Quelle: Blätter 1959 Heft 12 (Dezember)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       An die Redaktion der                  New York, 17. November 1959
       "Blätter für deutsche und internationale Politik"
       Köln am Rhein
       Barbarossaplatz 7
       
       Sehr geehrte Redaktion!
       Von Seiten  deutscher Freunde erhielt ich das Heft 10 Ihrer Zeit-
       schrift vom 25. Oktober 1959.
       Es war  mir eine  ganz unerwartete  Freude, aus  den einleitenden
       Ausführungen zu  erkennen, daß  in meinem  Vaterlande endlich ein
       Kreis von  Männern und Frauen entstanden ist, der völlig klar er-
       kennt und  überzeugend auszusprechen  vermag, daß ein tief bekla-
       genswerter deutscher  Zusammenbruch nur  durch eine  grundlegende
       ethische Erneuerung  des ganzen deutschen weltpolitischen Denkens
       - im Sinne einer wahrhaft realistischen Ethik - abgewendet werden
       kann. Der  genannte Artikel wendet diese Erkenntnis mit Recht vor
       allem auf  das deutsch-russische  Problem an,  das bei uns leider
       einer bloßen  Tages-Politik ausgeliefert  wurde, ohne  großes und
       tapferes Gedächtnis  alles dessen, was fünf Jahre lang dem russi-
       schen Volke  zugemutet worden  ist. Chesterton  sagte einmal, als
       nach dem  ersten Weltkriege  die Notwendigkeit  einer definitiven
       Aussöhnung Englands  mit Irland  diskutiert wurde:  "Meine lieben
       Landsleute, denkt Ihr auch daran, daß die Iren ein Volk sind, das
       wir zu  töten versucht haben? Solches vergißt man nicht." - Genau
       so könnte  man den Deutschen sagen: "Denkt daran, die Russen sind
       ein Volk,  das wir  zu töten  versucht haben. Solches vergißt man
       nicht." Die  Deutschen haben  begreiflicherweise jene  ganze mehr
       als beschämende  Epoche ins Unterbewußtsein verdrängt. Die Russen
       aber haben sie ins Oberbewußtsein gehoben. Ihre ganze Politik ge-
       genüber dem  Westen gipfelt in der Entschlossenheit, jede Wieder-
       holung solcher Dinge für immer unmöglich zu machen. Unsere Lands-
       leute haben  vergessen, daß man ohne Vertiefung in die Vergangen-
       heit weder die Gegenwart zu verstehen, noch die Zukunft zu bewäl-
       tigen imstande  ist. Hier liegt die ganze Ohnmacht unserer Außen-
       politik seit 1945!
       Mehr als  je aber drängen uns heute alle weltpolitischen Aufgaben
       und Notwendigkeiten  dahin, den  Wiederaufbau der  deutschen Welt
       von allen bloß nationalistischen Hoffnungen und Programmen loszu-
       lösen und eine neue Vereinigung dieser Welt nur noch im Zusammen-
       hang mit ganz neuen föderalistischen Entwicklungen zu sehen, wel-
       che Art von Weltpolitik doch zweifellos die wahre und die älteste
       deutsche politische  Tradition ist;  sie allein  ist  fähig,  die
       Brücke zwischen  der westlichen  und der östlichen Welt zu schla-
       gen. Über ein solches deutsches Programm und seine geistigen Hin-
       tergründe habe  ich eingehend  im  2.  Band  meiner  "Politischen
       Ethik" geschrieben.  Dieses Buch wird den Titel tragen: "Deutsche
       Geschichte und politische Ethik" und wird Ihnen nach dem Erschei-
       nen zugehen.
       Wenn es  uns nicht  gelingt, unser  Programm im  deutschen  Volke
       durchzusetzen, so  wird das geschehen, was Goethe zweimal für den
       Fall vorausgesagt  hat, daß statt des universalen Deutschland der
       eng-geistige Nationalismus den Sieg davonträgt. "Dann werden", so
       sagte Goethe, "die Deutschen in alle Welt zerstreut werden." Laßt
       uns hoffen,  daß, bevor  es zu spät ist, die mehr als tausendjäh-
       rige universale Tradition des deutschen Volkes endlich wieder zum
       Durchbruch kommt,  wodurch die  einzig lebensfähige Grundlage für
       eine wirkliche Lösung des ganzen auf dem Wege bloßer Machtkonkur-
       renz niemals  zu bewältigenden  West-Ost-Problems möglich  werden
       würde.
       Mit den  besten Wünschen  für Ihr  höchst wichtiges  Werk und mit
       hochachtungsvollem Gruße,
       Ihr aufrichtig ergebener Friedrich W. Foerster
       

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