Quelle: Blätter 1960 Heft 08 (August)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       DIE CHRISTEN UND IHRE OBRIGKEIT
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       Erklärung Evangelischer Geistlicher
       Mit jedem  Jahr nimmt der Kalte Krieg in unserem geteilten Vater-
       land schlimmere  Formen an.  Die beiderseitige  Haßpropaganda und
       gegenseitige Verteufelung lähmt das Denken, Reden und Handeln der
       Christen in  beiden deutschen Teilstaaten. Wir Christen aber sind
       aufgerufen, den Glauben, die Liebe und die Geduld zu leben. -
       Das nachfolgende  Wort, von  einer Arbeitsgemeinschaft  innerhalb
       der Kirchlichen Bruderschaft beschlossen, wird hiermit den Kirch-
       lichen Bruderschaften  und den  evangelischen Christen in Ost und
       West als eine evangelische Stellungnahme zu der Frage: "Die Chri-
       sten und ihre Obrigkeit" vorgelegt mit der Aufforderung, ihm bei-
       zutreten. Unterschriften  bitte  an  die  "Stimme  der  Gemeinde"
       schicken.
       Dieses Wort  haben in  Heidelberg am 4.7.1960 auf ihre Verantwor-
       tung genommen:
       Pfarrer Dr.  Werner, Pfarrer  Schlenker, Pfarrer  Rücker, Pfarrer
       Haag aus der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg;
       Pfarrer Mochalski,  Pfarrer Treblin, Pfarrer Farr, Pfarrer Stroh,
       Pfarrer Semmelrock,  Dipl.-Biol. Bethke  aus der Kirchlichen Bru-
       derschaft in Hessen und Nassau;
       Pfarrer Handrich,  Pfarrer Jockers, Pfarrer Oeffler, Gemeindedia-
       kon Sefrin, Vikar Werner aus der Kirchlich-Theologischen Arbeits-
       gemeinschaft Pfalz;
       Dr. Hannelis Schulte aus der Theologischen Sozietät in Baden.
       Angeschlossen haben sich dieser Erklärung bereits:
       Pfarrer Dieter  Linz, Pfarrer  Möricke (Loßburg),  Pfarrer Köhler
       (Balingen), Pfarrer  John (Heilbronn-Böckingen), Pfarrer Poguntke
       (Reutlingen), Helmut  Niess (Ulm),  Pfarrer Andres  (Frankfurt am
       Main), Pfarrerin  Erika Küppers (Frankfurt am Main), Pauline Kre-
       del (Frankfurt  am Main),  Pfarrer Creutz  (Pfalz),  Vikar  Hauck
       (Pfalz), Pfarrer  Held (Pfalz), Vikar Stopka (Pfalz), Vikar Heipp
       (Saar), PfParrer  Mees (Saar),  Pfarrer Hunsicker  (Saar), Pastor
       i.R. Karwehl  (Osnabrück), Pfarrer  Brünig (Osnabrück), Prof. Dr.
       Dr. Wenzel (Braunschweig), Pastor J.H. Wicke (Braunschweig), Dia-
       kon Holzberger (Coburg), Pfarrer Sanss (Selm in Westfalen), Pfar-
       rer  Dr.   Müller  (Dillingen   in  Westfalen),   Pfarrer   Simon
       (Mannheim), Pfarrer  Dohrmann (Wolfsburg,  Niedersachsen), Pastor
       Gerlach (Bremen),  Pfarrer Schlunk  (Dudenrode,  Bezirk  Kassel),
       Pfarrer Dr.  Redhardt (Wolfgang  bei Hanau),  Pfarrer Schmidt  v.
       Puskas (Wallroth,  Schlüchtern), Pastor H. Diestelmeier (Brake i.
       Lippe),  Pfarrer   Dr.  Bartsch   (Hessen-Nassau),  Pfarrer  Atto
       Albrecht von  Oppen (Datteln  i.W.), Pfarrer G. Wandersleb (Herne
       i.W.).
       
       I.
       
       Die Heilige  Schrift lehrt  uns, in  allen Menschen, die im Staat
       und in den politischen Gemeinden verantwortlich tätig sind, Werk-
       zeuge Gottes  zu sehen, unabhängig davon, auf welche Weise sie zu
       ihren übergeordneten  Ämtern gekommen  sind. Wir  leben in keinem
       Staat außerhalb  der Herrschaft Gottes. Die Christen in der Deut-
       schen Demokratischen  Republik können darum ihrer Regierung eben-
       sowenig die  Anerkennung als Obrigkeit versagen, wie die Christen
       in der Bundesrepublik ihrer Regierung.
       
       II.
       
       Die Christen sind wie alle Staatsbürger dazu berufen, an den Auf-
       gaben der  Staatswesen in  den beiden Teilen Deutschlands verant-
       wortlich mitzuarbeiten  und hüben wie drüben "der Stadt Bestes zu
       suchen". Es wäre für sie verantwortungslos, obrigkeitliche Perso-
       nen deshalb  abzulehnen, weil  sie sich als Atheisten bezeichnen.
       Ebenso verantwortungslos  wäre für  sie ein kritikloser Gehorsam,
       der sich darauf beruft, daß die Regierenden Christen seien. Chri-
       sten beteiligen  sich an  allen staatlichen  Bemühungen, die  dem
       Wohl der  Menschen dienen. Da aber die Personen in den übergeord-
       neten Ämtern  ständig der  Versuchung ausgesetzt sind, ihre Macht
       zu mißbrauchen,  gehört es zur Verantwortung der Christen, sie an
       ihren Auftrag  zur Bewahrung des menschlichen Lebens zu erinnern,
       um den rechten Gebrauch der Machtmittel in ihren Händen zu beten,
       zu Forderungen  und Maßnahmen,  die dem  Willen Gottes widerspre-
       chen, Nein  zu sagen und, wenn es sein muß, durch Leiden das Zei-
       chen dafür  aufzurichten, daß Christen Gott mehr gehorchen wollen
       als den Menschen.
       
       III.
       
       Christen können  sich in der besonderen Gefahr befinden, ihre ge-
       sellschaftlichen Privilegien  und die  althergebrachten Vorrechte
       der Kirche als schlechthin gottgewollt anzusehen und also zu mei-
       nen, deren  Verteidigung sei  die notwendige  Bewährung des Glau-
       bensgehorsams. Ihre Verkündigung des Reiches Gottes und ihr eige-
       nes ewiges  Heil hängt  aber nicht  daran, daß  sie behalten, was
       ihre Vorfahren und sie selbst einmal besaßen. Christus, ihr Herr,
       hat sie  dazu frei gemacht, die Güter der Welt zu haben, als hät-
       ten sie sie nicht. Das bedeutet heute:
       * Sie sind  dazu frei, sowohl in der westlichen wie in der östli-
       chen Welt dem Evangelium zu leben.
       * Sie sind dazu frei, ihre bürgerliche und ihre besondere christ-
       liche Verantwortlichkeit auch in der östlichen Welt wahrzunehmen,
       sich in  deren politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Ge-
       gebenheiten oder  Veränderungen einzuordnen und z.B. als Mitglie-
       der  von   landwirtschaftlichen  Produktionsgenossenschaften  und
       Volkseigenen Betrieben ihr Christsein zu bewähren.
       * Sie sind  davon befreit, sich an unmenschlichen oder verlogenen
       Maßnahmen -  im Westen  wie im Osten - zu beteiligen oder sie gut
       zu heißen,  mit denen  die bestehende  Ordnung bewahrt  oder eine
       neue herbeigeführt werden soll.
       * Sie sind  davon befreit,  im Osten oder Westen den Kalten Krieg
       und die  Hetze gegen  andere Staaten  und Völker mitzumachen, und
       lehnen darum  auch die  Nichtanerkennung der Deutschen Demokrati-
       schen Republik  als eine  Maßnahme des Kalten Krieges ab. Von der
       Schrift her  gibt es  keine Gründe, einer wechselseitigen staats-
       rechtlichen Anerkennung  der beiden  deutschen Teilstaaten in den
       Weg zu treten.
       * Christen halten  sich in allen Dingen an das Wort des Apostels:
       "Die Liebe  sucht nicht  das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern,
       sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht der Ungerech-
       tigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit."
       

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