Quelle: Blätter 1959 Heft 11 (November)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER REDE "WETTSTREIT DER VÖLKER IN FRIEDEN" DES
       ========================================================
       AMERIKANISCHEN AUSSENMINISTERS VOR DEM AMERIKANISCHEN
       =====================================================
       AUSSENHANDELSRAT
       ================
       
       'Konkurrenzkampf ist  die Seele  des Handels';  diese Devise  hat
       sich zu  allen Zeiten  bewährt. Heute stehen wir vor einer Bewäh-
       rungsprobe, wie sie keine Gemeinschaft jemals zuvor in einem sol-
       chen Umfang  zu bestehen  hatte: Es geht darum, Vorsorge zu tref-
       fen, daß  dieser Konkurrenzkampf  für die  Völker das  Leben  und
       nicht den Tod bedeutet.
       Daß dieses Problem heute dringender denn je ist, zeigen zwei Tat-
       sachen. Da  ist einmal eine revolutionäre Bewegung von großer und
       wachsender Stärke,  die den  gesamten internationalen  Wettstreit
       auf die  Frage des sozialen Fortbestehens auszurichten sucht. Und
       zum anderen stehen im Hintergrunde dieser Auseinandersetzung Mit-
       tel von ungeheurer Vernichtungskraft.
       Wie können wir einen solchen Konkurrenzkampf bestehen und gleich-
       zeitig sicherstellen,  daß er nicht in den Abgrund eines weltwei-
       ten Ruins gleitet? Ich möchte den zweiten Punkt zuerst behandeln.
       
       Grundregeln für den gemeinsamen Fortbestand
       -------------------------------------------
       
       Unsere Welt  sieht sich heute vor eine Frage gestellt, die an Be-
       deutung alles andere überragt, wie nämlich die mächtige Rivalität
       zwischen den  politischen Systemen im Verlauf der Geschichte ihre
       Lösung finden  kann, ohne daß es zu der Explosion eines thermonu-
       klearen Krieges kommt.
       Mehr als  einmal ist in den vergangenen Jahren eine solche Explo-
       sion ganz  unangenehm nahe gerückt - so in allerjüngster Zeit we-
       gen der Berlinfrage. Im vergangenen Sommer wurde es klar, daß die
       Sowjetunion trotz  ihrer Beteuerungen  des Gegenteils  immer noch
       auf Druckmittel zurückgriff, um Westberlin unter ihren Einfluß zu
       bringen.
       Damals entschloß  sich Präsident  Eisenhower aus  der Erkenntnis,
       daß sich  die Aussicht  auf den Frieden verdüsterte, den Kurs der
       Geschichte vom  Krieg hinweg auf einen beständigen Frieden hinzu-
       lenken. Zuerst einmal lud er Ministerpräsident Chrustschow zu ei-
       nem Besuch unseres Landes ein. Sie wissen, welche weiteren Zusam-
       mentreffen folgen sollen. Worin liegt nun ihre Bedeutung?
       Vorerst einmal ist das Element des Drucks in bezug auf Berlin von
       der Bildfläche  verschwunden; aber sonst gab es nur wenige greif-
       bare Resultate  des Chrustschow-Besuches  und man  konnte  solche
       auch nicht  erwarten. Ja, es ist sogar vielleicht besser so, denn
       rasche Erfolge  verleiten leicht  zu einer selbsttrügerischen Eu-
       phorie.
       Die wahre  Bedeutung der  Serie von  Konferenzen auf  hoher Ebene
       liegt darin,  daß sich vielleicht ein neues Verfahren des Mitein-
       ander-ins-Gespräch-Kommens   dadurch    entwickelt.   Ich    sage
       'vielleicht', weil nur die Zeit erweisen kann, ob wir gelernt ha-
       ben, etwas weniger aneinander vorbeizureden als in der Vergangen-
       heit und  stattdessen mit  einem größeren Verständnis für die ge-
       gensätzlichen Gesichtspunkte miteinander zu sprechen.
       Herr Chrustschow  hat erklärt,  daß es nötig sei, eine gemeinsame
       Sprache zu  entwickeln trotz des ideologischen Konfliktes, an dem
       er hartnäckig festhält. Viele werden dies nach all den Jahren der
       verwirrenden Doppelzüngigkeit kaum glauben können. Ich bin jedoch
       der Meinung, daß wir über bestimmte Lebensgrundlagen eine gemein-
       same Sprache  finden können,  weil wir  ein gemeinsames Interesse
       haben.
       Dieses Interesse  ist ganz einfach der alles beherrschende Wille,
       zu überleben, der bei freien Menschen und Kommunisten in gleicher
       Weise vorhanden ist. Ich glaube, daß die sowjetische Führerschaft
       jetzt zu  einem ähnlichen  Schluß kommt wie wir selbst - nämlich,
       daß beide  Seiten, wenn  nicht in  den Lauf der Ereignisse einge-
       griffen wird und zwar bald eingegriffen wird, vor dem untragbaren
       Risiko eines allgemeinen Atomkrieges stehen, der einem beidersei-
       tigen Selbstmord gleichkäme.
       Damit dürfte  das eine Gebiet, auf dem eine gemeinsame Sprache am
       besten gedeihen  kann, das der Grundregeln des großen Konkurrenz-
       kampfes sein,  der unsere Zeit bestimmt - einiger 'Spielregeln' -
       um diesen  Konkurrenzkampf innerhalb  der Grenzen  zu halten, die
       durch die  Erfordernisse für ein gemeinsames Fortbestehen gesetzt
       werden.
       Es müssen  solche Regeln  gefunden werden,  um die akuten politi-
       schen Fragen  abzukühlen, die  sich zur  Zeit nicht  völlig lösen
       lassen, und den sich hochschraubenden Rüstungswettlauf unter Kon-
       trolle zu  bringen, der  durch diese  Probleme angetrieben  wird.
       Darin liegt  die Hauptaufgabe  der Verhandlungen in den kommenden
       Monaten und vielleicht auch Jahren.
       Es gibt  andere Gebiete, auf denen eine gemeinsame Sprache Wurzel
       schlagen und  dadurch den zugrundeliegenden Konflikt bis zu einem
       gewissen Grade  mildern kann.  Gemeinsame Interessen  auf dem Ge-
       biete der  Kunst und der Wissenschaften, gemeinsame Interessen an
       den Grundvoraussetzungen  des menschlichen  Wohlergehens und  des
       alltäglichen menschlichen Lebens werden zur Zeit durch viele ver-
       schiedene Austauschprojekte  gefördert und wir sind bereit, diese
       Projekte in  dem Maße  zu erweitern,  wie die Russen ein gleiches
       tun. Auf diesen Gebieten finden wir sogar Wege, um den Wettstreit
       in eine  Zusammenarbeit zu  verwandeln, zum Beispiel durch solche
       gemeinsame Unternehmen  wie das  internationale  Geophysikalische
       Jahr. Wir sollten keine echte Chance auslassen, um das Gebiet der
       Zusammenarbeit zu erweitern.
       Der Wettstreit  wird weiterhin hart und rauh bleiben, trotz aller
       Grundregeln und  Austauschprojekte. Herr  Chrustschow läßt keinen
       Zweifel an  diesen letztlichen Zielen, und wir können mit Sicher-
       heit erwarten,  daß viele verschiedene Formen von Lockmitteln und
       Druckmitteln in allen Teilen der freien Welt zur Anwendung kommen
       werden -  von wachsender industrieller Macht gestützt und zur An-
       stiftung von  Verwirrung, Subversion und zur Ergreifung der Macht
       bestimmt. Die  Notwendigkeit, beide  Fakten fest  in den Griff zu
       bekommen -  die Notwendigkeit  zu gemeinsamen Grundregeln und der
       aggressive Wettstreit - werden unsere politische Reife als Nation
       auf eine harte Probe stellen.
       Es war  viel einfacher,  als wir  noch in dem Schwarz-Weiß-Schema
       der glatten  Konfrontation mit  einem hundert  Prozent  feindlich
       eingestellten Kommunismus  denken konnten.  Selbst heute  noch  -
       obwohl der derzeitige Rüstungswettlauf unbeschreiblich gefährlich
       ist -  scheint es  viel einfacher  zu sein, auf dem gewohnten Weg
       weiter fortzuschreiten, als zu versuchen, Neuland zu betreten.
       So wird es denn noch auf lange Zeit hinaus großen Mutes und star-
       ker Nerven  bedürfen, um eine neue Beziehung zwischen den antago-
       nistischen Systemen  aufzubauen. Dies  muß jedoch geschehen, wenn
       die Zivilisation  fortbestehen soll. Es geht um nichts geringeres
       als um  dieses gewaltige  und langfristige  Projekt, an  dem  wir
       jetzt arbeiten.
       
       Wie den Konkurrenzkampf bestehen?
       ---------------------------------
       
       Ich wende  mich nun  dem anderen  Teil meiner  anfangs gestellten
       Frage zu:  Wie können  wir, während wir uns gemeinsam des Krieges
       enthalten, den  rücksichtslosesten Konkurrenzkampf  bestehen, den
       die Welt je gesehen hat?
       Er wird  unsere rastlosesten,  hingebungsvollsten und hartnäckig-
       sten  Anstrengungen  erfordern.  Nichts  könnte  verhängnisvoller
       sein, als  ein Nachlassen der Spannungen mit einem Nachlassen der
       eigenen Anspannungen  zu verwechseln, und eine der ernsthaftesten
       vor uns  liegenden Gefahren  besteht darin, daß man versucht sein
       wird, genau das zu tun.
       Aufmerksame Besucher der Sowjetunion haben den Eifer bemerkt, mit
       den Vereinigten  Staaten 'gleichzuziehen'. Wir werden in dem Kon-
       kurrenzkampf mit  den Sowjets nicht gut fahren, wenn wir es ihrem
       mitreißenden Erfolgsstreben nicht gleichtun.
       Die gemeinsame Anstrengung wird auch weiterhin und möglicherweise
       immer größere  Anforderungen an unsere Finanzen, unser Wissen und
       unsere Geduld  stellen. Vor  allem wird sie eine weit größere Be-
       teiligung und Unterstützung durch die große Mehrheit aller Ameri-
       kaner erfordern. Es genügt nicht, daß wir unsere Steuern bezahlen
       und alles  übrige 'den Männern in Washington' überlassen. Die Sa-
       che des Friedens und der Freiheit ist zu wichtig, als daß sie ei-
       nigen wenigen überlassen werden kann.
       Wir haben  uns in  jüngster Zeit, so glaube ich, viel zu sehr dem
       Genuß eines Wohllebens hinter unserem Verteidigungsschirm der nu-
       klearen Waffen  hingegeben. Wir müssen uns stattdessen darüber im
       klaren sein,  daß der schicksalhafte Konkurrenzkampf mit dem Kom-
       munismus die Kraft und das Interesse von uns allen in allererster
       Linie in  Anspruch nehmen muß. Dies bedeutet die Unterordnung un-
       serer privaten  Interessen unter  das überragende öffentliche In-
       teresse, es  bedeutet ferner,  daß wir  unsere Wirtschaft weniger
       für Dinge  einsetzen, die nicht so wichtig sind, und mehr für die
       Dinge, die  wirklich zählen  - für  die Dinge,  die unseren Geist
       schulen und  bilden, die die Gesundheit unseres Gemeinwesens för-
       dern und die unser Land frei halten.
       Unser größter  Vorteil in  der weltweiten Auseinandersetzung ist,
       daß wir  nicht allein  sind. Zahlreiche  Länder stehen mit ganzem
       Herzen und voller Zuversicht an unserer Seite. Zahlreiche weitere
       fühlen sich  im Geiste  mit uns verbunden, auch wenn sie es nicht
       zum Ausdruck bringen dürfen.
       Eines der  erfreulichsten Zeichen  der letzten Jahre war das Wie-
       dererstehen  der  wirtschaftlichen  Stärke  unserer  Partner  der
       freien Welt  in Westeuropa und Japan. Sie sind jetzt in der Lage,
       ihren Völkern die Aussicht auf ein kontinuierliches wirtschaftli-
       ches Wachstum und auf einen anhaltend hohen Stand der wirtschaft-
       lichen Aktivität  zu bieten.  Damit beweisen sie die fortdauernde
       Lebenskraft freier Gesellschaften.
       Unser gegenwärtiges  Problem des  Zahlungsausgleichs ist zum Teil
       auf die  zunehmende Wiedergesundung  der freien Welt zurückzufüh-
       ren. Wir möchten diesem Problem durch Maßnahmen begegnen, die den
       Welthandel fördern  statt ihn  zu beschränken. Ich bin fest davon
       überzeugt, daß  wir dies in dem Maße erreichen können, wie andere
       freie Industrieländer  die volle  Rolle übernehmen, die ihre Wie-
       dergesundung gestattet.  Diese Länder  haben es nicht mehr nötig,
       für die  alltäglichen wirtschaftlichen  Projekte in  erster Linie
       auf unsere  Unterstützung zu  rechnen. Sie  sind vielmehr  in der
       Lage -  und ich glaube auch dazu bereit - in immer stärkerem Maße
       an der  gemeinsamen Sache  der Liberalisierung und Ausweitung des
       Handels teilzunehmen und den Entwicklungsländern dabei zu helfen,
       den Weg zu Gesundheit, Wachstum und Stabilität zu finden.
       Im vergangenen  Jahr hatten die Vereinigten Staaten auf Grund ih-
       rer wirtschaftlichen  Transaktionen mit anderen Ländern ein Defi-
       zit in  ihrer Zahlungsbilanz, das sich - gemessen an dem Transfer
       von Gold  und liquiden  Dollarguthaben nach anderen Ländern - auf
       etwa 3,4 Milliarden Dollar belief. Dieses Jahr können wir mit ei-
       nem Defizit von etwa vier Milliarden Dollar rechnen. Defizite von
       solcher Größenordnung liegen - wie dieser Zuhörerkreis weiß - we-
       sentlich über  denen in  früheren Jahren. Sie erfordern ganz ein-
       deutig unsere Aufmerksamkeit und dürfen natürlich nicht auf unbe-
       grenzte Zeit andauern.
       Der Grund  für das  derzeitige Defizit  ist ganz einfach darin zu
       sehen: Während die Vereinigten Staaten zur Zeit zwar bei der Aus-
       fuhr von Gütern und Dienstleistungen einen Überschuß von etwa 3,5
       Milliarden Dollar  aufzuweisen haben,  ist dieser  Überschuß doch
       nicht groß genug, um die Zahlungen der Vereinigten Staaten an die
       übrige Welt  zur Erhaltung  einer starken Verteidigung im Ausland
       auszugleichen, den  privaten Investitionen  einen Anreiz zu geben
       und die  Entwicklung der weniger entwickelten Gebiete zu fördern.
       Die militärischen  Ausgaben der  Vereinigten Staaten im Ausland -
       das heißt,  die durch die Stationierung amerikanischer Truppen in
       anderen  Ländern  entstehenden  Ausgaben  -  betragen  rund  drei
       Milliarden Dollar  pro Jahr;  die nichtrückzahlbaren Zuwendungen,
       Kredite und  anderweitige Kapitalbereitstellungen  der Regierung,
       die zu  einem großen  Teil zu einer Ausweitung des amerikanischen
       Exports beitragen,  belaufen sich  auf etwa 2,5 Milliarden Dollar
       pro Jahr;  und der Abfluß privaten Kapitals für Investitionen be-
       trägt rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr.
       Das Problem besteht darin, dafür zu sorgen, daß das Defizit durch
       Mittel verringert  wird, die  den Welthandel  ausweiten und nicht
       beschränken -  durch Mittel  und Wege also, die den wirtschaftli-
       chen Wettstreit  und den  Fluß des  Entwicklungskapitals fördern,
       Statt ihn zu behindern.
       Wenn diese  Methode Erfolg  haben soll,  dann müssen  die anderen
       Länder, insbesondere  Westeuropa und  Japan, Maßnahmen ergreifen,
       um ihre  Tür den  amerikanischen Exporten  zu öffnen und den ent-
       wicklungshungrigen Nationen in Asien, Afrika, dem nahen Osten und
       Lateinamerika zusätzliches Kapital zur Verfügung zu stellen.
       Auf den  kürzlichen Konferenzen des internationalen Währungsfonds
       und des  allgemeinen Zoll-  und Handelsabkommens (GATT) haben die
       Vereinigten Staaten die Abschaffung der diskriminierenden Bestim-
       mungen gefordert,  die viele  Länder in früheren Jahren gegenüber
       amerikanischen Exporten  aufrechtzuerhalten gezwungen  waren, die
       jetzt aber  nicht mehr  länger notwendig  sind. Unsere  Forderung
       fand auf  allen Seiten  zufriedenstellende Unterstützung.  Sowohl
       die Institution  des Währungsfonds als auch des GATT konnten sich
       der Ansicht nicht verschließen, daß die diskriminierenden Bestim-
       mungen aus  Gründen des Zahlungsausgleichs nicht mehr länger all-
       gemein zu rechtfertigen sind, und zahlreiche Länder haben Maßnah-
       men zur Beseitigung der Diskriminierungen ergriffen.
       Erst vor  einigen Tagen  haben Großbritannien und Frankreich wei-
       tere wichtige Schritte zur Beseitigung diskriminierender Restrik-
       tionen bekannt  gegeben, die zahlreiche amerikanische Exportgüter
       betreffen. Wir  erwarten weitere  schnelle Fortschritte,  so  daß
       alle bedeutenden  diskriminierenden Restriktionen, die sich gegen
       amerikanische Güter richten, schon in sehr naher Zukunft ein Ende
       haben werden.
       Die übrigen Industrieländer haben immer mehr die Möglichkeit, die
       Entwicklung der  freien Welt zu fördern - nicht nur durch den Ex-
       port von  Gütern, sondern auch dadurch, daß sie in stärkerem Maße
       diese Güter  finanzieren und  zwar zu Bedingungen, die den Forde-
       rungen der  weniger entwickelten  Gebiete mehr  entsprechen.  Ein
       Weg, über  den dieses Ziel erreicht werden kann, ist die interna-
       tionale Entwicklungsgesellschaft.
       Die Vereinigten  Staaten haben  im vergangenen  September auf der
       Jahrestagung der  Weltbank eine  Resolution vorgeschlagen, in der
       die Formulierung  von Satzungen  für diese Gesellschaft gefordert
       wird. Diese  Resolution wurde  einstimmig angenommen. Die Absicht
       ist, bei  den Mitgliedern der Weltbank Mittel zu mobilisieren und
       diese Mittel  dann den weniger entwickelten Gebieten zu Bedingun-
       gen zur  Verfügung zu stellen, die ihre Zahlungsbilanz wesentlich
       weniger belasten als Kredite der Weltbank.
       In der  internationalen Entwicklungsgesellschaft  würden die  von
       den Vereinigten  Staaten gezeichneten  Beträge von  den  gesamten
       Zeichnungen der  anderen Industrieländer mehr als aufgewogen wer-
       den. Auf  Grund ihrer  engen Bindungen  zu der  Weltbank wird die
       Entwicklungsgesellschaft von  der befähigten  und erfahrenen Lei-
       tung dieser  Bank verwaltet  werden und wird so arbeiten, daß sie
       gesunde Finanzpraktiken  unterstützt und das private Unternehmer-
       tum fördert.  Wir sind der Ansicht, daß - wie der Präsident es im
       September sagte  - keine  andere Institution  dem  Bedürfnis  der
       freien Welt nach einer multilateralen Behandlung des Problems der
       Beschleunigung der Entwicklung in so wirksamer Weise gerecht wer-
       den kann wie die internationale Entwicklungsgesellschaft.
       Wie viele von Ihnen wissen, hat man seitens unseres Entwicklungs-
       anleihefonds kürzlich  die Absicht bekanntgegeben, in Zukunft den
       Hauptnachdruck; auf  die Gewährung  von Anleihen  an die Entwick-
       lungsländer zum  Ankauf von  Waren und Dienstleistungen zu legen,
       die sie bei den Vereinigten Staaten bestellen. Diese Entscheidung
       wurde aus dem Wissen heraus getroffen, daß die anderen Industrie-
       länder, die  den aufstrebenden Ländern Kapitalgüter zur Verfügung
       stellen, jetzt  in der Lage sind, ihrerseits auch für die notwen-
       dige Finanzierung  dieser Exporte aufzukommen. Diese neue Politik
       des Entwicklungsanleihefonds  wird natürlich mit Vorsicht und un-
       ter Berücksichtigung aller Bedürfnisse der Entwicklungsländer an-
       gewandt werden.
       Die weltweite Beschaffungspolitik des US-Amtes für Internationale
       Zusammenarbeit wie auch die Finanzpolitik der übrigen Dienststel-
       len der  amerikanischen  Regierung  unterliegen  einer  ständigen
       Überprüfung. Eine solche Überprüfung ist soeben erst beendet wor-
       den.
       Man muß erkennen, daß beträchtliche Unterschiede zwischen der vom
       US-Amt für  Internationale Zusammenarbeit  (ICA) und der vom Ent-
       wicklungsanleihefonds (DLF)  gewährten Hilfe  bestehen. Über  die
       ICA suchen wir in erster Linie die Volkswirtschaften, die schwere
       militärische Lasten  für die Verteidigung der freien Welt zu tra-
       gen haben,  wirtschaftlich zu  stärken und  stellen wir vor allem
       Verbrauchsgüter wie  Lebensmittel, Düngemittel,  Brennstoffe  und
       ähnliches zur  Verfügung. Die  Finanzierung eines  großen  Teiles
       dieser Güter  erfolgt auf  der Basis nichtrückzahlbarer Zuwendun-
       gen. Manche  dieser Güter werden aus weniger entwickelten Ländern
       beschafft, und  durch solche  Beschaffungskäufe erfährt die wirt-
       schaftliche Entwicklung dieser Länder die notwendige Förderung.
       Kurz gesagt,  die Bedingungen,  unter denen die ICA arbeitet, un-
       terscheiden sich  ganz allgemein  von denen, die für den DLF gel-
       ten. Daher beabsichtigen wir auch im Augenblick nicht, in der Be-
       schaffungspolitik der  ICA grundlegende  Änderungen  vorzunehmen.
       Wir sind  uns jedoch  darüber im  klaren, daß  es erwünscht  ist,
       weitmöglichst von  der ICA die Unterstützung auf den DLF zu über-
       tragen, die  die ICA in Form von Beiträgen zu bestimmten Entwick-
       lungsprojekten gewährt.  Wir beabsichtigen,  in  dieser  Richtung
       weiter zu  gehen. Die  so überstellten  Projekte würden dann nach
       den neuen Verfahren des DLF finanziert werden.
       Ein weiterer  wichtiger Grund,  der für die Beibehaltung der der-
       zeitigen Beschaffungspolitik  der ICA  spricht, ist die Tatsache,
       daß die  ICA auf  die Förderung  der privaten  Unternehmen in den
       Empfängerländern hinarbeitet  und dies  bisher erfolgreich  getan
       hat. Die  betreffenden Güter werden von Geschäftsleuten auf einer
       Wettbewerbsbasis angekauft  und weiterverkauft.  Dies wäre  nicht
       möglich, wenn sie gehalten wären, zu höheren als Weltmarktpreisen
       zu kaufen.  Eine Änderung in der Handhabung der Beschaffungskäufe
       seitens der  ICA würde  auf der  anderen Seite  bedingen, daß die
       Verteilung unserer Hilfe von privaten Unternehmen auf Regierungs-
       stellen übergehen und damit Unserem Bemühen direkt entgegenlaufen
       würde, die  Gründung freier  privater Unternehmen in den Entwick-
       lungsländern zu fördern.
       Die letzten  Monate brachten Anzeichen einer Besserung des ameri-
       kanischen Exports. Wir hoffen, daß diese Tendenz anhalten und daß
       sie zu einer Besserung unserer gesamten Zahlungsbilanz im kommen-
       den Jahr  führen wird.  Wir werden natürlich unsere wirtschaftli-
       chen Programme  auch weiterhin im Hinblick auf die Zahlungsbilanz
       überprüfen; aber ich kann Ihnen versichern, daß keine Absicht be-
       steht, von  der grundlegenden  liberalen Handelspolitik  Amerikas
       abzugehen oder  Lösungen vorzuschlagen,  durch die  die Verteidi-
       gungsstärke oder  die wirtschaftliche Stärke der freien Welt ins-
       gesamt geschwächt  werden würde.  Wir müssen  Lösungen für unsere
       Probleme durch  eine Expansion  und nicht  durch  Einschränkungen
       finden. Durch Zusammenarbeit mit unseren Freunden und Verbündeten
       werden wir  bei diesen  Bemühungen Erfolg  haben; und im weiteren
       Verlauf werden  wir dann  eine stärkere,  besser ausgewogene  und
       blühendere freie Welt für alle aufbauen.
       Ministerpräsident Chrustschow  sieht die  Zukunft als  den  Wett-
       streit zwischen  rivalisierenden Gesellschaftssystemen  durch an-
       dere Mittel  als die  des Krieges.  Wir Amerikaner  begrüßen  den
       Wettstreit und  wir sind  bereit, gemeinsam mit ihm nach Wegen zu
       suchen, um ihn mit Sicherheit friedlich zu gestalten.
       Aber vielleicht  wird Herr  Chrustschow dem  zustimmen, daß jeder
       von uns  das Recht  hat, die Zukunft nach seiner eigenen Weise zu
       sehen. Wir  in den Vereinigten Staaten glauben, daß wir gemeinsam
       mit Millionen  unserer Mitmenschen  in Ost  und West ein Bild der
       Zukunft haben,  das sich  von dem  seinen unterscheidet. Wie ver-
       schiedenartig wir auch in bezug auf unseren Glauben, unsere Rasse
       und Kultur  sein mögen, so sind wir doch darin einig, daß wir ge-
       rade diese  Verschiedenheit begrüßen. Wir glauben an die von Gott
       geschaffene Vielfalt des Menschen und seiner Zukunft.
       Von unserem  Gesichtspunkt aus  handelt es  sich daher  nicht  um
       einen Wettkampf zweier uniformer, wenn auch entgegengesetzter Ge-
       sellschaftssysteme. Es  geht vielmehr um die Entscheidung, ob die
       großen Probleme  unseres Zeitalters  besser in einer freien Viel-
       falt zusammenwirkender Methoden oder durch die eine und völlig in
       sich geschlossene  - monolithische-Methode des Kommunismus gelöst
       werden können.
       Daher würde  ich die  zu lösende  Aufgabe anders  sehen als  Herr
       Chrustschow. Aber ich möchte ihm darin zustimmen, daß sie überaus
       dringend ist. Sie erfordert all die Opferbereitschaft und all die
       Hingabe, die  Sie und  ich und  alle gleichgesinnten  Männer  und
       Frauen in den vor uns liegenden Jahren aufbringen können.
       Wenn wir  also jetzt in eine Ära eintreten, die vielleicht einmal
       eine Ära  des Wettstreites in Frieden wird, dann liegt die Haupt-
       quelle unserer Stärke nicht in materiellen Dingen, sondern in un-
       serem Glauben an die Freiheit. Die Kommunisten bringen immer wie-
       der ihr  Bekenntnis zu  dem Glauben  an  ihr  System  und  seinen
       schließlichen Sieg  zum Ausdruck. Wir müssen ihrem Bekenntnis mit
       dem Glauben  an und  der Treue zu unseren eigenen Grundsätzen ge-
       genübertreten -  einem Glauben und einer Treue, die aus dem Jahr-
       tausende alten Streben der Menschheit nach Freiheit herrühren.
       Gegenüber dem  marxistischen Materialismus  treten wir  für einen
       universellen Humanismus  ein, der  den Nachdruck auf die geistige
       Natur des  Menschen legt, ohne seine physischen Bedürfnisse außer
       acht zu  lassen. Wir  lehnen den  Materialismus als  Hauptgestal-
       tungskraft des  menschlichen Seins ab, ob er nun im wirtschaftli-
       chen Determinismus,  in der  Staatsvollmacht oder  in irgendeinem
       anderen, dem  Individuum von außen aufgezwungenen System zum Aus-
       druck kommt. Wir glauben, daß die wahre dynamische Kraft des men-
       schlichen Lebens die innere geistige Kraft ist, die in einem Kos-
       mos sich  entfaltet, der  von göttlicher  Macht, Gesetz und Zweck
       bestimmt wird.
       Unsere Hauptsorge  ist nicht,  daß die  Sowjets versuchen, uns in
       der Schweine-, Milch- oder auch Stahlproduktion auszustechen. Wir
       freuen uns an ihrem Fortschritt, insoweit er zur Verbesserung des
       menschlichen Lebens und zum Frieden beiträgt.
       Was wir  dagegen am meisten fürchten, ist der Verlust unseres ei-
       genen Zukunftsbildes und des Bewußtseins unserer Bestimmung - un-
       seres Glaubens an die schließliche Ausbreitung der demokratischen
       Freiheit auf  alle Völker  unseres Planeten.  Wir sollten  hieran
       einen so tiefen und starken Glauben haben, wie ihn der gläubigste
       Jünger des Kommunismus besitzt. Wir sollten vor allem aber diesen
       Glauben durch die Tat unter Beweis stellen.
       Die Freiheit gedeiht im Wettstreit, wir brauchen daher nicht etwa
       mit Schrecken  an die  vor uns liegende Zeit zu denken. Wir haben
       kein vollkommenes  und einer  weiteren Entwicklung  nicht fähiges
       System. Amerika  ist noch  im Werden. Die verheißungsvollste Auf-
       gabe liegt  noch vor  uns. An  diese Aufgabe mit Mut-ja mit einer
       nicht zu erschütternden Hoffnung - heranzugehen, heißt den Tradi-
       tionen sich treu erweisen, die Amerika groß gemacht haben.
       

       zurück