Quelle: Blätter 1960 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       HAT DAS DEUTSCHE VOLK EINE GÖTTLICHE MISSION?
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       Absichtlich habe  ich bis  jetzt gezögert, bevor ich diese Zeilen
       schrieb. Ich wollte abwarten, ob nicht die  C h r i s t l i c h -
       Demokratische   Union zu der Frage Stellung nehmen würde: Hat das
       deutsche Volk  eine göttliche Mission? Anscheinend bleibt es aber
       dem Ausland vorbehalten, gegen die Erklärung zu protestieren, die
       Dr. Adenauer  am 22.  Januar d.J.  vor dem Papst in Rom abgegeben
       hat. Immer wieder wird diese Erklärung in ausländischen Zeitungen
       mit großer  Beunruhigung erwähnt, und zwar nicht nur in Zeitungen
       der östlichen,  sondern auch  der westlichen  Nachbarn. Sie  geht
       aber nicht  nur unsere  Nachbarn an,  sondern in erster Linie uns
       selbst, weil  Dr. Adenauer im Vatikan von  u n s  und unserem an-
       geblichen Gottesauftrag  gesprochen hat. Dr. Adenauer erklärte am
       22. Januar d.J. vor dem Papst:
       "Ich glaube,  daß Gott dem deutschen Volk in den jetzigen stürmi-
       schen Zeitläuften  eine besondere  Aufgabe gegeben  hat, Hüter zu
       sein für den Westen gegen jene mächtigen Einflüsse, die vom Osten
       her auf uns einwirken."
       Diese in feierlicher Audienz abgegebene Erklärung ist im Bulletin
       der Bundesregierung 1960, Seite 130, amtlich veröffentlicht.
       Wir stehen  also vor  der Tatsache,  daß Dr. Adenauer sich in der
       Lage fühlt,  Gottes Willen in diesen Zeitläuften zu erkennen, und
       zwar dahingehend, daß Gott "dem deutschen Volk" einen Auftrag ge-
       geben hat.  Dieser Auftrag soll sogar "besonderer" Art sein, näm-
       lich "den Westen" vor dem Osten zu hüten. Das ist eine große Aus-
       sage, die  alle angeht.  Wir aber sind gefragt, ob wir in solcher
       Weise in unserem Namen von uns reden lassen wollen.
       Erstaunen sollte  uns die  Erklärung Dr.  Adenauers nicht. In ihr
       kommt die  CDU-Ideologie nur zu einer längst vorbereiteten Konse-
       quenz. So ließ z. B. der Bundesschatzmeister der CDU, Ernst Bach,
       MdL (Siegen), der sich gern als einen der engsten Mitarbeiter Dr.
       Adenauers bezeichnet, schon 1953 vernehmen:
       "Gott hat  uns mit  Dr. Adenauer  das Werkzeug geschenkt, mit dem
       die Freiheit  des Einzelnen  garantiert, die Einheit Deutschlands
       wiederhergestellt und der Frieden für Deutschland, Europa und die
       Welt gesichert werden kann."
       Von solcher  Vergötterung des  Werkzeugs ist  es nur  ein kleiner
       Schritt zum  göttlichen Auftrag  des Volkes,  das sich mit diesem
       Werkzeug zum  eigenen Heil  und zum Heil der Welt beschenkt sehen
       darf.
       Es ist verständlich, daß Dr. Adenauers vatikanische Erklärung be-
       sonders in Polen verbreitet wird. Der polnische Ministerpräsident
       Cyrankiewicz nannte sie "zynisch, - besonders aus der Perspektive
       des Todeslagers  von Auschwitz".  Man kann  sich vorstellen,  wie
       eifrig kommunistische  Agitatoren insbesondere die nicht kommuni-
       stischen Katholiken  in Polen  mit der  Erklärung  Dr.  Adenauers
       traktieren! Die  Tschechen werden sie auf dem Hintergrund von Li-
       dice hören.  Die Londoner "Times" schreibt, daß Dr. Adenauers Be-
       merkung über  "Deutschlands göttliche Mission" dazu beitrage, die
       öffentliche Meinung  für die sowjetischen Anklagen gegen die Bun-
       desrepublik auch in England empfänglich zu machen.
       Überall erregt  das Wiederaufleben des deutschen Sendungsbewußts-
       eins Unruhe  und Unbehagen. Wie stehen wir selbst dazu? Wie lange
       wollen wir  uns solche Erneuerung einer blanken Nazi-Theologie in
       unser aller Namen gefallen lassen?
       Wir erlebten,  daß Gott sich nicht spotten läßt. Müssen wir schon
       wieder dem  Hochmut verfallen, daß ausgerechnet das deutsche Volk
       - das  ganze oder  diesmal nur  das Volk der Bundesrepublik? - zu
       etwas "Besonderem" berufen sei, um erneut zu erleben, wie solcher
       Hochmut ausgeht und endet?
       Dr. Dr.  Gustav Heinemann  im SPD-Pressedienst  vom  18.  Februar
       1960.
       

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