Quelle: Blätter 1959 Heft 11 (November)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       WORTLAUT DER ERKLÄRUNG VON 37 PROFESSOREN
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       AN DIE DEUTSCHE ÖFFENTLICHKEIT
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       Aus Gründen  der politischen  Vernunft und im Interesse des deut-
       schen Volkes  erachten wir  es für notwendig, folgendes zu erklä-
       ren:
       Wir stehen  am Beginn  einer neuen Ära der internationalen Bezie-
       hungen. Seit der Genfer Außenministerkonferenz und dem Besuch des
       sowjetischen Ministerpräsidenten  in den  USA vollzieht sich eine
       grundlegende Änderung in der Weltpolitik. In einer Reihe von Kon-
       ferenzen wird  man in  naher Zukunft  nach Vereinbarungen suchen,
       die die  gefährlichen  Spannungen  im  Schatten  des  allgemeinen
       Wettrüstens beseitigen oder wenigstens eindämmen sollen.
       Die mächtigsten  Verbündeten der  Bundesrepublik, die Vereinigten
       Staaten und  Großbritannien, haben  sich entschlossen,  gegenüber
       der Sowjetunion  eine elastischere,  verhandlungsbereite  Politik
       einzuleiten.
       Durch diese Entwicklung sind die Grundlagen der bisherigen Außen-
       politik unseres  Landes vollends  erschüttert worden. Es ist des-
       halb nicht  nur falsch, sondern gefährlich, davon auszugehen, daß
       sich im  Grundsätzlichen nichts  zu ändern brauche und alles beim
       alten bleiben  könne. Eine  Neuorientierung der deutschen Politik
       ist dringend  geboten. Aber die mannigfachen Vorschläge und Anre-
       gungen, die im Laufe dieses Jahres aus allen politischen Parteien
       und aus  Kreisen der  deutschen Öffentlichkeit gemacht wurden, um
       Wege zu  einer neuen positiven Außenpolitik aufzuweisen, sind un-
       beachtet geblieben.
       Dieses und  der Tatbestand,  daß seit  anderthalb Jahren, nämlich
       seit dem verhängnisvollen Atomrüstungsbeschluß vom 25. März 1958,
       keine außenpolitische  Grundsatzdebatte mehr stattfand, muß jeden
       mit Besorgnis  erfüllen, der  nach dem Zusammenbruch von 1945 auf
       die Verwirklichung freiheitlich demokratischer Grundsätze gehofft
       hatte.
       Das deutsche  Volk muß heute einen entscheidenden Schritt zur Be-
       friedung Europas  und der  Welt tun. Statt dessen beobachten wir,
       daß die  Aufnahme diplomatischer  Beziehungen verweigert, gleich-
       zeitig aber  die Aufrüstung  der Bundeswehr verstärkt fortgesetzt
       wird. In unseren westlichen und östlichen Nachbarländern vermerkt
       man mit zunehmendem Mißtrauen das Auftreten einiger Vertriebenen-
       Politiker, die  ihre Gebietsforderungen  mit gefährlichen Maximen
       verbinden.
       Wir dürfen an unserem Verzicht auf Gewaltanwendung und an unserem
       Willen zur  friedlichen Verständigung  mit allen  Völkern  keinen
       Zweifel lassen.  Worte genügen nicht. Taten zählen. Unsere Außen-
       politik muß  dem Rechnung  tragen. Sie muß folgerichtig, klar und
       vertrauenerweckend sein.  Insbesondere muß  die Lösung  der deut-
       schen Frage neu durchdacht werden. Die Politik, die einzuschlagen
       wäre, muß  daher die  Bemühungen um eine allgemeine kontrollierte
       Abrüstung wirksam  unterstützen, indem die atomare Bewaffnung der
       Bundeswehr eingestellt wird und Verhandlungen über eine militäri-
       sche Entspannungszone in Europa geführt werden.
       Sie muß unseren Friedenswillen durch die Herstellung normaler di-
       plomatischer Beziehungen zu den östlichen Nachbarländern bekunden
       und die sogenannte "Hallstein-Doktrin" endlich aufgeben.
       Eine Fortsetzung  des bisherigen  Regierungskurses  bringt  unser
       Land in  eine unheilvolle  Lage und  macht eine friedliche Lösung
       des deutschen  Problems unmöglich. Ein deutscher Beitrag zur Ent-
       spannung und  Abrüstung ist unentbehrlich. Er kann für unser Volk
       nur von Nutzen sein.
       
       Die Unterzeichner:
       Prof. Dr.  Otto Bauernfeind,  Tübingen - Prof. Wilhelm Brockhaus,
       Wuppertal -  Prof. Dr.-Ing. Hermann Craemer, Fischerhude/Bremen -
       Prof. Georg  Dehn, München  - Prof.  D. Hermann  Diem, Tübingen -
       Prof. Dr.-Ing.  Dr.-Ing. e.h.  Richard Döcker,  Stuttgart - Prof.
       Dr. Ernst  Fraenkel, Frankfurt - Prof. Gerhard Gollwitzer, Stutt-
       gart -  Prof. Dr.  Kurt Groebe,  Hamburg - Prof. Johannes Harder,
       Wuppertal - Prof. D. Adolf Hertlein, München - Prof. Dr. Karl Hö-
       fer, Schlüchtern  - Prof.  Dr. Dr.  h.c. Georg Hohmann, München -
       Prof. D.  Renatus Hupfeld, Heidelberg - Prof. Dr. Ing. K. Kammül-
       ler, Karlsruhe  - Prof.  Dr. Ing. Adolf Koenig, Karlsruhe - Prof.
       Wilhelm Kraus,  Karlsruhe -  Prof. Lic.  Dr. Wilhelm Löw, Mainz -
       Prof. Ewald  Mataré, Neuß - Prof. Hans Meyboden, Freiburg - Prof.
       Dr. A.  Pickhan, Berlin-Charlottenburg  - Prof.  Dr. Hans  Rhein-
       felder, München  - Prof.  Dr. Renate  Riemeck, Wuppertal  - Prof.
       Ernst Röttger,  Kassel -  Prof. Dr.  Fr. Schuh,  Erlangen - Prof.
       Adolf Schwenk,  Wuppertal - Prof. Dr. H.F. Secker, Füssen - Prof.
       Dr. Michael Seidlmayer, Würzburg - Prof. Aloys Stockmann, Bamberg
       - Prof.  D. Dr.  Stoevesandt, Bremen  - Prof.  Dr.  Ludwig  Stoß,
       Aschaffenburg -  Prof. D.  Hermann Strathmann,  Erlangen -  Prof.
       Otto Walger,  Karlsruhe -  Prof. D. Ernst Wolf, Göttingen - Prof.
       Dr. Karl Wörle, Ansbach - Prof. Dr. Konrat Ziegler, Göttingen.
       

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