Quelle: Blätter 1959 Heft 08 (August)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER DEKLARATION DER LABOUR PARTY UND DES
       =================================================
       GEWERKSCHAFTSKONGRESSES: DER NÄCHSTE SCHRITT.
       =============================================
       ABRÜSTUNG UND NUKLEARER KRIEG *)
       ================================
       
       Im Frühjahr des Jahres 1958 veröffentlichten die Labour Party und
       der Gewerkschaftskongreß eine Erklärung über ihre Politik in Fra-
       gen der  Abrüstung und  des nuklearen Krieges. Wir bestätigen er-
       neut die grundsätzlichen Prinzipien dieser Erklärung. Seitdem ha-
       ben wir  mehrere wichtige  internationale Ereignisse  erlebt, die
       uns auf die Notwendigkeit verweisen, unsere Politik ausführlicher
       darzustellen. Die  wichtigsten Ereignisse,  an die wir dabei den-
       ken, sind  die sowjetischen Erklärungen über Berlin und die ihnen
       folgende Außenministerkonferenz,  die Genfer  Konferenz über  nu-
       kleare Versuche,  neue Kenntnisse über die durch Strahlungen ver-
       ursachten Gefahren  und die  Aussicht, daß  Frankreich bald seine
       erste eigene Nuklearwaffe erproben wird.
       
       Ein Abkommen in Europa
       ----------------------
       
       Was Berlin  und die  damit zusammenhängenden Fragen der deutschen
       Wiedervereinigung und  der europäischen  Sicherheit betrifft,  so
       hat die  Entwicklung der  letzten Zeit  unsere Überzeugung bestä-
       tigt, daß  die beste  Aussicht für eine langfristige Lösung durch
       einen Plan für das Disengagement von der Art gegeben ist, wie wir
       ihn vorgeschlagen  haben.  Gemäß  unserem  Plan  wäre  der  erste
       Schritt die  Errichtung einer wirksamen internationalen Kontrolle
       über die  Waffen und  die bewaffneten  Streitkräfte in  West- und
       Ostdeutschland, in  Polen, der  Tschechoslowakei und  Ungarn. Ihm
       würden die  stufenweise Zurückziehung  der ausländischen  Streit-
       kräfte aus diesem Gebiet, die Wiedervereinigung Deutschlands, ein
       Sicherheitspakt, der die Grenzen der Staaten in diesem Gebiet ga-
       rantiert, und  schließlich das  Ausscheiden Deutschlands  aus der
       Nato und  das Polens,  der Tschechoslowakei  und Ungarns  aus dem
       Warschauer Paktsystem  folgen. Wir  bedauern außerordentlich, daß
       die Westmächte  es versäumt  haben, diese  Vorschläge  anzunehmen
       oder auch  nur ähnliche  Anregungen, wie  die von  Rapacki vorge-
       brachten, zu diskutieren.
       W i r   s t e l l e n   f e s t,   d a ß   w i r    d i e    A n-
       s i c h t   v e r t r e t e n,   d a ß   t r o t z  d e s  M a n-
       g e l s   a n   F o r t s c h r i t t e n   w ä h r e n d   d e r
       A u ß e n m i n i s t e r k o n f e r e n z     e i n e    G i p-
       f e l k o n f e r e n z    d u r c h g e f ü h r t    w e r d e n
       m u ß.   D i e   V ö l k e r  d e r  W e l t  w ü r d e n  a l l-
       g e m e i n   B e s t ü r z u n g   e m p f i n d e n,  f a l l s
       d i e   V e r s u c h e   z u r   V e r b e s s e r u n g   d e r
       B e z i e h u n g e n   z w i s c h e n   O s t   u n d   W e s t
       a u f g e g e b e n  w ü r d e n,  b e v o r  e i n e  d e r a r-
       t i g e  B e g e g n u n g  a u f  d e m  G i p f e l  d u r c h-
       g e f ü h r t  w o r d e n  w ä r e.
       
       Beendigung der nuklearen Versuche
       ---------------------------------
       
       Hinsichtlich des  Abkommens über  die Einstellung  der  nuklearen
       Versuche sind  hoffnungsvollere Fortschritte  gemacht worden. Die
       Westmächte sind, wie wir es forderten, von ihrem früheren Verlan-
       gen abgegangen,  ein Abkommen über die Versuche von umfassenderen
       Maßnahmen für  die Abrüstung  abhängig zu  machen,  und  bestehen
       heute nicht  mehr auf  einer zeitlichen Begrenzung des Abkommens.
       Man hat  sich über  17 der 25 Artikel des Abkommens, darunter ei-
       nige von  größerer Bedeutung,  geeinigt. Noch bestehen Schwierig-
       keiten in  Fragen der  Inspektion und  der Kontrolle,  wir hoffen
       aber, daß sie bald überwunden werden.
       Am bedeutsamsten ist es, daß die Aussetzung der Versuche, die wir
       so lange  forderten, endlich  akzeptiert wurde,  und daß seit dem
       letzten November  kein Land  Versuche durchführte.   W i r   e m-
       p f e h l e n  d r i n g e n d,  d a ß  d i e s e r  W a f f e n-
       s t i l l s t a n d   a u f r e c h t e r h a l t e n    w i r d,
       u n d     d a ß     k e i n e    d e r    d r e i    M ä c h t e,
       s e l b s t   w e n n   d i e  V e r h a n d l u n g e n  s i c h
       a u f   l ä n g e r e   Z e i t   a u s d e h n e n  w ü r d e n,
       d i e   n u k l e a r e n   V e r s u c h e   e r n e u t    b e-
       g i n n t.   W e r   d a s   t ä t e    u n d    s o    e i n e n
       n e u e n   S t a r t    d e s    u n k o n t r o l l i e r t e n
       W e t t r e n n e n s    u m    d i e    P e r f e k t i o n i e-
       r u n g   d i e s e r   e r s c h r e c k e n d e n  Z e r s t ö-
       r u n g s m i t t e l   p r o v o z i e r t e,   w ü r d e  e i n
       s c h w e r e s     V e r b r e c h e n      g e g e n      d i e
       M e n s c h h e i t  b e g e h e n.
       Unsere Besorgnis ist um so größer, weil kürzlich erfolgte Mittei-
       lungen nachdrücklich  die Gefahr  betonen, daß die Radioaktivität
       den noch ungeborenen Generationen unermeßliche Leiden verursachen
       kann. Nach den Feststellungen der Euratom-Kommission hat sich die
       Menge der  in der  Luft und dem Wasser enthaltenen Radioaktivität
       während der  letzten Jahre in allen westeuropäischen Ländern mehr
       als verdoppelt.  In Großbritannien verdoppelte sich die Menge des
       Strontium 90, das mit dem Regenwasser niederging, innerhalb eines
       Jahres.  Überdies  wird  jetzt  vom  Medizinischen  Forschungsrat
       (Medical Research Council) anerkannt, daß jede Einwirkung von Ra-
       dioaktivität potentiell  gefährlich ist, und daß die Gefahr um so
       größer ist,  je größer  die Einwirkung  ist. Es  gibt daher keine
       "sichere Grenze".   D e s h a l b    w ü r d e    e i n e    L a-
       b o u r - R e g i e r u n g,  f a l l s  a n d e r e  L ä n d e r
       d e n   W a f f e n s t i l l s t a n d   b r e c h e n,    i h n
       w e i t e r h i n   b e a c h t e n   u n d  s o f o r t  n e u e
       V e r h a n d l u n g e n   ü b e r   e i n  i n t e r n a t i o-
       n a l e s   V e r b o t   a l l e r   V e r s u c h e  b e g i n-
       n e n.
       Ein Abkommen  der drei  Mächte über die nuklearen Versuche allein
       ist offensichtlich  nicht ausreichend, um den Frieden zu sichern.
       So bald  wie möglich  muß ihm  ein umfassendes Abrüstungsabkommen
       folgen. Die  bereits vorhandenen  Lager nuklearer Waffen könnten,
       falls sie  benutzt werden,  die Menschheit  vernichten. Auch ohne
       weitere Versuche  können Amerika, Rußland und Großbritannien mehr
       und mehr  nukleare Waffen  herstellen. Wenn die Mächte, die heute
       Nuklearwaffen besitzen,  sie nicht  aufgeben, so  werden, wie der
       Internationale Sozialistische  Kongreß vor  zwei Jahren erklärte,
       andere Länder  gleichfalls das  Recht beanspruchen,  ihre eigenen
       Waffen zu erproben und herzustellen.
       
       Allseitige Abrüstung - unser Hauptziel
       --------------------------------------
       
       Es ist  deshalb nicht genug, lediglich ein Abkommen über die Ver-
       suche zu  treffen. Ein  solches Abkommen sollte kein Kissen sein,
       auf dem  wir uns  ausruhen, sondern  ein Ansporn  für weitere Be-
       mühungen.   E s   m u ß   n i c h t   n u r   u n s e r   Z i e l
       s e i n,   d i e   W e l t  v o n  n u k l e a r e n  u n d  a n-
       d e r e n  M a s s e n v e r n i c h t u n g s m i t t e l n  z u
       b e f r e i e n,   s o n d e r n  a u c h,  a l l e  b e w a f f-
       n e t e n   S t r e i t k r ä f t e    u n d    R ü s t u n g e n
       b i s   z u  e i n e m  G r a d  z u  r e d u z i e r e n,  d e r
       e i n e n  K r i e g  u n m ö g l i c h  m a c h t.
       Indem sie  an die  Annahme des anglo-französischen Plans als Ver-
       handlungsgrundlage durch  Rußland im  Jahre 1955 anknüpfte, würde
       eine Labour-Regierung  eindringlich schrittweise Abkommen empfeh-
       len, um die folgenden Ziele zu erreichen:
       a) eine größere Reduzierung aller bewaffneten Streitkräfte bis zu
       einem Grad,  der wesentlich  unter den  heutigen  Ziffern  liegen
       würde;
       b) eine entsprechende  Verminderung aller  konventionellen Waffen
       und der Militärausgaben;
       c) die völlige  Umstellung der Gewinnung spaltbaren Materials auf
       zivile Zwecke,  der zu  seiner Zeit die völlige Abschaffung aller
       Nuklearwaffen und  die Zurverfügungstellung der vorhandenen mili-
       tärischen Lager an spaltbarem Material für friedliche Zwecke fol-
       gen würde;
       d) die Abschaffung  der militärischen Mittel, die für den Abschuß
       oder Abwurf  dieser Waffen  benötigt werden (Bomber, Raketen, Un-
       terseeboote, Atomkanonen  usw.), um  die Sicherheit  zu schaffen,
       daß keine  geheimen Lager nuklearer Waffen für einen Angriff ver-
       wendet werden können;
       e) die Abschaffung  aller chemischen,  biologischen  und  anderen
       Massenvernichtungswaffen;
       f) zu Beginn  dieser Schritte  die Errichtung  einer Körperschaft
       der Vereinten Nationen, die der Vollversammlung für die Durchfüh-
       rung des  Abrüstungsvertrages verantwortlich  wäre. Diese Körper-
       schaft muß  entsprechende Rechte,  Vollmachten und Funktionen ha-
       ben, einschließlich  derjenigen, die als Schutz gegen einen Über-
       raschungsangriff wirken,  ein Netz  von Kontrollstationen für die
       Feststellung nuklearer Versuche unterhalten, die laufende Inspek-
       tion von  Werken für die Gewinnung und Verwendung von Kernenergie
       durchführen und  aller militärischen  Einrichtungen und Waffenfa-
       briken, sowie  das Recht besitzen, eine Kontrolle über alle mili-
       tärischen Ausgaben auszuüben.
       Wir empfehlen  weiterhin, daß  die Regierung  Ihrer Majestät  die
       Bildung einer  Kommission aus  Wissenschaftlern bei  der Vollver-
       sammlung der Vereinten Nationen vorschlagen möge, der die Aufgabe
       zu übertragen wäre, Methoden für die Feststellung versteckter La-
       ger nuklearer Waffen zu untersuchen.
       Ein Abrüstungsabkommen,  wie wir  es umrissen  haben, würde  eine
       völlig neue Atmosphäre im internationalen Leben schaffen. Es wür-
       den den  industriell höher  entwickelten Staaten  die Möglichkeit
       geben, in  weit größerem Umfang zur wirtschaftlichen und sozialen
       Entwicklung anderer  Länder beizutragen. Die Labour Party hat be-
       reits eine  bestimmte Versicherung abgegeben, daß eine Labour-Re-
       gierung ein  Prozent des Nationaleinkommens der Hilfe für die un-
       terentwickelten Länder  widmen und  den Vereinten  Nationen  vor-
       schlagen würde, daß alle anderen Staaten dasselbe tun. Bisher ha-
       ben die Westmächte die Verteidigungslasten als Entschuldigung da-
       für benutzt,  daß sie es versäumt haben, das Problem der weltwei-
       ten Armut  im großen  Maßstab anzupacken.  Die Beseitigung dieses
       Entschuldigungsgrundes sollte  einen wesentlichen Fortschritt so-
       gleich möglich machen.
       D e r   W e l t f r i e d e n   k a n n   n u r  d u r c h  e i n
       d e r a r t i g e s   A b k o m m e n,   v e r b u n d e n  m i t
       p a r a l l e l   l a u f e n d e n  V e r e i n b a r u n g e n,
       d i e   p o l i t i s c h e    L ö s u n g e n    e r z i e l e n
       u n d   d i e   U r s a c h e n  d e r  S p a n n u n g e n  b e-
       s e i t i g e n,   e n d l i c h  g e s i c h e r t  w e r d e n.
       D i e s  z u  e r r e i c h e n,  m u ß  d e s h a l b  u n s e r
       h ö c h s t e s   Z i e l   b l e i b e n,   u n d   d i e   B e-
       m ü h u n g,    d i e s e s    Z i e l    z u    e r l a n g e n,
       w i r d   f ü r   d i e   n ä c h s t e  L a b o u r - R e g i e-
       r u n g  d e n  h ö c h s t e n  V o r r a n g  h a b e n.
       Nicht als leere Geste unterbreiten wir unsere Vorschläge für eine
       allgemeine und drastische Verminderung der Rüstungen. Die nächste
       Labour-Regierung wird  sie der  Vollversammlung der Vereinten Na-
       tionen vorlegen,  und wir glauben, daß sie durch das gesamte Com-
       monwealth und  viele andere Länder unterstützt werden. Wir müssen
       jedoch die  vielen Schwierigkeiten  erkennen, die im Wege stehen.
       Das gegenseitige  Mißtrauen und  die gegenseitigen  Befürchtungen
       des sowjetischen  Blocks und  des Westens  sind immer  noch  sehr
       wirksam. Es  ist daher  beinahe sicher,  daß diese  Verhandlungen
       sich als lang und schwierig erweisen werden. Da die Verhandlungen
       wahrscheinlich ausgedehnt  sein werden,  müssen wir  überdies der
       schwerwiegenden Gefahr  ins Auge  sehen, daß  andere Länder, emp-
       findlich gegenüber  dem Monopol in nuklearen Waffen, das Amerika,
       Rußland und  Großbritannien gegenwärtig besitzen, sich entschlie-
       ßen, mit einer eigenen Produktion zu beginnen.
       
       Die Verbreitung nuklearer Waffen
       --------------------------------
       
       N a c h   A n s i c h t   d e r   A m e r i c a n   A c a d e m y
       o f  A r t s  a n d  S c i e n c e s  v e r f ü g e n  g e g e n-
       w ä r t i g   z w ö l f   L ä n d e r   ü b e r   d i e  w i r t-
       s c h a f t l i c h e n    u n d    t e c h n i s c h e n    V o-
       r a u s s e t z u n g e n   f ü r   d i e   H e r s t e l l u n g
       n u k l e a r e r   W a f f e n,   w e i t e r e  a c h t  L ä n-
       d e r    k ö n n t e n    b i n n e n    d e r    n ä c h s t e n
       f ü n f   J a h r e   m i t   e i n e m    P r o d u k t i o n s-
       p r o g r a m m   f ü r   N u k l e a r w a f f e n    b e g i n-
       n e n.  D a s  s i n d  e r s c h r e c k e n d e  A u s s i c h-
       t e n   f ü r  d e n  z u k ü n f t i g e n  F r i e d e n  d e r
       W e l t.   Sollte irgendeines  dieser Länder mit Versuchen begin-
       nen, so  würde das sofort zwei Ergebnisse zeitigen. Erstens würde
       die Luft  weiter vergiftet  werden, zweitens würde jedes Abkommen
       der heutigen  Nuklearmächte über die Einstellung der Versuche so-
       fort unterminiert  werden. Jedoch können wir diesen Nationen kaum
       das Recht verweigern. unserem Beispiel zu folgen. Denn alle Argu-
       mente, die  uns veranlaßten, unsere britischen Nuklearwaffen her-
       zustellen, können  mit dem gleichen Gewicht und der gleichen Gül-
       tigkeit beispielsweise  von den  Franzosen oder  den Chinesen für
       die Herstellung ihrer Bomben benutzt werden.
       Wir müssen  daher annehmen,  daß die  Zahl der Nationen, die ihre
       eigenen Nuklearwaffen herstellen, von Jahr zu Jahr zunehmen wird,
       falls kein  Abkommen in der nahen Zukunft erreicht wird und falls
       nichts getan wird, um die Verbreitung der Kernenergie als militä-
       rische Waffe  zu verhindern.  Und jedes Zunehmen dieser Zahl wird
       ein neues  und schreckliches Hindernis für das Erreichen der all-
       seitigen Abrüstung schaffen. Die Franzosen haben bereits angekün-
       digt, daß  ihr erster  Versuch so  bald wie  möglich  stattfinden
       wird.
       Sollte Frankreich  Nuklearmacht werden,  so würde  es  für  jeden
       westdeutschen Kanzler  sehr schwierig  sein,  die  Forderung  auf
       lange Zeit hinauszuschieben, daß sein Land innerhalb der Nato-Al-
       lianz den  gleichen Status  wie Frankreich und Großbritannien be-
       sitzen solle. Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs gibt es
       Anzeichen für  eine ähnliche Rivalität, einen ähnlichen Groll und
       Wettbewerb. Die Russen haben- wahrscheinlich weil sie sich dieser
       Gefahr bewußt  waren -  ihre Vorstellungen  über eine atomwaffen-
       freie Zone  im Pazifik  bekannt gemacht. Das hat jedoch nicht den
       Anspruch Pekings  verhindert, daß China im Jahre 1961 seine eige-
       nen Nuklearwaffen besitzen will.
       
       Das Hauptargument gegen einseitige Maßnahmen
       --------------------------------------------
       
       An diese  schweren Gefahren müssen wir uns erinnern, wenn wir uns
       fragen, ob  es noch  einen weiteren Schritt gibt, den Großbritan-
       nien unternehmen kann, um die Sache der allgemeinen Abrüstung und
       des Weltfriedens  zu fördern.  Diejenigen, die  an die einseitige
       nukleare Abrüstung glauben, haben keine Zweifel über ihre Antwort
       auf diese Frage. Sie sind sicher, daß es der größte Beitrag wäre,
       den Großbritannien  leisten kann, als Beispiel und Anstoß für die
       restliche Welt zu erklären, wir hätten uns entschlossen, die Her-
       stellung nuklearer  Waffen einseitig und bedingungslos aufzugeben
       und diejenigen  zu zerstören, die wir bereits besitzen. Diese Po-
       litik ist  vom Gewerkschaftskongreß wie von der Labour Party ent-
       schieden zurückgewiesen  worden, und es ist nichts geschehen, was
       die Argumente dafür hätte schwächen können.
       Es gibt  nicht die  geringsten Anzeichen  dafür, daß sich Amerika
       oder Rußland  veranlaßt sähen,  unserem Beispiel  zu folgen, wenn
       wir diesen Schritt unternähmen, oder doch dadurch die Politik Ge-
       neral des  Gaulles oder der chinesischen Regierung in irgendeiner
       Weise beeinflußt  würde. Wenn die Aufgabe der Herstellung nuklea-
       rer Waffen  durch Großbritannien  außerdem noch  von einem Verbot
       aller ausländischen nuklearen Stützpunkte begleitet würde, wie es
       oft eindringlich  empfohlen wird,  so käme  dies einem britischen
       Ausscheiden aus der Nato gleich. Nichts könnte gefährlicher sein.
       Sobald dieses  Land die Nato nicht mehr loyal unterstützte, würde
       die Allianz sehr wahrscheinlich auseinanderbrechen, Amerika würde
       sich in die Isolation zurückziehen und Westeuropa wäre dem Sowje-
       tischen Druck ungeschützt ausgesetzt. Bestenfalls würde die euro-
       päische Unabhängigkeit  unter deutscher  Führung und im Vertrauen
       auf die  amerikanische Drohung mit dem "massiven Gegenschlag" un-
       sicher aufrechterhalten  werden. Schlimmstenfalls würde die euro-
       päische Gemeinschaft,  die wir  seit 1945 aufzubauen geholfen ha-
       ben, zusammenbrechen.
       Dies sind  einige Gründe,  warum nach unserer Ansicht die Politik
       der einseitigen  nuklearen Abrüstung,  die das Auseinanderbrechen
       des westlichen Bündnisses mit sich bringen würde, nicht der Sache
       des Friedens  dienen, sondern  die Kriegsgefahr ernsthaft vergrö-
       ßern würde.   U n t e r   d e n   g e g e n w ä r t i g e n  B e-
       d i n g u n g e n    b e t r a c h t e n    w i r    e s    a l s
       u n e r l ä ß l i c h,   d a ß   d i e    N a t o - A l l i a n z
       a u f r e c h t e r h a l t e n   w i r d   u n d   w i r   i h r
       l o y a l e s   u n d   a k t i v e s   M i t g l i e d  b l e i-
       b e n,   d a s   s e i n e n   v o l l e n   B e i t r a g    z u
       i h r e n     S t r e i t k r ä f t e n    l i e f e r t    u n d
       a u c h   s e i n e n  T e i l  d e r  s i c h  d a r a u s  e r-
       g e b e n d e n  G e f a h r e n  a k z e p t i e r t.
       Ein völlig  anderer Vorschlag ist in dem Plan enthalten, Großbri-
       tannien solle  durch eine einseitige Entscheidung die Herstellung
       nuklearer Waffen  einstellen und  seine Leistungen auf dem Gebiet
       der Verteidigung auf den Aufbau konventioneller Streitkräfte kon-
       zentrieren, während  es die  Verantwortung für die Produktion nu-
       klearer Waffen  völlig den USA überlassen würde. Dieser Vorschlag
       stützt sich  nicht auf  moralische Argumente,  sondern wird  aus-
       schließlich auf  wirtschaftlichen und  militärischen Gründen  von
       denen aufgebaut,  die dringend empfehlen, daß Großbritannien den-
       noch seinen vollen Anteil in der Nato leisten solle. Als Mitglied
       der Allianz  müßten wir  natürlich bereit sein, unsere Aufgabe zu
       übernehmen. Für  die westliche Allianz ist es unerläßlich, Nukle-
       arwaffen zu behalten, bis sie durch ein allseitiges Abkommen völ-
       lig abgeschafft  werden. Die Verwicklung für uns liegt darin, daß
       wir die eigene Produktion einstellen und unsere eigenen Lager un-
       ter unserer  eigenen Kontrolle  behalten, kurz gesagt, wir würden
       uns selbst in dieser Hinsicht in die gleiche Lage wie andere Län-
       der des Westens begeben, beispielsweise Belgien, Holland und Ita-
       lien.
       
       Handlungsfreiheit für die Labour-Regierung
       ------------------------------------------
       
       In der  Opposition ist  es unmöglich  darüber zu urteilen, ob ir-
       gendwelche technischen und militärischen Vorzüge, die eine derar-
       tige Politik  besitzen  mag,  die  augenscheinlichen  politischen
       Nachteile aufwiegen  würden. Die Tatsache, daß wir Gegner der Po-
       litik des  einseitigen Verzichts auf nukleare Waffen sind, bedeu-
       tet nicht,  daß die  nächste Labour-Regierung den Weg beschreiten
       wird, diese  Waffen weiterhin  herzustellen oder  die  gefährlich
       einseitige nukleare  Strategie aufrecht zu erhalten, auf die sich
       die gegenwärtige Regierung verläßt, Wir wiederholen nochmals, was
       Mr. Gaitskell und Mr. Bevan auf der Konferenz von Scarborough be-
       tonten.   A n g e s i c h t s  v o n  T a t s a c h e n,  ü b e r
       d i e   e i n e    O p p o s i t i o n s p a r t e i    n i c h t
       u n t e r r i c h t e t   i s t,   m u ß   d i e    n ä c h s t e
       L a b o u r - R e g i e r u n g   d i e   F r e i h e i t    h a-
       b e n,   d i e   n u k l e a r e  S t r a t e g i e  u n d  d i e
       D r i n g l i c h k e i t s k a t e g o r i e n   f ü r    V e r-
       t e i d i g u n g s a u f g a b e n,   d i e   s i e  b e i  i h-
       r e m    A m t s a n t r i t t    ü b e r n e h m e n    w i r d,
       e n t w e d e r   z u   m o d i f i z i e r e n   o d e r  v ö l-
       l i g  z u  v e r w e r f e n.
       Inzwischen bleibt das dringende Problem der Ausbreitung nuklearer
       Macht Dieses  Problem wie auch eine hoffnungsvolle Art, es zu lö-
       sen, wurden  im vergangenen  Oktober von Mr. Gaitskell in Scarbo-
       rough behandelt:
       "Es ist  eine schreckliche  Aussicht, daß  nukleare Waffen in den
       Besitz von  mehr und  mehr Ländern  gelangen  sollen,  von  denen
       viele, wie mit Recht gesagt worden ist, weniger verantwortungsbe-
       wußt und  desto gefährlicher  für den Frieden der Welt sind. Wäre
       es eine  echte Entscheidung, wüßten wir als regierende Partei mit
       Gewißheit, daß  nur die Fortsetzung der Herstellung dieser Waffen
       durch uns  dieses Abkommen verhindert, welches die Verteilung nu-
       klearer Waffen  sozusagen endgültig einfrieren und auf diese bei-
       den Mächte  (USA und  UdSSR) beschränken würde, so weiß ich - und
       ich gebe  dieses Versprechen  -, daß  meine Kollegen und ich dies
       tatsächlich als ein sehr gewichtiges Argument betrachten würden."
       
       Eine britische Initiative
       -------------------------
       
       Seitdem Mr. Gaitskell diese Worte gebrauchte, ist die Gefahr viel
       akuter geworden.  Wir sind  überzeugt, daß der Zeitpunkt gekommen
       ist, an  dem die britische Regierung ihre eigene Haltung bekannt-
       geben und  diejenigen Nationen  einladen sollte,  die gegenwärtig
       keine nuklearen Waffen besitzen aber in der Lage sind, sie herzu-
       stellen, um  mit ihnen  über eine  gemeinsame Politik zu beraten.
       A l s   Z i e l   s o l l t e   s i c h  d i e  R e g i e r u n g
       e i n   A b k o m m e n   s e t z e n,   d a s,  a m  b e s t e n
       u n t e r   d e r   L e i t u n g  d e r  V e r e i n t e n  N a-
       t i o n e n,   v o n   a l l e n   S t a a t e n   m i t   A u s-
       n a h m e   d e r   U S A   u n d   d e r   U d S S R  u n t e r-
       z e i c h n e t   w e r d e n   s o l l t e.   D u r c h   d i e-
       s e s   A b k o m m e n  w ü r d e  s i c h  j e d e  N a t i o n
       v e r p f l i c h t e n,   k e i n e   n u k l e a r e n   W a f-
       f e n   z u   e r p r o b e n,   h e r z u s t e l l e n  o d e r
       z u   b e s i t z e n.   D a s  A b k o m m e n  w ü r d e  v o n
       e i n e r   v o l l e n  u n d  w i r k s a m e n  i n t e r n a-
       t i o n a l e n   K o n t r o l l e   a b h ä n g i g    s e i n,
       d i e   s e i n e   D u r c h f ü h r u n g  s i c h e r s t e l-
       l e n   w ü r d e.   D i e   R e g i e r u n g  s o l l t e  b e-
       r e i t   s e i n,   j e t z t   z u   e r k l ä r e n,    d a ß,
       f a l l s   e i n   d e r a r t i g e s   A b k o m m e n    e r-
       f o l g r e i c h   a u s g e h a n d e l t  w ü r d e,  G r o ß-
       b r i t a n n i e n   n i c h t   n u r   d i e    H e r s t e l-
       l u n g   n u k l e a r e r   W a f f e n    e i n s t e l l e n,
       s o n d e r n   a u c h   a u f   i h r e n   B e s i t z  v e r-
       z i c h t e n  w ü r d e.
       Wir betonen,  daß das  Abkommen sowohl umfassend als auch wirksam
       sein muß.  Die einzige Rechtfertigung für die Aufgabe der nuklea-
       ren Waffen durch Großbritannien läge darin, daß dadurch sicherge-
       stellt wird,  daß kein  anderes Land, ausgenommen die USA und die
       UdSSR, in  ihren Besitz  gelangt. Wir  müßten deshalb gewiß sein,
       daß dies so sein würde.
       Ein umfassendes  Abkommen dieser Art würde völlige Sicherheit ge-
       gen die Ausbreitung der nuklearen Macht geben und so unser Haupt-
       anliegen fördern  - ein  allseitiges Abrüstungsabkommen.  Es wäre
       jedoch unrealistisch,  anzunehmen, daß wir das mit einem einzigen
       Schritt oder  im Verlauf einer einzigen Konferenz erreichen könn-
       ten. Es  kann sein,  daß ein  derartiges Ziel nur stufenweise er-
       reicht werden kann. Möglicherweise würde die erste Stufe ein Ver-
       trag über  ein Moratorium oder ein Stillhalteabkommen in der Ent-
       wicklung und Herstellung nuklearer Waffen sein.
       So könnte beispielsweise jedes Land, das die Bombe noch nicht be-
       sitzt, zustimmen,  die Entwicklungsarbeiten  für  eine  bestimmte
       Zeitspanne nicht fortzusetzen und sich einer Inspektion zu unter-
       werfen, während  die britische  Regierung als  Gegenleistung ihre
       Bereitschaft erklären  könnte, die Vergrößerung ihrer bestehenden
       nuklearen Waffenlager nicht fortzusetzen.
       Wir bestreiten nicht, daß wir eine gewisse Macht und einen gewis-
       sen Einfluß  opfern, wenn wir die Initiative zugunsten eines Pro-
       jekts ergreifen,  das, falls  es Erfolg haben sollte, Rußland und
       Amerika zu  den einzigen  Nuklearmächten machen  würde. Auf Grund
       dieser Überlegungen  entschied sich die Labour-Regierung im Jahre
       1946 für  die Herstellung  eigener Atombomben  und entschloß sich
       die Labour  Party einige  Jahre später,  die Herstellung  eigener
       Wasserstoffbomben durch  Großbritannien zu unterstützen. Aber wir
       sind überzeugt,  daß unter den Umständen und Bedingungen, die wir
       beschrieben haben,  unser  Opfer  reichlich  gerechtfertigt  sein
       würde, um die Ausbreitung der Herstellung und Erprobung nuklearer
       Waffen auf  mehr und  mehr Länder  in allen Weltteilen zu verhin-
       dern.
       Indem wir  mit diesem  Bestreben beginnen,  würden wir  in keiner
       Weise unsere Unterstützung des Nato-Bündnisses und unsere Bereit-
       schaft einschränken, amerikanische Stützpunkte in Großbritannien,
       vorbehaltlich des  bereits bestehenden  Vetorechts über  ihre et-
       waige Verwendung, zu dulden.
       
       Die tödliche Nähe der Gefahr
       ----------------------------
       
       Wir sind uns, indem wir dieses Projekt für eine britische Initia-
       tive vortragen,  bewußt, wie  wichtig es ist, der zukünftigen La-
       bour-Regierung nicht  die Hände  zu binden oder sie auf einen ge-
       nauen oder  detaillierten diplomatischen  Plan  zu  verpflichten.
       I n   d i e s e m   S t a d i u m   i s t   e s   v o n  W i c h-
       t i g k e i t,   d e n    R e g i e r u n g e n    w i e    d e r
       ö f f e n t l i c h e n   M e i n u n g   d e r   W e l t   d i e
       G r ö ß e   d e r   G e f a h r   n a h e   z u    b r i n g e n,
       d i e    s i c h    a u s    d e r    b e v o r s t e h e n d e n
       V e r b r e i t u n g   d e s   B e s i t z e s  d e r  B o m b e
       e r g i b t,   u n d   d i e   N o t w e n d i g k e i t  s i c h
       s o b a l d   w i e   m ö g l i c h    e r n s t h a f t    m i t
       i h r  a u s e i n a n d e r z u s e t z e n.
       Wenn wir  die Idee  einer gemeinsamen  Aktion Großbritanniens mit
       denjenigen Nationen,  die noch  nicht im  Besitz der  Bombe sind,
       darlegen, wollen  wir nicht  die Schwierigkeiten,  denen man sich
       gegenüber sehen wird, oder die Opposition, mit der gewisse Regie-
       rungen ihr  möglicherweise begegnen werden, verniedlichen. In der
       Tat könnte  man sagen,  falls es möglich ist, ein Abkommen zu er-
       reichen, um  die Ausbreitung  nuklearer Waffen  in der restlichen
       Welt zu  verhindern, so  müßte es  auch möglich sein, Rußland und
       Amerika zu  bewegen, gleichfalls  zuzustimmen. Wenn das zutreffen
       sollte, um  so besser.  Gleichwohl, es  wäre jedoch  ein schwerer
       Fehler, die  Erfolgsaussichten einfach abzuschreiben. Länder, die
       die Produktion  nuklearer Waffen  noch nicht  aufgenommen  haben,
       könnten eher  bereit sein davon abzustehen, falls der Besitz die-
       ser Waffen  auf Amerika  und Rußland  beschränkt bliebe,  bis ein
       weltumspannendes Abkommen  erreicht ist.  Es würde zweifellos für
       andere Nationen  leichter sein, die Aussichten auf den Besitz nu-
       klearer Waffen  aufzugeben, wenn  Großbritannien sich  selbst auf
       die gleiche  Stufe mit  ihnen stellt. Wir glauben in der Tat, daß
       ein derartiger  Schritt von den USA unterstützt werden würde, die
       mit der  Sowjetunion ein  gemeinsames Interesse  daran haben, die
       Ausbreitung nuklearer Waffen zu verhindern.
       G r o ß b r i t a n n i e n,   a l s   d i e  d r i t t e  N u k-
       l e a r m a c h t,     n i m m t     e i n e    b e s o n d e r e
       S t e l l u n g   e i n  u n d  h a t  e i n e  e i n m a l i g e
       G e l e g e n h e i t,    d i e j e n i g e n    N a t i o n e n,
       d i e   d i e   B o m b e   n o c h   n i c h t  b e s i t z e n,
       z u  ü b e r z e u g e n,  s i c h  z u s a m m e n  m i t  i h m
       a n   d i e s e r   g e m e i n s a m e n   A n s t r e n g u n g
       z u  b e t e i l i g e n.
       Vor allem:  Wenn dieser  wichtige Schritt unternommen werden kann
       und die  notwendigen internationalen  Kontrollen errichtet werden
       können, so würde dies - wie wir glauben - den Weg zu einem umfas-
       senden Abrüstungsabkommen  unter Einbeziehung der Sowjetunion und
       der USA ebnen, das, wie wir bereits erklärt haben, unser höchstes
       Ziel bleiben muß.
       24. Juni 1959
       
       _____
       *) Die Hervorhebungen entsprechen dem Originaltext.
       

       zurück