Quelle: Blätter 1959 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       SCHRIFTWECHSEL ZWISCHEN DEM BUNDESLUFTSCHUTZVERBAND,
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       ORTSSTELLE WUPPERTAL, UND FRAU PROF. RIEMECK
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       Bundesluftschutzverband                Wuppertal, den 27.10.1959
       Ortsstelle Wuppertal                   Friedrich-Engels-Allee 317
       
       Sehr geehrte Frau Professor Riemeck!
       Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß der Bundesrat am 6.9.1957
       das "Erste Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung"
       gebilligt und verabschiedet hat.
       Auf Grund  dieses "Ersten  Gesetzes" erwachsen  dem  Hausbesitzer
       demnächst wichtige  Pflichten, die im eigenen Interesse zu beach-
       ten sind.
       Der Bundesluftschutzverband weist darauf hin, daß die Aufgabe für
       den Hauseigentümer  wesentlich erleichtert  werden kann,  wenn er
       für seine  Gebäude Männer und Frauen benennt, die seines Vertrau-
       ens würdig  und bereit  sind, etwa  anfallende Luftschutz-Selbst-
       schutz-Interessen wahrzunehmen,  sofern Sie  es nicht  vorziehen,
       diese Selbstschutz-Interessen selbst wahrzunehmen.
       Eine zuverlässige Person jetzt schon durch eigene Initiative vor-
       zuschlagen, ist sicherlich angenehmer für Sie, als einen Nichtge-
       wünschten später durch einen Hausfremden bestimmen zu lassen.
       Es dürfte  daher im  Interesse des gesamten Hausbesitzes von Wup-
       pertal sein,  die Verbindung mit dem Bundesluftschutzverband auf-
       zunehmen. Füllen Sie den beigefügten Vordruck aus oder lassen ihn
       unterschreiben und senden ihn mit dem beigefügten Freiumschlag an
       die Ortsstelle zurück.
       Ortsstellenleiter (Name)
       
       An den Bundesluftschutzverband
       Ortsstelle Wuppertal
       
       Sehr geehrter Herr Ortsstellenleiter!
       Ich bestätige  Ihnen hierdurch  den Eingang  Ihres Schreibens vom
       27. ds.  M. Es  wird Ihnen  gewiß nicht  unbekannt sein,  daß man
       nicht einmal Pazifist zu sein braucht, um den Luftschutz im Atom-
       zeitalter als  Anachronismus zu  betrachten; denn  wie Sie wissen
       werden, hat  das britische  Verteidigungsministerium es in ehrli-
       chem  Eingeständnis  der  tatsächlichen  Verhältnisse  abgelehnt,
       Luftschutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung zu treffen.
       Ich unterscheide mich von dem Herrn britischen Verteidigungsmini-
       ster allerdings  grundsätzlich dadurch,  daß ich jede Einrichtung
       ablehne, die  den Krieg als solchen überhaupt noch in den Bereich
       des Möglichen einbeziehen will.
       Schon der zweite Weltkrieg hat die ganze Ohnmacht des sogenannten
       "Luftschutzes" erwiesen. Ich habe damals mein Leben und das ande-
       rer Menschen  nur retten können, weil ich bei Bombenangriffen den
       Anweisungen des unseligen "Reichsluftschutzbundes" und seiner Be-
       auftragten keine  Folge leistete,  sondern ihnen  genau  entgegen
       handelte.
       In einem  Wiederaufleben des  "Luftschutzes" kann ich keinen Sinn
       sehen. Ich muß es ablehnen, mich an seinen Bestrebungen zu betei-
       ligen, weil  ich darin  die Gefahr sehe, daß sich die Bevölkerung
       durch das  Wort "Schutz" falsche Vorstellungen über die wahre Na-
       tur eines  atomaren Krieges macht und die Toten von Hiroshima und
       Nagasaki vergißt.
       Es gibt  keinen Schutz  der Zivilbevölkerung  mehr und erst recht
       keinen "Luftschutz".  Es gibt  nur das  eine: Kriege dürfen über-
       haupt nicht mehr in Erwägung gezogen werden.
       Übrigens bin  ich kein  "Hauseigentümer", und  insofern haben Sie
       sich an die falsche Adresse gewandt. Aber selbst wenn ich ein ei-
       genes Haus  besäße, und  nicht nur  eine Wohnung, so würde mir an
       ihm nichts  mehr liegen,  wenn der Ernstfall für Ihren Luftschutz
       je eintritt.
       Nehmen Sie  also, bitte,  zur Kenntnis,  daß ich weder jetzt noch
       später bereit bin, irgendwelche "Luftschutzinteressen" wahrzuneh-
       men. Meine  Interessen gelten  ausschließlich dem Frieden und der
       Abrüstung.
       gez. Prof. Dr. Renate Riemeck
       

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