Quelle: Blätter 1960 Heft 10 (Oktober)


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       Dokumente zum Zeitgeschehen
       
       "ERKLÄRUNG ÜBER DAS RECHT AUF NICHTUNTERWERFUNG
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       IM ALGERIEN-KRIEG"
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       Wir veröffentlichen  nachfolgend die  Erklärung französischer In-
       tellektueller zum  Algerien-Krieg, die, im Juli 1960 verfaßt, An-
       fang September anläßlich des Prozesses Jeanson veröffentlicht, in
       der französischen  Öffentlichkeit große  Beachtung gefunden  hat.
       Sie wurde  zunächst von  121 Intellektuellen und Künstlern unter-
       schrieben, denen  sich inzwischen etwa rund achtzig weitere ange-
       schlossen haben. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem:
       Arthur Adamov,  Simone de  Beauvoir, Pierre Boulez, André Breton,
       Florence Malraux,  Alain Robbe-Grillet, Claude Roy, Nathalie Sar-
       raute, Jean-Paul  Sartre, Simone Signoret, Vercors, Michel Butor,
       Danièle Delorme,  René Leibowitz, Françoise Sagan, Catherine Sau-
       vage, Francois  Truffaut, Tristan Tzara, Clara Malraux. - Die Er-
       klärung hat folgenden Wortlaut: (D. Red.)
       
       Eine Bewegung  von großer Wichtigkeit hat sich in Frankreich ent-
       wickelt, und  es  ist  notwendig,  daß  die  öffentliche  Meinung
       Frankreichs und  des Auslandes  darüber besser informiert wird in
       einem Augenblick, in dem die neue Wendung des Algerienkrieges uns
       dazu führen muß, die Tiefe der Krise, die vor sechs Jahren begon-
       nen hat, nicht zu vergessen, sondern wirklich zu sehen.
       In immer größerer Zahl werden Franzosen verfolgt, eingesperrt und
       verurteilt, weil sie sich weigerten, an diesem Krieg teilzunehmen
       oder weil  sie den  algerischen Kämpfern zu Hilfe kamen. Ihre Be-
       weggründe bleiben  meist unverstanden,  weil sie  von den Gegnern
       entstellt oder  von denen, die zu ihrer Verteidigung verpflichtet
       wären, verwässert  werden. Es  wäre ungenügend, diesen Widerstand
       (résistance) gegen  die öffentlichen Gewalten einfach respektabel
       zu nennen. Er ist der Protest von Menschen, die in ihrer Ehre ge-
       troffen sind  und in  der Vorstellung  (juste idée), die sie sich
       von der  Wahrheit machen;  darum hat er seine Bedeutung, die über
       die Umstände  hinausgeht, in  denen er  entstanden ist.  Es gilt,
       sich dieser  Bedeutung bewußt  zu werden - wie auch immer die Er-
       eignisse ausgehen mögen.
       Für die  Algerier ist der Kampf, den sie teils mit militärischen,
       teils mit  diplomatischen Mitteln  führen, eindeutig:  er ist ein
       Krieg für  die nationale  Unabhängigkeit. Was ist er aber für die
       Franzosen? Er ist kein Verteidigungskrieg (guerre etrangere): das
       Territorium Frankreichs ist nie bedroht worden. Und mehr als das:
       dieser Krieg wird gegen Menschen geführt, die der Staat als Fran-
       zosen zu  betrachten vorgibt, während sie doch gerade kämpfen, um
       es nicht mehr zu sein. Es genügt auch nicht zu sagen, daß es sich
       um einen  Eroberungskrieg  handelt,  um  einen  imperialistischen
       Krieg, dazu noch mit rassistischem Einschlag. Davon steckt in je-
       dem Krieg etwas, und die Zweideutigkeit bleibt bestehen.
       In Wirklichkeit  hat der  Staat zunächst - eine Entscheidung, die
       einen fundamentalen Mißbrauch darstellt - ganze Jahresklassen von
       Bürgern mobilisiert  zu dem einzigen Zweck, daß sie das durchfüh-
       ren sollten,  was der  Staat selbst als eine bloße Polizeiaufgabe
       bezeichnet hat  - und  zwar gegen  eine unterdrückte Bevölkerung,
       die nur  aus einem  Bedürfnis nach elementarer Würde revoltierte:
       weil sie  nämlich fordert,  endlich als  eine unabhängige Gemein-
       schaft (communaute) anerkannt zu werden.
       Weder Eroberungskrieg  noch Krieg  der "nationalen  Verteidigung"
       noch Bürgerkrieg, ist der Algerienkrieg mehr und mehr eine Priva-
       tangelegenheit der  Armee und einer Kaste geworden, die sich wei-
       gern, vor  einer Erhebung  das Feld zu räumen, die selbst die zi-
       vile Gewalt  (sprich: de Gaulle, d. Übers.) angesichts des allge-
       meinen Zusammenbruches der Kolonialreiche als sinnvoll anzuerken-
       nen scheint.
       Heute ist es vor allem der Wille der Armee, der diesen verbreche-
       rischen und  absurden Kampf aufrecht erhält. Durch die politische
       Rolle, welche mehrere ihrer hohen Repräsentanten sie spielen las-
       sen, zuweilen offen und heftig außerhalb aller Legalität handelnd
       und die ihr vom Land als ganzem aufgetragenen Aufgaben verratend,
       kompromittiert diese Armee die Nation - ja sie droht sie sogar zu
       pervertieren, indem  sie die ihrem Befehl unterstellten Bürger zu
       Komplicen einer aufrührerischen oder erniedrigenden (factieuse ou
       avilissante) Aktion macht. Braucht noch daran erinnert zu werden,
       daß fünfzehn  Jahre nach  der Zerstörung der hitlerischen Ordnung
       der französische  Militarismus, auf  Grund der  Forderungen eines
       solchen Krieges,  dazu gelangt ist, die Folter wieder einzuführen
       und sie von neuem in Europa zu einer Institution zu machen?
       Diese Umstände  haben viele Franzosen veranlaßt, die traditionel-
       len Wertungen  und Verpflichtungen  in Frage zu stellen. Was soll
       der Gemeinschaftssinn (civisme), wenn er unter gewissen Umständen
       zur Unterwerfung  unter die  Schande (soumission  honteuse) wird?
       Gibt es  nicht Fälle,  wo Dienstverweigerung heilige Pflicht ist,
       wo "Verrat"  den mutigen  Respekt vor  der Wahrheit bedeutet? Und
       wenn die  Armee durch den Willen derer, die sie zum Werkzeug ras-
       sistischer oder  ideologischer Herrschaft machen, sich in offenem
       oder verstecktem  Aufstand gegen die demokratischen Institutionen
       befindet -  erhält dann  der Aufstand gegen die Armee nicht einen
       neuen Sinn?
       Dieser Gewissenskonflikt besteht seit Beginn des Krieges. Da die-
       ser weiterdauert,  ist es nur normal, daß jener Gewissenskonflikt
       mehr und  mehr konkret  gelöst wird durch immer zahlreichere Akte
       der Gehorsamsverweigerung  (insoumission), der Desertion wie auch
       des Schutzes  und der Hilfe für algerische Kämpfer. Es sind freie
       Bewegungen, die  sich außerhalb  der offiziellen Parteien entwic-
       kelt haben, ohne deren Hilfe und, letzten Endes, gegen deren Miß-
       billigung. Noch  einmal ist außerhalb der vorausbestimmten Rahmen
       und Schlagworte  eine Resistance  entstanden, durch spontanen Ge-
       wissensentscheid. Sie  sucht und  erfindet ihre Aktionsformen und
       Kampfmittel im  Hinblick auf eine neue Lage - eine neue Lage, de-
       ren Sinn  und wirkliche  Forderungen die  politischen Gruppen und
       die meinungsbildenden  Zeitungen in  stiller Übereinkunft, sei es
       aus Trägheit oder doktrinärer Schüchternheit, sei es aus nationa-
       listischen oder  moralischen Vorurteilen, nicht zur Kenntnis neh-
       men wollen.
       Die Unterzeichneten  sind der  Meinung, daß  jeder zu  Handlungen
       Stellung nehmen  muß, die  nicht weiterhin als "faits divers" des
       individuellen Abenteuers  hingestellt werden können; sie sind der
       Meinung, daß  sie selbst an ihrem Platz und mit ihren Mitteln die
       Pflicht zum Eingreifen haben - nicht um Menschen, die sich vor so
       schweren Problemen persönlich zu entscheiden haben, Ratschläge zu
       erteilen, sondern  um von denen, die sie verurteilen, zu fordern,
       sich nicht von der Zweideutigkeit (équivogue) der Worte und Werte
       überrumpeln zu lassen. Sie erklären daher:
       Wir respektieren und halten für gerechtfertigt die Weigerung, ge-
       gen das algerische Volk die Waffen zu ergreifen.
       Wir respektieren  und halten  für gerechtfertigt  die Haltung der
       Franzosen, welche  es für ihre Pflicht halten, im Namen des fran-
       zösischen Volkes  den unterdrückten Algeriern Schutz und Hilfe zu
       bringen.
       Die Sache  des algerischen Volkes, das so entscheidend zum Zusam-
       menbruch des  kolonialistischen Systems  beiträgt, ist  die Sache
       aller freien Menschen.
       

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