Quelle: Blätter 1960 Sonderheft 1


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       der aktuellen "Blätter"-CD, welche die  Beiträge ab 1990 enthält
       und beim gleichnamigen Verlag bezogen werden kann. Näheres siehe
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       G l i e d e r u n g  u n d  Z i t a t e:  
       
       Sonderdruck der "Blätter für deutsche und internationale Politik"
       Heft 1/1960
       
       VOM "GNADENTOD" DES DRITTEN REICHES ZUR RESTAURATIVEN
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       EINSCHLÄFERUNG IN DER BUNDESREPUBLIK
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       Euthanasie - Gnadentod oder Mord an Wehrlosen?
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       ...
       "Man darf  sich hier nicht an das Wort Geisteskrankheit klammern.
       Eine angeborene  Idiotie oder eine arteriosklerotische oder trau-
       matische Verblödung sind eigentlich keine Geisteskrankheiten. An-
       dererselts sind  sehr viele  geistige Abnormitäten leichterer Art
       unheilbar, und es kommt dann auf den Grad der Erkrankung an, bzw.
       darauf, wo ein Arzt die Grenze zwischen Abnormalität und Geistes-
       krankheit nach seinem Ermessen zieht. Man sieht, daß hier bereits
       eine Wertsetzung,  nicht nur  ein Tatbestand  im Spiele ist. Auch
       ist die  Annahme der  Unheilbarkeit in  vielen Fällen ungewiß. Es
       gibt diagnostische  Irrtümer, es gibt Ausnahmen von der Regel und
       es gibt  Fortschritte der  Therapie, nach denen für unheilbar ge-
       haltene Fälle  heilbar werden.  Ferner ist der Begriff einer Hei-
       lung relativ. Ein Mensch kann unheilbar krank, aber sozial einge-
       ordnet und  sogar nützlich  sein; umgekehrt  gibt es asoziale und
       zerstörend wirkende  Psychopathen, die  nicht geisteskrank  sind.
       Wenn also  in dem Begriff "unheilbare Geisteskrankheit" irgendein
       Kennzeichen oder  ein Motiv zur Beseitigung solcher Personen lie-
       gen sollte,  dann ist der Ausdruck so gewählt, daß er das eigent-
       lich Gemeinte  - unwertes  Leben - entweder nicht bezeichnen kann
       oder verdecken soll" 2).
       ...
       Von der wissenschaftlichen Diskussion zur Mord-Propaganda
       ---------------------------------------------------------
       ...
       "Der Staat...  hat, was  irgendwie ersichtlich  krank und erblich
       belastet und  damit weiter  belastend ist, zeugungsunfähig zu er-
       klären und dies praktisch auch durchzuführen..."
       ...
       ...
       "Daher tritt  bei der  Tötung auf  Verlangen Straflosigkeit  ein,
       wenn der  Täter ein  staatlich zugelassener  Arzt ist, der Kranke
       unheilbar krank ist und dies durch das Gutachten zweier beamteter
       Ärzte festgestellt ist."
       ...
       ...
       "Dagegen erübrigt  sich die  Schaffung  eines  Unrechtsausschlie-
       ßungsgrundes bei  der sogenannten  Vernichtung lebensunwerten Le-
       bens. Sollte  der Staat  etwa bei  unheilbar Geisteskranken  ihre
       Ausschaltung aus  dem Leben durch amtliche Organe gesetzmäßig an-
       ordnen, so  liegt in  der Ausführung  solcher Maßnahmen  nur  die
       Durchführung einer  staatlichen Anordnung. Ob diese Anordnung ge-
       boten ist,  steht hier nicht zur Erörterung. Wohl bleibt zu beto-
       nen, daß  die Vernichtung lebensunwerten Lebens durch eine nicht-
       amtliche Person stets eine strafbare Tötung darstellt" 6).
       ...
       ...
       "...'Wenn Sie  ein Krüppel wären', fragte er weiter, 'möchten Sie
       dahinvegetieren?'
       'Ich habe darüber noch nicht nachgedacht.'
       'Ich nicht,  obwohl es mit dem Sittengesetz in Widerspruch steht.
       Als Arzt  hat man ja auch leichter ein nie versagendes Mittel zur
       Hand. Ich glaube, daß Gott uns wie einem Stellvertreter eine sei-
       ner vielen  Gnaden zum Gewähren übertrug für alle, denen wir hel-
       fen könnten. Wir sind uns nur noch nicht bewußt geworden, daß wir
       diese Gnade unter Verantwortung ausüben dürfen.'
       'Welche Gnade meinen Sie?'
       'Vielleicht die größte.'
       'Und das wüßten wir nicht?'
       'Wir wissen  es nicht,  oder haben noch nicht den Mut zum Begrei-
       fen. Man  muß lange  darüber nachdenken. Haben wir erst das Rich-
       tige erkannt, dürfen wir nicht mehr feige sein.'
       Terstegen ist  an die  Brüstung der Terrasse getreten. Vielleicht
       hat er  mich im  Augenblick vergessen  und fragt nur sich selbst,
       gleichsam ins  Ungewisse hinein.  Aber er wartet auf Antwort. Und
       ich spüre bei ihm eine große, für mich unbegreifliche Not... Ter-
       stegen hat lange auf ein Wort gewartet.
       'Wenn es wirklich hoffnungslos ist?'
       'Ich glaube, daß ich Sie gebeten hätte, zu helfen.'
       'Das ist gut.'
       'Weshalb?'
       'Sie hätten mich auch verdammen können.'
       'Ist Ihnen mein Urteil als Laie so wertvoll?'
       'Sie haben mich freigesprochen.'
       'Wovon?'
       'Ich  habe  schon  vielen  Kranken  Erlösung  durch  Sterben  ge-
       bracht...'" 9)
       ...
       ...
       "Dem unbefangenen Zuschauer muß sich ja der Gedankengang geradezu
       aufdrängen: Warum das Leben dieses elenden Abschaums erhalten? In
       diesem Film werden auch Heilverfahren vorgeführt. Man zeigt Kata-
       toniker und Schwindsüchtige, welche künstlich ernährt werden; und
       ihre Hinfälligkeit  ist die  beste Propaganda.  Immer wieder legt
       sich der  Zuschauer die Frage vor: "Wozu diese überflüssigen Aus-
       gaben". Die  tendenziöse Antwort  lautet: Geisteskranke  sind un-
       heilbar, im Arbeitsprozeß des deutschen Volkes sind sie unproduk-
       tiv und  unnütze Esser, die die deutsche Wirtschaft belasten. Ein
       vernünftiger Arzt  würde diese elenden Wesen von ihren Leiden er-
       lösen! Diejenigen, die sie am Leben erhalten, sind ehrlos und ge-
       winnsüchtig! Auf  das ungebildete und leicht beeinflußbare Publi-
       kum verfehlte diese Verächtlichmachung des Psychiaters seine Wir-
       kung nicht. Die Filmpropaganda verfolgte zäh und systematisch ihr
       Ziel. Nachdem sie das Übel dargestellt hatte, pries sie das Heil-
       mittel an..." 10).
       ...
       ...
       "Wenn wir, aus geschichtlich tiefsten Tiefen kommend, heute unter
       der Führung  eines Begnadeten nach den Sternen greifen und inmit-
       ten des  Rassenverfalles eine neue Ordnung aufzubauen berufen er-
       scheinen, so  müssen wir  alles daran setzen, unser Volk und sein
       Erbe gesund  zu erhalten.  Nur so werden wir die Ewigkeit unseres
       Volkes verdienen helfen."
       ...
       ...
       "Nie aber  wäre dies  geschehen, wenn nicht die kühnen Träume des
       deutschen Volkes Erfüllung gefunden hätten durch die Tat des Man-
       nes... den Mann mit dem Löwenherz, Adolf Hitler...
       Das germanische,  naturwissenschaftliche  Weltbild...  ist  durch
       einen neuen  Vorstoß der vorderasiatischen Rasse nun bedroht wor-
       den... Schauen  wir uns  doch die  großen Forscher  und Entdecker
       selbst an.  Unter ihnen  gibt es keinen Gelben, keinen Schwarzen,
       keinen Braunen,  keinen Roten... Die großen Entdecker sind Germa-
       nen. Der  überwiegende Teil  der Nobelpreisträger für Physik sind
       Angehörige der nordischen Rasse...
       Der Rassenbiologe muß den Politiker beraten...
       Wir fordern  als Rassehygieniker  Strafandrohung für  jeden Deut-
       schen, der  mit einer  fremdrassigen Frau, und für jede Deutsche,
       die mit  einem fremdrassigen  Mann ein Verhältnis hat oder dieses
       Verhältnis durch die Ehe legitimiert...
       An der  Schizophrenie (Verblödung) finden wir die Juden auch sehr
       stark beteiligt, stärker als die anderen...
       Die wichtigste Erkrankung auf psychischem Gebiet, die schwere Hy-
       sterie, ist  wiederum ganz  besonders bei  dem jüdischen  Volk zu
       finden, ebenso wie die Geisteskrankheiten, die auf erblicher Ent-
       artung beruhen.  Auch die  Rassenmischlinge stellen  einen großen
       Teil von Kranken auf diesem Gebiet...
       Lediglich durch  die Ausschaltung  gewisser Krankheiten durch die
       Sterilisation wird  es nicht möglich sein, den Untergang der ger-
       manischen Völker zu verhindern...
       Es ist gewiß schwer, auf Grund unserer rassebiologischen Erwägun-
       gen die  heute geltenden  Gesetze alle  zu revidieren  und in die
       neue Richtung "Erhaltung von Volk und Rasse" einzustellen...
       Dieser Grundsatz könnte folgendermaßen festgelegt werden.
       Da das  Recht nur dazu da ist, um das Leben und die Erhaltung des
       Volkes zu  sichern so  ist jede Rechtshaltung ungültig, die gegen
       den Aufstieg  des Lebens  und die  Gesundhaltung des  Volkes ver-
       stößt... 11).
       ...
       Euthanasie - keine gesetzliche Maßnahme,
       ----------------------------------------
       sondern eine von Hitler angeordnete Mordaktion
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       ...
       "Ich habe  mich gegen eine Ausführung dieser Sache ausgesprochen.
       Da aber  der Führer  darauf bestand, habe ich vorgeschlagen, dann
       müsse man die ganze Angelegenheit mit allen Rechtsgarantien umge-
       ben und durch ein Gesetz regeln.
       Ich habe auch einen entsprechenden Gesetzentwurf ausarbeiten las-
       sen, und  darauf wurde dem Staatssekretär Conti der Auftrag abge-
       nommen und im Jahre 1940 dem Reichsleiter Bouhler übertragen. Der
       Reichsleiter Bouhler hat dem Führer Vortrag gehalten.
       Der Führer hat den Gesetzentwurf nicht gebilligt. Er hat ihn aber
       auch nicht ausdrücklich abgelehnt, er hat aber nachher unter mei-
       ner Ausschaltung  eine Vollmacht  erteilt zur  Tötung unheilbarer
       Geisteskranker an den Reichsleiter Bouhler und an den bei ihm da-
       mals tätigen Arzt Professor Dr. Brandt."
       ...
       ...
       "Reichsleiter Bouhler  und Dr.  med. Brandt sind unter Verantwor-
       tung beauftragt,  die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte
       so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken
       bei kritischer  Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnaden-
       tod gewährt werden kann.
                                          gez.: Adolf Hitler"
       ...
       ...
       "Das Euthanasie-Programm wurde im Sommer 1939 eingeleitet. Hitler
       erteilte einen Geheimbefehl an Professor Dr. Karl Brandt, Reichs-
       kommissar für  das Gesundheits-  und Sanitätswesen  und zu dieser
       Zeit Leibarzt  des Führers, und an Philipp Bouhler, in dem er ih-
       nen die  Verantwortung für  die Tötung  lebensunfähiger Menschen,
       d.h., die Erteilung eines Gnadentodes für unheilbar Geisteskranke
       auferlegte...
       Professor Dr.  Karl Brandt  leitete den  medizinischen Sektor des
       Euthanasie-Programms. In  dieser Eigenschaft... bestimmte Profes-
       sor Dr. Karl Brandt Professor Heyde und Professor Nitsche zu sei-
       nen Vertretern...
       Drei verschiedene  Namen wurden  für die Abteilung Brandt verwen-
       det, um  die Tätigkeit  der Organisation zu tarnen. Die Namen der
       Organisationen sind wie folgt:
       R e i c h s a r b e i t s g e m e i n s c h a f t        H e i l-
       u n d  P f l e g e a n s t a l t e n,
       A l l g e m e i n e        K r a n k e n - T r a n s p o r t g e-
       s e l l s c h a f t  und
       G e m e i n n ü t z i g e     S t i f t u n g     f ü r      A n-
       s t a l t s p f l e g e.
       In meiner  Eigenschaft als  Leiter von Amt II in Bouhlers Kanzlei
       war ich beauftragt, die administrativen Einzelheiten des Euthana-
       sie-Programms auszuführen...
       Auf Anordnung  Dr. Lindens hatten die Leiter aller Irrenanstalten
       des Reiches Fragebogen für jeden Patienten ihrer Institute auszu-
       füllen. Diese  Fragebogen wurden von Bouhler, Brandt, Heyde, Nit-
       sche und anderen im Verlaufe mehrerer der zahlreichen stattgefun-
       denen Konferenzen  entworfen. Hierauf  wurden die  Fragebogen dem
       Ministerium des Inneren übergeben, um in den verschiedenen Irren-
       anstalten und ähnlichen Instituten verteilt zu werden...
       Auf Grund  dieses Befehls Hitlers hatten Bouhler und Brandt Ärzte
       zur Ausführung  dieses Programms  zu bestimmen. Da Irrenanstalten
       und ähnliche  Institute dem  Ministerium des  Inneren unterstellt
       waren, wurde  Dr. Herbert  Linden  Vertreter  des  Innenminister-
       tums..."
       ...
       ...
       "es bestanden  vielmehr... einige  Richtlinien und Verwaltungsan-
       ordnungen, die  der Durchführung des Erlasses dienten. Die Richt-
       linien ergingen an die beteiligten Ärzte und enthielten vor allem
       die medizinischen  Gesichtspunkte für  die Auswahl der Opfer; die
       Verwaltungsanordnungen ergingen teils vom Reichsinnenministerium,
       teils von  dem jeweils  zuständigen Reichsverteidigungskommissar,
       an die  in die  Geheimnisse nichteingeweihten  Anstaltsleiter und
       ordneten unter Vorwänden nur die Verlegung Kranker in andere, für
       die Tötung vorgesehene Anstalten an" 12).
       ...
       ...
       "1. war wegen  der Illegalität der Maßnahmen keinerlei Schutz ge-
       gen willkürliche Auslese gegeben.
       2. konnte damals  kein Außenstehender wissen, welche feineren Un-
       terscheidungen zwischen  den "lebensunwerten"  Existenzen in  den
       geheimen Richtlinien getroffen waren,
       3. konnte, da  die Prinzipien  des Rechts einmal durchbrochen wa-
       ren, niemand wissen, wann etwa geheime Verordnungen auch arbeits-
       unfähige Krüppel in das Programm einbezogen,
       4. konnte, nachdem die Euthanasie im allgemeinen eingestellt war,
       niemand wissen, wann sie wieder aufgenommen würde.
       So konnte  während des  ganzen Krieges ein durch Erbanlage schwer
       invalider Mensch sich in keiner öffentlichen Anstalt wirklich si-
       cher fühlen,  nachdem einmal  bewiesen worden war, daß Hitler zur
       Verwirklichung seiner  ideologischen Ziele  oder aber aus irgend-
       welchen Gründen  der Zweckmäßigkeit sich über jedes sittliche und
       geschriebene Recht hinwegzusetzen fähig war" 14).
       ...
       Die praktische Durchführung
       ---------------------------
       ...
       "... -  Die gegenwärtige  Lage macht die Verlegung einer größeren
       Anzahl von  in Heil-  und Pflegeanstalten untergebrachten Kranken
       notwendig. Im Auftrag des Reichsverteidigungskommissars werde ich
       die notwendig  werdenden Verlegungen  von Fall  zu Fall anordnen.
       Die Kranken  werden nebst ihren Krankenakten in Sammeltransporten
       verlegt. Der  Abgabeanstalt entstehen aus dem Transport keine Ko-
       sten; die  Krankenakten werden  ihr nach  Einsichtnahme durch die
       Aufnahmeanstalt wieder  zurückgegeben. Die  Benachrichtigung  der
       Angehörigen über die Verlegung erfolgt durch die Aufnahmeanstalt.
       Die Kostenträger  sind von der Abgabeanstalt davon in Kenntnis zu
       setzen, daß  weitere Zahlungen  über den Tag der Verlegung hinaus
       insolange einzustellen  sind, bis sie von der Aufnahmeanstalt an-
       gefordert werden.
       Die Zentralleitung  für das Stiftungs- und Anstaltswesen wird er-
       sucht, den  Erlaß den  ihr unterstellten Anstalten bekannt zu ge-
       ben.
                                     Im Auftrag
                                  (gez.) Dr. Stähle" 16).
       ...
       Die Zahl der Opfer
       ------------------
       ...
       "Weiterhin sind auch die Maßnahmen zu erwähnen, die schon im Som-
       mer des Jahres 1940 eingeführt waren und auf Grund deren alle al-
       ten geistesgestörten  und alle mit unheilbaren Krankheiten behaf-
       teten Menschen,  'nutzlose Esser',  in besondere Anstalten einge-
       liefert und  getötet wurden,  während man  ihren Verwandten  mit-
       teilte, daß  sie eines  natürlichen Todes  gestorben seien. Opfer
       waren nicht  nur deutsche Staatsbürger, sondern auch ausländische
       Arbeiter, die  nicht mehr imstande waren, ihre Arbeit zu verrich-
       ten und infolgedessen für die deutsche Kriegsmaschine unbrauchbar
       geworden waren. Eine Schätzung ergab, daß mindestens 275 000 Men-
       schen auf  diesem Wege in Erholungsheimen, Krankenhäusern und Ir-
       renanstalten, die dem Angeklagten Frick in seiner Eigenschaft als
       Innenminister unterstanden,  getötet wurden. Es war völlig unmög-
       lich, festzustellen, wie viele Fremdarbeiter in dieser Gesamtzahl
       enthalten sind."
       ...
       Auch deutsche Soldaten starben den Tod von Führers Gnaden
       ---------------------------------------------------------
       ...
       "Seit einigen  Monaten werden  auf Anordnung  des Reichsverteidi-
       gungsrates geisteskranke, schwachsinnige oder epileptische Pfleg-
       linge staatlicher  und privater  Heilanstalten in eine andere An-
       stalt verbracht
       Die Angehörigen  werden erst nachträglich von der Überführung be-
       nachrichtigt. Meist erhalten sie wenige Wochen später die Mittei-
       lung, daß  der betreffende  Pflegling einer Krankheit erlegen sei
       und daß  aus polizeilichen  Gründen die  Einäscherung hätte statt
       finden müssen.  Nach oberflächlichen Schätzungen dürften es schon
       mehrere hundert  Anstaltspfleglinge allein  aus Württemberg sein,
       die auf diese Weise den Tod gefunden haben.
       Durch zahlreiche Anfragen aus Stadt und Land und aus verschieden-
       sten Kreisen  veranlaßt, halte  ich es  für  meine  Pflicht,  die
       Reichsregierung darauf aufmerksam zu machen, daß in unserem klei-
       nen Lande  diese Sache  ganz großes Aufsehen erregt. Die Kranken-
       transporte, die  auf dem  kleinen Bahnhof  Marbach a.d. Lahn aus-
       geladen wurden,  die Autobusse mit undurchsichtigen Fenstern, die
       die Kranken  von entfernteren  Bahnhöfen oder unmittelbar von den
       Anstalten bringen,  der aus  dem Krematorium  aufsteigende Rauch,
       der auch auf größere Entfernungen wahrgenommen werden kann:
       Dies alles erregt die Gemüter...
       Vor allem aber ist es die Geheimnistuerei, die den Gedanken nahe-
       legt, daß  etwas vor sich geht, was mit Recht und Moral in Wider-
       spruch steht  und deshalb nicht wie andere notwendige und scharfe
       Kriegsmaßnahmen von  der Staatsführung  in voller  Öffentlichkeit
       gedeckt und vertreten werden kann."
       ...
       ...
       "Wir erklären uns bereit, auf caritativem Wege für alle die Unko-
       sten aufzukommen, die dem Staat durch die Pflege der zum Tode be-
       stimmten Geisteskranken erwachsen."
       ...
       ...
       "... Veranlaßt  durch die  Vernichtung des  Lebens von  Anstalts-
       pfleglingen, trat  die Württembergische Arbeitsgemeinschaft evan-
       gelischer Seelsorger  an Gemüts- und Nervenkranken am 11. Oktober
       zu einer vertraulichen Aussprache zusammen. Die berufliche Arbeit
       an den Kranken, die seelsorgerischen Beziehungen zu deren Angehö-
       rigen und Stimmen aus weitesten Volkskreisen, welche zu den Glie-
       dern der  Arbeitsgemeinschaft drangen,  haben für diese ein solch
       ernstes Bild  von den  Folgen der  getroffenen Maßnahmen ergeben,
       daß die  Arbeitsgemeinschaft sich im Gewissen verpflichtet fühlt,
       Ihnen, sehr geehrter Herr Reichsminister, von den gemachten Beob-
       achtungen und Erfahrungen Mitteilung zu geben.
       1. Die Maßnahmen  der Lebensvernichtung,  welche unter strengstem
       Geheimnis bleiben sollten, sind in breiter Öffentlichkeit bekannt
       geworden. Kinder wie Erwachsene wissen darum und sprechen davon.
       2. Es ist  ein offenes Geheimnis, daß die Mitteilungen an die An-
       gehörigen über  den unerwarteten  und plötzlichen Tod der in eine
       andere Anstalt  verlegten Kranken  in wichtigen Punkten nicht der
       Wirklichkeit entsprechen.  Das Vertrauen  in die  Glaubwürdigkeit
       amtlicher Angaben ist dadurch im Volk erschüttert.
       3. Soldaten, welche  aus dem Feld auf Urlaub in die Heimat kommen
       und davon  hören, sind entsetzt und fragen: 'Was tut man denn mit
       uns'? Sie fühlen sich für die Zukunft nicht mehr ihres Lebens si-
       cher, ihre  Opferbereitschaft leidet  Not; denn sie erfahren, daß
       auch Kameraden, welche im Weltkrieg ihre geistige Gesundheit ver-
       loren haben, Opfer der Maßnahmen geworden sind.
       4. Rentenempfängern und  Pensionären, welche lebenslang ihre Zeit
       und ihre  Kraft treu  und fleißig  eingesetzt haben, graut es vor
       ihrer Zukunft, weil das Recht auf Leben nicht mehr gesichert sei.
       5. Auf  dem Pflegepersonal  in den  Anstalten liegt  ein schwerer
       Druck. Nicht  nur, daß  jeder neue Abschied eines Transportes zu-
       nehmende seelische  Erschütterung im  Innersten verursachte:  Die
       besten unter  dem Personal verlieren die Freude an dem Beruf, dem
       sie mit  aufopfernder Liebe  sich hingaben, und trachten darnach,
       loszukommen; denn  ihre Arbeit ist ja entwertet. Für gewissenlose
       Pfleger aber  wächst die  Versuchung,  störende  und  unangenehme
       Kranke kurzerhand zu beseitigen.
       6. Selbst Ärzten wird ihr Beruf verleidet. Denn der Gesichtspunkt
       der Heilung  und Pflege  der Kranken ist Nebensache geworden. Da-
       durch ist  der Ernst und die Vertrauenswürdigkeit des auf Heilung
       und Erhaltung  des Lebens gerichteten ärztlichen Wirkens erschüt-
       tert und  in Frage  gestellt. Die von ihnen geforderte Mitwirkung
       zur Durchführung der Maßnahmen ist für die persönliche Verantwor-
       tung gewissenhafter Ärzte geradezu untragbar.
       7. Von den  Pfleglingen weiß  eine größere Anzahl, als man denken
       möchte, um  die Maßnahme. Teils sprechen sie es offen und grimmig
       aus, teils  befinden sie sich in ständiger Angst, daß eines Tages
       das gleiche Los sie treffe. Wie sich dies auf Geist und Gemüt der
       Labilen unter  ihnen auswirkt,  braucht nicht besonders gesagt zu
       werden.
       8. Auf der Bevölkerung im allgemeinen lastet um der Maßnahme wil-
       len schwerer Druck und düstere Sorge.
       Auch hat  sich die  Einstellung zur Heilanstalt gewandelt. Wurden
       bisher Kranke,  welche das  Unglück hatten, geistig zu erkranken,
       der Heilanstalt  mit Vertrauen zu treuen Händen übergeben, so su-
       chen jetzt  die Familien  erkrankte Angehörige  von  der  Anstalt
       fernzuhalten oder  aus ihr herauszubekommen, damit ihnen die Maß-
       nahme der  Lebensvernichtung erspart  bleibe. Welcher Mensch aber
       hat sichere Gewähr, daß er die geistige Gesundheit immer behalten
       wird?
       Das im gegenwärtigen Schreiben Ausgeführte stützt sich auf Tatsa-
       chen. Die eigene Stellung, welche wir auf Grund unserer persönli-
       chen und  amtlichen Verantwortung  als Seelsorger  der Kranken zu
       der ganzen Frage einnehmen, ist im Schreiben nicht berührt.
                                         Heil Hitler!
                               Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft
                                       der Vertrauensmann
                                     (gez.) Pfarrer Leube."
       ...
       ...
       "Deutsche Männer  und Frauen!  Noch hat Gesetzkraft der § 211 des
       RStrGB, der  bestimmt: 'Wer  vorsätzlich  einen  Menschen  tötet,
       wird, wenn  er die  Tötung mit  Überlegung ausgeführt  hat, wegen
       Mordes mit dem Tode bestraft'.
       Es ist  mir aber  versichert worden, daß man im Reichsministerium
       des Inneren  und auf  der Dienststelle des Reichsärzteführers Dr.
       Conti gar  kein Hehl  daraus macht,  daß tatsächlich  schon  eine
       große Zahl  von Geisteskranken in Deutschland vorsätzlich getötet
       worden ist und in Zukunft getötet werden soll.
       Das RStrGB  bestimmt aber  in §  139: 'Wer von dem Vorhaben eines
       Verbrechens wider das Leben glaubhafte Kenntnis erhält und es un-
       terläßt, der  Behörde oder dem Bedrohten hiervon zur rechten Zeit
       Anzeige zu machen, wird bestraft.'
       Als ich  von dem Vorhaben erfuhr, Kranke aus Mariental abzutrans-
       portieren, um  sie zu töten, habe ich am 28. Juli bei der Staats-
       anwaltschaft, beim Landgericht in Münster und bei dem Polizeiprä-
       sidenten in  Münster  Anzeige  erstattet  durch  eingeschriebenen
       Brief. Nachricht über ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft und
       der Polizei ist mir nicht zugegangen."
       ...
       ...
       Bischof Bornewasser von Trier predigte am 14. September 1941:
       "Kein Staat,  keine Regierung hat das Recht, die Tötung sogenann-
       ter 'lebensunwerter',  'unproduktiver', schuldloser Schwachsinni-
       ger oder  Geisteskranker anzuordnen  und kein Arzt hat das Recht,
       an einer solchen Tötung mitzuwirken. Wehe dir, armes Deutschland!
       Wie sagt  die Heilige  Schrift: 'Täuschet  Euch nicht:  Gott läßt
       seiner nicht  spotten. Was immer der Mensch sät, das wird er ern-
       ten!'..."
       ...
       ...
       "Eine halbe  Schnitte Brot,  einen Viertel Teller Essen und einen
       heißen Becher  Suppe. Den  Bettlägerigen gibt  man noch  weniger,
       denen in  der Zelle  gar nichts.  Die Patienten  tragen  auf  der
       Schulter einen  geklebten Leukoplaststreifen mit ihrem Namen, da-
       mit die Leiche wenigstens identifiziert werden kann."
       ...
       ...
       Am 22.  März 1942  erklärte Kardinal Faulhaber in München von der
       Kanzel herab:
       "Mit tiefem  Erschrecken hat das christlich-deutsche Volk es ver-
       nommen, daß auf Anordnung staatlicher Stellen zahlreiche geistes-
       kranke Menschen, die den Heil- und Pflegeanstalten anvertraut wa-
       ren, als  sogenannte "unproduktive  Volksgenossen" ums  Leben ge-
       bracht wurden.  Euer Erzbischof  wird nicht nachlassen, gegen die
       Tötung Unschuldiger Verwahrung einzulegen."
       ...
       ...
       "Aber die Unruhe, oder besser gesagt, das dumpfe Grauen steigerte
       sich noch,  als man  erfuhr, daß der blinde Eifer der Henker kei-
       nerlei Vernunftsgründen zugängig war. Kopfverletzte aus dem Welt-
       kriege, deren  Internierung auf  Grund von  Neurosen oder anderen
       geistigen Störungen  erfolgt war, und andere durch Kriegsursachen
       Erkrankte und  ruhmreiche Kämpfer  von 1914-1918  mußten in  Gra-
       feneck ihr Leben lassen...
       Ein Leutnant  der Reserve,  Rueff, Karl,  geboren am  1.2.1882 in
       Winterthur (Schweiz),  Eisernes Kreuz  I. Klasse,  Kopfverletzung
       aus dem Kriege 1914-1918, war seit mehreren Jahren in der Anstalt
       Schussenried interniert, wo er häufige Besuche seiner Familie er-
       hielt: Von  seinem Vater,  Generalkonsul a.D.  in Ulm, von seiner
       Schwester, Ärztin  und Leiterin  einer psychiatrischen  Klinik in
       Ulm. Die  Unterhaltskosten   Pension II.  Klasse 5,-  RM pro Tag,
       wurden von  seiner Invalidenrente  bezahlt. Es  handelte sich  um
       einen absolut  normalen Kranken, welcher nur ab und zu unter epi-
       leptischen Anfällen zu leiden hatte und daher weitgehendste Frei-
       heiten in  der Anstalt  genoß. Am 18. Juni 1940 legte die Gemein-
       nützige Krankentransportgesellschaft  m.b.H. eine  Liste vor,  in
       welcher Lt. Karl Rueff eingetragen war - er wurde noch an demsel-
       ben Tage in Grafeneck umgebracht" 24).
       ...
       Die Mörder von gestern und ihre Helfer von heute
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       ...
       "Creutzfeldt hatte  übrigens bereits  Ende 1954 auf einem Kongreß
       in Baden-Baden  von einem  Kollegen erfahren, wer sich hinter Dr.
       Sawade verbarg,  und danach das Landessozialgericht in Kiel davon
       benachrichtigt, ohne  daß dieses  darauf reagierte.  Die Behörden
       sanktionierten damit,  um lästigen  Verwaltungsstreitigkeiten aus
       dem Wege zu gehen, die Illegalität Professor H e y d e s. Sie be-
       schäftigten ihn weiter" 28).
       ...
       

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