Quelle: Blätter 1960 Heft 02 (Februar)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       STRAFANZEIGE
       ============
       
       Joseph P. Krause                       Gelsenkirchen-Schalke
                                              Dresdner Straße 77
                                              Datum: 15. Februar 1960
       An den
       Herrn Oberstaatsanwalt
       bei dem Landgericht
       D o r t m u n d
       Kaiserstraße 34
       
       Betr.: Strafanzeige
       
       Ich, Joseph P. Krause
         geboren am 2. September 1932 in Gelsenkirchen
         wohnhaft in Gelsenkirchen-Schalke
         Dresdner Straße 77
         deutscher Staatsangehöriger
         nicht vorbestraft
         Werkstudent der Sozialwissenschaften
         Inhaber des Diploms für kath. Sozialarbeit
         Englischer Diplom-Auslandskorrespondent
       erstatte hiermit  Strafanzeige zum  Zwecke  der  strafrechtlichen
       Verfolgung wegen  des Verdachts der Beleidigung, der Ehrabschnei-
       dung, der  Verleumdung und der Üblen Nachrede aus §§ 185 ff. StGB
       gegen
         Herrn Robert Schmelzer
         zu laden in Dortmund
         Potgasse 4
         Telefon-Sammelnummer: 3 51 51 Dortmund
       
       B e g r ü n d u n g:
       Herr Robert  Schmelzer ist Chefredakteur der in Dortmund erschei-
       nenden und  der CDU nahestehenden Tageszeitung "Ruhrnachrichten".
       In der Nr. 297, 11. Jahrgang, datiert vom 23. Dezember 1959, ver-
       öffentlichte Herr Robert Schmelzer auf Seite 2 der genannten Aus-
       gabe einen  Artikel mit der Überschrift "SED plant Kampagne gegen
       Journalisten". In diesem Beitrag wird folgende Behauptung vertre-
       ten:
       "Als Vorbild  für diese  "Dokumentation" soll  die zur  Zeit noch
       laufende Kampagne  der SED   u n d  i h r e r  H e l f e r  gegen
       die Nazirichter in der Bundesrepublik dienen".
       Der Artikel  nennt als  Verfasser einen  gewissen Wolf-Bernd Alt-
       hoff. Wie  ich jedoch  aus Kreisen von Bundestagsabgeordneten er-
       fahren habe  handelt es  sich um  einen rein  fiktiven Namen. Der
       wirkliche Zuträger  dieses und  ähnlicher Beiträge ist ein Mitar-
       beiter des  Bundesverfassungsschutzamtes. Derartige Beiträge wer-
       den nach  meinen eigenen Beobachtungen lediglich in den Ruhrnach-
       richten publiziert.
       Ich selbst fühle mich durch den Vorwurf und den Verdacht, ich sei
       ein Helfer  einer von  den Organen  der Bundesrepublik, nicht nur
       der Legislative,  sondern auch  der Rechtsprechung,  als "staats-
       feindlich" oder  "staatsgefährdend" in wechselseitiger Verwendung
       der Begriffe  deklarierten Organisation,  aufs tiefste getroffen,
       beschämt, beleidigt  und grundlos  verleumdet. Am  7. April  1959
       hatte ich  nämlich  in  meinem  Schriftsatz  zu  den  gegen  mich
       erhobenen Beschuldigungen der Beleidigung der Bundesregierung und
       der Staatsgefährdung wegen meiner Aktionen gegen die atomare Auf-
       rüstung in  der Bundesrepublik  an den Herrn Oberstaatsauwalt bei
       dem Landgericht  in Essen,  Zweigertstraße 52, Ermittlungen gegen
       einige nazistische  Sonder- und  Kriegsrichter, die zu den Mitar-
       beitern der  Staatsanwaltschaften in  Dortmund und in Essen gehö-
       ren, angeregt. Es handelte sich um die Herren
       a) Dr. Glunz,  früher Staatsanwalt am Sondergericht in Essen
                      heute Staatsanwalt in Essen
       b) Kuhnert,    früher Landgerichtsrat am Sondergericht Aachen
                      heute Oberstaatsanwalt in Essen
       c) Ronge,      früher Staatsanwalt am Sondergericht in Breslau
                      heute Staatsanwalt in Essen
       d) Schlaf,     früher Staatsanwalt am Sondergericht in Dortmund
                      heute Staatsanwalt in Dortmund
       e) Dr. Törnig, früher Staatsanwalt am Sondergericht in Prag
                      heute Oberstaatsanwalt in Essen
       f) Fritz Jahn, früher Oberfeldrichter der Großdeutschen Wehrmacht
                      heute Staatsanwalt in Dortmund
       g) Hans Niese, früher Kriegsrichter der Großdeutschen Wehrmacht
                      heute Oberstaatsanwalt in Dortmund
       Obwohl - ich weise in diesem Rahmen ausdrücklich noch einmal dar-
       auf hin - fast ein Jahr seit der Einreichung dieses Schriftsatzes
       vergangen ist, wurde ich weder mündlich noch schriftlich zu einer
       Äußerung aufgefordert,  außer im  Falle Dr. Törnig, in dem ich am
       22. April 1959 von Herrn Oberstaatsanwalt Dr. Tillmann im Essener
       Landgerichtsgebäude in  Anwesenheit eines  von mir  beigebrachten
       Beobachters vernommen  wurde. Es  steht zu  befürchten, daß meine
       Bedenken, die  ich seinerzeit  vortrug, nicht mit der nötigen Ob-
       jektivität entgegengenommen wurden. Ich ersuche hiermit den Herrn
       Oberstaatsanwalt in  Dortmund, mir die Aktenzeichen der genannten
       Verfahren mitzuteilen.
       In zwei  Ergänzungsschriften vom 25. April 1959 (Umfang 7 Seiten)
       und vom  27. April  1959 (Umfang  31 Seiten) erweiterte ich meine
       ausführlich begründeten Bedenken auf folgende Richter und Staats-
       anwälte, die  früher an  nazistischen Sondergerichten wirkten und
       später in  den Justizdienst  der Bundesrepublik Deutschland über-
       nommen wurden:
       
       Dr. Erwin Albrecht             Saarbrücken
                                      II-38/59 StA b.d. OLG Saarbrücken
       Amtsgerichtsrat Arland         Hamburg
                                      141 Js 1081/59 StA Hamburg
       Oberlandesgerichtsrat
       Prof. Dr. Bartholomeyczik      Koblenz
                                      9 AR 43/59 StA Koblenz
       Bundesrichter Dr. Christoph    Karlsruhe
                                      1 Js 1926/59 StA Karlsruhe
       Amtsgerichtsrat Dittrich       Gießen
                                      Js 1/60 StA b.d. OLG Ffm.
       Oberlandesgerichtsrat Eisele   Stuttgart
                                      11 Js 6343/59 StA Stuttgart
       Staatsanwalt Endler            Hannover
                                      2 AR 192/59 StA Hannover
       Amtsgerichtsrat Garn           Büdingen
                                      Js 2/60 StA b.d. OLG Ffm.
       Landgerichtsdirektor Glund     Kempten
                                      1 Js 170/59 StA Kempten
       Erster Staatsanwalt Gröger     Memmingen
                                      5 AR 707/59 StA Memmingen
       Landgerichtsdirektor Hallbauer Hamburg
                                      141 Js 1080/59 StA Hamburg
       Oberamtsrichter Happe          Duisburg
                                      13 AR 298/59 StA Duisburg
       Oberlandesgerichtsrat Heinke   Nürnberg
                                      14 Js 8/59 StA Nürnberg-Fürth
       Amtsgerichtsrat Kohlstadt      Koblenz
                                      9 AR 44/59 StA (Düsseld.) Koblenz
       Staatsanwalt Dr. Ludwig        Düsseldorf
                                      8 AR 174/59 StA Düsseldorf
       Landgerichtsdirektor Mensel    Göttingen
                                      3 AR 241/59 StA Göttingen
       Erster Staatsanwalt Oesterreich Kassel
                                       3 a AR 2/59 StA Kassel
       Oberstaatsanwalt Dr. Orzechowski Köln
                                        24 AR 187/59 StA Köln
       Landgerichtsrat Dr. Paetzold   Braunschweig
                                      1 Js 2725/59 StA Braunschweig
       Senatspräsident Dr. Pörtl      München
                                      1 c Js 1288/59 StA München
       Amtsgerichtsrat Dr. Pokorny    Mannheim
                                      Js 18/59 StA b.d. OLG Karlsruhe
       Amtsgerichtsrat Prebeck        Amberg
                                      1 a Js 3831/59 StA Amberg
       Landgerichtsdirektor Dr. Raab  Kleve
                                      5 Js 1004/59 StA Kleve
       Staatsanwalt Dr. Rheder-Knöspel Mannheim
                                       Js 16/59 StA b.d. OLG Karlsruhe
       Oberrechtsrat Rhode            Kiel
                                      2 Js 840/59 StA Kiel
       Landgerichtsdirektor Dr. Ronke Würzburg
                                      AR I 1075/59 StA Würzburg
       Landgerichtsrat Dr. Rosner     Baden-Baden
                                      Js 15/59 StA b.d. OLG Karlsruhe
       Oberstaatsauwalt Dr. Schindler Düsseldorf
                                      8 AR 175/59 StA Düsseldorf
       Erster Staatsanwalt Schroiff   Celle
                                      1 AR 16/59 StA Lüneburg
       Landgerichtsrat Strespel       Osnabrück
                                      17 Js 829/59 StA Osnabrück
       Amtsgerichtsrat Stuhldreer     Landshut
                                      1 Js 50/59 StA Landshut
       Landgerichtsrat Dr. Teuchert   Stuttgart
                                      11 Js 6344/59 StA Stuttgart
       Amtsgerichtsrat Dr. Weeber     Selb
                                      2 AR I 574/59 StA Hof/Saale
       Amtsgerichtsrat Dr. Weinelt    Nürnberg
                                      14 Js 9/59 StA Nürnberg-Fürth
       Staatsanwalt Widera            Braunschweig
                                      1 Js 2724/59 StA Braunschweig
       Landgerichtsrat
       Dr. Wolfgang von Zeyneck       Nürnberg
                                      14 Js 7/59 StA Nürnberg
       
       Eine Reihe  von Strafanträgen  ist noch  nachträglich von mir ge-
       stellt worden, und zwar unter ausführlicher Begründung und Akten-
       anfügung. In  diesem Verfahren  ist es  jedoch nur notwendig, die
       bis zum  23. Dezember 1959 gestellten Strafanträge zu berücksich-
       tigen. Über  meine Aktionen  ist mehrfach in der Presse berichtet
       worden. Außerdem habe ich in mehreren Rundfunksendungen zu diesen
       Fragen ausführlich Stellung genommen.
       Dem gutgläubigen  und ernstmeinenden, dem aufrichtigen und gewis-
       senhaften Bundesbürger  kann es  bei sorgfältiger  Prüfung  nicht
       verborgen bleiben,  daß an den ehemaligen Sondergerichten schwere
       Verbrechen am  Leben begangen  wurden. Ich  bitte den Herrn Ober-
       staatsanwalt bei  dem Landgericht  in Dortmund,  namentlich meine
       Ausarbeitungen "Dokument  I" und "Dokument II" zu diesem Strafan-
       trag einzusehen. Es handelt sich um Schriftsätze, die zu Dr. Tör-
       nig und  Dr. Danegger,  dessen Aktenzeichen  in der  vorverfaßten
       Aufstellung nicht  enthalten ist,  weil es mir nie bekannt wurde,
       am 1. Februar 1960 dem Herrn Justizminister des Landes Nordrhein-
       Westfalen in Düsseldorf übergeben wurden. Aus der gesamten Korre-
       spondenz, die sowohl bei dem Herrn Oberstaatsanwalt bei dem Land-
       gericht in  Essen als auch bei dem Herrn Oberstaatsanwalt bei dem
       Landgericht in Dortmund zu den o.a. Aktenzeichen vorliegt, ergibt
       sich eindeutig  meine Haltung zur Frage der NS-Richter. In meinem
       Vortrag über Radio Praha am 30. Mai 1959 sagte ich u.a.:
       
       "Als ich  die unverschämten  Urteile deutscher  Richter und deut-
       scher Staatsanwälte  über tschechische  Menschen  las,  enthüllte
       sich mir  die ganze Grausamkeit der Verquickung politischer Ziele
       mit angeblich  rechtmäßigen Handlungen nazistischer Jurisdiktion.
       Die  Urteilsbegründungen  zu  ungezählten  Todesurteilen  und  zu
       schweren Freiheitsstrafen  zeigen die  Verlogenheit eines politi-
       schen Systems, der nazistischen Doktrin von der deutschen Herren-
       rasse, die  es nie  (tatsächlich) gegeben  hat. Es  gibt doch nur
       Menschen auf der Welt: Tschechen, Deutsche, Juden, Russen, Ameri-
       kaner und Chinesen! Unterschiede gibt es nur in der Gedankenwerk-
       statt der  politischen, der  rassischen, der völkischen und reli-
       giösen Zweckmäßigkeit.  Das Ergebnis solcher Wahnvorstellungen in
       den Hirnen  weniger politischer  Konjunkturritter zeigte  sich in
       den Verbrechen  gegen die Menschlichkeit, gegen die Freiheit, ge-
       gen das Gewissen."
       
       Die tschechoslowakische Fassung meines Vortrages wurde am 31. Mai
       1959 über  alle tschechoslowskischen  Rundfunkstationen gesendet.
       Auf Seite  2 meines  Schreibens vom  7. April  1959 an  den Herrn
       Oberstaatsanwalt bei  dem Landgericht in Essen heißt es ganz klar
       und deutlich:
       
       "Die Würde  des Menschen  und die Freiheit des Gewissens, die an-
       dere Freiheiten,  wie die  des Bekenntnisses, des politischen und
       des weltanschaulichen,  der Persönlichkeitsentfaltung und andere,
       umfaßt, gehören  als integraler  Bestandteil zu  jeder verantwor-
       tungsbewußten Politik."
       
       In Verfolg  solcher Darlegungen  heißt  es  auf  Seite  2  meines
       "Dokumentes I" vom 1. Februar 1960:
       
       "Es gibt Verfassungsgrundsätze, die so elementar und so sehr Aus-
       druck eines auch der Verfassung vorausliegenden Rechtes sind, daß
       sie den  Verfassungsgesetzgeber selbst binden und daß andere Ver-
       fassungsbestimmungen, denen  dieser  Rang  nicht  zukommt,  wegen
       ihres Verstoßes  nichtig sein  können (S.  104 bzw. S. 47 bzw. S.
       278-280 Komm. Mangoldt-Klein).
       Mit diesen Ausführungen soll nicht etwa darauf hingearbeitet wer-
       den, die  Verpflichtung der Organe der Bundesrepublik zur Verfol-
       gung von  Verbrechen im  Rahmen der rechtsstaatlichen Ordnung als
       elementar und  verbindlich herauszustellen,  denn das ist selbst-
       verständlich, sondern  es soll  dokumentiert werden, daß die Ver-
       fassung der  Bundesrepublik  Deutschland  Grundsätze  schriftlich
       entwickelt hat, die nicht anders aufgefaßt werden müssen als ele-
       mentare Rechte aus dem Naturrecht, die nicht immer in Deutschland
       kodifiziert waren,  die dennoch  als Idee der Rechtsstaatlichkeit
       stets zu beachten waren."
       
       Ich habe  also immer  versucht, den Schuldkomplex der NS-Gerichte
       aus der  politisch verseuchten Atmosphäre in die kühle Überlegung
       nach rechtlichen  Gesichtspunkten, nach  dem Naturrecht  und  der
       Formaljustiz aus  der abendländisch-christlichen und -juristisch-
       römischen Entwicklung  heraus, hinüberzutragen.  Die Basis  aller
       Überlegungen aber,  die auch der juristisch ungeschulte und unbe-
       darfte Geist  anzustellen vermag,  muß die  Erkenntnis sein,  daß
       sich sittliche Gebote, etwa die Menschenwürde oder die Lebensach-
       tung, auch außerhalb der Rechtssystematik oder der Kofermane, der
       Rechtssammlungen, der  Edikte und  der Kodifizierungen,  befinden
       können, daß  auch umgekehrt  etwaige verbindlich  vorgeschriebene
       Rechtsnormen außerhalb sittlicher Überlegungen ihren Platz haben.
       Der verantwortungsbewußte  Geist wird  deshalb  versuchen,  beide
       Normensysteme in  eine bestmögliche  Harmonie zu  bringen. Daraus
       versteht es  sich von  selbst, als  Mensch auch die Menschenwürde
       und alle sich daraus ergebenden Fragen in Beziehung zu den Normen
       der Sittlichkeit  zu setzen.  Aus diesen Gedanken folgerte ich in
       meinem "Dokument  I", Sadisten, etwa Fememörder im Gewand von na-
       tionalen Sonderrichtern,  sehen im Recht lediglich die Veranstal-
       tung zur  Legalisierung von Machtpositionen, Rassenegalisierungen
       und tagespolitischen Flausen; Utopisten wünschen sich desgleichen
       zur Erreichung  nationalistischer oder  wirtschaftlicher Idealzu-
       stände subjektiv verseuchter Vorstellungen die Leugnung eines in-
       neren Zusammenhanges  von Recht und Ethik. Beide Ansichten lassen
       das Prinzip  der Menschenwürde  vermissen und  müssen deshalb als
       des Menschen unwürdig und dem Menschen nicht entsprechend zurück-
       gewiesen werden.
       Mit dieser  Einlassung möchte  ich zum Ausdruck bringen, daß mich
       keine   p o l i t i s c h e n   Beweggründe veranlaßt haben, mich
       um die  sehr schmutzige Wäsche in deutschen Gerichten und Staats-
       anwaltschaften zu kümmern. Ganz allein der Versuch, die Menschen-
       würde und  damit die Abhängigkeit der Justiz von der Moral zu de-
       monstrieren, ließ  mich zu  dem Engagement in Sachen Nazi-Richter
       kommen. Es  ist zwar  nicht zu leugnen, daß die heutige Tätigkeit
       der Sonderrichter  Hitlers ein Politikum allerersten Ranges ist -
       die Bundesregierung  hat denn auch diese Frage wie die kürzlichen
       Ausfälle gegen  den semitischen  Bevölkerungsteil im  Ausland  zu
       vertreten - doch ist die Frage nach der rechtlichen Würdigung der
       Beschuldigungen rein  strafrechtlicher Natur.  Aus diesem  Grunde
       hat ja  auch der Herr Oberstaatsanwalt Dr. Schneider aus Dortmund
       sowohl in  einem Schreiben an mich als auch in einem Schreiben an
       den Ausschuß für Deutsche Einheit in Berlin zu verstehen gegeben,
       daß er  sich mit  dieser Dienststelle  (der SED)  zum Zwecke  der
       strafrechtlichen Ermittlung  gegen die  von mir genannten Sonder-
       richter in  Verbindung setzen wird und setzt. (Vgl. Schreiben des
       Herrn Oberstaatsanwaltes  Dr. Schneider vom 10. Juli 1959, Akten-
       zeichen 10 js 54/59.)
       Auch der  Herr Bundesgeneralanwalt Dr. Max Güde hat die Frage, ob
       mit den Dienststellen der SED Verbindung aufgenommen werden soll,
       positiv beantwortet,  damit die Verbrechen geklärt werden. Ebenso
       hat sich  der Herr  Justizminister des  Landes Baden-Württemberg,
       Haußmann, öffentlich  in einer Fernseh-Sendung dazu bekannt, Kon-
       takte mit  östlichen Dienststellen  (der SED) aufzunehmen, um der
       Frage nachgehen zu können, welches Ausmaß die Verbrechen der Son-
       der- und  Kriegsrichter Hitlers  hatten. Seitens  der Legislative
       äußerte sich  der CDU-Bundestagsabgeordnete  Werber anläßlich der
       Ausstellung "Ungesühnte  Nazijustiz" in Karlsruhe vom 28.-30. No-
       vember 1959,  er halte  es für  unumgänglich, auf  dem auch sonst
       praktizierten Wege  der Rechtshilfe  Fotokopien derartiger  Akten
       (über die  Sonderrichter) von  den örtlichen Staatsanwaltschaften
       der Ostblockländer  durch die entsprechenden Staatsanwaltschaften
       der Bundesrepublik  anfordern zu  lassen. Es ist müßig, hier alle
       Äußerungen  westdeutscher  Dienststellen  aufzuzählen.  Der  Herr
       Oberstaatsanwalt bei  dem Landgericht in Dortmund wird mir konze-
       dieren, daß  die Herren  Dr. Schneider  (Dortmund), Dr.  Max Güde
       (Karlsruhe) und Justizminister Haußmann (Stuttgart) loyal dem Ge-
       setz der  Bundesrepublik gegenüberstehen, obwohl sie sich in die-
       ser Form  geäußert haben. Sollten die Äußerungen dieser genannten
       Herren den Verdacht rechtfertigen, sie seien insofern auch Helfer
       der SED als einer verfassungsfeindlichen Organisation, dann bitte
       ich darum,  meinen Strafantrag gegen Herrn Robert Schmelzer abzu-
       lehnen und  gesonderte Verfahren  gegen die  Herren Dr. Güde, Dr.
       Schneider und  Haußmann anzulegen.  Nach Würdigung aller Umstände
       aber ist  anzunehmen,  daß  die  Äußerung  des  Mitarbeiters  der
       "Ruhrnachrichten" eher  dumm war  als bewiesen. Sie offenbart die
       Nachahmung nazistischer  Methoden, den Gegner in Schwarz-Weiß-Ma-
       lerei  moralisch   fertigzumachen.  Wenn  man  bedenkt,  daß  die
       "Ruhrnachrichten" der  CDU nahestehen,  wird dieser  Verdacht, es
       handle sich  um eine  böswillige und gemeine Verleumdung, um eine
       ganz schäbige  und ehrabschneidende  Beleidigung,  nur  noch  be-
       stärkt, sieht  doch die  CDU in  ihren prominenten Vertretern ein
       erstrebenswertes Ziel darin, in marktschreierischen Eskapaden den
       politischen Gegner (auch den vermeintlichen) herunterzuputzen, zu
       verleumden, zu  beleidigen und  zu entehren. Herr Dr. h.c. Franz-
       Josef Strauß  hat mir  selbst  in  einem  mir  hier  vorliegenden
       Schreiben bestätigt,  daß er  z.B. die Gegner der atomaren Aufrü-
       stung für  "potentielle Kriegsverbrecher"  hält. Eine andere Ver-
       sion der  Verleumdungskampagne der  CDU besagt,  jeder, der nicht
       die Politik  der CDU  unterstütze, sei  ein Kommunist. Herr Blank
       hat schon  früher bekannt,  die Gegner der Atomrüstung seien "die
       Straße", seien "Mob". ("Der Mob ist los in Deutschland!")
       In der  Bundesrepublik Deutschland gelten sowohl die SED als auch
       die nach Auffassung der Bundesregierung von ihr abhängige KPD als
       verfassungsfeindliche Institutionen.  Das wurde  ausdrücklich von
       der Regierung  der Deutschen Bundesrepublik durch Herrn Rechtsan-
       walt Dr.  Dix am  26. November  1954 vor dem Bundesverfassungsge-
       richt in  Karlsruhe im  KPD-Prozeß bekannt. Staatssekretär Ritter
       von Lex  hat diese Auffassung in seinem Eingangsplädoyer über die
       Rechtsgrundlagen des  Verfahrens gegen die KPD namens der Bundes-
       regierung vorgetragen.  Das Bundesverfassungsgericht  hat in  dem
       Urteil vom  17. August 1956 (1 BvB 2/51 aus dem 3. Band, Dokumen-
       tarwerk Dr.  Gerd Pfeiffer  / Hans-Georg  Strickert, Verlag  C.F.
       Müller, Karlsruhe,  1956, Sonderdruck)  in dem Verfahren über den
       Antrag der  Bundesregierung auf  Feststellung der Verfassungswid-
       rigkeit der  Kommunistischen Partei  Deutschlands vor  dem Ersten
       Senat des  Bundesverfassungsgerichtes dieser  Auffassung der Bun-
       desregierung Rechnung  getragen und die KPD wegen ihrer Abhängig-
       keit von der SED für verfassungswidrig erklärt.
       Die Texte der ausführlichen Darlegungen und das Urteil wurden mir
       vom Herrn  Bundesminister des Innern, Aktenzeichen VI A 3-6540-A-
       15/1. 60,  Datum vom  28. Januar 1960, zur Verfügung gestellt und
       können jederzeit vorgelegt werden.
       Bedeutet es also schon eine Ungehörigkeit allerersten Ranges, den
       politischen Gegner  gleich mit  vorschnellen Verdächtigungen  der
       persönlichen Unsauberkeit  und Unlauterkeit  zu belegen, wird die
       ganze Angelegenheit  noch  bedenklicher,  wenn  man  dazu  Mittel
       wählt, die  keineswegs zu  den klaren  und reinen gehören, wie es
       sich in  einem Rechtsstaat  geziemt. Ich  habe nicht die Absicht,
       meine entbehrungsreiche  Arbeit gegen  die Nazi-Richter  mit  dem
       Verdacht der  Verfassungsgefährdung und  Verfassungsfeindlichkeit
       seitens des Herrn Robert Schmelzer honorieren zu lassen. Mir geht
       - es  einzig und  allein um  die reine Verknüpfung der Justiz mit
       der Ethik,  nicht um  parteipolitische Wäsche, die Herr Schmelzer
       zu waschen  pflegt. Ich verwahre mich gegen den Vorwurf, ein Hel-
       fer der SED zu sein, muß aber gleichzeitig noch einmal meine Aus-
       führungen aus dem Vortrag über die tschechoslowakischen Rundfunk-
       sender zitieren.  Nach dieser  öffentlich bekannten  Haltung sind
       auch die  Mitglieder der  SED für mich gleichwertige und vollwer-
       tige Menschen, sie sind genau so liebenswürdig und fehlerhaft wie
       die Damen und Herren aus der CDU. Wenn ich also im Rahmen der Er-
       mittlungsarbeiten, die  ja nachweislich  von den verantwortlichen
       Dienststellen nicht  legitim bearbeitet werden, auch mit dem Aus-
       schuß für  Deutsche Einheit in Verbindung stehe, dann bekenne ich
       mich dazu,  weise es aber nachdrücklich von mir, ein verfassungs-
       feindliches Subjekt im parteipolitisch verfilzten Sinne des Herrn
       Schmelzer zu sein.
       Der §  185 StGB  allein setzt  schon sachlich und begrifflich den
       rechtswidrigen Angriff  auf die  Ehre einer Person oder Personen-
       gruppe voraus,  der sich  in einer  vorsätzlichen Kundgebung  der
       Mißachtung oder Nichtachtung äußert. In diesem Falle wird mir von
       Herrn Schmelzer  eine strafbare Handlung vorgeworfen, der ich nur
       durch diese  Strafanzeige begegnen  zu können  glaube, zumal Herr
       Schmelzer dafür  bekannt ist,  in seinen  publizistischen Mitteln
       nicht sehr  anspruchsvoll zu  sein. So  hat Herr Robert Schmelzer
       eine Schwäche für Absurditäten und Anomalitäten, die sich in sei-
       nen Leitartikeln  niederschlagen, wo  er eine  ganze Seitenspalte
       lediglich über die Badehose des Schahs von Persien meditiert, wie
       es tatsächlich  geschehen ist.  Ich bitte  also den  Herrn  Ober-
       staatsanwalt, das  Strafverfahren einzuleiten  und mich  über den
       Fortgang der Angelegenheit zu unterrichten.
       
       gez.: Joseph P. Krause
       

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