Quelle: Blätter 1960 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       ERKLÄRUNG
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       anläßlich der gewaltlosen Aktion am 6. Februar 1960 vor der fran-
       zösischen Botschaft in Bad Godesberg gegen den geplanten Atombom-
       benversuch in  der Sahara  und gegen  die nachgewiesenermaßen von
       der französischen Armee als Kriegsmaßnahmen in Algerien angewand-
       ten Folterungen.
       
       An S. Exzellenz
       M. François Seydoux
       Französischer Botschafter bei der
       Regierung der Bundesrepublik Deutschland
       
                              Exzellenz,
       wenn wir  uns mit  dieser Erklärung  den Gewaltlosen anschließen,
       die vor Ihnen als dem offiziellen Vertreter der französischen Re-
       gierung gegen  den geplanten  Atombombenversuch in der Sahara und
       gegen die in Algerien angewandten Folterungen protestierten, bit-
       ten wir  Sie zu  bedenken, daß  wir diesen  Schritt mit blutendem
       Herzen tun.
       Als  Professoren   der  romanischen  Philologie  lieben  wir  das
       Frankreich der  großen Christen der Caritas wie eines hl. Vinzenz
       von Paul, der großen Philosophen der liberalen Demokratie wie ei-
       nes Montesquieu,  der großen  humanitären Denker,  Gelehrten  und
       Künstler wie  eines Montaigne,  Pasteur und  Daumier, der  großen
       Kämpfer für  die Gerechtigkeit  wie eines  Voltaire und Zola, der
       großen Streiter  für den  Frieden wie eines Abbé de Saint-Pierre,
       Rolland und Schweitzer. Mit größtem Schmerz sehen wir dieses gei-
       stige Frankreich - das für eine große Zahl der besten Geister der
       Menschheit etwas wie eine Wahlheimat ist - von einer Regierung im
       Stich gelassen,  die Foltern  anwenden läßt, - was einem Voltaire
       verabscheuenswert wäre  - und die eine Atombombenexplosion vorbe-
       reitet -  die Pasteur, wenn er noch lebte, zweifellos als Verbre-
       chen gegen die Menschheit bezeichnen würde und gegen die der Erz-
       bischof von  Cambrai, Monseigneur  Guerry, und  der berühmte exi-
       stentialistische Philosoph Gabriel Marcel mit 350 weiteren intel-
       lektuellen Persönlichkeiten Frankreichs protestiert haben.
       Wir erklären,  daß wir  in unserer akademischen Lehrtätigkeit dem
       besseren Frankreich  treu bleiben  werden, von dem das offizielle
       Frankreich abweicht.
       Wir bitten  Eure Exzellenz,  unseren  Protest  dem  französischen
       Staatschef, Herrn General de Gaulle, zu übermitteln, der in Anbe-
       tracht seiner  erweiterten Machtbefugnisse für die oben genannten
       Handlungen nicht  nur vor  seiner Nation,  sondern auch  vor  der
       Menschheit und der Geschichte persönlich verantwortlich ist.
       Mit dem Ausdruck unserer vorzüglichen Hochachtung
                                         Franz Rauhut, Würzburg
                                         Hans Rheinfelder, München
                                         Erich Köhler, Heidelberg
       

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