Quelle: Blätter 1960 Heft 06 (Juni)


       zurück

       
       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       HERTERS AUSSAGEN VOR DEM SENAT
       ==============================
       
       Außenminister Herter:  Das U-2-Programm war ein wichtiger und er-
       folgreicher Spionageeinsatz.  Wir wußten, daß ein Fehlschlag ern-
       ste Folgen  haben würde,  aber wir  waren der  Meinung,  daß  die
       großen Vorteile  das Risiko rechtfertigten. Die Entscheidung, die
       Flüge während der Zeit vor der Gipfelkonferenz nicht zu unterbre-
       chen, war richtig. Spätere Bedingungen hätten es verhindert, sehr
       wichtige Informationen  zu erhalten.  Es ist  niemals eine  "gute
       Zeit" für  den Fehlschlag einer Spionagemission. Aber wir hielten
       es für falsch, unsere Wachsamkeit wegen politischer Verhandlungen
       zu vermindern.  Die ersten  Äußerungen der  Regierung sollten den
       Piloten und  seinen Auftrag  schützen und  dazu dienen, alles ge-
       heimzuhalten,  was   noch  geheimgehalten   werden  konnte.   Das
       U-2-System wurde dann aufgegeben, weil es kompromittiert war.
       Senator Fulbright:  War vor  dem 1.  Mai (dem Tag des Abschusses)
       ein Aufschub  der Flüge  beschlossen worden für die Zeit nach dem
       1. Mai?
       Herter: Nicht,  daß ich wüßte, ich habe nur Andeutungen in dieser
       Richtung gehört.
       Fulbright: Wurde  ein solcher  Aufschub im Außenministerium erwo-
       gen?
       Herter: Nicht von Mister Dillon oder von mir.
       Fulbright: Von irgend jemand anderem?
       Herter: Ich wüßte nicht.
       Fulbright: Sind irgendwelche Flugzeuge vor dem 1. Mai verlorenge-
       gangen?
       Herter: Nicht über russischem Gebiet.
       Fulbright: Der  Flug am  9. April,  den Chrustschow  erwähnt hat,
       wußten Sie über den Bescheid?
       Herter: Ja.
       Fulbright: Er war erfolgreich?
       Herter: Ja.
       Fulbright: Sie  haben sehr überzeugend dargelegt, daß Chrustschow
       nach Paris  kam mit der Absicht, die Konferenz auffliegen zu las-
       sen. Glauben Sie, daß der U-2-Zwischenfall dazu beigetragen hat?
       Herter: Ja, ich glaube. Er war einer der Faktoren.
       Fulbright: Herr  Minister, warum  ließ nach Ihrer Meinung Chrust-
       schow einen  Ausweg offen,  indem er die Ansicht vertrat, daß der
       Präsident keine Ahnung von den Flügen gehabt habe?
       Herter: Ich  kann darüber nur Vermutungen anstellen, aber Chrust-
       schow hatte sich in Rußland sehr stark in bezug auf seine Freund-
       schaft mit  Präsident Eisenhower  engagiert. Er wollte diesen Weg
       fortsetzen mit  der Möglichkeit,  daß der Präsident seine Verant-
       wortung für den Flug abstreiten konnte.
       Fulbright: Was  war der  Grund dafür, daß wir diesen Ausweg nicht
       beschritten haben?
       Herter: Es war eben die Frage, ob es nicht besser sein würde, daß
       die amerikanische  Regierung die Tatsache zugeben sollte, nachdem
       alle wichtigen  Dinge durch die Gefangennahme des Piloten und die
       Beschlagnahme der  Maschine mit  all den Instrumenten bekannt ge-
       worden waren. Diese Entscheidung wurde vom Präsidenten selbst ge-
       troffen.
       Senator Humphrey: Wurden Sie ständig über diese Flüge, ihren Kurs
       und ihre Absicht informiert?
       Herter: Das allgemeine Programm war zwischen dem Außenministerium
       und dem  Geheimen Nachrichtendienst  besprochen  worden.  Es  ist
       selbstverständlich unmöglich,  im voraus  genau festzulegen, wann
       solche Flüge  stattfinden, weil  sie von  der Jahreszeit  und den
       Wetterbedingungen abhängig sind.
       Humphrey: Wußten  Sie über  diesen speziellen  Flug im voraus Be-
       scheid?
       Herter: Nein, nicht bis das Flugzeug runterkam.
       Humphrey: Besteht  nicht ein  gewisser Unterschied  zwischen  der
       normalen Spionage und solchen Flügen in Anbetracht der Gefahr ei-
       nes Überraschungsangriffs aus der Luft?
       Herter: Es  ist ein  gewisser Unterschied.  Auf der anderen Seite
       glaube ich, daß wir es schnell hätten identifizieren können. Die-
       sen Flugzeugtyp  kann niemand  mit einem Bomber verwechseln, wenn
       er nahe genug herankommt.
       Fulbright: Herr  Minister, Sie  haben eingangs  erklärt, daß  die
       Entscheidung, die  Flüge vor  der Gipfelkonferenz nicht zu unter-
       brechen, richtig  gewesen sei. Wurde eine solche Entscheidung ge-
       troffen?
       Herter: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich war nicht dabei.
       Fulbright: Wurde eine Entscheidung getroffen, die Flüge zu unter-
       brechen?
       Herter: Als  ich mit der Sache befaßt wurde - das war vor einiger
       Zeit in bezug auf die Frage, ob man generell die Flüge fortsetzen
       sollte -,  machte ich keine Einwände wegen irgendwelcher diploma-
       tischer Ereignisse, die bevorstünden.
       Fulbright: Man  kann also sagen, daß keine besondere Entscheidung
       getroffen wurde,  die Flüge  nicht zu  unterbrechen. Sie  konnten
       also einfach fortgesetzt werden?
       Herter: Ich glaube, das ist korrekt.
       Fulbright: Es  scheint mir  allerdings, daß  zu irgendeinem Zeit-
       punkt vor  dem 1.  Mai doch eine besondere Entscheidung getroffen
       wurde, selbst  unter  Berücksichtigung  der  Gipfelkonferenz  die
       Flüge nicht  zu unterbrechcn. Wurde diese Entscheidung vom Präsi-
       denten gefällt?
       Herter: Er wurde bestimmt unterrichtet.
       Fulbright: Wissen Sie, wann das war?
       Herter: Nein.
       Senator Gore:  Wie ich  Ihre Antwort  verstanden habe,  haben Sie
       nicht an einer Entscheidung darüber teilgenommen, diesen besonde-
       ren Flug anzuhalten oder durchzuführen.
       Herter: Ich hatte die Flüge genehmigt. Die Frage, sie anzuhalten,
       stand zu  jener Zeit nicht zur Debatte, obwohl ich wußte, daß die
       Gipfelkonferenz herannahte.
       Gore: Wie  lange ist  es her,  daß Sie das U-2-Programm bewilligt
       haben?
       Herter: Ich kann es Ihnen nicht genau sagen.
       Gore: War es eine Angelegenheit von Wochen?
       Herter: Es  war eine  Angelegenheit von  Wochen. Wir stimmten dem
       Routineplan dieser Flüge zu.
       Gore: Vor einigen Wochen?
       Herter: Ja.
       Gore: Bezog sich Ihre Zustimmung auch auf Flüge während der Peri-
       ode der Gipfelkonferenz?
       Herter: Nicht ausdrücklich. Sie bedeutete, daß man damit fortfah-
       ren sollte, wann immer die Bedingungen angemessen seien.
       Gore: Haben  Sie nicht  überlegt, die  Flüge vor oder während der
       Konferenz zu unterbrechen?
       Herter: Herr Senator, ich habe vorhin gesagt, daß es niemals eine
       gute Zeit für einen Fehlschlag ist. Ich meine, daß, wenn die Gip-
       felkonferenz die  Flüge ausgeschlossen haben würde, die Reise des
       Präsidenten nach  Rußland der nächste Vorwand gewesen sein würde,
       sie zu  unterbrechen, oder  auch, als  Chrustschow in  Frankreich
       war. Es  hätten also jede Menge diplomatischer Gründe vorgebracht
       werden können,  warum die Flüge nicht durchgeführt werden sollen.
       Nach meiner  Meinung erzwang  der Wert der Informationen die Not-
       wendigkeit, die Flüge durchzuführen.
       Gore: Ich  versuche herauszufinden, ob Sie, als Sie die Flüge vor
       einigen Wochen  allgemein genehmigten, die Frage der Gipfelkonfe-
       renz besonders geprüft haben.
       Herter: Natürlich.  Die Gipfelkonferenz hat meine Gedanken in je-
       der Zeit sehr stark beherrscht.
       Gore: Und Sie haben trotzdem Ihre Genehmigung gegeben?
       Herter: Ja.
       

       zurück