Quelle: Blätter 1959 Heft 07 (Juli)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       BONNER EINSAMKEIT
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       Es ist  vollbracht. Die  Außenpolitik der  Bundesregierung ist am
       Ende jener  langen Sackgasse angelangt, vor der sie von so vielen
       Stimmen gewarnt  worden war.  Außenminister von  Brentano kann in
       Genf Erklärungen  jeder Art  und in  beliebiger Menge  abgeben  -
       nichts darf  uns darüber hinwegtäuschen, daß die westdeutsche Re-
       gierung mit ihrer Meinung allein steht, daß die Vereinigten Staa-
       ten sich ebenso wie Großbritannien und Frankreich nicht dazu ent-
       schlossen haben,  mit Bonn  bedingungslos weiter  zu marschieren.
       Niemand kann  das unseren  westlichen Verbündeten  im Grunde übel
       nehmen, denen  der Unruheherd  Deutschland schon  lange sichtlich
       auf die  Nerven fällt.  Für sie  alle gibt  es, bei aller Freund-
       schaft, noch schwerwiegendere Probleme als die unseren.
       Was wollen  wir eigentlich? Bei der Wiederaufnahme der Genfer Au-
       ßenministerkonferenz wurde  klar, daß die Westmächte der Idee ei-
       nes Gesamtdeutschen  Ausschusses nicht  mehr abgeneigt gegenüber-
       stehen, wenn  sie dadurch  in Berlin  ihr Gesicht wahren und ihre
       Positionen  bis   auf  weiteres  halten  können.  Bonn  reagierte
       schnell: Ohne  Rücksicht auf  zahlreiche Erklärungen der jüngsten
       Zeit schlug man vor, die Außenministerkonferenz zunächst einfrie-
       ren zu lassen und lieber eine Gipfelkonferenz unter Ausklammerung
       der Berlinfrage  einzuberufen. Gerade das hatte man bis dahin mit
       geübter Starrsinnigkeit  abgelehnt, weil  man "Gipfelkompromisse"
       fürchtete.
       Der Bonner  Drang zum  Gipfel hielt  nur wenige  Tage  vor.  Dann
       kehrte Außenminister  von Brentano  wieder zu seinem alten Stand-
       punkt zurück, eine Gipfelkonferenz habe nur Sinn, wenn die Außen-
       minister sich  vorher über das Programm geeinigt hätten. Heinrich
       v. Brentano muß sich nun allerdings darauf gefaßt machen, daß die
       drei Westmächte  wiederum anderer  Meinung sind als er und gerade
       nach einem Scheitern der Genfer Gespräche unverzüglich den Gipfel
       ansteuern.
       Das Scheitern  unserer Außenpolitik  betrifft nicht nur die dafür
       Verantwortlichen, sondern uns alle. Für Schadenfreude ist deshalb
       kein Platz.  Aber vielleicht  sieht man in Bonn nun doch ein, daß
       man Politik nicht immer nur mit dem Hinweis auf den großen Bruder
       machen kann.  Manchmal  hat  eben  der  große  Brüder  wichtigere
       Pflichten, als seinen kleinen Bruder zu unterstützen, der sich so
       bereitwillig mit einem anderen großen Mann angelegt hat.
       Frankfurter Rundschau Nr. 161/1959.
       
       OST UND WEST MÜSSEN SICH VERSTÄNDIGEN
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       Walter Lippman schreibt u.a.:
       Während der Konferenzpause in Genf ist ein politischer Stimmungs-
       umschwung eingetreten.  Der Stimmungsumschwung in Washington, der
       uns näher  an die  von England  eingenommene Position bringt, ist
       auf einer  sorgfältigen Prüfung  der Erklärung begründet, die Au-
       ßenminister Gromyko  am 28.  Juni abgegeben hatte. Diese wichtige
       Erklärung war  unglücklicherweise in  der  amerikanischen  Presse
       seinerzeit unrichtig wiedergegeben worden, und sie wurde den ame-
       rikanischen Zeitungen erst durch eine Wiedergabe der sowjetischen
       Botschaft vollständig  zugänglich gemacht.  Die Erklärung war je-
       doch dem  State Department  und dem  Londoner Foreign Office wohl
       bekannt. Gromyko  legte darin  klar, daß  er keineswegs ultimativ
       eine Aufgabe  der Rechte  der Westmächte  in Berlin  verlangt. Im
       State Department, wie auch im Foreign Office wurde auch vermerkt,
       daß Gromyko  dabei den  Vorschlag machte,  einen  "provisorischen
       Status" von  Westberlin auszuarbeiten,  während Versuche  gemacht
       werden sollten,  in der  Frage der Wiedervereinigung Deutschlands
       zu einer Verständigung zu kommen.
       Solange die  Wiedervereinigung Deutschlands  noch nicht vollzogen
       und Berlin  noch nicht  wieder Deutschlands  Hauptstadt ist, kann
       der Westen nicht weniger, aber auch nicht mehr verlangen, als daß
       Westberlin einen  "provisorischen Status"  erhält. Mehr als dies,
       also irgendeine Art Dauerlösung war niemals möglich, denn der We-
       sten wird  niemals zulassen, daß ganz Deutschland in die sowjeti-
       sche Einflußsphäre  gerät, und  die Sowjetunion  wird  ihrerseits
       nicht dulden,  daß ganz  Deutschland der westlichen Einflußsphäre
       zufällt.
       Chrustschow hat  übrigens niemals  mit einer Blockade Berlins ge-
       droht oder  eine solche Drohung auch nur angedeutet. Womit er ge-
       droht hat,  war der  Abschluß eines  Friedensvertrages  mit  Ost-
       deutschland, der  der DDR das theoretische Recht geben würde, mit
       uns über  die deutschen  Fragen einschließlich der Berlinfrage zu
       verhandeln.
       Der Westen steht seinerseits der Tatsache gegenüber, daß Westber-
       lin in  einer strategischen  Falle liegt und daß seine Sicherheit
       nicht von lokalen Verteidigungsmaßnahmen, sondern von der Drohung
       eines Weltkrieges mit nuklearen Waffen abhängt. Aber dies ist al-
       les andere  als perfekte  Sicherheit. Sicherheit  für  Westberlin
       kann nur durch ein politisches und juristisches Abkommen über den
       Status von  Westberlin für die Zeit bis zur Wiedervereinigung er-
       reicht werden.
       New York Harald Tribune.
       
       VORSTOSS EINES AMERIKANISCHEN SENATORS FÜR OST-BERLIN
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       Der republikanische  Senator Homer Capehart, ein Mitglied der Au-
       ßenpolitischen Kommission  des Senats,  erklärte am Donnerstag in
       einer Radioansprache,  wenn die Sowjetunion einen separaten Frie-
       densvertrag mit Ostdeutschland unterzeichne, müßten die Vereinig-
       ten Staaten  "realistisch und praktisch" sein und die ostdeutsche
       Regierung anerkennen.  Capehart führte  unter anderem  aus: "Wenn
       die Sowjetregierung  einen  separaten  Friedensvertrag  mit  Ost-
       deutschland abschließt  und das Recht der Kontrolle über die nach
       Westberlin führenden  Zufahrtswege auf  die ostdeutschen Behörden
       überträgt, dann  sollten wir  meiner Ansicht nach ebenfalls prak-
       tisch und  realistisch sein." Ein Besuch Chrustschows in den Ver-
       einigten Staaten könne nur nützlich sein
       Neue Zürcher Zeitung vom 19.7.1959.
       
       ...AMEISEN
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       Der südafrikanische  Biologe S.H.  Skaife hat es am besten formu-
       liert: "Wer  zuletzt lacht in einem nuklearen Krieg, sind die Am-
       eisen. Sie  vertragen 12mal  mehr Röntgeneinheiten  als die  Men-
       schen."
       
       NICHT OHNE GRUND
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       Das wissenschaftliche  Komitee der  Vereinten  Nationen  zur  Er-
       forschung der radioaktiven Strahlung hat am 9. Juli die Regierung
       von 89 Ländern ersucht, Informationen über die sich verstärkenden
       Spuren von Strontium 90 in den Knochen von Kindern einzuholen.
       
       UNBESTECHLICH
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       Vor dem  "Internationalen Kongreß"  über die Auswirkungen der ra-
       dioaktiven Strahlung  Ende Juni  d.J. in Venedig fand das Referat
       von Prof.  Z.M. Bacq, dem Direktor des Laboratoriums für Patholo-
       gie und Therapeutik der Universität Lüttich, besondere Beachtung.
       Er sagte, jeder Wissenschaftler, der seinem geistigen Auftrag ge-
       treu und der unbestechlich sein wolle, müsse feststellen, daß der
       zulässige Grad  der Strahlung für den Durchschnitt der Menschheit
       sehr bald  erreicht sein dürfte. Aufgrund eines umfassenden Mate-
       rials bewies er das.
       
       AM ERSTEN TAG
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       Der  parlamentarische   Unterausschuß  für   Atomstrahlungen   in
       Washington veröffentlichte  am 25. Juni einen Bericht mit folgen-
       dem Resumee:  "Ein konzentrierter Angriff auf die 180 wichtigsten
       Ziele und strategischen Zentren der USA mit 263 H-Bomben würde am
       ersten Tag etwa 23 Millionen der 177 Millionen Amerikaner das Le-
       ben kosten.  Weitere 26  Millionen Menschen  würden derart schwer
       verletzt werden,  daß sie nicht wiederhergestellt werden könnten.
       Von einer großen Zahl anderer Amerikaner, mindestens etwa 20 Mil-
       lionen, ließe sich hoffen, daß sie zu irgendeinem Zeitpunkt einen
       gewissen Grad  der Gesundheit wiedererlangten. Mindestens 25% der
       Opfer würden  auf Strahlungen zurückzuführen sein, sagte der Vor-
       sitzende des  Ausschusses, der  Abgeordnete Chat Holifield, Kali-
       fornien, der den Bericht erstattete.
       
       SOFORT BEREIT
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       Der Tagung  der "Europäischen  Föderation gegen  Atomrüstung"  in
       Schliersee/Obb. wurde am 27. Juni d.J. ein persönlicher Brief des
       sowjetischen Ministerpräsidenten Chrustschow überbracht, "die So-
       wjetunion sei bereit, unverzüglich ein Abkommen über die Einstel-
       lung der  Kernwaffenversuche zu  unterzeichnen, wenn  die USA und
       Großbritannien dasselbe täten. Die SU sei immer ein entschiedener
       Anhänger der Einstellung der Kernwaffenversuche gewesen." Chrust-
       schows Brief  war seine  Antwort auf die von der Föderation am 5.
       Mai d.J.  an die Regierungschefs der Vereinigten Staaten, der So-
       wjetunion und  Großbritanniens gerichtete  Aufforderung,  nunmehr
       eine klare  Antwort über ihre Haltung zur notwendigen Einstellung
       der Kernwaffenversuche zu geben.
       
       NICHT DAS EINZIGE MITTEL...
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       "Unser Protest  wird  nicht  das  einzige  Mittel  bleiben,  wenn
       Frankreich den  Plan weiter durchführt, Kernwaffenversuche in der
       Sahara, nahe  der marokkanischen  Grenze, vorzunehmen," sagte der
       Ministerpräsident Marokkos,  Abdallah Ibrahim, am 28. Juni in Da-
       maskus, wo er als Gast Nassers weilte.
       
       "RECHTZEITIG..."
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       Am 21.  Mai d.J. hatte Professor Teller, der Verfechter eines nu-
       klearen Präventivkrieges  der USA, in Milwaukee vor einer Gesell-
       schaft Industrieller  gesagt, "daß die SU in spätestens 10 Jahren
       vor den  USA einen  unbedingten Vorsprung  in der Entwicklung von
       Kernwaffen erlangt  haben würde. Wenn man diese kurze Frist nicht
       nutze, werde  die Welt  am Ende dieses Jahrhunderts nach sowjeti-
       schem und  nicht nach  den eigenen  amerikanischen Ideen  geformt
       sein. Lasse  man die  letzten 10  Jahre  ungenutzt  verstreichen,
       bleibe nichts  als eine vage Hoffnung, die verlorene Führerschaft
       zu einem  späteren Zeitpunkt  zurückzugewinnen." An diese mittel-
       bare erste Aufforderung Professor Tellers - eine Aufforderung zum
       nuklearen Krieg!  - schloß sich eine unmittelbare zweite von Tho-
       mas E.  Murray, einem  wissenschaftlichen Berater im Ausschuß für
       Atomenergie des Kongresses, in einem New Yorker Fernseh-Interview
       vom 6.  Juli d.J.;  Murray sagte:  "Wir haben  die Aufgabe, schon
       jetzt Tausende  von kleinen  Atombomben zu  lagern,  um  der  So-
       wjetunion in  sicherlich bevorstehenden  räumlich begrenzten Aus-
       einandersetzungen rechtzeitig zu begegnen..."
       
       "WENN IHR NICHT DIE FERIEN UNTERBRECHT..."
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       Der New  Yorker Bankier  James P. Warburg warnte Anfang Juli d.J.
       Präsident Eisenhower  vor dem beabsichtigten Atomabkommen mit der
       Bundesrepublik,  eben  zu  diesem  Zeitpunkt,  weil  ein  solcher
       Schritt die Genfer Verhandlungen gefährden müsse. Am 9. Juli ver-
       öffentlichte Warburg  dazu in der "New York Times" einen "Aufruf"
       auf einer  halben Anzeigenseite:  "Ich bedaure, Eure Sommerferien
       zu stören,  liebe Mitamerikaner,  aber wißt  Ihr, was  geschieht?
       Euer Schicksal  und das  Schicksal Eurer  Kinder wird  den Händen
       Konrad Adenauers  anvertraut,  dem  halsstarrigen  autokratischen
       83jährigen Kanzler  der westdeutschen  Republik. Wenn  Ihr  nicht
       Eure Ferien unterbrecht und etwas unternehmt, wird Eure Regierung
       ausgerechnet den  Deutschen die  Macht übertragen haben, jede Lö-
       sung für  die Zukunft  Berlins zu gefährden, die Macht, jedes Ab-
       kommen über ein Verbot von Atomversuchen und die Verhinderung der
       weiteren Verteilung von Kernwaffen in der Welt zu torpedieren."
       
       ZWANGSLÄUFIGE KOEXISTENZ
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       Michail Suslow sagte Anfang Juli auf dem XV. Parteitag der KPF in
       Paris: "Die  Koexistenz ist  zwangsläufig geworden.  Der Gang der
       gegenwärtigen Geschichte,  die Verteilung  der politischen Kräfte
       in internationalen  und in  den nationalen Maßstäben schließt die
       Möglichkeit, auf  der Position der Feindschaft zu den Kommunisten
       und den  kommunistischen Ländern  eine demokratische  Entwicklung
       aufzubauen, aus.  Heute ist  es unmöglich  geworden, ohne  Zusam-
       menarbeit mit den Kommunisten erfolgreich für den Frieden und die
       Aufrechterhaltung der  demokratischen Freiheiten zu kämpfen... In
       dieser Situation  können auch  die Kommunisten wieder frei, unge-
       hemmt und  selbstbewußt auf  die politische  Tribüne ihrer Länder
       treten. In langsam sich anbahnenden Verständigungen mit Parteilo-
       sen, Katholiken  und Sozialisten können sie gegen die Drohung ei-
       nes furchtbaren Weltkrieges den Sieg erringen." Zu einzelnen Vor-
       stößen gegen  die Politik  de Gaulles  auf dem  Parteitag der KPF
       sagte Suslow kein Wort, selbst in der Algerienpolitik nicht.
       
       BESCHLAGNAHMT
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       Auf Befehl des französischen Innenministers wurde am 21. Juni das
       drei Tage  zuvor in  Paris erschienene  Buch "La  Gangrène" ("Das
       Brandgeschwür") beschlagnahmt.  Die Verfasser,  fünf junge  Alge-
       rier, unter  ihnen vier  Studenten, schildern darin die Folterun-
       gen, denen sie im Dezember 1958 und im Januar 1959 im Gebäude der
       Politischen Polizei  an der Rue des Saussaies in Paris und in ei-
       ner Villa  in der Umgebung der Hauptstadt unterworfen wurden. Die
       Zeitung "Monde"  veröffentlichte  dazu  einen  Leitartikel  ihres
       stellvertretenden  Chefredakteurs  Jacques  Fauvet:  "Die  Folter
       schädigt die  physische Integrität  der Opfer, aber mehr noch die
       moralische Integrität  der Nation.  Sie kann  nicht einmal  damit
       entschuldigt werden,  daß sie  etwas nützt.  Nichts geschieht, um
       ihr Einhalt  zu gebieten.  Im Gegenteil, die Anwendung der Folter
       wird erleichtert.  Schuld daran  sind ein  falsches Autoritätsbe-
       wußtsein, die  Gleichgültigkeit der  öffentlichen Meinung und die
       Schwäche der Gesetze."
       
       DEZIMALSYSTEM
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       Die Regierung  der Volksrepublik China hatte am 1. Juli d.J. ver-
       fügt, daß  allen Maßeinheiten  künftig das Dezimalsystem zugrunde
       zu legen  ist. Das  gilt ebenso für Längen- wie für Gewichtsmaße.
       Nur in  bestimmten Fällen seien die rückständigen britischen Maße
       beizubehalten, jedoch  nur solange,  als noch Maschinen und Güter
       aus Großbritannien,  die nach  solchen Maßen  konstruiert  seien,
       eingeführt werden müssen.
       
       KEIN "FALL" MEHR
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       Frau Frieda  Kantorowicz, die  Gattin des  aus der  DDR in die BR
       hinübergewechselten Literar-Historikers  Dr. Alfred  Kantorowicz,
       darf weiter als Repräsentantin der DDR-Nachrichten-Agentur ADN in
       der Schweiz  bleiben. Dies erklärte die Regierung der Schweizeri-
       schen Eidgenossenschaft  in Rücksicht  auf "die loyale Behandlung
       aller Fragen,  die mit ihren eigenen journalistischen Repräsenta-
       tionen in  der DDR  zusammenhängen, seitens  der Regierung dieses
       Landes".
       
       LETZTLICH DOCH NEUTRALISIERUNG
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       "Die Verhandlungen  in Genf  werden vom  Westen nicht  sehr  ein-
       drucksvoll geführt", sagte Gaitskell auf dem Kongreß der Soziali-
       stischen Internationale  in Hamburg am 15. Juli. "Das Berlin-Pro-
       blem kann nur gelöst werden, wenn die deutsche Einheit wiederher-
       gestellt wird.  Die Wiederherstellung  der deutschen Einheit kann
       aber dem  Osten nur zugemutet werden, wenn Deutschland aus jegli-
       chen militärischen  Überlegungen herausgelöst wird. Das erscheine
       in einer  europäischen Zone der kontrollierten Abrüstung möglich.
       Eine solche  Zone sollte Deutschland, Polen, die Tschechoslowakei
       und Ungarn  umfassen. Das Bilden einer solchen Zone brauche nicht
       von einer  allgemeinen politischen  Entspannung globalen Ausmaßes
       abhängig gemacht  zu werden.  Vielmehr sei es umgekehrt, das Ent-
       stehen einer solchen Zone werde einer der Faktoren sein, die eine
       solche Entspannung  herbeiführe. Ohne  ein Auseinanderrücken  der
       Militärblöcke -  d.h. ohne den Disengagement-Plan der Labourparty
       und ohne  den Deutschland-Plan  der SPD - werde es in Genf keinen
       Fortschritt geben."
       
       ZERSPRENGTE LUFT-ARTILLERIE
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       Die "Neue  Zürcher Zeitung"  schrieb am  12. Juli  d.J. unter der
       Überschrift "Nato  in Not": "200 amerikanische Jagdbomber vom Typ
       "Super-Sabre", die  dazu bestimmt  sind, kleinere  Atombomben  im
       Rahmen der taktischen Abwehr gegen eine angreifende Armee zu tra-
       gen, werden von ihren bisherigen Standorten in Choumont, Toul und
       Etain entfernt.  6 Geschwader  oder etwa 130 Flugzeuge kommen auf
       Stützpunkte der Nato in Deutschland und 3 Geschwader oder etwa 70
       Flugzeuge nach  England. Die nach Westdeutschland verlegten 6 Ge-
       schwader rücken zwar näher an den Eisernen Vorhang, aber sie sind
       künftig sehr gefährdet, die nach England verlagerten 3 Geschwader
       sind infolge  des verhältnismäßig  geringen Aktionsradius solcher
       Bomber praktisch  nahezu außer  Gefecht gesetzt. Die Zentralfront
       ist also  in ihrer  "Air-Cavalry" entscheidend  geschwächt. Diese
       Schwächung betrifft  dabei die  stets an  der unteren  Grenze des
       noch zu  Verantwortenden liegenden  Abwehrorganisation der  Nato.
       Sie enthüllt  zugleich eine  politische Schwächung des Nordatlan-
       tik-Bündnisses, die mit General de Gaulle gegeben ist..."
       
       GEWALT NUR BEI GEWALT
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       Der stellvertretende  sowjetische Ministerpräsident  Koslow sagte
       am 3.  Juli auf  einer Pressekonferenz  in  Washington,  die  So-
       wjetunion werde,  falls es  zu keiner  befriedigenden Lösung  des
       Berlin-Problems komme,  lediglich zum  Entschluß gezwungen  sein,
       mit der  Deutschen Demokratischen  Republik einen Separat-Frieden
       abzuschließen. Gewalt  werde sie  nur gegen Gewalt anwenden, d.h.
       wenn der  Berlin-Frage wegen  von westlicher Seite in Deutschland
       oder unter den beiden deutschen Staaten ein Krieg vom Zaun gebro-
       chen werden sollte.
       
       VEREINIGTE FRONT
       ================
       
       Die Botschafter der Bandung-Staaten veranstalteten am 11. Juli d.
       Js. in  Moskau ein Essen zu Ehren des in der SU weilenden Kaisers
       von Äthiopien,  Haile Selassie.  Dem Essen wohnten Präsident Mar-
       schall Woroschilow  und Ministerpräsident Chrustschow bei. In der
       Rede von  Kaiser Selassie hieß es wörtlich: "Angesichts der zahl-
       reichen Verletzungen  der Rassenfreiheit in Afrika und angesichts
       der Welle  des Nationalismus dürfen wir, 'Afrikaner und Asiaten',
       in unserem  eigenen Kampf  nicht nachlassen.  Wir müssen  die vor
       vier Jahren in Bandung geschaffene vereinigte Front weiter konso-
       lidieren." Der  Kaiser brachte im übrigen einen 100-Millionen-Ru-
       bel-Kredit der  Sowjetunion in  sein Land  mit, um  einen  ersten
       Fünfjahresplan zur  wirtschaftlichen Entwicklung  des Landes ver-
       wirklichen zu können. Außerdem wurde ein Handelsabkommen zwischen
       der  Sowjetunion   und  Äthiopien  geschlossen  (Maschinen,  Aus-
       rüstungen, Eisenerzeugnisse  gegen Häute,  Erdnüsse und Ölsamen).
       Zur Befestigung  der Freundschaft  wird die  Sowjetunion außerdem
       eine Grundschule  für 1000  Schüler in Addis Abeba bauen und ein-
       richten, sowie  für das  große "Prinz Hara-Spital" in der Landes-
       hauptstadt alle  medizinischen Einrichtungen  zur Verfügung stel-
       len. Als  persönliches Geschenk  erhielt der  Kaiser ein Flugzeug
       vom Typ "Jl-14".
       
       WORTLAUT DER RESOLUTION DES ZENTRALRATES DER JUDEN IN DEUTSCHLAND
       =================================================================
       
       Der Zentralrat  der Juden  in Deutschland  hat mit wachsender Be-
       sorgnis eine  Entwicklung in  Deutschland beobachtet, die auch in
       Erscheinungen des Antisemitismus Ausdruck gefunden hat. Die Rück-
       kehr ehemaliger Naziaktivisten in Schlüsselstellungen des Staates
       hat hierzu  zweifellos beigetragen.  Hierdurch wird  weniger  die
       kleine Gruppe der überlebenden Juden in Deutschland als das Anse-
       hen des  deutschen Volkes geschädigt. Es ist tragisch, daß wir 14
       Jahre nach dem Zusammenbruch eines Gewaltregimes, das Deutschland
       und Europa  an den  Rand des  Unterganges gebracht hat, gezwungen
       sind, erneut und nachdrücklich zu warnen.
       Düsseldorf, 22. Juni 1959.
       
       AUSZUG AUS DEM KOMMUNIQUÉ DES ZENTRALRATES
       ==========================================
       DER JUDEN IN DEUTSCHLAND
       ========================
       
       Der Zentralrat  befaßte sich mit kulturellen und politischen Pro-
       blemen, sowie mit Fragen der Wiedergutmachung. Er bedauerte über-
       spitzte Konstruktionen,  die zur  Abweisung oder Beschränkung von
       Ansprüchen führten, deren rechtliche und moralische Grundlage un-
       zweifelhaft ist.  Hierzu wurde  vor allem  der Einwand gerechnet,
       daß eine  durch den  Nationalsozialismus zerstörte Synagoge wahr-
       scheinlich andernfalls  der Kriegseinwirkung  zum Opfer  gefallen
       wäre, oder  die Verweigerung von Witwenrenten mit der Begründung,
       daß die  Machthaber des  Dritten Reiches mit dem tödlichen Ablauf
       der Verfolgungsmaßnahmen  nicht rechnen  konnten. Der  Zentralrat
       wandte sich gegen den Ausschluß jüdischer Verfolgter aus dem Här-
       teausgleich und verlangte die sofortige Abstellung dieser Praxis.
       Düsseldorf, 22. Juni 1959.
       

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