Quelle: Blätter 1959 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUFRÜSTUNG
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       Die ausschlaggebende Rolle
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       Aber wollt  ihr das  Pikanteste an  der Geschichte wissen? Es be-
       steht darin,  daß die ausschlaggebende Rolle bei der Organisation
       der antisowjetischen  Verteidigung in  Kürze Deutschland zufallen
       soll. Bonn weiß das Versagen anderer wunderbar auszunützen. Mini-
       ster Strauß  schickt sich  also an, für einen seiner Generale das
       Oberkommando der  Armeegruppe Nord  zu verlangen, das gegenwärtig
       der Engländer  Sir James  Cassels hat. Strauß hat ein gewichtiges
       Argument zur Unterstützung. Die britischen Aufgebote jenseits des
       Rheins zählen nur 55 000 Mann. Wir können infolgedessen erwarten,
       daß bald  ein ehemaliger  Offizier  des  Führers  im  Vordergrund
       glänzt.
       L'Aurore (Paris), vgl. Frankfurter Rundschau vom 28.11.1959.
       
       Bonn soll Atomwaffen bauen
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       Der Verteidigungsausschuß der Westeuropäischen Union hat die Auf-
       hebung einiger  der der  Bundesrepublik  auferlegten  Rüstungsbe-
       schränkungen gefordert.  Ein entsprechender  Plan wurde  dem WEU-
       Parlament in  Paris vorgelegt.  Er muß  vom Rat der WEU in Zusam-
       menarbeit mit  der Nato  genehmigt werden.  Seine  Verwirklichung
       würde bedeuten,  daß die  Bundesrepublik in  die Entwicklung  und
       Produktion atomarer Waffen eingeschaltet wird.
       Deutsche Zeitung vom 3.12.1959.
       
       Protest gegen Lieferung von Atomwaffen an Bonn
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       Achtzig Labourabgeordnete, nahezu ein Drittel der sozialistischen
       Unterhausfraktion, haben  einen Antrag  unterzeichnet "gegen  die
       Belieferung Westdeutschlands  mit taktischen Atomwaffen und fern-
       gelenkten  Raketengeschossen   mit  nuklearer   Verwendungsfähig-
       keit"... In  dem Unterhausantrag wird die britische Regierung be-
       schuldigt, die  von den  achtzig Labourabgeordneten  angegriffene
       Politik zu unterstützen und damit "die Diskussion der lebenswich-
       tigsten Probleme auf der verspäteten Gipfelkonferenz unmöglich zu
       machen". Die Regierung wird aufgefordert, diese Politik "bis nach
       der Gipfelkonferenz" einzustellen.
       FAZ vom 5.12.1959.
       Anmerkung der Redaktion:
       Zu den  Antragstellern  gehören  u.a.  die  Abgeordneten  Barbara
       Castle, Jennie  Lee, Crossman, Harold Davies, Shinwell, Swingler,
       Driberg, Zilliacus,  Sydney  Silverman,  Breech  Jones.  Bis  zum
       10.12. hat sich die Zahl der Befürworter des Antrages auf 107 er-
       höht.
       
       66 Starfighter bestellt
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       Die 66  Flugzeuge vom  Typ Starfighter,  die das  Bundesverteidi-
       gungsministerium in  den USA  bestellt hat, kosten je Stück 5,725
       Millionen DM.  Diese Auskunft gab Minister Strauß auf eine kleine
       Anfrage der  SPD. Es  handele sich  um den Typ 104 g und nicht um
       das Muster  104 a, dessen  Preis in  einem von  der SPD zitierten
       Pressebericht mit 3,7 Millionen DM angegeben worden sein soll.
       Deutsche Zeitung vom 5./6.12.1959.
       
       Heilige und Atomraketen
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       Der Artillerie-Inspekteur  der Bundeswehr,  General Gieser, hatte
       mit Bedacht gerade diesen Tag für eine Vorstellung besonderer Art
       ausersehen, weil  es der  Tag der  heiligen Barbara  war. Sie ist
       Schutzpatronin der  Artilleristen. Unter  ihrem Namen haben schon
       jahrhundertelang katholische Soldaten vieler Völker einander bom-
       bardiert, und  es ist  durchaus fraglich,  ob das im Sinne dieser
       recht volkstümlichen  Heiligen war.  Jedenfalls dient  sie  heute
       auch als  Schutzpatronin. Zweimal drückte am Freitag General Gie-
       ser auf den Knopf, und über den Truppenübungsplatz Bergen donner-
       ten die  ersten beiden  Kurzstreckenraketen der  Bundeswehr.  Sie
       sind so  teuer, daß sie im Ernstfall nur mit Atomsprengköpfen ab-
       geschossen werden  sollen, die fast die Vernichtungskraft der Hi-
       roshima-Bombe haben.  Aus einer dritten Rakete aber stieg ein Ra-
       ketenleutnant im  weißen Gewand, mit goldenem Gürtel und hochhac-
       kigen Pumps.  Er sollte  die heilige Barbara verkörpern und bekam
       von General Gieser eine Flasche Schnaps "für die bewiesene Treff-
       sicherheit".
       Ganz zu schweigen davon, daß hier mit einem religiösen Symbol zu-
       mindest Schindluder  getrieben wurde, hörten wir gern einmal, was
       der dieser Religion anhängende Verteidigungsminister in Bonn dazu
       meint.
       Der Mittag vom 7.12.1959.
       
       Neue Runde im Düsenjägerstreit
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       Die schon seit einiger Zeit anhaltenden Auseinandersetzungen zwi-
       schen der  amerikanischen und der französischen Flugzeugindustrie
       um die  Belieferung der  europäischen Streitkräfte  sind  in  ein
       neues Stadium  getreten. Wie  heftig und  erbittert diese  Kämpfe
       sind, die  sowohl im kaufmännischen als auch im militärischen Be-
       reich ausgefochten  werden, geht  aus einer  Äußerung  eines  der
       französischen Gruppe  nahestehenden  Fachmanns  hervor:  es  gehe
       jetzt um  Sein oder  Nichtsein  der  französischen  Flugzeugindu-
       strie...
       Von französischer  Seite wird  kein Hehl  daraus gemacht, daß die
       französische Flugzeugindustrie,  die bereits viertausend Arbeiter
       entlassen mußte,  in Schwierigkeiten  geriete, wenn  Holland sich
       für den  Starfighter entschiede,  da dann  auch Belgien gezwungen
       wäre, die  Maschinen gleichen  Typs zu bestellen. Frankreich ver-
       handelt ferner  mit der  Schweiz, Griechenland und der Türkei. Es
       geht um die Einführung von etwa tausend Flugzeugen.
       FAZ vom 10.12.1959.
       
       Atomare Aufrüstung
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       Die Pläne  des Verteidigungsministeriums,  die Bundeswehr mit mo-
       dernsten Waffen  auszurüsten, sind  durch den  überraschenden Be-
       schluß des  Verteidigungsausschusses  des  Bundestages  am  Mitt-
       wochnachmittag ein  erhebliches Stück  vorangebracht worden.  Der
       Ausschuß genehmigte,  wie schon  berichtet, die  Beschaffung  von
       weiteren 364 Abfangjägern des Typs Starfighter G im Werte von 2,5
       Milliarden DM  und stimmte dem Kauf einer geheimgehaltenen Anzahl
       von ferngelenkten  Atomraketen des  Typs "Mace"  im Werte von 480
       Millionen DM  zu... Besonders  sparsam mit  Informationen ist das
       Verteidigungsministerium hinsichtlich  der  beschlossenen  Ausrü-
       stung der  Bundeswehr mit  der Rakete  "Mace". Es wurde lediglich
       erklärt, daß  diese Waffe  später Aufgaben  übernehmen soll,  die
       bisher von  bemannten Flugzeugen wahrgenommen werden. Wie verlau-
       tet, sollen etwa 150 Abschußrampen mit den dazugehörigen Geschos-
       sen geliefert  werden. Der  Stückpreis liegt  bei  3,5  Millionen
       Mark. Die  "Mace" ist eine Weiterentwicklung des radargesteuerten
       V 1-ähnlichen Flugkörpers  "Matador", über den die Bundeswehr be-
       reits verfügt;  sie lenkt  sich selbst  ins Ziel  und fliegt  mit
       Überschallgeschwindigkeit über  eine Distanz  von 1000 bis 16 000
       Kilometer. Sie  soll vornehmlich gegen Bodenziele eingesetzt wer-
       den.
       Stuttgarter Zeitung vom 11.12.1959.
       
       Bundesrepublik soll zahlen
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       Schon in  sehr kurzer Zeit ist eine drastische Wendung der Verei-
       nigten Staaten gegenüber ihren Nato-Partnern zu erwarten. Die USA
       sind fest  entschlossen, sich  eines Teils  der finanziellen  Rü-
       stungslasten zu  entledigen und  diese  Lasten  den  europäischen
       Nato-Staaten, vor allem aber der Bundesrepublik, aufzuerlegen...
       ...Die Bundesrepublik  wird von  all diesen  Ländern am stärksten
       betroffen werden,  denn sie soll einen wesentlichen Teil des ame-
       rikanischen Ausfalls  finanzieller und  militärischer Natur  auf-
       bringen...
       ...Die dann  unvermeidliche Notwendigkeit, die Steuerlasten spür-
       bar zu  erhöhen, dürfte  aber auch  bei den  jetzt noch zögernden
       Kreisen die  Bereitschaft auslösen, sich nicht mehr gegen rasche,
       womöglich auch regional begrenzte Abrüstungsmaßnahmen zu stemmen.
       Westfälische Rundschau vom 12.11.1959
       
       Rüstungsindustrie bekommt 4 Milliarden Starthilfe
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       ...Amerikanische Quellen  geben bekannt, daß die westdeutsche Rü-
       stungsindustrie finanzielle  Aufbauhilfe erhalten  werde, die  in
       den nächsten  sechs bis  sieben Jahren einen Gesamtbetrag von 4,2
       Milliarden DM  erreichen soll. Die amerikanischen Meldungen tref-
       fen mit  einem "Rückblick auf das erste Jahrzehnt" des Bundesver-
       bandes der  Deutschen Industrie  zusammen,  in  dem  festgestellt
       wird, daß  die westdeutsche Industrie jetzt den "Ohne-mich-Stand-
       punkt" bei  der Fertigung  von Rüstungsgerät  überwunden habe. In
       politischen Kreisen haben diese Meldungen großes Aufsehen erregt.
       Es wird  befürchtet, daß der Aufbau einer umfangreichen Rüstungs-
       industrie in  der Bundesrepublik  die jetzt begonnenen Bemühungen
       um eine allgemeine Abrüstung wesentlich erschweren könnten.
       Westfälische Rundschau vom 17.10.1959.
       

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