Quelle: Blätter 1960 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE PARISER ERKLÄRUNGEN CHRUSTSCHOWS UND EISENHOWERS
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       VOM 16. MAI 1960
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       Chrustschow erklärte:
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       Erlauben Sie  mir, die folgende Erklärung abzugeben: Wie bekannt,
       haben die  amerikanischen Luftstreitkräfte kürzlich eine Provoka-
       tion gegenüber der Sowjetunion begangen Am 1. Mai ist ein militä-
       risches Aufklärungsflugzeug  der Vereinigten  Staaten in  die So-
       wjetunion mit  dem besonderen Spionageauftrag eingedrungen, Nach-
       richten über militärische und industrielle Objekte auf dem Gebiet
       der Sowjetunion  zu sammeln.  Der aggressive  Zweck dieses Fluges
       wurde entdeckt, und das Flugzeug wurde von einer sowjetischen Ra-
       keteneinheit abgeschossen. Leider war dies nicht der einzige Fall
       von aggressiven und Spionageaktionen, die von den Luftstreitkräf-
       ten der  Vereinigten Staaten  gegen die  Sowjetunion  unternommen
       worden sind.
       Es ist natürlich, daß die sowjetische Regierung verpflichtet war,
       diese Maßnahmen  entsprechend einzuschätzen  und  deren  perfiden
       Charakter aufzuzeigen,  der unvereinbar  ist mit  den elementaren
       Grundsätzen der  Aufrechterhaltung normaler  Beziehungen zwischen
       Staaten in  Friedenszeiten, ganz abgesehen davon, daß diese Hand-
       lungen in  flagrantem Widerspruch  zu der Aufgabe stehen, die in-
       ternationale Spannung  zu mindern  und die notwendigen Vorausset-
       zungen für  den Erfolg der Gipfelkonferenz zu schaffen. Diese An-
       sicht ist  von mir  sowohl in  meinen Reden  auf der  Sitzung des
       Obersten Sowjets der UdSSR als auch in einer Sonderprotestnote an
       die Regierung der Vereinigten Staaten dargelegt worden.
       Das amerikanische Außenministerium hat zuerst die absurde Version
       verbreitet, daß  das amerikanische Flugzeug die Grenzen der UdSSR
       zufällig verletzt  hätte, ohne  einen Spionageauftrag  oder einen
       Sabotageauftrag erhalten zu haben. Nachdem auf Grund unangreifba-
       rer Tatsachen die Unaufrichtigkeit dieser Version bewiesen worden
       war, erklärten  am 7. Mai das Außenministerium und dann am 9. Mai
       der Außenminister im Namen der Regierung der Vereinigten Staaten,
       daß die  amerikanische Luftwaffe in die Sowjetunion eindringe, um
       in Übereinstimmung  mit einem  von der  Regierung der Vereinigten
       Staaten und dem Präsidenten persönlich gebilligten Programm mili-
       tärische Spionage  zu betreiben. Zwei Tage später bestätigte Prä-
       sident Eisenhower  selber, daß die Flüge amerikanischer Flugzeuge
       über dem  Territorium der  Sowjetunion eine beabsichtigte Politik
       der Vereinigten Staaten waren und bleiben. Die Regierung der Ver-
       einigten Staaten hat das gleiche in ihrer Note vom 12. Mai an die
       sowjetische Regierung erklärt. Damit tritt die Regierung der Ver-
       einigten Staaten  brutal die allgemein anerkannten Grundsätze des
       internationalen Rechts  und die  vornehmen Prinzipien  der Charta
       der Vereinten Nationen, die auch die Unterschrift der Vereinigten
       Staaten von Amerika trägt, mit Füßen.
       Die sowjetische  Regierung und  die gesamte  Bevölkerung der  So-
       wjetunion sind  über diese Erklärungen der Führer der Vereinigten
       Staaten empört,  genauso wie  jeder Mensch guten Glaubens, der am
       Schicksal des  Friedens interessiert  ist,  darüber  empört  ist.
       Jetzt, da die Regierungschefs der vier Großmächte in Paris einge-
       troffen sind,  um an  dieser Konferenz  teilzunehmen, erhebt sich
       die Frage,  wie man  konstruktive Besprechungen  führen  und  die
       Fragen erörtern  kann, die  auf der Tagesordnung stehen, wenn die
       Regierung der Vereinigten Staaten und der Präsident der Vereinig-
       ten Staaten  persönlich den Akt der Provokation, den das Eindrin-
       gen eines  amerikanischen Kriegsflugzeugs in den Luftraum der So-
       wjetunion darstellt,  nicht verurteilen, sondern im Gegenteil er-
       klärt haben,  daß derartige Maßnahmen auch in Zukunft die Politik
       der Vereinigten Staaten gegenüber der Sowjetunion darstellen.
       Wie kann  man ein  Abkommen über  verschiedene zu regelnde Fragen
       zur Herbeiführung einer Entspannung und zur Ausschaltung des Ver-
       dachts und  des Mißtrauens bei den Beziehungen zwischen den Staa-
       ten erzielen,  wenn die  Regierung einer der Großmächte offen er-
       klärt, daß  ihre Politik darin besteht, die Grenzen einer anderen
       Großmacht mit  dem Ziel der Spionage und der Diversion zu verlet-
       zen, und daher auch die Spannung bei den Beziehungen zwischen den
       Staaten verstärkt?  Es liegt  auf der Hand, daß die Proklamierung
       einer derartigen  Politik, die  nur dann  anwendbar ist, wenn die
       Staaten sich  im Kriegszustand  befinden, von vornherein die Gip-
       felkonferenz zu  einem völligen Fehlschlag verurteilt. Wir nehmen
       die Proklamierung  dieser Politik  der  Vereinigten  Staaten  zur
       Kenntnis und  erklären, daß  wir, wenn  das Eindringen amerikani-
       scher Flugzeuge über die Grenzen der Sowjetunion sich wiederholen
       sollte, diese  Flugzeuge abschießen  werden. Die  Sowjetregierung
       behält sich das Recht vor, in all diesen Fällen entsprechende Ge-
       genmaßnahmen gegen  diejenigen zu  ergreifen, die  die staatliche
       Souveränität der UdSSR verletzen und Spionage- und Diversionsakte
       gegen die  Sowjetunion begehen.  Die Regierung  der UdSSR erklärt
       erneut, daß  gegen Staaten, die ihr Territorium für amerikanische
       Militärstützpunkte zur  Verfügung  stellen  und  bei  aggressiven
       Handlungen gegen die UdSSR Mithilfe leisten, ebenfalls gebührende
       Maßnahmen ergriffen  werden, bis  zu Schlägen  gegen diese Stütz-
       punkte.
       In diesem Zusammenhang muß man auf die Erklärung Eisenhowers hin-
       weisen, er  könne unter  der Drohung mit dem Abschluß eines Frie-
       densvertrages mit  der DDR  nicht an der Gipfelkonferenz teilneh-
       men, obwohl  das, was  er als Drohung bezeichnete, lediglich eine
       Erklärung der  Sowjetregierung über  ihre feste  Entschlossenheit
       war, mit  den Überresten des Krieges in Europa aufzuräumen, Frie-
       den zu schließen und auf diese Weise die Lage, besonders in West-
       Berlin, mit  den lebenswichtigen  Forderungen und  den Interessen
       des Friedens  und der  Sicherheit der europäischen Völker in Ein-
       klang zu bringen. Wie kann nun die Sowjetregierung an Verhandlun-
       gen teilnehmen,  da die  Regierung der  Vereinigten Staaten  eine
       wirkliche Drohung  aussprach, als  sie erklärte,  daß sie auch in
       Zukunft die  Verletzung der  Grenzen der  UdSSR fortsetzen werde,
       daß amerikanische  Flugzeuge über das Territorium der Sowjetunion
       geflogen seien  und weiterfliegen würden?' Damit erklärte die Re-
       gierung der  Vereinigten Staaten ihre Absicht, mit den unerhörten
       und beispiellosen  Handlungen gegen  die Souveränität des Sowjet-
       staates, die  ein heiliges und unerschütterliches Prinzip der in-
       ternationalen Beziehungen ist, fortzufahren.
       Daraus folgt,  daß es  für einen  Erfolg der  Konferenz notwendig
       ist, daß  die Regierungen  aller teilnehmenden Mächte eine offene
       und ehrliche  Politik verfolgen  und feierlich  erklären, daß sie
       gegeneinander keine  Handlungen unternehmen werden, die eine Ver-
       letzung   der    staatlichen   Souveränität    darstellen.    Das
       bedeutet: xxxxxxxxxxxxxxxxxg der  Vereinigten Staaten tatsächlich
       bereit ist,  mit den  Regierungen der anderen Mächte im Interesse
       der  Aufrechterhaltung   des  Friedens   und  der  Festigung  des
       Vertrauens zwischen  den Staaten zusammenzuarbeiten, dann muß sie
       erstens  die   unzulässigen,  provokatorischen   Handlungen   der
       amerikanischen Luftstreitkräfte gegen die Sowjetunion verurteilen
       und zweitens  auf die Fortsetzung derartiger Handlungen und einer
       derartigen Politik  gegen die  UdSSR verzichten. Es versteht sich
       von selbst,  daß die  Regierung der Vereinigten Staaten in diesem
       Fall  nicht   umhinkann,  die   unmittelbar  Schuldigen   an  der
       vorsätzlichen  Verletzung   der  Staatsgrenze   der  UdSSR  durch
       amerikanische Flugzeuge streng zur Verantwortung zu ziehen.
       Solange die  Regierung der  Vereinigten Staaben  dies nicht  tut,
       sieht die  Sowjetregierung keine  Möglichkeit für fruchtbare Ver-
       handlungen mit der Regierung der Vereinigten Staaten auf der Gip-
       felkonferenz. Sie kann nicht zu den Verhandlungspartnern gehören,
       wenn einer  von ihnen  den Treubruch zur Grundlage seiner Politik
       gegenüber der  Sowjetunion gemacht hat. Würde die Sowjetregierung
       unter diesen Umständen an Verhandlungen teilnehmen, die von vorn-
       herein zum  Scheitern verurteilt  sind, dann  würde sie auf diese
       Weise zum  Mitbeteiligten an  einem Betrug an den Völkern werden.
       Das aber  will sie  nicht. Es  versteht sich von selbst: Wenn die
       amerikanische Regierung  erklärt, daß die Vereinigten Staaten mit
       ihren Flugzeugen  nicht mehr  die Staatsgrenzen der UdSSR verlet-
       zen, daß  sie die provokatorischen Handlungen, die in der Vergan-
       genheit  unternommen  wurden,  verurteilen  und  die  unmittelbar
       Schuldigen an  diesen Aktionen  bestrafen werden, wodurch der So-
       wjetunion gleiche  Bedingungen mit den anderen Mächten gewährlei-
       stet wurden, dann bin ich als Chef der Sowjetregierung bereit, an
       der Konferenz  teilzunehmen und  alles daranzusetzen, um zu ihrem
       Erfolg beizutragen.
       Durch die  provokatorischen Flüge amerikanischer Militärflugzeuge
       und vor  allem dadurch,  daß derartige  provokatorische Flüge für
       die Zukunft  zur offiziellen  Politik der Vereinigten Staaten von
       Amerika gegenüber  den sozialistischen  Ländern  erklärt  werden,
       sind neue Bedingungen in den internationalen Beziehungen entstan-
       den. Verständlicherweise  können wir unter diesen Umständen nicht
       auf einer  Konferenz arbeiten,  und zwar  deshalb nicht, weil wir
       sehen, von  welchem Standpunkt aus man mit uns sprechen will: un-
       ter der  Androhung aggressiver  Erkundungsflüge. Es  ist bekannt,
       daß Spionageflüge  zu Erkundungszwecken  vorgenommen  werden,  um
       einen Krieg zu beginnen. Daher weisen wir die Bedingungen zurück,
       die die  Vereinigten Staaten  von Amerika  für uns  schaffen. Wir
       können nicht  an irgendwelchen  Verhandlungen und selbst nicht an
       der Lösung  solcher Fragen teilnehmen, die schon spruchreif sind,
       weil wir  sehen, daß  die Vereinigten  Staaten nicht wünschen, zu
       einer Einigung  zu gelangen. Sie gelten in den westlichen Ländern
       als Führer.  Folglich wäre  eine  Konferenz  gegenwärtig  unnütze
       Zeitverschwendung und  ein Betrug  der öffentlichen Meinung aller
       Länder.
       Ich wiederhole:  Wir können in dieser Situation nicht an Verhand-
       lungen teilnehmen.  Wir wollen  an Verhandlungen nur auf gleicher
       Basis, bei gleichen Möglichkeiten für die eine wie für die andere
       Seite teilnehmen. Wir halten es für notwendig, daß uns die Völker
       aller Länder der Welt, die Öffentlichkeit, richtig verstehen. Die
       Sowjetunion gibt  die Bemühungen zur Herbeiführung eines Überein-
       kommens nicht  auf, und wir sind überzeugt, daß vernünftige Über-
       einkommen möglich sind, aber anscheinend nicht zu dieser, sondern
       zu einer  anderen Zeit.  Aber dazu ist zunächst folgendes notwen-
       dig: Die  Vereinigten Staaten müssen anerkennen, daß die provoka-
       torische Politik, die sie zur Politik "freier" Flüge über unserem
       Land erklärt haben, verurteilt wird, sie müssen auf diese Politik
       verzichten, zugeben,  daß sie eine Aggression begangen haben, und
       anerkennen, daß sie dies bedauern.
       Die Sowjetregierung ist zutiefst überzeugt: wenn nicht die gegen-
       wärtige Regierung der Vereinigten Staaten, dann eine andere, wenn
       nicht diese  andere, so wird eine dritte begreifen, daß es keinen
       anderen Ausweg  als die friedliche Koexistenz der beiden Systeme,
       des kapitalistischen  und  des  sozialistischen,  gibt.  Entweder
       friedliche Koexistenz  oder Krieg,  der allen, die heute eine Ag-
       gressionspolitik betreiben,  die Katastrophe  bringen wird. Daher
       meinen wir,  daß man eine bestimmte Zeit verstreichen lassen muß,
       damit die  aufgetauchten Fragen  sich abklären und damit diejeni-
       gen, die  die Verantwortung  für die  Festlegung des  politischen
       Kurses des  Landes haben,  sich klarwerden,  welche Verantwortung
       sie auf  sich geladen  haben, indem sie einen aggressiven Kurs in
       den Beziehungen  zur Sowjetunion  und zu  den anderen sozialisti-
       schen Ländern  verkündet haben.  Daher sind  wir der  Meinung: Es
       gibt keinen  besseren Ausweg,  als die  Konferenz der  Regierung-
       schefs um etwa sechs bis acht Monate zu vertagen.
       Die Sowjetunion  wird ihrerseits  in ihren Bemühungen nicht nach-
       lassen, um  ein Übereinkommen zu erzielen. Ich denke, daß die öf-
       fentliche Meinung  unseren Standpunkt richtig verstehen wird, daß
       sie verstehen  wird, daß man uns die Möglichkeit genommen hat, an
       diesen Verhandlungen teilzunehmen. Wir glauben jedoch fest an die
       Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz, weil den Glauben an die
       friedliche Koexistenz  verlieren hieße,  die Menschheit  zu einem
       Krieg zu  verdammen und  die Unvermeidlichkeit der Kriege anzuer-
       kennen. Es  ist jedoch  bekannt, welches  Unglück ein Krieg unter
       den heutigen Bedingungen allen Völkern bringen würde.
       Ich möchte  mich an  das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika
       wenden. Ich  war in den Vereinigten Staaten und kam dort mit ver-
       schiedenen Schichten  des amerikanischen Volkes zusammen, und ich
       bin zutiefst  davon überzeugt,  daß alle Schichten des amerikani-
       schen Volkes  keinen Krieg  wollen. Eine Ausnahme bildet nur eine
       kleine Gruppe  Wildgewordener im  Pentagon und die sie unterstüt-
       zenden militaristischen  Kreise, die  aus dem  Wettrüsten riesige
       Profite herausschlagen  und die sich über die Interessen des ame-
       rikanischen Volkes,  über die  Interessen der Völker aller Länder
       hinwegsetzen und  eine abenteuerliche Politik betreiben. Wir dan-
       ken Präsident de Gaulle für die Gastfreundschaft und für die Mög-
       lichkeit, in Paris, der Hauptstadt Frankreichs, zusammenzukommen.
       Wir schätzen  auch die  Bemühungen der  Regierung Großbritanniens
       und Premierminister Macmillans persönlich. Wir bedauern, daß die-
       ses Treffen  von den reaktionären Kreisen der Vereinigten Staaten
       von Amerika durch die provokatorischen Flüge amerikanischer Mili-
       tärflugzeuge über  der Sowjetunion torpediert worden ist. Wir be-
       dauern, daß  diese Zusammenkunft  nicht zu den Resultaten geführt
       hat, die alle Völker der Welt von ihr erwartet haben. Die Schande
       und Verantwortung  dafür trifft die, welche die räuberische Poli-
       tik gegenüber der Sowjetunion proklamiert haben.
       Wie bekannt, hatten wir mit dem Präsidenten der Vereinigten Staa-
       ten, Herrn Eisenhower, einen Besuchsaustausch vereinbart. Im Sep-
       tember vorigen  Jahres habe ich den Vereinigten Staaten einen Be-
       such abgestattet.  Wir waren mit diesem Besuch, mit den Begegnun-
       gen und  Aussprachen, die  wir in den Vereinigten Staaten hatten,
       sehr zufrieden  und dankten  dafür. Der Präsident der Vereinigten
       Staaten sollte unserem Land einen Gegenbesuch abstatten. Wir hat-
       ten vereinbart, daß er am 10. Juni zu uns kommt, und wir bereite-
       ten uns darauf vor, den hohen Gast gut zu empfangen. Leider haben
       sich jetzt durch die provokatorischen Aggressionshandlungen gegen
       die UdSSR  Umstände ergeben, in denen wir der Möglichkeit beraubt
       sind, den  Präsidenten mit der Gastfreundschaft zu empfangen, mit
       der die  sowjetischen Menschen  gerngesehene Gäste  zu  empfangen
       pflegen. Eine  solche Gastfreundschaft können wir dem Präsidenten
       der Vereinigten Staaten gegenüber nunmehr nicht bekunden, da sich
       infolge der  provokatorischen Flüge  amerikanischer  Militärflug-
       zeuge zu Erkundungszwecken Umstände ergeben haben, die für diesen
       Besuch offenkundig ungünstig sind. Die sowjetischen Menschen kön-
       nen und  wollen sich  nicht verstellen. Deshalb vertreten wir den
       Standpunkt, daß  die Reise  des amerikanischen Präsidenten in die
       Sowjetunion jetzt  verschoben und  der Termin  für diesen  Besuch
       vereinbart werden muß, wenn die Bedingungen dafür reif sind. Dann
       wird das  Sowjetvolk gegenüber  dem hohen  Gast als Vertreter der
       Großmacht, mit der wir aufrichtig in Frieden und Freundschaft le-
       ben wollen,  die gebührende Gastfreundschaft und Herzlichkeit be-
       kunden können.  Ich glaube,  sowohl Herr  Eisenhower als auch das
       amerikanische Volk werden mich richtig verstanden haben.
       Die Sowjetregierung  erklärt, daß  sie ihrerseits auch künftighin
       alles nur Mögliche tun wird, um die internationale Entspannung zu
       fördern und  zur Lösung  der uns  heute noch  trennenden Probleme
       beizutragen. Wir werden uns dabei von den Interessen der Stärkung
       des großen  Friedenswerkes auf  der Grundlage der friedlichen Ko-
       existenz von  Staaten mit unterschiedlicher sozialer Ordnung lei-
       ten lassen.
       
       Eisenhower erklärte:
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       Nachdem ich  gestern von  General de  Gaulle und  Premierminister
       Macmillan über  die  Haltung  informiert  worden  bin,  die  Herr
       Chrustschow während  seiner Besprechungen gestern morgen Ihnen in
       bezug auf  diese Konferenz dargelegt hat, habe ich mir sehr sorg-
       fältig überlegt, wie diese Angelegenheit am besten behandelt wer-
       den sollte.  Ich war mir dabei der großen Bedeutung dieser Konfe-
       renz und  der Hoffnungen  bewußt, die  von den Völkern der ganzen
       Welt in dieses Treffen gesetzt werden. Ich kam zu dem Schluß, daß
       es unter  den gegebenen  Umständen das beste wäre, abzuwarten, ob
       bei dem  geheimen Treffen  heute durch Anwendung von Vernunft und
       Zurückhaltung irgendeine  Möglichkeit besteht,  diese  Frage  der
       Überfliegungen zu  überwinden, um dadurch den Fortgang der Konfe-
       renz zu ermöglichen.
       Hinsichtlich der  Wahrscheinlichkeit eines Erfolges einer solchen
       Bemühung hatte  ich keine Illusion. Aber ich war der Ansicht, daß
       ich mit der großen Verantwortung, die auf mir als dem Präsidenten
       der Vereinigten  Staaten lastet,  diese Bemühung machen müßte. In
       dieser Ansicht erhielt ich die stärkste Unterstützung meiner Kol-
       legen, Präsident de Gaulle und Premierminister Macmillan. Dement-
       sprechend antwortete  ich auf  der geheimen  Sitzung heute morgen
       Herrn Chrustschow  trotz der Schärfe und der Ungenauigkeit seiner
       Erklärungen im folgenden Sinne:
       'Über den  Sinn der  Erklärung, die Ministerpräsident Chrustschow
       gerade verlesen hat, bin ich im voraus informiert worden. In mei-
       ner Erklärung  vom 11.  Mai und  in der  Erklärung Außenministers
       Herters vom 9. Mai ist die Haltung der Vereinigten Staaten zu der
       abstoßenden Notwendigkeit  der Spionage in einer Welt, in der die
       Nationen einander mißtrauen, klargemacht worden. Wir haben darauf
       hingewiesen, daß  diese Tätigkeiten  keiner  aggressiven  Absicht
       dienten, sondern  daß sie  die Sicherheit der Vereinigten Staaten
       und der  freien Welt  gegen einen Überraschungsangriff durch eine
       Macht gewährleisten  sollten, die  sich ihrer  Fähigkeiten rühmt,
       die Vereinigten Staaten und andere Länder durch Raketen mit Atom-
       sprengköpfen zu  verwüsten. Es ist gut bekannt, daß nicht nur die
       Vereinigten Staaten,  sondern die  meisten anderen Länder ständig
       die Ziele  sorgfältiger und  eifriger  Spionage  der  Sowjetunion
       sind.
       In der sowjetischen Erklärung gibt es ein offenbares Mißverständ-
       nis über  einen Schlüsselpunkt.  Die Erklärung behauptet, daß die
       Vereinigten Staaten  in offiziellen  Erklärungen die  Fortsetzung
       von Überfliegungen  angedroht hätten. Die Bedeutung dieser angeb-
       lichen Bedrohung  wurde von  Chrustschow mehrfach  unterstrichen.
       Die Vereinigten Staaten haben keine solche Drohung ausgesprochen.
       Weder ich  noch meine  Regierung haben  eine solche Drohung beab-
       sichtigt. Die  tatsächlichen Erklärungen  gehen nicht weiter, als
       daß sie  aussagen, daß die Vereinigten Staaten sich ihrer Verant-
       wortung zur  Sicherung gegen Überraschungsangriffe nicht entledi-
       gen werden.  Tatsächlich sind  diese Flüge  nach dem letzten Zwi-
       schenfall eingestellt  worden, und sie werden nicht wieder aufge-
       nommen. Demzufolge kann dies kein Streitpunkt sein.
       Ich bin  nach Paris  gekommen, um  nach Übereinkommen mit der So-
       wjetunion zu  suchen, die  die Notwendigkeit  jeglicher  Art  von
       Spionage, einschließlich der Überfliegung, beseitigen würden. Ich
       sehe keinen  Grund, diesen  Zwischenfall zum  Anlaß zu nehmen, um
       die Konferenz  abzubrechen. Sollte es sich auf Grund der sowjeti-
       schen Haltung  als unmöglich erweisen, dieses Problem und die an-
       deren lebenswichtigen Angelegenheiten, die den Weltfrieden bedro-
       hen, hier  in Paris aufzugreifen, so habe ich die Absicht, in na-
       her Zukunft den Vereinten Nationen einen Vorschlag für die Schaf-
       fung einer Luftüberwachung durch die Vereinten Nationen zu unter-
       breiten, mit der Angriffsvorbereitungen bloßgelegt werden sollen.
       Ich hatte  ursprünglich die Absicht, diesen Plan dieser Konferenz
       hier vorzulegen. Dieses Überwachungssystem würde sich auf das Ge-
       biet aller  Länder erstrecken,  die bereit  sind, eine solche In-
       spektion anzunehmen.  Die Vereinigten Staaten sind ihrerseits be-
       reit, eine Luftüberwachung der Vereinten Nationen nicht nur anzu-
       nehmen, sondern  auch alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um zu
       einer schnellen  Aufstellung und  erfolgreichen  Tätigkeit  eines
       solchen internationalen Überwachungssystems beizutragen.
       Wir von den Vereinigten Staaten sind hier, um mit guten Absichten
       die wichtigen  Probleme zu erörtern, die der Konferenz vorliegen.
       Wir sind  bereit, entweder  diesen Punkt  nicht weiterzuverfolgen
       oder zweiseitige  Verhandlungen zwischen  den Vereinigten Staaten
       und der Sowjetunion zu führen, während die Hauptkonferenz weiter-
       geht.'
       Meine Worte  wurden unterstrichen  und  unterstützt  durch  meine
       westlichen Kollegen, die auch Herrn Chrustschow aufforderten, den
       Pfad der  Vernunft und des Common sense zu verfolgen und die Pro-
       paganda zu  vergessen. Solch  eine Haltung würde es der Konferenz
       ermöglicht haben,  voranzugehen. Herr  Chrustschow wurde  von mir
       nicht darüber  im Zweifel  gelassen, daß  sein Ultimatum  für die
       Vereinigten Staaten niemals annehmbar sei. Herr Chrustschow stieß
       alle diese  Argumente der Vernunft beiseite und bestand nicht nur
       auf seinem Ultimatum, sondern auch darauf, daß er seine Erklärung
       vollständig zu  einem von ihm zu wählenden Zeitpunkt veröffentli-
       chen würde. Es wurde so augenscheinlich, daß er entschlossen war,
       die Pariser  Konferenz zu zerstören. Die einzige Schlußfolgerung,
       die aus  seinem Verhalten  heute morgen gezogen werden kann, ist,
       daß er den ganzen Weg von Moskau nach Paris in der alleinigen Ab-
       sicht gekommen  ist, dieses  Treffen zu  sabotieren, auf  dem  so
       viele Hoffnungen der ganzen Welt geruht haben.
       Trotz dieser ernsten, widrigen Entwicklung habe ich nicht die ge-
       ringste Absicht,  meine Anstrengungen zu verringern, Fortschritte
       in Richtung  auf einen Frieden der Gerechtigkeit zu fordern. Dies
       trifft für  den Rest  meines Aufenthalts  in Paris ebenso wie für
       die Zeit danach zu.
       

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