Quelle: Blätter 1959 Heft 09 (September)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE REDE DES SOWJETISCHEN MINISTERPRÄSIDENTEN CHRUSTSCHOW VOR DER
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       VOLLVERSAMMLUNG DER VEREINTEN NATIONEN AM 18. SEPTEMBER 1959
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       Herr Präsident,  hochgeschätzte Delegierte,  mein Besuch  in  den
       Vereinigten Staaten  auf Einladung  des Präsidenten, Herrn Dwight
       Eisenhower, ist  mit dem  Beginn der  Sitzung der Vollversammlung
       der Vereinten  Nationen zusammengetroffen. Gestatten Sie mir, als
       erstes den  Delegierten der  Versammlung und  dem Generalsekretär
       meinen tiefen  Dank für  diese Gelegenheit auszusprechen, von der
       erhabenen Tribüne der Vereinten Nationen zu sprechen. Ich schätze
       diese Gelegenheit um so mehr angesichts der Tatsache, daß die So-
       wjetunion der  Vollversammlung heute  äußerst wichtige Vorschläge
       in der  brennendsten Frage  unterbreiten wird, die die Völker be-
       schäftigt, zum Abrüstungsproblem.
       Die Geschichte kennt keine andere internationale Organisation, in
       die die Menschen solche Hoffnungen gesetzt haben, wie in die Ver-
       einten Nationen.  Geboren in  der furchtbaren  Zeit, als der Lärm
       der letzten  Schlachten des  zweiten Weltkrieges  noch nicht ver-
       hallt war  und als  die Ruinen verwüsteter Städte und Dörfer noch
       rauchten, erklärten  die Vereinten  Nationen, indem sie die Hoff-
       nungen und Wünsche von Millionen und aber Millionen leidgeprüfter
       Menschen zum  Ausdruck brachten, zu ihrem Hauptziel, die nachfol-
       genden Generationen  vor der  Geißel des  Krieges zu bewahren. In
       ihre Reihen  traten seitdem  viele Staaten  ein, die  während des
       letzten Krieges  in dem  Lager standen,  das sich jenen feindlich
       zeigte, die die Grundlagen zu dieser Organisation legten.
       Über 14 Jahre sind vergangen, seitdem dieses internationale Forum
       geschaffen wurde.  Trotzdem ist das Ziel noch nicht erreicht wor-
       den, zu  dem die  Organisation gegründet  wurde. Die Völker leben
       weiterhin in  ständiger Angst um den Frieden und um ihre Zukunft.
       Und wie sollten sie keine Angst empfinden, wenn militärische Kon-
       flikte erst in einem Teil der Welt, dann in einem anderen ausbre-
       chen, wenn das Blut der Menschen vergossen wird. Die Wolken einer
       neuen Kriegsgefahr,  die manchmal  zu Stürmen werden, hängen über
       der Welt,  die die  Schrecken des  zweiten Weltkrieges noch nicht
       vergessen hat.
       Die Spannung  in den  internationalen Beziehungen kann nicht ewig
       andauern: entweder  wird sie  den Höhepunkt erreichen, bei dem es
       nur ein  Ergebnis geben  kann: Krieg,  oder es  wird den  Staaten
       durch gemeinsame Bemühungen gelingen, die Spannung rechtzeitig zu
       beseitigen. Die  Völker erwarten  von den Vereinten Nationen, daß
       sie ihre Bemühungen zur Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens
       und gegenseitigen Verständnisses zwischen den Staaten und der Fe-
       stigung des allgemeinen Friedens verdoppeln.
       In internationalen  Angelegenheiten, bei  der  Lösung  strittiger
       Probleme ist  der Erfolg möglich, vorausgesetzt, die Staaten kon-
       zentrieren sich  nicht auf  das, was die gegenwärtige Welt teilt,
       sondern was die Staaten näher zusammenbringt. Keine sozialen oder
       politischen  Unterschiede,   keine  Meinungsverschiedenheiten  in
       Ideologie oder  religiösem Bekenntnis  dürfen die Mitgliedstaaten
       der Vereinten  Nationen davon  abhalten, Einigung in der wichtig-
       sten Sache zu erzielen: daß die Grundsätze der friedlichen Koexi-
       stenz und der freundschaftlichen Zusammenarbeit von allen Staaten
       unverbrüchlich und unerschütterlich beachtet werden.
       Wenn dagegen  die Meinungsverschiedenheiten  und sozialen  Unter-
       schiede in  den Vordergrund gestoßen werden, so ist dies dazu ge-
       eignet, alle  unsere Bemühungen  zur Erhaltung  des Friedens  zum
       Scheitern zu  verurteilen. Im  20. Jahrhundert  ist es unmöglich,
       Kreuzzüge zu  unternehmen, wie es die mittelalterlichen Fanatiker
       getan haben,  um die  Ketzer mit  Feuer und  Schwert auszumerzen,
       ohne daß  man das  Risiko eingeht, die Menschheit dem größten Un-
       heil der Geschichte auszusetzen.
       Die Vereinten Nationen an sich sind die Verkörperung der Idee ei-
       ner friedlichen Zusammenarbeit zwischen Staaten und verschiedenen
       gesellschaftlichen und  politischen  Ordnungen.  Sehen  Sie,  wie
       viele Staaten,  die unterschiedlichen Gesellschaftssystemen ange-
       hören, welche Vielzahl der Rassen und Nationalitäten, welche Ver-
       schiedenheit der  Ansichten und Kulturen in diesem Saal vertreten
       sind.
       Damit die  Grundsätze der friedlichen Koexistenz in den Beziehun-
       gen zwischen den Staaten völlige Geltung erlangen, ist es unserer
       Meinung nach  erforderlich, den  "Kalten Krieg"  zu beenden.  Die
       Völker können es nicht zulassen, daß der unnatürliche Zustand des
       "Kalten Krieges" weiter andauert, genauso wie sie es nicht zulas-
       sen konnten,  daß Pest  und Cholera wüteten. Was bedeutet es, den
       "Kalten Krieg"  zu beenden,  und was muß getan werden, um dies zu
       erreichen? Vor  allem ist  nötig, daß dem Kriegsgeschrei ein Ende
       bereitet wird.  Die Tatsache  kann nicht verheimlicht werden, daß
       noch immer  von gewissen kurzsichtigen Staatsmännern kriegerische
       Reden gehalten  werden. Ist  es nicht  an der  Zeit, dem  Waffen-
       schwingen und  den Drohungen gegen andere Staaten ein Ende zu be-
       reiten? Der  "Kalte Krieg"  ist doppelt gefährlich, weil er unter
       den Bedingungen eines ungezügelten Rüstungsrennens vor sich geht,
       das gleich  einer Lawine Argwohn und Mißtrauen zwischen den Staa-
       ten vergrößert.
       Auch darf  nicht vergessen werden, daß der "Kalte Krieg" zu einer
       Zeit begann  und fortdauert,  zu der die Folgen des zweiten Welt-
       krieges noch nicht ausgemerzt sind, zu der noch kein Friedensver-
       trag mit Deutschland geschlossen wurde und zu der noch ein Besat-
       zungsregime im Herzen Deutschlands, in Berlin, auf dem Gebiet der
       westlichen Sektoren der Stadt, aufrechterhalten wird. Eine Besei-
       tigung dieser Spannungsquelle im Zentrum Europas, in dem potenti-
       ell gefährlichsten Gebiet der Welt, wo größere Mengen bewaffneter
       Streitkräfte der  entgegengesetzten militärischen  Lager nahe an-
       einander stehen,  würde den  Schlüssel zu  einer Verbesserung des
       gesamten internationalen  Klimas bieten.  Wir appellieren  an die
       Regierungen der  Vereinigten Staaten,  Großbritanniens und Frank-
       reichs, alle  Anstrengungen zu  unternehmen,  um  Einigkeit  über
       wirkliche Schritte zur Erreichung dieses Zieles zu erzielen...
       Ich möchte  sagen, daß  die Vereinten  Nationen ihre edle Aufgabe
       weitaus erfolgreicher  erfüllen werden,  wenn es  ihnen  gelingt,
       sich von  den Elementen des "Kalten Krieges" zu befreien, die ihr
       Wirken oft  behindern. Es  ist bestimmt  der "Kalte  Krieg",  der
       diese unerträgliche Lage heraufbeschworen hat, daß die Volksrepu-
       blik China, eine der größten Weltmächte, seit langen Jahren ihrer
       Rechte in den Vereinten Nationen beraubt ist.
       Es ist  unbegreiflich, daß  irgendjemand ernsthaft  daran  denken
       könnte, daß  sich eine dauernde und zuverlässige Lösung der wich-
       tigsten Weltprobleme  ohne die  Teilnahme des großen chinesischen
       Volkes finden ließe, dessen Republik sich ihrem glorreichen zehn-
       ten Jahrestag nähert.
       Erlauben Sie,  die folgenden  Gedanken in  aller Offenheit zu äu-
       ßern. Jedermann weiß, daß, wenn ein Mensch stirbt, er wahrschein-
       lich auch  begraben wird.  Ungeachtet der Tatsache, wie teuer der
       Verstorbene einem war, und ungeachtet der Tatsache, welche Trauer
       sein Hinscheiden  auslöst, das  Leben zwingt jeden, folgenden Re-
       alitäten ins Auge zu sehen: Ein Sarg oder ein Grab werden für den
       toten Menschen  bereitet; und er wird herausgelöst aus den Berei-
       chen des Lebens. So war es in alten Zeiten und so ist es in unse-
       ren Tagen.
       Warum muß China dann in den Vereinten Nationen durch den Leichnam
       des reaktionären  Chinas repräsentiert werden, durch die Tschiang
       Kai-schek-Clique? Wir  sind der Ansicht, daß es höchste Zeit ist,
       daß die  Vereinten Nationen  das tun,  was alle Staaten mit einem
       Leichnam machen,  ihn nämlich wegtragen, damit der wirkliche Ver-
       treter des  chinesischen Volkes  seinen berechtigten Platz in den
       Vereinten Nationen einnehmen kann.
       China ist keineswegs Taiwan (Formosa). Taiwan ist nur eine kleine
       Insel, eine  Provinz, das heißt ein kleiner Teil eines wirklichen
       Staates, Kontinentalchina  ist die chinesische Volksrepublik, die
       sich seit zehn Jahren in schnellem Tempo entwickelt hat, die ihre
       eigene starke  Regierung, die  von dem gesamten chinesischen Volk
       anerkannt wird, und gesetzgebende Körperschaften hat, die von dem
       gesamten chinesischen  Volk gewählt  wurden. China ist ein großer
       Staat, dessen Hauptstadt Peking ist. Früher oder später wird Tai-
       wan als  ein unveräußerlicher  Teil des  souveränen  chinesischen
       Staates mit  dem gesamten Volkschina vereinigt werden, das heißt,
       die Herrschaft der Regierung der Volksrepublik wird auf diese In-
       sel ausgedehnt  werden. Je  früher dies  geschieht, desto besser.
       Die Wiederherstellung  der gesetzmäßigen Rechte Volkschinas würde
       nicht nur  das Prestige  und die Autorität der Vereinten Nationen
       erheblich steigern,  sie würde  auch einen merklichen Beitrag zur
       Verbesserung des  internationalen Klimas  im allgemeinen darstel-
       len. Ich möchte hoffen, daß die Vereinten Nationen die Kraft fin-
       den werden,  sich der  ganzen Rückstände  des "Kalten Krieges" zu
       entledigen, und daß sie ein wirklich weltweites Organ internatio-
       naler Zusammenarbeit  werden, das wirksam für den Weltfrieden ar-
       beitet.
       Es mag  allerdings die Frage gestellt werden: die Abschaffung des
       "Kalten Krieges",  die Stärkung  des Friedens  und die friedliche
       Koexistenz der Staaten sind natürlich höchst nobel und wünschens-
       werte Ziele, aber sind sie auch erreichbar, sind sie realistisch?
       Können wir  selbst heute,  unter den gegenwärtigen Umständen, die
       Beziehungen zwischen den Staaten auf eine neue Grundlage stellen?
       Von diesem  Podium aus  erkläre ich  nachdrücklich, daß  die  So-
       wjetunion die  Erreichung dieser  Ziele nicht  nur für  dringend,
       sondern auch für durchaus realistisch hält.
       Der Besuchsaustausch  zwischen den  Regierungschefs der UdSSR und
       den Vereinigten  Staaten kann  ein Meilenstein im Lauf der Ereig-
       nisse sein  und eine  Verbesserung der  sowjetisch-amerikanischen
       Beziehungen gewährleisten.  Wir hatten  einen Meinungsaustausch -
       und wir werden ihn fortsetzen - mit dem Präsidenten der Vereinig-
       ten Staaten über Probleme der sowjetisch-amerikanischen Beziehun-
       gen und  über dringende  internationale Fragen.  Wir glauben, daß
       Herr Eisenhower zu einer Beseitigung der Spannungen in den Bezie-
       hungen zwischen den Staaten seinen Beitrag zu leisten wünscht.
       Bei einer  seiner Pressekonferenzen  hat der Präsident der Verei-
       nigten Staaten  seine Bereitschaft  zum Ausdruck gebracht, reali-
       stische Verhandlungen mit der Sowjetunion hinsichtlich eines ver-
       nünftigen Planes  für eine  allgemeine Abrüstung  oder eine Abrü-
       stung auf dem Gebiet spezieller Waffen zu führen, um einen echten
       Anfang zur  Lösung der  Probleme eines  geteilten Deutschlands zu
       machen, und  die Spannungen  in der Welt durch andere Mittel ver-
       ringern zu  helfen. Gestatten  Sie mir, die Hoffnung zum Ausdruck
       zu bringen,  daß unser Meinungsaustausch mit Präsident Eisenhower
       fruchtbar sein wird.
       Wir gehören  zu denen,  die hoffen, daß der Besuchsaustausch zwi-
       schen führenden  Staatsmännern der  Vereinigten Staaten  und  der
       UdSSR und  die bevorstehenden  Begegnungen und Unterredungen dazu
       beitragen werden,  den direkten  Weg zu einer völligen Beendigung
       des "Kalten  Krieges" zu  ebnen, natürlich  vorausgesetzt, daß es
       der gemeinsame  Wunsch ist, dieses Ziel zu erreichen. So betrach-
       ten wir unseren Besuch in den Vereinigten Staaten und den kommen-
       den Besuch Präsident Eisenhowers in der Sowjetunion.
       Es wäre  natürlich ein ungerechtfertigter Optimismus, anzunehmen,
       daß die  Atmosphäre des Mißtrauens und der Verdächtigungen in den
       Beziehungen zwischen  den Staaten  schon der  Vergangenheit ange-
       hört, daß  der Friede  auf Erden  schon gesichert wäre und daß es
       keiner beständigen  Bemühungen der Staaten mehr bedürfe. Unglück-
       licherweise ist  das bisher nicht der Fall. Kreise, die eine Ent-
       spannung der  internationalen Lage  hemmen und  die Saat für neue
       Konflikte ausstreuen,  sind in vielen Staaten noch aktiv und ein-
       flußreich. Diese  Menschen unterstützen  das Alte  und das Verge-
       hende, sie  klammern sich  an das Erbe des "Kalten Krieges". Aber
       der Lauf  der Ereignisse,  vor allem  in jüngster  Vergangenheit,
       zeigt, daß die Versuche, die Entspannung der internationalen Lage
       zu hindern, Knüppel in die Speichen zu werfen, nur zur Niederlage
       derer führen kann, die es ablehnen, solche Versuche einzustellen,
       denn die Völker werden sie nicht unterstützen.
       Wir leben  in einer Zeit, in der die Menschheit mit Riesenschrit-
       ten vorwärts  schreitet, und  wir werden  Zeugen nicht  nur einer
       schnellen Entwicklung  der Industrie,  der Wissenschaft  und  der
       Technik, sondern  auch schneller Veränderungen im politischen Ge-
       sicht großer  Gebiete der Welt. Einst zurückgebliebene Völker be-
       freien sich  aus der  kolonialen Abhängigkeit, und neue, unabhän-
       gige Staaten  nehmen die Plätze ehemaliger Kolonien oder Halb-Ko-
       lonien ein.  Gestatten Sie  mir, aus der Tiefe meines Herzens die
       Vertreter jener  Staaten zu grüßen, die in dieser Halle vertreten
       sind. Es  sollte zugleich  berücksichtigt werden,  daß nicht alle
       Völker, die  das Recht haben, in den Vereinten Nationen vertreten
       zu sein,  ihre Vertreter bereits hier haben. Die Sowjetunion, wie
       alle freiheitsliebenden Völker, wünscht mit Wärme den Völkern Er-
       folg, die  noch immer in kolonialer Knechtschaft liegen, die aber
       entschlossen für  ihre nationale  Befreiung von kolonialer Unter-
       drückung kämpfen.
       Die letzten Bastionen des todgeweihten kolonialen Systems zerbre-
       chen, und  das ist einer der bedeutsamsten Faktoren unserer Zeit.
       Blicken Sie  auf die Karte Asiens und Afrikas, und Sie werden se-
       hen, wie sich Hunderte von Millionen von Menschen aus jahrhunder-
       tealter Unterdrückung  durch Fremde, von ausländischer Ausbeutung
       befreien.
       Aber es gibt ein Problem, dessen Lösung mit Hoffnung von den Völ-
       kern aller  Staaten, groß  und klein,  ohne Rücksicht auf ihr ge-
       sellschaftliches System  und ihre  Lebensweise, erwartet wird. Es
       ist das  Problem der Abrüstung. Seine richtige Lösung wird in ho-
       hem Maße  darüber entscheiden,  ob die  Menschheit zu einem Krieg
       mit seinen  vernichtenden Folgen  hinschreiten oder  ob die Sache
       des Friedens  die Oberhand  haben wird.  Die Völker  dürsten nach
       Frieden, sie  wollen ohne  Furcht für  ihre Zukunft  leben,  ohne
       Furcht, ihre Lieben in den Flammen eines neuen Krieges zu verlie-
       ren.
       Jahrhundertelang träumten  die Völker  davon, die zerstörerischen
       Mittel der  Kriegsführung loszuwerden.  Die Forderung  nach Abrü-
       stung ist  von den  besten Denkern,  den größten  Politikern  und
       Staatsmännern und von Parteien gefördert und wachgehalten worden,
       die die  engsten Bindungen mit dem arbeitenden Volke haben. Statt
       der Abrüstung  ist aber  die Welt seit vielen Jahrzehnten vom Rü-
       stungsfieber geschüttelt  worden. Wer kann ehrlich behaupten, daß
       das Wettrüsten dazu beigetragen hätte, ein einziges, auch nur das
       einfachste internationale  Problem zu lösen? Im Gegenteil kompli-
       ziert das Wettrüsten die Lösung von Streitfragen und verwirrt sie
       nur noch mehr.
       Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ist das Wettrüsten mit
       solchem Tempo betrieben worden und mit solch großen Gefahren ver-
       bunden gewesen  wie heute  im Zeitalter des Atoms, der Elektronik
       und der  Eroberung des Weltraumes. Noch vor kurzem wurden automa-
       tische Schnellfeuerwaffen,  Panzer, Ferngeschütze und Fliegerbom-
       ben als  die furchtbarsten  und stärksten  Vernichtungsmittel be-
       trachtet. Aber können sie irgendeinen Vergleich mit den heute zur
       Verfügung stehenden  Waffen aushalten?  Wir haben ein Stadium er-
       reicht, in  dem es  schwierig ist, eine Waffe zu finden, die noch
       mächtiger als  die Wasserstoffbombe  wäre, die  in ihrer  Zerstö-
       rungskraft praktisch  unbegrenzt ist. Würden alle Mittel der Zer-
       störung zusammengenommen, die die Menschheit in der Vergangenheit
       besessen hat, so würden sie an Kraft nur einen unbedeutenden Teil
       dessen darstellen,  was die  zwei oder drei Großmächte, die Kern-
       waffen besitzen, heute zu ihrer Verfügung haben.
       Ich würde  kein großes Geheimnis verraten, wenn ich sage, daß die
       Explosion einer  - wohlgemerkt,  nur einer  - großen Wasserstoff-
       bombe eine  ungeheure Energie  der Vernichtung freisetzt. Ich las
       kürzlich zufällig eine Bemerkung des amerikanischen Kernphysikers
       W. Davidson,  daß die  Explosion einer Wasserstoffbombe eine grö-
       ßere Energie  freisetzt, als  alle Explosionen  zusammen, die von
       allen Nationen  in allen Kriegen ausgelöst wurden, die in der Ge-
       schichte der  Menschheit bekannt  sind. Und  er hat ganz offenbar
       recht. Ist  es möglich,  die Tatsache unberücksichtigt zu lassen,
       daß das Vernichtungspotential der Kriegsmittel solch riesige Pro-
       portionen erreicht  hat? Und  kann man  vergessen, daß  es  heute
       nicht einen  Fleck auf  dem Globus mehr gibt, der nicht mit Kern-
       und Raketenwaffen erreichbar ist?
       Man kann  sich nur schwer die Folgen eines Krieges mit diesen un-
       geheuren Zerstörungs-  und Vernichtungsmitteln für die Menschheit
       vorstellen. Würde  man den  Ausbruch eines solchen Krieges zulas-
       sen, würde  die Zahl der Opfer nicht in die Millionen, sondern in
       die Zehnmillionen  und sogar  Hunderte von Millionen Menschen ge-
       hen. Es  würde ein  Krieg sein, in dem es keinen Unterschied zwi-
       schen Front  und Etappe gäbe, zwischen den Kriegführenden und den
       Kindern. Viele  Großstädte und Industriezentren würden zu Ruinen,
       und die  großen Denkmäler  der Kultur, in Jahrhunderten durch die
       Bemühungen menschlichen  Geistes geschaffen, wären unwiederbring-
       lich verloren. Noch würde dieser Krieg die künftigen Generationen
       verschonen. Seine  giftige Spur  in Form der radioaktiven Verseu-
       chung würde noch lange die Völker verkrüppeln und viele Menschen-
       leben fordern.
       Eine gefährliche  Situation ist  jetzt in der Welt entstanden. Es
       bestehen verschiedene  Militärbündnisse, und  das Wettrüsten geht
       ohne Pause  weiter. So viel leicht entzündliches Material ist an-
       gehäuft worden,  daß ein  einziger Funke  genügen würde, alles an
       den Rand  einer Katastrophe  zu treiben. Die Welt hat einen Punkt
       erreicht, an  dem ein  Krieg nur wegen eines lächerlichen Zufalls
       Tatsache werden  kann, wie  beispielsweise ein technischer Fehler
       in einem  Flugzeug, das  eine Wasserstoffbombe  an Bord hat, oder
       eine geistige Verwirrung des Piloten hinter dem Steuerknüppel.
       Es ist  darüber hinaus  wohlbekannt, daß  das Wettrüsten  bereits
       eine schwere  Belastung für  die Völker  darstellt. Es  führt  zu
       Preissteigerungen und zur Verminderung der Reallöhne. Es hat eine
       schädigende Wirkung  auf die Wirtschaft vieler Staaten und unter-
       bricht den internationalen Handel. Nie waren so viele Staaten, so
       viele Menschen  in militärische Vorbereitungen verwickelt wie ge-
       genwärtig. Wenn  wir zu  den Militärs  noch die Zahl der Menschen
       betrachten, die direkt oder indirekt mit der Waffenproduktion und
       verschiedenen militärischen  Forschungen befaßt  sind, werden wir
       sehen, daß  über 100 Millionen Menschen von ihrer friedlichen Ar-
       beit entfernt  worden sind  -  die  energischsten  und  fähigsten
       Leute, Männer der Wissenschaft und Technik. Ein im Wert nicht ab-
       zuschätzender Fundus  menschlicher Energie, menschlichen Wissens,
       Findigkeit und Erfahrung wird, als ob man ihn in einen bodenlosen
       Abgrund wirft, für wachsende Rüstung verschwendet.
       Die jährlichen Militärausgaben aller Staaten zusammengenommen be-
       tragen heute  schätzungsweise 100 Milliarden Dollar. Ist es nicht
       Zeit, dieser  sinnlosen Verschwendung der Mittel und Energien der
       Völker zur  Vorbereitung von Krieg und Vernichtung Einhalt zu ge-
       bieten? Die  sowjetische Regierung  steht, wie  sie sich in ihrer
       Außenpolitik von  dem Prinzip  der friedlichen  Koexistenz leiten
       läßt, für  Frieden und  Freundschaft zwischen allen Nationen ein.
       Das Ziel  unserer Innenpolitik  - das einzige - ist es, ein Leben
       zu schaffen, das der besten Ideale der Menschheit wert ist. Unser
       Siebenjahresplan ist durchdrungen von dem Geist der Friedlichkeit
       und von  der Besorgnis um die Wohlfahrt und das Glück des Volkes.
       Das Ziel  unserer Außenpolitik - das einzige und unabänderliche -
       ist es,  Krieg zu  verhindern, Frieden  und Sicherheit  für unser
       Land und für alle Länder zu gewährleisten.
       Einige Menschen  im Westen  erwarten, daß  die materiellen Hilfs-
       quellen der  Sowjetunion und  der anderen sozialistischen Staaten
       im kalten  Krieg erschöpft  würden, daß  ihre Wirtschaft untermi-
       niert würde.  Aber ihre  Kalkulationen waren  falsch. Obwohl  sie
       eine bestimmte Rüstungslast zu tragen hat, ist die Sowjetunion in
       der Lage,  die schnelle Entwicklung ihrer Wirtschaft und die noch
       vollständigere Befriedigung der wachsenden Ansprüche ihres Volkes
       zu gewährleisten.  Natürlich würden die materiellen Ansprüche des
       Volkes besser befriedigt, wenn die Rüstungslast abgenommen würde.
       Alle Völker brauchen Frieden. Am Ende des zweiten Weltkrieges un-
       terbreitete die  Sowjetunion in  den Vereinten  Nationen konkrete
       Abrüstungsvorschläge. Wir  schlugen das  vollständige Verbot  von
       Atomwaffen, eine  wesentliche Verringerung  der Streitkräfte  und
       Rüstungen und  eine große  Kürzung der  Rüstungsausgaben vor. Wir
       traten öffentlich  für die  Auflösung von  Militärstützpunkten im
       Ausland ein.  Wir haben  unseren Wunsch bewiesen, das Abrüstungs-
       problem mit Taten, nicht mit Worten zu lösen. Die Sowjetunion hat
       immer wieder  beim Vorschlagen  spezifischer Schritte in Richtung
       auf  eine  Beendigung  des  Wettrüstens  und  auf  die  möglichst
       schnelle Vereinbarung  praktischer Maßnahmen  zur  Abrüstung  die
       Führung übernommen.  Unmittelbar nach dem Ende des Krieges nahmen
       wir eine umfassende Demobilisierung in unserem Lande vor. Die So-
       wjetunion hat alle Militärstützpunkte aufgelöst, die sie nach dem
       zweiten Weltkrieg auf dem Territorium anderer Staaten besaß.
       Sie werden sich daran erinnern, daß die sowjetischen Streitkräfte
       einseitig um  insgesamt über zwei Millionen Mann reduziert worden
       sind. Die  sowjetischen Streitkräfte  in der Deutschen Demokrati-
       schen Republik  sind beträchtlich verringert worden, und alle so-
       wjetischen Truppen sind aus der rumänischen Volksrepublik abgezo-
       gen worden.  Wir haben  auch eine  beachtliche Kürzung in unserem
       Militärbudget wirksam  werden lassen. 1958 setzte die Sowjetunion
       einseitig die  Versuche von  Atom- und  Wasserstoffbomben in  der
       Hoffnung aus,  daß die  anderen Mächte  diesem vornehmen Beispiel
       folgen würden.  Man kann  nur bedauern, daß sich diese Hoffnungen
       nicht erfüllt  haben. Die sowjetische Regierung hat nun beschlos-
       sen, die  Kernwaffenversuche in der Sowjetunion nicht wieder auf-
       zunehmen, falls die Westmächte ihre Versuche nicht wieder aufneh-
       men. Nur  wenn sie  die Kernwaffenversuche wieder aufnehmen, wird
       sich die Sowjetunion von dieser Verpflichtung entbunden fühlen.
       Das Problem  der Abrüstung  ist jetzt  seit über 14 Jahren in den
       Vereinten Nationen  und von  anderen internationalen Foren disku-
       tiert worden,  aber bisher  sind keine  praktischen Resultate er-
       zielt worden.  Was ist der Grund dafür? Ich möchte nicht die Ver-
       gangenheit durchstöbern,  um ausführlich die Hindernisse und Dif-
       ferenzen zu betrachten, die im Laufe der Abrüstungsgespräche auf-
       tauchen. Um so weniger, um gegen niemanden Beschuldigungen zu er-
       heben. Das  ist heute  nicht die  Hauptsache. Die  Hauptsache ist
       nach unserer Überzeugung, die hauptsächlichen Sperren zu beseiti-
       gen, die  sich auf  dem Weg der Abrüstung aufgetürmt haben, einen
       neuen Ansatz zur Lösung des Problems zu finden.
       Die Erfahrung  der Abrüstungsgespräche  lehrt, daß  die Frage der
       Kontrolle sich als eines der Haupthindernisse zur Einigung erwie-
       sen hat.  Wir waren  und wir sind für strikte internationale Kon-
       trolle über  die Erfüllung  des Abrüstungsabkommens,  wenn es er-
       reicht ist.  Aber wir waren immer dagegen, daß das Kontrollsystem
       von Maßnahmen in Richtung auf eine Abrüstung abgetrennt wird, da-
       gegen, daß  die Organe  der Kontrolle  tatsächlich Organe für die
       Sammlung von  Geheimmaterial werden,  unter  Bedingungen,  wo  es
       tatsächlich keine  Abrüstung geben  würde. Wir sind für wirkliche
       Abrüstung unter Kontrolle, aber wir sind gegen Kontrolle ohne Ab-
       rüstung. Es  würde den  Gegnern der  Abrüstung leichtfallen, jede
       Maßnahme von  solchen Kontrollforderungen abhängig zu machen, die
       die  anderen  Staaten  unter  den  Bedingungen  eines  weltweiten
       Wettrüstens nicht  eingehen  könnten.  Wahrhaftig,  die  gleichen
       Staaten, die aus dem einen oder dem anderen Grund solche weitrei-
       chenden  Kontrollforderungen  vorbringen,  würden  nicht  geneigt
       sein, diese  Forderungen selber  zu akzeptieren, wenn es zu ihrer
       Erfüllung käme.
       Es besteht  noch eine andere Schwierigkeit. Solange die Abrüstung
       nur als  Teilabrüstung betrachtet  und angenommen  wird, daß  be-
       stimmte Rüstungen  auch nach dem Abschluß einer Abrüstungsverein-
       barung bleiben  werden, würden die Staaten immer noch die materi-
       elle Möglichkeit behalten, einen Angriff zu starten. Stets würden
       Befürchtungen bestehen, daß mit Hilfe der verbleibenden Arten der
       Rüstung und Streitkräfte die Möglichkeit, einen Angriff zu unter-
       nehmen, weiter gegeben wäre. Das Bewußtsein, daß eine solche Mög-
       lichkeit weiterbesteht, war in erheblichem Maße ein Hindernis bei
       den Abrüstungsverhandlungen.  Viele Staaten  fürchteten, daß  die
       Abrüstungsmaßnahmen gerade jene Waffentypen betreffen würden, bei
       denen sie  den größten Vorsprung besaßen und die sie für sich für
       besonders notwendig hielten. Selbstverständlich konnte unter die-
       sen Umständen  in der  Atmosphäre des "Kalten Krieges" und gegen-
       seitiger Verdächtigungen  keine Nation,  wenn sie  ernsthaft  und
       nicht zu  Propagandazwecken sprach,  ihre  militärischen  Geheim-
       nisse, die  Organisation ihrer  Verteidigung und Kriegsproduktion
       ohne Schaden  für  die  Interessen  ihrer  nationalen  Sicherheit
       preisgeben. Alle Delegierten werden, dessen bin ich sicher, darin
       übereinstimmen, daß  es notwendig  ist, die  gemeinsame  Vernunft
       sowohl aller  Staaten als auch der Vereinten Nationen auf die Su-
       che nach  einem neuen  Weg zur  Lösung des  Abrüstungsproblems zu
       konzentrieren.
       Was schlägt  die sowjetische  Regierung vor? Die Substanz unseres
       Vorschlages ist,  daß während  einer Frist  von vier  Jahren alle
       Staaten eine  völlige Abrüstung  durchführen und keine Mittel zur
       Kriegführung mehr  übrigbehalten sollten.  Das bedeutet,  daß die
       Heeres-, Marine-  und Luftstreitkräfte  aufhören werden zu beste-
       hen, daß  Generalstäbe und Kriegsministerien abgeschafft, die Mi-
       litärakademien geschlossen  werden. Dutzende  von Millionen  Men-
       schen werden  zu friedlicher, schöpferischer Arbeit zurückkehren.
       Militärstützpunkte auf  ausländischen Territorien  werden  besei-
       tigt. Alle  Atom- und Wasserstoffbomben in den Händen der Staaten
       werden vernichtet  und ihre  künftige Produktion eingestellt. Die
       Energien  des  spaltbaren  Materials  werden  ausschließlich  für
       friedliche wirtschaftliche  und wissenschaftliche Zwecke benutzt.
       Militärische Raketen aller Reichweiten werden vernichtet, und Ra-
       ketenrampen werden nur als Verkehrseinrichtungen für den Weltraum
       zum Besten der Menschheit beibehalten.
       Zur Verfügung  der Staaten  sollten nur  streng begrenzte Kontin-
       gente von  Polizei (Miliz)  bleiben, über  die man sich für jedes
       Land geeinigt  hat, die mit kleineren Waffen ausgerüstet und aus-
       schließlich zur  Aufrechterhaltung der  inneren Ordnung  und  zum
       Schutz der persönlichen Sicherheit der Bürger bestimmt wären. Da-
       mit niemand  seine Verpflichtungen verletzen könnte, schlagen wir
       die Bildung  einer internationalen  Kontrollkörperschaft vor, die
       alle Staaten umfaßt. Es sollte ein Kontrollsystem über alle Abrü-
       stungsmaßnahmen eingeführt werden, das in Übereinstimmung mit den
       Stadien, in  denen die  Abrüstung verwirklicht  wird,  geschaffen
       werden und funktionieren sollte.
       Wenn die  Abrüstung umfassend  und vollständig ist, wird die Kon-
       trolle über  ihre Einhaltung  ebenso  allgemein  und  vollständig
       sein. Die  Staaten werden  vor anderen nichts zu verbergen haben:
       Keiner von ihnen wird über eine Waffe verfügen, die gegen den an-
       deren angewendet werden könnte, und daher werden die Kontrolleure
       in der Lage sein, ihren Eifer bis zum letzten zu manifestieren.
       Eine solche Lösung der Abrüstungsfragen wird die vollständige Si-
       cherheit aller Staaten gewährleisten. Sie wird günstige Bedingun-
       gen für  die friedliche Koexistenz der Staaten schaffen, alle in-
       ternationalen Probleme werden dann nicht durch Waffengewalt, son-
       dern durch friedliche Mittel gelöst werden. Wir sind Realisten in
       der Politik und wissen, daß einige Zeit nötig ist, um ein solches
       umfassendes Abrüstungsprogramm auszuarbeiten. Während ein solches
       Programm ausgearbeitet wird, während die Fragen ausgehandelt wer-
       den, sollte  man nicht  mit den Händen im Schoß dasitzen und war-
       ten.
       Der Entschluß,  innerhalb einer kurzen Zeitspanne eine allgemeine
       und voll ständige Abrüstung vorzunehmen, und seine Verwirklichung
       würden die  Existenz einer  neuen Phase  im internationalen Leben
       anzeigen. Die Vereinbarung von Staaten, eine allgemeine und voll-
       ständige Abrüstung  zu beginnen, wäre eine überzeugende faktische
       Bestätigung für  das Nichtvorhandensein irgendwelcher aggressiver
       Absichten ihrerseits und für den ehrlichen Wunsch, ihre Beziehun-
       gen mit  anderen Ländern  auf der  Grundlage der Freundschaft und
       Zusammenarbeit aufzubauen.
       Ist erst  die vollständige  Abrüstung erreicht,  könnte sich  die
       Menschheit eines Gefühles ähnlich dem erfreuen, das einen zum äu-
       ßersten erschöpften  Wüstenwanderer befällt,  der, von der Furcht
       des Verdurstens  und des  Erschöpfungstodes gepeinigt, nach einem
       langen Wege eine Oase erreicht.
       Allgemeine und  vollständige Abrüstung würde die Möglichkeit bie-
       ten, enorme  materielle und finanzielle Auslagen von der Herstel-
       lung von  Instrumenten des Todes auf schöpferische Zwecke zu ver-
       lagern. Die menschliche Energie kann darauf gerichtet werden, ma-
       teriellen und  geistigen Wohlstand  zu gründen, die das Leben und
       die Arbeit  der menschlichen  Geschöpfe verschönen  und veredeln.
       Die Ausführungen  eines allgemeinen und vollständigen Abrüstungs-
       programmes würde die Gelegenheit bieten, enorme Summen Geldes auf
       den Bau  von Schulen,  Krankenhäusern, Häusern, Straßen, die Pro-
       duktion von  Lebensmitteln und  Industriegütern zu verlagern. Die
       Mittel, die so freigesetzt würden, würden die Möglichkeit bieten,
       die Preise  beträchtlich zu  reduzieren und  zu senken. Das würde
       den Lebensstandard  der Bevölkerung  wohltuend  beeinflussen  und
       würde von Millionen einfacher Menschen begrüßt werden. Allein das
       Geld, das  von den  Staaten im letzten Jahrzehnt für militärische
       Notwendigkeiten ausgegeben  wurde, wäre  genug, um  mehr als  150
       Millionen Häuser  zu bauen,  in denen Hunderte von Millionen Men-
       schen bequem leben könnten.
       Allgemeine und vollständige Abrüstung würde auch völlig neue Mög-
       lichkeiten schaffen,  den Staaten  Hilfe zu  leisten, deren Wirt-
       schaft heute  noch unterentwickelt ist und die Unterstützung sei-
       tens der weiter entwickelten Staaten brauchen.
       Selbst wenn nur ein kleiner Teil der nach Beendigung der Militär-
       ausgaben freiwerdenden Gelder für die Hilfe an solche Staaten be-
       stimmt würde, könnte damit eine wahrhaft neue Epoche in der wirt-
       schaftlichen Entwicklung  Asiens, Afrikas  und Lateinamerikas er-
       öffnet werden.
       All die  künstlichen Hindernisse auf dem Wege der Entwicklung des
       internationalen Handels,  die heute in Form von diskriminierenden
       Einschränkungen, Verbotslisten  usw. bestehen,  würden verschwin-
       den. Die  Industrien solcher Länder wie der USA, Großbritanniens,
       Frankreichs, Westdeutschlands und anderer hochentwickelter Länder
       würden zumindest große Aufträge von anderen Staaten erhalten. Die
       Nutzbarmachung des  als Folge der Abrüstung freigewordenen Geldes
       würde die  umfassendsten Möglichkeiten  zur Beschäftigung der Be-
       völkerung schaffen. Daher sind Behauptungen falsch, die Abrüstung
       würde in  industriell hochentwickelten  Ländern der  kapitalisti-
       schen Welt zu Krisen und Depressionen führen.
       Wenn in der Tat kein Staat die Möglichkeit haben wird, eine mili-
       tärische Aktion  gegen andere  Staaten zu entfesseln, werden sich
       die internationalen Beziehungen im Zeichen des Vertrauens zu ent-
       wickeln beginnen.  Verdacht und  Furcht werden verschwinden, alle
       Nationen werden  sich gegenseitig  als gute  Nachbarn  betrachten
       können. Zwischen  allen Ländern  wird die Tür zu wirtschaftlicher
       und kultureller Zusammenarbeit sowie zu gegenseitigem Handel weit
       offen stehen. Zum erstenmal wird ein verläßlicher und dauerhafter
       Friede, den alle Nationen so sehr erstreben, Wirklichkeit werden.
       In der  Überzeugung, daß  diese großen Ziele durch gemeinsame An-
       strengungen aller  unter dem  Zeichen der  friedlichen Grundsätze
       der Charta der Vereinten Nationen vereinten Staaten erreicht wer-
       den können  und müssen,  unterbreitet die Regierung der Union der
       Sozialistischen Sowjetrepubliken  den Vereinten Nationen eine De-
       klaration über  allgemeine und  vollständige Abrüstung  zur Erwä-
       gung, die konkrete Vorschläge zu dieser Frage enthält.
       Es steht  außer Frage,  daß die  Sowjetunion, wenn auch die West-
       mächte gegenwärtig  aus gewissen  Gründen keine Bereitschaft zei-
       gen, einer allgemeinen und vollständigen Abrüstung näherzutreten,
       bereit ist,  mit anderen Staaten zu einem Abkommen über die ange-
       messenen Schritte  der Abrüstung  und der Stärkung der Sicherheit
       zu kommen.  Die hauptsächlichen  Schritte sind  nach Ansicht  der
       sowjetischen Regierung folgende:
       1. Die Errichtung einer Zone der Kontrolle und der Inspektion mit
       einer Reduzierung  der ausländischen  Truppen auf den Territorien
       der entsprechenden westeuropäischen Länder.
       2. Die Errichtung einer kernwaffenfreien Zone in Mitteleuropa.
       3. Der Abzug  aller ausländischen Truppen von dem Territorium eu-
       ropäischer Staaten  und die Abschaffung militärischer Stützpunkte
       auf fremdem Territorium.
       4. Der Abschluß eines Nichtangriffspaktes zwischen Nato-Mitglied-
       staaten und den Teilnehmern des Warschauer Vertrages.
       5. Eine Vereinbarung  über die  Verhinderung von Überraschungsan-
       griffen eines Staates gegen einen anderen.
       Die Sowjetunion  hält es  für angemessen,  an ihre Abrüstungsvor-
       schläge vom  10. Mai  1955 zu  erinnern, die  konkrete Erwägungen
       hinsichtlich der  Teilschritte auf  dem Gebiet der Abrüstung ent-
       halten. Sie  ist überzeugt, daß diese Vorschläge eine gute Grund-
       lage für  eine Vereinbarung  über dieses  lebenswichtige  Problem
       bilden.
       Die Idee  einer allgemeinen  und vollständigen Abrüstung wird von
       der Sowjetunion  nicht zum  erstenmal vorgetragen. Bereits in der
       Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg hat die Regie-
       rung unseres  Landes ein  umfassendes Programm für eine vollstän-
       dige Abrüstung  vorgelegt. Die  Gegner der Abrüstung pflegten da-
       mals zu behaupten, die Sowjetunion habe diese Vorschläge gemacht,
       weil sie  wirtschaftlich und militärisch ein schwacher Staat sei.
       Wenn damals  diese falsche These jemanden täuschen konnte, so ist
       jetzt allgemein  bekannt, daß das Gerede von irgendeiner Schwäche
       der Sowjetunion absurd ist.
       Der neue  Vorschlag der sowjetischen Regierung ist von dem einzi-
       gen Wunsche  veranlaßt, einen  wahrhaft dauerhaften Frieden unter
       den Nationen  zu sichern. Wir sagen ehrlich allen Ländern: "Gegen
       das Wort 'Laßt uns bewaffnen!', das noch immer in einigen Kreisen
       gilt, stellen  wir die Parole 'Laßt uns vollständig entwaffnen!'"
       Laßt uns  in Wettstreit  miteinander treten, wer die meisten Häu-
       ser, Schulen,  Krankenhäuser für sein Volk baut, wer mehr Weizen,
       Milch, Fleisch,  Kleidung und  andere Konsumgüter produziert, und
       nicht in einen Wettbewerb, wer mehr Wasserstoffbomben und Raketen
       hat. Das wird von allen Nationen der Welt begrüßt werden.
       Die Vereinten  Nationen, vor deren Generalversammlung zu sprechen
       ich heute die Ehre habe, können und müssen in den internationalen
       Angelegenheiten eine  große Rolle  spielen. Ihre  Bedeutung  wird
       durch die  Tatsache bestimmt, daß alle Nationen der Welt in ihnen
       vertreten sind.  Sie haben sich gemeinsam zusammengeschlossen, um
       ausstehende Probleme  von internationaler  Tragweite zu erörtern.
       Wenn zwei  oder mehrere Staaten nicht in der Lage sind, sich mit-
       einander zu  verständigen, müssen  die Vereinten  Nationen  ihnen
       Beistand gewähren.  Ihre Aufgabe  ist es  in diesem Falle, in den
       Beziehungen zwischen  Staaten die scharfen Kanten zu brechen, die
       zu Konflikten,  zu Verschlimmerungen  und sogar zu Kriegen führen
       können. Wenn  die Vereinten Nationen ihre Hauptaufgabe, die Stär-
       kung des  Weltfriedens und  der Sicherheit  der Völker, erfüllen,
       werden sie  wahre Achtung  erlangen, und  ihr Ansehen wird größer
       sein.
       In aller Offenheit muß ich aber sagen, daß die Vereinten Nationen
       gegenwärtig in einer Anzahl von Fällen ihre Funktionen dieser Art
       nicht erfüllen.  Manchmal führt  die Erörterung von Fragen in den
       Vereinten Nationen  sogar zu unangemessenen Verschlimmerungen der
       zwischenstaatlichen Beziehungen.
       Warum geschieht  das? Weil nicht alle Mitgliedstaaten der Verein-
       ten Nationen  diese Körperschaft,  in die die Menschheit so große
       Hoffnungen setzt,  mit dem  notwendigen Respekt betrachten. Statt
       ständig die Autorität der Vereinten Nationen zu unterstützen, da-
       mit sie  wirklich zur  maßgebendsten internationalen Körperschaft
       würde, an die sich die Regierungen aller Nationen wenden könnten,
       wann immer  sie die  Notwendigkeit verspüren,  lebenswichtige und
       bedeutende Fragen zu lösen, versuchen gewisse Staaten, sie zu ih-
       ren eigenen beschränkten Interessen auszunutzen. Eine internatio-
       nale Organisation  kann natürlich  nicht wirksam  zum  Wohle  des
       Friedens handeln, wenn sie in sich selbst eine Gruppe von Ländern
       hat, die  eine Politik verfolgt, den Willen einiger Staaten ande-
       ren aufzuzwingen. Eine solche Politik wird das Fundament der Ver-
       einten Nationen  schwächen. Wenn  sich die Dinge weiter in dieser
       Richtung entwickeln,  was  man  Parteiherrschaft  (Fractionalism)
       nennen könnte,  wird dies  nicht zur Verbesserung der Beziehungen
       unter den  Staaten, sondern zu ihrer Verschlechterung führen. Die
       Vereinten Nationen  würden von einer Organisation, die das Inter-
       esse aller ihrer Mitglieder ausdrückt, in eine Organisation einer
       Gruppe von Staaten umgewandelt werden. die ihre Politik und nicht
       die Politik  der Sicherung des Weltfriedens verfolgen würde. Dies
       würde zunächst  allgemeine Respektlosigkeit gegenüber den Verein-
       ten Nationen  schaffen und könnte später zu ihrem Zerfall führen,
       wie es in der Vergangenheit mit dem Völkerbund geschah.
       Ein Merkmal  einer korrekt  funktionierenden internationalen Kör-
       perschaft ist,  daß in ihr Fragen nicht durch das formelle Zählen
       von Stimmen,  sondern durch  vernünftige und geduldige Suche nach
       fairen, für  alle Seiten annehmbaren Lösungen gelöst werden soll-
       ten. Es ist in der Tat unmöglich, sich vorzustellen, daß Staaten,
       gegen deren  Willen eine  ungerechte Entscheidung getroffen wird,
       ihrer Verwirklichung  zustimmen würden.  Dies beläßt  ihnen einen
       bitteren Nachgeschmack.  Man denke  nur daran,  wie viele solcher
       Fälle es  in der  Geschichte der  Vereinten Nationen gegeben hat.
       Daher sollten in den Vereinten Nationen nur solche Entscheidungen
       getroffen werden,  denen jeder zustimmen könnte, weil er in ihnen
       den Ausdruck  des gemeinsamen Willens, der gemeinsamen Interessen
       erblickt. Solche  Interessen würden  als die einzig korrekten und
       die einzig  möglichen von unserer Generation wie auch von künfti-
       gen Historikern anerkannt.
       Die Gruppe von Staaten, die gegenwärtig in der Mehrheit ist, kann
       natürlich die  Annahme einer  Entscheidung durchbringen,  mit der
       sie sicherlich  gewinnt. Aber  dies würde  ein Pyrrhussieg  sein.
       Solche "Siege"  schaden den Vereinten Nationen, sie unterminieren
       sie.
       Man sollte auch nicht vergessen, daß die Mehrheit bei der Abstim-
       mung über  diese oder  jene Frage  in den Vereinten Nationen eine
       wandelbare Sache ist und sich zum Nachteil jener ändern kann, die
       jetzt so  oft auf den Abstimmungsmechanismus setzen. Wie das rus-
       sische Sprichwort  sagt: "Was  du säst,  wirst du ernten", so ist
       die vernünftigste  und die am weitesten blickende Politik die der
       gemeinsamen Suche für allseits annehmbare Lösungen.
       Als der  Sicherheitsrat im Rahmen der Vereinten Nationen geschaf-
       fen wurde,  wurde seiner  Tätigkeit der Gedanke vereinbarter Ent-
       scheidungen zugrunde gelegt. Besondere Verantwortlichkeit für die
       Erhaltung des  Friedens wurde  den Großmächten  übertragen, deren
       Vertreter ständige  Mitglieder des Sicherheitsrates sind. Um Kom-
       plikationen in  den  internationalen  Beziehungen  zu  vermeiden,
       wurde als notwendig anerkannt, den Grundsatz der Einmütigkeit der
       Großmächte im  Sicherheitsrat zu  schaffen, was als das Vetorecht
       bezeichnet wird.
       Es gibt  manche, die  gegen das Veto plädieren. Aber wenn es kein
       Veto gibt,  wird es  keine internationale Organisation geben, sie
       wird auseinanderfallen.  Das Prinzip  des Veto macht es den Groß-
       mächten zur  Pflicht, solche  einmütigen Entscheidungen  in allen
       Fragen zu  treffen, die  eine Erörterung im Sicherheitsrat erfor-
       dern, wie  sie die  wirksame Erhaltung des Friedens gewährleisten
       würden. Es  ist besser,  einmütige Entscheidungen  der Großmächte
       anzustreben, als  internationale Streitfragen  durch Waffengewalt
       zu lösen.
       Ich habe versucht, offen eine Anzahl von Gedanken darzulegen, die
       die internationale  Lage, wie auch Ihre Auffassung von den Aufga-
       ben der  Vereinten Nationen  betreffen. Wir  sind sicher, daß die
       von uns  auf Anweisung  der sowjetischen Regierung unterbreiteten
       Vorschläge bei der Mehrheit der Bevölkerung aller Länder wie auch
       der Delegierten hier in diesem Saal Sympathie finden werden.
       Ich möchte den Delegierten der Generalversammlung versichern, daß
       die Vereinten Nationen in der Sowjetunion weiterhin den aktivsten
       Teilnehmer an  allen Bemühungen  haben werden,  die darauf  abge-
       stellt sind,  der Menschheit  die Last der Rüstung abzunehmen und
       den Frieden in der ganzen Welt zu festigen.
       (Text etwas gekürzt.)
       

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