Quelle: Blätter 1960 Heft 05 (Mai)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       CHRUSTSCHOWS PARISER PRESSEKONFERENZ VOM 18. MAI 1960
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       Die Erklärung  Chrustschows zu  Beginn  der  Pressekonferenz  vom
       Mittwoch in  Paris hat  folgenden Wortlaut  (alle Texte  nach der
       russischen Agentur Tass):
       
       Meine geehrten  Damen und  Herren! Sie  kennen offenbar schon die
       Erklärung, die ich am 16. Mai vor dem Präsidenten Frankreichs, de
       Gaulle, dem  Premierminister Großbritanniens,  Macmillan, und dem
       Präsidenten der USA, Eisenhower, abgegeben habe.
       Die Umstände,  unter denen  die Sowjetregierung  es für notwendig
       erachtete, diese Erklärung abzugeben, sind allgemein bekannt: Ich
       habe die  aggressiven Flüge  amerikanischer Militärflügzeuge über
       die Sowjetunion,  unternommen kurz  vor dem  Treffen auf höchster
       Ebene, sowie  die öffentliche  Erklärung der Regierung der USA im
       Auge, daß diese Flüge zu ihrer Staatspolitik gehören.
       Nun versucht  man uns  zu beschuldigen,  die Sowjetunion  weigere
       sich, an der Konferenz teilzunehmen, und stelle den USA ein Ulti-
       matum. Wir  aber haben erklärt und erklären, daß wir bereit sind,
       an der Konferenz teilzunehmen, wenn die Regierung der USA öffent-
       lich die  Beleidigung zurücknimmt, die sie unserem Land mit ihren
       Aggressionshandlungen zugefügt  hat. Wir  haben jedoch  bis jetzt
       keine Gewißheit, daß die Spionageflüge, die die Vereinigten Staa-
       ten unternehmen, sich nicht wiederholen werden. Denken Sie daran,
       wie sich  führende Staatsmänner  der Vereinigten Staaten verhiel-
       ten, nachdem  sie in  flagranti ertappt  worden waren.  Ich werde
       mich auf Dokumente und nur auf Dokumente berufen.
       Am 5. Mai, als die ganze Welt erfuhr, daß über sowjetischem Boden
       ein amerikanisches  Militärflugzeug abgeschossen  worden war, er-
       klärte das  Staatsdepartement, das  sei ein Flugzeug gewesen, das
       zur Sammlung  meteorologischer Angaben  über der  Türkei geflogen
       sei. Es  wurde ferner  behauptet, der  Pilot habe mitgeteilt, daß
       das Sauerstoffgerät versagt habe. Infolgedessen sei der Pilot be-
       wußtlos geworden,  und unter  diesen Umständen  habe das Flugzeug
       den Flug  noch eine  beträchtliche Strecke  mit  Kurssteueranlage
       fortgesetzt, wobei  es zufällig in den sowjetischen Luftraum ein-
       fliegen konnte.  Es wurde  mitgeteilt, daß  nach dem Flugzeug auf
       türkischem Territorium in der sehr gebirgigen Gegend des Van-Sees
       gefahndet werde.
       Als wir mitgeteilt hatten, daß das amerikanische Flugzeug im Raum
       von Swerdlowsk  abgeschossen worden war und daß der gefaßte Flie-
       ger seine  Spionagetätigkeit gestanden  habe, erklärte  der  USA-
       Staatssekretär Herter  am 9. Mai, daß dies wirklich ein Spionage-
       flugzeug gewesen sei. Mehr noch, er sagte, diese Flüge würden ge-
       mäß Weisungen  des Präsidenten und entsprechend dem Programm vor-
       genommen, das  "weitgehende Beobachtung  aus der  Luft,  darunter
       durch Eindringen in den sowjetischen Luftraum", umfasse. Dies war
       die freche  Erklärung Herrn Herters. Am 11. Mai bestätigte Präsi-
       dent Eisenhower selbst die Erklärung Herters.
       Am 12. Mai erklärte die Botschaft der USA in Moskau in ihrer Note
       an die Sowjetregierung erneut, die aggressiven Spionageflüge bil-
       deten die im voraus berechnete Politik der Vereinigten Staaten.
       In Paris  gibt nun  der Präsident der Vereinigten Staaten die Er-
       klärung ab,  wonach die  Vereinigten Staaten  "ihre Flüge  einge-
       stellt" hätten  und sie nicht wieder aufnehmen würden - unter Be-
       zugnahme auf  diese Phrase  fragten manche:  Was braucht  die So-
       wjetunion noch?  Die Gefahr der Flüge amerikanischer Militärflug-
       zeuge über  der Sowjetunion sei doch geschwunden. Diese Erklärung
       würde vielleicht  die Handlanger des Imperialismus zufriedenstel-
       len. Die  Imperialisten sind  es gewöhnt, so zu handeln wie einst
       die russischen Kaufleute: Sie beschmierten den Dienern die Lippen
       mit Senf  und diese  sagten: "Danke  schön" und  verneigten  sich
       tief. Wir  können uns mit Beleidigungen nicht abfinden. Wir haben
       unseren Stolz  und unsere eigene Würde. Wir vertreten einen mäch-
       tigen sozialistischen Staat.
       Da hat  nun Eisenhower auf der Vorbesprechung am 16. Mai erklärt:
       Der Sinn  seiner Worte  von einer Aussetzung der Flüge amerikani-
       scher Flugzeuge  besteht darin,  daß diese  Flüge in der Zeit, in
       der er  den Posten eines Präsidenten bekleiden wird, nicht wieder
       aufgenommen werden.  Ich weiß  natürlich nicht,  welchen Beschluß
       der nächste  Präsident fassen  wird, sagte Eisenhower. Somit ver-
       heißt der Präsident der USA nicht etwa Verzicht auf die Aggressi-
       onspolitik, sondern  nur eine  zeitweilige "Aussetzung" der Flüge
       bis Januar  1961. Allerdings  ist es  keine sehr lange Frist, die
       uns der  Herr Präsident  da für  die Einstellung der provokatori-
       schen Politik  der Spionageflüge  verspricht. Doch internationale
       Beziehungen darf  man nicht auf den Amtsfristen dieser oder jener
       verantwortlichen Person  aufbauen. Welchen Wert hätte sonst jedes
       internationale Abkommen?
       Folgt man  der Logik  des Präsidenten der Vereinigten Staaten, so
       ist es unmöglich, Verhandlungen beispielsweise über die Abrüstung
       zu führen.  Nehmen wir an, heute wird ein Abkommen unterzeichnet,
       morgen aber  kann es  seine Rechtskraft  verlieren und in den Pa-
       pierkorb geworfen  werden, da die Person, die das Abkommen unter-
       zeichnet hat,  von ihrem  Posten abtritt.  Nach der Erklärung des
       Präsidenten Eisenhower  ergibt sich,  daß  die  Entscheidung  der
       Frage, ob Amerikas Militärflugzeuge über der UdSSR fliegen werden
       oder nicht, nur von ihm abhängt. Sieh doch einer an, welche Anma-
       ßung! Nun erklärt er, sie würden nicht fliegen. Welche Großmut!
       Präsident Eisenhower  kann natürlich  darüber entscheiden, ob die
       Flugzeuge geschickt  werden sollen oder nicht. Etwas ganz anderes
       ist es  aber, ob sie über unserem Territorium werden fliegen kön-
       nen. Darüber  entscheiden wir  und dabei völlig unzweideutig: wir
       werden diese  Flugzeuge zum  Absturz  bringen,  wir  werden  ver-
       nichtende Schläge gegen die Stützpunkte führen, von denen aus sie
       fliegen, sowie  gegen diejenigen,  die diese Stützpunkte angelegt
       haben und  wirklich über sie verfügen. Es geht also nicht um eine
       "Gnadenbezeigung" des Präsidenten Eisenhower für die Sowjetunion.
       Wir fordern  von der amerikanischen Regierung keine "Gnade", son-
       dern eine ehrliche Verurteilung der räuberischen Flüge amerikani-
       scher Erkundungsflugzeuge.
       Präsident Eisenhower  mißbilligte indessen  mit keinem  Wort  die
       provokatorische Politik  gegenüber der Sowjetunion, auf Grund de-
       ren die  Spionageflüge durchgeführt  wurden. Kann  eine derartige
       Erklärung des Präsidenten etwa jemanden anderen als den Aggressor
       selbst befriedigen? Die Erklärung, Eisenhower habe die Provokati-
       onsflüge für  die Zeit,  während er  im Weißen Haus sitzt, einge-
       stellt, ist  kein Geständnis, nicht einmal ein halbes sondern das
       Herumkommen um  das Geständnis  und folglich um die Verantwortung
       für seine  aggressiven Handlungen.  Doch die  Kniffe und  gar die
       halben Geständnisse  der Politiker  haben diesen  nie ermöglicht,
       sich der  Verantwortung gegenüber  der Geschichte  zu  entziehen.
       Selbst den  Kindern sagt  man: Hast du Schlimmes angerichtet, gib
       es zu  und sage:  "Ich tue dies nicht mehr." In den Staatsangele-
       genheiten ist es um so wichtiger, daß man das Geständnis vollkom-
       men gibt und alle notwendigen Konsequenzen zieht.
       Das Sowjetvolk,  die öffentliche  Meinung unseres Landes und alle
       friedliebenden Länder  würden uns  nicht verstehen,  wenn wir uns
       mit den  Ausflüchten des  Präsidenten der USA und mit der von ihm
       "bescherten Gnade",  die Flüge  über der  Sowjetunion bis  Januar
       1961 auszusetzen,  zufrieden gegeben  hätten. Bei  uns mußte auch
       die einer  Drohung ähnliche  Erklärung Eisenhowers Befremden her-
       vorrufen, er beabsichtige der Organisation der Vereinten Nationen
       einen neuen  Plan des  "offenen Himmels"  vorzulegen. Nachdem man
       sich im  Pentagon überzeugen  mußte, daß amerikanischen Spionage-
       flugzeugen der  Weg in  den sowjetischen Himmel verschlossen ist,
       hat man  sich dort  offenbar entschieden, Flugzeuge mit ähnlichen
       Zielen, aber unter der Flagge der Uno auszuschicken. Es ist anzu-
       nehmen, daß  die Organisation der Vereinten Nationen kein Bundes-
       staat der USA und auch keine Zweigstelle des Pentagon ist und auf
       so eine entwürdigende Rolle verzichten wird.
       Meldungen einiger  von Ihnen  besagen, die  Flüge  amerikanischer
       Luftpiraten   über    der   Sowjetunion   seien   lediglich   ein
       "geringfügiger Zwischenfall".  Sie vertreten hier die Presse ver-
       schiedener Staaten, und da möchte ich Sie einmal fragen: Wie wür-
       den Sie  von Ihrer  Regierung sprechen, wenn sie gleichgültig und
       sorglos bliebe,  falls  Militärflugzeuge  von  Ländern,  die  Sie
       manchmal als  eventuelle  militärische  Gegner  bezeichnen,  Ihre
       Städte überfliegen  würden? Würden  Sie eine solche Regierung re-
       spektieren? Würden  Ihre Familien  und Sie selbst sich ruhig füh-
       len, wenn Sie das Dröhnen eines fremden Militärflugzeugs über Ih-
       ren Köpfen  zu hören  bekommen? Die  gleichen Überlegungen dürfen
       auch die  sowjetischen Menschen  anstellen, um  so mehr,  als die
       Völker unseres  Landes zwei  blutige Kriege  in Erinnerung haben,
       die uns  von außen her aufgezwungen worden sind, zwei Kriege, die
       Millionen und aber Millionen Menschen dahingerafft haben.
       Es ist  bezeichnend, daß  die Regierungen  jener Länder,  die ihr
       Territorium unbedacht  für die  Vorbereitung der Durchführung der
       aggressiven Spionageflüge  über dem  UdSSR-Territorium zur Verfü-
       gung gestellt  haben, jetzt  gezwungen sind,  sich in diesem oder
       jenem Maße  vor der öffentlichen Meinung zu rechtfertigen und von
       den Handlungen  des amerikanischen  Militärklüngels zu distanzie-
       ren. Sie  beginnen offenbar  zu begreifen  - und wir sind sicher,
       daß dies  in absehbarer Zeit alle verstehen werden, die ihren Bo-
       den für  amerikanische Militärstützpunkte  zur Verfügung gestellt
       haben -, daß mit diesen Dingen nicht zu scherzen ist.
       Die Sowjetregierung bedauert, daß es nicht gelungen ist, die Kon-
       ferenz jetzt  abzuhalten, sie  konnte aber,  wie ich schon gesagt
       habe, keinen  anderen Standpunkt beziehen. Wir haben alles getan,
       damit die  Zusammenkunft der vier Regierungschefs gut vorbereitet
       werde; und  einige Hitzköpfe in den Vereinigten Staaten haben sie
       torpediert, noch ehe sie begann.
       Ich wiederhole,  meine Herren,  die Sowjetunion tritt restlos für
       die friedliche Koexistenz, für Verhandlungen, für vernünftige ge-
       genseitige annehmbare  Abkommen ein.  Wir wer den in dieser Rich-
       tung wirken  in der  Überzeugung, daß  unsere Friedenspolitik bei
       allen Völkern  Sympathie und  Verständnis findet, und wir möchten
       glauben, daß  dies auch  die führenden  Männer der Westmächte an-
       streben werden, daß wir in sechs bis acht Monaten wieder in einer
       neuen, günstigeren  Situation mit unseren Partnern zusammenkommen
       werden -  wenn sie  Interesse an den Tag legen und diesem Treffen
       zustimmen, die  erforderliche politische  Lage für  diese Treffen
       schaffen, das  heißt, wenn  sie keine Provokationen gegen die so-
       zialistischen Länder unternehmen, um die reif gewordenen interna-
       tionalen Probleme zu erörtern und zu lösen.
       Diese Stunde  kann auch  früher kommen, jedoch nur, wenn es allen
       verständlich ist, daß es niemandem gelingen wird, die Sowjetunion
       und die  sozialistischen Länder  durch provokatorische Handlungen
       einzuschüchtern. Uns  zu beugen,  ist unmöglich! Mit uns kann und
       muß man  nur auf  der Grundlage  der Gleichheit, ohne Drohung und
       Erpressung, verhandeln und sich einigen.
       Ich möchte  dem Präsidenten  Frankreichs, General de Gaulle, Dank
       sagen für  die den Regierungschefs gebotene Möglichkeit, in Paris
       zusammenzukommen, und für seine Bemühungen darum, daß die Gipfel-
       konferenz stattfinden,  daß unsere  Begegnungen so verlaufen, wie
       vereinbart war,  und den  Zielen entsprechen, um derentwillen wir
       hierhergekommen sind.  Heute habe ich dem Präsidenten Frankreichs
       meinen Abschiedsbesuch  abgestattet. Wir  haben mit ihm Meinungen
       ausgetauscht, und  ich freue  mich, daß  bei uns  das  gemeinsame
       Streben zutage  getreten ist,  auch weiterhin für die Entwicklung
       und Festigung  unserer Beziehungen in allen Richtungen zu wirken.
       Ich begrüße  das und  spreche meine Befriedigung darüber aus, daß
       wir uns  mit dem  Präsidenten in dieser wichtigsten Frage verste-
       hen.
       Ich möchte  mich auch  dem Premierminister Großbritanniens, Herrn
       Macmillan, für  den Eifer  erkenntlich zeigen,  den er bekundete,
       damit die Gipfelkonferenz zustande kam.
       Allerdings kann  ich nicht  umhin, zugleich ein gewisses Bedauern
       auszudrücken. Hätten der Präsident Frankreichs und der Premiermi-
       nister Großbritanniens  sich auf den Boden einer objektiven Beur-
       teilung der Tatsachen gestellt und nicht ihren Bindungen als Ver-
       bündete nachgegeben,  hätten sie  größeren Willen  an den Tag ge-
       legt, dann wären die führenden Staatsmänner der Vereinigten Staa-
       ten möglicherweise  gezwungen gewesen, ihre Aggressionshandlungen
       zu verurteilen,  und auf  diese Weise wären Voraussetzungen dafür
       geschaffen worden,  daß  die  Gipfelkonferenz  stattgefunden  und
       nützliche Resultate  gezeitigt hätte,  wie die  Völker der ganzen
       Welt voller  Hoffnung erwarteten.  Ich danke  für die Aufmerksam-
       keit. Nun  bin ich bereit, meine Herren, Ihre Fragen zu beantwor-
       ten.
       Nach der  Erklärung fuhr  Chrustschow fort  (die  Bemerkungen  in
       Klammern stammen von Tass, nicht von der Redaktion. D. Red.):
       Jetzt möchte ich, meine Herren, jener Gruppe von Personen antwor-
       ten, die  hier ein "Hallo" machte und lärmte in dem Bemühen, eine
       Atmosphäre der  Unfreundlichkeit zu  schaffen. Man setzte mich in
       Kenntnis, daß die Handlanger Kanzler Adenauers hierher ihre Agen-
       ten von  den Faschisten  geschickt haben,  die wir bei Stalingrad
       nicht gänzlich  geschlagen hatten. Alle erinnern sich der Zeiten,
       als die  Hitler-Faschisten mit  einem "Hallo"  in die Sowjetunion
       zogen. Das  sowjetische Volk  antwortete aber  mit einem  solchen
       "Hallo", daß  viele von  diesen Eindringlingen  gleich drei Meter
       tief in den Boden versanken. (Stürmischer Beifall.)
       Ich will  den Herrschaften,  die hier solchen Lärm machen, sagen:
       Wir schlugen  die deutschen  faschistischen Eindringlinge  sowohl
       bei Stalingrad als auch in der Ukraine und in Belorußland - über-
       all, wo sie eindrangen - und schlugen sie endgültig schon auf dem
       Boden, von dem aus sie bei uns eingebrochen waren. Wenn die Über-
       reste der  noch nicht  ganz geschlagenen faschistischen Eindring-
       linge gegen  uns "lärmen", wie dies die hitlerfaschistischen Räu-
       ber taten, wenn sie wieder einen Überfall auf die Sowjetunion und
       die anderen sozialistischen Länder vorbereiten, so werden wir ih-
       nen so  antworten, daß  ihnen kein  Knochen  heil  bleiben  wird.
       (Stürmischer Beifall; Rufe: "Richtig!" "Es lebe der Friede!"; man
       vernimmt jedoch auch einzelne unzufriedene Rufe.)
       Meine Herren! Ich verweise Sie darauf, daß diese "Lärmenden" auch
       ohne Übersetzung die russische Sprache verstehen. Das erkennt man
       an ihren  Rufen, und  augenscheinlich sind das nicht gänzlich ge-
       schlagene hitler-faschistische  Räuber, die  auf dem  Territorium
       der Sowjetunion waren, aber sich retten konnten. (Heiterkeit, Be-
       wegung, schallender Beifall.) Ich möchte Ihnen, meine Herren, sa-
       gen, daß selbst diejenigen, die hier lärmen und brüllen, immerhin
       verstehen müssen, mit wem sie es jetzt zu tun haben.
       Ich bin ein Vertreter des großen Sowjetvolkes, das unter der Füh-
       rung Lenins,  unter der  Führung der  Kommunistischen Partei  die
       große sozialistische  Oktober-Revolution vollzogen  hat, ein Ver-
       treter des  Volkes, das den Sozialismus aufgebaut hat und erfolg-
       reich an einer kommunistischen Gesellschaft baut, das zuversicht-
       lich zum Kommunismus vorwärtsschreitet. (Stürmischer Beifall.)
       Meine Herren!  Hier lärmen  und brüllen  Menschen, deren sich das
       deutsche Volk  schämt! (Beifall);  Stimme: "Das  ist Propaganda!"
       Sie hören  es: Für  ihn ist  das Propaganda. Ein ganz Gescheiter!
       Wir  beweisen   mit  allen   unseren  Taten,  was  das  für  eine
       "Propaganda" ist  (Bewegung im Saal). Was die Menschen anbelangt,
       die mit  ihren Zurufen  mich aus  dem Konzept  bringen wollen, so
       sage ich,  daß sie  keine Vertreter des deutschen Volkes, sondern
       faschistische Kreaturen  sind. Diese  bösen  Stimmen  flößen  mir
       Freude ein,  weil sie von der Wut der Feinde unserer heiligen Sa-
       che schäumen.  Ich erinnere an die Worte des großen Deutschen Au-
       gust Bebel,  der einmal sagte, wenn die Feinde der Arbeiterklasse
       dich beschimpfen,  bedeutet dies, daß du den richtigen Weg gehst.
       (Einmütiger Beifall.)
       Wenn Sie gegen mich lärmen, so ermuntern Sie mich dadurch bloß zu
       unserem Klassenkampf  für die Sache der Arbeiterklasse, zum Kampf
       für die  Sache der  einen dauerhaften Frieden ersehnenden Völker.
       (Stürmischer Beifall.) Meine Herren! Ich will Ihnen nicht verheh-
       len, was  mir Vergnügen  macht: Ich  habe es  gern, mich  mit den
       Feinden der  Arbeiterklasse zu raufen. Es ist mir angenehm zu hö-
       ren, wie  die Lakaien  des Imperialismus toben (Heiterkeit, Bewe-
       gung, Beifall.) Sie können aber nichts tun, um unsere Vorwärtsbe-
       wegung aufzuhalten.  Unverrückbar wie ein Fels steht unser sozia-
       listisches Heimatland,  das Land des Sozialismus da, und wir wer-
       den vorwärtsschreiten  bis zum  vollen Sieg,  bis zum  Aufbau der
       kommunistischen Gesellschaft.
       Auf Fragen antwortete dann Chrustschow unter anderem:
       Schewe, Korrespondent  von der  Hamburger "Welt": Halten Sie nach
       wie vor  an Ihrem  Vorschlag über die Verwandlung West-Berlins in
       eine Freie Stadt fest?
       Chrustschow: Jawohl,  wir halten  uns gerade an diese Politik und
       sehen keine  andere vernünftige Lösung. West-Berlin befindet sich
       inmitten der Deutschen Demokratischen Republik, in der die sozia-
       listische Ordnung  gesiegt hat. Aber West-Berlin hat kapitalisti-
       sche Verhältnisse.  Das gegenwärtig in West-Berlin bestehende Be-
       satzungsregime kann  eine Quelle großer Konflikte sein. Wozu soll
       ein solcher  Herd aufrechterhalten  werden? Ist  es nicht besser,
       die Lage  in West-Berlin in einen solchen Zustand zu bringen, daß
       Konflikte vermieden  werden? Unserer  Meinung nach  ist die beste
       Lösung der  Abzug der  ausländischen Truppen aus West-Berlin, die
       Verkündung West-Berlins zu einer Freien Stadt, die Schaffung sol-
       cher Verhältnisse für die Einwohner der Freien Stadt, daß sie un-
       ter dem politischen und sozialen System leben können, das sie für
       notwendig halten, und die Sicherung von Verbindungen mit der gan-
       zen Welt für die Einwohner der Stadt.
       Der Konflikt,  der durch  den Einbruch eines amerikanischen Flug-
       zeugs in  den Bereich  der Sowjetunion  entstanden ist, überzeugt
       uns noch  mehr davon,  daß diese Fragen gelöst werden müssen. Und
       jetzt werden  wir uns  mit noch  größerem Eifer und noch größerer
       Energie dafür einsetzen. Morgen fliege ich übrigens von hier nach
       Berlin. Dort  werden wir mit den Genossen Ulbricht, Grotewohl und
       überhaupt mit unseren Freunden in der DDR sprechen.
       Rosenberg, Korrespondent vom West-Berliner "Tag": Haben Sie, Herr
       Vorsitzender, die  Absicht, in  Berlin  einen  Separatfrieden  zu
       schließen?
       Chrustschow: Wir  haben die  Absicht, keinen Separatfrieden, son-
       dern einen  Friedensvertrag mit  der DDR  zu schließen, unter den
       zweiten Weltkrieg  den Schlußstrich  zu ziehen  und  dadurch  den
       Westmächten das Recht zu nehmen, in West-Berlin Besatzungstruppen
       zu haben.  Und wenn wir dies für nötig halten, werden wir die Fe-
       der aus der Tasche ziehen - die Entwürfe sind schon fertig -, uns
       hinsetzen, signieren und verlautbaren.
       Ich will  das folgende  hinzufügen: Mit  der Unterzeichnung eines
       Friedensvertrages mit  der DDR werden wir eigentlich das tun, was
       die Vereinigten  Staaten von  Amerika taten, als der Friedensver-
       trag mit  Japan geschlossen  wurde. Wir  führten zusammen mit den
       Vereinigten Staaten  von Amerika gegen Japan Krieg. Die USA haben
       mit Japan  einen Friedensvertrag  unterzeichnet, obwohl  wir  ihn
       nicht unterzeichnet haben.
       Korrespondent Michaels  von der  Londoner  National  Broadcasting
       Company: Warum  haben Sie,  wo Sie doch von diesen Flügen wußten,
       bei Ihrem Besuch in den Vereinigten Staaten von Amerika Präsident
       Eisenhower darüber nichts gesagt?
       Chrustschow: Ich  beantworte diese  Frage mit  Vergnügen. Als ich
       mit Präsident  Eisenhower in  Camp David  sprach, dachte ich mir:
       Jetzt sage  ich es, tat schon den Mund auf, um dies ihm zu sagen.
       Unsere Unterredung mit dem Präsidenten verlief gut. Der Präsident
       wandte sich  an mich  und sagte:  Herr Vorsitzender, sprechen Sie
       mich mit  "my friend"  an, und  ich werde  Sie auf  russisch "Moi
       Drug" (mein  Freund) anreden.  Direkt brüderlich.  Da wollte  ich
       meinem Freund sagen: Es ist nicht schön, über dem Territorium ei-
       nes Freundes  ohne dessen  Erlaubnis zu  fliegen. Dann dachte ich
       aber nach  und beschloß:  Nein, lieber  nichts sagen.  An  diesem
       Freund ist  etwas, was  einen nicht  zur  völligen  Freimütigkeit
       stimmt. Deshalb  entschied ich  mich, nicht zu reden. Ich glaube,
       ich habe  bei diesen  Bedenken recht  gehabt, und jetzt fand dies
       seine Bestätigung, als wir, wie man sagt, den amerikanischen Dieb
       und Spion am Kragen packten...
       Korrespondent Schorr  von der  New Yorker  Columbia  Broadcasting
       Company: Da  Sie, Herr  Chrustschow, unabhängig von Ihrem Wunsch,
       zu einem  Faktor im amerikanischen Wahlkampf geworden sind, könn-
       ten Sie  nicht sagen,  mit welchem zukünftigen Präsidenten Sie am
       besten zu tun haben würden?
       Chrustschow: Die  Antwort auf  diese Frage fällt mir schwer, aber
       ich werde  immerhin versuchen, sie zu beantworten. Als ich in den
       Vereinigten Staaten  von Amerika  weilte,  sprach  ich  dort  mit
       vielen Amerikanern:  mit einfachen Menschen, Wohlhabenden, Arbei-
       tern und  Farmern, Vertretern  der kapitalistischen Welt, Staats-
       männern. Und ich würde sagen, daß die meisten Menschen, mit denen
       ich ins  Gespräch kam,  in mir  sehr gute, angenehme Erinnerungen
       hinterlassen haben.  Menschen wie Menschen, sie wollen in Frieden
       leben... Nun,  und mit  welchem amerikanischen Präsidenten möchte
       ich zu  tun haben?  Ich habe  da einen auserkorenen Mann, mit dem
       wir, wenn  er Präsident wäre, davon bin ich überzeugt, die Fragen
       lösen könnten.
       Wir gedenken  des großen  Amerikaners Roosevelt, der wirklich ein
       weiser Staatsmann  war und  die kapitalistische  Welt würdig ver-
       trat. Er  verstand die  Notwendigkeit, in Frieden mit unserem so-
       zialistischen Land  zu leben,  und  wir  arbeiteten  während  des
       Krieges glänzend  mit ihm zusammen. Er ist gestorben, und die Po-
       litik der Vereinigten Staaten von Amerika hat sich geändert. Aber
       wir glauben,  daß in den Vereinigten Staaten von Amerika vernünf-
       tige Menschen  an die Macht kommen werden - das Leben selbst wird
       dafür sorgen,  und wir  werden mit  den Vereinigten Staaten gute,
       freundschaftliche Beziehungen haben...
       Ich will mich nicht in den Wahlkampf der Vereinigten Staaten ein-
       mischen. Man muß Geduld haben, man muß Achtung für das amerikani-
       sche Volk  empfinden. Ich  denke, daß es nicht nötig hat, daß ich
       ihm vorsage,  wen es  zum Präsidenten  wählen  soll.  Ich  glaube
       daran, daß  es selbst  Klugheit an  den Tag  legen und sich einen
       würdigen Präsidenten  wählen wird.  Wenn es aber einen unwürdigen
       Menschen wählt, mit dem es schwer sein wird, übereinzukommen, und
       der die  Notwendigkeit, mit  allen Ländern - kapitalistischen wie
       sozialistischen -  in Frieden zu leben, nicht begreift, nun - wir
       werden uns  noch gedulden,  wir werden die nächsten Wahlen abwar-
       ten. Wenn  auch dann  ein Präsident gewählt wird, der die Notwen-
       digkeit friedlicher  Koexistenz nicht  versteht, dann  werden wir
       uns nochmals gedulden...
       Welches Ergebnis  kann dieser  Zwischenfall haben? Natürlich, das
       ist eine  unangenehme Sache.  Aber sogar  der Krieg hat ein Ende,
       nach der  Zerschlagung des  Feindes schließt man Frieden, und die
       kriegführenden Länder  leben nach  einiger Zeit  schon friedlich.
       Wir stehen mit den USA nicht im Krieg.
       Die Amerikaner  haben über den fremden Zaun einen Blick geworfen,
       den Imperialisten hat man eins in die Fresse gehauen. Ich glaube,
       sie wissen  jetzt, wo  die Grenzen der Sowjetunion sind! Wenn sie
       sich wieder  blicken lassen,  werden wir  noch einmal losschlagen
       und nicht  nur gegen  die Aggressoren,  sondern  auch  gegen  die
       Stützpunkte, von  denen aus  die Aggressoren über dem Territorium
       der Sowjetunion  auftauchen werden.  Dieser Spionageflug hat sich
       auf die  Beziehungen zwischen  der UdSSR  und den USA ausgewirkt.
       Aber man  muß letzten  Endes die Folgen überwinden, man muß alles
       sozusagen "verdauen",  man muß die Beziehungen normalisieren, da-
       mit das  amerikanische und  das sowjetische Volk in Frieden und -
       ich sprach  davon bereits - nicht nur in Frieden, sondern auch in
       Freundschaft leben.
       Ich bin  überzeugt, daß  General de  Gaulle genau  so denkt. Aber
       seine Lage ist sehr schwer.
       ...ich verstehe,  eine Schwierigkeit  bestand darin, daß der Dieb
       sich als  Verbündeter Frankreichs erwiesen hat, und zwar als Ver-
       bündeter, der  als Führer gilt. Hier will ich mich aber nicht auf
       Einzelheiten einlassen.  Da ist  es für mich schwer, zu urteilen:
       geht es doch um Beziehungen zwischen Verbündeten...
       Korrespondent Jakobus  vom ostzonalen Rundfunk: Die amerikanische
       Presse hat  mitgeteilt, der Verteidigungsminister der USA, Gates,
       habe am  Montag aus Paris einen Befehl übermittelt, demzufolge in
       den Luftstreitkräften der Vereinigten Staaten Kriegsalarm verkün-
       det wird. Wie bewerten Sie diese Tatsache?
       Chrustschow: Ich habe das nicht gehört. Wenn dem aber wirklich so
       ist, wie  Sie sagen,  und ich habe keine Ursache, Ihrer Erklärung
       nicht zu  vertrauen, so ist das eine Provokation, unternommen, um
       die Lage  zu komplizieren  und das amerikanische Volk, ich möchte
       sagen, einzuschüchtern.  Das ist  ein Mittel,  um die  Amerikaner
       übers Ohr  zu hauen,  damit es  leichter sei, von der Bevölkerung
       Steuern für  Kriegszwecke einzustreichen. Vielleicht aber ist die
       Handlungsweise Gates  auch auf Feigheit zurückzuführen. Die Feig-
       linge sind  jedoch ebenso  gefährlich wie  die Provokateure:  Die
       Provokateure provozieren  einen Krieg,  die Feiglinge aber können
       unter Umständen den Krieg aus Feigheit beginnen.
       Ich kenne  Gates nicht und weiß nicht, was er wert ist; mögen die
       Amerikaner für ihn verantwortlich sein - er ist doch ein Minister
       Amerikas. Ich  kann mich  nur für  meinen Freund R.J. Malinowski,
       einen großartigen  Soldaten, verantworten,  der zusammen  mit den
       Franzosen im  ersten Weltkrieg  gegen den deutschen Imperialismus
       heldenhaft kämpfte,  in den Jahren des zweiten Weltkriegs helden-
       haft kämpfte,  indem er  riesige Armeen gegen die Hitlerleute und
       die japanischen  Militaristen führte;  er wurde  zahlreicher Aus-
       zeichnungen für  würdig befunden und ist jetzt der Verteidigungs-
       minister der  Sowjetunion. Für  ihn bürge ich, das ist ein treuer
       Sohn der  Kommunistischen Partei,  ein treuer Sohn seines Heimat-
       landes.
       Malinowski: Kriegsalarm haben wir nicht angesagt!
       Chrustschow: Stimmt, er hat keinen Alarm angesagt, und wir werden
       ihn nicht  ansagen, wir  haben starke Nerven. Wenn die amerikani-
       schen Imperialisten mit Einschüchterungsmethoden arbeiten wollen,
       so müßten  sie ängstliche Menschen in anderen Ländern suchen, bei
       uns verfängt  es nicht. Wir haben doch die volle Möglichkeit, den
       Provokateuren die  gleiche Lektion  zu erteilen, wie jenem Kater,
       der sich  in einen  fremden Taubenschlag geschlichen hat, und wir
       werden diesem  Kater einen Denkzettel geben, sobald er in unseren
       Taubenschlag eindringt! ...
       Hier sagte  man, daß in den USA Kriegsalarm verkündet worden sei.
       Diese Tatsache  zeugt gerade davon, daß sich in den USA die reak-
       tionärsten Kräfte - das Pentagon, der Militaristenklüngel - akti-
       vieren. Sie drücken auf den Präsidenten. Gerade sie schickten das
       Flugzeug in unser Land - natürlich mit Erlaubnis des Herrn Präsi-
       denten. Damit  kann ich die Änderung erklären, die in der USA-Po-
       litik nach  unseren Gesprächen  mit Präsident  Eisenhower in Camp
       David eingetreten ist...
       

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