Quelle: Blätter 1960 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       RUDOLF PIKOLA - EIN NEUER FALL VON "FREIHEIT"
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       In Bayern  hat sich wieder einmal ein "Fall" ereignet, der zeigt,
       wie die  dortige Schulorganisation  unter der Diskrepanz zwischen
       Juristerei und  Realität leidet, wie darüber hinaus aber auch un-
       demokratische Tendenzen  latent vorhanden  sind und  immer wieder
       zum Ausbruch  drängen. Daß sich die Öffentlichkeit dagegen wehrt,
       ist jedoch ein erfreuliches Zeichen.
       In dem  oberbayerischen Ort  Miesbach arbeitet  seit 13 Jahren an
       der dortigen Volksschule Oberlehrer Rudolf Pikola (den Lesern der
       "Blätter" bereits durch zahlreiche Artikel bekannt), der sich ne-
       ben seiner beruflichen Arbeit besonders auch dadurch verdient ge-
       macht hat, daß er 1946, in einer Zeit allgemeiner Not und Verwir-
       rung, die  Volkshochschule aufbaute,  deren Leiter  er heute noch
       ist. Diese  Volkshochschule ist  manchen Leuten ein Dorn im Auge,
       weil an  ihr ein  freier Geist  herrscht. Sie dient nicht nur der
       Wissensvermittlung, sondern  auch der offenen Aussprache über ak-
       tuelle Fragen unserer Gegenwart. Dies und der Umstand, daß Pikola
       aus dem  Bewußtsein für  die Not  und Problematik der Zeit heraus
       Artikel schreibt,  die sich kritisch mit dieser Zeit auseinander-
       setzen, bewirkte,  daß man  schon vor  Jahren versuchte,  ihn von
       Miesbach wegzubringen, was aber mißlang.
       Im November vorigen Jahres erfolgte nun ein neuer Angriff auf ihn
       durch einen  Leserbrief in  der Lokalpresse, in dem ihm auf Grund
       eines Vortrage  von Univ.-Prof.  Dr. Rheinfelder  über Rußland an
       der Miesbacher Volkshochschule "kommunistische Propaganda" vorge-
       worfen wurde.  Gleichzeitig liefen  hinter den  Kulissen die  Be-
       mühungen um seine dienstliche Versetzung, bei der man mit dem Be-
       griff der Konfessioneschule operierte. Obwohl in Bayern 80% aller
       Volksschulen konfessionell  gemischt und  also de  facto  Gemein-
       schaftsschulen sind,  wird die  de jure-Fiktion  der Konfessions-
       schule aufrecht  erhalten, um  den kirchlichen  Einfluß in Schule
       und Lehrerschaft  nicht zu  verlieren. Trotzdem  müssen sich  die
       meisten Lehrer  so verhalten,  als ob sie an einer Gemeinschafts-
       schule arbeiteten,  wenn sie  nicht ein Unrecht an den konfessio-
       nellen Minderheiten in ihren Klassen begehen wollen.
       Der Fall  Pikola zeigt  deutlich, wie  dieser Konflikt sehr reale
       Auswirkungen haben  kann. Der  im Abdruck  wiedergegebene Artikel
       aus der  Süddeutschen Zeitung vom 17. Februar berichtet von einer
       Elternversammlung, die  dazu stattfand,  wobei  die  Elternschaft
       sich in  einer erfreulichen  Weise für ihren Lehrer einsetzte. D.
       Red.
       
       In der  Gaststube des  Brückenwirts versammelten  sich am Montag-
       abend Eltern, deren Kinder die zweite Knabenklasse der Miesbacher
       Volksschule besuchen.  Auf der Tagesordnung stand die "plötzliche
       Versetzung des  Klaßlehrers Rudolf  Pikola" von  der katholischen
       Bekenntnisschule an  eine Gemeinschaftsschule  nach München.  Die
       meisten Eltern  zeigten sich  empört über die Art und Weise, "wie
       man in  den letzten Wochen mit dem 44jährigen Pädagogen, der sich
       ihrer Achtung  und Verehrung  erfreut, umgesprungen"  ist.  Wegen
       seiner erzieherischen Erfolge sei er erst kürzlich zum Oberlehrer
       befördert worden.
       Kein Zweifel:  Pikola ist ein Mann mit eigenen Ansichten. Die Er-
       lebnisse des Zweiten Weltkriegs haben aus ihm einen entschiedenen
       Pazifisten werden lassen, eine Haltung, die ihm heute von manchen
       als prokommunistische  Haltung ausgelegt  wird. Zu  Pikola kommen
       vertrauensvoll die  Mütter und  Witwen, wenn  sie sich  mit ihren
       Kindern keinen  Rat mehr wissen; zu seinen Ausspracheabenden kom-
       men auch  die Väter,  um mit  ihm Fragen  der  Erziehung  zu  be-
       sprechen. Ihn  besuchen seine  Schüler, wenn sie längst Lehrlinge
       sind. Ein  alter Bauer  sagte in  der Elternversammlung  "Wer ein
       Kind bei  dem Pikola  gehabt hat,  der hat  den  Unterschied  des
       früheren und jetzigen Unterrichts gesehen. Sogar aus dem Dümmsten
       hat er  noch was  'rausgeholt." Man  ist sich  einig, Pikola  sei
       Miesbachs bester  Lehrer gewesen.  Schon im  Staatskonkurs war er
       der Beste unter 200 Prüflingen.
       
       Was wird dem Lehrer vorgeworfen?
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       Die Regierung von Oberbayern hat am 14. Januar Pikolas Versetzung
       zum 1.  Februar angeordnet.  Ein Widerspruch des Oberlehrers, dem
       grundsätzlich aufschiebende  Wirkung zukommt,  wurde zurückgewie-
       sen: der sofortige Vollzug sei im öffentlichen Interesse geboten.
       Das Verhalten  Pikolas habe  bei der  katholischen Bevölkerung in
       Miesbach beachtliche  Beunruhigung hervorgerufen. Was wird Rudolf
       Pikola, für  den sich  auch viele  katholische Eltern  einsetzen,
       vorgeworfen? "Seine Ehefrau ist evangelisch. Pikola wurde von ei-
       nem evangelischen  Geistlichen getraut." Dies ereignete sich, als
       der Lehrer 1942 Unteroffizier bei einer Sanitätseinheit war.
       Das Erzbischöfliche  Ordinariat hat  im Vorjahr zwei Schreiben an
       die Regierung  gerichtet, bei Pikola sei sowohl wegen seiner Ehe-
       schließung als  auch wegen  seines Verhaltens in letzter Zeit der
       "Konkordatsfall" gegeben. Dem katholischen Stadtpfarramt in Mies-
       bach seien  Elternbriefe mit  Klagen über  den Lehrer zugegangen.
       Sie enthielten  den Vorwurf, in der Klasse Pikolas werde nur sel-
       ten gebetet, das Kreuzzeichen werde nie gemacht, das Kruzifix sei
       meist durch  eine bewegliche  Tafel verdeckt. Das Ordinariat rügt
       weiter, Pikola  habe vor Jahren auch die Errichtung einer Gemein-
       schaftsschule in  Miesbach propagiert.  Vor allem aber zeigte man
       sich verärgert  über einen  pazifistischen Artikel, den Pikola in
       einer regierungsfeindlichen  Zeitschrift als  fingiertes Gespräch
       zwischen einem Kardinal und einem Rüstungsminister veröffentlicht
       habe. In  dem Beitrag  war von  der "Kriegsbereitschaft als einem
       Postulat christlicher Ethik" die Rede.
       
       "Kardinal Wendel schwer beleidigt"
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       Regierungs-Vizepräsident Panz legt in seiner Versetzungsverfügung
       dar, der  Tatbestand der evangelischen Trauung hätte schon früher
       dazu führen können, Pikola als nicht geeignet anzusehen, an einer
       katholischen Schule Kinder in katholischem Geist zu erziehen. Daß
       das Ordinariat  so lange gewartet habe, müsse als besonderes Ent-
       gegenkommen gewertet  werden. Die  Regierung hat die Vorwürfe-Pi-
       kola sei  seiner Pflicht  zu katholischer  Erziehung  nicht  voll
       nachgekommen -  anscheinend nicht nachgeprüft. Sie hat den Lehrer
       zu den  Anschuldigungen weder  gehört noch zu einer Stellungnahme
       aufgefordert.
       Ausführlich beschäftigt  sich Panz in seiner Entscheidung dagegen
       mit Pikolas  umstrittenem Artikel.  Die Regierung  meint, er habe
       darin Kardinal  Wendel schwer beleidigt. Da es ihm an der Achtung
       vor hochgestellten  katholischen Würdenträgern  fehle, komme eine
       Weiterbeschäftigung für  Pikola an einer katholischen Volksschule
       nicht in  Frage. Weiter heißt es: "Die berechtigte Entrüstung der
       katholischen Elternschaft  könnte Formen annehmen, die dem Unter-
       richt der  an dieser  Schule zu betreuenden Kinder abträglich wä-
       ren."
       Schulrat Laber  hat Pikola, der zur Zeit an einem Herzanfall dar-
       niederliegt, für  die Zukunft das Betreten des Schulhauses verbo-
       ten. Eltern,  welche die  Einberufung einer  Versammlung zum Fall
       Pikolas wünschten,  wurde kein Schulzimmer zugestanden. Daraufhin
       haben die  Eltern fast aller Kinder einen Protestbrief an die Re-
       gierung gerichtet mit der Bitte, die Versetzung rückgängig zu ma-
       chen. Die  Erziehungsmethoden des  Lehrers seien  vorbildlich und
       nach christlichen  Grundsätzen ausgerichtet.  Dieser Brief  blieb
       unbeantwortet.
       Ein anderes Schreiben wurde rasch erledigt: Der CSU-Stadtrat Neu-
       mann, der  der Schulpflegschaft  angehört, bat  die Regierung  um
       eine Ersatzlehrkraft  für Pikola.  Sie sei genehmigt und werde in
       wenigen Tagen  ihre Arbeit  aufnehmen, lautete  die Antwort. Frau
       Loubal, Mitglied  der Schulpflegschaft,  sagte bei der Elternver-
       sammlung im Brückenwirt: Seit langem bemühe man sich um Aushilfs-
       kräfte, da die Rektorstelle seit einem Jahr verwaist ist und meh-
       rere Krankheitsfälle  den Unterricht  lähmten. Bisher hieß es im-
       mer, es  sei kein  Geld vorhanden. "Lieber haben wir noch weitere
       14 Tage die Misere, daß unsere Kinder nur zwei Stunden am Tag un-
       terrichtet werden - aber dann soll der Pikola wiederkommen."
       
       "Hinterhältige Giftpfeile"
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       Kreisjugendamtsleiter Nürnberger  meinte, Pikola  hätte sich mehr
       zurückhalten müssen;  er sei  an seiner Versetzung selber schuld.
       Ein anderer Vater sagte dagegen: "Wir müssen etwas tun, um unsere
       Lehrer so zu schützen, daß sie nicht von hinterhältigen Giftpfei-
       len abgeschossen werden können." Mit 40 gegen 5 Stimmen wurde so-
       dann eine  Resolution der  überwiegend katholischen  Elternschaft
       angenommen, in  der die  Rückkehr Pikolas nachdrücklich gefordert
       wird. Es  wird darauf  hingewiesen, daß  die zweite  Knabenklasse
       konfessionell gemischt ist und daß Pikola deshalb unter allen Um-
       ständen gezwungen  gewesen sei,  sich wie  ein  Lehrer  an  einer
       christlichen Gemeinschaftsschule  zu verhalten.  Das habe er auch
       getan.
       Die Formulierung  "Hinterhältige Giftpfeile" bezog sich auf einen
       Leserbrief in  der Ortspresse,  mit dem der Kampf gegen Pikola im
       November offenbar  eröffnet werden sollte. Ein Handelslehrer kri-
       tisierte nach  einem Vortrag  des Münchner  Romanisten  Professor
       Rheinfelder über  seine Rußlandreise,  der Leiter  der Miesbacher
       Volkshochschule scheine  bemüht, insgeheim  im Sinne der kommuni-
       stischen Partei  zu arbeiten,  indem er  die Hörer eifrig schule:
       von der Kriegsdienstverweigerung bis zur marxistischen Ideologie.
       Durch eine  Veröffentlichung ihrer  Semesterpläne hat  die Volks-
       hochschule inzwischen  die Unhaltbarkeit dieser Vorwürfe nachwei-
       sen können.  Aber der  Leiter der Volkshochschule, Rudolf Pikola,
       der sie  1946 aufbaute, sollte, wie die Eltern annehmen, trotzdem
       zu Fall gebracht werden. Man habe deshalb den Umweg über die Ver-
       setzung gewählt.
       
       Friedrich Mager
       

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