Quelle: Blätter 1960 Heft 03 (März)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       EIN ABGELEHNTER VORSCHLAG
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       Folgender Entwurf von D. Helmut Gollwitzer, Berlin, und D. Kreis-
       sig, Magdeburg,  ist der  letzten Generalsynode der Evangelischen
       Kirche Deutschlands,  die in  Berlin vom 21. bis 26.2.1960 tagte,
       ergebnislos vorgelegt  worden. Die  Synode konnte sich nicht dazu
       entschließen, einen  auch nur  ähnlich lautenden Text anzunehmen.
       Die Generalsynode  von 1950, die unter der Leitung des inzwischen
       abgewählten Präses,  des damaligen  Innenministers Dr.  D. Heine-
       mann, in  Berlin-Weissensee tagte, hatte mehr Mut und Einsicht in
       dieser Sache und fand ein gutes Wort zum Problem des Antisemitis-
       mus. Seither  versucht die auf unseren Synoden tonangebende Mehr-
       heit, kräftig  in die alten Gleise einzulenken. Das ist nicht nur
       betrüblich, das ist gefährlich. H.J. Iwand
       
       Entwurf
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       In diesen  Monaten enthüllt  sich stärker als zuvor die kritische
       Lage unseres  zerspaltenen Volkes.  Wie der  Zusammenbruch  nicht
       vergangen ist,  so sind auch seine Ursachen noch nicht vergessen.
       Die begangenen  Greuel sind  noch nicht  wirklich bereut und noch
       nicht wirklich vergeben.
       Darum müssen  wir Christen uns heute schonungslos fragen: Welcher
       Einfluß ist  in diesen 15 Jahren auf unser Volk von den christli-
       chen Gemeinden  in seiner Mitte ausgegangen? Haben sie mitgemacht
       bei der  Beschönigung und  Selbstrechtfertigung, bei der Aufrech-
       nung fremder Schuld gegen die eigene und bei der Verschwörung des
       Schweigens, bei  der Selbsttäuschung  durch den Wohlstand und bei
       der Zerspaltung unseres Volkes durch den Kampf der Weltanschauun-
       gen? Oder  sind sie vorangegangen in der Umkehr, im Eingeständnis
       der Schuld,  in der  Hilfe für  die Opfer? Sind sie vorangegangen
       auf Wegen der Versöhnung und des Friedens?
       Wie es  hierin mit uns steht, wird untrüglich offenbar in unserem
       Verhältnis zu den Juden. Seit vielen Jahrhunderten wohnen die Ju-
       den unter  uns. Die  Christenheit aber  hat ihnen den Messias Is-
       raels, unseren  Herrn und  Heiland Jesus  Christus, nicht  so be-
       zeugt, daß  die Juden daraus die große Einladung zur Gemeinschaft
       im Glauben  an das  Evangelium hätten  entnehmen können. Vielmehr
       ist dem  rassischen Antisemitismus,  der auf  unser Volk  eine so
       schreckliche Blutschuld gelegt hat, Jahrhunderte lang ein christ-
       licher Antisemitismus  vorausgegangen, der sich an den Juden noch
       viel schrecklicher,  nämlich wider  den Glauben  versündigt  hat.
       Gott aber  spricht zu  Israel: "Wer  euch antastet, tastet seinen
       Augapfel an"  (Sach. 1,  12). Das haben wir in den Gerichten, die
       über uns gekommen sind, erfahren.
       Vor 10  Jahren hat die Synode der EKiD in Berlin-Weißensee in ei-
       nem Wort  an die Gemeinden an unsere Schuld und Verpflichtung ge-
       genüber Israel  erinnert. Wie  wenig oder wieviel es ausgerichtet
       hat, wissen wir nicht. Damit wir aber nicht weiterhin miteinander
       schuldig werden,  bitten und mahnen wir unsere Gemeinden und alle
       Christen:
       Seid euch  klar und macht es klar, daß Judenhaß Gotteshaß ist und
       Gottes Gericht herbeizieht!
       Seid euch  klar und macht es klar, daß Gottes Verheißung über dem
       von ihm  erwählten Volke  Israel durch  die Kreuzigung Jesu nicht
       ausgelöscht, sondern  in Kraft  geblieben ist und daß darum Chri-
       sten und Juden zusammen Gottes Volk auf Erden sind!
       Betet für  Israel, daß es in Jesus Christus die Erfüllung der ihm
       gegebenen Verheißungen erkenne und wir mit ihm im Lobpreis seines
       und unseres  gekreuzigten und auferstandenen Herrn vereinigt wer-
       den! Arbeitet überall an den Hochschulen und in den Gemeindekrei-
       sen an  besserer Erkenntnis des biblischen Zeugnisses vom Handeln
       Gottes an Israel und an der Kirche. Beratet in euren Presbyterien
       über die  praktischen Folgerungen,  zu denen uns diese Erkenntnis
       verpflichtet!
       Stellt euch  solidarisch zu  den Juden,  wenn sie ihres Judentums
       wegen beschimpft  und  bedrängt  werden!  Wer  sie  schlägt,  der
       schlägt uns.
       Laßt die  unter uns  lebenden Juden  nicht allein,  wenn sie sich
       jetzt schon  wieder geängstigt  fragen, ob  sie bei uns gleichbe-
       rechtigt und  gleichgeachtet eine Heimat haben können, geht ihnen
       nach und nehmt sie auf in eure Gemeinschaften!
       Fördert nicht  den Unwillen  gegen eine  materielle  Wiedergutma-
       chung, zu  der wir verpflichtet sind und ohne die das geschändete
       Recht nicht wiederhergestellt werden kann, sondern seid trotz et-
       waiger Unzulänglichkeiten der gesetzlichen Bestimmungen willig zu
       ihrer raschen Durchführung!
       Betet um  Frieden für den jungen Staat Israel, in dem die aus un-
       serem Lande Vertriebenen eine Zuflucht gefunden haben!
       Auch diejenigen sind uns anbefohlen, an deren Händen das Blut der
       Ermordeten klebt,  die sich verstocken, die geängstet sind in ih-
       rem Gewissen oder in der Furcht vor Aufdeckung ihrer Schuld. Geht
       ihnen nach!  Helft ihnen,  daß sie  nach Vergebung fragen, in der
       für sie und für uns alle ein neues Leben bereitsteht.
       Für uns  alle gilt:  Um die  Gnade betrügt sich, wer dem Gerichte
       ausweicht und nicht mit sich selbst ins Gericht geht! Er verfehlt
       damit den  echten Anfang  für eine wirkliche Zukunft. Es ist noch
       nicht zu  spät. Wir  haben mit dem Gericht, unter das wir geraten
       sind, einen  großen Auftrag der Neubesinnung erhalten. Gott helfe
       uns, daß wir ihn nicht weiterhin versäumen!
       

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