Quelle: Blätter 1959 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE GENFER ATOMKONFERENZ MACHT FORTSCHRITTE
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       Unter dieser Überschrift berichtet "Die Welt" am 22.7.59: "Ob man
       nun alle  Atomversuche verbietet  oder zunächst die im Wasser, in
       der Luft und auf der Erdoberfläche, während man die im Innern der
       Erde einer späteren Regelung überläßt, ob der Verständigungs-Ver-
       trag im  September oder im November oder auch erst zu Weihnachten
       abgeschlossen wird,  ob seine  Ratifizierung in  den drei Staaten
       sechs Monate oder zwei Jahre dauert und ob die ersten Kontrollpo-
       sten im  Frühjahr 1962  oder erst im Herbst 1965 ihre Arbeit auf-
       nehmen, all  das steht  noch nicht fest. Aber fest steht nach der
       Ansicht der  drei Botschafter  von USA,  SU und Großbritannien in
       Genf die Tatsache, daß man zu einer Einigung kommen wird, da nach
       Ansicht aller  die gegenwärtige  Situation zu gefährlich sei, als
       daß man sie weiter so bestehen lassen könne." Als besonderes Bei-
       spiel west-östlicher  Verständigungsmöglichkeiten wird  dann  das
       erzielte Kompromiß  über die  personelle Zusammensetzung der Kon-
       trollposten geschildert.  Die Kontrollposten hätten nach dem Vor-
       schlag der  westlichen Botschafter  jeweils von  der  Gegenseite,
       nach dem  diametral entgegengesetzten  sowjetischen Vorschlag von
       der eigenen  Seite besetzt  werden sollen. Nunmehr komme man sich
       dahin entgegen, daß die einzelnen Kontrollposten von etwa 50 Mann
       zu je  einem Drittel  aus Angehöriger  westlicher, östlicher  und
       neutraler Staaten zu besetzen seien. - Am 24. Juli berichtete Die
       Welt ergänzend:  "Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die
       Sowjetunion haben  sich auf Wien als Sitz der geplanten Organisa-
       tion zur  Überwachung des angestrebten Atomtestverbotes geeinigt.
       Die österreichische Regierung hat bereits zugestimmt."
       
       NEUNTER INTERNATIONALER KONGRESS FÜR RADIOLOGIE
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       Fast 6000 Strahlungsfachleute aus aller Welt nahmen an dem 9. In-
       ternationalen Kongreß  für Radiologie,  der vom 30.7. bis 4.8. in
       München stattfand,  teil. Professor  Rajewski  erklärte  auf  der
       Pressekonferenz zur  Eröffnung des Kongresses, "die radiologische
       Wissenschaft durchlaufe  auch weiterhin  die gleiche  rapide Ent-
       wicklung, wie zu der Zeit, als sie sich zu entfalten begann, nach
       dem Ersten  Internationalen Radiologenkongreß  im Jahre 1925". Er
       fügte hinzu:  "Die Anwendung von künstlichen radioaktiven Stoffen
       in Therapie und Diagnostik mit ihren überharten Strahlungen, dazu
       die neuen  Gefahren aus den Atombombenversuchen machen es notwen-
       dig, die  Erfahrungen sehr  schnell und auf einer internationalen
       Basis so breit wie nur irgend möglich auszutauschen." In 922 Vor-
       trägen wurden  in 6  Arbeitstagungen die Themen der Strahlenmedi-
       zin, der  Strahlenphysik, -biologie-  und -technik und des Strah-
       lenschutzes behandelt. Die Ergebnisse des Riesenkongresses können
       in etwa  folgenden Punkten  zusammengefaßt werden:  Die Fachleute
       sind sich  noch nicht einig darüber, wie hoch die Strahlenschädi-
       gungen einzuschätzen  sind. Die  möglichen  Hauptgefahren  liegen
       zweifellos bei  der Strahlenschädigung nicht in den Körper-, son-
       dern in  den Keimzellen. Veränderungen der Erbanlagen sind "nicht
       umkehrbar". Einmal eingetreten, bleiben sie bestehen und vererben
       sich auf  die Nachkommenschaft  weiter. Was  die Schädigungen von
       Körperzellen anlangt, so haben die Forschungen bisher keine Medi-
       kamente ausfindig  machen können,  welche solche  Strahlenschäden
       verhindern oder  heilen. Vielfache  Unklarheit herrscht auch noch
       über die  Wirkungsweise der harten Strahlen, die in der medizini-
       schen Röntgenologie  Verwendung finden.  P.C.  Hodges  -  Chicago
       führte aus, daß bis 1977 auf 100 000 Geburten 12 genetisch Strah-
       lengeschädigte zu erwarten sind. Das ist zwar ein verhältnismäßig
       geringer Anteil, denn auf 100 000 Geburten kommen schon normaler-
       weise 4000  Anomalien, davon je 2000 genetischer und nichtgeneti-
       scher Natur.  Das Spezialgremium  aber, in  dem Hodges über seine
       Forschungen berichtete,  kam doch zu dem Ergebnis, daß mit beson-
       derem Ernst  festgestellt werden  müsse: die  Anomalienkurve ent-
       wickle sich  dank der noch mangelhaften Kontrolle über die Strah-
       lungsgefährdungen, hervorgerufen insbesondere durch die militäri-
       schen Atomexperimente, nicht abwärts, sondern aufwärts.
       
       NUR 18 PROZENT...
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       "Die "Westfälische  Rundschau" in  Dortmund vom 3.8.59 veröffent-
       licht das Ergebnis einer objektiven Meinungsumfrage, nach der nur
       noch 18 Prozent der Befragten die bundesdeutsche Außenpolitik für
       erfolgreich halten. In einem Artikel der Zeitung darüber heißt es
       dann weiter:  "Dahin ist  der Glaube, daß der große Kanzler schon
       alles zum  Besten wenden  wird, wenn man ihn nur tun läßt, was er
       für richtig  hält.  Mit  Sicherheit  läßt  sich  nur  sagen,  was
       Adenauer nicht will. Er wünschte zum Beispiel nicht, daß die Gen-
       fer Konferenz  zu einem  Ergebnis kam.  Jetzt will  er nicht, daß
       eine erfolgreiche  Gipfelkonferenz folgt...  Der Weisheit letzter
       Schluß der  Bonner Außenpolitik  scheint darin  zu liegen, daß an
       der gegenwärtigen  Situation des  geteilten Berlin, des geteilten
       Deutschland und  der in zwei Machtblöcke aufgespaltenen Welt kein
       i-Tüpfelchen geändert  werden darf.  Das bedeutet die Fortsetzung
       des Kalten  Krieges und das Heraufbeschwören einer echten Kriegs-
       gefahr". Die "Westfälische Rundschau fordert dann die Einberufung
       des Bundestages noch während der Ferien zu einer außenpolitischen
       Debatte: "Noch nie wäre eine politische Debatte über die Außenpo-
       litik im  Bundestag so  nötig gewesen  wie gerade jetzt. Noch nie
       zuvor wäre es so notwendig gewesen, ob hinter der Politik Adenau-
       ers eine  breite Mehrheit steht oder nicht. Die Opposition sollte
       also prüfen,  ob sie  nicht eine  Einberufung des Bundestages er-
       zwingen soll.  Sie darf sich nicht den Vorwurf machen lassen, daß
       sie die Stunde versäumte, in der es notwendig war, zu handeln."
       
       KANZLER OHNE KONZEPT
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       Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird der deutsche Bundeskanzler
       ohne jedes  wirklich fundierte Konzept in das bedeutsame Gespräch
       mit Präsident  Eisenhower am  27. August  in Bonn gehen. Zwar hat
       Konrad Adenauer in seinem oberitalienischen Urlaubsort Cadenabbia
       soeben mit  dem Nato-Oberbefehlshaber Norstad, und dem Generalse-
       kretär der Atlantikpakt-Organisation, Spaak, Fühlung genommen. In
       politischen Kreisen  Bonns jedoch  glaubt man  nicht, daß sich in
       diesen Gesprächen  wesentlich neue  Gesichtspunkte ergeben  haben
       könnten. Mit  Besorgnis wird  zugleich zur Kenntnis genommen, daß
       der Bundeskanzler demgegenüber bestrebt zu sein scheint, daß Aus-
       wärtige Amt bei den Vorbereitungen für den Eisenhower-Besuch aus-
       zuschalten, ganz  zu schweigen  von den  berufenen Sprechern  des
       Parlaments, die kaum Gelegenheit erhalten dürften, Eisenhower die
       Auffassung des  Bundestages über  den Stand  der deutschen  Frage
       nach der  in ihren  beiden Phasen  ergebnislos zu Ende gegangenen
       Genfer Konferenz vorzutragen.
       Zwar plant die Bundesregierung, Präsident Eisenhower einen reprä-
       sentativen Empfang  zu bereiten,  dessen Gepräge  weit über alles
       hinausgehen wird,  was jemals  bei dem Besuch eines ausländischen
       Staatsoberhauptes in der provisorischen Hauptstadt am Rhein gebo-
       ten worden ist...
       Dies vermöge jedoch - so argumentiert man in Bonn - nicht darüber
       hinwegtäuschen, daß die Bundesregierung mit diesem Aufwand ledig-
       lich die  diplomatisch-politische Isolierung  zu verdecken sucht,
       in die sie nunmehr auch gegenüber London und Paris geraten ist.
       Führungskreise der  Freien Demokraten  weisen in diesem Zusammen-
       hang darauf hin, daß es Aufgabe des Bundeskanzlers wäre, dem ame-
       rikanischen Präsidenten  konstruktive Vorschläge  für eine Lösung
       des europäischen Sicherheitsproblems zu unterbreiten.
       Die Genfer  Konferenz sei  nicht zuletzt  daran gescheitert,  daß
       dieses Problem  überhaupt nicht  zur Sprache  gekommen sei. Um so
       mehr wäre  es Aufgabe des Bundeskanzlers, dem amerikanischen Prä-
       sidenten darzulegen,  daß sich  die deutsche Frage ausschließlich
       nur dann weiter vorantreiben läßt, wenn in dem bevorstehenden Ge-
       spräch zwischen Eisenhower und Chrustschow zunächst und vor allem
       die Frage eines neuen europäischen Sicherheitssystems angeschnit-
       ten wird.
       Das freie Wort, 22.8.59
       
       MONTGOMERY: DIE NACKTE WAHRHEIT...
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       Die nackte  Wahrheit ist, daß eine Wiedervereinigung Deutschlands
       im Augenblick  nicht möglich  ist. Jeder  weiß das.  Aber niemand
       will es  sagen, aus  Furcht, die Deutschen zu verletzen. Aber was
       sind die  Tatsachen in bezug auf die Deutschen? Seit Bismarck das
       deutsche Empire schuf, hat Europa niemals dauerhaften Frieden ge-
       kannt... kann  man sich deshalb wundern, daß einige Nationen jede
       Wiedervereinigung der  beiden Deutschland  fürchten? Ich  bin der
       Ansicht, daß  wir ganz  ehrlich sein müssen. Wir müssen dem deut-
       schen Volk sagen, daß jede Wiedervereinigung seiner Nation unmög-
       lich ist,  bis das  europäische Sicherheitsproblem zur Zufrieden-
       heit von  Ost und West gelöst ist und irgendeine Organisation ins
       Leben gerufen  worden ist, die wirksame Garantien gegen eine Stö-
       rung des  Weltfriedens bietet.  Wenn alle zufriedengestellt sind,
       werden wir  später sehen,  was getan  werden kann.  Aber das kann
       nicht zuerst  der Fall  sein. Die Deutschen müssen das verstehen.
       Schließlich sind  sie im  Grunde genommen  für den  gegenwärtigen
       Stand der Dinge verantwortlich.
       
       REPUBLIK IM HALBSCHLAF
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       "Seit rund  siebzehn Monaten schweigt das Parlament, der Deutsche
       Bundestag, zu allen außenpolitischen Fragen, die, wie man an die-
       sem Beispiel  sieht, von  einschneidender Wirkung auf die Gestal-
       tung der deutschen Innenpolitik sind. Die letzte Sitzung des Bun-
       destages, in  der über  die Fragen  der  Außenpolitik  debattiert
       wurde, fand  genau am 20. März 1958 statt. Damals gab Bundeskanz-
       ler Dr.  Adenauer - nicht zum ersten und nicht zum letzten Male -
       die Erklärung  ab, daß  die "Lage kritischer denn je" sei; demzu-
       folge müsse  man die  Atombewaffnung vorantreiben.  Außenminister
       von Brentano  sprach die Hoffnung aus, alle Parteien möchten sich
       doch grundsätzlich  über die wesentlichen Punkte der Wiederverei-
       nigung und  der Abrüstung einig sein; im übrigen habe die Bundes-
       republik die  "moralische Verpflichtung",  ihre  Verbündeten  mit
       Atomwaffen zu  schützen. Herr  Franz Josef  Strauß wollte seiner-
       seits mit  deutscher  atomarer  Aufrüstung  "durch  Abschreckung"
       einen dritten Weltkrieg unmöglich machen...
       ...Selbstverständlich durfte  die damalige  Debatte nicht  enden,
       ohne daß der Abgeordnete Kiesinger den Bundeskanzler und späteren
       Präsidentenkandidaten wider  Willen, Konrad  Adenauer,  als  "den
       großen Staatsmann dieser Tage" feierte...
       Nun, vielleicht  war er  ein großer Staatsmann - mindestens inso-
       fern, als es ihm gelungen ist, die "Portugalisierung" der Bundes-
       republik so  weit voranzutreiben,  daß dieses  von  uns  gewählte
       deutsche Parlament  volle siebzehn Monate hindurch keine außenpo-
       litische Aussprache herbeiführte. Freilich wird man bei der Fest-
       stellung dieses Tatbestandes nicht darum herumkommen, die "Größe"
       dieses Mannes  an der Schwäche der drei Hauptparteien des Bundes-
       tages zu  ermessen. Wie anders wäre es möglich, daß dieses Parla-
       ment im  Ablauf großer  außenpolitischer Ereignisse, in denen das
       große Würfelspiel um den deutschen Rock begann, auf jede außenpo-
       litische Debatte  verzichtete, um damit sich selbst und die Repu-
       blik in einen Halbschlaf zu versetzen...
       ...Die Bundesregierung  hielt es nicht für notwendig, die Vertre-
       ter des  Volkes in ihre Gesamtheit zu unterrichten oder mit ihnen
       zu beraten...
       ...Es gab keine Debatte über die Vorlage des sowjetischen Entwur-
       fes zu  einem Friedensvertrag;  keine Stellungnahme zu der Vorbe-
       reitung der  Außenministerkonferenz in  Genf. Im  Gegenteil:  der
       Bundestag verfügte  sich in  Ferien, so, als ob es überhaupt kein
       Deutschlandproblem gäbe,  über das es sich lohnte, in dieser Zeit
       ein Wort  zu verlieren.  Zwar erörterte  das englische Parlament,
       das Unterhaus,  in der  Genfer Konferenzpause  unsere Probleme  -
       nicht so  unsere Parteien.  Sie duldeten  es stillschweigend, daß
       die Bundesregierung  ihre Atomrüstung weiter vorantrieb. Sie lie-
       ßen es stillschweigend geschehen, daß die zwar gut gemeinte, aber
       planlos vorgetragene  Idee des  Bundesaußenministers in Genf, mit
       Polen und  der  Tschechoslowakei  einen  Nichtangriffspakt  abzu-
       schließen, von dem Herrn Oberländer und anderen Vertriebenenfunk-
       tionären abgewürgt  werden konnte  - was dem Bundeskanzler sicher
       nicht unlieb war.
       Das alles  sind keine  Zufälle, wenn  man bedenkt, daß den Freien
       Demokraten, und  noch mehr  den  Sozialdemokraten,  ihre  eigenen
       Deutschlandpläne als harte Bissen im Munde steckengeblieben sind.
       Pläne hat  man, jawohl  - aber um Gottes willen nur nicht darüber
       reden! Man  weiß, es geht um Deutschlands Zukunft, um die Zukunft
       dieses Kontinents sogar - aber nur keine eigene Stellungnahme!...
       ...Wir aber  kommen am ersten Freitag im August zu dem heroischen
       Entschluß: der Außenpolitische Ausschuß des Bundestages wird sich
       Anfang Oktober  dieses Jahres  mit den  Genfer Problemen  (!) und
       insbesondere mit  dem Plan eines Nichtangriffspaktes mit Warschau
       und Prag befassen...
       ...Wer wagt  es angesichts  solcher Zustände  und Termine noch zu
       behaupten, die  Republik befinde  sich nicht  im Halbschlaf?  Die
       Hauptursache der parlamentarischen Inaktivität ist zweifellos zu-
       erst einmal  in der  Tatsache zu suchen, daß die Regierungspartei
       mit ihren  Vorstellungen von den außenpolitischen Tatsachen über-
       fahren worden ist...
       ...Niemals aber  seit Bestehen  der Bundesrepublik war eine echte
       parlamentarische Auseinandersetzung  notwendiger  als  zur  Zeit;
       denn niemals  war der  nationale Notstand  größer und niemals war
       die Zusammenarbeit aller Parteien notwendiger...
       Dieser Zusammenarbeit zum Wohle des Ganzen steht aber ein Mann im
       Wege: Dr.  Konrad Adenauer.  Auf ihn starren alle Parteien - auch
       seine eigene - wie hypnotisierte Kaninchen..."
       Frankfurter Rundschau, 8. August 1959
       
       PREMIERMINISTER MACMILLAN MEINT:
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       "Ich war seit jeher der Überzeugung, daß die internationale Span-
       nung zwischen  Ost und West in erheblichem Maße durch persönliche
       Gespräche gelöst  werden  kann.  Solche  Gespräche  spielen  eine
       ebenso wichtige  Rolle wie  formellere Treffen...  Auch ich  habe
       meine Besprechungen  mit Chrustschow als äußerst nützlich empfun-
       den, und ich bin überzeugt, daß alle wechselseitigen Besuche zwi-
       schen den  verantwortlichen Politikern des Westens und des Ostens
       zu einem  produktiven und  konstruktiven Treffen  der  Regierung-
       schefs führen  werden. -  Wenn wir auf die Geschichte der letzten
       Monate zurückblicken,  merken wir,  wie groß  die erzielten Fort-
       schritte sind.  Im vergangenen  November brauchten  wir Drohworte
       und sprachen  im ultimativen  Ton. Heute sprechen wir die Sprache
       der persönlichen Besuche und der Verhandlungen. All dies bedeutet
       einen großen Gewinn für die Sache des Friedens."
       
       CHRUSTSCHOW ERKLÄRTE AUF EINER PRESSEKONFERENZ
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       IM KREML AM 5. AUGUST 1959:
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       "Es gibt  reale Möglichkeiten,  um die  Beziehungen zwischen  den
       Vereinigten Staaten  und der  Sowjetunion auf  eine Grundlage des
       Friedens und  der Freundschaft zu stellen. Es gibt keinerlei ter-
       ritoriale Streitfragen oder unlösbare Gegensätze zwischen unseren
       beiden Ländern, ebenso wenig Probleme, welche die Schaffung einer
       Atmosphäre des  gegenseitigen Vertrauens  und Verständnisses ver-
       hindern könnten... Wenn aber in den sowjetisch-amerikanischen Be-
       ziehungen eine Besserung eintritt, dann wird sich dies zweifellos
       auch zugunsten  einer Verbesserung  der  Beziehungen  zu  anderen
       Staaten auswirken.  Es wird  ermöglichen, die dunklen Wolken über
       den verschiedenen  kritischen Punkten unseres Planeten zu zerstö-
       ren... Es  versteht sich im übrigen von selbst, daß wir nicht nur
       mit den  Vereinigten Staaten,  sondern auch  mit den Freunden der
       Vereinigten Staaten  befreundet sein  wollen. Gleichzeitig  haben
       wir den  Wunsch, daß  die Vereinigten  Staaten  gute  Beziehungen
       nicht nur zu uns, sondern auch zu unseren Freunden unterhalten."
       
       RÜSTUNGSAKTIEN SINKEN
       =====================
       
       Die von dem vereinbarten Besuchsaustausch zwischen Eisenhower und
       Chrustschow erwartete  politische Entspannung  hat  sich  in  den
       letzten Tagen auch in der Kursentwicklung an der New Yorker Wall-
       street niedergeschlagen. Im Zeichen einer Abschwächung standen an
       den letzten  vier Tagen  vor allem  Aktien der Rüstungsindustrie.
       Verschiedene New  Yorker Maklerfirmen  empfahlen mit  Hinweis auf
       den Chrustschow-Besuch  eine Verringerung der Engagements in Ver-
       teidigungswerten und das Umsteigen in Aktien der Konsumgüterindu-
       strie. Demgegenüber erklärte Vizepräsident Roehl von der amerika-
       nischen Investmentgesellschaft  Keystone Custodian Funds Inc. vor
       der Presse,  ein bloßes  Zusammentreffen zwischen  Eisenhower und
       Chrustschow werde noch lange nicht "das Ende des Marktes für Ver-
       teidigungsaktien" bedeuten...
       Rheinische Post, 10. August 1959
       
       AMERIKANISCHE REPRÄSENTANTEN FÜR BEENDIGUNG DES ALGERIENKRIEGES
       ===============================================================
       
       In  einer   Erklärung  fordern   16   amerikanische   Abgeordnete
       Frankreich auf,  Verhandlungen  zur  Beendigung  des  algerischen
       Krieges aufzunehmen. In der Erklärung, die an Präsident de Gaulle
       und Ferhat Abbas übermittelt wurde, heißt es:
       "Wir können  über  diesen  tragischen  Krieg  in  Algerien  nicht
       schweigen, und  wir fordern öffentlich die Aufnahme von Friedens-
       verhandlungen zwischen den beiden Parteien. Die gegenwärtige Lage
       in Algerien  stellt eine  ständige Bedrohung  des internationalen
       Friedens und  der Sicherheit dar. Wir schlagen daher vor, daß die
       amerikanische Regierung die Führung übernimmt, um den algerischen
       Konflikt einem  gerechten Ende  zuzuführen, nicht nur aus Gründen
       des Friedens  und der  Menschlichkeit, sondern  um die Grundlagen
       für gute  Beziehungen zwischen einem freien Algerien und dem ame-
       rikanischen Volk  und seiner Regierung in den kommenden Jahren zu
       legen."
       Neue Zürcher Zeitung, 7. August 1959
       
       DER "STALINGRAD"-JAHRGANG 1922 KENNT DEN KRIEG
       ==============================================
       
       Die Frankfurter "Abendpost" meldet am 18.8. aus Konstanz, daß von
       den 250  Angehörigen des  Jahrgangs 1922 aus dieser Stadt 100 ge-
       schlossen bei  der "Erfassungsstelle"  erschienen. Sie  übergaben
       eine schriftliche  "Erklärung", in  der es  hieß: "Wir lehnen den
       Wehrdienst ab, verweigern Angaben, die sich auf unsere Zugehörig-
       keit zur ehemaligen Wehrmacht beziehen und fordern, daß wir nicht
       einzeln, sondern  geschlossen 'erfaßt' werden". Verschiedene hes-
       sische Zeitungen  berichten von  Protestversammlungen der 22-iger
       u.a. in  Wetzlar und  Weilbach b.  Wiesbaden. In  Wetzlar  unter-
       schrieben 120  Angehörige des Jahrgangs eine Erklärung, sich zwar
       bei der "Wehrerfassungsbehörde" zu melden, jedoch nichts über die
       früheren Wehrdienstleistungen  der einzelnen auszusagen. Außerdem
       forderten sie  in dieser  Erklärung, ihr  Jahrgang müsse  von der
       Einberufung  in   die  Bundeswehr   freigestellt  werden.  -  Die
       "Westfälische Rundschau"  weiß am 15./16.8.1959 zu berichten, daß
       in Hamm  über 300  Angehörige des  Jahrgangs 1922,  der in dieser
       Stadt nur  etwas mehr  als 400 Männer zählt, am 14. August abends
       im überfüllten  Saale des  "Westfälischen Hofes"  einstimmig eine
       Resolution an  das Bundesverteidigungsministerium sandten. In der
       Resolution heißt  es: "Jeder  der Männer,  die an der Versammlung
       der 22-iger  von Hamm teilgenommen haben, erklärt durch seine Un-
       terschrift, daß er nie wieder Soldat werden will".
       Am Vorabend  der Wehrerfassung in Singen (Südbaden) protestierten
       am Mittwoch,  ähnlich wie zuvor im benachbarten Konstanz, Angehö-
       rige des Jahrgangs 1922 gegen ihre mögliche Einberufung zum Wehr-
       dienst. In einer von 250 Teilnehmern besuchten Versammlung faßten
       die Jahrgangsangehörigen  eine Entschließung, in der sie zum Aus-
       druck brachten, daß sie keinen Wehrdienst mehr leisten werden.
       Die Welt, 21.8.59
       
       Die sofortige  Einstellung der  Wehrerfassung des  Jahrgangs 1922
       hat die  SPD-Bundestagsfraktion gestern  gefordert und Bundesver-
       teidigungsminister Strauß  auf die sachlichen und psychologischen
       Schwierigkeiten der  Aktion hingewiesen, die durch die bürokrati-
       sche Erfassung des Jahrganges noch gesteigert worden seien.
       Westfälische Rundschau, 21.8.59
       
       SMIRNOW
       =======
       
       Niemand wird  dem Botschafter  der Sowjetunion in der Bundesrepu-
       blik, Andrej Smirnow, ernstlich absprechen wollen, daß er sich im
       Rahmen seiner  Möglichkeiten um einen guten Kontakt zur Bundesre-
       gierung, zum  Parlament und ganz allgemein zur Öffentlichkeit be-
       müht hat...
       Jetzt verlautet  aus der  Sowjetbotschaft in  Rolandseck, Smirnow
       werde vermutlich  demnächst aus der Bundesrepublik abberufen wer-
       den, um  an anderer  Stelle eine erfolgversprechendere Verwendung
       zu finden. Der steile Aufstieg, den Smirnows Vorgänger Sorin nach
       seinem Weggang von Bonn in der Hierarchie der sowjetischen Außen-
       politik in  nachgerade demonstrativer  Weise genommen hat, sollte
       insbesondere den  Kanzler davor  warnen, Smirnow mit der gleichen
       Geringschätzung ziehen  zu lassen,  die er  bis zur  persönlichen
       Brüskierung dem ersten Botschafter Moskaus angedeihen ließ...
       Die seit Jahren zur Diskussion stehende Reise einer Bundesdelega-
       tion nach  Moskau endlich  zustande gebracht  zu haben, wäre ohne
       allen Zweifel  ein Erfolg  gewesen, den  Smirnow dem  Kreml hätte
       präsentieren können.  Jedermann weiß,  daß er  um  diesen  Erfolg
       nicht durch  eigene Inaktivität gebracht worden ist, sondern aus-
       schließlich  durch  den  Starrsinn  des  Kanzlers,  der  auf  das
       deutsch-sowjetische Gespräch  auch dann noch verzichten zu können
       glaubte, als  über die  diplomatischen Kanäle  bereits die ersten
       Anzeichen einer  Verständigung zwischen Moskau und Washington ge-
       meldet wurden.  Andrej Smirnow  hat Konrad  Adenauer - und so und
       nicht anders hätte die Bundesregierung den Sinn seiner diplomati-
       schen Mission  begreifen müssen - bis in das entscheidendste Jahr
       der Nachkriegsgeschichte  hinein zum  unmittelbaren Gespräch über
       die deutsche  Frage zur  Verfügung gestanden. Der Kanzler hat von
       dieser Möglichkeit  selten oder  gar nicht  Gebrauch gemacht. Nun
       darf er  sich nicht  wundern, wenn  der Botschafter  genau zu dem
       Zeitpunkt nach  Moskau zurückberufen  wird, an dem es die Sowjets
       nicht mehr  nötig haben,  mit uns zu sprechen, da ihnen jetzt die
       Möglichkeit des Gesprächs über uns offensteht.
       Das freie Wort, 22.8.59
       
       ERICH KÄSTNER ZITIERT DIE PEN-CHARTA
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       Der XXX.  Internationale PEN-Kongreß  in Frankfurt/M.  Ende  Juli
       1959 erkannte  das ungarische PEN-Zentrum, welches das letzte Mal
       vor zwei Jahren in Tokio "suspendiert" worden war, wieder an. Von
       den insgesamt  37 stimmberechtigten Vertretern der einzelnen Zen-
       tren stimmten  19 dafür,  9 enthielten  sich der Stimme und nur 9
       stimmten dagegen.  (Insgesamt waren rund 500 Mitglieder und Gäste
       der verschiedenen PEN-Zentren zugegen). Erich Kästner, der Präsi-
       dent des  Kongresses, sagte, man könne den Entschluß, das ungari-
       sche PEN-Zentrum wieder anzuerkennen, vielleicht für falsch, aber
       nicht für  leichtfertig halten... In der Charta des Internationa-
       len PEN  heiße es: Mitglieder des PEN sollen jederzeit ihren gan-
       zen Einfluß  für das  gute Einvernehmen und die gegenseitige Ach-
       tung der  Nationen einsetzen.  Sie verpflichten  sich für die Be-
       kämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhaß und für die Hochhal-
       tung des  Ideals einer  in einer einigen Welt in Frieden lebenden
       Menschheit mit  äußerster Kraft  zu wirken.  Der PEN steht zu dem
       Grundsatz des  ungehinderten Gedankenaustausches  innerhalb einer
       jeden Nation  und zwischen  allen Nationen,  und seine Mitglieder
       verpflichten sich,  jede Art der Unterdrückung der Äußerungsfrei-
       heit in  ihrem Lande  oder in der Gemeinschaft, in der sie leben,
       entgegen zu  treten." Kästner fügte hinzu, "der PEN gehöre zu dem
       nie besiegbaren,  aber nie  siegreichen Heer  der geistigen  Men-
       schen... In  diesem Sinne  glaube er  es verantworten  zu können,
       trotz allem,  was vorgefallen sei, eine gute Entwicklung des gei-
       stigen Lebens auch in Ungarn für möglich zu halten." Zugleich mit
       dem Beschluß  der Wiederanerkennung  des ungarischen PEN-Zentrums
       wurde eine Adresse an Ministerpräsident Kadar in Budapest gerich-
       tet, mit  der Bitte, den 70jährigen Dichter Tibor Déry und seinen
       Altersgenossen, den Dramatiker Julius Hay, mit zwei anderen Ange-
       hörigen des  ehemaligen ungarischen  PEN-Zentrums aus der Haft zu
       entlassen, in die sie nach den Oktoberkämpfen in Ungarn vor zwei-
       einhalb Jahren genommen worden waren.
       

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