Quelle: Blätter 1959 Heft 06 (Juni)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WELT-STÄDTEBUND GEGEN ATOMTOD
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       Die "Public  Enterprise Record"  veröffentlichte am 23. März 1959
       folgenden Leitartikel  aus der  Feder des Bürgermeisters von Mil-
       waukee (Wisconsin), Frank P. Zeidler:
       Werden die  Städte der nördlichen Erdhälfte das nächste Jahrzehnt
       überleben?
       Wieder einmal  sind die  Menschen in  den Städten  der nördlichen
       Erdhälfte vom  Massentod bedroht. Die Berliner Krise, mit der die
       Sowjetunion die  Vereinigten Staaten  konfrontiert hat, kann sehr
       wohl einen  Atomkrieg auslösen,  der die Vereinigten Staaten, die
       Sowjetunion und  China  zerstören  wird.  Der  Diktator  der  So-
       wjetunion ist entschlossen, West-Berlin zu "liquidieren", und die
       westlichen Mächte  haben durch ihre Führer die gleiche Entschlos-
       senheit ausgedrückt, es nicht liquidieren zu lassen. Die Gelegen-
       heiten für  einen Kompromiß  scheinen  sehr  gering,  denn  West-
       deutschland wird  die kommunistisch  kontrollierte Regierung Ost-
       deutschlands nicht anerkennen, an welche die Sowjetunion ihre Au-
       torität übergeben  wird. Wenn die ostdeutsche Regierung versucht,
       die Straße nach Berlin zu sperren, werden die Westmächte kämpfen.
       Wenn die Westmächte kämpfen, wird die Sowjetunion die ostdeutsche
       Regierung unterstützen.  Anderenseits wird  die Sowjetunion einen
       Plan unterstützen, ganz Berlin zu einer Freien Stadt zu erklären,
       vorausgesetzt, daß  ihre Truppen  in die  Besatzungsmächte einge-
       schlossen sind.  Dem werden  die Westmächte nicht zustimmen. Vor-
       schläge werden  gemacht, um  die Streitkräfte jeder Regierung zu-
       rückzuziehen, aber  die Westmächte  werden nicht abrücken, um das
       freie Berlin  durch die  ostdeutsche Regierung überrennen zu las-
       sen.
       Wenn keine  Entscheidung erreicht  wird, werden  die  Städte  der
       westlichen Welt zur größten Todesfalle für Menschen in der ganzen
       Geschichte werden. Wegen dieser Möglichkeit glauben manche Befür-
       worter des  Verbots von  Kernversuchen, daß die westlichen Regie-
       rungen den  Forderungen der  Sowjetunion nachgeben  sollten, weil
       die Folgen  unvorstellbar schrecklich wären. Andere erwidern, daß
       - wenn man diesen Forderungen nachgeben würde, dies nur zu weite-
       ren Drohungen  durch die  Sowjetunion führen  würde, und  wenn es
       schließlich zu  einer Kraftprobe  kommt, dann  solle man es jetzt
       dazu kommen  lassen, bevor  die Sowjetunion  mit Raketen  zu weit
       fortgeschritten ist,  mit denen  sie jede  Stadt der Welt treffen
       könne.
       Die Hoffnung  der freien  Welt liegt  bei den Vereinten Nationen,
       die Berlin  als eine  freie Stadt  unter  Bedingungen  überwachen
       sollten, die  zu entwickeln sind und welche für die mächtige Kom-
       munistische Partei und für die freie Welt annehmbar sind. Die Zu-
       kunft Milwaukees  hängt von  den Entscheidungen  ab, die  in  der
       nächsten Zeit gefällt werden.
       
       Ein Kongreß der Städte der Welt
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       Angesichts der  Tatsache, daß  die Kernenergie und Explosivstoffe
       die Menschen  der Städte in der Welt bedrohen, sollten die Bewoh-
       ner der  Städte ihre National-Regierungen bitten, die Einberufung
       eines internationalen  Städte-Kongresses zum  Zwecke der  Bespre-
       chung der  Herstellungs-Kontrolle von  Atomwaffen und die Beendi-
       gung der  Bedrohungen für die Menschen in den Städten zu erwägen.
       Die führenden  Beamten aller  großen Städte sollten sich in einem
       solchen Kongreß  zusammensetzen, um  festzustellen, was geschehen
       kann, um  die Spannungen  zu  beenden.  Wenn  Nationalregierungen
       kriegerisch miteinander  sprechen, dann  bedrohen sie  eigentlich
       nicht nur  das Leben der Menschen in den anderen Ländern, sondern
       auch das Leben ihres eigenen Volkes. Wenn Chrustschow den westli-
       chen Demokratien  den Atomkrieg androht, dann bedroht er auch das
       Leben von  Hunderten von  Millionen Russen  in den Städten seines
       eigenen Landes.  Auch Hitlers  Kriegsgerede bedeutete die Zerstö-
       rung jeder  wichtigen deutschen  Stadt und  den Tod von Millionen
       Menschen in diesen Städten.
       National-Regierungen werden  oft  von  politischen  Parteien  be-
       herrscht, deren  Stärke gewöhnlich  von Leuten  kommt, die  keine
       persönliche Bedrohung  durch den  Krieg fühlen, weil sie entweder
       nicht in Städten leben oder von dort fliehen können. Der Stadtbe-
       wohner, der  bedroht ist,  ist jedoch oft mit seinen persönlichen
       Angelegenheiten zu  beschäftigt, um viel Aufmerksamkeit darauf zu
       verwenden, was  die National-Regierungen  tun, und er kennt seine
       eigenen wirklichen  Interessen nicht.  Wenn die  Menschen in  den
       deutschen und japanischen Städten hätten wissen können, was ihnen
       passieren würde,  weil ihre  Regierungen drohten  und einen Krieg
       anfingen, hätten  sie vielleicht  gegen ihre törichten nationalen
       Führer opponiert,  die Vernichtung  über sie brachten. Die Regie-
       rung der  Vereinigten Staaten sollte daher die Führer aller wich-
       tigen Städte  der Welt  zu einem Städte-Kongreß einladen und Vor-
       schläge machen,  die Frieden und Freiheit und die Beseitigung der
       Drohung mit  atomarer Vernichtung  garantieren können.  Zu diesem
       Kongreß sollten  auch die  Führer aus  Kunst und Wissenschaft und
       allen kulturellen  Dingen eingeladen  werden, um zu erörtern, wie
       die Menschen  lernen können,  ohne die  Drohung mit gegenseitiger
       Vernichtung zusammenzuleben.
       Für ihren  Teil sollten  die amerikanischen Städte ernsthaft dar-
       über nachdenken,  wie sie  sich den Städten gleicher Wesensart in
       der ganzen  Welt annähern können, um die Mißverständnisse und den
       schlechten Willen zu verringern, der sich entwickelt hat.
       

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