Quelle: Blätter 1960 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       EIN EXEMPLARISCHER BRIEFWECHSEL
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       Werner Dietz                    Hamburg-Blankenese, den 11.2.1960
                                       Strandweg 61
       An
                Blätter für Deutsche und Internationale Politik,
                                       Köln,
                                       Barbarossaplatz 2
       
       Seit einigen Monaten haben Sie meiner Frau Elisabeth Dietz Probe-
       nummern Ihrer  ausgezeichneten Zeitschrift  zugesandt, wofür  wir
       Ihnen bestens danken.
       Wenn wir die Zeitschrift im Augenblick nicht bestellen können, so
       liegt das  daran, daß  ich selbst seit Jahren vergeblich um meine
       Wiedergutmachung kämpfe.  Der ganze  Komplex, speziell  in meinem
       Fall, ist  so ungeheuerlich,  daß ein  bekannter Abgeordneter der
       SPD ihn  kürzlich als den "tollsten Skandal" bezeichnete, der ihm
       in Wiedergutmachungssachen je zu Ohren gekommen sei.
       Nun, ich  selbst wundere  mich darüber  nicht, da  mir ja bekannt
       ist, daß  heute in allen Ämtern in der Bundesrepublik und auch in
       den W.-G.-Ämtern die braunen Gangster wieder am Ruder sind.
       Vielleicht interessiert Sie in diesem Zusammenhang der anliegende
       Schriftwechsel, da ich auch Ihre Zeitschrift darin erwähnt habe.
       Sobald ich  dazu in  der Lage bin, werde ich Ihre Zeitschrift be-
       stellen, da sie hervorragende Artikel enthält.
       Ich bedauere,  Ihnen heute  keinen anderen Bescheid geben zu kön-
       nen, und zeichne
                                  mit vorzüglicher Hochachtung:
                                       gez. Werner Dietz
       
                                    ***
       
       Abschriften
       -----------
       
       Hamburger Abendblatt, Nr. 27/60 vom 2. Februar 1960, S. 2.
       (Leserbriefe)
                             Maßlose Entstellungen
       Ich habe  viele Freunde im Ausland und bekam jetzt von einem Ame-
       rikaner aus  Hollywood einen  Brief, der  mir doch sehr zu denken
       gab. Es heißt da u.a.:
       "Seit Wochen ist hier eine Hetze gegen Deutschland im Gange, fast
       so stark  wie während  des Krieges. Z.B. ist in unserer Genossen-
       schaft von  einigen hundert Mitgliedern eine Europareise geplant,
       aber der  Besuch Deutschlands  wurde einstimmig  aus dem Programm
       gestrichen, denn  es seien dort wieder viele SS- und SA-Leute auf
       den höchsten  Posten. Der  Verkaufsstelle und  Reparaturwerkstatt
       der V.W.,  die bisher  40 Leute beschäftigte, wurden 70% der Auf-
       träge storniert,  so daß jetzt nur noch 9 Leute beschäftigt sind.
       Es gibt Austauschstudenten hier, die bei mir klagten, es wäre auf
       der Hochschule  wegen der  Hetze nicht  auszuhalten. Weil sie mir
       leid taten,  telefonierte ich  als Amerikaner  mit dem  Direktor.
       Dieser gab  mir den  dringenden Rat, den Studenten zuzureden, für
       geraume Zeit  die Hochschule  nicht zu besuchen. Das habe ich na-
       türlich abgelehnt  und den  Direktor gebeten,  doch seinen ganzen
       Einfluß geltend  zu machen,  die Angelegenheit  mit den deutschen
       Studenten wieder ins Gleichgewicht zu bringen."
       Soweit der Amerikaner als Briefschreiber. Besteht für uns hier in
       der Heimat  nicht eine große Verpflichtung, das Ausland noch mehr
       darüber aufzuklären, was an diesen Gerüchten Wahrheit und was Un-
       wahrheit ist?
                                            Hochachtungsvoll!
                                            Frau Leni Riesenberg,
                                            Reinbek b. Hamburg
       
                                    ***
       
                                         Hamburg-Blankenese, den 7.2.60
       
       An
                     Frau Leni Riesenberg, Reinbek b. Hamburg.
       Sehr geehrte  Frau Riesenberg!  Mit Interesse  nahm ich von Ihrem
       Eingesandt im  "Hamburger Abendblatt"  vom 2. d.M. Kenntnis. Auch
       ich kann  Ihren Zusatz,  daß für uns eine große Verpflichtung be-
       steht, das  Ausland aufzuklären,  voll und  ganz  unterschreiben.
       Nur, daß  vielleicht die  Ansichten über  das, was  Wahrheit, und
       das, was Unwahrheit ist, sich nicht immer decken.
       Da ich  diesbezüglich etwas  anderer Auffassung  bin, füge ich in
       der Anlage  Abschrift eines  Schreibens (im  Auszug) bei, welches
       ich gerade an Verwandte in den USA gerichtet habe.
                                            Hochachtungsvoll!
                                            Werner Dietz,
                                            Hamburg-Blankenese,
                                            Strandweg 61
       
                                    ***
       
       Der o.a.  Auszug eines Schreibens von mir an Verwandte in den USA
       vom 6.2.60 lautet:
       ...Deinem Brief  entnahmen wir, daß Du auf Deinem letzten Europa-
       Trip Italien,  Spanien, Marokko  usw. bereist hast, aber nicht in
       Westdeutschland warst.  Wir haben  das natürlich  sehr  bedauert,
       denn wir  hätten natürlich gern mal wieder ein paar Tage mit Euch
       zusammen geplaudert,  zumal P.  nun in  nächster Zeit  nicht nach
       N.Y. kommt.  Aber ich  muß sagen, ich habe volles Verständnis da-
       für, daß Ihr Eure Dollars jetzt nicht nach hierher tragt, so, wie
       die Verhältnisse hier liegen!
       Mit gleicher  Post sende  ich Euch  die Beilage  der "Blätter für
       Deutsche und  Internationale Politik"  vom Januar  1960 über  den
       Fall Heyde-Sawade.  Daraus geht  hervor, daß "im nationalsoziali-
       stischen Naturschutzpark  der Bundesrepublik, Schleswig-Holstein"
       ein Massenmörder von hohen und höchsten Stellen gedeckt wurde!
       In dem  gleichfalls beigefügten  Leitartikel Friedländers aus dem
       "Hamburger Abendblatt"  vom 6.  d.M. geht  hervor, daß  der  Fall
       Oberländer sich  sogar in CDU-Kreisen allmählich zum Skandal aus-
       wächst, wenn  man natürlich  auch nicht wahr haben möchte, daß es
       die DDR war, die monatelang mit einem Trommelfeuer der Enthüllun-
       gen über diesen Nazi aufgewartet hat!
       Im letzten  "Spiegel", den Ihr ja regelmäßig bekommt, steht eben-
       falls das  amerikanische Interview  mit dem  "SA-Mann  Schröder",
       einen Fall, den ebenfalls Friedländer in seinem Artikel "Die obe-
       ren Zweihundert" anführt!
       In Stuttgart  veranstaltet der  Sozialistische Studentenbund eine
       Ausstellung, in  der ungeheuerliches Material veröffentlicht wird
       von Nazi-Blutrichtern,  die heute  in  der  Bundesrepublik  tätig
       sind, z.T. sogar in höchsten Ämtern!
       Nationalsozialistischen Verbrechern  wird für  ihre Tätigkeit vom
       heutigen Staat eine hohe Pension gezahlt, selbstverständlich auch
       den Hinterbliebenen  von Massenmördern!  Wie Euch ja bekannt ist,
       erhält z.B.  die Witwe  eines der größten Massenmörder aller Zei-
       ten, Heydrich, eine Pension!
       Selbstverständlich ist  es klar,  daß dann unter diesen Umständen
       keine Gelder  da sind,  um den  Opfern dieser Verbrecher auch nur
       eine lächerliche  Entschädigung zu zahlen. Alle Behauptungen dar-
       über sind nur Propaganda, wie ich am eigenen Leibe erfahren habe.
       Obgleich ich  schon seit  1931 aktiv und unter Lebensgefahr gegen
       die braunen  Gangster gekämpft habe und obgleich sich sogar unser
       Bürgermeister, der  ja auch  in den USA kein Unbekannter ist, für
       mich eingesetzt  hat, erhalte  ich nicht nur keine Entschädigung,
       sondern: Weil ich gegen die braunen Verbrecher gekämpft habe, er-
       halte ich heute nicht einmal meine Angestellten-Rente!
       Alle diese  Ungeheuerlichkeiten  s i n d  d i e  W a h r h e i t,
       alles andere  ist blauer  Dunst, und  deshalb ist es wichtig, daß
       dies immer  wieder in  den USA, und darüber hinaus auch in Canada
       usw., verbreitet wird...
       

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