Quelle: Blätter 1960 Heft 01 (Januar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       AUSZUG AUS DER REDE N.S. CHRUSTSCHOWS VOR DEM OBERSTEN SOWJET
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       AM 14. JANUAR 1960
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       Für allgemeine und totale Abrüstung
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       Unsere Partei  hat bekanntlich  auf ihrem XX. und ihrem XXI. Par-
       teitag die Schlußfolgerung gezogen, daß in der gegenwärtigen Lage
       nicht mehr eine fatale Unausbleiblichkeit von Kriegen besteht und
       daß der  Krieg ein für allemal aus dem Leben der menschlichen Ge-
       meinschaft ausgeschlossen  werden kann  und muß.  Der klare über-
       sichtliche Weg  zur Befreiung der Menschheit von den Katastrophen
       des Krieges liegt in der allgemeinen und totalen Abrüstung.
       Im Auftrag der Sowjetregierung habe ich am 18. September 1959 der
       Organisation der  Vereinten Nationen das Programm der allgemeinen
       und totalen Abrüstung unterbreitet.
       Unsere Vorschläge  sind einfach  und jedermann  verständlich. Sie
       werden von  allen unterstützt,  die dahin streben, daß der zweite
       Weltkrieg der  letzte, den  die Menschheit durchgemacht hat, sei,
       und daß  es niemals  einen dritten Weltkrieg gebe. Um einen neuen
       Krieg zu  verhüten, muß man die Mittel der Kriegsführung vernich-
       ten, die Staaten unter solche Bedingungen stellen, wo kein einzi-
       ger von  ihnen die Möglichkeit haben wird, Kriegshandlungen gegen
       einen anderen  Staat zu entfesseln. Eben dies schlägt die Sowjet-
       regierung  vor.  Unsere  Vorschläge  sehen  die  Auflösung  aller
       Streitkräfte und die Vernichtung aller Arten von Waffen vor.
       Die Sowjetunion ist selber bereit und schlägt den anderen Staaten
       vor, die  Kriegsministerien abzuschaffen, die Generalstäbe aufzu-
       lösen, den  Militärdienst aufzuheben. Kurz gesagt, der Sinn unse-
       rer Vorschläge geht dahin, den Stand der Streitkräfte und Rüstun-
       gen der  Staaten praktisch  auf Null  zu bringen, den Staaten für
       die Aufrechterhaltung  der inneren Ordnung und für den Schutz der
       persönlichen Sicherheit  der Bürger nur streng begrenzte, für je-
       des Land  vereinbarte, mit  leichten Schußwaffen ausgerüstete Ab-
       teilungen zu belassen.
       Wir geben  der Genugtuung  Ausdruck, daß  auf der Vollversammlung
       alle Mitgliedstaaten der Organisation der Vereinten Nationen eine
       Resolution annahmen,  in welcher  die Idee  der  allgemeinen  und
       vollständigen Abrüstung  gutgeheißen wird.  Der  Zehner-Ausschuß,
       der in kurzer Zeit in die Erörterung der Abrüstungsfragen eintre-
       ten soll, ist beauftragt, unsere Vorschläge zu prüfen.
       Es ist  ferner zu vermerken, daß unsere Partner bei den bevorste-
       henden Verhandlungen,  von denen  in erster  Linie die Ergebnisse
       der Erörterung  der  sowjetischen  Abrüstungsvorschläge  abhängen
       werden, aufmerksam die Vorschläge der Sowjetunion aufgenommen ha-
       ben, obgleich  sie ihre positiven Erklärungen mit Vorbehalten, im
       besonderen hinsichtlich  der Errichtung  der Kontrolle, versahen.
       Diese Vorbehalte  wundern uns  etwas, weil in unseren Vorschlägen
       alles vorgesehen  wird, was notwendig ist, um zuverlässige inter-
       nationale Kontrolle über die Durchführung der allgemeinen und to-
       talen Abrüstung zu gewährleisten.
       Als die  Vorschläge zur  allgemeinen Totalabrüstung ausgearbeitet
       und in der Regierung erörtert wurden, kannten wir selbstverständ-
       lich ausreichend  gut den Standpunkt unserer Partner in bezug auf
       die Kontrolle und faßten deshalb, wie auch früher, die Vorschläge
       über die  Kontrolle besonders  sorgfältig ab,  um eventuelle Ein-
       wände auszuschalten  und keine Anlässe zu Vorbehalten seitens der
       Westmächte zu geben.
       Und dennoch  bekommen wir  aufs neue eine Wiederholung der frühe-
       ren, der Wirklichkeit nicht entsprechenden Behauptungen zu hören,
       daß die sowjetischen Vorschläge keine genügend wirksame Kontrolle
       über die Durchführung der Abrüstungsmaßnahmen vorsähen.
       Wenn unsere  westlichen Partner  darum besorgt sind, daß tatsäch-
       lich wirksame Abrüstungskontrolle gesichert wird, so begrüßen wir
       das, denn dies ist auch unser Standpunkt. Die Sowjetunion ist für
       strenge internationale Abrüstungskontrolle. Die Sowjetunion tritt
       für ein Abkommen zur allgemeinen und vollständigen Abrüstung ein,
       das die  feste Gewißheit  gäbe, daß  keine einzige Seite die Ver-
       pflichtungen zur Durchführung der Abrüstung brechen wird.
       Unsere Vorschläge  sehen die  Errichtung einer wirksamen interna-
       tionalen Abrüstungskontrolle vor, die selbstredend den bestimmten
       Etappen der Abrüstung entsprechen muß.
       Werden aber  die Vorbehalte  hinsichtlich der  Kontrolle von  den
       Westmächten als  Kniff gemacht,  zu dem  Zweck, ein  Abkommen zur
       allgemeinen Totalabrüstung  hinzuzögern und  danach zu vereiteln,
       so untergräbt  dies natürlich  die Hoffnungen  auf allgemeine und
       totale Abrüstung  und kann  nur die tiefe Enttäuschung der Völker
       hervorrufen.
       Gewisse Leute  im Westen  behaupten, daß Abrüstung die Wirtschaft
       der kapitalistischen  Länder mit  schweren  Folgen  bedrohe.  Man
       sagt: wird  die Erzeugung von Bomben, Kanonen, U-Booten und ande-
       ren Vernichtungsmitteln eingestellt, so wird Ruin einsetzen, wer-
       den hunderttausende Menschen Arbeit und Existenzmittel verlieren.
       So können  jedoch nur  Leute reden, die sich eine Entwicklung der
       Wirtschaft nicht  anders vorstellen können als durch Unterordnung
       ihrer Interessen unter Kriegsvorbereitung.
       Das mindeste, was von derartigen Behauptungen gesagt werden kann,
       ist, daß sie gänzlich unbewiesen sind. Ich hatte Gelegenheit, mit
       vielen Vertretern der amerikanischen Geschäftskreise zu sprechen,
       die in dieser Hinsicht keineswegs einen solch düsteren Standpunkt
       vertreten und  überzeugt sind, daß die Industrie der USA durchaus
       in der  Lage ist,  mit der  Aufgabe der  Umstellung der  gesamten
       Wirtschaft auf Friedensproduktion fertig zu werden.
       In der  Tat - besteht nicht Grund, zu erwarten, daß die Umleitung
       der Produktionskapazitäten  auf Friedensproduktion  es  gestatten
       würde, die von der Bevölkerung erhobenen Steuern rapid zu senken,
       die Aufnahmefähigkeit  des Binnenmarktes zu steigern und zugleich
       mehr Mittel  für den  Bedarf des Bildungswesens, des Gesundheits-
       schutzes und  der Sozialfürsorge  zu verausgaben? Und würden sich
       etwa nicht  in kolossalem  Ausmaß die Möglichkeiten des Außenhan-
       dels erweitern,  sobald er von den künstlichen Beschränkungen be-
       freit ist,  welche von  Erwägungen diktiert  sind, die  mit wirt-
       schaftlichem Vorteil  nichts gemein haben? Wieviel Länder gibt es
       doch auf  der Welt, die Bedarf an friedlichen Gebrauchsgegenstän-
       den und  nicht an Waffen haben! Es unterliegt keinem Zweifel, daß
       im Falle  der Abrüstung  die Möglichkeiten des Absatzes von Frie-
       denserzeugnissen auf  den Außenmärkten  unermeßlich zunehmen wür-
       den, die  weitesten Perspektiven für die Entwicklung des Welthan-
       dels sich erschlössen.
       Abrüstung ist nicht für irgendeinen einzelnen Staat oder für eine
       Gruppe von Staaten von Vorteil; sie öffnet den Weg zu dauerhaftem
       Frieden und  zur Entwicklung  der Wirtschaft für alle Länder, für
       alle Völker.
       Ihr Bestreben  zur Lösung  des  Abrüstungsproblems  hat  die  So-
       wjetunion nicht  nur mit  Worten, sondern  auch durch Taten unter
       Beweis gestellt.  Gleich nach  dem Ende  des  zweiten  Weltkriegs
       wurde  in  unserem  Lande  eine  umfassende  Demobilisierung  der
       Streitkräfte vorgenommen.  In den  darauffolgenden Jahren hat die
       Sowjetunion ihre Militärstützpunkte auf Territorien anderer Staa-
       ten restlos liquidiert.
       Die Sowjetunion ging weiter. Bestrebt, dem Wettrüsten ein Ende zu
       setzen und  raschest an  praktische Abrüstungsmaßnahmen zu gehen,
       hat unser  Land eine  weitere Einschränkung  seiner  Streitkräfte
       durchgeführt. Es  ist bekannt, daß in den letzten vier Jahren die
       zahlenmäßige Stärke der Streitkräfte der Sowjetunion einseitig um
       insgesamt weitere 2 140 000 Mann eingeschränkt worden ist.
       Die sowjetischen Truppen wurden aus der rumänischen Volksrepublik
       weggeführt; bedeutend  verringert wurde die Zahl unserer Truppen.
       die sich  im Einklang  mit den  bestehenden Abkommen in der Deut-
       schen Demokratischen  Republik, in der Volksrepublik Polen und in
       der Ungarischen Volksrepublik befinden.
       Ich möchte  den Deputierten  des Obersten  Sowjets darlegen,  wie
       sich der zahlenmäßige Bestand unserer Streitkräfte in den letzten
       mehr als 30 Jahren verändert hat.
       Nach der Beendigung des Bürgerkriegs demobilisierte die Sowjetre-
       gierung den  Hauptbestand der Armee und nahm deren Reorganisation
       vor. Als  Ergebnis befanden  sich im Jahre 1927 in den Reihen der
       Roten Armee  und der Kriegsflotte 586 000 Mann. Das war in gewis-
       sem Maße  durch die  Umstände der internationalen Lage jener Zeit
       bestimmt.
       Die Aggression  des japanischen Imperialismus im Fernen Osten und
       die faschistische Machtübernahme in Deutschland waren die Ursache
       der Vergrößerung unserer Streitkräfte, die bis zum Jahre 1937 auf
       1 433 000 Mann gebracht wurde.
       Danach, in  Anbetracht des  Beginns des  zweiten Weltkriegs,  der
       eine unmittelbare  Gefahr des  Überfalls auf die Sowjetunion sei-
       tens Hitlerdeutschlands  schuf, wurden  unsere Streitkräfte  noch
       vergrößert und  erreichten bis  zum Jahre  1941  die  Stärke  von
       4 207 000 Mann.
       Der wortbrüchige  Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion
       und der ausgebrochene vierjährige blutige Krieg nötigten uns, un-
       sere Streitkräfte bis Mai 1945 auf 11 365 000 Mann zu bringen.
       Durch die  gleich nach  Kriegsende durchgeführte  Demobilisierung
       wurde die  Zahl der Streitkräfte der UdSSR bis 1948 auf 2 874 000
       Personen reduziert. Die Sowjetunion nahm eine bedeutende Reduzie-
       rung ihrer  Streitkräfte vor, in der Hoffnung, daß die Westmächte
       sich von  den Ideen  der Erhaltung  des Friedens  und der Freund-
       schaft leiten lassen und die zwischen den Ländern der Antihitler-
       koalition entstandenen  Beziehungen festigen würden. Unsere Hoff-
       nungen gingen jedoch nicht in Erfüllung.
       Infolge der  Bildung des  Nato-Blocks im  Westen und  der Erpres-
       sungsversuche mit  der Atombombe  zu einer  Zeit, da wir sie noch
       nicht besaßen,  sah sich die Sowjetunion gezwungen, zur Festigung
       der Verteidigung  für den  Fall einer  Provokation die  Zahl  der
       Streitkräfte zu  erhöhen, die  sich im  Jahre 1955  auf 5 763 000
       Mann beliefen.
       Im weiteren  wurden die Streitkräfte, wie ich bereits berichtete,
       in der  Zeit von  1955-1958 um  2 140 000 Personen  reduziert und
       weisen jetzt einen Stand von 3 623 000 Mann auf.
       Soweit die  Angaben über  den  Stand  der  Streitkräfte  der  So-
       wjetunion in den letzten Jahrzehnten.
       
       Ein neuer Vorschlag auf Reduzierung
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       der Streitkräfte der Sowjetunion
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       Genossen Deputierte!  Die Sowjetregierung  unterbreitet heute dem
       Obersten Sowjet einen Vorschlag auf eine neue bedeutende Reduzie-
       rung der Streitkräfte der UdSSR. Wir halten es für möglich, diese
       Reduzierung, ebenso wie früher, einseitig und unabhängig vom Ver-
       lauf der Erörterung des Abrüstungsproblems im Zehnerausschuß oder
       in anderen internationalen Körperschaften durchzuführen.
       Der Ministerrat  der UdSSR  unterbreitet Ihnen zur Erörterung und
       Bestätigung  den   Vorschlag,  unsere   Streitkräfte  um  weitere
       1 200 000 Mann zu reduzieren. Wenn der Oberste Sowjet diesen Vor-
       schlag annimmt,  dann werden unsere Armee und unsere Kriegsflotte
       2 423 000 Mann aufweisen.
       Die Stärke  unserer Streitkräfte  wird somit unter dem Stand lie-
       gen, der  in den von den Vereinigten Staaten von Amerika, England
       und Frankreich  bei der  Erörterung des  Abrüstungsproblems  1956
       eingebrachten Vorschlägen  genannt wurde.  In diesen  Vorschlägen
       war für  die UdSSR  und die  USA ein  Niveau der Streitkräfte von
       2 500 000 Mann vorgesehen. Wir erklärten uns mit diesem Vorschlag
       einverstanden und  brachten ihn  auch unsererseits  mehrere  Male
       ein, wobei  wir selbstverständlich  davon ausgingen, daß dies le-
       diglich der  erste Schritt  zur Reduzierung der Streitkräfte sein
       wird. Unter  anderem nannten wir diese Zahlen in den Vorschlägen,
       die die  Sowjetregierung der  UNO-Vollversammlung im  Herbst 1956
       eingebracht hatte.  Seither sind  mehr als  drei Jahre vergangen,
       eine Verständigung  in dieser Frage zu erzielen, ist jedoch nicht
       gelungen. Nunmehr  wird der  Vorschlag eingebracht, eine Reduzie-
       rung der  Streitkräfte auf  ein niedrigeres Niveau durchzuführen;
       das tun  wir selbst,  ohne Verzögerung,  ohne Vergeudung von Zeit
       und Energie  und ohne  die Nerven zu strapazieren, wie das in den
       unendlichen Debatten  mit unseren  Partnern über  die Abrüstungs-
       frage geschieht.
       Wir bringen  die Überzeugung zum Ausdruck, daß die Genossen Depu-
       tierten den  Vorschlag, den die Regierung der Tagung des Obersten
       Sowjets der  UdSSR zur  Prüfung unterbreitet,  allseitig erörtern
       und die  Beweggründe richtig verstehen werden, von denen sich das
       Zentralkomitee der Kommunistischen Partei und die Sowjetregierung
       dabei leiten lassen.
       Jeder sowjetische  Bürger, und  um so  mehr der vom Volk gewählte
       Deputierte des  Obersten Sowjets, sorgt sich vor allem um die Si-
       cherheit seiner  Heimat, um  die Wahrung der Errungenschaften der
       Revolution und  die Gewährleistung  des erfolgreichen Aufbaus des
       Kommunismus in unserem Lande. Die erste Frage, die sich im Zusam-
       menhang mit  den eingebrachten  Vorschlägen ergibt, ist daher die
       Frage, ob die Verteidigungskraft unseres Landes nach Durchführung
       der vorgeschlagenen Maßnahmen genügen wird? Warum beantworten wir
       zu einer  Zeit, da  unsere Feinde  noch nicht einmal den Ausdruck
       "Politik der  Stärke" ad  acta gelegt  haben,  nicht  Stärke  mit
       Stärke, sondern reduzieren wir Armee und Flotte und folglich auch
       die Rüstungsausgaben?  Wie ist  das zu  erklären? Legen wir nicht
       gewisse Sorglosigkeit  in bezug auf die Sicherheit unseres Landes
       an den Tag?
       Wir haben diese Frage ausführlich und allseitig studiert, uns mit
       Militärs und  mit dem  Generalstab beraten und antworten, ohne zu
       zögern: unsere Verteidigung wird vollauf genügen, und wir berück-
       sichtigen alles real.
       Welche Tatsachen  gibt es,  um diese Berechnungen zu erhärten und
       einen so  verantwortlichen Entschluß  zu fassen? Welche Tatsachen
       gibt es  dafür, daß die Deputierten diesen Beschluß in der festen
       Überzeugung fassen  können, daß er der Verteidigungskraft unseres
       Landes keinen Schaden zufügt?
       Unsere Überzeugung  von der  Richtigkeit der vorgeschlagenen Maß-
       nahmen beruht  darauf, daß  die Sowjetunion die Periode einer nie
       dagewesenen stürmischen  Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft
       durchmacht. Sie beruht auf der unerschütterlichen moralischen und
       politischen Einheit  der sowjetischen  Gesellschaft. Die sowjeti-
       schen Wissenschaftler, Ingenieure und Arbeiter haben die Möglich-
       keit gewährleistet,  unsere Armee mit solchen Waffen auszurüsten,
       die den  Menschen bisher unbekannt waren: mit Atom-, Wasserstoff-
       raketen und  anderen modernen  Waffen.  Die  Entwicklung  unserer
       Wirtschaft und  die Errungenschaften  des wissenschaftlichen  und
       technischen Gedankens sind es, die die Voraussetzungen geschaffen
       haben, um eine Reduzierung der Streitkräfte vorzunehmen. Außerdem
       berücksichtigen wir  die Festigung und des Wachstum des mächtigen
       sozialistischen Lagers,  das eine  sichere Bastion  des  Friedens
       ist.
       Als Ergebnis  des Triumphs  der Leninschen Ideen, des Aufbaus des
       Sozialismus und  der erfolgreichen weiteren Entfaltung des kommu-
       nistischen Aufbaus  schreitet unser  Land jetzt in jeder Hinsicht
       voran: auf  dem Gebiet der Wirtschaft, bei der Hebung des Lebens-
       standards der  Werktätigen, in  der Entwicklung von Wissenschaft,
       Technik und  Kultur. Auf  der Basis  dieser Erfolge  haben unsere
       Wissenschaftler, Ingenieure  und Arbeiter  der Verteidigungsindu-
       strie neue  modernste Waffen entwickelt, die dem letzten Wort von
       Wissenschaft und  Technik entsprechen.  Das gibt uns die Möglich-
       keit, eine Reduzierung der Streitkräfte ohne Schaden für die Ver-
       teidigungskraft des Landes vorzunehmen.
       Gestatten Sie  mir, Genossen Deputierte, in Ihrem Namen, im Namen
       der Sowjetregierung  und des  Zentralkomitees der Kommunistischen
       Partei  der  Sowjetunion,  allen  Wissenschaftlern,  Ingenieuren,
       Technikern und  Arbeitern, allen  jenen aufrichtigsten Dank abzu-
       statten, die  ihr ganzes Wissen, ihre Arbeit für das Wohl unserer
       Heimat, für die Festigung ihrer Macht eingesetzt haben.
       Die Partei,  die Regierung  und das ganze sowjetische Volk danken
       herzlichst den  Wissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern und Ar-
       beitern, dank  deren Wissen und Arbeit große Erfolge bei der Ent-
       wicklung der  Atom- und Wasserstoffwaffen, der Raketentechnik und
       aller andern  Mittel erzielt wurden, die es gestatteten, die Ver-
       teidigungskraft unseres  Landes so  zu steigern, daß sich uns die
       Möglichkeit bietet,  jetzt eine  weitere Reduzierung  der Streit-
       kräfte vorzunehmen.
       Die Sowjetunion hat die erforderliche Menge von Atom- und Wasser-
       stoffwaffen angehäuft. Solange noch kein Abkommen über das Verbot
       der Kernwaffen  erzielt ist,  sind wir gezwungen, ihre Produktion
       fortzusetzen. Natürlich  müssen wir für diese Zwecke keine gerin-
       gen Mittel  verausgaben. Vorderhand  können wir  aber noch  nicht
       ganz auf  die Produktion  der Kernwaffen  verzichten: ein solcher
       Beschluß muß  das Ergebnis  eines Abkommens der Staaten sein, die
       Kernwaffen besitzen.
       Unser Staat  verfügt über  eine  machtvolle  Raketentechnik.  Die
       Luftwaffe und die Kriegsflotte haben bei der heutigen Entwicklung
       der Kriegstechnik ihre frühere Bedeutung eingebüßt. Diese Waffen-
       gattung wird nicht reduziert, sondern ersetzt. Die Luftwaffe wird
       fast ganz  durch Raketentechnik ersetzt. Wir haben jetzt die Her-
       stellung von  Bombern und anderer veralteter Technik rapid einge-
       schränkt und  werden augenscheinlich eine weitere Reduzierung und
       sogar Einstellung  dieser Produktion  vornehmen. Große  Bedeutung
       gewinnt in  der Kriegsflotte  die U-Bootflotte, während die Über-
       wasserschiffe schon  nicht mehr die Rolle spielen können, die sie
       in der Vergangenheit gespielt haben.
       Die Streitkräfte  sind bei  uns in  bedeutendem Maße mit Raketen-
       und Kernwaffen  ausgerüstet. Wir  vervollkommnen diese Waffen und
       werden sie auch weiterhin bis zu ihrem Verbot vervollkommnen.
       Das Zentralkomitee  der Kommunistischen  Partei und die Sowjetre-
       gierung können  Ihnen, Genossen  Deputierte, berichten,  daß  die
       Waffe, die wir bereits besitzen, eine furchtgebietende Waffe ist,
       daß aber  das, was  jetzt sozusagen direkt vor der Fertigstellung
       steht, noch  vollkommener und  furchtbarer sein wird. Die Waffen,
       die entwickelt  werden und  sich, wie  man sagt, in der Mappe der
       Wissenschaftler und  Konstrukteure befinden, sind ganz unglaubli-
       che Waffen.
       Sie alle,  Genossen Deputierte,  werden wohl  damit einverstanden
       sein, daß  man jetzt  die Frage der Stärke der Armee nicht so be-
       trachten darf wie noch vor einigen Jahren. Es genügt der Hinweis,
       daß die  zahlenmäßige Stärke  der Streitkräfte  in unserem  Lande
       seit 1955  um ein  Drittel reduziert  wurde, ihre Feuerkraft aber
       dank der  Einführung und  der Entwicklung der Kriegstechnik neue-
       ster Art in derselben Zeit um ein vielfaches gestiegen ist.
       Heutzutage wird  die Verteidigungskraft  des Landes nicht dadurch
       bestimmt, wieviele Soldaten bei uns unter Waffen stehen, wieviele
       Menschen den Soldatenmantel tragen. Abgesehen von den allgemeinen
       politischen und  wirtschaftlichen Faktoren,  über die ich bereits
       gesprochen habe, hängt die Verteidigungsfähigkeit eines Landes in
       entscheidendem Maße  davon ab, über welche Feuerkraft und Zubrin-
       germittel das jeweilige Land verfügt.
       Die  vorgeschlagene   Reduzierung  wird  die  Feuerkraft  unserer
       Streitkräfte keineswegs  schwächen, und das ist doch die Hauptsa-
       che. Im  Grunde genommen  halten ja die Staaten ihre Armeen dazu,
       eine entsprechende  Feuerkraft zu besitzen, die einem eventuellen
       Gegner Widerstand  leisten und ihn von einem Angriff zurückhalten
       oder ihm eine entsprechende Abfuhr erteilen könnte, wenn er einen
       Überfall versuchen sollte.
       Die Sowjetarmee  verfügt heute  über Kampfmittel  und eine Feuer-
       kraft, wie  keine Armee  je besessen hat. Ich unterstreiche noch-
       mals, daß wir bereits soviele Kernwaffen-, Atom- und Wasserstoff-
       waffen sowie die entsprechenden Raketen zum Zubringen dieser Waf-
       fen auf  das Territorium des eventuellen Aggressors besitzen, daß
       wir, wenn  irgendein Wahnsinniger einen Angriff auf unseren Staat
       oder auf  die anderen sozialistischen Staaten auslösen würde, das
       Land oder  die Länder, die uns überfallen haben, buchstäblich dem
       Erdboden gleichmachen könnten.
       Jeder nüchtern  denkende Mensch  versteht gut,  daß die Atom- und
       Wasserstoffwaffen die größte Gefahr für Länder mit starker Bevöl-
       kerungsdichte bilden.  Im Falle  des Ausbruchs  eines neuen Welt-
       krieges würden  selbstverständlich in der einen oder anderen Form
       alle Länder  zu Schaden kommen. Wir würden ebenfalls große Leiden
       zu ertragen  haben, es  gäbe bei uns viele Opfer, aber wir werden
       es überleben,  unser Territorium  ist riesig  und die Bevölkerung
       weniger in großen Industriezentren konzentriert als in vielen an-
       deren Ländern.  Der Westen  würde unvergleichlich mehr in Mitlei-
       denschaft gezogen  werden. Wenn die Aggressoren einen neuen Krieg
       entfesseln, dann  wird er  nicht nur  ihr letzter  Krieg, sondern
       auch der  Untergang des Kapitalismus sein, denn die Völker werden
       klar erkennen,  daß der Kapitalismus eine Quelle des Krieges ist,
       und sie  werden diese Ordnung, die der Menschheit Leid und Unheil
       bringt, nicht länger dulden.
       Wenn man  all dies  berücksichtigt, dann  können sich die Sowjet-
       menschen ruhig  und sicher fühlen: die moderne Bewaffnung der So-
       wjetarmee gewährleistet vollauf die Unbezwingbarkeit unseres Lan-
       des.
       Unbezwingbarkeit ist  natürlich ein  ziemlich relativer  Begriff.
       Man darf  doch nicht  vergessen, daß  unsere Gegner  - und einige
       Staaten nennen  sich selbst  unsere Gegner  - ohne ihre militäri-
       schen und  politischen Ziele  zu  verheimlichen,  nicht  auf  der
       Stelle treten  werden. Wenn diese Staaten heute noch keine solche
       Mengen von  Raketen besitzen wie wir, und ihre Raketen auch weni-
       ger vollkommen  sind, so  haben sie  doch die Möglichkeit, diesen
       zeitweiligen Rückstand  aufzuholen, ihre  Raketentechnik zu  ver-
       vollkommnen und uns vielleicht früher oder später einzuholen.
       Die USA  zum Beispiel  haben sich  die Aufgabe  gestellt, die So-
       wjetunion im  Laufe von  fünf  Jahren  in  der  Raketenproduktion
       einzuholen. Sie  werden sich natürlich alle Mühe geben, die Rake-
       tentechnik aus dem Zustand herauszubringen, in dem sie sich jetzt
       befindet, und  eine bessere  Lage zu erreichen. Es wäre aber naiv
       zu denken,  daß wir  in dieser  Zeit die Hände in den Schoß legen
       werden. In  den USA  selbst sagen  ja die Leute: Nun, werden denn
       die Russen abwarten und Würfel spielen?
       Wir werden  natürlich alles tun, um die von uns gewonnene Zeit in
       der Entwicklung  der Raketenwaffen  auszunützen und, solange kein
       internationales Abkommen in der Abrüstungsfrage erreicht ist, auf
       diesem Gebiet führend sein.
       Es drängt  sich jedoch  folgende Frage  auf: wenn die Möglichkeit
       nicht ausgeschlossen  ist, daß uns einige kapitalistische Staaten
       auf dem  Gebiet der  modernen Waffen  einholen können, können sie
       uns dann  nicht hinterlistig als erste überfallen, um den Überra-
       schungsfaktor des  Überfalls mit  einer so gefährlichen Waffe wie
       der Raketen- und Atomwaffe auszunutzen und so ein Übergewicht zur
       Gewährleistung des Sieges zu erlangen?
       Nein. Die  modernen Mittel  der Kriegsführung  geben keiner Seite
       solche Vorzüge.  Man kann  als erster  einen Angriff unternehmen,
       dafür braucht  man nicht  viel Verstand, eher Unvernunft, und wir
       legen uns  natürlich Rechenschaft  darüber ab, daß einige unserer
       voraussichtlichen Gegner dazu geneigt sind. Nicht selten kann man
       beobachten, daß die Anhänger der "Politik der Stärke" bald in dem
       einen, bald  in dem  anderen Land Hitzigkeit und Eifer an den Tag
       legen, obwohl  doch Hitlers  "Lorbeeren", wie  man meinen sollte,
       auf sie abkühlend wirken müßten. Augenscheinlich ist aber das Be-
       wußtsein dieser  Persönlichkeiten dermaßen  getrübt, daß  sie die
       ernsten Lehren der Geschichte vergessen haben.
       Doch nehmen  wir einmal an, es würde irgendeinem Staat oder einer
       Staatengruppe gelingen,  einen plötzlichen Angriff auf eine Macht
       vorzubereiten und durchzuführen, die über Kern- und Raketenwaffen
       verfügt. Aber  könnte die  angreifende Seite,  sogar wenn man für
       einen Moment  annimmt, daß  es ihr  gelingt, einen überraschenden
       Schlag zu  führen, mit  einem Mal  alle Vorräte an Kernwaffen und
       alle raketentechnischen  Anlagen auf dem Territorium des überfal-
       lenen Staates vernichten? Natürlich nicht. Der plötzlich überfal-
       lene Staat  wird, allerdings  vorausgesetzt, daß es sich um einen
       genügend großen  Staat handelt,  immer die Möglichkeit haben, dem
       Aggressor eine gebührende Abfuhr zu erteilen.
       Wir berücksichtigen, daß sich rund um unser Land ausländische Mi-
       litärstützpunkte befinden.  Wir verteilen  daher unsere  Raketen-
       technik so,  daß eine doppelte und dreifache Sicherung gewährlei-
       stet ist.  Das Territorium unseres Landes ist riesengroß, wir ha-
       ben die Möglichkeit, die Raketentechnik zu zerstreuen und sie gut
       zu tarnen.  Wir schaffen  ein solches System, daß man immer, wenn
       die einen für den Gegenschlag bestimmten Mittel außer Gefecht ge-
       setzt sind,  die zweite  Garnitur einsetzen und die Ziele von Er-
       satzstellungen aus treffen kann.
       Das alles genügt vollauf, um auf jeden Menschen mit normaler Psy-
       che, auf  Menschen, die  für ihre Handlungen vor den Völkern ver-
       antwortlich und  um deren  Schicksal besorgt sind, ernüchternd zu
       wirken. Für  Wahnsinnige kann  man natürlich nicht bürgen; solche
       gab es  immer und  wird es  wahrscheinlich auch in Zukunft geben.
       Man darf nur nicht vergessen, daß, wenn auch in der Vergangenheit
       der Machtantritt  solcher Irrsinniger zu blutigen Kriegen geführt
       hat, dies jetzt ein mit nichts zu vergleichendes Unglück wäre.
       Wie die  Mutter beim  Verlassen des  Hauses dafür sorgt, daß kein
       Brennmaterial, keine  Streichhölzer oder  elektrischen Geräte  in
       die Hände  eines unvernünftigen  Kindes gelangen,  das, ohne sich
       dessen bewußt  zu sein, dem Haus und der Stadt gewaltiges Unglück
       zufügen kann, so müssen die Völker dafür sorgen, daß in Regierun-
       gen, Parlamenten  und anderen  Stellen, von  denen die Gewährlei-
       stung des Friedens abhängt, keine Menschen kommen, die sich wahn-
       witzige verbrecherische  Ziele stellen.  Es ist große Wachsamkeit
       der Völker  geboten, um  Wahnsinnige nicht die Raketen- und Kern-
       waffen gegen  die Menschheit  verwenden zu  lassen, solange keine
       Lösung für  die Frage  der totalen  und allgemeinen Abrüstung und
       folglich der Vernichtung aller Kriegsmittel gefunden ist.
       

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