Quelle: Blätter 1959 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ZILLIACUS: VERHANDLUNGEN MIT DER DDR
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       UND ANERKENNUNG DER ODER-NEISSE-GRENZE
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       Der britische Unterhausabgeordnete des linken Flügels der Labour-
       Party, Zilliacus,  hatte vor  der Abstimmung (über die Entschlie-
       ßungen auf  dem Kongreß  des Sozialistischen Deutschen Studenten-
       bundes, D.  Red.) diese "klare und mutige Entschließung" begrüßt.
       Wenn man  mit der Sowjetzone verhandeln wolle, so sagte er, müsse
       man die  Oder-Neiße-Grenze anerkennen. Zilliacus meinte, dies sei
       nicht nur  die Meinung  der Labour-Party,  sondern auch führender
       Männer der englischen Regierung.
       (Die Welt vom 25.5.59)
       
       LIBERALER STUDENTENBUND BEI WIENER JUGENDFESTSPIELEN
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       Die Delegiertenversammlung  des Liberalen  Studentenbundes hat in
       Weinheim beschlossen,  eine offizielle Delegation zu den kommuni-
       stisch organisierten "Weltfestspielen der Jugend" in Wien zu ent-
       senden. Als  Begründung wurde  angeführt, daß die Kommunisten und
       die neutralen  Staaten ein  "Zurückweichen" der westlichen Jugend
       als ein  Eingeständnis der Schwäche und der Unterlegenheit werten
       müßten.
       (Die Welt vom 20. Mai 1959)
       
       SS-TREFFEN
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       "Der zu  seiner ordentlichen  Tagung am 4. April 1959 zusammenge-
       tretene Bundesvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Nazire-
       gimes (VVN)  macht die  Öffentlichkeit darauf aufmerksam, daß das
       für den  27. und  28. Juni  in Arolsen  geplante Treffen  der  SS
       (HIAG) nunmehr  in Mengeringhausen,  1 km  von Arolsen  entfernt,
       stattfinden soll. Es handelt sich nicht, wie aus Gründen der Tar-
       nung behauptet  wird, um  ein Suchdiensttreffen,  sondern um  ein
       Treffen der  "Garde, die  unser Führer liebt", wie es bereits bei
       dem SS-Treffen 1957 in Karlburg/Bayern der Fall war. Die in Arol-
       sen unter  der Obhut des Internationalen Roten Kreuzes aufbewahr-
       ten Archive und Dokumente über die Opfer der SS sind nach wie vor
       in Gefahr. Andererseits bedeuten derartige SS-Treffen eine Gefahr
       für die  Demokratie, ganz  gleich, an welchen Orten sie stattfin-
       den. Wir  appellieren daher  an die  Abgeordneten des  Hessischen
       Landtages und  an die Hessische Regierung, gleichzeitig aber auch
       an die  Regierungen  aller  anderen  Bundesländer,  das  für  den
       28./29. Juni  geplante Treffen  der SS wie alle ähnlichen Treffen
       nicht zuzulassen,  zumal die Umtriebe derartiger nazistischer und
       militaristischer Organisationen  bereits starke  Beunruhigung  in
       der Öffentlichkeit des Auslandes hervorgerufen haben."
       
       "DER NIMBUS DES DEUTSCHEN SOLDATEN"
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       Etwa 3000  ehemalige Fallschirmjäger  haben zu Pfingsten am sech-
       sten Fallschirmjäger-Bundestreffen  in Freiburg teilgenommen. Von
       den  ehemaligen  Wehrmachtsgeneralen  waren  Generalfeldmarschall
       Kesselring und  General Ramcke  anwesend. In seiner Eröffnungsan-
       sprache teilte  der Präsident des Bundes, Generaloberst a.D. Stu-
       dent, mit,  daß eine  Arbeitsgemeinschaft der  Traditionsverbände
       beschlossen habe, "jeglicher Diffamierung der alten Soldaten Ein-
       halt zu gebieten". Zum Sprecher dieser Arbeitsgemeinschaft sei er
       - Student  - bestellt worden. Student betonte, daß die Fallschir-
       mjäger der  früheren Wehrmacht  schon vor 20 Jahren ein richtiges
       inneres Gefüge  gehabt hätten.  Er fügte  hinzu, der  Nimbus  des
       d e u t s c h e n   S o l d a t e n  sei heute wieder ein  F a k-
       t o r  i n  d e r  W e l t p o l i t i k.
       
       70% DER FREMDENLEGIONÄRE SIND DEUTSCHE
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       In einer  Versammlung der  Ortsgruppe Köln  des  DSG  sprach  der
       SPD-Bundestagsabgeordnete H.J.  Wischnewski  über  den  Algerien-
       krieg. 125 000  Algerier ständen  bei bester  Ausrüstung und vor-
       bildlicher Disziplin einer Übermacht von 700 000 Franzosen gegen-
       über, die  zum Teil mit bestialischen Folterungen arbeiteten. Das
       sollte alle Deutschen interessieren, sagte Wischnewski, denn
       1. seien 70% der Fremdenlegionäre Deutsche, vor allem Jugendliche
       mit von französischen Stellen gefälschten Namen und Geburtsdaten;
       2. französische Truppen, die der Nato angehörten und von uns mit-
       bezahlt werden,  liegen für  diese fremden Interessen in Algerien
       fest;
       3. auch im Rahmen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft erhält
       Frankreich große Summen für diese Zwecke von uns;
       4. fünf Attentate  haben bereits  von französischer Seite aus auf
       deutschem Boden stattgefunden;
       5. über 3000  algerische Flüchtlinge  sind bis  heute aus politi-
       schen Gründen  aus dem "freien Westen" Frankreichs bei uns einge-
       troffen.
       
       CDU-ABGEORDNETER DIEL: "DER INHALT DES GRUNDGESETZES 'ERGÄNZT'
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       SICH DURCH DEN WILLEN UND DIE BESCHLÜSSE DER PARTEI"
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       Die in Koblenz erscheinende Rhein-Zeitung räumte dem CDU-Abgeord-
       neten Jakob  Diel in  ihrer Ausgabe  vom 18./19.4.1959  Platz für
       folgende Stellungnahme ein:
       "Zu den  Betrachtungen  über  die  Rechte  des  Bundespräsidenten
       möchte ich  mir einige  Hinweise gestatten.  Es ist  ein   I r r-
       t u m,   alles abzustellen  auf den  Wortlaut des  Grundgesetzes.
       Dieser Wortlaut  spielt gegebenenfalls  eine Rolle bei einem Mei-
       nungsstreit zwischen  Präsident und  Kanzler, wenn  der  letztere
       glaubt, in  seinen Rechten  verletzt zu  sein. 'Praktisch' liegen
       die Dinge  anders. Die  freiwerdenden Stellen  werden neu besetzt
       durch die  Entscheidung der  Partei und  Fraktion. Es  unterliegt
       keinem Zweifel,  daß sowohl  Partei wie  Fraktion im  seitherigen
       Kanzler den   'g e n i a l e n   F ü h r e r'   der Regierung und
       Partei sieht und nicht daran denkt, seine - na sagen wir - Bedeu-
       tung zu  mindern. Infolgedessen   e r g ä n z t  sich das, was im
       Grundgesetz steht,  durch den  Willen und die Beschlüsse der Par-
       tei, die  kaum daran  denkt, jemand in eine frei werdende und neu
       zu besetzende Stelle zu wählen, der nicht die Gewähr einer zuver-
       lässigen Fortsetzung  der Politik  bietet, die  man  die  Politik
       Adenauers nennt,  d.h. der sich praktisch mit dem Willen und Wol-
       len Adenauers 'identifiziert'! Es geht nicht etwa um das Ansinnen
       der Rolle  einer 'Willenlosen'.  Das wäre  falsch bezeichnet. Was
       aber Adenauer wollte und will, ist so genau bekannt, daß der Kan-
       didat, der  etwas werden  will, im voraus schon weiß, was man von
       ihm in  Zukunft erwartet.  Solange also  der  Präsident  Adenauer
       selbst der  Politik des  Kanzlers Adenauer nicht untreu wird, ist
       die Gefahr  von Komplikationen  überhaupt  nicht  gegeben.  Darum
       meine Folgerung:  D e r  I n h a l t  d e s  G r u n d g e s e t-
       z e s   'e r g ä n z t'   s i c h   d u r c h  d e n  W i l l e n
       u n d  d i e  B e s c h l ü s s e  d e r  P a r t e i."
       
       VERSTÄRKTE KONTAKTE
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       In einer  mit großer  Mehrheit angenommenen  Resolution trug  die
       Bundeskonferenz der  "Sozialistischen Jugend  Deutschlands -  Die
       Falken" am 10. Mai in Köln dem Vorstand der "Falken" auf, mit der
       FDJ in Verhandlungen einzutreten, insofern das sinnvoll und nütz-
       lich erscheine.  Der für  weitere zwei  Jahre wiedergewählte Ver-
       bandsvorsitzende Prall  erklärte dazu  vor Pressevertretern, "den
       Falken geht es darum, eine innere Verklammerung zwischen den jun-
       gen Menschen  der DDR  und der  BR herzustellen,  damit sie  sich
       nicht noch  weiter auseinander  leben". Eine  sog "Aktionsgemein-
       schaft" zwischen "Falken" und FDJ sei jedoch nicht beabsichtigt.
       
       VERBINDUNG AUFNEHMEN!
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       Mit allen  gegen fünf  Stimmen beschloß die Bundesjugendkonferenz
       des Deutschen  Gewerkschaftsbundes am  10. Mai in Kassel, mit der
       Jugend der Deutschen Demokratischen Republik Verbindung aufzuneh-
       men. Für  die schaffende  Jugend sei  die Wiedervereinigung  kein
       Lippenbekenntnis, sondern  eine ernste Aufgabe. So fühle sich die
       Gewerkschaftsjugend zu dieser Initiative verpflichtet. Diese Auf-
       forderung zum  Verbindung-Aufnehmen bildet  das Stück eines Acht-
       Punkte-Programms zur  Wiedervereinigung. Das  Programm sieht vor,
       daß die  Orts- und  Kreisjugendausschüsse des  DGB Einladungen an
       Jugendausschüsse mitteldeutscher  Betriebe schicken  wollen,  mit
       dem Ziel,  von keiner Seite bevormundete Begegnungen herbeizufüh-
       ren. Die  dabei gewonnenen Kontakte sollen die Basis für Gegenbe-
       suche qualifizierter gewerkschaftlicher Jugenddelegationen in der
       DDR bilden. Außerdem sollen junge Arbeitnehmer aus der DDR zu Fe-
       rienlagern der  Gewerkschaftsjugend in  die BR eingeladen werden.
       Des weiteren  soll eine  Studiengruppe der Gewerkschaftsjugend in
       die DDR  reisen, um mehr Informationsmaterial als bisher über die
       Jugendarbeit der  Gewerkschaften jenseits  des Eisernen  Vorhangs
       herein zu holen. Schließlich wird der DGB aufgefordert, sich mehr
       um die Jugendlichen in den Flüchtlingslagern zu bekümmern.
       
       GESTRICHEN
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       In dem neuen FDJ-Statut, das am 15. Mai von dem in Rostock tagen-
       den Parlament der DDR-Jugendorganisation verabschiedet wurde, ist
       der atheistische Passus gestrichen worden, "daß die FDJ gegen den
       religiösen Aberglauben kämpfe".
       
       HERTER: BUNDESREGIERUNG EINZIGE DEUTSCHE REGIERUNG
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       HERTER: BUNDESREPUBLIK IST PROVISORIUM
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       Bei dem hektischen Tanz um die angeblich bessere Ausgangsposition
       für sogenannte  Geheimgespräche, bei denen doch alles herauskommt
       - denn  irgend jemand  begeht doch immer wieder eine Indiskretion
       -, variiert die Szene oft vom Dramatischen zum Grotesken. Wie das
       aussieht, dafür ein Beispiel: Vor Pfingsten erklärte der amerika-
       nische Außenminister  Herter in wohlgesetzter und von der westli-
       chen Presse mit viel Beifall bedachten Rede, es gebe nur  e i n e
       deutsche Regierung. Das sei die Regierung der Bundesrepublik, die
       das Licht  der Welt  nach freien Wahlen erblickt habe und deshalb
       für sich  in Anspruch  nehmen könne,  das ganze  deutsche Volk zu
       vertreten. Diese  schöne Rede  war kaum kalt geworden, da meinten
       die Russen  schon, sie  verstünden nicht, warum dann eine Vertre-
       tung der DDR-Regierung mit gleichen Rechten wie die Regierung der
       Bundesrepublik in  einem Konferenzsaal  säße. Und  kopfschüttelnd
       meinte ein  Mann der  russischen Delegation, der die Verhältnisse
       in Bonn wohl am besten von seinen Kollegen kennen dürfte, er ver-
       stünde überhaupt nichts mehr und müsse erst einmal seine Gedanken
       sammeln, um den Irrungen und Wirrungen westlicher Sprecher folgen
       zu können. Daß Bonn und Pankow mit den "Großen" zusammen in einem
       Konferenzsaal säßen,  sei doch  wohl nun  eine Tatsache,  die man
       nicht mehr aus der Welt schaffen könne.
       Bis zu  diesem Punkt  könnte man  die Geschichte  als das übliche
       Konferenzgeplänkel betrachten.  Aber siehe  da, am  Pfingstmontag
       hielt Herter  eine neue  Rede. Sie war genau so schön und wohlge-
       setzt wie  die Rede  vor Pfingsten. Nur brachte sie eine Offenba-
       rung, die  am späten Montagabend den meisten Konferenzbeobachtern
       heftige Kopfschmerzen  bereitete. Herr Herter hatte nämlich nicht
       mehr und nicht weniger getan, als die Feststellung getroffen, daß
       die Bundesrepublik  nur ein   P r o v i s o r i u m  sei, und daß
       hier in Genf  n i e m a n d  Deutschland vertrete.
       Er wollte  damit sicher der russischen These begegnen, wonach die
       Regierungen der  beiden deutschen  Teilstaaten das  Recht und die
       Pflicht hätten, einen Friedensvertrag für Deutschland abzuschlie-
       ßen. Die  Bemerkung Herters war - für diesen Zweck gedacht - also
       durchaus logisch. Sie erscheint aber in einem anderen Licht, wenn
       man die  Vor-Pfingstrede analysiert  und dabei  an das denkt, was
       Herter von  der Rolle  der Regierung  der  Bundesrepublik  gesagt
       hatte.
       (SPD-Pressedienst vom 19.5.1959)
       
       WER HAT DIE STÄRKSTE MORAL?
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       Adlai Stevenson  regt in  einer  amerikanischen  Zeitschrift  die
       westliche Welt zu einer Gewissensforschung an:
       "Wenn man,  wie ich  im letzten  Sommer, wochenlang  in  der  So-
       wjetunion herumgereist ist, ist es unmöglich, sich dem überwälti-
       genden Eindruck  der Stoßkraft  und der  Zielstrebigkeit auf fast
       allen Gebieten des russischen Lebens zu entziehen. Das revolutio-
       näre Feuer  ist mit  der Zeit  heruntergebrannt, aber  sogar  die
       durchaus pragmatischen politischen Führer scheinen von einem tie-
       fen Glauben  an die  Wahrheit und Richtigkeit ihrer Lebensart er-
       füllt zu  sein und  haben das stille Vertrauen, daß diese mit der
       Zeit die  Welt erobern  wird... Rußland ist ein ungeheures Kraft-
       werk von Energien, die alle in der gemeinsamen Aufgabe angespannt
       sind, den  sowjetischen Traum  aufzubauen. Die schwungvolle wirt-
       schaftliche Entwicklung  ist ein  Aspekt dieser  Kraftentfaltung.
       Die ungeheuren, für Wissenschaft und Forschung zur Verfügung ste-
       henden Summen  sind ein anderer. Die Selbstdisziplin und die lan-
       gen Arbeitsstunden  der Schulkinder, die ihnen abverlangt werden,
       damit sie  sich zu den Wissenschaftlern, den Technikern, den Ver-
       waltungsbeamten und  den  Sprachkundigen  der  neuen  Weltordnung
       heranbilden, sind  vielleicht der  bedeutungsvollste Maßstab  für
       die Reserven an Tatkraft, an Arbeit und Geschicklichkeit, die die
       sowjetischen Führer einzusetzen hoffen.
       Das alles  wissen wir  - oder  wir beginnen es zu wissen. Wie oft
       aber versuchen wir wohl, einen Begriff von dem Ausmaß an Hingabe,
       die dahintersteht, zu bekommen? Warum sind die Kommunisten so ge-
       schäftig? Warum  so viele  Anstrengungen und  Überlegungen? Warum
       eine solche  Ausstreuung ihrer  Hilfsmittel über  die ganze Welt?
       Warum diese  Geduld bei  jedem Rückschlag, warum dieses Vorstoßen
       an jedem  Punkt westlicher  Schwäche? Wir  haben  nur  den  einen
       Wunsch, zu  Hause zu  bleiben. Warum  wollen sie das nicht? Warum
       begegnen wir nie einem isolationistischen Kommunisten? Alle diese
       Fragen verfolgten mich, als ich mich unmittelbar diesem eisernen,
       kraftvollen Lebensstil  gegenübersah. Entscheidend  aber ist, daß
       die Sowjetrussen an ihre Wahrheit glauben...
       Warum haben  wir keine  Initiative? Warum ist unser Wille paraly-
       siert? Ich  glaube, wir haben frei mit frei und angenehm verwech-
       selt. Wenn  Freiheit den  glücklichen, einfachen  und entspannten
       Zustand der  normalen menschlichen  Natur bedeutet, dann wäre der
       Mensch überall frei gewesen, während er doch fast zu allen Zeiten
       und fast  überall in  Ketten war... Wenn Freiheit nur Bequemlich-
       keit bedeutet,  wenn sie  das Ausweichen vor harter Lerndisziplin
       bedeutet, wenn  sie bedeutet, Schweiß und Lohn schöpferischer Tä-
       tigkeit zu  vermeiden, wenn  sie nur  die ständige Verherrlichung
       des Trivialen  oder sogar Verachtung gegenüber jeder hervorragen-
       den Leistung,  es sei denn einer sportlichen, bedeutet, dann wer-
       den wir vielleicht noch eine Zeitlang die Formen einer freien Ge-
       sellschaft besitzen - aber ihr Geist wird tot sein."
       
       MONTGOMERY: KEINE ANGRIFFSPLÄNE MOSKAUS
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       Der  britische  Feldmarschall  Montgomery,  der  vor  kurzem  mit
       Chrustschow zusammengetroffen war, äußerte in einem Zeitungsarti-
       kel, er  glaube "keinen  Augenblick" daran, daß die Sowjets einen
       Angriff gegen den Westen planten.
       "Wenn je  eine Nation  heute den  Frieden wünscht, so ist es Ruß-
       land, das seine wirtschaftliche Stärke aufbauen und den niedrigen
       Lebensstandard der  Bevölkerung heben  will.  Die  Sowjets  haben
       nichts durch  einen Atomkrieg  zu gewinnen."  Moskau glaube  aber
       fest, daß der Westen einen Angriff beabsichtige.
       (Die Welt vom 19. Mai 1959)
       
       ARCHE NOAH
       ==========
       
       ... Chrustschow  verglich den westlichen Friedensplan mit der Ar-
       che Noah.  Diese habe  alle Arten von Tieren aufgenommen, saubere
       und schmutzige.  Das habe  Noah die Sache erschwert Man müsse aus
       der Arche  des Friedens das Ungeeignete entfernen, dann könne man
       zu einer Diskussionsgrundlage kommen.
       (FAZ vom 21. Mai 1959)
       
       WICHTIGER BRIEF
       ===============
       
       Acht Mitglieder der britischen Labour Party haben ein gemeinsames
       Schreiben an  den Regierenden  Bürgermeister  von  Berlin,  Willy
       Brandt gerichtet: "Ein überwältigender Teil der öffentlichen Mei-
       nung in  Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten"
       fordere, daß die Berlin-Frage durch Verhandlungen und Kompromisse
       gelöst werde.  "Wir glauben,  daß die  Westmächte ernsthaft einen
       Kompromiß und  Verhandlungen in  Erwägung ziehen  sollten,  statt
       zwischen einer  erstklassigen diplomatischen  Niederlage und  dem
       Beginn eines  Kernwaffenkrieges wählen  zu müssen." Der Brief ist
       am 24.  April unterzeichnet  worden durch Conni Zilliacus, Sidney
       Silverman, Julius Silverman, Emrys Hughes, Tudor Watkins, Stephen
       Swingler, Will Griffiths und William Warbey.
       
       KOEXISTIEREN IST SCHON ETWAS
       ============================
       
       Auf einem Essen der Royal Academy sagte Premierminister Macmillan
       am 29.  April in London: "Wenn wir die Spannungen vermindern kön-
       nen, werden  wir die  Koexistenz erreicht  haben -  eine wohl  im
       Wettbewerb stehende  Koexistenz, aber wenigstens eine Koexistenz.
       Und im Atomzeitalter ist es bereits etwas, zu koexistenzieren."
       
       TRUPPENRÜCKZUG
       ==============
       
       Der republikanische  Senator Homer E. Capehart aus dem Staate In-
       diana legte  am 25.  April einen  Plan für  die Wiedervereinigung
       Deutschlands vor.  "Wenn sich  die Sowjetunion mit einem Truppen-
       rückzug aus  Deutschland, Polen,  der Tschechoslowakei  und allen
       anderen nach  dem zweiten  Weltkrieg besetzten Ländern bereit er-
       klärt, könnten Deutschland und Berlin wiedervereint werden. Unter
       diesen Umständen  könnten auch wir unsere Truppen aus Deutschland
       zurückziehen, und  Deutschland könnte auch auf die Verwendung von
       Kernwaffen verzichten."
       
       GEFÄHRLICHES TROTZDEM
       =====================
       
       Ein Sprecher des Nato-Rates teilte am 7. Mai 1959 mit: Die Verei-
       nigten Staaten  haben mit  der Bundesrepublik,  den Niederlanden,
       Griechenland und  der Türkei Verträge über die Ausbildung von An-
       gehörigen der  Streitkräfte dieser  Länder an Fernlenk- und Atom-
       waffen und  über die Überlassung von Informationen auf dem Gebiet
       der militärischen  Anwendung der  Atomenergie abgeschlossen.  Die
       Frage von  Abschußbasen für  Atomwaffen werde in diesen Verträgen
       noch nicht  berührt, darüber  werde jedoch  gesondert  verhandelt
       werden.
       
       ENTGLITTEN
       ==========
       
       "Zwischen 60  und 80  Prozent der  Forschung auf  dem Gebiete der
       Atomphysik, der elektronischen Maschinen und der Aerodynamik ste-
       hen in  den USA  unmittelbar im  Dienste  militärischer  Zwecke",
       stellt Raimar Lenz in dem Buch "Die Atomrüstung und der Intellek-
       tuelle" fest (Ansgar Skriver Verlag Berlin-Dahlem). "Der Ausdruck
       'ABC-Waffen' gibt politischen ABC-Schützen keinen Begriff von ih-
       rer Funktion. Worte wie 'saubere Bombe', 'Baby-Bombe', 'Maulwurf-
       Bombe' usw.  liefern den  letzten Beweis, daß mit der Verbrennung
       von Millionen Menschen nur instrumentell gerechnet wird. Tatsäch-
       lich ist es so, daß die Anschaulichkeit der Verhältnisse verloren
       gegangen ist.  Bei 25 Milliarden Dollar Rüstungskosten haben sich
       die Begriffe  endgültig von der Vorstellung gelöst. Die Bombe ist
       unserer Begriffswelt entglitten."
       
       WASSER IST ZUM TRINKEN DA...
       ============================
       
       Die dänischen  Gesundheitsbehörden haben  den Bewohnern der Insel
       Saltholm östlich  von Kopenhagen im Oeresund verboten, ihr bishe-
       riges Trinkwasser  zu benützen, da es einen zu hohen Grad von Ra-
       dioaktivität aufzuweisen beginne.
       
       UM DEN 40. GRAD NÖRDLICHER BREITE
       =================================
       
       Nach einem  Bericht amerikanischer Wissenschaftler, der am 5. Mai
       vor dem  Kongreßausschuß für Radioaktivität erstattet wurde, wird
       sich die  Ausschüttung von  Strontium 90 aus den bisherigen Kern-
       waffenversuchen in den nächsten Monaten vor allem in den Gebieten
       um den  40. Grad  nördlicher Breite verdoppeln. Es handle sich um
       einen globalen  Streifen, der sich mitten durch Amerika, Spanien,
       Süditalien, Griechenland und die Türkei zieht.
       
       "HEISSE KÖRNCHEN"
       =================
       
       Die "heißen  Körnchen", stark  radioaktive Einzelteilchen, die in
       den Atombombenschwaden aus den Versuchsexplosionen um den Erdball
       getragen werden,  sind erst  in der zweiten Hälfte des Jahre 1958
       in der  Bundesrepublik häufiger  beobachtet worden.  Professor K.
       Sommermeyer vom  Radiologischen Institut in Freiburg/Br. erklärte
       dazu: "Die  biologische Wirkung der "Heißen Körnchen", die in der
       Lunge an  irgendeinem Punkt  haftenbleibend,  über  eine  längere
       Zeit, mehr als eine Woche, absorbiert werden, besteht zunächst im
       Absterben des  Gewebes der Umgebung. Ob die Aufnahme eines heißen
       Teilchens in  der Lunge  zu einer  Krebsgeschwulst führt,  bedarf
       noch einer gründlichen Erforschung."
       
       SCHWEIGEN
       =========
       
       Die Leitung des Krankenhauses von Hiroshima hat Anfang Mai dieses
       Jahres beschlossen,  Todesfälle, die  auf  Strahlungsschäden  der
       Atombombe von  1945 zurückzuführen sind, nicht mehr zu veröffent-
       lichen. Die Bekanntmachungen hätten vielen von diesen Opfern vor-
       zeitig den  Lebensmut geraubt. Der japanische Ausschuß "Kampf dem
       Atomtod" hat gegen diesen Beschluß protestiert.
       
       ISOLIERT
       ========
       
       "Die  Sowjetrussen  besitzen  450  große  Unterseeboote,  die  im
       Kriegsfall Europa  von den  Vereinigten Staaten isolieren und die
       Vereinigten Staaten  selbst Raketenangriffen  aussetzen  können",
       erklärte Admiral  Hyman Rickover,  der "Vater  der amerikanischen
       Atom-Unterseeboote", am  15. Mai  auf einem  Essen  im  "National
       Press Club" in Washington. "Überdies kann die Sowjetunion die USA
       in vier  oder fünf Jahren auf dem Gebiete des Baues von Untersee-
       booten mit Atomkraftantrieb überholen. Vielleicht besitzt die So-
       wjetunion gegenwärtig schon solche Unterseeboote. Der neue sowje-
       tische Eisbrecher  "Lenin" wird jedenfalls mit drei Atomreaktoren
       versehen sein,  die gegebenenfalls  für den Antrieb von Untersee-
       booten Verwendung  finden können.  Wir erleben eine Revolutionie-
       rung der Seekriegsbedingungen, aber diese Umwälzung geht in glei-
       cher Weise vom Osten wie vom Westen aus.
       
       VERNICHTET
       ==========
       
       Am 15.  Mai veröffentlichte  die indische Zeitschrift "Blitz" ein
       Interview, das  ihr Chrustschow am 7. Mai gewährt hatte. Wörtlich
       erklärte Chrustschow  darin: "Was  würde geschehen, wenn Deutsch-
       land mit  Hilfe seiner  Alliierten gegen uns einen Krieg auslösen
       würde? Deutschland  wäre innerhalb  sehr kurzer  Zeit vernichtet,
       ebenso wie  alle anderen  feindlichen Kräfte. Wissen Sie, wieviel
       Wasserstoffbomben genügen,  um Westdeutschland  aktionsunfähig zu
       machen? Genau acht. Und wieviele für die übrigen westeuropäischen
       Länder? Nicht mehr... Wenn man von der Hypothese ausgeht, daß die
       Vereinigten Staaten  trotz allem dasjenige Land wären, welches am
       wenigsten unter  einem Krieg  zu leiden  hätte, was geschähe dann
       mit Europa? Die führenden amerikanischen Militärs wollen sich auf
       Kosten der  Deutschen, der  Engländer, der Franzosen, der Spanier
       usw. retten;  aber ist  eine solche Aussicht für die europäischen
       Völker nicht wenig verlockend?" Chrustschow kam dann noch auf die
       Frage der  Raketen-Abschußrampen zu  sprechen: "Wenn wir, die So-
       wjetunion, Verluste hätten, so wären demgegenüber die westeuropä-
       ischen Mächte  buchstäblich vom Erdboden verschwunden, die ersten
       Leidtragenden aber  wären jene  Länder, auf deren Territorien die
       USA Raketenabschußrampen  errichtet haben. Eine Lösung der gegen-
       wärtigen Situation  durch einen Krieg zu suchen, heißt eine Poli-
       tik des Wahnsinns betreiben, und für Wahnsinnige bleibt nur Platz
       im Irrenhaus."
       
       FÜR EINEN BESUCH
       ================
       
       Vor 1800  Delegierten des FDJ-Parlaments erklärte Walter Ulbricht
       am 17. Mai in Rostock. "Wir überlassen es Herter, zu entscheiden,
       ob die  Vereinigten Staaten  eine Entspannung und ein friedliches
       Nebeneinander der  Völker befürworten  wollen oder  nicht. Es ist
       deshalb notwendig,  daß sich  die Vereinigten  Staaten nicht  nur
       darüber orientieren lassen, was in Westdeutschland vor sich geht,
       sondern daß  ihre Vertreter auch die Deutsche Demokratische Repu-
       blik besuchen, um sich über die Durchführung des Potsdamer Abkom-
       mens informieren zu lassen." Herter habe erklärt, das ostdeutsche
       Wahlsystem gefalle  ihnen  nicht;  andererseits  gebe  es  jedoch
       Leute, denen das westdeutsche Wahlgesetz nicht gefalle. Verschie-
       dene Wahlsysteme  seien noch kein Grund, normale Beziehungen - zu
       unterlassen. "Die USA pflegen normale Beziehungen zur SU, obschon
       man nicht behaupten kann, daß das sowjetische Wahlsystem dem ame-
       rikanischen Staatssekretär besonders gut gefalle."
       
       COMECON
       =======
       
       Anläßlich des  10. Jahrestages  des Comecons der Oststaaten wurde
       vom Büro  der Organisation  eine Presseinformation herausgegeben,
       die am  Schluß die  Bestrebungen in folgender Weise zusammenfaßt:
       "Unsere Wirtschaftsexperten bekämpfen die Tendenzen der einzelnen
       Staaten, alles selbst zu produzieren, und versuchen, eine Vertei-
       lung der  verschiedenen Produktionen schrittweise vorzunehmen. So
       intensiviert Polen, der wichtigste Kohlenlieferant des Ostblocks,
       die Kohlenproduktion  und den Bergbau und entwickelt den Schiffs-
       bau. Die  Tschechoslowakei exportiert bedeutende Mengen von Indu-
       strieausrüstungen. Das  rohstoffarme Ungarn  liefert  mechanische
       Konstruktionen, während  Rumänien sein Erdöl und das Material für
       die Erdöleinrichtungen  exportiert. Die  DDR  schließlich  produ-
       ziert, getreu der alten Tradition Ostdeutschlands, Industrie- und
       Eisenausrüstungen."
       
       IM GORKI-PARK
       =============
       
       Vom 13. bis 24. Mai hat im Moskauer Gorki-Park eine Industrieaus-
       stellung stattgefunden,  die  das  österreichische  Institut  für
       Wirtschaftsforschung veranstaltete.  An der Ausstellung beteilig-
       ten sich  rund 250  Unternehmungen, deren Ausstellungsgüter in 17
       Waggons nach  Moskau gingen.  Gezeigt wurden Papiermaschinen, Ei-
       sen- und  Metallwaren, Chemikalien und elektrische Apparate sowie
       Erzeugnisse der Optik, der Feinmechanik und der Konfektions-Indu-
       strie. Die  Ausstellung verfolgt  den Zweck,  den Rückschlag aus-
       zugleichen, den  der Handel  zwischen Österreich  und Rußland  im
       Jahre 1958  infolge eines Rückgangs der Exporte um 22,7% erlitten
       hat.
       
       FREUNDSCHAFT
       ============
       
       Vor einer  Versammlung des  Verbandes irakischer  Industrien  er-
       klärte Ministerpräsident  Kassem am  15. Mai: "Wir werden unseren
       Boden mit unseren eigenen Kräften verteidigen. Der Irak wird eine
       neutrale Stellung zwischen Ost und West einnehmen. Wir werden auf
       eine Stärkung der Freundschaft mit kommunistischen Ländern hinar-
       beiten. Wir  sind auch  Freunde der westlichen Länder, die ihrer-
       seits unsere Freunde sein möchten. Wir wollen nicht ein aggressi-
       ves Land  sein. Wir werden unsere Kräfte für die Verteidigung des
       Friedens einsetzen  und nicht  etwa für  eine Aggression.  - Ende
       April hatte der neue Präsident der Iraq Petroleum Co. Lord Monck-
       ton als Ergebnis einer Inspektionsreise nach Bagdad und eines Ge-
       sprächs mit  General Kassem berichtet, er sehe keine unmittelbare
       Gefahr der  Verstaatlichung der Erdöl-Industrie im Irak... Es sei
       nicht einmal  die Frage einer Revision des Gewinnverteilungsprin-
       zips auf der Fifty-Fifty-Basis angeschnitten worden.
       
       ANFANG EINES VERFAHRENS...
       ==========================
       
       William Fullbright,  der Vorsitzende der Außenpolitischen Kommis-
       sion des  Senats, erklärte am 26. April in einem Radio- und Fern-
       seh-Interview, eine west-östliche Gipfelkonferenz werde zu Beginn
       wahrscheinlich keine  Probleme lösen können. Sie solle jedoch der
       Anfang eines  Verfahrens sein, das mit der Zeit eine bessere Ver-
       ständigung mit den Kommunisten herbeiführen wird.
       
       ENTSPANNUNGSDIPLOMATIE
       ======================
       
       Aneurin Bevan als Labour-Sprecher, und Jo Grimond, der Leader der
       Liberalen, erklärten  sich am  27. April  in der Unterhausdebatte
       für ein  energisches Fortsetzen der Entspannungsdiplomatie. Bevan
       fügte hinzu,  eine Labour-Regierung würde sofort auf alle nuklea-
       ren Experimente  verzichten. Jo Grimond sagte, der defaitistische
       Glaube müsse  ausgerottet werden,  Westeuropa und die Nato würden
       einen Kollaps  erleiden, wenn  sie nicht mehr durch amerikanische
       Truppen gestützt wären.
       

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