen  Prüfung zu  unterziehen und  zu untersuchen, wer ei-
       gentlich die Schuld für die langjährigen weltpolitischen Spannun-
       gen, für  das Wettrüsten,  für die  Spaltung  der  Welt  in  zwei
       Blöcke, für die Gefahr eines dritten Weltkrieges trägt.
       
       Englisch-amerikanische Hegemonie als Ziel
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       Während Churchill  noch am 28. April 1945, also kurz vor dem Ende
       des 2.  Weltkrieges, scheinheilig  nach Moskau telegrafierte, daß
       die weitere  Zusammenarbeit der USA, Englands und der Sowjetunion
       eine gebieterische  Notwendigkeit  sei,  "ungeachtet  der  unter-
       schiedlichen Systeme,  des Denkens  und der Regierung", erließ er
       wenige Tage  darauf, Anfang  Mai, die  Anordnung, alle Waffen der
       kapitulierenden deutschen  Wehrmacht zu sammeln, damit gegebenen-
       falls die  deutschen Armeen  wieder mit  ihnen ausgerüstet werden
       könnten, um mit den USA und England gegen die Sowjetunion zu mar-
       schieren. Zehn Monate später, am 5. März 1946, forderte Churchill
       im Beisein Trumans in Fulton ein englisch-amerikanisches Militär-
       bündnis gegen die Sowjetunion, mit dem eindeutigen Verlangen, die
       Sowjetunion solle  die Weltherrschaft der angelsächsischen Mächte
       anerkennen Im  Falle einer Weigerung drohte er mit Krieg. Das war
       der Anfang  der Spaltung der Welt, das war die Erklärung zum kal-
       ten Krieg,  das war der Beginn zu einem antisowjetischen Militär-
       block.
       Der Westen  behauptet, nach dem Kriege bis auf den letzten Hosen-
       knopf abgerüstet  zu haben, im Gegensatz zur Sowjetunion, und nur
       die sowjetische  Aggressionspolitik habe zur Wiederaufrüstung des
       Westens geführt.  Nach eigenen  Angaben der USA belief sich deren
       Truppenstärke im  Jahre 1946 auf 3,3 Millionen Mann. Eine ähnlich
       große Zahl  hatte auch die Sowjetunion noch unter Waffen. Für den
       Westen kam  aber noch ausschlaggebend hinzu, daß er das Atommono-
       pol besaß. Schon von der ersten Nachkriegswoche an versuchten die
       angelsächsischen Mächte,  eine  englisch-amerikanische  Hegemonie
       militärisch und  politisch in der Welt zu errichten. So wurde be-
       schlossen, einen  globalen Antisowjetblock  unter  amerikanischer
       Führung zu  bilden und  rings um die Sowjetunion ein dichtes Netz
       von Militärstützpunkten  zu errichten,  von denen aus durch Druck
       auf einen  Knopf im Pentagon Hunderte von Flugzeugen mit Atombom-
       ben gegen  die Sowjetunion starten könnten. Im Jahre 1948 besaßen
       die USA  bereits über  100 derartige Militärstützpunkte in vielen
       fremden Ländern der Erde.
       Churchill schreibt  nach Jahren  rückschauend in seinem Buch über
       den 2. Weltkrieg, aus der Zeit, als die USA als einzige Macht der
       Erde Kernwaffen besaßen, folgende Ungeheuerlichkeit:
       "Es kam  mir sogar  in den Sinn, daß eine vorher bekanntgegebene,
       doch friedliche  Luftdemonstration über  den wichtigsten sowjeti-
       schen Städten  im Verein  mit der Darlegung einiger unserer neue-
       sten Erfindungen  (gemeint ist  die Atombombe. Der Verf.) den so-
       wjetischen Führern gegenüber, diese zu einer freundschaftlicheren
       und nüchterneren Einstellung bewegen würde."
       Mit einer  solchen Demonstration pflegten die Kommandanten briti-
       scher Kanonenboote  ein Ultimatum zu stellen, wenn sie an den Kü-
       sten von  Kolonialländern aufkreuzten,  um diese  in die  Knie zu
       zwingen.
       Am 12.  März 1947  erklärte Truman  der Sowjetunion offiziell den
       kalten Krieg,  indem die  USA durch die sogenannte Truman-Doktrin
       die "Weltführung"  beanspruchten. Jetzt begann die expansionisti-
       sche USA-Politik  in Westeuropa  zu arbeiten.  Unter dem  Vorwand
       "Organisierung der  Verteidigung gegen  die Sowjetunion"  und mit
       dem alten  Argument Hitlers  von der  angeblichen "Bedrohung" aus
       dem Osten  zwangen die  USA die westeuropäischen Staaten zur for-
       cierten Aufrüstung  und sicherten  sich die Oberaufsicht über die
       Streitkräfte der  Verbündeten. Als Folge dieser USA-Politik wurde
       dann am  4. April 1949 der Atlantikpakt unterzeichnet, drei Jahre
       nach der  ersten dahinzielenden  Anregung Churchills  in  Fulton.
       Doch mit  dem nun zu erwartenden Atomultimatum an die Sowjetunion
       wurde es nichts. Im September 1949 explodierte die erste sowjeti-
       sche Atombombe.
       
       Warschauer Pakt eine Folge der Nato
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       Auffallend ist,  daß der  Atlantikblock ein  Zusammenschluß aller
       Kolonialmächte ist,  nämlich USA,  England, Frankreich,  Belgien,
       Holland, Portugal  (Spanien ist  ohne Mitgliedschaft  militärisch
       verbunden), in dem gegenseitigen Bestreben, den Kolonialbesitz zu
       sichern. Zum anderen ist die Nato ein ausgesprochenes Kriegsbünd-
       nis gegen  die Oststaaten,  die den  Kolonialismus bekämpfen. Als
       die Sowjetunion  am 31.  März 1954  um Aufnahme in die Nato nach-
       suchte, damit  dadurch die  Grundlagen eines  Systems kollektiver
       Sicherheit in  Europa geschaffen  werden könnten, erhielt die So-
       wjetregierung eine Absage. Damit war die Stoßrichtung der Nato in
       aller Weltöffentlichkeit  klar. Erst  ein Jahr  später - und neun
       Jahre nach  der ersten  aggressiven Rede  Churchills in  Fulton -
       antwortete die Sowjetunion mit der Gründung des Warschauer Paktes
       im Jahre 1955 unter Einschluß der DDR.
       Im gleichen  Jahre war vorher die Bundesrepublik in die Nato auf-
       genommen worden.  Damit wurde  ein Plan  Wirklichkeit, der  schon
       lange bestand  und ein  Wunsch der  Bundesregierung war, aber nur
       durch den bisherigen Einspruch Frankreichs und den Umweg über die
       durch Frankreich  später zum  Scheitern gebrachte  EVG  verzögert
       worden war.  Lord Ismay,  der damalige  Generalsekretär der Nato,
       berichtet darüber:  "Im Jahre 1950 waren bei der Herbsttagung des
       Rates sämtliche  Mitglieder im Prinzip mit einer deutschen Betei-
       ligung an der Nato einverstanden. Die einzigen Bedenken erhob der
       französische Außenminister  Robert Schuman.... Da die Möglichkeit
       einer Einigung  nicht bestand,  mußte sich der Ministerrat verta-
       gen, um die Frage später erneut prüfen zu können."
       
       Sind wir militärisch bedroht?
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       Die Bundesregierung begründet ihre Mitgliedschaft in der Nato da-
       mit, daß  ein "sowjetischer  Angriff"  oder  der  Überfall  eines
       "potentiellen Gegners"  zu erwarten  sei. Die Nato-Führung stellt
       die Sowjetunion  als ein  Land hin,  das nur  darauf lauert,  die
       Westmächte zu überfallen, das durch Friedenserklärungen und Frie-
       densaktionen die  Weltöffentlichkeit einlullen  möchte, um  desto
       unauffälliger ihre  Aggression gegen  die Natostaaten vorbereiten
       zu können.
       Die Sowjetunion  nahm in ihrer Note vom 17. November 1956 zu die-
       ser Frage  Stellung: "Es  kann direkt gesagt werden, daß sich ge-
       genwärtig in  Westeuropa eine  solche strategische Lage herausge-
       bildet hat,  die für  die Streitkräfte  der Sowjetunion  noch bei
       weitem günstiger  ist, als es am Ende des 2. Weltkrieges der Fall
       war, wo  die mobilisierte und bewaffnete Sowjetarmee sich in ganz
       Westeuropa hätte  festsetzen können,  wenn sich  die  Sowjetunion
       solche Ziele gestellt hätte."
       Hinzu kommt,  daß in  der Sowjetunion durch den Krieg 1710 Städte
       und über  70 000 Dörfer,  d.h. über 6 Millionen Gebäude, zerstört
       worden waren.  Es gab  25 Millionen  Obdachlose, und Tausende von
       Schulen, Theatern,  Klubs und Fabriken lagen in Schutt und Asche.
       Zusammen mit  den Kriegsunkosten und dem zeitweiligen Verlust der
       Einkünfte aus  Industrie und  Landwirtschaft der  durch  deutsche
       Truppen besetzten Gebiete ist der Volkswirtschaft der Sowjetunion
       durch Hitlers  Überfall ein Schaden entstanden, der 2569 Milliar-
       den Rubel  betrug. Der  zusätzliche Verlust  durch den Tod vieler
       Millionen Menschen ist bei dieser Betrachtung in Zahlen gar nicht
       auszudrücken. Es  ist kaum denkbar, daß ein solches Land, welches
       diese unvorstellbaren  Schäden und Verluste durch wirtschaftliche
       7-Jahrespläne ausgleichen  will und bereits enorm viel geschaffen
       hat, zu einem neuen Kriege bereit sein sollte. Ferner hat die So-
       wjetunion seit  1955 ihre Armee um 2 140 000 Mann vermindert, da-
       von 53 000  Soldaten aus der DDR und 17 000 Besatzungstruppen aus
       Ungarn abgezogen  zur Überführung in die Wirtschaft. Außerdem war
       es die  Sowjetunion, die  als erste freiwillig und ohne Gegenlei-
       stung der  anderen Seite ihre Atombombenversuche eingestellt hat.
       Sie ist  auch heute bereit, die DDR, Polen und die Tschechoslowa-
       kei in  eine atomwaffenfreie  Zone einzubeziehen, wenn der Westen
       mit der Bundesrepublik, ein sehr viel kleineres Gebiet, das glei-
       che tut.
       
       Kosten und politische Folgen
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       Trotz dieser  Angebote und  Konzessionen seitens  der Sowjetunion
       haben die  Natostaaten weiter  und weiter gerüstet, um durch ihre
       "Politik der  Stärke" die  Gegenseite militärisch  in die Knie zu
       zwingen. 500 Milliarden Dollar (= 2 Billionen DM) sind bisher für
       die Aufrüstung  im wahrsten  Sinne des  Wortes verpulvert worden.
       Dazu haben  die Mitgliedstaaten  ihre Selbständigkeit aufgegeben,
       sich wirtschaftlich  erschöpft und  beginnen die  Märkte und Han-
       delsverbindungen in  der Welt  an den  Osten abzutreten. Sie sind
       verpflichtet, einen Teil ihrer Armee und Flotte sowie Luftstreit-
       kräfte dem  amerikanischen Kommando  zu unterstellen,  das seinen
       Sitz, als ständiger Unterausschuß der Generalstäbe, in Washington
       hat. Der  Oberbefehlshaber der Natostreitkräfte in Europa ist ein
       amerikanischer General,  desgleichen werden die acht Nato-Marinen
       von einem  amerikanischen Admiral  befehligt.  Das  amerikanische
       Bomberkommando (SAC) ist die beherrschende Luftmacht des Westens.
       Die Natomitglieder sind verpflichtet, ihr Gebiet für militärische
       Anlagen zur Verfügung zu stellen. Diese Stützpunkte sind exterri-
       toriales Gebiet.  Laut Art.  5 des  Natopaktes müssen  alle  Ver-
       tragspartner sich  an jedem  Kriege beteiligen,  in den eines der
       Blockländer verwickelt  wird. Wie schnell aber ein "Zwischenfall"
       inszeniert und  eine eigene  Aggression als Abwehr eines gegneri-
       schen Überfalls  dargestellt werden  kann, haben  wir erst in der
       jüngsten Geschichte mehrfach erlebt. Somit haben die westeuropäi-
       schen Natopartner  ihre wichtigste  außenpolitische  Entscheidung
       über Krieg und Frieden selbst aus der Hand gegeben
       
       Atomwaffen
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       Hinzu kommt  die Ausrüstung  der Natopartner  mit Atomwaffen, die
       laut Erklärung  des Natoführungsstabes in Paris auf Grund der an-
       geblich  zahlenmäßigen  Unterlegenheit  der  konventionellen  Na-
       totruppen -  zunächst einmal als taktische Atomwaffen - auf jeden
       Fall eingesetzt  werden. Dabei  stützt man  sich auf den Beschluß
       des Nato-Rates vom Dezember 1954 "Über den Plan der wirkungsvoll-
       sten Anwendung  der militärischen Stärke der Nato, der die Anwen-
       dung atomarer  Waffen voraussetzt"  (White paper,  February 1955,
       Statement of Defence, Cmd 9391)
       So erhält  jetzt auch  die Bundeswehr  288 "Honest John"-Raketen,
       die mit  Atomsprengköpfen verschossen  werden können. Dazu werden
       vorerst 36  Abschußrampen gebaut.  Diese Raketen sind in der Bun-
       deswehr unter  dem harmlos  klingenden  Namen  "Feldraketenwerfer
       762" eingeführt. Nun beweist aber die militärische Erfahrung, daß
       kleinere Kaliber  immer stärkere  Granaten oder  Bomben nach sich
       gezogen haben,  d.h. also,  daß die Nato-Pläne der Atomraketenbe-
       waffnung, denen  sich die  Bundeswehr zu  unterwerfen hat, direkt
       auf den  Krieg mit strategischen A- und H-Bomben hinzielen, wobei
       die Raketenabschußrampen in der Bundesrepublik Magneten gleichen,
       die in  erster Linie  die gegnerischen A- und H-Bomben zum Zwecke
       ihrer Ausschaltung anziehen.
       
       Die Nato bietet keine Sicherheit
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       Es ist  also nicht  wahr, wenn der Bundeskanzler im Bundestag als
       Begründung für  den Eintritt  der Bundesrepublik  in die Nato be-
       hauptete, hierdurch  würde verhindert, daß Westdeutschland in ei-
       nem etwaigen  Kriege zum Schlachtfeld würde. Sämtliche bisher be-
       kanntgewordenen Pläne,  Manöver und Äußerungen maßgeblicher west-
       licher Generale  und Politiker  lassen im Gegenteil erkennen, daß
       Deutschland auf  jeden Fall  Kriegsschauplatz wird  und nicht nur
       Deutschland, sondern  ganz Europa  in einem neuen Kriege zerstört
       werden würden. Das westdeutsche Kriegspotential ist von so großer
       Bedeutung, daß  keine der  beiden Großmächte  es unbeschädigt der
       anderen Seite überlassen kann. Die Bundesrepublik liegt im Feuer-
       bereich der  sowjetischen Raketen,  und auch die Amerikaner geben
       selber zu,  daß sie  im Konfliktsfalle Deutschland mit Atombomben
       belegen werden,  um seine Industrie zu zerstören. Aber die Gefahr
       eines Krieges  braucht sich  nicht nur aus Kampfhandlungen in Eu-
       ropa zu  ergeben. Die  westlichen Nato-Großmächte sind durch ihre
       imperialistische Kolonialpolitik  mit  vielen  Ländern  der  Erde
       durch weitere  Militärpakte verbunden. Hätten z.B. die Aggressio-
       nen in  Ägypten, Jordanien  und Libanon  oder die  beabsichtigten
       Einmischungen im  Irak und im innerchinesischen Streit bei Quemoy
       zu einem  Zusammenstoß mit  der Sowjetunion  geführt, so wäre die
       Bundesrepublik auf Grund der Nato-Satzungen automatisch kriegfüh-
       rende Partei geworden, und die Sowjetunion hätte sich aus militä-
       rischen Gründen gezwungen gesehen, Kampfhandlungen gegen die Bun-
       desrepublik führen  zu müssen,  weil  sich  ja  hier  starke  Na-
       tostreitkräfte mit einem Netz von Flugplätzen und Raketenabschuß-
       rampen befinden.  Die Mitgliedschaft  in der  Nato erhöht also in
       jedem Fall  die Kriegsgefahr für die Bundesrepublik und bietet in
       keiner Weise Sicherheit.
       Ein dänischer  Journalist charakterisierte  einmal sehr  treffend
       den Wert  der Natomitgliedschaft: "Eine sonderbare Versicherungs-
       gesellschaft ist doch die Nato. Bricht in unserem Hause ein Brand
       aus, so  übernimmt sie es nicht, ihn zu löschen, und leistet auch
       keinen Schadensersatz. Dafür verspricht sie, ein paar andere Häu-
       ser anzuzünden." Denken wir daran, daß diese anderen Häuser Dres-
       den und  Leipzig sein  können und dann westdeutsche Nato-Soldaten
       gegen ihre  Brüder im Osten Deutschlands antreten werden. Für uns
       Deutsche bedeutete das nicht nur Krieg, sondern den fürchterlich-
       sten aller Kriege: der Bruderkrieg im eigenen Vaterlande wäre da!
       
       Die Hände gebunden
       ------------------
       
       Durch den  Eintritt in die Nato ist aber auch die staatliche Sou-
       veränität, die jeder andere Staat für sich als selbstverständlich
       in Anspruch  nimmt, für  die Bundesrepublik verspielt. Am 24. Ok-
       tober 1954  stellte der Bundeskanzler nach Unterzeichnung der Pa-
       riser Verträge  in einer  Rundfunkansprache fest:  "...Das Besat-
       zungsregime ist  zu Ende. Wir sind wieder frei." Halten wir dage-
       gen Art. 2 des sogenannten Deutschlandvertrages, in dem es heißt:
       "...behalten die  drei Mächte  die bisher  von  ihnen  ausgeübten
       Rechte und  Verantwortlichkeiten auf  Berlin und  auf Deutschland
       als Ganzes  einschließlich der Wiedervereinigung Deutschlands und
       einer friedensvertraglichen  Regelung..." So  sieht  es  also  in
       Wirklichkeit aus!  Die Bundesregierung  hat sich  somit in  allen
       Fragen nationaler Souveränität die Hände selbst gebunden, sie hat
       für den  Preis der  Wiederaufrüstung das  Recht auf Selbstbestim-
       mung, das  Recht auf eigene Schritte zur friedlichen Wiederverei-
       nigung, das  Recht auf eine nur den Interessen des deutschen Vol-
       kes dienende  Politik fremden  Machtinteressen untergeordnet.  So
       erklärt sich als Folge der Mitgliedschaft in der Nato, daß in der
       Bundesrepublik fremde  Truppen schalten  und walten können, Mili-
       tärstützpunkte errichtet  und Raketenwaffen  stationiert  werden,
       auswärtige  Mächte   Geheimdienste  unterhalten  dürfen,  die  in
       Staatsorgane eingebaut sind, demokratische Grundrechte unter Ver-
       letzung des Grundgesetzes eingeschränkt sowie laufend Hindernisse
       für die  Verständigung der Deutschen untereinander in den Weg ge-
       legt werden und schließlich der Handel mit dem Osten durch Embar-
       gobestimmungen eingeengt ist.
       Der Bundeskanzler  hat also,  um die  Aufstellung einer westdeut-
       schen Armee  im Rahmen  der Nato zu erreichen, freiwillig auf die
       Rechte eines  souveränen Staates verzichtet, und so haben wir als
       Quittung: Keine  Wiedervereinigung, keinen  Abzug der Besatzungs-
       truppen, keine  Beseitigung  fremder  militärischer  Stützpunkte,
       keinen freien Handel, keinen Friedensvertrag, keine Sicherheit.
       Mit stolzgeschwellter Brust sagte Adenauer zu dem damaligen fran-
       zösischen Botschafter  François Poncet  im August  1954: "Ich bin
       der einzige deutsche Kanzler, der die Einheit Europas der Einheit
       seines eigenen Vaterlandes vorzieht."
       Von einer solchen Regierung, die nur die Interessen der Nato ver-
       tritt, ist  natürlich keine Unterstützung der Pläne für eine Ent-
       spannung, für  ein Auseinanderrücken  der Militärblöcke, für eine
       militärische "Verdünnung", für eine atomwaffenfreie Zone, für ein
       Ausscheiden der beiden deutschen Staaten aus ihren beiderseitigen
       militärischen Bindungen  zu erwarten.  Der  Oberbefehlshaber  der
       Nato, General Norstad, gab die Sprachregelung, indem er alle der-
       artigen Vorschläge,  ob sie  nun von  Rapacki, Kennan, Mansfield,
       Humphrey,  Eden,   Gaitskell   oder   Pfleiderer   stammen,   als
       "lächerlich", "verheerend" und "katastrophal" bezeichnete, obwohl
       alle diese  Pläne noch nicht einmal eine Auflösung, sondern sogar
       den Weiterbestand  der Nato vorsehen. Und der Generalsekretär der
       Nato, P.H.  Spaak, erklärte  im Hinblick  auf die Bundesrepublik:
       "An dem  Tage, an dem wir für Deutschland ein besonderes Militär-
       system zulassen, haben wir den ersten Schritt getan, der zu einem
       besonderen politischen  System für  Deutschland führt,  d.h.  zum
       Ende der Nato, wie wir sie kennen. Solange die Nato besteht, kann
       ich freiwillig  keine Pläne akzeptieren, die Deutschland zunächst
       in eine besondere militärische Lage, morgen in eine besondere po-
       litische Lage  versetzen wollen  und vor  allem auf den Abzug der
       amerikanischen Truppen,  nicht nur  aus Deutschland, sondern auch
       aus Europa  hinstreben. Folglich  bin ich  gegen alles,  was  man
       'Disengagement'-Pläne nennt. Denn das Wort besagt schon, daß hin-
       ter der  militärischen Aktion  ganz klar  eine politische  Aktion
       steht.
       
       Präventivkrieg?
       ---------------
       
       Die Zeiten  sind längst  vorbei, als  die Nato militärisch, wirt-
       schaftlich und  politisch nur durch ihr Vorhandensein abschrecken
       sollte. Das  Herumfuchteln mit  den Atomwaffen  seitens der  Nato
       geht weit  über ein Abschrecken oder ein Einschüchtern der Gegen-
       seite hinaus  und bringt  eine gefährliche Zuspitzung der Lage in
       Europa mit sich. Ja, die westliche Seite predigt sogar teils ver-
       schleiert, teils  ganz offen  den  Präventivkrieg.  Drew  Pearson
       schreibt am  18. Dezember 1957 im "Daily Mirror": "...daß die USA
       ihrer traditionellen Politik, nie als erste einen Krieg zu begin-
       nen, eventuell  entsagen müßten. In einem modernen Atomkrieg wird
       der erste  Angriff so  stark sein,  daß das  Land, das ihn unter-
       nimmt, wahrscheinlich  den Sieg  erringen wird.  Da  die  USA  im
       Wettrüsten nicht  gut abschneiden, wird gefolgert: Wir können uns
       ein Zuwarten  nicht leisten.  Es geht also, kurz gesagt, um einen
       Präventivkrieg."
       General Le May, stellvertretender Stabschef der US-Luftwaffe, er-
       klärte laut  "U.S. News  and World  Report" vom  10. Januar 1958:
       "Ich glaube,  wenn wir heute einen Krieg begännen, würden wir ihn
       wahrscheinlich gewinnen. Ich glaube nicht, daß Rußland genug bal-
       listische Geschosse  hat oder  in absehbarer  Zeit haben wird, um
       unsere strategischen  Luftstreitkräfte  am  Aufstieg  zu  verhin-
       dern..."
       Auch Luftmarschall  Slessor sagte  in einem  Interview, "die  USA
       könnten den ersten Schlag versetzen."
       Die amerikanische Zeitschrift "Foreign Affairs" schrieb im Januar
       1958: "Wir kleiden unser Ziel in Worte wie Verteidigung gegen den
       Kommunismus... Wir wissen natürlich, daß dies ein Winkelzug ist."
       Getarnt hinter diesem Winkelzug, hatte sich denn auch der aggres-
       sive Charakter  der Nato  bei dem  englischen Angriff auf Ägypten
       und bei  der anglo-amerikanischen  Intervention gegen  den  Nahen
       Osten im  Sommer 1958 entlarvt. Und Bonn hatte bei diesem schmut-
       zigen Unternehmen  Schützenhilfe geleistet,  indem es seine Flug-
       plätze den  Aggressoren zur Verfügung gestellt hatte. Die Bundes-
       republik bedeutet  ja für  die Nato  Aufmarschgebiet, Sprungbrett
       und Atom-Stoßkeil.  In diesem Licht besehen, erhält der Jahresbe-
       richt der Nato-Streitkräfte 1955 besondere Bedeutung:
       "Westdeutschland hat  als geographisches  Zentrum  Europas  große
       strategische Bedeutung. Die norddeutsche Ebene mit ihrem gut ent-
       wickelten Netz  moderner Auto- und Eisenbahnen stellt ein überaus
       günstiges Aufmarschgebiet dar, um einen Schlag vorzubereiten."
       Schläge  vorbereiten,   heißt  aber,   den   Krieg   vorbereiten.
       "Angreifen, wo  immer sich  eine Chance  dafür bietet, mit dieser
       Kampfmethode sollte  der Westen  dem Osten  entgegentreten!" fol-
       gerte General  Heusinger bereits  am  15.  Oktober  1955  in  den
       "Bonner Heften",  und Minister Strauß tönte: "Keine Gespräche mit
       der Sowjetunion,  erst rüsten,  stark werden,  erst  die  Muskeln
       spannen und  dann weiter  sehen..." "Abschaffung  der  Atomwaffen
       wäre für uns nackter Hohn auf unsere eigene Dummheit, nichts wei-
       ter..." "Die vereinigte Stärke unserer Bundesgenossen reicht aus,
       um das Reich der Sowjetunion von der Landkarte zu streichen." Der
       Bonner General Zimmermann erklärte der englischen Zeitung "Sunday
       Express": "Die  Zukunft liegt  bei dem,  der einen Präventivkrieg
       wagt. Die  Spannung zwischen  Ost und West wird ewig andauern und
       nur durch  einen Krieg  gebrochen werden.  Deshalb sollte der We-
       sten, wenn  er Rußland  schlagen will,  einen Präventivkrieg  vom
       Stapel lassen,  in dem  er alle ihm zur Verfügung stehenden Atom-
       waffen einsetzt."
       
       Wer nicht schießen will, muß verhandeln
       ---------------------------------------
       
       Diese gefährliche  Lage, die  die Nato nach zehnjährigem Bestehen
       hervorgerufen hat,  ist von  der Sowjetunion  - vom Bundeskanzler
       als "Todfeind"  bezeichnet -  durchaus erkannt. Mit ihrer Berlin-
       Note und  dem Vorschlag  eines Friedensvertragsentwurfs  versucht
       sie, die erstarrten politischen Fronten, ehe es zur militärischen
       Explosion kommt,  in Bewegung  zu bringen,  mit dem Ziel, auf dem
       Verhandlungswege die  angehäuften Sprengladungen  zu entschärfen.
       Es stimmt  hoffnungsvoll, daß am 11. Mai eine Außenministerkonfe-
       renz stattfinden  wird und  sich eine Gipfelkonferenz anschließen
       soll.
       Diese Entwicklung  muß unbedingt vorwärts getrieben werden, damit
       eine allmähliche Annäherung der Standpunkte, von der öffentlichen
       Meinung in allen Völkern unterstützt, sich durchsetzen kann. Wenn
       alle Regierungen  und Völker  mit Wort und Tat nach Frieden stre-
       ben, dann  wird der  Erfolg, den  Frieden zu erhalten, nicht aus-
       bleiben und der ganzen Menschheit zum Segen gereichen.
       

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